Torii: Markenzeichen der Kami
Shinmei Torii
- Schreintor (Holz); Eingang des Äußeren Schreins von Ise (Gekū)
Bild © SBA73, flickr 2008. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Ein Beispiel für den einfachen, rustikalen shinmei-Stil.
Torii an der Uji-Brücke
- Schreintor (Holz)
Bild © Courtney Milne, 1989
Torii im shinmei-Stil. Die dahinter sichtbare Uji Brücke ist der Eingang zum Inneren Schrein von Ise (Naikū).
Torii in Nikkō
- Schreintor (Stein). 1618; Schreinanlage von Nikkō, Tochigi-ken; 9,2 x 13,2 m
Torii im klassischen myōjin-Stil
- Schreintor (Zypressenholz). Um 1920 errichtet, 1966 zerstört, 1975 neu errichtet; Meiji Schrein, Tokyo; Höhe: 12m, Breite 17m, Durchmesser der Pfosten: 1,2m
Bild © Wikimedia Commons, 2002. (Letzter Zugriff: 2011/12/2)
Mit einer Höhe von zwölf Metern ist dies das größte hölzerne myōjin-torii Japans. Zur Zeit der Errichtung des Meiji Schreins (um 1920) wurde dieses Torii aus einer 1200 Jahre alten taiwanesischen Zypresse (hinoki) hergestellt. Taiwan war damals bekanntlich japanische Kolonie. 1966 wurde das Torii jedoch durch einen Blitzeinschlag beschädigt. Daraufhin suchte man in Japan vergeblich nach entsprechenden Baumriesen. Erst 1975 gelang es, wiederum mit einer Zypresse aus Taiwan, ein neues, ähnlich großes Torii zu errichten. (S. Meiji jingū)
Torii-Tunnel
- Schreintore (Holz); Fushimi Inari Schrein, Kyoto
Bild © Kevin Hulsey, 2009. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Miniatur-torii (shobenyoke torii)
- Schreintor (Holz)
Bildquelle: Wikimedia Commons (jap.), 2004. (Letzter Zugriff: 2011/8)
Soll als dezente Aufforderung verstanden werden, hier nicht gegen den Zaun eines privaten Grundstücks zu pinkeln. (In Japan funktioniert das!)
Seltenes Beispiel eines dreiteiligen torii
- Schreintor (Holz); Hibara Jinja, Nara-ken
Bild © Miwa no Hihara. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Dieses torii besteht aus drei zusammengefügten Toren und ist außerdem mit verschließbaren Türen versehen. Es hütet den Zugang zum dahinter liegenden Berg Miwa, der als Ganzes das shintai (Hauptheiligtum) des Hibara Schreins darstellt.
Der Hibara Schrein ist ein Seitenschrein des (Ō)miwa Schreins, der sich ebenfalls am Fuß des gleichnamigen Berges befindet und diesen als shintai ansieht. Auch im Miwa Schrein gibt es ein dreiteiliges verschließbares torii, das allerdings weniger photogen ist.
Im übrigen soll Amaterasu, bevor sie in Ise verehrt wurde, hier im Hibara Schrein verehrt worden sein, weshalb der Schrein auch den Beinamen Moto-Ise (Ur-Ise) trägt.
Dreiteiliges torii
- Schreintor; Mitsumine Jinja, Saitama-ken (im Westen Tokyos)
Bild © Bernhard Scheid, 2007
Auch dieses torii ist dem Prototyp aus Miwa nachempfunden. Miwa bedeutet „Drei Ringe“, Mitsumine „Drei Gipfel“. Möglicherweise ist die Zahl Drei in beiden Schreinnamen ausschlaggebend für die dreiteilige Form.
Torii vor dem Hie (Hiyoshi)-Schrein
- Schreintor (Stein); Sakamoto, Shiga-ken
Eingang zum Hiyoshi Schrein am Fuß des (buddhistischen!) Klosterbergs Hiei. Die Hauptgottheit dieses Schreins ist Sannō, wtl. der „Bergkönig“. Das Dreieck am Oberbalken dieses torii stellt eine Anspielung auf diesen Namen dar.
Torii am Haruna See
- Photographie (handkoloriert) von Kusakabe Kinbei. 1880; Präfektur Gunma
Bildquelle: Okinawa soba, flickr 2008. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Auf dieser Aufnahme ist gut zu erkennen, dass manche torii mit einem schmalen Dach bedeckt sind. Das hier ist allerdings schon zur Hälfte heruntergebrochen.
Torii von Miyajima
- Schreintor, ryōbu torii (Holz); Miyajima, Präfektur Hiroshima
Bild © Melissa Rose Chasse, flickr 2002. (Letzter Zugriff: 2012/1)
Das berühmte Torii von Miyajima steht im seichten Meerwasser und ist gegen die Wellen mit einer speziellen Konstruktion verstärkt. Man nennt diese Bauart ryōbu torii.
Usa Torii
- Schreintor (Holz); Usa Hachiman Schrein, Oita-ken, Kyushu
Bild © Hitada Hisao, 2001. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Das sog. usa torii entspricht weitgehend der konventionellen Form, besitzt allerdings keine Mittelverstrebung (gakuzuka) zwischen den beiden Querbalken, dafür aber einen besonders lebhaft hochgezogenen Querbalken. Der berühmte Usa Hachiman Schrein dürfte diese Variante geprägt haben.
Torii (torii 鳥居 = Torii, Schreintor) sind das markanteste Kennzeichen eines Shinto Schreins. Trifft man in Japan auf ein Gebäude mit der schlichten symbolischen Balkenkonstruktion davor, so handelt es sich fast immer um ein shintoistisches Heiligtum. Dank ihrer simplen, einprägsamen Form sind torii nicht nur zu einem Emblem des Shinto, sondern sogar zu einem Erkennungszeichen der traditionellen japanischen Kultur schlechthin geworden. Dennoch liegen die ursprüngliche Funktion und Bedeutung der torii im Dunklen. Zu ihrem rätselhaften Charakter trägt auch die Bezeichnung „torii“ selbst bei. Das Wort wird mit den Schriftzeichen für „Vogel“ (tori 鳥) und „sich befinden“ (i[ru] 居) geschrieben und würde demnach soviel wie „Vogelsitz“ bedeuten. Von Vögeln ist aber auf keinem bekannten torii auch nur die geringste Spur zu erkennen.
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Grundform und Stilvarianten
Trotz dieser einfachen Grundform kennt die japanische Architekturgeschichte eine stattliche Anzahl von Stilformen, je nach dem, ob die Pfosten lotrecht stehen oder leicht geneigt sind, ob der Oberbalken gerade oder geschwungen ist, und ob der Unterbalken über die Pfosten hinausragt oder nicht. Dazu kommen noch einige Spezialkonstruktionen oder Hybridformen. Diese werden zumeist nach den repräsentativsten Schreinen benannt, in denen sie zu finden sind.
Myōjin torii
Der bei weitem häufigste Stiltyp ist das sogenannte myōjin torii (myōjin torii 明神鳥居 = Stilvariante der → torii (Schreintore) : geschwungene Balken, schräge Pfosten). Es besitzt zwei leicht nach innen geneigte Pfosten, einen sanft geschwungenen Oberbalken (kasagi (kasagi 笠木 = Oberer Querbalken eines torii (Schreintors)), wtl. „Schirmholz“), der aus mehreren Kanthölzern zusammengesetzt ist, und einen Unterbalken (nuki (nuki 貫 = Unterer Querbalken eines torii (Schreintors)), wtl. „Durchstecher“), der an beiden Enden über die ihn tragenden Pfosten hinausragt. Bei myōjin torii aus Holz ist der Oberbalken zumeist mit einem kleinen Dach ausgestattet. Zwischen Ober- und Unterbalken befindet sich ein vertikales Brett (gakuzuka (gakuzuka 額束 = Schrifttafel eines torii (Schreintors))), an dem Tafeln mit Inschriften angebracht werden können.
Shinmei und andere Torii
Die simpelste Form ist das shinmei- (shinmei torii 神明鳥居 = Stilvariante des torii (Schreintors): gerade Balken, lotrechte Pfosten) oder ise-torii, bestehend aus lotrechten, runden Pfosten (hashira (hashira 柱 = Pfeiler, Pfosten; auch: Zählwort für Gottheiten (kami))) und geraden Querbalken ohne gakuzuka. Es findet sich in der antiken Schreinanlage von Ise (Ise 伊勢 = Schreinanlage von Ise, Präfektur Mie→ mehr dazu), wurde aber auch Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Zeit des Staatsshinto, als vermeintlich archaische Form gerne verwendet (etwa im Yasukuni-Schrein (Yasukuni Jinja 靖国神社 = Yasukuni Schrein, Tokyo→ mehr dazu)).
Unter den „hybriden“ Formen ist das sogenannte ryōbu-torii das bekannteste. Es entspricht im wesentlichen dem myōjin-Typ, besitzt aber zur Unterstützung der beiden Hauptpfosten vier kleinere Zusatzpfosten. Das berühmte, vom Meer umspülte torii von Miyajima (Miyajima 宮島 = Schreininsel nahe Hiroshima; s.a. Itsukushima Schrein→ mehr dazu) ist so konstruiert. Ein weiterer Hybridtyp ist das sannō-torii mit einem Dreieck auf dem „Kopf“ oder das miwa-torii, das links und rechts von kleineren Seiten-torii flankiert wird.
Der Miwa Schrein (Ōmiwa Jinja 大神神社 = Ōmiwa Schrein, auch Miwa Schrein, nahe Nara→ mehr dazu), der dem letzteren Typ seinen Namen verleiht, besitzt noch eine weitere torii-Sonderform: das sogenannten shime- (shimetorii 注連鳥居 = Torii (Schreintor) bestehend aus zwei Pfosten und einem Seil; auch chūren torii gelesen) oder chūren-torii. In diesem Fall sind die zwei tragenden Pfosten lediglich durch ein mächtiges Seil (shimenawa (shimenawa 注連縄 = Shintoistisches „Götter-Seil“→ mehr dazu)) verbunden. Ob man diese Form, die es nur in ein paar wenigen alten Schreinen gibt, überhaupt als torii bezeichnen soll oder nicht, ist unklar. Es könnte sich um eine Frühform der torii handeln, einen sicheren Beweis dafür gibt es jedoch nicht.

Bild: Horohoro 2004 [2010/8]
Funktion
Torii dienen im allgemeinen dazu, eine symbolische Grenze zwischen Heiligem und Profanem zu markieren. Die prominentesten torii befinden sich daher zumeist am Zugangsweg zu einem Schrein, doch auch innerhalb eines Schreinareals können torii aufgestellt sein, z.B. um die wichtigsten Schreingebäude zu kennzeichnen. Auch werden torii häufig hinter einander aufgestellt und können sogar zu tunnelartigen Gebilden zusammenwachsen. Das extremste Beispiel ist der Fushimi Inari Schrein (Fushimi Inari Taisha 伏見稲荷大社 = Großschrein der Gottheit Inari in Fushimi, im Süden Kyotos→ mehr dazu) in Kyoto, wo ein ganzer Berg von torii-Tunneln überzogen ist.
Torii scheinen bereits im japanischen Altertum als Erkennungszeichen von Kultstätten der einheimischen Kami fungiert zu haben. Man könnte sie daher auch als ein Zeichen einer bewussten Unterscheidung von Shinto und Buddhismus interpretieren. Allerdings gibt es einige Ausnahmen, in denen torii auch vom Buddhismus in den Dienst genommen werden.
Torii außerhalb des Shinto
Torii des Tempels Shitennō-ji
- Tempeltor (Stein); Shitennō-ji, Osaka
Bildquelle: KENPEI's photo, Wikimedia Commons (jap.),2004. (Letzter Zugriff: 2011/8)
Der Shitennō-ji ist das älteste staatlich errichtete buddhistische Kloster Japans. Es wurde im Jahr 593 von Prinzregent Shōtoku Taishi gegründet. Wann das torii gebaut wurde, ist nicht bekannt, es soll jedoch ursprünglich aus Holz gewesen sein und wurde nach einem Brand im Jahr 1294 durch ein steinernes ersetzt.
Grabanlage der Daimyo-Familie Shimazu aus Satsuma/Kyushu
- Grabmonumente (Stein); Oku-no-in, Berg Kōya
Bild © Chantal Dupasquier, flickr 2005. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Kumano Mandala (Kumano kanshin jikkai mandara)
- Rollbild, Detail. Edo-Zeit, 17. Jh.
Der Ausschnitt dieses Mandalas zeigt die japanische Unterwelt nach geläufigen buddhistischen Vorstellungen der Edo-Zeit. Torii dienen zur Abgrenzung der einzelnen Bereiche der Wiedergeburt.
Achtarmige (Happi) Benzaiten mit torii als Kopfputz
- Statue; Schreininsel Chikubushima im Biwa See
Bild © Wada Yoshio, 2003. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Statue des Benzaiten-Heiligtums auf der Schreininsel Chikubushima im Biwa See, eine der „Drei Großen Benten“ Kultstätten Japans.
Torii vor einer eher buddhistisch anmutenden Drachengottheit an Japans höchstgelegenem See
- torii (Holz); Ni'noike (auf 2908 m), unterhalb des Ontake Gipfels in den japanischen Alpen
Bild © Stephan Zschiesche, 1994. (Letzter Zugriff: 2011/7)
- Vor dem buddhistischen Tempel Shitennō-ji (Shitennō-ji 四天王寺 = Ältester staatlicher buddh. Tempel, gegr. 593 im heutigen Osaka) in Osaka gibt es ein torii aus Stein, das den Hauptzugang zur Tempelanlage markiert. Der Shitennō-ji ist nicht etwa irgendein Tempel, sondern das älteste staatlich errichtete buddhistische Kloster Japans. Es wurde im Jahr 593 von Prinzregent Shōtoku Taishi (Shōtoku Taishi 聖徳太子 = Prinz Shōtoku (574–622), kaiserlicher Regent→ mehr dazu) gegründet. Wann das torii gebaut wurde, ist nicht bekannt, es soll jedoch ursprünglich aus Holz gewesen sein und wurde nach einem Brand im Jahr 1294 durch ein steinernes ersetzt.
- Obwohl der Totenkult in Japan traditionellerweise fest in buddhistischer Hand ist, findet man auf alten Friedhöfen torii vor den Grabanlagen bedeutender Familien aus der Edo-Zeit. (S. dazu auch Friedhof auf Berg Kōya.)
- Buddhistische Höllendarstellungen aus der Edo-Zeit bedienen sich der torii, um verschiedene Bereiche der Hölle von einander abzugrenzen.
- Die indische Gottheit Sarasvati (सरस्वतीskt. Sarasvatī (f.) indischer Fluss; Flussgöttin der Beredsamkeit, der Musik und der Gelehrsamkeit, → mehr dazu) kam als Beschützerin des Buddhismus mit diesem nach Japan und wird hier als Benzaiten (Benzaiten 弁才天/ 弁財天 = Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten→ mehr dazu) verehrt. Auf vielen Darstellungen trägt Benzaiten auf dem Haupt ein torii, hinter dem eine Schlange mit menschlichem Kopf zu erkennen ist.
- Die synkretistischen Bergasketen (yamabushi (yamabushi 山伏 = Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft→ mehr dazu)) bedienen sich zur Kennzeichnung ihrer Heiligtümer sowohl des torii als auch buddhistischer Embleme.
Die frühesten Erwähnungen von torii stammen aus japanischen Quellen des zehnten Jahrhunderts Ob Kami-Schreine davor schon durch „Vogelsitze“ gekennzeichnet waren und wie diese ausgesehen haben könnten, ist unbekannt. Es wird daher immer wieder die Frage gestellt, ob nicht selbst die torii, diese zutiefst shintoistischen Identitätsmerkmale, ein Produkt des Buddhismus sind, oder zumindest einen nicht-japanischen Ursprung besitzen. Für derartige Annahmen gibt es verschiedene Anhaltspunkte, da torii-ähnliche Konstruktionen in vielen asiatischen Kulturen zu finden sind. Im folgenden werden die wichtigsten „Verwandten“ der torii, die immer wieder als Prototypen in Betracht gezogen werden, kurz vorgestellt.
Verwandte der torii außerhalb Japans
Indien
Torana
- Tor (Stein); Sanchi, Indien
Bild © Scott Weatherson, flickr 2009. (Letzter Zugriff: 2011/7)
An den vier Seiten des ältesten buddhistischen Grabstupas in Sanchi befinden sich markante Eingänge, die wie ein reich verziertes torii mit einem dritten Querbalken aussehen. Man nennt diese Tore auf Sanskrit torana. Aufgrund ihrer Ähnlichkeiten in Form und Namen wurden sie von frühen Japanologen als Vorläufer der torii angesehen.
An den vier Seiten des ältesten buddhistischen Grabstupas in Sanchi (सांचीskt. Sāñcī Ortschaft im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, → mehr dazu), Indien, befinden sich markante Eingänge, die wie ein reich verziertes torii mit einem dritten Querbalken aussehen. Man nennt diese Tore auf Sanskrit torana (तोरणskt. toraṇa (n.) „Bogen“, Torbogen, Tor, ). Die Ähnlichkeiten in Wortklang und Aussehen bewogen frühe Japanologen (u.a. Aston und Chamberlain) zu der Annahme, torii stammten von torana ab. Inzwischen sind sowohl von linguistischer als auch von kunsthistorischer Seite Bedenken gegen diese Theorie geäußert worden, vollkommen auszuschließen ist sie jedoch nicht.
Thailand
Sao Ching Cha, die Große Schaukel
- Tor. Thailand; vor dem Tempel Wat Suthat, Bangkok; Höhe: 30 m
Bildquelle: Mattana, Wikimedia Commons, 2007. (Letzter Zugriff: 2011/7)
In Bangkok gibt es die sogenannte Große Schaukel (Sao Ching Cha), ein rituelles Gerät, das auf den ersten Blick (wenn man die Verzierungen einmal beiseite lässt) verblüffende Ähnlichkeiten mit einem shinmei-torii aufweist. Funktionell ist es jedoch grundverschieden, denn es handelt sich nicht um einen Durchgang, sondern wurde ehemals tatsächlich für eine brahmanische Schaukelzeremonie eingesetzt. Obwohl von frühen Japanologen als Prototyp eines torii in Erwägung gezogen, kommt die Große Schaukel dafür kaum in Betracht, denn zum vollständigen Gerät gehört eben auch ein Schaukelbrett (auch wenn es in Bangkok heute fehlt). Das Beispiel zeigt jedoch, dass sich Ähnlichkeiten auch aus rein konstruktionstechnischen Gründen ergeben können, ohne dass daraus gleich auf eine verwandtschaftliche Beziehung geschlossen werden muss.
China
Eingang zum Tempel des Himmels
- Tor. China; Beijing
Bild © Bernhard Scheid, 2008
Eingang zur Stätte, wo ehemals die chinesischen Kaiser jährliche Opferzeremonien vollzogen.
In China begegnet man häufig einem Palasttor namens paifang (paifang 牌坊 (chin.) = Chinesisches Zeremonialtor, Zeremonialbogen; auch → pailou; jap. haibō) oder pailou (pailou 牌楼 (chin.) = Chinesisches Zeremonialtor, Zeremonialbogen; auch → paifang; jap. hairō), das — ähnlich wie ein torii — meist keine Türen hat und daher eine rein symbolische Funktion besitzt. Andererseits sind pailuo architektonisch sehr aufwendig und variantenreich ausgestaltet. Häufig findet man dreiteilige Konstruktionen, die äußerst bombastisch dekoriert sind. Einige Beispiele erinnern allerdings tatsächlich an torii, etwa die Tore im Pekinger Tempel des Himmels (Abb. links), doch stammen diese architektonischen Varianten aus relativ später Zeit.
Es gibt in China außerdem zeremonielle Stelen mit der Bezeichnung huabiao (huabiao 華表 (chin.) = Chinesische Zeremonialstele; jap. kahyō), die ähnlich wie torii zur Kennzeichnung des Zugangswegs zu einem zeremoniellen Gebäude (Palast oder Grabmal) dienen. Sie sind zumeist reich dekoriert und tragen an ihrer Spitze ein drachenartiges mythologisches Tier. Äußerlich haben sie also kaum etwas mit den torii gemein, doch werden sie in einem der ältesten Lexika Japans, dem Wamyō ruijushō (Wamyō ruijushō 和名類聚抄 = Heian-zeitliches Lexikon; zwischen 931 und 938 kompliert von Minamoto no Shitagō) aus dem frühen zehnten Jahrhundert, mit torii gleichgesetzt. Dies mag ein Missverständnis der damaligen Autoren gewesen sein, hat jedoch schon unter vormodernen japanischen Gelehrten zu zahlreichen Spekulationen über eine chinesische Herkunft der torii geführt.[1]
Korea
Die wahrscheinlich nächsten Verwandten der torii findet man auf der koreanischen Halbinsel. Hier gibt es genau genommen zwei unterschiedliche Artefakte, die gewisse Gemeinsamkeiten mit den torii aufweisen, nämlich das sogenannte Rote Pfeiltor (kor. hongsalmun) und das sotdae, ein hölzerner Mast, der häufig mit einer einfachen Vogelskulptur versehen ist.
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Rotes Pfeiltor (hongsalmun) bei den Altären der Erde und Ernte in Seoul
Rotes Pfeiltor (hongsalmun) bei den Altären der Erde und Ernte in Seoul
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Koreanisches Rotes Pfeiltor (hongsalmun) vor einem Königsgrab der Joseon Dynastie
Pfeiltor (hongsalmun) vor einem Königsgrab der Joseon Dynastie
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Das Pfeiltor hongsalmun (hongsalmun 紅箭門, 홍전문 (kor.) = Koreanisches Zeremonialtor, wtl. „Rotes Pfeiltor“; jap. kōzenmon) besitzt bautechnisch große Ähnlichkeiten mit einem torii. Es besteht ebenso aus zwei einfachen Pfosten und zwei Querbalken. Der vielleicht markanteste strukturelle Unterschied liegt darin, dass der obere Querbalken eines Pfeiltores von den tragenden Pfosten überragt wird, während er im Fall des torii auf den Pfosten lagert. Außerdem sind die Querbalken der Pfeiltore mit zahlreichen vertikalen Verstrebungen oder „Pfeilen“ versehen, die verantwortlich für den Namen dieses Tores sind. Die berühmtesten Pfeiltore finden sich vor den Königsgräbern der Joseon Dynastie (1392–1910) rund um die koreanische Hauptstadt Seoul. Ähnlich wie die torii stehen die Pfeiltore hier frei am Rande einer sakralen baulichen Anlage. Dem entsprechend fungieren sie als symbolischer Durchgang zwischen Profanem und Sakralem, nicht als verschließbares Tor. Allerdings gibt es in Korea auch Pfeiltore, die in Zäune oder Mauern integriert sind, was bei torii nur in wenigen Ausnahmen der Fall ist. Eine gewisse Verwandtschaft ist dennoch nicht unwahrscheinlich, doch ist unklar, ob es sich um „Cousins“ handelt, oder ob eines der beiden Tore tatsächlich zur Herausbildung des anderen beigetragen hat.
Koreanischer „Vogelsitz“ (sotdae) mit stilisierten Enten
- Zeremonielle Stäbe (Holz). Korea
Sotdae-Wald
- Zeremonielle Stäbe (Holz). Korea
Sotdae
- Zeremonielle Stäbe (Holz). Korea
Bild © hkyoo226. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Sotdae und jangseung, „Totempfähle“ mit menschlichen Gesichtern
- Totempfähle (Holz). Korea
Koreanische Sotdae am Rand eines Feldes
- Zeremonielle Stäbe (Holz). Korea
Die sotdae (sotdae 솟대 (kor.) = Zeremonielle Stäbe der koreanischen Volksreligion, meist mit Vogelskulptur) wiederum sind Glücksbringer oder schützende Talismane. Traditionellerweise finden sie sich am Eingang von Dörfern, wo sie in großen Gruppen zusammen mit einer Art Totempfahl, dem jangseung, spirituellen Schutz oder reiche Ernte gewähren sollen, ähnlich wie in Japan die Wegegötter (dōsojin (dōsojin 道祖神 = Wegegott, auch sae no kami; volksrel. Figuren, manchmal in phallischer Form→ mehr dazu)). Sotdae können auch eigenhändig angefertigt und temporär (z.B. zu Neujahr) aufgestellt werden. Typischerweise handelt es sich um lange Stäbe, an deren oberem Ende ein oder mehrere Vogelfiguren angebracht sind. Es können aber auch andere Tiere oder Seile daran befestigt sein.
Sotdae sehen also ganz anders aus als torii und besitzen andere Funktionen, aber sie enthalten einen Hinweis, dass Vögel auf Stäben in Korea eine magisch-religiöse Bedeutung besitzen und bieten damit einen Schlüssel zur rätselhaften Wortbedeutung von torii (torii 鳥居 = Torii, Schreintor) („Vogelsitz“). Das Wort „sotdae“ selbst enthält jedoch keinen Hinweis auf einen Vogel.
Ähnliche „Vogelsitze“ gibt es im übrigen auch in shamanistischen Stammeskulturen Chinas, der Mongolei und in Sibirien.
Theorien zum Ursprung der torii
Eine eindeutige Lehrmeinung, ob torii eine rein japanische Erfindung sind oder unter dem Einfluss von anderen Kulturen entstanden, hat sich derzeit weder in Japan noch außerhalb etabliert. Während man das Thema vor dem Zweiten Weltkrieg lebhaft diskutierte, wurde es danach kaum mehr erörtert und ist erst in jüngster Zeit durch die Archäologie wieder aufgegriffen worden. Einer der umfangreichsten westlichsprachigen Aufsätze, „Der Ursprung des Torii“ des Linguisten Otto Karow und des Kunsthistorikers Dietrich Seckel aus dem Jahr 1942, enthält zu dieser Frage eine gewagte These: Karow und Seckel zufolge leitet sich der Begriff torii nicht von „Vogel“, sondern von einem Balken ab. Davon ausgehend folgern die Autoren, dass man im torii das abstrakte Skelett eines Wohnhauses erblicken muss. Das wichtigste Element des torii sei der Oberbalken, der den Firstbalken des Hauses symbolisiere. Obwohl diese Theorie sehr weitläufig und gelehrt begründet wird, erscheint mir die darin enthaltene Hypothese, dass torii letztlich aus verlassenen Häusern entstanden, die zu den Grabstätten der darin Verstorbenen wurden, nicht wirklich plausibel.
Karow und Seckel machen aber auch darauf aufmerksam, dass sich in den frühesten schriftlichen Quellen Japans zahlreiche Hinweise auf Vögel im Zusammenhang mit Bestattungsriten finden. U.a. erzählen sowohl das Kojiki (Kojiki 古事記 = Älteste jap. Chronik (712)→ mehr dazu) als auch das Nihon shoki (Nihon shoki 日本書紀 = Zweitälteste Chronik Japans (720)→ mehr dazu), dass sich der eroberungslustige Prinz Yamato Takeru (Yamato Takeru 倭建/ 日本武 = Mythologischer Prinz, Sohn des Keikō Tennō) nach seinem Tod in einen weißen Vogel verwandelte und in dieser Gestalt den Platz für sein Grabmonument auswählte. Dieses erhielt aus diesem Grunde auch den Namen „Weißvogel-Grab“ (Shiratori misasagi (Shiratori misasagi 白鳥陵 = Hügelgrab des mythol. Helden → Yamato Takeru)). Dem Kojiki zufolge wurden Lieder, die auf diese Episode Bezug nehmen, auch bei späteren kaiserlichen Begräbnissen gesungen.[2] Zahlreiche weitere Textstellen der klassischen Literatur untermauern die auch vom japanischen Volkskundler Origuchi Shinobu (Origuchi Shinobu 折口信夫 = (1887–1953), jap. Volkskundler und Religionswissenschaftler) postulierte enge Beziehung zwischen weißen Vögeln und Totenseelen.[3]
Japan steht jedoch in dieser Hinsicht nicht isoliert da. Der Zusammenhang zwischen Vogel und Totenseele ist, wie schon erwähnt, für zahlreiche, insbesondere shamanistisch geprägte Kulturen belegt. Die im Zusammenhang mit dem frühen Japan vielleicht überzeugendste Parallele findet sich in der Kultur der altkoreanischen Proto-Drei-Reiche Zeit, die ja mit dem damaligen Japan (bzw. mit der Kultur der Wa) in enger Beziehung stand. Das Weizhi (Weizhi 魏志 (chin.) = Chin. Chronik der Wei Dynastie aus dem 3. Jh. u.Z.; enthält die frühesten Berichte über Japan (Wa)→ mehr dazu), jene chinesische Quelle aus dem 3. Jh., die die frühesten systematischen Angaben zur Geschichte Japans und Koreas enthält, berichtet über die Bestattungsritten der Pyeon Jin im Süden der koreanischen Halbinsel: „Sie geben ihren Toten Federn von großen Vögeln mit. Sie wünschen, dass diese von den Toten zum Fliegen benutzt werden.“ [4] Für den gleichen Raum enthält das Weizhi im übrigen auch Hinweise auf Vorläufer der oben genannten sotdae. Schließlich hat auch die Archäologie in diesem Raum zahlreiche Grabbeigaben mit Vogelmotiven zutage gebracht.[5]
Aus Japan sind archäologische Funde von Vogelmotiven aus der Yayoi- und Kofun-Zeit ebenso bekannt. Andere Funde deuten wiederum darauf hin, dass es hier am Übergang von der Yayoi- zur Kofun-Zeit (3. Jh. n.u.Z.) Grabstätten von hochgestellten Persönlichkeiten gab, an deren Eingang zwei Pfosten standen.[6] Ob diese Pfosten aber durch Balken verbunden waren, ob Vögel auf ihnen angebracht waren oder ob sie sonst in irgend einer Hinsicht als Vorläufer der heutigen torii anzusehen sind, konnte bislang nicht geklärt werden. Dennoch verdichtet sich aus diesen Indizien ein möglicher Zusammenhang zwischen Totenkult und Vögeln, der am Beginn der Entwicklung von torii gestanden haben mag. Damit wäre auch eine implizite Erklärung vorhanden, warum an den heutigen torii überhaupt keine Spuren von Vögeln zu finden sind: als Zeichen des Todes könnten sie dem Tabu zum Opfer gefallen sein, das in historischer Zeit die Kulte für die kami (kami 神 = japanische Gottheit→ mehr dazu) strikt von jeder Assoziation mit dem Tod fern hielt (s. dazu Kap. Grundbegriffe: Shinto.)
Anmerkungen
- ↑ 華表 (kahyō), Wikipedia(ja) [15.1.2012].
- ↑ Chamberlain 1981, S. 268–69
- ↑ Karow und Seckel 1942, S. 35–42
- ↑ Seyock 2004, S. 49; Karow und Seckel 1942, S. 42
- ↑ Seyock 2004, S. 96–97
- ↑ Seyock 2003
Literatur und Links
- Basil Hall Chamberlain (Ü.) 1981
Kojiki: Records of Ancient Matters. Tokyo: Tuttle. [Erste Auflage 1919, basierend auf einer ersten Übersetzung aus dem Jahr 1882.] - Otto Karow und Dietrich Seckel 1942
Der Ursprung des Torii. Tokyo: OAG. [Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur und Völkerkunde Ostasiens, Band 33/B.] - Barbara Seyock 2003
„The Hirabaru Site and Wajinden Research: Notes on the Archeology of the Kings of Ito.“ Nachrichten der Gesellschaft für Natur und Völkerkunde Ostasiens (NOAG) 73/1-2, S. 207-225. - Barbara Seyock 2004
Auf den Spuren der Ostbarbaren: Zur Archäologie protohistorischer Kulturen in Südkorea und Westjapan. Münster: Lit Verlag. - Torii (jap.)
Wikipedia-Artikel - Sotdae (en.)
Wikipedia-Artikel - The Making of sotdae, Geumo Folk Museum (en.)
Informationen und eine kurze Anleitung zum Sotdae - Selberbauen.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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