Yoko Muraoka

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Zugstrategien und Fangreaktion von Bruchwasserläufern Tringa glareola an einem Rastplatz im nordöstlichen Österreich.

Limikolen sind ausgesprochene Zugvögel, die jedes Jahr weite Distanzen zwischen Brut- und Überwinterungsgebieten zurücklegen. Auf ihren Zugwegen überqueren sie große ökologische Barrieren wie die Sahara, das Mittelmeer oder die Alpen. Zur Bewältigung dieser Strecken sind sie auf das Vorhandensein geeigneter Rasthabitate angewiesen, um notwendige Energiedepots - vor allem in Form von subkutanem Fett - für den weiteren Zug aufzubauen. Der Bruchwasserläufer Tringa glareola gehört zu den wenigen Limikolenarten, die das europäische Binnenland überqueren und ist sowohl im Frühjahr als auch im Herbst ein regelmäßiger Durchzügler in den March-Thaya-Auen im nordöstlichen Niederösterreich. Die seichten, nährstoffreichen Absetzbecken der Zuckerfabrik Hohenau bieten ein reiches Angebot an Evertebraten, das von zahlreichen rastenden Watvögeln genutzt wird.

Im Rahmen dieser Arbeit wurde der Ablauf und die Dynamik des Frühjahrszuges des Bruchwasserläufers an diesem wichtigen österreichischen Rastplatz untersucht, um festzustellen, (1) welche Zugstrategie Bruchwasserläufer im Frühjahr verfolgen, und (2) ob geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Zugzeit, Zuggeschwindigkeit und Energiebudget bestehen.

Die gefangenen Bruchwasserläufer zeigten eine deutliche Reaktion auf den Reusenfang, indem das ursprüngliche Fangbecken bald nach dem Fangereignis dauerhaft verlassen wurde. Da jedoch mehr Vögel in ein anderes Fangbecken anstatt in eines der Nicht-Fangbecken auswichen, scheinen zwar die Fallenstandorte, nicht jedoch die Fallen selbst gemieden zu werden. Die Wahl des Standorts, an den sie ausweichen, dürfte vielmehr von anderen Faktoren abhängen, wie der Anzahl anwesender Artgenossen die ihnen als Indikator für eine hohe Nahrungsverfügbarkeit dienen könnte. Da das Fangerlebnis also nicht zur Aufgabe des Rastplatzes und einem verfrühten Weiterzug führte, können die erhobenen Daten zur Verweildauer von Bruchwasserläufern als repräsentativ betrachtet werden. Unsere Ergebnisse zeigen allerdings auch, dass bei der Interpretation publizierter Daten zu Verweildauern individuell markierter Vögel zu berücksichtigen ist, in welchem Ausmaß Ausweichflächen im Nahbereich der Fallenstandorte zu Verfügung standen. Im Frühjahr 2004 wurden 28, 2005 183 Bruchwasserläufer gefangen und farbberingt. Der Höhepunkt des Frühjahrszuges fand Anfang Mai statt und war durch einen hohen Anteil (74%) an transients gekennzeichnet. Weder hinsichtlich der Anzahl an transients und residents, noch hinsichtlich des Medians der Verweildauer (4 Tage) waren geschlechtsspezifische Unterschiede nachweisbar. Aufgrund des hohen Anteils an Vögeln mit einer Verweildauer von weniger als einem Tag in beiden Geschlechtern, unterschieden sich diese auch nicht bezüglich des Durchzugsmedians aller Individuen. Hingegen wurde bei den residents der Durchzugsmedian der Männchen 3 Tage früher als von den Weibchen erreicht. Die Kondition der Vögel unterschied sich weder zwischen den Geschlechtern noch zwischen transients und residents, doch nahmen die Fettdepots bei residents mit fortschreitender Saison deutlich zu. Gleichzeitig verweilten später durchziehende residents kürzer im Rastgebiet als frühe. Ein Zusammenhang zwischen Kondition und Verweildauer konnte nicht festgestellt werden. Durch den Vergleich mit Ergebnissen anderer Fangstationen zeigte sich, dass das Körpergewicht der Vögel nach der Überquerung des Mittelmeeres im weiteren Verlauf ihres Zuges in die nördlichen Brutgebiete sukzessive zunimmt.Die hohe Variation der Zugintensität zwischen den Untersuchungsjahren könnte sowohl durch unterschiedliche Umwelteinflüsse als auch den unterschiedlichen Fangaufwand bedingt gewesen sein. Allerdings fiel der Limikolenzug im Frühjahr 2004 generell spärlich aus. Beide Geschlechter scheinen ähnliche Zugstrategien im Frühjahr anzuwenden, sowohl hinsichtlich der Zuggeschwindigkeit als auch des Energiebudgets. Der frühere Durchzug der Männchen lässt sich anhand des Paarungssystems dieser saisonal monogamen Art begründen, wobei Weibchen einen Partner unter den territorialen Männchen wählen. Dass nur innerhalb der residents ein phänologischer Unterschied festgestellt wurde, könnte durch die fehlende Altersbestimmung bedingt sein. Die nur geringfügigen geschlechtsspezifischen Unterschiede im Zugverhalten von Bruchwasserläufern im Frühjahr stehen in Übereinstimmung mit dem generell bei dieser Art nur in geringem Maße ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus. Die sukzessive Gewichtszunahme auf dem Weg ins Brutgebiet legt nahe, dass Bruchwasserläufer ihren Zug in kurzen Teilstrecken absolvieren (hoppers), wie bereits für den Herbstzug der Art gezeigt wurde. Nach der Überquerung des Mittelmeeres werden während zahlreicher Zwischenstopps die für die Bewältigung der verbleibenden Zugstrecke und das Brutgeschäft notwendigen Energiedepots nach und nach aufgebaut.Die größeren Fettdepots als auch die kürzere Verweildauer später residents deuten einerseits auf einen höheren Zeitdruck mit fortschreitender Saison hin, andererseits dürften spätere Durchzügler bereits andere Rastplätze genutzt haben. Im Gegensatz zu Küstenhabitaten stellen Binnenlandrastplätze dynamische und unvorhersehbare Habitate hinsichtlich ihrer Verfügbarkeit dar. Binnenlandzieher müssen daher mehr Flexibilität in der Wahl des Rastplatzes zeigen als Limikolenarten, die der Küstenlinie folgen, was sich durch eine geringere Rastplatztreue äußert. Dennoch sind sie auf die Existenz einer ausreichenden Dichte an geeigneten Rastplätzen im Binnenland angewiesen. Dem Vorhandensein und der Erhaltung dieser Habitate kommt damit eine besondere Bedeutung zu.


Publications

Muraoka Y, Wichmann G (2007): Trap response of Wood Sandpipers Tringa glareola. Ornis Fennica 84: 140-142.
(Ornis Fennica ist ein open access journal: http://www.ornisfennica.org/)

Muraoka Y, Schulze CH, Pavličev M, Wichmann G (2009): Spring migration dynamics and sex-specific patterns in stopover strategy in the Wood Sandpiper Tringa glareola.Journal of Ornithology Vol 150; Issue 2; pp 313-319. Link to Article