Japans ‚christliches Jahrhundert‘

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Bernhard Scheid, „Japans ‚christliches Jahrhundert‘.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 30.4.2016). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Christentum?oldid=62351X
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Franciso de Xavier

Ölbild. Frühe Edo-Zeit, nach 1619; 61 × 48,7cm
Bild © Kōbe City Museum. (Letzter Zugriff: 2015/08/24)

Francisco de Xavier (1506–1552), der heilige Franz Xaver, war der Begründer der japanischen Jesuitenmission. Wie viele christliche Artefakte in Japan wurde auch dieses Bild, in Folge der Christenverfolgungen ab 1622, Jahrhunderte lang unter Verschluss gehalten und erst 1920 wieder entdeckt. Man nimmt an, dass das Bild von einem japanischen Maler stammt, der von den Jesuiten in europäischer Maltechnik ausgebildet wurde.

   
. 1 Der Heilige Franz Xaver

Die ersten Missio­nare, die Japan Mitte des sech­zehnten Jahr­hun­derts erreichten, wurden — wie bereits erwähnt — sehr wohl­wol­lend auf­ge­nom­men. 1549 er­reichte der spa­nische Jesuit Francisco de Xavier Francisco de Xavier 1506–1552; spanischer Mönch und Missionar, Mitbegründer des Jesuitenordens, zuständig für die Missionierung Ostasiens; auch als der Heilige Franz Xaver bekannt, der Hei­lige Franz Xaver, das Land und er­richtete erste Mis­sions­schu­len. Von ihm ist über­liefert, dass er „unter den Heiden“ kein Volk ge­fun­den habe, welches dem Chris­ten­tum zu­gäng­licher sei als die Japaner. Wie in ande­ren Erd­teilen, die im Zeit­alter der Ent­deckun­gen von Euro­päern er­schlos­sen wurden, ging die An­kunft der Mis­sio­nare auch in Japan Hand in Hand mit der Auf­nahme von Han­dels­bezie­hungen nach Europa. Der rasche Missions­erfolg, der aus Franz Xavers Worten spricht, dürfte nicht zu­letzt mit diesem Handel in Ver­bin­dung stehen.

Ins­besondere im Norden der Insel Kyūshū fanden die Missionare in lokalen Macht­habern wie Ōmura Sumitada Ōmura Sumitada 大村純忠 1533–1587; erster christlicher Daimyō; getauft 1563, Ōtomo Sōrin Ōtomo Sōrin 大友 宗麟 1530–1587; christlicher Daimyō in Kyūshū oder Arima Harunobu Arima Harunobu 有馬晴信 1561?–1612; christlicher Daimyō in Kyūshū mäch­tige Gönner, die schließ­lich sogar selbst zum Chris­ten­tum über­traten. Sie über­ließen den Portu­giesen die Stadt Nagasaki, die bald zu einem neuen Handels­zentrum empor wuchs und zu­gleich auch das Zentrum der jesui­tischen Mission darstellte. Von dort aus gelang es zu­nächst jesui­tischen, später auch franzis­kanischen Missio­naren, eine beträcht­liche Gefolg­schaft in Kyūshū auf­zu­bauen. Als nächstes konzen­trierte man sich auf die Haupt­stadt Kyōto, wo die Chris­ten durch den damals mächtig­sten Kriegs­fürsten und Reichs­einiger Oda Nobunaga Oda Nobunaga 織田信長 1534–1582, Kriegsfürst, Reichseinigersiehe auch Reichseinigung → Bauten/Bekannte Tempel→ Alltag/Moenche/Wuerdentraeger→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Geschichte/Amidismus→ Geschichte/Nichiren → mehr wohl­wollende Duldung, wenn nicht gar För­derung erfuhren.

Kultureller Austausch

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Schiff der Südlichen Barbaren (nanban-bune)

Wandschirm, byōbu, Detail. Edo-Zeit, frühes 17. Jh.; 169 × 363 cm
Bild © Rijksmuseum, Amsterdam (AK-RAK-1968-1-A). (Letzter Zugriff: 2015/5)

Wandschirm mit europäischen „Barbaren“ (nanban). Kurz vor der Vertreibung der Europäer aus Japan zogen diese großes Interesse auf sich. An Bord des Schiffes sind europäisch-hellhäutige und dunkelhäutige (indische?) Personen zu sehen. Die dunkelhäutigen sind Diener und Matrosen.

. 2 Schiff der Südlichen Barbaren

Die exotischen Handelswaren, Schiffe, Kleider und Gebräuche erregten im damaligen Japan großes Aufsehen und wurden detailreich auf gold­grun­dierten Wand­schirmen fest­gehalten, die heute unter der Genre­bezeich­nung nanban byōbu nanban byōbu 南蛮屏風 Wandschirme mit Motiven europäischer Händler aus dem 16. und 17. Jahrhundert („Wandschirme der süblichen Barbaren“) bekannt sind. Man kann darauf gut erkennen, dass die europäischen Schiffe zum Großteil mit dunkel­häutigen Matro­sen bemannt waren. Wahr­schein­lich waren es Inder aus Goa, von wo aus die Portu­giesen damals ihre süd- und ost­asiati­schen Koloni­sations- und Handels­politik koordi­nierten. Auch die Jesu­iten hatten dort ihren wich­tigsten Stützpunkt. Insofern ist die Bezeich­nung „südlich“ für diese ge­mischte Gruppe von „Bar­baren“ nicht un­richtig.

Lingoa de Iapam.jpg
. 3Lingoa de Iapam

Lingoa de Iapam

Buchillustration (Papier). 1604
Bild © Wikisource. (Letzter Zugriff: 2015/8/3)

Titelblatt des Wörterbuches Arte da lingoa de Iapam von João Rodrigues (1561/62–1633).

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Bodhisattva oder „Christenfürst“?

Hängerollbild, kakemono (Seide, Farbe, Gold), Detail. Frühe Edo-Zeit; Seiun-ji, Yamatomura, Präfektur Yamanashi; 150 x 60 cm
Bild © Kōshū-shi. (Letzter Zugriff: 2011/11/30)

Offiziell handelt es sich hier um ein Abbild des buddhistischen Bodhisattvas Kokūzō (skt. Akashagarbha), der häufig mit einem Wunschjuwel, das er in Brusthöhe hält, dargestellt wird. Auf dieser Darstellung fällt allerdings auf, dass das „Wunschjuwel“ eher einem Reichsapfel mit einem Kreuz, also einem christlichen Herrschaftssymbol gleicht. Auch der Mantel des Dargestellten entspricht nicht der gängigen Bodhisattva Ikonographie. Schließlich sind in dem Gewand vier Gesichter versteckt, die ebenfalls Rätsel aufgeben. Die lange in einer Schachtel verwahrte Darstellung, deren Ursprung im Dunklen liegt, dürfte jedenfalls unter christlichem Einfluss entstanden sein.

Laut dem Japanologen Detlev Schauwecker, einem Spezialisten des „christlichen Zeitalters“ in Japan, handelt es sich in der Tat um ein Portrait des christlichen Daimyōs Arima Harunobu (1561?-1612). In den Jesuitendramen der Barockzeit tritt dieser unter dem Namen Protasio von Aryma als Idealtyp des japanischen „Christenfürsten“ auf. Tatsächlich wurde er auf Grund seines Glaubens unter Tokugawa Ieyasu verbannt und schließlich zum Tode verurteilt. Japanische Quellen deuten allerdings darauf hin, dass er dem Christentum zuvor abschwor. Sollte die vorliegende Darstellung tatsächlich Arima Harunobu abbilden, so zeigt sie ihn jedenfalls in einer perfekten Überblendung christlicher und buddhistischer Attribute.

Eine andere Theorie sieht die Darstellung in der Tradition des chinesischen Nestorianismus, also einer frühen Abspaltung des Christentums, die sich schon vor der Missionierung im 16. Jh. bis China verbreitet hatte.

. 4 Arima Harunobu

Das Chris­ten­tum wurde wohl zunächst für eine exo­tische Form des Bud­dhis­mus ge­halten, da sich die ersten Dol­metscher natürlich bud­dhis­tischer Termini bedienten. Auch das links ab­ge­bildete Portrait des „Christen­fürsten“ Arima Harunobu Arima Harunobu 有馬晴信 1561?–1612; christlicher Daimyō in Kyūshū zeigt, dass zu­mindest die reli­giöse Bild­sprache der frühen japanischen Christen stark dem Bud­dhis­mus verpflichtet war.

Die Jesuiten bemühten sich aller­dings konsequent, die Landes­sprache zu erlernen, den Konver­tierten Latein und Portu­giesisch bei­zu­bringen und schließ­lich christliche Schriften ins Japanische zu über­tragen. Be­rühmte Bei­spiele dieser kultu­rellen An­näherung stellen das Japani­sch-Portu­giesische Wörter­buch Nippo jisho Nippo jisho 日葡辞書 jap.-portugiesisches Wörterbuch, 1603 von jesuitischen Missionaren kompiliert; auch Vocabulario da lingoa de Iapamsiehe auch→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo (1603) und das Gramvmatik­buch Arte da lingoa de Iapam Arte da lingoa de Iapam Japanisches Grammatikbuch in portugiesischer Sprache, 1604 unter der Leitung des portugiesischen Missionars João Rodrigues in Japan fertiggestellt (1604) dar, die beide unter Anleitung des Missionars und Linguisten João Rodrigues João Rodrigues 1561/62–1633; portugiesischer Missionar der Jesuiten in Japan; betreute die Entstehung von Nippo jisho und Arte da lingoa de Iapam entstanden. Sie sind nicht nur ein Zeichen für die Ernst­haftig­keit und den missio­narischen Eifer der Jesuiten, sie stellen dar­über hinaus eine un­er­setz­liche Quelle zur Syntax und zum Vokabular des damaligen Umgangs­japanisch dar.

Trotz dieser durchaus ernst gemeinten Bemü­hungen um einen Dialog mit der japa­nischen Kultur im Dienste der Mission blieb das Chris­ten­tum den meisten japanischen Macht­habern doch in derselben Weise ver­dächtig, wie einzelne fun­da­men­ta­listisch-bud­dhis­tische Sekten: Es war nicht bereit, den grund­sätz­lichen Konsens zu teilen, dass letzt­lich alle (tolerierbaren) Religions­formen die gleiche Wahr­heit aus­drücken. Diese Grund­haltung des Bud­dhis­mus (s. Einführung) wurde auch von welt­lichen Herrschern ge­teilt.

Verbote und Repressionen

Nach Nobunagas Er­mor­dung im Jahr 1582 übernahm sein Gefolgs­mann Toyotomi Hideyoshi Toyotomi Hideyoshi 豊臣秀吉 1537–1598, Feldherr, Diktator; be­kannt als der zweite von drei Reichs­eini­gern am Ende der „Zeit der kämp­fen­den Länder“ (Sengoku Jidai)siehe auch→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Ikonographie/Dainichi/Daibutsu→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku→ Mythen/Symboltiere→ Geschichte/Amidismus → mehr (1537–1598) die Füh­rung seiner Truppen und setzte den Eini­gungs­prozess des Landes zügig fort. Bei einer Inspek­tions­tour durch Kyūshū 1587 erlebte er den dorti­gen Erfolg der Christen mit eige­nen Augen und begann Zweifel an der Toleranz seines Vor­gän­gers zu hegen. Wie Nobunaga hatte auch er die Erfah­rung ge­macht, dass gerade die­jenigen feind­lichen Heere, die von reli­giösen Gruppie­rungen ge­führt wurden, am schwie­rigs­ten zu unter­werfen waren. Obwohl die Christen ihm nicht feind­lich ent­gegen­traten, sah er in ihnen offen­bar auf­rührerisches Potential. Daher begann er Verbote gegen das Christen­tum aus­zu­sprechen und die Missionare des Landes zu verweisen. Da Hideyoshi aber weiter am Handel mit den Portu­giesen interessiert war, scheinen seine Ver­bote des Chris­ten­tums nicht kon­se­quent um­ge­setzt worden zu sein. Erst zehn Jahre später, im Jahre 1597 (ein Jahr vor Hide­yoshis Tod) kam es zu ersten brutalen Repres­sionen, denen auch die be­kannten 26 Märtyrer von Nagasaki zum Opfer fielen.

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Orte und Schlachten des 16. und 17. Jahrhunderts

Tokugawa Ieyasu Tokugawa Ieyasu 徳川家康 1543–1616; 1. Tokugawa Shōgun; Reichseinigersiehe auch Reichseinigung → Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko → mehr (1543–1616), der dritte der „Drei Reichs­einiger“, betrieb nach seiner Macht­ergrei­fung (1600, bzw. 1603) vor­über­gehend eine tolerantere Politik — noch war auch er am Handel mit den Portu­giesen inter­essiert. Als aber immer mehr euro­päische Protes­tanten (Holländer, Engländer) nach Japan kamen, verloren die Portu­giesen ihr Handels­monopol. Zugleich wurde auch der euro­päische Religions­streit zwischen Katholiken und Protestanten in Japan sicht­bar. Ieyasu sah sich daraufhin nicht länger genötigt, die von ihm als potentiell ge­fähr­lich ein­gestuf­te fremde Religion zu dulden. 1613 kam es neuerlich zu einem totalen Verbot (Bateren tsuihōrei Bateren tsuihōrei 伴天連追放令 Verordnung zur Vertreibung der christl. Missionare durch Tokugawa Ieyasu; 1613), Missio­nare, japanische Christen und sogar christliche Daimyō Daimyō 大名 Territorialfürst, Titel des Kriegeradelssiehe auch Reichseinigung → Geschichte/Amidismus→ Geschichte/Terauke→ Geschichtsperioden→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e → mehr wurden des Landes ver­wiesen oder hingerichtet.

Unter Ieyasus Nach­folgern verstärkten sich die Repres­sionen, Christen wurden sys­tema­tisch aus­ge­forscht. Da sie für ihren un­be­dingten Glauben bekannt waren, ließen sie sich identi­fizieren, indem man sie zwang, auf Bildern von Jesus oder Maria oder auf Kruzi­fixen herum­zu­trampeln. Wer dies ver­weigerte, ent­larvte sich als Christ und wurde zu­meist ge­kreuzigt. Diese Praxis wurde als fumie fumie 踏み絵 „Bildertreten“; Zwangsmaßnahme zur Entlarvung von Christen, wtl. „Bildertreten“ be­zeichnet. 1622 kam es neuerlich zu öffent­lichen Hin­rich­tungen in Nagasaki, denen 51 Christen zum Opfer fielen.

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Christenverfolgung

Verordnung zur Christenverfolgung

Gesetztafel (Holz). 1682
Bild © 26 Martyrs

Eine Holztafel mit einer Verordnung aus dem Jahr 1682, durch welche die Belohnungen für die Überführung von Christen festgelegt wurde:

Verordnung

Der christliche Glaube (kirishitan shūmon) ist seit langem verboten. Wer einen Verdächtigen entdeckt, muss ihn den Be·hörden melden. Als Be·lohnung gibt es

500 Siber·münzen für die An·zeige eines Priesters (bateren)
300 Silbermünzen für die An·zeige eines Mönchs·bruders (iruman)
den gleichen Betrag für einen Re·kon·ver·tierten (tachikaerimono)
100 Silber·münzen für einen Laien.

Auch wenn der An·zei·gende selbst Christ ist, bekommt er 500 Silbermünzen oder den der Anzeige ent·sprechenden Betrag. Wenn jemand aber einen Priester oder Mönch ver·steckt, so wird auch der Vor·steher (nanushi) seines Dorfes, die Nach·bar·schafts·gruppe (goningumi) und die ganze Ver·wandt·schaft bestraft.

Im Jahr Tenna 2 (1682), 5. Monat


切支丹宗門は累年御制禁たり自然不審成もの有之は申出へし御ほうびとして

はてれんの訴人 銀五百枚
いるまんの訴人 銀三百枚
立かへり者の訴人 同断
同宿并宗門の訴人 銀百枚

右之通可被下之たとひ同宿并宗門之内たりといふとも訴人に出る品により銀五百枚可被下之隠置他所よりあらはるゝにおゐては其所之名主并五人組迄一類ともに 可被処厳科者也仍下知如件

天和二年五月日

Die Repres­sionen erreichten 1637 und 38, zur Zeit der sog. Shimabara Shimabara 島原 Halbinsel in der Präfektur Nagasaki; bekannt für den Aufstand japanischer Bauern 1637–1638 (Shimabara-Rebellion), bei dem 37.000 überwiegend christliche Aufständische getötet wurdensiehe auch→ Karte Rebellion in Kyūshū, ihren Höhe­punkt. Der Grund für diesen Auf­stand lag wohl haupt­sächlich in der exzes­siven Be­steuerung der Bauern, doch wurde das Chris­ten­tum, das ja in Kyūshū tatsächlich besonders verbreitet war, als Ursache ge­brand­markt. Die Rebellion wurde niedergeschlagen, fast 40.000 Auf­ständische wurden dabei ge­tötet. In der Folge wurde die Ver­folgung der Christen auf ganz Japan ausgedehnt. Um zu gewähr­leisten, dass in keinem japa­nischen Haus­halt mehr Christen lebten, mussten sich alle Japaner in die Gläubigen­register der bud­dhis­tischen Tempel eintragen lassen (s. terauke System). Bald getraute sich nie­mand mehr, sich öffent­lich zum Chris­ten­tum zu bekennen, im Unter­grund blieben aber einige Gemeinden (die sog. „Krypto-Christen“, kakure kirishitan kakure kirishitan 隠れキリシタン „Krypto-Christen“; christliche Geheimbünde) bis zur frühen Meiji Meiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benanntsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Alltag/Jahr → mehr -Zeit, genauer bis zur Auf­hebung des Chris­ten­bannes 1873, bestehen. Interessanter­weise gibt es bis heute Nach­fahren dieser Krypto-Christen, die lieber bei ihrer heimlich über­lieferten Version des Chris­ten­tums bleiben, statt sich der katholischen „Mutter­kirche“ anzuschließen.

  deshima 1790.jpg

Dejima

Buchillustration (Papier) von Shiba Kōkan (1747–1818); aus Saiyū ryodan 西遊旅譚 (Vergnügungsreise in den Westen), 1790
Bild © Japan Netherlands Exchange in the Edo-Period, National Diet Library, Tōkyō. (Letzter Zugriff: 2015/7/13)

Skizze der künstlichen Insel Dejima (oder Deshima) in der Bucht von Nagasaki, die den einzigen europäischen Handelsstützpunkt der Edo-Zeit darstellte. Die dort Ansässigen waren offiziell alles Holländer. Sie wurden streng kontrolliert und durften die Insel nur selten und in Begleitung verlassen, stellten aber für viele Japaner auch einen faszinierenden Anziehungspunkt dar. So auch für den Maler und Autor Shiba Kōkan (1747–1818), der Deshima besuchen durfte und hier unter anderem die westliche Ölmalerei erlernte. Das über Deshima nach Japan gebrachte Wissen wurde „Holland-Wissenschaft“ (rangaku) genannt. Shiba Kōkan war auch als Gelehrter in dieser Wissenschaft aktiv und gilt als großer Popularisierer von westlicher Wissenschaft und Kunst im Edo-zeitlichen Japan.

Im rechten Bildteil steht: „Die Holländer haben auf Deshima einen Kyūshū-Stützpunkt errichtet. Jedes Jahr bringen sie aus ihrem Land 55 Silber-monme nach Japan.“ Das bezieht sich möglicherweise auf die „Miete“, die die Holländer für Dejima zahlen mussten. Im linken Bildteil sind die Ausmaße der Insel verzeichnet. Demnach war die fächerförmige Insel 35 kan (ca. 63m) breit und maß an der Außenseite 180 kan (ca. 324m).

 

. 5 Der Handelsstützpunkt Dejima, um 1790

Mit dem abso­luten Verbot des Chris­ten­tums setzte in Japan auch die „Politik der Ab­schlie­ßung des Landes“ (sakoku sakoku 鎖国 Abschließung des Landes in der Edo-Zeit, 1639–1853siehe auch→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus ) ein, die bis zur er­zwung­enen Öffnung des Hafens von Yokohama durch den ameri­kanischen Admiral Perry Matthew Perry 1794–1858; amerikanischer Admiral (Commodore), der 1853–1854 die Öffnung der japanischen Häfen für amerikanische Schiffe erwirktesiehe auch Bakumatsu → Geschichte/Staatsshinto→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e (1853) bei­be­halten wurde. Einziges Fenster zur euro­päischen Welt war der nieder­ländische Handels­stütz­punkt auf Dejima Dejima 出島 künstliche Insel in der Bucht von Nagasaki; während der Edo-Zeit war hier der einzige europäische Handelsstützpunktsiehe auch→ Karte , eine künst­liche Insel im Hafen von Nagasaki, deren Zugang vom Shōgunat streng kontrolliert wurde.

Gründe der Christenverfolgung

Die japanischen Christen­ver­folgungen sind nicht nur als Aus­druck von be­sonderer Fremden­feind­lich­keit oder Anti-Chris­tianismus zu sehen, viel­mehr wurden alle reli­giösen Gruppen, die mit dem Anspruch auf­traten, allein selig­machend zu sein, auf ähnliche Weise be­handelt. Ähnlich wie die Christen wurden auch einzelne radikale Frak­tionen der Nichiren Nichiren 日蓮 1222–1282; Begründer des Nichiren Buddhismussiehe auch Nichiren → Grundbegriffe/Weltbild→ Geschichte/Kamakura→ Geschichte/Neue Religionen→ Geschichte/Shinto Mittelalter/Kamikaze → mehr - und Amida Amida 阿弥陀 Buddha Amitabha; Hauptbuddha der Schulen des Reinen Landes (Jōdo-shū bzw. Jōdo Shinshū)siehe auch Amida → Bauten/Tempel→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Mandala→ Alltag/Jahr→ Ikonographie/Mudra → mehr -Schulen als Häretiker ge­brand­markt und verfolgt.

Es gab aber auch politische Gründe, den Einfluss der Europäer zu begrenzen. Wahr­schein­lich hatte sich auch in Japan herum­ge­sprochen, dass die euro­päi­schen Mächte in Indien zu dieser Zeit bereits einige Landes­teile kolonisiert hatten und nicht zögern würden, selbiges auch in Japan zu ver­suchen. In der Tat offen­baren jesui­tische Quellen, dass es unter den Jesuiten auch eine Fraktion in den Mönch­stand ge­tretener Hidalgos gab, die ernsthaft darüber nach­dachten, Japan mit mili­tärischer Gewalt zu unterwerfen.

Im übrigen waren sich Hideyoshi und Ieyasu sehr wohl der Rolle be­wusst, die der Handel, bzw. neue, aus Europa impor­tierte Techno­logien bei der Reichs­einigung ge­spielt hatten: Dank neuer Kriegs­techno­logien gelang es den „progressiveren“ unter den Kriegs­herren, die existierende mili­tärische Patt­stellung zu kippen und mehr und mehr Ver­bündete auf ihre Seite zu ziehen. Als dieser Prozess der Einigung ab­ge­schlossen war, trachtete das Tokugawa Shōgunat danach, die Vor­teile, die ihm zur Macht verholfen hatten, poten­ziellen Gegnern zu ver­wehren. Da aber Daimyō, die das Chris­ten­tum förderten, zweifel­los privilegierte Be­ziehungen zum euro­päischen Handel hatten, standen die neuen Herrscher über kurz oder lang vor der Wahl, ent­we­der selbst das Chris­ten­tum zu fördern oder es zu verbieten, und entschieden sich für das letztere.

Schließlich darf man nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, vor dem Hintergrund asiatischer Traditionen den Vorstellungen des Christentums Glauben zu schenken. Das Befremden, das selbst aufgeklärte Japaner des 19. Jahrhunderts gegenüber dem Christentum empfanden, drückt sich noch in den Berichten der ersten japanischen Diplomaten aus, die sich nach der Öffnung Japans (1868) im Rahmen der sogenannten Iwakura Mission (1871–1873) auf Inspektionsreise in die führenden, christlich geprägten Industrienationen begaben. Über die Figur Jesu Christi schreibt der Iwakura-Chronist Kume Kunitake Kume Kunitake 久米邦武 1839–1931, japanischer Gelehrter der Meiji-Zeit; als junger Mann Sekretär der Iwakura Mission (1871–73), später Professor für Geschichte an der Kaiserlichen Universität Tōkyōsiehe auch Staatsshinto u.a. folgendes:

Every city in the West has blood-stained images of this dead man being taken down from a cross, with streaks of blood running down his body. These images are hung on the walls and placed in the corners of rooms, giving one the impression that one is passing through a cemetery or lodging at a place of execution. Is this not a strange custom?1

Verweise

Fußnoten

  1. Der Bericht erschien 1878 auf Japanisch. Zitiert nach Kume 2009, S. 98.

Bilderläuterungen

  1. Franzxaver.jpg

    Franciso de Xavier

    Ölbild. Frühe Edo-Zeit, nach 1619; 61 × 48,7cm
    Bild © Kōbe City Museum. (Letzter Zugriff: 2015/08/24)

    Francisco de Xavier (1506–1552), der heilige Franz Xaver, war der Begründer der japanischen Jesuitenmission. Wie viele christliche Artefakte in Japan wurde auch dieses Bild, in Folge der Christenverfolgungen ab 1622, Jahrhunderte lang unter Verschluss gehalten und erst 1920 wieder entdeckt. Man nimmt an, dass das Bild von einem japanischen Maler stammt, der von den Jesuiten in europäischer Maltechnik ausgebildet wurde.

       

  2. Nanbanbune2.jpg

    Schiff der Südlichen Barbaren (nanban-bune)

    Wandschirm, byōbu, Detail. Edo-Zeit, frühes 17. Jh.; 169 × 363 cm
    Bild © Rijksmuseum, Amsterdam (AK-RAK-1968-1-A). (Letzter Zugriff: 2015/5)

    Wandschirm mit europäischen „Barbaren“ (nanban). Kurz vor der Vertreibung der Europäer aus Japan zogen diese großes Interesse auf sich. An Bord des Schiffes sind europäisch-hellhäutige und dunkelhäutige (indische?) Personen zu sehen. Die dunkelhäutigen sind Diener und Matrosen.

  3. Lingoa de Iapam.jpg

    Lingoa de Iapam

    Buchillustration (Papier). 1604
    Bild © Wikisource. (Letzter Zugriff: 2015/8/3)

    Titelblatt des Wörterbuches Arte da lingoa de Iapam von João Rodrigues (1561/62–1633).

  4. Arima harunobu.jpg

    Bodhisattva oder „Christenfürst“?

    Hängerollbild, kakemono (Seide, Farbe, Gold), Detail. Frühe Edo-Zeit; Seiun-ji, Yamatomura, Präfektur Yamanashi; 150 x 60 cm
    Bild © Kōshū-shi. (Letzter Zugriff: 2011/11/30)

    Offiziell handelt es sich hier um ein Abbild des buddhistischen Bodhisattvas Kokūzō (skt. Akashagarbha), der häufig mit einem Wunschjuwel, das er in Brusthöhe hält, dargestellt wird. Auf dieser Darstellung fällt allerdings auf, dass das „Wunschjuwel“ eher einem Reichsapfel mit einem Kreuz, also einem christlichen Herrschaftssymbol gleicht. Auch der Mantel des Dargestellten entspricht nicht der gängigen Bodhisattva Ikonographie. Schließlich sind in dem Gewand vier Gesichter versteckt, die ebenfalls Rätsel aufgeben. Die lange in einer Schachtel verwahrte Darstellung, deren Ursprung im Dunklen liegt, dürfte jedenfalls unter christlichem Einfluss entstanden sein.

    Laut dem Japanologen Detlev Schauwecker, einem Spezialisten des „christlichen Zeitalters“ in Japan, handelt es sich in der Tat um ein Portrait des christlichen Daimyōs Arima Harunobu (1561?-1612). In den Jesuitendramen der Barockzeit tritt dieser unter dem Namen Protasio von Aryma als Idealtyp des japanischen „Christenfürsten“ auf. Tatsächlich wurde er auf Grund seines Glaubens unter Tokugawa Ieyasu verbannt und schließlich zum Tode verurteilt. Japanische Quellen deuten allerdings darauf hin, dass er dem Christentum zuvor abschwor. Sollte die vorliegende Darstellung tatsächlich Arima Harunobu abbilden, so zeigt sie ihn jedenfalls in einer perfekten Überblendung christlicher und buddhistischer Attribute.

    Eine andere Theorie sieht die Darstellung in der Tradition des chinesischen Nestorianismus, also einer frühen Abspaltung des Christentums, die sich schon vor der Missionierung im 16. Jh. bis China verbreitet hatte.

  5. Deshima 1790.jpg

    Dejima

    Buchillustration (Papier) von Shiba Kōkan (1747–1818); aus Saiyū ryodan 西遊旅譚 (Vergnügungsreise in den Westen), 1790
    Bild © Japan Netherlands Exchange in the Edo-Period, National Diet Library, Tōkyō. (Letzter Zugriff: 2015/7/13)

    Skizze der künstlichen Insel Dejima (oder Deshima) in der Bucht von Nagasaki, die den einzigen europäischen Handelsstützpunkt der Edo-Zeit darstellte. Die dort Ansässigen waren offiziell alles Holländer. Sie wurden streng kontrolliert und durften die Insel nur selten und in Begleitung verlassen, stellten aber für viele Japaner auch einen faszinierenden Anziehungspunkt dar. So auch für den Maler und Autor Shiba Kōkan (1747–1818), der Deshima besuchen durfte und hier unter anderem die westliche Ölmalerei erlernte. Das über Deshima nach Japan gebrachte Wissen wurde „Holland-Wissenschaft“ (rangaku) genannt. Shiba Kōkan war auch als Gelehrter in dieser Wissenschaft aktiv und gilt als großer Popularisierer von westlicher Wissenschaft und Kunst im Edo-zeitlichen Japan.

    Im rechten Bildteil steht: „Die Holländer haben auf Deshima einen Kyūshū-Stützpunkt errichtet. Jedes Jahr bringen sie aus ihrem Land 55 Silber-monme nach Japan.“ Das bezieht sich möglicherweise auf die „Miete“, die die Holländer für Dejima zahlen mussten. Im linken Bildteil sind die Ausmaße der Insel verzeichnet. Demnach war die fächerförmige Insel 35 kan (ca. 63m) breit und maß an der Außenseite 180 kan (ca. 324m).

     

Literatur

Michael Cooper 1965
They Came to Japan: An Anthology of European Records on Japan, 1543–1640. London: Thames & Hudson 1965.
George Elison 1973
Deus Destroyed: The Image of Christianity in Early Modern Japan. Cambridge, Ma: Harvard University Press 1973.
Kume Kunitake 2009
Japan Rising: The Iwakura Mission to the USA and Europe 1871–1873. Cambridge: Cambridge University Press 2009. [Erste Auflage 1879, gekürzte Ausgabe der engl. Übersetzung in 5 Bd., 2002, hg. Chushichi Tsuzuki und R. Jules Young.]
Jap maria 17jh.jpg
Japanisches Rollbild mit Marien­darstellung, 17. Jh.
Quelle: 26 Martyrs Museum, Nagasaki [2010/8]
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