Appellationen an den Reichshofrat

Die Spitze des Instanzenzugs im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bildeten zwei Höchstgerichte. Während das Reichskammergericht seit Jahrzehnten im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses steht, ist der Reichshofrat erst seit einigen Jahren Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung. Das Projekt greift einen wesentlichen Aspekt der Geschichte des Reichshofrats auf und strebt eine umfassende Untersuchung der Appellationen an den Reichshofrat an.

Dabei sollen in erster Linie die im Archiv des Reichshofrats überlieferten Prozessakten aus dem für die Durchsetzung der Appellation entscheidenden Zeitraum zwischen 1519 und 1740 herangezogen werden. Auf dieser Grundlage sind sowohl juristische als auch historische Fragen zu stellen, nach Rechtsanwendung und Prozess ebenso wie nach der Rolle von Reichsoberhaupt und Reichsgericht in der Rechtswirklichkeit des territorial strukturierten Reiches. Hier einige Beispiele grundlegender Fragestellungen: Inwiefern und wie stützte der Gerichtshof gezielt die kaiserliche Position im Reich, wie verhielten sich reichspolitische Erwägungen zu dynastischen und erbländischen, gab es hier eine Entwicklung hin zu einem eindeutigen Überwiegen der erbländischen Perspektive, und war diese Entwicklung kontinuierlich oder sprunghaft? Achtete der Gerichtshof auf politische Klientelpflege oder, im Interesse der institutionellen Autorität, auf Unparteilichkeit? Spielten konfessionspolitische Aspekte in der Appellationsgerichtsbarkeit des Reichshofrats eine Rolle?

Durch seine interdisziplinäre Ausrichtung und seinen Rückgriff auf unveröffentlichte Quellen kann das Forschungsvorhaben an verschiedene aktuelle Diskussionen anschließen. Dazu gehören die Fragen nach dem „Rechtsraum Reich“ und dem seinen Gliedern gewährten Rechtsschutz, nach dessen „Staatlichkeit“ oder nach dem Verhältnis von Reichshofrat und Reichskammergericht. Die Untersuchung der Appellationsverfahren am Reichshofrat ermöglicht zudem Vergleiche mit der Höchstgerichtsbarkeit anderer europäischer Staaten und leistet damit einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis der frühneuzeitlichen Rechtsgeschichte und der europäischen Rechtskultur.

Projektdaten

FWF-Projekt P 20586,  1. 10. 2008 bis 30.09.2013
Projektleiter (seit 1. 1. 2010): HR Hon.-Prof. Dr. Leopold Auer
Projektmitarbeiterin (seit 1. 10. 2009): Mag. Ellen Franke