Die En no Gyōja Legende
En no Gyōja
- Statue (Holz) von Keishun. 1286; im Besitz des Nara National Museums
Bildquelle: Yukawaya. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Statue von Keishun, 1286
En no Ozunu/ Ozuno 役小角, der später den Beinamen En no Gyōja (En no Gyōja 役行者 — Legendärer Begründer des Shugendō (um 700); auch: En no Ozunu/Ozuno …mehr ⇒) (En, der Asket) erhielt, galt zu Lebzeiten (um 700) wohl noch nicht als der über jeden Zweifel erhabene Heilige und Ordensgründer, als der er später von den Bergasketen (yamabushi (yamabushi 山伏 — Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft …mehr ⇒)) verehrt wurde. In frühen Berichten wird er oft als ubasoku, dh. als nicht offiziell geweihter bzw. selbsternannter buddhistischer Mönch bezeichnet. Das bedeutet, dass er zu Lebzeiten lediglich eine Außenseiterposition innerhalb der buddhistischen Mönchsschaft inne hatte.[1]
Eines der wenigen historisch verbrieften Elemente aus der Biographie des En no Gyōja ist denn auch seine Verbannung. Sie könnte letztlich auf den Umstand zurückzuführen sein, dass man von derartigen selbsternannten „heiligen Männern“, die sich der Kontrolle der Obrigkeiten entziehen, unheilvolle Einflüsse auf die Untertanen des jungen Tennō (Tennō 天皇 — jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels …mehr ⇒)-Staates befürchtete.
En taucht erstmals in der zweiten offiziellen Reichschronik Shoku nihongi (Shoku nihongi 続日本紀 — 2. offizielle Reichschronik (797), Nachfolger des → Nihon shoki (Nihongi), daher der Name „Fortsetzung des Nihongi“ ) (797) auf und wird dort als E no Kimi Ozunu bezeichnet. Er lebt in der Zeit des Monmu Tennō (r. 697–707) als Einsiedler auf Berg Katsuragi (Katsuragisan 葛城山 — Heiliger Berg der → Yamabushi, südwestl. von Nara ) im Südwesten des Nara Beckens und ist für seine magischen Fähigkeiten bekannt. Ein Hofbeamter und Mediziner nimmt eine Zeit lang bei ihm Unterricht, schließlich klagt er aber seinen Meister an, verschwörerische Umtriebe zu planen, worauf En in die Verbannung nach Izu geschickt wird. Soweit die Fakten, die heute als glaubwürdig eingestuft werden. Das Shoku nihongi fügt allerdings noch hinzu, dass En Götter und Dämonen durch magische Sprüche dazu brachte, für ihn Wasser und Feuerholz einzuholen, und sie durch Bannsprüche fesselte, wenn sie ihm nicht gehorchten.
Fast zeitgleich mit dem Shoku nihongi berichtet die buddhistische Legendensammlung Nihon ryōiki (Nihon ryōiki 日本霊異記 — „Wundersame Begebenheiten aus Japan“; buddhistische Legendensammlung von Kyōkai (Anfang 9. Jh.) …mehr ⇒) (frühes 9. Jh.) von E no Ubasoku. Hier wird genauer auf die magischen Fähigkeiten des Asketen eingegangen, die zwar stark an daoistische Legenden erinnern, in diesem Text aber seiner Kenntnis bestimmter magischer Formeln aus dem Buddhismus zugeschrieben werden.[2] Aus diesen Anfängen entstand im Laufe der Jahrhunderte eine komplexe Erzählung mit vielfachen Varianten, die folgende Hauptmotive beinhaltet:
Zaō Gongen
- Statue (Bronze). Heian Zeit; Höhe: 34.6 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Harry G. C. Packard Collection of Asian Art
Zaō Gongen ist eine der Hauptgottheiten der yamabushi. Seinem Titel (gongen) nach ist er ein einheimischer Kami, er trägt jedoch die Züge eines buddhistischen Myōō. Ursprünglich hielt er wohl einen Vajra, also ein buddhistisches Ritualinstrument, in der Hand.
- En lebt auf dem Berg Katsuragi und durchstreift von dort aus das Bergland von Yoshino und Ōmine (die späteren Zentren der yamabushi).
- Auf Berg Katsuragi hat En eine magische Begegnung mit einem Skelett, das einen Vajra fest umklammert hält und sich als Ens eigener Leichnam aus einer früheren Existenz herausstellt. Miroku (Miroku 弥勒 — Bodhisattva Maitreya, „Buddha der Zukunft“ …mehr ⇒) (Maitreya (मैत्रेयMaitreya (skt., m.) — „Der Freundliche, der Liebevolle“, Buddha der Zukunft …mehr ⇒) ), der Buddha der Zukunft, offenbart En das „Mantra des Pfauen-Königs (Kujaku Myōō)“, um den vajra (वज्रvajra (skt., m.) — „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus …mehr ⇒) aus der Umklammerung des Skeletts zu lösen. Nebenbei erlernt En damit auch die Kunst des Fliegens.
- En entdeckt den Berg Kinpusen (Kinpusen 金峯山 — Heiliger Gipfel in den Bergen von Yoshino, südl. von Nara ) (Goldgipfel), der eigentlich ein Teil des Geierberges (Grdhrakuta (गृध्रकूटGṛdhrakūṭa (skt., m.) — „Geiergipfel“, indischer Berg, auf dem Buddha predigte ) ) in Indien ist, wo Buddha Shakyamuni einst das Lotos Sutra predigte, der aber im Jahr 552(!) nach Japan geflogen kam. Auf dem Kinpusen offenbart sich En der furchteinflößende Zaō Gongen (Zaō Gongen 蔵王権現 — synkretistische Gottheit der → Yamabushi ) (neben Fudō Myōō (Fudō Myōō 不動明王 — prominentester japanischer Myōō (Mantra-König), wtl. „der Unbewegliche“ …mehr ⇒) einer der Hauptgottheiten des Shugendō), den En als persönlichen Schutzgott annimmt.
- En plant mit Hilfe einer lokalen Gottheit seines Heimatberges Katsuragi — Hitokotonushi (wtl. Herr oder Herrin[3] des einen Wortes) — eine Brücke vom Katsuragi-Gipfel zum Kinpusen zu bauen. Die Gottheit verweigert ihm allerdings den Gehorsam, worauf En sie mithilfe magischer Sprüche fesselt und tief in einem Bergtal einkerkert. Es gelingt der Gottheit allerdings, En no Gyōja zu verleumden, indem sie sich durch ein Medium am Hof des Tenno Gehör verschafft.
- En wird daraufhin nach Izu, einer Halbinsel nahe des Berges Fuji, verbannt (nachdem seine Mutter in Geiselhaft genommen wurde, um seiner habhaft zu werden). Nach einer Reihe von Wundern wird klar, dass die Verbannung zu Unrecht erfolgte, doch En hat nun mit Japan nichts mehr am Hut und fliegt nach Korea.
- In Korea gibt sich En einem Mönch, der zu Studienzwecken nach China reist, zu erkennen, indem er ihn auf Japanisch anspricht.
- Schließlich erhält En vom großen indischen Mönch Nagarjuna (नागार्जुनNāgārjuna (skt., m.) — legendärer Begründer des Mahāyāna-Buddhismus ) das Wasser der Reinen Erkenntnis und verwandelt sich in ein himmlisches Wesen. Er tritt nur noch vereinzelt in Japan auf, wenn jemand versucht, seinen Gegenspieler Hitokotonushi von den magischen Bannsprüchen zu befreien, mit denen En ihn fesselte.
Zusammengefasst nach En no gyōja Nara ehon
in der Übersetzung von Royall Tyler (Tyler 1987)
En no Gyōja auf dem Berg Fuji
- Buchillustration von Katsushika Hokusai. Edo-Zeit, 1834; aus der Serie Hundert Ansichten des Fuji, Band 1
Bild © visipix. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Edo-zeitliche Buchillustration aus den
Hundert Ansichten des Fuji, Band 1, von Katsushika Hokusai, 1834
Anmerkungen
- ↑ Im übrigen deutet vieles in Ens frühen Heiligenlegenden darauf hin, dass er eher als Heiliger im Sinne eines daoistischen Unsterblichen denn als erleuchteter Buddhist angesehen werden muss.
- ↑ Für eine genaue Auseinandersetzung mit dieser Geschichte s. Nihon Ryo-Wiki, Erzählung I-28
- ↑ Laut Kennan (1999, S. 347) wird Hitokotonushi in späteren Legenden als weibliche Gottheit ausgewiesen. Auch sonst sind japanische Berggottheiten üblicherweise weiblich.
Weiterführende Informationen
- Royall Tyler (Ü.) 1987
„The wizard in the mountains.“ In: Royall Tyler (Hg.), Japanese Tales. New York: Pantheon Books, S. 127-130.
- Linda Klepinger Keenan 1999
„En the Ascetic.“ In: George Tanabe (Hg.), Religions of Japan in Practice. Princeton: Princeton University Press, S. 343-353. - Die Pfauenkönigs-Mantra-Weise übend..., Hermann Bohner
Übersetzung und Materialien der Gyōja-Legende aus dem Nihon Ryōiki, Buch 1, Erzählung 28 (unter Verwendung Bohners Studie aus dem Jahr 1934, für das Internet aufbereitet von Adi Meyerhofer). [Über Internet Archive, 2010/8] - Shugendo Mark Schumacher
Umfangreiche Hintergrundinformationen und Links zu weiteren Quellen.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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