lucky charms In Japan — und wohl auch in anderen ostasiatischen Ländern — ist Religion von einer anderen Stofflichkeit als im christlichen Europa. Weniger dogmatisch und wesentlich diskreter durchdringt sie den Alltag auf kaum merkbare Weise. Für die meisten Japaner ist es ganz selbstverständlich, religiöse Bräuche zu befolgen und sich sogar an detaillierte religiöse Gebote zu halten, ohne "religiös" oder gar "fromm" zu sein. Umgekehrt bezeichnen sich viele Japaner als "areligiös", obwohl sie religiöse Riten befolgen. Wer heute einen Schrein besucht, kann morgen in einem Tempel beten und umgekehrt. Religiöses Handeln ist also nicht unbedingt Ausdruck religiöser Überzeugung, sondern macht für viele Japaner ganz einfach einen Teil ihrer Identität aus, über den sie sich gar nicht immer bewusst Rechenschaft ablegen. Das geht natürlich nur, wenn die Religion selbst keine allzu großen Anforderungen an die Überzeugungen des einzelnen stellt, sondern sich mit einigen simplen Praxisformen begnügt. Und genau das ist heute sowohl im japanischen Buddhismus als auch im Shinto der Fall.

Glaube und Praxis

Glaube ist zweifellos eine wichtige Tugend in Japan, doch äußert er sich selten in Worten oder Überzeugungen, sondern im Nachvollzug ritueller Handlungsmuster. Glaube existiert daher nicht ohne rituelle Praxis. Anders ausgedrückt: Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft wird im Regelfall durch den Vollzug gemeinsamer Handlungsmuster unter Beweis gestellt (egal ob es sich um eine etablierte Richtung oder eine neureligiöse Sekte handelt). Was ihren Glauben betrifft, wird von den Mitgliedern einer solchen religiösen Gruppe im allgemeinen weder verlangt noch erwartet, Rechenschaft darüber abzulegen. Hingegen wird angenommen, dass sich innere Überzeugung in der Art manifestiert, wie rituelle Handlungen vollzogen werden. Diese Grundeinstellung gegenüber dem religiösen Handeln findet sich bereits in einer berühmten Forderung des Konfuzius: Ehre die Götter, als ob die Götter [gleich lebenden Menschen] anwesend wären (Analekte, 3.12).

In Japan ist es daher höchst ungewöhnlich, eine eigene, individuelle Form von Religiosität zu suchen, wie dies unter modernen Christen im Westen üblich ist. Religiöse Ernsthaftigkeit wird vielmehr mit dem Bemühen assoziiert, religiöse Handlungen getreu einem bestimmten Vorbild mit Achtsamkeit und Aufmerksamkeit nachzuvollziehen. Es kommt dabei nicht sosehr darauf an, woran man sich orientiert (einem Sprichwort zufolge kann es sich dabei auch um den Kopf einer Sardine handeln). Es kommt vielmehr darauf an, dass man seinem Vorbild mit innerer Aufrichtigkeit nacheifert und dabei eben keine individuellen Abänderungen vornimmt.

Tradition und Moderne

Zweifellos gibt es in Japan auch Parallelen zur Situation der Religion in westlichen Industriegesellschaften. Besonders im urbanen Bereich nimmt das Engagement für traditionelle religiöse Institutionen generell ab, während neue religiöse Sekten, ähnlich wie in Amerika, überall aus dem Boden schießen. Auf dem Land sind traditionelle Religionen hingegen fester verankert. Lokale Gemeinden und religiöse Gemeinden sind hier meist deckungsgleich und der soziale Druck an gemeinschaftlichen religiösen Handlungen teilzunehmen ist entsprechend höher.

Ähnlich wie im Westen ist das Prinzip der Trennung von Religion und Staat im modernen Japan verfassungsmäßig verankert. Die negativen Erfahrungen mit dem Staatsshinto haben sogar soweit geführt, dass es in öffentlichen Schulen keinerlei Religionsunterricht gibt und dass jegliche Förderung religiöser Gemeinschaften durch den Staat (mit Ausnahme von Steuererleichterungen) grundsätzlich untersagt ist. Dennoch können sich die etablierten Religionsgemeinschaften nicht über mangelnden Zulauf beklagen. Auch in materieller Hinsicht kommt ihnen — teils durch bescheidene Beiträge unzähliger Einzelpersonen, teils in Form von Spenden finanzstarker Unternehmen — ein nicht unerheblicher Teil der japanischen Wirtschaftskraft zugute.

In diesem Kapitel

Auf den folgenden Seiten geht es um verschiedene Facetten der Religion im Verlauf des Alltags, des Jahres und des individuellen Lebens. Die meisten Einzelseiten betreffen religiöse Praxis aus Sicht der Laien, es werden aber auch buddhistische Mönche und Shinto Priester vorgestellt.