Opfergaben

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Bernhard Scheid, „Opfergaben.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 21.7.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag:Opfergaben?oldid=37311
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Reisopfer (kagami mochi)

Opfergabe (Reis); Tokyo, Meiji Schrein
Bild © Guido Gautsch, 2007, flickr. (Letzter Zugriff: 2011/9)

Opfergaben am Meiji Schrein in Tokyo. Gestampfter Reis (mochi) zu runden "Spiegeln" (kagami) geformt.

. 1 Kagamimochi (Opferreis)

Wenn man vom abend­ländischen Religions­verständnis ausgeht, verbindet sich mit dem Begriff „Opfer“ die Vorstellung des Blutopfers oder der Ver­nich­tung von essentiellen Ressourcen (vgl. die biblische Episode von Kain und Abel: Abel opfert Fleisch, Kain Getreide, indem sie es ver­bren­nen). Auch wenn die moderne christliche Religion keine der­artigen Opfer mehr fordert, existiert die Idee des Blut­opfers weiter fort, mani­festiert sie sich doch nicht zuletzt in Christus, der sich selbst zum Opfer macht. In Japan ist diese Art von Selbst­opfer keines­wegs unbe­kannt — man denke an die Tradition des seppuku (harakiri), beispiels­weise um als Vasall seinem Herrn in den Tod zu folgen, oder an die kamikaze kamikaze 神風 Götterwindsiehe auch Kamakura → Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Shinto Mittelalter→ Shinto Mittelalter/Kamikaze→ Jinno shotoki -Selbst­mord Piloten. Ent­sprechende Rollen­vor­bilder finden sich auch zahlreich in der japani­schen Lite­ratur, etwa in Krieger­epen wie Heike monogatari Heike monogatari 平家物語 Mittelalterliches Kriegerepossiehe auch Geister → Symboltiere/Tauben→ Amidismus→ Kamakura/Verwuenschungen oder Taiheiki Taiheiki 太平記 Historisches Epos aus dem späten 14. Jh., behandelt den Konflikt zwischen Nördlichem und Südlichem Kaiserhofsiehe auch Geister → Tengu→ Kamakura/Verwuenschungen .

Für derartige blutige Selbst­opferun­gen finden sich auch einige religiöse Vorbilder, die allerdings in heutiger Zeit kaum noch bekannt sind. So mag es in grauer Vorzeit sogar Menschen­opfer in Japan gegeben zu haben (s.u.), die aber jedenfalls unter buddhisti­schem Einfluss zurück­ge­drängt wurden. Der Buddhismus selbst enthält darüber hinaus einige Beispiele von willentlich durchgeführten Selbstopfern von Bodhisattvas, z.B. die Selbstverbrennung des Yakuō. Diese unterscheiden sich insofern von christlichen Beispielen, als die Selbstopferung rein auf Empathie beruht und keinen märtyrerhaften Beigeschmack enthält.

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Hōjō-e, Freilassung von Tieren

Schreinzeremonie. 2006; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyoto
Bild © Takakuwa Susumu. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

Unter Aufsicht eines Shinto Priesters setzen Mädchen in den traditionellen Kostümen des Gagaku-Tanzes Goldfische frei. Das Hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shinto und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Jahr 2003 neu belebt.

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Hōjō-e, Freilassung von Tieren

Schreinzeremonie. 15. 9. 2011; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyoto
Bild © J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

Mönche des Tendai Buddhismus und Shinto Priester vollziehen gemeinsam eine hōjō-e Zeremonie, bei der Laien Goldfische freisetzen. Das Hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shinto und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Iwashimizu Schrein 2003 neu belebt.

. 2 . 3 Hōjō-e, die Freilassung von Tieren

Spende statt Opfer

Auch Tiere werden heute kaum im Rahmen religiöser Riten geopfert, während solche Blutopfer auf dem asiatischen Kontinent keine Seltenheit sind. Der Grund für das Fehlen von Tieropfern in Japan dürfte im strengen Tötungsverbot des Buddhis­mus liegen, das ja auch die traditionelle, über­wiegend vege­tarische Küche Japans stark geprägt hat. Tieropfer lassen sich in den ältesten Texten Japans zwar nach­weisen, doch wurden sie in den meisten Fällen durch die buddhis­tische Frei­lassung von Tieren ersetzt. Bei derartigen Zeremonien werden ge­fan­gene Wild­tiere (meist Vögel oder Fische) in einem feierlichen Ritus frei­ge­lassen, um damit gutes Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Kannon→ Shaka/Buddhas Leben→ Jenseits → mehr zu er­wirt­schaften. Solche Frei­las­sungs­zeremonien (hōjō-e hōjō-e 放生会 Rituelle Freilassung von gefangenen Tieren) werden sogar in einigen Shinto-Schreinen abgehalten.

Im Kontext der japanischen Religion ist das Opfer daher eher als Spende (offering) zu ver­stehen und tatsächlich gibt es im Japanischen auch termino­logisch keine klaren Unter­schiede zwischen Spende und Opfer (sonaemono sonaemono 供え物 Opfergabe, hōken hōken 奉献 Spende, Opfergabe, Widmung, kuyō kuyō 供養 Opfer(ritus), Spende; auch: Totenritualsiehe auch→ Opfergaben/Selbstopfer ). Hingegen könnte man eine Opfer­gabe im Japanischen nicht mit dem gleichen Wort wie ein [Mord-]Opfer (giseisha) be­zeich­nen, wie im Deutschen. „Opfer“ bedeutet also nicht so sehr Schmerz und Ver­zicht, sondern eher einen positiven Bei­trag zu Ehren einer Gott­heit. In den meisten Fällen ist damit die Erwartung einer konkreten Gegen­leistung seitens der Gott­heit verbunden. Opfer­gaben in diesem Sinne gehören seit jeher zur Aus­übung von Religion in Japan, unabhängig ob shintoistisch oder buddhistisch.

Opferformen

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Papieropfergabe (gohei)

Weißes Papier, Bast
Bild © taima.org, (Cannabis in Japan). (Letzter Zugriff: 2013/9)

Zeremonielles Dekor für Shinto-Riten. Abgesehen von Papier in der charakteristischen Zickzack Form sind auch Bastfäden des Papiermaulbeerbaums zu erkennen. Diese dürften die ursprüngliche Form der gohei (auch heihaku) dargestellt haben.

. 4 Papieropfergabe
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Sake und Bier als Opfergaben

Tsurugaoka Hachiman-Schrein, Kamakura
Bild © Olivier Théreaux, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)
. 5 Opfersake

Geldspenden (saisen saisen 賽銭 Spende, Spendengeld) sind heute die gängigste Form der Opfer­gabe. Die Summe kann von ein paar Yen-Münzen, die man in den saisen bako saisen bako 賽銭箱 Spendenbox, Kasten für Spendengeldsiehe auch Omairi wirft, bis zu enormen finanziellen Bei­trägen zur Er­haltung oder Er­neuerung religiöser An­lagen reichen. Daneben gibt es eine Unzahl von symbo­li­schen Opfer­gaben, die man an religiösen Orten aufstellen kann. Während die meisten sowohl für Kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Buddhismus Lehre→ Schreine→ Weltbild→ Ikonographie→ Omairi → mehr als auch für Buddhas tauglich sind, sind z.B. Räucher­stäb­chen, die die Flüchtig­keit des Daseins ver­an­schau­lichen, stark buddhistisch konnotiert. Das berühmte Zick­zack­papier (gohei gohei 御幣 Papieropfergabe, Zickzack-Papiersiehe auch Schreine → Kamidana→ Shinto-Goetter ) ist dagegen eine symbo­lische Opfer­gabe des Shinto. Es dient häufig zu­sammen mit einem Götter­seil (shimenawa shimenawa 注連縄 Shintoistisches „Götter-Seil“siehe auch Shimenawa → Schreine→ Stereotype→ Schreine/Torii→ Ise Izumo → mehr ) zur Kenn­zeich­nung eines sakralen Bereichs.

Nahrungsopfer

Auch wenn Blutopfer in Japan so gut wie inexistent sind, gibt es zahl­reiche Opfer­gaben in Form von Nahrung, allen voran in Form von Reis. Opfer­reis wird meist zu mochi — also zu Teig — gestampft und in eine runde, fladen­artige Form gebracht. Man nennt dies kagamimochi kagamimochi 鏡餅 Speiseopfer in Form von Reiskuchen (mochi); wtl. Spiegel-Mochi, wtl. „Spiegel-mochi“. Kagami­mochi werden besonders zu Neujahr prächtig arrangiert und den Kami dargebracht. Auch Sake Sake Reisweinsiehe auch→ Familie→ Goetter der Erde→ Verwandlungskuenstler→ Goetter der Erde/Okuninushi→ Symboltiere/Namazu-e → mehr (Reiswein) wird gern geopfert. Zu großen Feier­tagen werden vor vielen Tempeln und Schreinen Gestelle errichtet, auf denen die dekora­ti­ven Fässer des gespen­deten Sakes weithin sichtbar ausgestellt sind. Große Sake­brauer­eien vereinigen auf diese Weise Werbung mit frommer Andacht.

In einem etwas bescheidenerem Rahmen werden Früchte und Blumen als Opfer­gaben ver­wendet. Neben den stan­dardi­sierten Opfer­gaben gibt es auch eine ganze Reihe individu­eller Opfer, die Leute aufgrund sehr per­sönli­cher emotionaler Bindungen an bestimmte Gott­heiten dar­bringen. Besonders an weniger pro­mi­nenten sakralen Orten fallen Ge­tränke­dosen, Obst und Kekse ins Auge, die keines­wegs acht­los weg­gewor­fen, sondern sorg­fältig arrangiert sind, um einer Gottheit, die wohl eher Mit­leid als Ehr­furcht erregt, einen Liebes­dienst zu erweisen. Die Jizō Jizō 地蔵 populäre Bodhisattva Figur; skr. Kshitigarbha, wtl. „Schatzhaus oder Mutterleib der Erde“siehe auch Jizo → Bekannte Schreine/Fushimi→ Moenche→ Jizo/Osorezan→ Jenseits → mehr -Statuen für verstorbene Kinder sind beliebte Objekte dieser spirituellen Fürsorge, die sich aber auf alle anderen Arten von Gott­heiten beziehen kann. Diese Praxis wirft ein inter­es­san­tes Licht auf das Konzept von Gott­heiten in Japan: Sie sind keineswegs immer überlegen, allwissend und mächtig, sondern können auch hilfs­bedürftig und ungeschickt sein.

Auch im Rahmen häuslicher Rituale vor dem bud­dhis­tischen Hausaltar werden üblicherweise Nahrungs­mittel für die Seelen der Ver­storbenen dargebracht. Es spricht nichts dagegen, sie nach einer Weile selbst zu essen.

Wertvolle Opfergaben

Aus der Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr -Zeit (794–1185) gibt es sehr genaue Listen von Opfer­gaben, die den großen Schreinen durch den Hof­staat des Tennō Tennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmelssiehe auch Götter der Erde → Shinto→ Weltbild→ Yamabushi/En no Gyoja→ Shinto-Goetter → mehr bei regel­mäßigen großen Zere­monien dargebracht werden sollten. An prominenter Stelle werden dabei immer Stoffe genannt. Da Stoffe einst eine Art Zahlungs­mit­tel darstellten, kann man aus diesen Berichten schließen, dass Opfer schon damals im Grunde den Unter­halt von religiösen Institutionen sichern halfen. Opfer darbringen bedeutet in Japan also in den seltensten Fällen wertvolle Dinge zu Ehren der Gott­heit vernichten, sondern eher wertvolle Dinge zur Unter­stützung des Gottes-Dienstes zu spenden. Als Gegen­leistung werden auf dem Tempel- oder Schrein­areal häufig sichtbare Hin­weise auf die Spender auf­ge­stellt. Stein­laternen (tōrō tōrō 灯篭 Laterne, meist Stein oder Metallsiehe auch Schreine ) oder Schrein­tore (torii torii 鳥居 Torii, Schreintorsiehe auch Torii → Schreine→ Shinto→ Schreine/Shimenawa→ Schreine/Schreinbilder→ Tempel/Tempeltore → mehr ) sind beliebte Gegen­stände, auf denen die Namen substantieller Spender für alle Welt sichtbar aus­gestellt sind. Die Laternen des Kasuga Schreins in Nara oder die torii des Fushimi Inari Schreins in Kyoto sind dank der zahl­reichen Unter­stützer dieser Schreine zu riesigen Gesamt­kunst­werken zusammen­ge­wachsen. Obwohl die Form der jeweiligen Spenden­objekte standardisiert ist, trägt jedes einzelne eine andere Auf­schrift und ist insofern wiederum einzigartig. Am häufigsten kommt diese Form von kollektiven Opfer-Kunst­werken in Form von Votiv­bildern (ema ema 絵馬 Votivbild; wtl. Bild-Pferdsiehe auch Ema ) zum Ausdruck.

Ema: Pferdebilder, auch ohne Pferde

Wie bereits erwähnt, werden Tiere im religiösen Kontext Japans üblicherweise nicht getötet, allerdings gibt es sehr wohl Tiere als Opfer oder Spende, die entweder frei­ge­lassen oder auf dem Schrein­gelände gehalten werden. In alter Zeit sah man besonders weiße Tiere als religiös be­deu­tungs­voll1 an und hielt sie in religiösen Kult­stätten fest. Weiße Pferde zählten zur obersten Kategorie solcher Opfer­gaben. Obwohl sich dieser Brauch vereinzelt bis heute gehalten hat, ging man mit der Zeit dazu über, statt lebendiger Pferde Statuen und Bilder darzubringen.

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Klassisches Votivbild mit Pferdemotiv

Gemälde, Farbe und Gold auf Holz von Kanō Sanraku. Frühe Edo-Zeit, 1614
Bild © Hideyoshi to Kyoto. Toyokuni jinja shahōde [Austellungskatalog], Kyoto: Toyokuni Jinja, 1998.

Das Bild wurde für den Toyokuni Schrein in Kyoto angefertigt.

. 7 Traditionelles Votivbild mit Pferde-Motiv
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Moderne ema

Votivbild (Holz); Kiyomizu Tempel, Kyoto

Hier hinterlassen auch westliche Touristen gerne ihre Wünsche.

. 8 Moderne ema
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Traditionelle Halle für Votivbilder (ema-dō)

Votivbilder (Holz); Kasuga Jinja, Imai-chō, Kashihara, Nara-ken.

Ema-Halle, wie man sie auch heute noch bei manchen großen Tempeln und Schreinen findet. Neben einigen großformatigen Bildern mit individuellen Motiven, sind kleinformatige, standardisierte Darstellungen zu sehen, einige davon mit Pferdemotiv. Diese Bilder wurden wahrscheinlich — ähnlich wie heute — direkt vor Ort gekauft und gespendet. Einige der Bilder entstanden bereits in der Edo-Zeit.

Halle für Votivbilder (ema-den)

In vielen Schreinen und Tempeln findet man heute noch die „Hallen der Bild-Pferde“ (ema-dō, ema-den) mit prächtigen Gemälden. Obwohl der Name ema ema 絵馬 Votivbild; wtl. Bild-Pferdsiehe auch Ema (wtl. „Bild-Pferd“) bei­be­halten wurde, findet man auch ganz andere Motive als Pferde dar­gestellt. Schließ­lich wurden diese bild­lichen Opfer­gaben immer kleiner. Heute versteht man unter ema kleine Holz­täfel­chen mit vor­ge­druckten Bildern, die man bei fast jedem Schrein oder Tempel erwerben kann. Kein Opfer ohne bestimmten Zweck: Dem japanischen Ver­ständ­nis von Religion widerspricht es keines­wegs, ema-Täfelchen mit ganz konkreten, durchaus egoistischen Bitten zu beschriften, um sie dann als kleine Opfergabe darzubringen (s. Sidepage).

Menschenopfer im frühgeschichtlichen Japan

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Tonfiguren (haniwa)

Skulpturen (gebrannter Ton). Kofun-Zeit, 6. Jh.; Mukadezuka, Miyazaki-ken, Kyushu
Bild © Japanese Archaeological Association, 2006. (Letzter Zugriff: 2014/4)

Die vier Figuren stammen aus einem Hügelgrab in Kyushu, dem Mukadezuke, das in der späten Kofun-Zeit errichtet wurde. Die beiden Figuren im Vordergrund tragen wahrscheinlich buddhistische Stolen (kesa), die Figur mit dem Hut dürfte ein Mann sein. Die Figuren wurden an der Außenseite der Hügelgräber in Reihen nebeneinander aufgestellt.

Grabfiguren (haniwa)

Das chinesische Geschichtswerk Weizhi Weizhi (chin.) 魏志 Chin. Chronik der Wei Dynastie aus dem 3. Jh. u.Z.; enthält die frühesten Berichte über Japan (Wa)siehe auch Himiko → Schreine/Torii→ Praehistorie (Chronik der Wei, 297 u.Z.), das die ältesten histori­schen Berichte über Japan enthält, berichtet, dass anlässlich des Todes der Priester­königin Himiko Himiko 卑弥呼 frühgeschichtliche Priesterkönigin; auch: Pimiko; chin. Pei-mi-husiehe auch Himiko → Goetter des Himmels→ Praehistorie über hundert Ge­folgs­leute gezwun­gen wurden, ihr in den Tod zu folgen.2 Auch das Nihon shoki Nihon shoki 日本書紀 Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)siehe auch Mythentexte → Schreine/Torii→ Ise Izumo→ Shinto/Jindo→ Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr (720) erzählt vom Brauch der Todes­gefolg­schaft im früh­ge­schicht­lichen Japan: Als der jüngere Bruder des semi-mythischen Herrschers Suinin Tennō Suinin Tennō 垂仁天皇 11. kaiserl. Herrscher Japans, leg. Regiergungszeit 29 v.–70 n.u.Z.siehe auch→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Goetter der Erde/Okuninushi starb, mussten seine persön­lichen Vassallen ihm in den Tod folgen, indem man sie aufrecht stehend mit ihm zu­sam­men begrub. Sie starben also einen lang­samen, qual­vollen Tod und ihr Weh­klagen war noch Tage nach dem Begräbnis zu ver­nehmen. Der Tenno beschloss daraufhin, diesem Brauch ein Ende zu machen, und befahl, anstatt lebender Personen Grab­bei­gaben aus Ton (haniwa haniwa 埴輪 frühgeschichtliche Grabbeigaben aus Ton, meist in Form einfacher Skulpturensiehe auch→ Ise Izumo→ Shinto-Goetter ) zu ver­wenden. 3 Die Histori­zität und zeitliche Ein­ordnung dieses Berichts ist zwar nicht eindeutig erwiesen, doch scheint er zu bestä­tigen, dass es Menschen­opfer in Japan gab und dass sie — wohl unter dem Ein­fluss Chinas, wo es bereits im ersten Jahr­tausend vor unserer Zeit­rechnung zu einer ähnlichen Ent­wicklung gekom­men war — irgend­wann zwischen dem 4. und 7. Jahr­hundert abge­schafft wurden.

Schließlich kursieren im ländlichen Raum zahlreiche Legenden von Mensch­opfern, vor allem im Zusam­men­hang mit Damm­bauten, in denen Menschen, meist Jungfrauen, als Opfer für die Flussgötter lebend eingeschlossen wurden. Aus solchen Erzählingen schlossen Volks­kundler wie z.B. Yanagita Kunio Yanagita Kunio 柳田国男 Begründer der jap. Volkskunde (1875–1962)siehe auch Phalluskulte auf die Existenz ent­sprech­ender Bräuche. Dagegen spricht anderer­seits, dass sich bei einer größeren Ver­breitung derartiger Bräuche ent­sprechende Skelette finden lassen müssten. Archäo­logisch ist jedoch bisher noch kein ein­deutiger Nach­weis von regel­mäßigen rituellen Menschen­opfern erbracht worden.

Verweise

Fußnoten

  1. Die Regierungsdevise Hakuchi 白雉 („Weißer Fasan“), die die Zeit von 650 bis 672 bezeichnet, leitet sich zum Beispiel vom Fund eines ebensolchen Vogels her.
  2. Seyock 2004: 58
  3. Aston 1972 (Teil 1): 178–181

Bilderläuterungen

  1. Kagamimochi meiji.jpg

    Reisopfer (kagami mochi)

    Opfergabe (Reis); Tokyo, Meiji Schrein
    Bild © Guido Gautsch, 2007, flickr. (Letzter Zugriff: 2011/9)

    Opfergaben am Meiji Schrein in Tokyo. Gestampfter Reis (mochi) zu runden "Spiegeln" (kagami) geformt.

  2. Hojoe iwashimizu.jpg

    Hōjō-e, Freilassung von Tieren

    Schreinzeremonie. 2006; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyoto
    Bild © Takakuwa Susumu. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

    Unter Aufsicht eines Shinto Priesters setzen Mädchen in den traditionellen Kostümen des Gagaku-Tanzes Goldfische frei. Das Hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shinto und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Jahr 2003 neu belebt.

  3. Hojoe iwashimizu2.jpg

    Hōjō-e, Freilassung von Tieren

    Schreinzeremonie. 15. 9. 2011; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyoto
    Bild © J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

    Mönche des Tendai Buddhismus und Shinto Priester vollziehen gemeinsam eine hōjō-e Zeremonie, bei der Laien Goldfische freisetzen. Das Hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shinto und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Iwashimizu Schrein 2003 neu belebt.

  4. Gohei.jpg

    Papieropfergabe (gohei)

    Weißes Papier, Bast
    Bild © taima.org, (Cannabis in Japan). (Letzter Zugriff: 2013/9)

    Zeremonielles Dekor für Shinto-Riten. Abgesehen von Papier in der charakteristischen Zickzack Form sind auch Bastfäden des Papiermaulbeerbaums zu erkennen. Diese dürften die ursprüngliche Form der gohei (auch heihaku) dargestellt haben.

  5. Sake hachimangu.jpg

    Sake und Bier als Opfergaben

    Tsurugaoka Hachiman-Schrein, Kamakura
    Bild © Olivier Théreaux, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)
  6. Ema pferd.jpg

    Schrein-ema mit dem klassischen Pferde-Motiv

    Votivbild (Holz); aus dem Yoshitsune Schrein, Hokkaidō
    Bild © Encyclopedia of Shinto, Shinto Museum of Kokugakuin University. (Letzter Zugriff: 2011/7)
  7. Ema kano sanraku1614.jpg

    Klassisches Votivbild mit Pferdemotiv

    Gemälde, Farbe und Gold auf Holz von Kanō Sanraku. Frühe Edo-Zeit, 1614
    Bild © Hideyoshi to Kyoto. Toyokuni jinja shahōde [Austellungskatalog], Kyoto: Toyokuni Jinja, 1998.

    Das Bild wurde für den Toyokuni Schrein in Kyoto angefertigt.

  8. Ema kiyomizu.jpg

    Moderne ema

    Votivbild (Holz); Kiyomizu Tempel, Kyoto

    Hier hinterlassen auch westliche Touristen gerne ihre Wünsche.

Links und Literatur

William George Aston (Ü.) 1972
Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697. Rutland, Vt: Tuttle 1972. [Erste Auflage: London 1896.]
Barbara Seyock 2004
Auf den Spuren der Ostbarbaren: Zur Archäologie protohistorischer Kulturen in Südkorea und Westjapan. Münster: Lit Verlag 2004.
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010