Das Jenseits aus Sicht eines japanischen Bestattungsunternehmens

Religion-in-Japan > Alltag > Totenriten > Sogiya
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite zitieren:
Bernhard Scheid, „Das Jenseits aus Sicht eines japanischen Bestattungsunternehmens.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.1.2013). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag:Totenriten/Sogiya?oldid=32989

Die folgende Abbildung ist der Website der japanischen Be­stattungs­firma Sekise ent­nommen (aufgerufen im Dezember 2005). Die Firma stellt als Service zu ihren anderen Diensten eine Web­site namens Osōshiki-Plaza, wtl. „Be­stattungs-Plaza“, zur Verfügung, die sich bei genauerer Er­forschung als Mischung aus Information zum Thema Tod/Be­stattung und Links zu anderen relevanten Organisa­tionen her­aus­stellt. Das Logo der Bestattungs Plaza ähnelt in seiner Komplexität den Jenseits­darstel­lungen auf tra­di­tio­nellen japanischen Mandalas und gibt zugleich ein ungefähres Bild von der Über­lagerung vielfältiger Jenseits­bilder in der modernen japanischen Vorstellungswelt.

Plaza.jpg
Quelle: Oshōshiki-Plaza [2005/12]

Die abgebildeten Gebäude sind mit Links zu Teil­bereichen der Web­site versehen. Was als erstes auffällt, sind Figuren im Stil der „Niedlich-Kultur“ (kawaii bunka), die das Geschäft mit dem Tod als fröhlich-harmloses Frei­zeit­ver­gnügen erscheinen lassen. Zugleich wird auf den ersten Blick deutlich, dass der Jen­seits-Frei­zeit­park eine sehr inter­nationale, multi­kulturelle Angelegenheit ist.

Detailansichten

Der Mittelteil des Bildes enthält ein Schild mit der Aufschrift "Osōshiki-Plaza". Darunter ein Spring­brunnen (Jungbrunnen-Motiv?), umgeben von Figuren aus verschie­denen Epochen und Ländern. Neben einem japa­nischen Samurai und einer Geisha, sowie einem euro­päischen Ritter und einem Prinzen sind auch Tiere und ein Wesen aus der Zukunft zu sehen. Die Ver­mischung von Zeiten und Kul­turen erweckt im vor­lie­genden Kontext Asso­zia­tio­nen mit bud­dhis­tischen Vor­stel­lungen der Wieder­geburt in unter­schied­lichen Exis­tenzen, ein Trans­for­ma­tions­vor­gang, der hier als bunter Jahr­markts­zauber präsentiert wird.

Plaza center.jpg

Das Gebäude links oben trägt den Namen Pācharu-sōgi-kan, Gebäude für ein­zelne (partial) Be­gräbnis­ab­schnitte. Der ent­spre­chende Link führt zu einer generellen, sehr brauch­baren Erklärung, was bei einem Be­gräbnis im Regel­fall alles zu tun ist. Der griechi­sche Tempel­stil und der Zylinder des Ge­bäud­ein­habers scheinen die Serio­sität dieses Ab­schnitts zu unter­streichen. Dieser Teil der Web­site findet sich auch in ver­kürzter englischer Übersetzung.

Plaza partial.jpg

Das Sōgi-shikitari-kan, ebenfalls klassisch-antik, enthält weitere vertiefende Infor­ma­tionen zu japa­nischen Be­gräbnis­bräuchen, z.B. hinsichtlich Kleidung, Geld­spenden, etc. Das abgebil­dete Braut­paar hat hier im Grunde nichts verloren.

Plaza sogishikitari.jpg

Im oberen Bildteil befindet sich ein besonders interes­santer Link zur Anoyo-Town, der „Jenseits-Stadt“. Im Schatten­riss zeichnen sich das Taj Mahal, die Sagrada Familia, eine Pyramide und eine japa­nische Pagode ab, umflort von Barock­engeln im Manga-Stil. Der Link führt tatsächlich zu Kurz­infor­ma­tionen über die Jenseits­vorstel­lungen unter­schied­licher Religionen, aber auch über „Near-Death“ Erfahrungen.

Plaza anoyotown.jpg

Im mittleren Bildteil befindet sich ein Link zum „Haus der Profis“ (Puro no kan). Es handelt sich um eine Liste mit Kontakt­adres­sen zu örtlichen Be­stat­tungs­unter­nehmen. Da alle in Japan angesiedelt sind, ist das Gebäude eine stilisierte Burg aus der japa­nischen Feudalzeit.

Plaza purokan.jpg

Auf gleicher Höhe rechts befindet sich ein „For­schungs­institut“ in futuris­tischer Aus­gestal­tung. Tat­säch­lich finden sich hier vermischte Berichte über Todes­fälle und Wissens­wertes von eher allge­meiner Natur. Auch histo­rische und ethno­logi­sche Beiträge sind enthalten.

Plaza kenkyujo.jpg

Im Stil eines europäischen Märchenschlosses mit engels­haft blonder Prinzes­sin, bestaunt von einem India­ner und einem Baseball-Spieler, der Verweis zu einer Adressen­liste von Organisa­tionen, die Men­schen in beson­de­ren Not­fällen unter­stützen. An erster Linie steht hier ein Verein, der Waisen betreut, aber es findet sich auch eine „Gesell­schaft für Denk­mäler von Frauen“.

Plaza support.jpg

Im Stil des Big Ben in London schließlich der Verweis zum "Moshimo-sōdan-sentā", dem Bera­tungs­zentrum für den „Fall des Falles“. Der pro­minen­teste Ab­schnitt dieses Teils der Web­site besteht aus eine FAQ-Liste, in der z.B. die Frage auftaucht: „Was soll ich tun, wenn ich das Be­gräbnis nur im Kreis der engsten Familie abhalten will?“ Eine andere Frage bezieht sich auf die Blumen im Fall einer christlichen Beer­digung. Die Antwort rät von Chrysan­themen ab, da diese das bud­dhis­tische Paradies ver­körpern, und rät zu einer bunten Auswahl.

Plaza sodancenter.jpg

In der unteren Bildmitte schließlich ein Link zur eigent­lichen Home­page von Sekise. In seiner Mischung aus Ver­nie­dlich­ung des Todes, hand­fester Infor­mation und spiri­tistischen Ein­sprenkseln dient das „Begräbnis­forum“ offensichtlich als Köder, um von einem Todes­fall Betroffene diskret auf den spe­ziellen Ge­schäfts­zweig der Firma auf­merk­sam zu machen. Dieser besteht in futuris­tischen Be­gräbnis­formen, die durchaus Ge­mein­sam­keiten mit den zahl­reichen Neuen Religionen Japans aufweisen. Bei­spiels­weise vertreibt die Firma Toten­täfelchen (ihai ihai 位牌 Ahnentäfelchensiehe auch Ahnenkult → Totenriten→ Friedhof→ Geister/Kaidan→ Jenseits/Totenreich ), die die DNA des Ver­stor­benen enthalten. Auch wird Bestat­tung in freier Natur oder gar im Welt­all angeboten.

Plaza sekiseiriguchi.jpg
Alltag: Totenriten (zurück zum Hauptartikel)