Religion und Familie

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Bernhard Scheid, „Religion und Familie.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.1.2013). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag:Familie?oldid=33108

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In den meisten Kulturen gehört es zu den Aufgaben der Religion, wichtige Abschnitte im Verhältnis des einzel­nen und seiner Familie rituell zu markieren: Im christlichen Kontext kennt man u.a. die Taufe (Eintritt in die Familie), Firmung/Konfir­mation (Eintritt ins Er­wach­senen­alter), Hochzeit und Be­stat­tungs­riten. Im moder­nen Japan gibt es in dieser Hinsicht die Be­sonder­heit, dass je nach Anlass eine andere Religion zur Auswahl steht. Daher heißt es auch: Shin­tois­tisch geboren werden, christlich heiraten, bud­dhis­tisch begraben werden. Diese Formel trifft zwar sicher nicht auf die gesamte Be­völk­erung zu, charak­terisiert aber doch bestimmte Ideal- oder Normvorstel­lungen.

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Traditionelles japanisches Hochzeitsbild

Kindheit

Die Taufe wird in Japan nur von überzeugten Christen in Anspruch genom­men, also von maximal 3% der Be­völk­erung. Eine direkte Ent­sprech­ung der Taufe gibt es weder im Bud­dhis­mus noch im Shinto. Es gibt jedoch den Brauch, den traditionel­len Neu­jahrs-Schrein­besuch (hatsumōde (hatsumōde 初詣Schrein-Neujahrsbesuch …mehr ⇒)), der auf die Geburt eines Babys folgt, beson­ders feier­lich zu begehen. Neu­geborene Mädchen erhal­ten bei diesem Anlass einen reich dekorier­ten Feder­ball­schläger (hagoita (hagoita 羽子板Federball-Schläger …mehr ⇒)) als Glücks­amulett, kleine Buben einen „Dämonen­abwehr-Bogen“ (hamayumi (hamayumi 破魔弓Glücksbogen, wtl. Dämonentöter-Bogen )). Dieser passt symbolisch zu den Glücks­pfeilen (hamaya (hamaya 破魔矢Glückspfeil, wtl. Dämonentöter-Pfeil …mehr ⇒)), die man übli­cher­weise zu jedem Neu­jahrs­besuch bei Schreinen erwer­ben kann. All diese Bräuche werden mit dem Shinto assoziiert. Einen speziel­len Segen durch einen Priester gibt es bei diesem Anlass jedoch nicht.

Darüber hinaus begehen Shinto-Schreine Mitte Novem­ber das Shichigosan (Shichigosan 七五三Shichigosan-Fest für Kinder von drei, fünf, und sieben Jahren …mehr ⇒)-Fest für drei-, fünf- und siebenjäh­rigen Kinder. Zu diesem Zeit­punkt kann man in allen größeren Schreinen Japans kleine Kinder in den putzigsten Kimonos und fotografierende Eltern beobach­ten. Manche Familien lassen zu diesem Anlass auch einen Reinigungsritus (harae (harae Purifikation, Weihezeremonie, Exorzismus …mehr ⇒)) für die Kinder durch einen Shintopriester durchführen.

Traditionel­lerweise wurde der Mann­bar­keits­zeremonie (genpuku) junger Männer mehr Gewicht beigemessen als Geburts- und Heirats­riten. Junge Männer erhiel­ten dabei meist einen neuen Namen, kleideten sich ab da anders und trugen die Haupt­haar in einem Knoten. Mädchen vollzogen einen ähnlichen Wechsel erst nach der Heirat. Heute ist von dieser Tradition aber kaum mehr etwas übrig geblieben. Traditionelle Feiern, die den Übergang von der Kindheit zum Erwach­senen­dasein markieren, sind in Japan wie im Westen durch die Ein­führung der allgemeinen Schul­pflicht dem profanen Bereich der Schul­erziehung über­antwor­tet worden. Was es an religiösen Riten gab, wird mehr und mehr von der feier­lichen Ver­teilung eines Abschluss­zeug­nisses ersetzt.

Heirat

brautpaar

Hochzeitsriten in Japan

2008 1998
christlich 64% 53%
shintoistisch 18% 32%
konfessionslos 16% 11,5%
buddhistisch k.A. 0,8%
sonstige k.A. 2,3%


Quellen: NIPPONIA 9, 1999;
Wikipedia Japan (2009/9)

Große Hochzeitszeremonien haben in Japan keine lange Tradition. Das hängt möglicher­weise damit zusam­men, dass die Einehe früher nicht ver­pflich­tend war und es beson­ders unter den gesell­schaft­lichen Eliten ver­schiedene Formen von Haupt- und Neben­frauen, von Probe­ehen, u.a.m. gab. Während im christlichen Abend­land die Einehe durch Jahr­hunderte in erster Linie religiös und erst in zweiter Linie gesetz­lich legi­timiert wurde, verlief dieser Prozess in Japan umgekehrt: Ein gesetzliches Verbot der Viel­ehe gibt es erst seit der Meiji (Meiji 明治posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …mehr ⇒)-zeit­lichen Ver­fassung (1890). Eine ent­sprechende reli­giöse Zere­monie fehlte damals noch. Erst etwa zehn Jahre später entstand auch ein Shinto Zere­moniell, um den monogamen „Bund fürs Leben“ religiös zu besie­geln. Der Beginn dieser heute all­ge­mein prak­tizier­ten Shinto-Hoch­zeit lässt sich auf die Ehe­schließung zwischen Prinz Yoshi­hito, dem späteren Taishō Tennō (1879–1926, r. 1912–26), und Prin­zessin Sadako am 10. Mai 1900 zurück­füh­ren. Sie wurde zunächst von Ange­hörigen des Militärs imi­tiert und fand schließ­lich auch in der all­ge­mei­nen Bevöl­ke­rung An­klang (vgl. Ōbayashi 1997). Im Laufe der Zeit wurden aller­dings auch west­liche Ele­mente, etwa der Aus­tausch von Ringen, in den shin­tois­tischen Ritus integriert.

Die moderne Shinto-Hochzeit entstand freilich nicht einfach aus dem Nichts. Ein rituel­les Element, das es schon seit jeher bei Ver­mählungs­feiern gegeben zu haben scheint, ist das gemein­same Sake (Sake Reiswein …mehr ⇒)-Trinken des Braut­paares. Es stellt auch bei moder­nen Shinto Hoch­zeiten ein wichtiges Element dar. Im Unter­schied zur moder­nen Shinto Hoch­zeit wurden Heirats­zeremonien vor der Meiji-Zeit aller­dings weder in einem Schrein noch im Beisein von Shinto Priestern durchgeführt. Es gab viel­mehr häusliche Zeremonien ohne religiösen Bezug, die von weltlichen, in unter­schied­lichen Schulen organisier­ten Zeremonien­meis­tern angeboten wurden.

Nachdem die Ehe also traditionel­ler­weise nicht religiös konnotiert war, hatten es christliche Kirchen verhältnis­mäßig leicht, gerade auf diesem Gebiet eine Lücke zu schließen. Beson­ders nach dem zweiten Weltkrieg wurde eine kirchliche Hochzeit im weißem Braut­kleid (waito weddingu = white wedding) für viele zum Inbegriff einer roman­tischen Liebes­heirat. Mittler­weile sind solche Zeremonien, bei denen oft westliche Aus­tausch­studen­ten den christlichen Priester substituieren, wesentlich billiger ist als ein shin­to­is­tischer Ritus. Der Trend zur christlichen Hoch­zeit hält daher ungebrochen an (s. Statistik). Darüber hinaus fühlen sich die meisten Braut­paare dem Chris­tentum aber nicht weiter verbunden.

Das einzig verbindliche Element der modernen japanischen Ehe ist der Ehevertrag am Standesamt. Die religiösen Institutionen, egal ob Kirchen, Schreine oder Tempel stellen lediglich zeremonielle Dienstleistungen zur Verfügung, unter denen Japaner frei wählen, ohne darüber hinaus irgendwelche religiösen Verpflichtungen auf sich zu nehmen. Die von einzelnen bevorzugte Form des Hochzeitsritus richtet sich daher in erster Linie nach Angebot und Nachfrage auf dem Markt religiöser Dienstleister, nicht nach traditionellen Bräuchen oder gar religiös-dogmatischen Gesichtspunkten.

O-miai

Im Gegensatz zu diesem relativ liberalen Umgang mit religiösen Institutionen erfolgt die Wahl des Heiratspartners auch heute noch oft nach traditionellen Schemata. D.h. die Entscheidung wird häufig von den Eltern, nicht von den Betroffenen selbst getroffen. Die potentiellen Heiratspartner werden dabei im Auftrag der Eltern von eigenen semi-professionellen Vermittlern (nakōdo) ausgewählt. Ein erstes formelles Zusammentreffen findet im Rahmen eines arrangierten Treffens (o-miai (o-miai  お見合いwtl. sich betrachten; arrangiertes Treffen zum Zweck der Eheschließung ), wtl. sich gegenseitig betrachten) statt. Daher nennt man diese arrangierten Heiraten auch o-miai kekkon (Ehe durch arrangierte Treffen). Das o-miai bietet die Möglichkeit eines Einspruchs, zumeist kommt die Heirat aber zustande. In der Nachkriegszeit war o-miai die vorherrschende Form der Eheschließung und noch heute sollen über 5% der Ehen durch o-miai zustande kommen. O-miai wird vor allem dann in Anspruch genommen, wenn das ideale Heiratsalter (Mitte bis Ende 20) bereits überschritten ist.

Tod

Es mag überraschen, welch geringe Rolle der Bud­dhis­mus bei den bisher be­spro­che­nen Riten spielt. Doch der Bud­dhis­mus domi­niert die viel­leicht wich­tigste Domäne reli­giöser Zere­monien: den Um­gang mit dem Tod. Aus histo­ri­schen Gründen ist die bud­dhis­tische Mono­pol­stel­lung hier so stark, dass der japa­nische Bud­dhis­mus oft auch als reiner „Begräb­nis-Bud­dhis­mus“ (sōshiki bukkyō (sōshiki bukkyō 葬式仏教„Begräbnis-Buddhismus“; Buddhismus, der auf die Abhaltung von Totenriten fokussiert ist )) charak­terisiert wird.

Fast jede japanische Familie besitzt ein Familiengrab auf einem bud­dhis­tischen Friedhof, ehrt ihre Ver­stor­benen aber auch in einem bud­dhis­tischen Hausaltar. Vor allem für alte Menschen, die in Japan ebenso wie im Westen religiös aktiver sind als die jungen, ist die tägliche rituelle Be­schäft­igung mit Toten und Ahnen ein wichtiger Be­stand­teil des Alltags. Mehr dazu auf den folgen­den Seiten.

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