Gespenster und Totengeister

Religion-in-Japan > Geister
(Weitergeleitet von Geister)
Wechseln zu: Navigation, Suche

An der Schnittstelle von volkstümlicher Religion und Erzählkunst begeg­nen wir in Japan einer gestal­ten­rei­chen Welt von Fabel­wesen und Gespens­tern, die mit den Menschen teils in bös­williger, teils in freund­licher Absicht kommunizieren. Da ihre Handlungen zumeist unbe­rechen­bar sind, gelten sie in jedem Fall als unheimlich. Beson­ders in der Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …⇒)-Zeit (1600–1867) erfuhren Geschich­ten aus dieser Geister­welt (kaidan (kaidan 怪談Gespenstergeschichte )), etwa die „Geschichten unter dem Regen­mond“ (Ugetsu monogatari) von Ueda Akinari, aber auch zahlreiche Holzdrucke (ukiyoe (ukiyoe 浮世絵„Bilder der fließenden Welt“, populäre Holzblockdrucke der Edo-Zeit …⇒)) von über­natürl­ichen Wesen einen regel­rechten Boom. In dieser Zeit ent­wickelte sich eine Ge­spens­ter­typo­logie, die noch heute bekannt ist und in modernen Filmen oder Manga immer wieder auf­ge­grif­fen wird. Dabei lassen sich im Wesent­lichen zwei Arten von über­natür­lichen Wesen unter­scheiden:

  1. die Fabelwesen (yōkai (yōkai 妖怪Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster )), die permanente Gemeinschaften am Rande der menschlichen Gesellschaft bilden. Zu ihnen zählen z.B. die Tengu, die Oni und andere geisterhafte Wesen, aber auch Tiere mit magischer Begabung wie Füchse, Schlangen und andere.
  2. die Seelen der Verstorbenen (yūrei (yūrei 幽霊Totengeist )), die noch nicht vollständig ins Jenseits (bzw. in eine neue Wiedergeburtsform) hinübergewechselt sind. (Natürlich gibt es auch einige Grenzfälle zwischen den beiden Gruppen.)

Während auf den folgenden Seiten von yōkai die Rede ist, befasst sich diese Seite mit dem Glauben an die Totengeister.

Totengeister (yūrei)

yurei.jpg

Totengeist (Yūrei)

Buchillustration (Blockdruck, Farbe); aus der Serie Kaibutsu gahon (Gespenster Bilderbuch), 1882
Bild © Kinsei fūzoku zue database, Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2011/6)

Totengeist auf einem nächtlichen Friedhof. Die Darstellung stammt aus der Meiji-Zeit, es handelt sich allerdings um die Kopie einer Abbildung des Gelehrten und Malers Toriyama Sekien (1712–1788) aus dem Jahr 1776.

Gemäß einer in Japan alteingesessenen Vorstellung kann jeder Tote, auch wenn er ein makelloses Leben geführt hat, zum Gespenst werden, wenn er nicht ordentlich bestattet wird, bzw. wenn ihm der Weg ins Jenseits versperrt ist, weil sich niemand seines Leichnams annimmt. Dieser Weg ist in jedem Fall eine beschwer­liche Reise. Und immer, wenn etwas auf dieser Reise schief geht, kann es sein, dass der Geist des Verstorbenen seine Hinter­blie­benen in Träumen oder in realen Erschei­nungen heim­sucht. In der Edo-Zeit etablierte sich die heute noch geläufige Gestalt dieser yūrei, die bemer­kens­werte Ähn­lich­keiten mit euro­päi­schen Gespens­tern aufweist: Mit weißem Toten­gewand (shini shōzoku (shini shōzoku 死に装束Totengewand …⇒), zu dem auch eine dreieckige Stirnkappe — hitaikakushi — gehört) und langen aufge­lösten Haaren schweben die yūrei nebel­haft über dem Boden. Ihre Arme sind meist zur Brust hochgezogen, doch die Hände hängen schlapp herunter. Obwohl eine derartige Figur a priori unheimlich ist, wird sie erst dann wirklich gefährlich, wenn es sich um einen Rache­geist (onryō (onryō 怨霊Rachegeist )) handelt. Meist haben diese Geister im Leben beson­deres Unrecht erlitten oder sind unter großen Qualen gestorben.

Der Kult um „erhabene Geister“ (goryō)

Vokabel

  • bakemono (bakemono 化け物Gespenst, Geist; wtl. verwandeltes Wesen ) oder o-bake (o-bake お化けGespenst, Geist; wtl. „Verwandeltes“ …⇒): wtl. „verwandelte Wesen“; geläufigste Ausdrücke für Gespenster und andere übernatürliche Erscheinungen.
  • yōkai (yōkai 妖怪Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster ): Fabelwesen, auch magisch begabte Tiere.
  • yūrei (yūrei 幽霊Totengeist ): wtl. „dunkle Geister“; Totengeister.
  • onryō (onryō 怨霊Rachegeist ): Rachegeister.
  • goryō (goryō 御霊„erhabener“ [Rache]Geist ): Hochgestellte Rachegeister.
  • goryō shinkō (goryō shinkō 御霊信仰Glaube an Totengeister ): Glaube an, bzw. Kult für goryō.
  • sorei (sorei 祖霊Ahnenseele ): Ahnengeist, Ahnenseele.
  • reikon (reikon 霊魂Geist, Seele …⇒) oder tamashii (tamashii Geist, Seele …⇒): Seele, Totenseele. Neutraler Ausdruck.
  • oni (oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister …⇒): Dämon, Teufel.

Die etablierten religiösen Institutionen haben den Glauben an rächende Toten­geister nicht etwa als Aber­glaube abgetan, son­dern ihn im Gegen­teil immer schon gefördert. Dem Religions­historiker Bernard Faure zufolge hat sich der Buddhis­mus unter anderem deshalb in Ost­asien etablieren können, weil er die vor-buddhis­tische Vor­stellung der grollenden Toten­geister absor­bierte und beson­ders erfolg­ver­spre­chende Rituale für die Re­inte­gration dieser Seelen entwickelte (Faure, The red thread, ch. 1).

Bereits im frühen Buddhismus finden wir Zere­monien, die bei­spiels­weise nach kriege­rischen Schlachten durch­geführt wurden, um die Geister der Gefal­lenen (vor allem die der Gegner!) von Rache­akten abzu­halten. Auch im höfischen Shinto gibt es seit dem Altertum eine Zere­monie zur Be­sänf­tigung der Geister (chinkonsai (chinkonsai 鎮魂際Zeremonie zur Beruhigung der Totengeister )), die allerdings nicht explizit an Toten­geister gerichtet ist. Wenn sich Un­glücks­fälle trotz solcher Zere­monien häuften, so suchte und fand man die Ursache in den Rache­geistern von beson­ders ein­fluss­reichen Per­sonen, die in diesem Fall als „erha­bene Geister“ (goryō (goryō 御霊„erhabener“ [Rache]Geist )) bezei­chnet wurden. Um diese „erha­benen Geister“ zu besänf­tigen, half oft nur noch, sie in den Status einer Gottheit (kami (kami japanische Gottheit …⇒)) zu erheben und ihnen einen eige­nen Schrein zu errichten.

kitanotenjin_engi_metny.jpg

Chronik des Kitano Tenjin Schreins (Kitano tenjin engi)

Querbildrolle, Detail. Kamakura-Zeit, 13. Jh.; 29,8 x 863 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art, New York. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Fletcher Fund, 1925

Sugawara no Michizanes Geist in Gestalt eines zürnenden Donnergottes.

Sugawara no Michizanes Geist in Gestalt eines zürnenden Donnergottes

Das berühmteste Beispiel eines solchen Schreins stellt der Kitano Tenman-gū (Kitano Tenman-gū 北野天満宮Kitano Tenman Schrein (Kyoto) …⇒) in Kyoto dar. Er wurde im Jahr 959 zu Ehren des Hofadeligen Sugawara no Michizane (Sugawara no Michizane 菅原道真Heian-zeitl. Staatsmann und Gelehrter, 845–903 …⇒) (845–903) errichtet. Michizane, ein überragender Staatsmann und Gelehrter, war einer Hofintrige wegen in die Verbannung geschickt worden und verstarb, bevor das Fehlurteil rückgängig gemacht werden konnte. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu allerlei Naturkatastrophen und ungewöhnlichen Todesfällen bei Hof und in der Familie des Tenno, welche die Hofastrologen schließlich Michizanes Wirken zuschrieben. Auf mittelalterlichen Querbildrollen, die diese Geschehnisse anschaulich darstellen, erkennt man, dass Michizanes Rachegeist als gehörnter Donnergott, der Blitze in den kaiserlichen Palast schleudert, imaginiert wurde. Um diesen gefährlichen goryō zu besänftigen, wurde er zum Kami erklärt und in einem Schrein „verortet“. Zusätzlich erhielt er alle Ehrungen inklusive der höchsten Hofränge, die ihm zu Lebzeiten versagt blieben. Heute ist Michizane vor allem unter dem Beinamen Tenjin bekannt. Er gilt als Gott der Gelehrsamkeit und der Dichtung und verfügt neben seinen zwei Hauptschreinen in Kyoto und Kyushu über ein ausgedehntes Netz von Tenjin-Zweigschreinen in ganz Japan. (Mehr dazu auf der Sidepage Gottheit und Schreine des Tenjin-Glaubens.)

Abgesehen von Michizane wurden auch zahlreiche Tenno, denen übel mitgespielt worden war, als goryō angesehen. Für sie gibt es in Kyoto seit dem Altertum einen Goryō Schrein, in dem sie kollektiv verehrt werden. Es scheint allerdings, als wäre der Ausdruck goryō auf die Geister der Hofaristokratie beschränkt. Mitglieder des Schwertadels (Samurai) wurden kaum je Gegenstand eines goryō-Kultes. Eine mögliche Ausnahme stellt Taira no Masakado (Taira no Masakado 平将門Heian-zeitlicher Rebel, ?–940 …⇒) (?–940) dar, ein Kriegeradeliger der Heian-Zeit, der schon damals versuchte, das politische Ruder zugunsten seiner Zunft zu wenden und zu diesem Zweck eine Rebellion anzettelte, die jedoch scheiterte. Er blieb jedoch in den Augen späterer Samurai ein Vorbild und wurde auch als Schreingottheit verehrt, z.B. im heutigen Kanda Schrein in Tokyo. Die Entstehung dieses Kultes trägt ähnliche Züge wie der Goryō-Kult, mischte sich doch Furcht vor dem rächenden Geist mit Bewunderung für kriegerische Heldentaten. Der Ausdruck goryō selbst war aber wohl doch zu erhaben für einen Krieger aus den östlichen Provinzen.[1]

Totengeister in Literatur und Kunst

Neben monsterartigen Fabelwesen (yōkai (yōkai 妖怪Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster )) und Dämonen (oni (oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister …⇒)) tauchen Totengeister schon in der buddhistischen Erzählliteratur der Heian Zeit auf (v.a. im Konjaku monogatari (Konjaku monogatari 今昔物語„Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext …⇒)). Im Mittelalter stießen Geistergeschichten vor allem im Nō-Theater auf großes Interesse. Zwei von fünf Hauptgenres des Nō sind ruhelosen Geistern gewidmet, nämlich die Krieger- und die Wahnsinnsstücke. Erstere behandeln meist tragische Helden aus den klassischen Kriegerepen wie Heike monogatari (Heike monogatari 平家物語Mittelalterliches Kriegerepos ) oder Taiheiki (Taiheiki 太平記Historisches Epos aus dem späten 14. Jh., behandelt den Konflikt zwischen Nördlichem und Südlichem Kaiserhof ), die auf der Nō-Bühne als Geister wiederkehren. Letztere widmen sich vor allem Frauen, die aufgrund eines schweren Schicksalsschlages oder aus enttäuschter Liebe auch nach dem Tod nicht zur Ruhe kommen. Nachdem die Geister die Schlüsselszenen ihres Lebens in Tanz und Gesang vorgetragen haben, enden die Stücke zumeist mit ihrer erfolgreichen Befriedung durch einen buddhistischen Mönch.

Auch im Edo-zeitlichen Bunraku- und Kabuki Theater treten zahlreiche Totengeister auf, allerdings geht es hier wesentlich actionreicher zu als im Nō. Im Vordergrund stehen die schauerlichen Aspekte der Geschichten, welche mit Hilfe von ausgetüftelten Bühnentricks in Szene gesetzt wurden. Yūrei und yōkai wurden aber auch in illustrierten Büchern und Einzeldrucken bildlich dargestellt (s. dazu die Sidepage „Horror Klassiker“) und sogar in eigenen Enzyklopädien erfasst. Besonders gegen Ende der Edo-Zeit, im neunzehnten Jahrhundert scheinen die grollenden Rachegeister (onryō (onryō 怨霊Rachegeist )) eine enorme Anziehungskraft auf das Publikum ausgeübt zu haben.

Heutige Praktiken

Beim japanischen Bon-Fest, das jährlich im August abgehalten wird, ist der Glaube an die Rückkehr der Toten nach wie vor präsent. Allerdings handelt es sich hier um Ahnenseelen (sorei (sorei 祖霊Ahnenseele )), die bereits fest im Jenseits verankert sind und zur Bon-Zeit wohlwollend im Diesseits nach dem Rechten sehen. Vor diesen Geistern braucht man sich also nicht zu fürchten. Dennoch ist zu beachten, dass auch das Bonfest ursprünglich ein Ritus war, durch den verstorbene Verwandte, die als Hungergeister wiedergeboren wurden, aus diesem Zustand befreit werden sollten. Man sieht also, dass positiv und angstvoll besetzte Vorstellungen von Totengeistern recht eng bei einander liegen.

Der Glaube an real existierende und in diese Welt zurückkehrende Totenseelen spielt außerdem in Riten der Geisterbeschwörung eine Rolle. In manchen ländlichen Gebieten, insbesondere in Nord-Japan, gibt es nach wie vor religiöse Spezialisten, die bei Bedarf eine Kommunikation mit den Seelen der Toten herstellen. Es handelt sich um die sog. itako (itako イタコblinde Priesterin oder Shamanin ), meist blinde Frauen, die davon leben, dass sie in privaten, häuslichen Ritualen die Seelen der Verstorbenen einer Familie durch sich sprechen lassen. Solche Riten nennt man kuchiyose (kuchiyose 口寄せGeisterbeschwörung, wtl. „Herbeirufung des Mundes“ …⇒) (etwa „durch den Mund heranbringen“). Mit Hilfe der itako kann man Fragen an die Toten stellen und Antworten bekommen. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um alteingesessene Praktiken, nicht um modernen Spiritismus.

Anmerkungen

  1. Masakados Schicksal und Nachleben werden im Heldenepos Shōmonki (Bericht über Masakado, 11. Jh.?) beschrieben. Hier wird angedeutet, dass der goryō des Sugawara no Michizane (s.o.) gemeinsame Sache mit Masakado machte. (Kuroda 1996, S. 329-330)
Weiter zu Mythen: Tengu
Ikonographie
Wiki Account
Namensräume
Varianten
Aktionen
Religion-in-Japan
Updates
Werkzeuge