Devianz und (Straf-)Justiz schlagen sich nicht einfach in Akten
nieder, sondern sind Gegenstand öffentlicher Diskurse; sie werden
in Bildern verdichtet und in populären Darstellungen verarbeitet.
Mediale Vermittlungen bestimmen die Wahrnehmung von Devianz und
Recht, den Umgang mit dem Rechtssystem, das "Sicherheitsempfinden"
und letztlich auch Sicherheitspolitik und Justizpraxis. Die
gemeinsame Tagung der Arbeitskreise "Historische
Kriminalitätsforschung" und "Policey/Polizei im vormodernen
Europa" vollzieht erstmals interdisziplinär und
epochenübergreifend den "visual turn" in der Policey- und
Kriminalitäts-forschung. An einer breiten Palette exemplarischer
Themen untersuchen HistorikerInnen, JuristInnen, Literatur- und
MedienwissenschaftlerInnen Funktion, Wandel und Wirkung medial
vermittelter Diskurse vom späten Mittelalter bis zur
Zeitgeschichte.
Besondere Schwerpunkte bilden dabei die „innere Sicherheit" und das
Problem, wie Bilder und Diskurse das "Sicherheitsempfinden",
Anforderungen an das bzw. den Umgang mit dem Rechtssystem, aber auch
das Handeln des Staates beeinflussen.
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Donnerstag, 9. Juni 2005
14.00 Uhr
Begrüßung und Vorstellungsrunde
Bilder von Devianz in der Frühen Neuzeit
Moderation: Prof. Dr. Gerd Schwerhoff, Dresden
14.30 Uhr
Criminalbilder
und Sicherheitsdiskurse. Einführung
Priv.-Doz. Dr. Karl Härter, Frankfurt a.M.
15.20 Uhr
Hexerei:
Wie Aberglaube als Machtinstrument benutzt werden kann Bilder medial
erzeugter und vermittelter Devianz
Dr. Isabelle Deflers, Heidelberg
16.10 Uhr
Kaffee / Tee
16.30 Uhr
Übergriffe
des Militärs auf die Bevölkerung im 17. Jahr-hundert Bilder
militärischer Kriminalität aus unterschiedlichen Perspektiven
Jan Willem Huntebrinker, Dresden
17.20 Uhr
Sicherheitsdiskurse
im Schwäbischen Kreis im 18. Jahrhundert
Prof. Dr. Gerhard Fritz, Schwäbisch Gmünd
18.30 Uhr
Abendessen
Tagesausklang in der Trinkstube
Freitag, 10. Juni 2005
8.00 Uhr
Frühstück
Kriminelle Biographien?
Literarische und populäre Bilder von "Verbrechern"
Moderation: Priv.-Doz. Dr. Karl Härter, Frankfurt a.M.
9.00 Uhr
Gespräche
in dem Reiche der Toten unter den Spitzbuben
Literarische Bilder krimineller Karrieren im frühen 18. Jahrhundert
Priv.-Doz. Dr. Holger Dainat, Hagen
9.50 Uhr
Armesünderblätter
Prof. DDr. Gerhard Ammerer / Friedrich Adomeit M.A., Salzburg
10.40 Uhr
Kaffee / Tee
11.00 Uhr
Vaterlosigkeit,
Vatersuche Literarische Bilder eines Deutungsmusters für männliche
Devianz
Dr. Joachim Linder, München
11.50 Uhr
Gewaltdarstellungen
in der Presse der Weimarer Republik, dargestellt am Beispiel des
Falles Fritz Haarmann (1924)
Kathrin Kompisch M.A., Hamburg
12.40 Uhr
Mittagessen
Diskursive Konstruktionen von Sicherheitsbedrohungen
Moderation: Eva Wiebel, Konstanz
14.30 Uhr
Denunziation
als Bestandteil von Sicherheitsdiskursen Politische Polizei in
Preußen zur Zeit der Demagogenverfolgungen
Jakob Nolte, Berlin
15.20 Uhr
Sind
Streikende Verbrecher?
Kriminalitätsvorstellungen in der politischen Auseinandersetzung um
polizeiliche Identifikationstechniken in der Schweiz, 1890–1930
Nicole Schwager, Lic.phil., Zürich
16.10 Uhr
Kaffee / Tee
16.30 Uhr
Der
Vagabund
Diskursive Konstruktionen eines Gefahrenpotentials im späten 19. und
frühen 20. Jahrhundert
Dr. Beate Althammer, Trier
17.20 Uhr
Unheilvolle
Kontinuitäten
Das Täterbild des "gefährlichen Gewohnheitsverbrechers"
Kathrin Sander, Frankfurt a.M.
18.30 Uhr
Abendessen
19.30 Uhr
Informationen und Planungen
Samstag, 11. Juni 2005
8.00 Uhr
Frühstück
Bedrohungsszenarien der inneren Sicherheit
im 20. Jahrhundert
Moderation: Dr. Gerhard Sälter, Berlin
9.00 Uhr
Kriminalitätsbilder
und -deutungen in der Krise
Wohlstandskriminalität, Gammler und andere Bedrohungen der frühen
Bundesrepublik (1950–1970er Jahre)
Dr. Herbert Reinke, Berlin
9.50 Uhr
Der
Wandel sicherheitsrechtlicher Dogmatik am Beispiel der Erweiterung
des Sicherheitsbegriffs um Elemente der Prävention und des
Sicherheitsgefühls
Dr. Matthias Kötter, Berlin
10.40
Kaffee / Tee
Werkstattberichte (offene Sektion)
Moderation: Dieter R. Bauer, Stuttgart
11.00 Uhr
Ehrenkränkungen
im Spiegel von Polizeiakten
Das Beispiel Schwäbisch Hall Mitte des 19. Jahrhunderts
Esther Schinke M.A., Frankfurt a.M.
11.50
Die
Geldbußensysteme der Städte Schaffhausen und Konstanz im
Spätmittelalter
Kaspar Gubler, Lic.phil., Zürich
12.40 Uhr
Mittagessen und Tagungsende
Tagungsleitung
Dieter R. Bauer, Stuttgart
Priv.-Doz. Dr. Karl Härter, Frankfurt a.M.
Dr. Gerhard Sälter, Berlin
Prof. Dr. Gerd Schwerhoff, Dresden
Eva Wiebel, Konstanz
Themenexplikation
Devianz und (Straf-)Justiz
schlagen sich nicht einfach in Akten nieder, sondern sind Gegenstand
öffentlicher Diskurse, sie werden in Bildern verdichtet und in
populären Darstellungen verarbeitet. Mediale Vermittlungen bestimmen
die Wahrnehmung von Devianz und Recht, den Umgang
mit dem Rechtssystem, das „Sicherheitsempfinden“ und letztlich auch
Sicherheitspolitik und Justizpraxis. Die öffentliche Darstellung und
Wahrnehmung von Kriminalität stimmt dabei nicht immer (oder nur
selten?) mit der „tatsächlichen“ Bedrohung überein, die von ihr
ausgeht. Das Sicherheitsgefühl zu einer bestimmten Zeit ist ein
Ergebnis von Einstellungen, Wahrnehmungen und Diskursen, die Bilder
von Kriminalität hervorbringen und Anschauungen prägen. Außerdem
sind verschiedene soziale Gruppen in unterschiedlicher Weise von
Kriminalität betroffen und nehmen sie zudem nicht auf gleiche Weise
wahr. Die Diskurse sind demnach sozial und medial strukturiert. Die
verfügbaren Informationen über Kriminalität und Strafe werden je
nach der sozialen Situierung und dem jeweiligen Zugang zu Medien von
verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich wahrgenommen und
verarbeitet.
Bilder von und
Diskurse über Kriminalität thematisieren nicht nur das Problem der
öffentlichen Sicherheit. Sie sind eng verknüpft mit Vorstellungen
von der Ordnung, die in einer Gesellschaft herrschen sollte, und das
Rechtssystem, das diese gewährleisten soll. Das individuelle und
kollektive Sicherheitsempfinden entsteht somit in öffentlichen
Diskursen über soziale Ordnung und Devianz, Kriminalität und Strafe
sowie die zur Verbrechensbekämpfung eingesetzten Apparate, Personen
und Maßnahmen.
Die neuere
Forschung hat den Zusammenhang zwischen medial vermittelter
Wahrnehmung von Kriminalität und Recht zwar herausgearbeitet, die (Kriminalitäts-)Geschichte
ist aber dem in der Geschichtswissenschaft verstärkt Beachtung
findenden „visual turn“ bislang bestenfalls zögerlich gefolgt und
hat entsprechende „Bilder“ vorwiegend additiv kompiliert. Die Frage
der Funktion und Wirkung medial vermittelter Diskurse und ihrem
interdependenten, ambivalenten Verhältnis zu dem Bild der
„Kriminalakten“ ist folglich noch kaum ausgelotet oder gar zu einem
für historische Devianz- und Ordnungsforschung operationalisierbaren
medientheoretischen Modell verdichtet worden.
Der gemeinsam
von den beiden Arbeitskreisen organisierten Tagung ist zum Ziel
gesetzt, die Entstehung, Veränderung und Wirkungsmacht solcher
Diskurse seit dem Ende des Mittelalters zu thematisieren und zu
diskutieren. Besonderes Gewicht wird dem Wandel dieses Diskurses
seit dem 18. Jahrhundert beigemessen, seit öffentliche Debatten im
Themenfeld Ordnung/ Devianz/ Strafe ersetzt und gebündelt wurden
durch die Diskussion um das Thema „innere Sicherheit“. Willkommen
sind Beiträge, die sich mit den im folgenden angerissenen Problemen
in Europa und Nordamerika befassen; einen Schwerpunkt wird die
Entwicklung im deutschen Sprachraum bilden. Erwünscht ist die
Beteiligung anderer Fachdisziplinen, wie Sprach-, Literatur- und
Medienwissenschaft, Rechtswissenschaft, Soziologie und Kriminologie,
Ethnologie, Volkskunde und Anthropologie.