Neo-Konfuzianismus und konfuzianischer Shintō

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Bernhard Scheid, „Neo-Konfuzianismus und konfuzianischer Shintō.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 27.4.2016). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Neo-Konfuzianismus?oldid=62157

Während der Bud­dhis­mus der frühen Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyōsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit immer stärker zu einem Voll­zugs­organ der staat­lichen Ver­waltung wurde, erwachte inner­halb der intel­lektu­ellen Avant­garde ein neues Inter­esse am Kon­fuzia­nis­mus jukyō 儒教 Konfuzianismus, Lehre des Konfuzius (Kongzi oder Kong Fuzi); wtl. Lehre der Gelehrtensiehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Geschichte/Zen→ Texte/Yin und Yang einer­seits und an der Idee eines eigen­stän­digen japa­ni­schen Shintō Shintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe → mehr ander­er­seits. China, das durch die Ab­schließungs­politik (sakoku sakoku 鎖国 Abschließung des Landes in der Edo-Zeit, 1639–1853siehe auch Christentum ) der Toku­gawa in un­er­reich­bare Ferne gerückt war, wurde von vielen Gelehr­ten als zivi­lisa­tori­sches Leit­bild wieder­ent­deckt, wäh­rend andere in der mythi­schen Ver­gangen­heit Japans nach einem idealen Gesell­schafts­modell suchten. Gemein­sam war beiden Strö­mun­gen, dass sie dem Bud­dhis­mus grund­sätz­lich kri­tisch gegen­über standen, auch wenn viele Intel­lektu­elle ihre Kennt­nisse in bud­dhis­tischen Klös­tern er­worben hatten oder gar als bud­dhis­tische Mönche tätig waren.

Öffentlicher Nutzen

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Zhu Xi

Buchillustration (Papier) von Wang Qi (1565–1614). Ming-Zeit; aus Sancai tuhui (Illustrierte Universalenzyklopädie), 1609
Bild © Bayrische Staatsbibliothek. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

Der neo-konfuzianische Philosoph Zhu Xi (1130–1200), hier unter seinem Pseudonym Zhu Huian.

Zhu Xi

Unter den Ein­flüssen aus China übte v.a. der soge­nannte Neo-Kon­fuzia­nis­mus in Ge­stalt der Lehren des chine­si­schen Philo­sophen Zhu Xi Zhu Xi (chin.) 朱熹 1130–1200; chin. Philosoph; Begründer des Neo-Konfuzianismussiehe auch→ Geschichte/Kokugaku (auch Chu Hsi, 1130–1200, jap. Shushi) eine große An­ziehungs­kraft auf die intel­lektu­elle Avant­garde der frühen Edo-Zeit aus. Im Gegensatz zum klas­sischen Kon­fuzi­anis­mus, der ja im wesent­lichen eine Philo­sophie der staats­bürger­lichen Rechte und Pflich­ten dar­stellt und sich daher vor allem auf das Dies­seits be­zieht, be­schäftigte sich Zhu Xi auch mit Fra­gen des Über­natür­lichen und der Religion und ent­wickel­te ein Erklä­rungs­modell des Kos­mos, das viele Be­rüh­rungs­punkte mit dem Bud­dhis­mus auf­weist. Zu­gleich be­diente er sich aber auch klas­sischer kon­fuziani­scher Kon­zepte, vor allem der Kate­gorien „öffentlich“ (kō, ōyake „öffentlich“) und „privat“ (shi, watakushi shi „privat“). Dieser Gegen­satz kann auch durch die Be­griffe „gemein­nützig“ und „eigen­nützig“ aus­ge­drückt werden und ent­hält eine ein­deuti­ge Wer­tung zu­guns­ten des „Öffent­lichen“. Unter kon­fuzia­nischen Gesichts­punk­ten ist nur das von Wert, was dem all­gemei­nen Wohl der Öffent­lich­keit dient, „öffent­lich“ ist somit gleich­be­deu­tend mit „gut“. Sämt­liche private Interes­sen werden da­ge­gen poten­tiell schäd­lich für Gesell­schaft und Staat auf­ge­fasst und werden ent­sprechend negativ be­wertet.

Für die Edo-zeit­lichen Ge­lehrten stellten die Kate­gorien öffent­lich und privat den Aus­gangs­punkt einer funda­men­talen Kritik an den her­ge­brachten Formen des Bud­dhis­mus dar, weil dieser sich zu wenig um das gesell­schaft­liche Gemein­wohl küm­mern würde. Eine un­mittel­bare Konse­quenz dieser Kritik war die zuneh­mende Ableh­nung eso­terisch-buddhis­tischer Wis­sens­vermitt­lung: Geheim­lehren, die nur münd­lich von Meister zu Schüler weiter­ge­geben werden durften, galten den Kon­fuzia­nern als etwas „Privates“ oder „Eigen­nütziges“, das ab­zu­lehnen war. Reli­giöse Wahr­heiten sollten der Öf­fent­lich­keit dienen und all­ge­mein zu­gäng­lich sein. Die da­mals weit ver­brei­teten For­men des eso­teri­schen Bud­dhis­mus wurden aus der Sicht der kon­fuzia­nischen Kritik zum In­begriff eigen­nütziger Ge­heim­nis­krämerei.

Die Entdeckung der Geschichte

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Die Große Geschichte Japans

Große Geschichte Japans (Dai Nihon-shi)

Buchbände, wahon. 1869
Bild © Blog. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

Einige Bände der Dai Nihon-shi im Format der Edo-Zeit.

Ein weiterer Reiz lag für die Intel­lektu­ellen der Edo-Zeit in der konfu­ziani­schen Ge­schichts­philo­sophie. Schon Kon­fuzius hatte den Sinn von Geschichte darin gesehen, der Gegen­wart einen „Spiegel“ vorzu­halten. Einer­seits fand er in der Geschichte Vor­bilder einer guten Herr­schaft, anderer­seits aber auch ab­schrecken­de Bei­spiele. Kon­fuzius benützte Geschichte mit einem Wort als didak­tisches Mittel, um die gegen­wärtige Politik zu kriti­sieren oder zu loben. Spätere Kon­fuzianer folgten ihm darin. Manche kriti­sierten ihre Herr­scher, andere boten sich als Ideo­logen an, um deren Herr­schaft zu legitimieren.

In jedem Fall musste die Geschichte zunächst in einer Weise präsen­tiert werden, dass sich aus ihr Gutes und Schlechtes heraus­lesen ließ. Konfu­zianische Histori­ker sahen sich daher nicht als neutrale Be­richter­statter oder objek­tive Chronisten, sondern erach­teten es als ihre Aufgabe, die Prinzi­pien einer guten Politik aus der Geschichte heraus zu des­til­lieren. Dieses Ziel ver­folgte u.a. auch Sima Qian Sima Qian (chin.) 司馬遷 145?–86? v.u.Z.; Han-zeitlicher Historiker, Begründer der chinesischen Historiographiesiehe auch Dainihonshi → Mythen/Imaginaere Tiere , der Anfang der Han-Zeit die erste umfas­sende Geschichte Chinas schrieb und damit stil­prägend wirkte.

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Hayashi Razan

Buchillustration (Tusche, Papier); aus Sentetsu zōden, 1845
Bild © National Institute for Japanese Literature. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

Der konfuzianische Gelehrte Hayashi Razan, Autor von Werken wie Honchō tsugan ( Geschichte Japans, 1670).

Hayashi Razan

Es ist daher kein Zufall, dass Anfang der Edo-Zeit eine Reihe monu­men­taler Ge­schichts­werke unter konfu­ziani­schem Ein­fluss ent­standen. So legte etwa der Hof-Kon­fu­zianer des Shōguns, Hayashi Gahō Hayashi Gahō 林鵞峰 1618-1680; war ein Neo-Konfuzianischer Gelehrter und Hof-Konfuzianer des Shōguns (1618–1680), im Jahr 1670 eine Ge­schich­te Japans (Honchō tsugan Honchō tsugan 本朝通鑑 Geschichte Japans von Hayashi Gahō und Hayashi Razan; 1670 fertiggestellt; 310 Bände) in 310 Bänden (oder Fas­zikeln) vor, an der er und sein Vater, Hayashi Razan Hayashi Razan 林羅山 1583–1657; Neo-Konfuzianischer Gelehrtersiehe auch→ Geschichte/Zen jahr­zehnte­lang im Auftrag des Shōgunats ge­arbei­tet hatten. Zur gleichen Zeit begann Tokugawa Mitsukuni Tokugawa Mitsukuni 徳川 光圀 1628–1701; Daimyō von Mito-han, konfuzianischer Gelehrter und Historikersiehe auch→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi→ Geschichte/Bakumatsu→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri , der Daimyō von Mito, seine „Große Ge­schichte Japans“ (Dai Nihon-shi Dai Nihon-shi 大日本史 Gesamtdarstellung der japanischen Geschichte bis 1392 in 397 Bänden, verfasst zw. 1657 und 1906siehe auch Dainihonshi → Texte/Jinno shotoki→ Geschichte/Bakumatsu ), ein noch um­fang­reiche­res Projekt, das 1720 in frag­men­tari­scher Form ver­öffent­licht, aber erst 1906, also nach etwa 250 Jahren, in Form von knapp 400 Bänden abge­schlos­sen wurde. In beiden Fällen folgten die Histo­riker chine­sischen Vor­bil­dern, indem sie sich strikt an den Re­gie­rungs­zeiten der Tennō und nicht etwa an den Herr­schafts­perio­den der Shōgune orien­tierten.

Das nationale Erbe

Mit der Be­tonung der eigenen Ver­gangen­heit kamen aber auch Ele­mente ins Spiel, die die japani­schen Kon­fuzia­nisten von China ent­frem­deten, da sie ja da­nach trach­teten, Japan als eine China zumin­dest eben­bürtige Zivili­sation darzu­stellen. Daher fühlten sich viele Intel­lektu­elle zum auf­kom­men­den Shintō hin­ge­zogen. Die durch den Yoshida Shintō Yoshida Shintō 吉田神道 mittelalterl. Shintō-Richtung, begründet von Yoshida Kanetomosiehe auch Shinto Mittelalter → Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Texte/Yuiitsu shinto myobo yoshu bereits seit Ende des fünf­zehn­ten Jahr­hun­derts propa­gierte Idee eines „reinen Shintō“, der weder von chine­sischen noch von indi­schen Gedan­ken getrübt sei, fiel in der frühen Edo-Zeit auf frucht­baren Boden und be­gann auch außer­halb des Einfluss­be­reichs der Yoshida Priester Früchte zu treiben. Obwohl von der Grund­haltung her xeno­phob und daher auch gegen China gerichtet, sahen shintō­istische Er­neuerer der frühen Edo-Zeit im Bud­dhis­mus ihren Haupt­gegner und sym­pathi­sierten daher mit der Bud­dhis­mus­kritik der Konfu­zianer. Umgekehrt entwickel­ten die nam­haftes­ten Ver­treter des japanischen Neo-Kon­fuzia­nismus wie Hayashi Razan oder Yamazaki Ansai Yamazaki Ansai 山崎闇斎 1618–1682; Neo-Konfuzianist und Shintō-Theologe (1618–1682) jeweils auch ihre eigenen Visionen einer shintō­istischen Lehre.

Somit bildete sich also eine anti-bud­dhisti­sche Front aus neo-kon­fuziani­schen Intel­lektuel­len und Shintō-Priestern, die immer wieder von einzelnen Feudal­herren unter­stützt wurde. In einzelnen Dai­myaten wurde sogar das terauke System, also die Zwangs­mit­glied­schaft bei einem lokalen Tempel, durch eine Art jinja-uke, also die Zwangs­mit­glied­schaft bei einem lokalen Schrein ersetzt. Zu den promi­nentes­ten För­derern der shintō-kon­fuziani­schen Reform­ideen zählten Hoshina Masayuki Hoshina Masayuki 保科正之 1611–1673; Daimyō von Aizu-han, konfuzianischer Gelehrter (1611–1672), Daimyō von Aizu und Regent des Shōgun Ietsuna, oder der bereits er­wähnte Toku­gawa Mitsu­kuni, der durch sein Ge­schichts­projekt zum Mäzen der neo-kon­fuzia­nischen Mito-Schule wurde.

Den­noch kann man meiner An­sicht nach nicht sagen, dass der Neo-Kon­fuzia­nismus die offizielle Staats­ideologie der Tokugawa dar­stellte, wie in der älteren Fach­literatur häufig an­ge­nommen. In reli­giösen Fragen machte sich das Shōgunat eine politi­sche Linie zu eigen, die einer­seits autoritär, anderer­seits aber prag­matisch und eklek­tizis­tisch war: Bud­dhis­mus ja, aber in „gezähmter Form“. Dazu wo immer brauch­bar auch Kon­fuzianis­mus und Shintō. In dieser ideo­logi­schen Un­be­stimmt­heit liegt wahr­schein­lich der größte Unter­schied der Toku­gawa Religions­politik zu den zeit­gleichen Ent­wick­lungen in Europa. Obwohl da wie dort ähn­liche, d.h. inquisi­torische Methoden der ideo­logi­schen Kon­trolle ein­gesetzt wurden, grün­dete diese Kon­trolle im Fall des Chris­ten­tums auf einer rigiden Dog­matik, im Fall Japan hin­gegen auf einem pragma­tisch er­stellten Katalog ver­bote­ner Lehren. Es gab natür­lich dogma­tische neo-kon­fuzia­nische Staats­denker, doch ihre Theorien waren ledig­lich so etwas wie ein intel­lektuel­les Experi­mentier­feld der frühen Edo-Zeit, das die tat­säch­liche reli­giöse und reli­gions­politi­sche Praxis nur am Rande betraf.

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Gelehrter beim nächtlichen Studium

Malerei (Papier, Tusche) von Totoya Hokkei. Edo-Zeit, 1822–1830; 27 x 41,5 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)
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