Religion und Familie
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In den meisten Kulturen gehört es zu den Aufgaben der Religion, wichtige Abschnitte im Verhältnis des einzelnen und seiner Familie rituell zu markieren: Im christlichen Kontext kennt man u.a. die Taufe (Eintritt in die Familie), Firmung/Konfirmation (Eintritt ins Erwachsenenalter), Hochzeit und Bestattungsriten. Im modernen Japan gibt es in dieser Hinsicht die Besonderheit, dass je nach Anlass eine andere Religion zur Auswahl steht. Daher heißt es auch: Shintoistisch geboren werden, christlich heiraten, buddhistisch begraben werden. Diese Formel trifft zwar sicher nicht auf die gesamte Bevölkerung zu, charakterisiert aber doch bestimmte Ideal- oder Normvorstellungen.
Kindheit
Schreinbesuch zu Shichigosan
- Schreinfest; Meiji Schrein, Tokyo
Bild © sambird, flickr 2005. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Die Taufe wird in Japan nur von überzeugten Christen in Anspruch genommen, also von maximal 3% der Bevölkerung. Eine direkte Entsprechung der Taufe gibt es weder im Buddhismus noch im Shinto. Es gibt jedoch den Brauch, den traditionellen Neujahrs-Schreinbesuch (hatsumōde (hatsumōde 初詣 — Schrein-Neujahrsbesuch …mehr ⇒)), der auf die Geburt eines Babys folgt, besonders feierlich zu begehen. Neugeborene Mädchen erhalten bei diesem Anlass einen reich dekorierten Federballschläger (hagoita (hagoita 羽子板 — Federball-Schläger …mehr ⇒)) als Glücksamulett, kleine Buben einen „Dämonenabwehr-Bogen“ (hamayumi (hamayumi 破魔弓 — Glücksbogen, wtl. Dämonentöter-Bogen )). Dieser passt symbolisch zu den Glückspfeilen (hamaya (hamaya 破魔矢 — Glückspfeil, wtl. Dämonentöter-Pfeil …mehr ⇒)), die man üblicherweise zu jedem Neujahrsbesuch bei Schreinen erwerben kann. All diese Bräuche werden mit dem Shinto assoziiert. Einen speziellen Segen durch einen Priester gibt es bei diesem Anlass jedoch nicht.
Darüber hinaus begehen Shinto-Schreine Mitte November das Shichigosan (Shichigosan 七五三 — Shichigosan-Fest für Kinder von drei, fünf, und sieben Jahren …mehr ⇒)-Fest für drei-, fünf- und siebenjährigen Kinder. Zu diesem Zeitpunkt kann man in allen größeren Schreinen Japans kleine Kinder in den putzigsten Kimonos und fotografierende Eltern beobachten. Manche Familien lassen zu diesem Anlass auch einen Reinigungsritus (harae (harae 祓 — Purifikation, Weihezeremonie, Exorzismus …mehr ⇒)) für die Kinder durch einen Shintopriester durchführen.
Traditionellerweise wurde der Mannbarkeitszeremonie (genpuku) junger Männer mehr Gewicht beigemessen als Geburts- und Heiratsriten. Junge Männer erhielten dabei meist einen neuen Namen, kleideten sich ab da anders und trugen die Haupthaar in einem Knoten. Mädchen vollzogen einen ähnlichen Wechsel erst nach der Heirat. Heute ist von dieser Tradition aber kaum mehr etwas übrig geblieben. Traditionelle Feiern, die den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenendasein markieren, sind in Japan wie im Westen durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht dem profanen Bereich der Schulerziehung überantwortet worden. Was es an religiösen Riten gab, wird mehr und mehr von der feierlichen Verteilung eines Abschlusszeugnisses ersetzt.
Heirat
Hochzeitsriten in Japan
| 2008 | 1998 | |
| christlich | 64% | 53% |
| shintoistisch | 18% | 32% |
| konfessionslos | 16% | 11,5% |
| buddhistisch | k.A. | 0,8% |
| sonstige | k.A. | 2,3% |
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Große Hochzeitszeremonien haben in Japan keine lange Tradition. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass die Einehe früher nicht verpflichtend war und es besonders unter den gesellschaftlichen Eliten verschiedene Formen von Haupt- und Nebenfrauen, von Probeehen, u.a.m. gab. Während im christlichen Abendland die Einehe durch Jahrhunderte in erster Linie religiös und erst in zweiter Linie gesetzlich legitimiert wurde, verlief dieser Prozess in Japan umgekehrt: Ein gesetzliches Verbot der Vielehe gibt es erst seit der Meiji (Meiji 明治 — posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …mehr ⇒)-zeitlichen Verfassung (1890). Eine entsprechende religiöse Zeremonie fehlte damals noch. Erst etwa zehn Jahre später entstand auch ein Shinto Zeremoniell, um den monogamen „Bund fürs Leben“ religiös zu besiegeln. Der Beginn dieser heute allgemein praktizierten Shinto-Hochzeit lässt sich auf die Eheschließung zwischen Prinz Yoshihito, dem späteren Taishō Tennō (1879–1926, r. 1912–26), und Prinzessin Sadako am 10. Mai 1900 zurückführen. Sie wurde zunächst von Angehörigen des Militärs imitiert und fand schließlich auch in der allgemeinen Bevölkerung Anklang (vgl. Ōbayashi 1997). Im Laufe der Zeit wurden allerdings auch westliche Elemente, etwa der Austausch von Ringen, in den shintoistischen Ritus integriert.
Die moderne Shinto-Hochzeit entstand freilich nicht einfach aus dem Nichts. Ein rituelles Element, das es schon seit jeher bei Vermählungsfeiern gegeben zu haben scheint, ist das gemeinsame Sake (Sake 酒 — Reiswein …mehr ⇒)-Trinken des Brautpaares. Es stellt auch bei modernen Shinto Hochzeiten ein wichtiges Element dar. Im Unterschied zur modernen Shinto Hochzeit wurden Heiratszeremonien vor der Meiji-Zeit allerdings weder in einem Schrein noch im Beisein von Shinto Priestern durchgeführt. Es gab vielmehr häusliche Zeremonien ohne religiösen Bezug, die von weltlichen, in unterschiedlichen Schulen organisierten Zeremonienmeistern angeboten wurden.
Nachdem die Ehe also traditionellerweise nicht religiös konnotiert war, hatten es christliche Kirchen verhältnismäßig leicht, gerade auf diesem Gebiet eine Lücke zu schließen. Besonders nach dem zweiten Weltkrieg wurde eine kirchliche Hochzeit im weißem Brautkleid (waito weddingu = white wedding) für viele zum Inbegriff einer romantischen Liebesheirat. Mittlerweile sind solche Zeremonien, bei denen oft westliche Austauschstudenten den christlichen Priester substituieren, wesentlich billiger ist als ein shintoistischer Ritus. Der Trend zur christlichen Hochzeit hält daher ungebrochen an (s. Statistik). Darüber hinaus fühlen sich die meisten Brautpaare dem Christentum aber nicht weiter verbunden.
Das einzig verbindliche Element der modernen japanischen Ehe ist der Ehevertrag am Standesamt. Die religiösen Institutionen, egal ob Kirchen, Schreine oder Tempel stellen lediglich zeremonielle Dienstleistungen zur Verfügung, unter denen Japaner frei wählen, ohne darüber hinaus irgendwelche religiösen Verpflichtungen auf sich zu nehmen. Die von einzelnen bevorzugte Form des Hochzeitsritus richtet sich daher in erster Linie nach Angebot und Nachfrage auf dem Markt religiöser Dienstleister, nicht nach traditionellen Bräuchen oder gar religiös-dogmatischen Gesichtspunkten.
O-miai
Im Gegensatz zu diesem relativ liberalen Umgang mit religiösen Institutionen erfolgt die Wahl des Heiratspartners auch heute noch oft nach traditionellen Schemata. D.h. die Entscheidung wird häufig von den Eltern, nicht von den Betroffenen selbst getroffen. Die potentiellen Heiratspartner werden dabei im Auftrag der Eltern von eigenen semi-professionellen Vermittlern (nakōdo) ausgewählt. Ein erstes formelles Zusammentreffen findet im Rahmen eines arrangierten Treffens (o-miai (o-miai お見合い — wtl. sich betrachten; arrangiertes Treffen zum Zweck der Eheschließung ), wtl. sich gegenseitig betrachten) statt. Daher nennt man diese arrangierten Heiraten auch o-miai kekkon (Ehe durch arrangierte Treffen). Das o-miai bietet die Möglichkeit eines Einspruchs, zumeist kommt die Heirat aber zustande. In der Nachkriegszeit war o-miai die vorherrschende Form der Eheschließung und noch heute sollen über 5% der Ehen durch o-miai zustande kommen. O-miai wird vor allem dann in Anspruch genommen, wenn das ideale Heiratsalter (Mitte bis Ende 20) bereits überschritten ist.
Tod
Es mag überraschen, welch geringe Rolle der Buddhismus bei den bisher besprochenen Riten spielt. Doch der Buddhismus dominiert die vielleicht wichtigste Domäne religiöser Zeremonien: den Umgang mit dem Tod. Aus historischen Gründen ist die buddhistische Monopolstellung hier so stark, dass der japanische Buddhismus oft auch als reiner „Begräbnis-Buddhismus“ (sōshiki bukkyō (sōshiki bukkyō 葬式仏教 — „Begräbnis-Buddhismus“; Buddhismus, der auf die Abhaltung von Totenriten fokussiert ist )) charakterisiert wird.
Fast jede japanische Familie besitzt ein Familiengrab auf einem buddhistischen Friedhof, ehrt ihre Verstorbenen aber auch in einem buddhistischen Hausaltar. Vor allem für alte Menschen, die in Japan ebenso wie im Westen religiös aktiver sind als die jungen, ist die tägliche rituelle Beschäftigung mit Toten und Ahnen ein wichtiger Bestandteil des Alltags. Mehr dazu auf den folgenden Seiten.
Weiterführende Informationen
- Ōbayashi Taryō 1997
„Der Ursprung der shintōistischen Hochzeit.“ In: Klaus Antoni (Hg.), Rituale und ihre Urheber: Invented Traditions in der japanischen Religionsgeschichte. Hamburg: Lit Verlag, S. 39-48. - NIPPONIA Ausgabe 9 1999
NIPPONIA - Artikel mit dem Themenschwerpunkt "Getting Married in Japan". [Über Internet Archive, 2010/8]Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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