Wächtergötter und andere gestrenge Herren
Jedes religiöse Bauwerk in Japan, egal ob buddhistisch oder shintoistisch, groß oder klein, bedarf zweier Wächter, die paarweise links und rechts des Haupttores aufgestellt sind. Sie halten böse Geister vom Heiligtum fern und flößen den Gläubigen Respekt ein. Die Wächter buddhistischer Tempel gehören meist zur großen Gruppe der buddhistischen Devas, Schutzgötter mit indischem Ursprung (jap. tenbu (tenbu 天部 = Gruppe der indischen, bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva)), oder -ten (-ten 天 = wtl. Himmel; Göttertitel für eine eine aus Indien übernommene Gottheit (skt. Deva)→ mehr dazu); -ten steht für „Himmel“, ist im Buddhismus aber ein Titel für einen Gott, bzw. ein Übersetzungswort für skt. deva (देवskt. deva (m.) „Gottheit“, oberste Klasse indischer Götter, → mehr dazu), „Gott“). Viele dieser Devas sind ausgesprochen kriegerisch. Sie erinnern ihrem Aussehen nach an die Myōō (Myōō 明王 = wtl. „Licht-König“ oder „Mantra-König“; auch „Weisheits-König“; skt. Vidyārāja→ mehr dazu), stehen aber hierarchisch tiefer (d.h. sie sind nicht ganz so erleuchtet und nicht ganz so mächtig). Auch treten sie zumeist in Zweier-, Vierer- oder noch größeren Gruppen auf. Diese Gruppengebundenheit verleiht den Tenbu einen militärischen Charakter, was sie wiederum besonders als Wächterfiguren prädestiniert.
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Torwächter (Niō)
Östlicher Torwächter des Südlichen Haupttores (Un-gyō)
- Statue (Holz, urspr. bemalt) von Jōkaku, Tankei u.a.. Kamakura-Zeit, 1203; „Nationalschatz“; Nandaimon, Tōdaiji, Nara; Höhe: 8,43 m
Photo vor 1988. Aus der Perspektive dieser Photographie wirkt der Kopf etwas zu groß. Dies wurde jedoch mit Absicht so ausgeführt, da die über acht Meter große Statue auf diese Weise von unten — also vom üblichen Blickpunkt aus — natürlicher wirkt. Man nennt diese Technik Anamorphose. Sie wurde in Japan bei vielen überdimensionalen Statuen angewendet, die für die Betrachtung aus einem nahen, tiefer gelegenen Winkel bestimmt waren. (S. z.B. den Kamakura Daibutsu.)
Die Tempeltorwächter, denen man üblicherweise an den Eingängen großer Tempel begegnet, werden Niō (Niō 仁王 = Wächterfigur, Torwächter→ mehr dazu) genannt, was wörtlich „barmherzige Könige“ bedeutet. Trotz dieses Namens schauen sie stets finster und furchteinflößend drein. Die meisten Niō sind mit einem einzackigen vajra (वज्रskt. vajra (m.) „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus, → mehr dazu) bewaffnet, der aussieht wie ein an beiden Enden angespitzter Spieß. Ein Vajra (jap. kongō (kongō 金剛 = skt. Vajra; „Diamant“, magische Waffe, Donnerkeil→ mehr dazu)) ist eine Art magische Waffe. Von diesem Vajra leiten sich auch andere Bezeichnungen für die Torwächter ab, die besser zu ihrem Aussehen passen: Kongō rikishi (Kongō rikishi 金剛力士 = Buddhistische Wächterfigur, „Vajra-Kraftkerl“; Synonym → Niō), Kongōshu (Kongōshu 金剛手 = Vajra-Hand, skt. Vajrapani; s.a. → Niō→ mehr dazu), Kongō-ten oder Kongō-shin. Alle diese Namen bedeuten in etwa „Vajra-Gottheit“ und weisen auf die Verwandtschaft dieser Torwächter mit dem „Leibwächter“ des Buddha, Vajrapani (वज्रपाणिskt. Vajrapāṇi (m.) „Vajrahand“, Vajraträger, → mehr dazu) hin.
A und HUM (agyō/ungyō)
Torwächter treten stets paarweise auf. In ihrer Darstellung gibt es immer einen kleinen, aber signifikanten Unterschied: Einer hat den Mund geöffnet, der andere geschlossen. Der eine spricht nämlich gerade das Mantra „A“ aus, die erste Silbe des Sanskrit-Alphabets, der andere das Mantra „HUM“ (jap. un, bzw. n), die letzte Silbe. Zusammen ergeben die beiden Mantren (मन्त्रskt. mantra (n.) Gebetsformel, → mehr dazu) a[h]um ("alpha und omega"), Anfang und Ende, die Gesamtheit aller Dinge. Die beiden Niō werden daher auch als a-gyō (A-gyō 阿形 = Bez. für einen Typ von Wächter·gottheit; wtl. A-Form (Figur, die ein „A“ ausspricht)) (A-Form) und un-gyō (UN-gyō 吽形 = wtl. HUM-Form (Figur, die das Sanskritzeichen „HUM“, jap. un, ausspricht)) (HUM-Form) bezeichnet.
Die Vier Himmelskönige
Die Gruppe der Vier Himmelskönige (Shi-Tennō (Shi-Tennō 四天王 = Die 4 Himmelskönige (Weltenwächter))) repräsentiert die Himmelsrichtungen und bietet sich daher als Schutz vor Geistern aus allen Richtungen an. Dieser Aspekt wird in vielen Skulpturen deutlich, wo die Shitennō auf zusammengetreten Dämonen stehen. Anführer der Himmelskönige ist Bishamon-ten (Bishamon-ten 毘沙門天 = Himmelswächter des Nordens, Glücksgott→ mehr dazu), alias Tamon-ten („der Alles Hörende“), der Hüter des Nordens. Er wird auch unabhängig von den anderen Königen als Glücksgott verehrt.
Die Bezeichnung „Himmelskönig“ wird wie der japanische Tenno ausgesprochen, aber mit anderen Zeichen geschrieben. In ganz Japan gibt es Tempel, Shitennō-ji oder Tennō-ji, in denen sie als Gruppe verehrt werden. Auch der erste staatliche Tempel Japans, der Shitennō-ji (Shitennō-ji 四天王寺 = Ältester staatlicher buddh. Tempel, gegr. 593 im heutigen Osaka→ mehr dazu) in Osaka (Gründung 593) war ihnen geweiht.
Obwohl die Vier Himmelskönige auf indische Devas zurückgehen, ist ihre ikonographische Darstellung stark von China geprägt. Sie tragen chinesische Rüstungen und ihr Gesicht hat die chinesische Symbolfarbe ihrer jeweiligen Richtung: Osten — grün, Süden — rot, Westen — weiß, Norden — schwarz.
Jikoku-ten (skt. Dhritarashtra)
- Statue. Kamakura-Zeit; Yakushi-ji, Nara
Himmelskönig des Ostens. Einer der vier Himmelskönige des Tempels.
Zōchō-ten (skt. Virudhaka)
- Statue. Kamakura-Zeit; Yakushi-ji, Nara
Himmelskönig des Südens. Einer der vier Himmelskönige des Tempels.
Kōmoku-ten (skt. Virupaksha)
- Statue. Kamakura-Zeit; Yakushi-ji, Nara
Himmelskönig des Westens. Einer der vier Himmelskönige des Tempels.
Tamon-ten oder Bishamon-ten (skt. Vaishravana)
- Statue. Kamakura-Zeit; Yakushi-ji, Nara
Himmelskönig des Nordens und zugleich Anführer aller Himmelswächter. Zählt außerdem zu den Sieben Glücksgöttern. Auf seiner offenen Handfläche sollte eigentlich eine Pagode stehen.
Die Zwölf Generäle
Neben den Himmelskönigen gibt es noch eine andere kriegerische Tenbu-Truppe, die Zwölf Göttlichen Generäle (Jūni Shinshō (Jūni Shinshō 十二神将 = Die Zwölf Göttlichen Generäle)) des Yakushi Nyorai (Yakushi Nyorai 薬師如来 = Buddha der Medizin; skt. Bhaisajyaguru→ mehr dazu). Ähnlich wie die Vier Könige stehen auch die Zwölf Generäle mit kosmologischen und astrologischen Kategorien Verbindung. So wurde zum Beispiel jedem General eines der Zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet. Auch in dieser Gruppe spielt Bishamon-ten die Rolle eines Anführers, allerdings unter einem weiteren seiner Beinamen, Kubira taishō.
Fūjin und Raijin
Windgott (Fūjin)
- Statue (Holz, Glasaugen). Kamakura-Zeit; Sanjūsangen-dō, Kyoto
Bild © Sanjūsangen-dō, Scan aus dem Tempelkatalog
Figur aus dem Gefolge des tausendarmigen Kannon.
Statt der oben erwähnten Niō können auch der Windgott (Fūjin (Fūjin 風神 = Windgott; auch Fū-ten)) und der Donnergott (Raijin (Raijin 雷神 = Donnergott; auch Rai-ten)) am Eingang eines Tempels Wache stehen. Fūjin und Raijin werden auch als Fū-ten und Rai-ten bezeichnet, was sie als Abkömmlinge der indischen Devas (tenbu) auszeichnet. Sie sind eng mit der Verehrung des Bodhisattva (बोधिसत्त्वskt. Bodhisattva (m.) „Erleuchtetes Wesen“, → mehr dazu) Kannon (Kannon 観音 = Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“→ mehr dazu) verbunden. Als Wächtergestalten findet man sie z.B. im Eingangstor des Sensō-ji (Sensō-ji 浅草寺 = Tempel in Tokyo; auch: Asakusa-dera→ mehr dazu), des Kannon-Tempels in Asakusa, Tokyo, das daher auch Kaminarimon (Kaminarimon 雷門 = Kaminarimon, wtl. Donnertor→ mehr dazu), Donner-Tor, genannt wird. Auch in der Halle der tausend Tausendarmigen Kannon-Statuen in Kyoto (Sanjūsangen-dō (Sanjūsangen-dō 三十三間堂 = 33 Klafter Halle; Kannon-Tempelhalle in Kyoto→ mehr dazu)) sind zwei sehr schöne Beispiele dieser beiden Götter zu finden. Das berühmteste Wind-Donnergott Paar ist aber auf einem Wandschirm des Edo (Edo 江戸 = Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo→ mehr dazu)-zeitlichen Künstlers Ogata Kōrin (1658–1716) abgebildet. Hier sind die beiden Götter erstmals als Hauptpersonen dargestellt.
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Donnergott (raijin)
- Wandschirmgemälde von Ogata Kōrin (1658–1716)
Bildquelle: Wikimedia Commons (jap.). (Letzter Zugriff: 2011/7)
Nach einer Vorlage von Sōtatsu (um 1600).
- Wandschirmgemälde von Ogata Kōrin (1658–1716)
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Windgott (fūjin)
- Wandschirmgemälde von Ogata Kōrin (1658–1716)
Bild © Wikimedia Commons (jap.). (Letzter Zugriff: 2011/7)
Nach einer Vorlage von Sōtatsu (um 1600).
- Wandschirmgemälde von Ogata Kōrin (1658–1716)
Weitere Tenbu-Gottheiten
Eine Sonderstellung unter den Deva-Gottheiten nimmt Enma-ten (Enma 閻魔 = skt. Yama, König oder Richter der Unterwelt→ mehr dazu) (skt. Yama (यमराजskt. Yama (m.) Gottheit der Unterwelt und des Todes, )), der Oberste Richter der Unterwelt ein. Er beherrscht einen dem chinesischen Beamtenstaat nachempfundenen Gerichtshof, der nach dem Ableben eines Menschen über dessen nächste Wiedergeburt entscheidet. Auf ihn wird im Kapitel „Mythen“, Jenseitsvorstellungen genauer eingegangen.
Daneben umfasst die Kategorie der Devas eine ganze Reihe weiblicher Gottheiten, beispielsweise Benzaiten (Benzaiten 弁才天/ 弁財天 = Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten→ mehr dazu). Sie wirken auf modernen Statuen meist mild und betont weiblich, im japanischen Mittelalter konnten aber auch sie — ähnlich wie ihre Vorgängerinnen im indischen Buddhismus — höchst unheimliche und martialische Erscheinungsformen annehmen.
Viele Deva-Gottheiten bekamen innerhalb des japanischen Pantheons eine Bedeutung zugesprochen, die weit über ihre Rolle im buddhistischen Kanon hinausgeht. Sie erfuhren Einzelkulte, bekamen eigene Tempel und wurden schließlich soweit an die einheimischen Götter (kami (kami 神 = japanische Gottheit→ mehr dazu)) angeglichen, dass sie heute auch in Shinto Schreinen verehrt werden. Diesem Phänomen ist die folgende Seite der Glücksgötter gewidmet.
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