Kamakura-Zeit: Alter und Neuer Buddhismus

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Bernhard Scheid, „Kamakura-Zeit: Alter und Neuer Buddhismus .“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 18.8.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Kamakura?oldid=56085X

Die Kamakura Kamakura 鎌倉 Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shōgunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit)siehe auch→ Ikonographie→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Ikonographie/Jizo→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr -Zeit beginnt mit einem politischen Umbruch: Minamoto no Yoritomo Minamoto no Yoritomo 源頼朝 1147–1199; Feldherr, Staatsmann, Begründer des Minamoto Shōgunatssiehe auch→ Mythen/Symboltiere/Tauben→ Texte/Jinno shotoki (1147–1199) geht 1185 siegreich aus dem so­ge­nannten Genpei Krieg Genpei Gassen 源平合戦 Krieg zwischen den Minamoto (Gen) und den Taira (Hei, bzw. Pei), 1180–1185siehe auch→ Bauten/Schreine/Shimenawa→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Ikonographie/Dainichi/Daibutsu→ Ikonographie/Waechtergoetter/Nio → mehr , einem landesweiten Bürger­krieg zwischen den beiden Krieger­dynastien Taira Taira Kriegerfamilie, die im 12. Jh. um die pol. Vorherrschaft in Japan kämpfte und Minamoto Minamoto Kriegerfamilie, die 1185 eine neue Herrschaftsdynastie begründete: Kamakura Shōgunat, 1185–1333siehe auch→ Geschichte/Zen→ Geschichtsperioden hervor, setzt sich damit an die Spitze des Krieger­adels und begründet unter dem Titel Shōgun Shōgun 将軍 Shōgun; Titel der Militärherrscher aus dem Kriegeradelsiehe auch→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Dainichi/Daibutsu→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Honji suijaku→ Geschichte/Reichseinigung → mehr eine neue Herr­scher­dynastie mit Sitz in Kamakura, unweit des heutigen Tōkyō. Er beendet damit die politische Hege­monie des Tennō Tennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmelssiehe auch Goetter der Erde → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Weltbild→ Alltag/Opfergaben→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr -Hofes, doch wird dieser nicht ab­ge­schafft, sondern bleibt weiter­hin in der alten Haupt­stadt Kyōto (Heian-kyō Heian-kyō 平安京 urspr. Name der Stadt Kyōto; wtl. Stadt des Friedens; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Geographie ) bestehen. Der politische Wechsel folgt auf eine lange Phase der politischen De­zentra­lisie­rung, also einer Schwä­chung der Zentral­macht, verbunden mit dem Aufstieg lokaler Militär­macht­haber (Krieger­adel, buke buke 武家 Kriegeradel; die führenden Kriegerklanssiehe auch→ Geschichte/Zen oder Samurai, bushi bushi 武士 Krieger, Samuraisiehe auch→ Geschichte/Zen→ Geschichtsperioden→ Bauten/Bekannte Schreine/Hachiman ), vor allem in den Provinzen Ostjapans. Im Zuge dieser De­zentra­lisie­rung ver­breitet sich auch der Bud­dhis­mus immer stärker außerhalb des politischen Zentrums und der kulturellen Eliten.

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Aus Sicht des Hofadels (kuge kuge 公家 Hofadel; die führenden höfischen Familiensiehe auch→ Geschichte/Zen→ Geschichte/Bakumatsu ) ändert sich das Leben dennoch nicht allzu drastisch. Die mächtigen Fujiwara Fujiwara 藤原 mächtigste Adelsfamilie im jap. Altertumsiehe auch Fruehzeit → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr verheiraten ihre Söhne und Töchter nun auch mit den ehemals verachteten Krieger­häusern und parti­zipieren auf diese Weise immer noch an politischen Ent­scheidungs­prozessen. Die anderen Hof­familien erfüllen weiterhin ihre ange­stammten kulturellen und religiöse Funk­tionen. Der traditionelle Status­unterschied von Hof- und Kriegeradel, der sich in einem rigiden System höfischer Ränge ausdrückt, bleibt nach wie vor aufrecht und verschleiert die tat­säch­lichen Macht­ver­hält­nisse. Dieses doppelte System von Macht und Status bleibt bis zum Beginn der Moderne — und in gewisser Weise auch noch danach — ein charakteristisches Element der politischen Struktur Japans.

Die Zeit nach dem Umbruch ist daher weiterhin politisch instabil. Obwohl sich der Kaiser­hof vorder­hand damit abfindet, die Ent­schei­dungen des Kamakura Shōgunats formal ab­zu­segnen, stellt die Möglich­keit seiner politischen Neu­er­star­kung eine per­ma­nente latente Be­drohung für den Shōgun dar. Ende des drei­zehnten Jahr­hunderts kommt schließ­lich eine Gefahr von außen dazu: die Mongolen, die innerhalb von fünfzig Jahren China und Korea er­obert haben, sehen auch in Japan ein lohnendes Angriffs­ziel. 1274 und 1281 kommt es zu groß­an­ge­legten Angriffen, die der Über­liefe­rung zufolge jeweils durch „göttliche Winde“ (kamikaze kamikaze 神風 Götterwindsiehe auch→ Alltag/Opfergaben→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Geschichte/Shinto Mittelalter/Kamikaze→ Texte/Jinno shotoki ) ver­eitelt werden. Trotz der erfolg­reichen Ver­tei­digung der territorialen Integrität des Landes schwächen die gewaltigen Militär­aus­gaben, die der Mongolen­angriff mit sich bringt, das Shōgunat. 1333 kommt es schließlich zu neuen dynastischen Kämpfen, aus denen 1336 die Familie der Ashikaga Ashikaga 足利 Kriegerfamilie, die 1336 eine neue Herrschaftsdynastie begründete: Ashikaga Shōgunat, 1336–1573siehe auch→ Geschichte/Zen→ Geschichtsperioden sieg­reich her­vor­geht und ein neues Shōgunat, diesmal wieder in der alten Hauptstadt Kyōto begründet. Die neue Epoche wird heute als Muromachi Muromachi 鎌倉 Stadtteil in Kyōto; Sitz des Ashikaga Shōgunats 1336–1573 (= Muromachi-Zeit)siehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Stereotype→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Mythen/Goetter des Himmels/Uzume→ Geschichte/Amidismus → mehr -Zeit bezeichnet und stellt zusammen mit der Kamakura-Zeit das japanische Mittelalter dar.

Neue buddhistische Richtungen

Religionsgeschichtlich ist der Beginn des japanischen Mittel­alters durch das Auf­treten ver­schie­dener religiöser Gründer­figuren cha­rakte­risiert: Hōnen Hōnen 法然 1133–1212; Gründer der Jōdo-shū, der Schule vom Reinen Landsiehe auch Amidismus → Geschichte/Nichiren (1133–1212), Shinran Shinran 親鸞 1173–1262; Gründer der Jōdo Shin-Schulesiehe auch→ Geschichte/Amidismus→ Geschichte/Nichiren (1173–1262), Dōgen Dōgen Kigen 道元希玄 1200–1253; Begründer des Sōtō Zen; auch Eihei Dōgen.siehe auch Zen → Ikonographie/Heilige/16 Rakan (1200–1253) und Nichiren Nichiren 日蓮 1222–1282; Begründer des Nichiren Buddhismussiehe auch Nichiren → Grundbegriffe/Weltbild→ Geschichte/Neue Religionen→ Geschichte/Shinto Mittelalter/Kamikaze→ Texte/Sutra → mehr (1222–1282) ver­breiten jeweils neu­artige Lehren und stehen damit für eine Welle der Er­neue­rung inner­halb des ja­pa­nischen Bud­dhis­mus, die man auch als „Neuen Buddhismus“ der Kamakura-Zeit — im Unterschied zum „Alten Buddhismus“ der Tendai Tendai-shū 天台宗 Tendai Schule, chin. Tiantaisiehe auch Dainichi → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Alltag/Yamabushi → mehr - und Shingon Shingon-shū 真言宗 Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortessiehe auch Kukai → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Tempel/Pagoden → mehr -Schulen sowie der so­ge­nannten Nara Nara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyōsiehe auch Nara → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Tempel→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Ise Izumo→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga → mehr -Schulen — bezeichnet.

Die starken Reformkräfte innerhalb des Buddhismus dieser Zeit sind wahr­schein­lich der Aus­brei­tung des Bud­dhis­mus in breitere Be­völke­rungs­schichten zuzu­schreiben. Vor allem der Amida Amida 阿弥陀 Buddha Amitabhasiehe auch Amida → Bauten/Tempel→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Mandala→ Alltag/Jahr→ Ikonographie/Mudra → mehr -Bud­dhis­mus mit seinem starken Glauben an die Er­ret­tung in Amidas Reinem Land jōdo jōdo 浄土 Reines Land, Paradiessiehe auch Amida → Mythen/Paradiese→ Geschichte/Heian Zeit→ Geschichte/Amidismus→ Geschichte/Zen lässt sich als Antwort auf das Bedürfnis nach einer einfachen, für jeder­mann prakti­kablen Form der bud­dhis­tischen Religions­aus­übung auf­fassen. Im Unter­schied zu den etablierten Schulen hatten die amidis­tischen Reformer nicht mehr nur die ge­sell­schaft­lichen Eliten im Auge und waren nicht mehr bereit, sich in den Dienst ihrer Inte­ressen zu stellen. Sie predigten auf öffent­lichen Plätzen und scharten Anhänger aus allen ge­sell­schaft­lichen Schichten um sich. Das hatte einer­seits einen breiten Zulauf zur Folge, anderer­seits brachte es die Amidisten bald mit den staatlichen Autoritäten in Konflikt.

Aber auch die neuen Führungseliten aus dem „Kriegeradel“ suchten und fanden neue religiöse Formen, namentlich im Zen-Buddhismus. Die neuen Rich­tungen des Bud­dhis­mus breiteten sich also nicht gleich­mäßig in der Be­völke­rung aus, sondern jeweils in spezi­fischen Schichten: Bauern­schaft und niederer Krieger­adel tendierten, wenn sie nach religiösen Alter­nativen suchten, zum Amidis­mus, die all­gemeine Stadt­bevölkerung fühlte sich von Nichiren Nichiren 日蓮 1222–1282; Begründer des Nichiren Buddhismussiehe auch Nichiren → Grundbegriffe/Weltbild→ Geschichte/Neue Religionen→ Geschichte/Shinto Mittelalter/Kamikaze→ Texte/Sutra → mehr und seinen An­hängern an­ge­sprochen, der höhere Krieger­stand vom Zen-Buddhismus.

Auf den nächsten Seiten werden die Gründer dieses Neuen Bud­dhis­mus als Re­prä­sen­tanten der Kamakura-zeitlichen Religions­geschichte genauer vor­ge­stellt. Ich möchte jedoch gleich vorweg auch die Kritik erwähnen, die in jüngerer Zeit gegen die über­mäßige Betonung von Figuren wie Hōnen, Shinran, Dōgen oder Nichiren vorgebracht wurde. Trotz ihrer inno­vativen Ideen stellten diese Mönche inner­halb der religiösen Welt des ja­pa­nischen Früh­mittel­alters nur eine kleine Minder­heit dar, deren Bedeutung sich erst retro­spektiv, durch den späteren Erfolg ihrer Lehren ergibt. Dieser Erfolg ist aber nicht selten auf die An­stren­gungen der Nach­folger zurück­zu­führen, die dabei die ur­sprüng­lichen Intentionen der Gründer stark ver­änderten. Dies trifft ganz besonders auf Rennyo Rennyo 蓮如 1415–1499; Mönch der Jōdo Shin-Schulesiehe auch→ Geschichte/Amidismus , den er­folg­reichen Reformator der Jōdo Shinshū Jōdo Shinshū 浄土真宗 Shin-Buddhismus, bzw. Jōdo Shin-Buddhismus; wtl. „Wahre Schule des Reinen Landes“siehe auch Amidismus → Bauten/Bekannte Tempel→ Alltag/Ahnenkult→ Geschichte/Zen→ Mythen/Jenseits/Totenreich aber auch auf diverse Zen- und Nichiren-Mönche der Muromachi-Zeit zu. Die Erfolge des Neuen Bud­dhis­mus sind also nicht allein auf die Ideen seiner Gründer zurück­zu­führen, sondern auch darauf, dass es spätere Gene­rationen ver­standen, diese Lehren geschickt an sich verändernde ge­sell­schaft­liche Ver­hältnisse anzu­passen, ohne sich dabei allzu streng an die Thesen der Gründerväter zu halten.

Buddhismus und Krieg

Sieht man sich die religiöse Bilderwelt oder auch die Erzähl­literatur der Kamakura-Zeit genauer an, so fällt auf, dass hier Gestalten des eso­terischen Bud­dhis­mus, der von den „alten Schulen“ Tendai und Shingon ver­treten wurde, eine wesent­lich größere Rolle spielen, als dies nach den Lehren des „Neuen Buddhismus“ der Fall sein dürfte. Auf­fallend ist vor allem die stetige Zunahme von furcht­ein­flößenden Figuren wie myōō myōō 明王 wtl. Licht-König, auch „Mantra-König“ oder „Weisheits-König“; skt. Vidyārājasiehe auch Myoo → Ikonographie→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Ikonographie/Myoo/Fudo → mehr und tenbu tenbu 天部 Gruppe der indischen bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva)siehe auch Waechtergoetter → Ikonographie→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Gluecksgoetter → mehr . Un­will­kürlich ist man geneigt, die Beliebtheit dieser kriege­rischen Wächter­figuren des eso­te­rischen Bud­dhis­mus mit den kriege­rischen Um­wäl­zungen des japanischen Mittel­alters in Verbindung zu bringen.

Dieser Eindruck ist keineswegs unrichtig. Die buddhistischen Klöster des ja­pa­nischen Mittel­alters werden heute oft als die Haupt­gewinner im Spiel der Mächtigen jener Zeit an­ge­sehen. Gerade im Krieg kam ihnen eine ganz besondere Funktion zu. Nach all­ge­meinem Glauben beruhte nämlich der Aus­gang einer Schlacht nur zum Teil auf dem militärischen Geschick der Kon­tra­henten. Mindestens ebenso wichtig war der Bei­stand von kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Schreine→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Omairi → mehr und Buddhas बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre/Vier Wahrheiten→ Ikonographie → mehr und ein Gut­teil der Kriegs­vor­berei­tungen bestand daher in der Ab­haltung ent­spre­chender religiöser Zeremonien. Diese Zeremonien wandten sich meist nicht direkt an die höchsten Buddhas, sondern an ihre „Manifestationen“ in kriege­rischer Form, zu denen unter anderem auch ein­heimische kami gezählt wurden. (Siehe dazu auch „Die Angriffe der Mongolen“.) Eine weitere Funktion des Bud­dhis­mus im Krieg war die Betreuung der Toten. Die Ji-Sekte Ji-shū 時宗 Amida-Schulrichtung aus der Kamakura-Zeit, gegründet von Ippensiehe auch Amidismus , eine Fraktion des Amida-Buddhismus, spezialisierte sich bei­spiels­weise auf die Bestattung von Gefallenen.

Benkei_kuniyoshi.jpg

Kriegermönch Musashi-bō Benkei

Farbholzschnitt von Utagawa Kuniyoshi. Ca. 1832

Der Kriegermönch Benkei, der treueste Vasall des Helden Minamoto no Yoshitsune.

Kriegermönch Benkei

Die mächtigsten religiösen Institutionen spielten in den Kriegswirren des Mittel­alters im übrigen eine ähn­liche Rolle wie die katho­lische Kirche zur gleichen Zeit in Europa: Sie unter­stützten die kriegs­führenden Parteien nicht nur durch Riten und Gebete, sie griffen sogar selbst aktiv ins Kampf­ge­schehen ein, vor allem wenn es um die Ver­teidi­gung oder Er­weite­rung der eigenen Territorial­rechte ging. Klöster wie der Enryaku-ji Enryaku-ji 延暦寺 Haupttempel des Hiei Klosterbergssiehe auch Saicho → Bauten/Bekannte Tempel→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Honji suijaku→ Geschichte/Reichseinigung → mehr auf Berg Hiei Hiei-zan 比叡山 Klosterberg Hiei bei Kyōto, traditionelles Zentrum des Tendai Buddhismussiehe auch Bekannte Tempel → Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Jizo/Osorezan→ Mythen/Symboltiere→ Geschichte/Saicho→ Geschichte/Kukai → mehr oder der Kōfuku-ji Kōfuku-ji 興福寺 Tempel des Hossō-Buddhismus; einer der Sieben Großen Tempel von Narasiehe auch Bekannte Tempel → Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Shinto-Goetter/Kasuga Mandala→ Geschichte/Nara→ Geschichte/Saicho → mehr in Nara Nara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyōsiehe auch Nara → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Tempel→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Ise Izumo→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga → mehr zählten zu den größten Grund­besitzern der damaligen Zeit und hielten zu ihrer Ver­teidi­gung gefürchtete Armeen von Mönchs­soldaten (sōhei sōhei 僧兵 Kriegermönch, Mönchssoldatsiehe auch→ Bauten/Bekannte Tempel ) aufrecht, die auch unter der Be­zeich­nung akusō akusō 悪僧 Kriegermönch; wtl. „schlechter Mönch“ (wtl. „schlechte Mönche“) bekannt waren. Diese Be­zeich­nung deutet zwar an, dass das Bewusst­sein, als Mönchs­soldat nicht ganz den Idealen des Bud­dhis­mus zu dienen, latent vor­handen war, doch wurden die akusō durchaus als Kämpfer geachtet und galten keines­wegs als mora­lisch tief­stehende Personen. Zu ihnen zählt auch einer der be­kanntesten Helden der japanischen Samurai-Folklore, nämlich Benkei Benkei 弁慶 legendärer Kriegermönch des Genpei-Krieges (?–1189), der treue Begleiter von Minamoto no Yoshitsune.

Das „System esoterischer und exoterischer Lehren“

Ein neuerer Forschungsansatz vertritt daher die Ansicht, dass sich der religiöse Mainstream der Kamakura-Zeit nicht im „Neuen Buddhis­mus“, sondern nach wie vor in den etablierten Schulen Tendai und Shingon finden ließe. Das besondere Augen­merk der traditionellen japa­nischen Buddhis­mus­for­schung auf einzelne Reformer und ihre Lehren würde den Blick auf die tat­säch­lichen Ver­hältnisse ver­stellen. Viel be­deut­samer seien die Ver­änderungen inner­halb des religiösen Establish­ments, aber auch neue sozialen Funktionen der Religion am Rande der Ge­sell­schaft. In diesem Zu­sammen­hang hat etwa Kuroda Toshio Kuroda Toshio 黒田俊雄 1923–1993; Historiker und Religionswissenschaftlersiehe auch Jindo → Grundbegriffe/Weltbild sein berühmtes Modell des kenmitsu taisei kenmitsu taisei 顕密体制 System exoterischer und esoterischer Lehren, des Systems eso­terischer und exo­terischer Lehren, entwickelt. Das kenmitsu taisei stellt nach Kuroda ein komple­mentäres Inei­nander­greifen von geheimen esote­rischen Riten und exote­rischen Dogmen dar und war für die großen religiösen Zentren im Mittel­alter (unabhängig ob Tendai-, Shingon oder sonst wie orientiert) charakteristisch. Der kenmitsu Buddhismus (der natürlich nur eine histo­rische Kon­struktion ist) bediente sich der ver­schiedensten Strö­mungen und Rich­tungen und wandte sie pragmatisch und in enger Ver­flechtung mit den jeweiligen Macht­ver­hältnissen an. Aus theo­logischer Sicht lassen sich die Ver­treter des kenmitsu taisei vielleicht am besten dadurch charak­terisieren, dass sie unter­einander zwar einen relativ hohen Grad an Toleranz aufweisen, sich aber umso ve­he­menter gegen alle aus­schließenden, radikalen, „funda­menta­listischen“ Glaubens­formen wenden, wie sie für viele Vertreter des „Neuen Bud­dhis­mus“ typisch sind.

Trotz der Bedeutung des kenmitsu Buddhismus für die Religion des japanischen Mittel­alters folge ich auf den nächsten Seiten dem traditionellen Schema und be­handle vor allem die Gründer­figuren des sog. „Neuen Buddhismus“. Inner­halb des heutigen japanischen Bud­dis­mus haben ihre Lehren nämlich die alten Schulen über­flügelt und es ist insofern un­er­lässlich, sich mit der Ent­stehung ihrer Ideen aus­einander­zu­setzen. Wer aber Genaueres über die religiöse Be­find­lich­keit von der späten Heian-Zeit bis in die Kamakura- und Muromachi-Zeit erfahren will, dem empfehle ich die Beschäftigung mit buddhistischen Legenden-Sammlungen (setsuwa setsuwa 説話 Lehrerzählung, Lehr-Anekdote; meist in Sammlungen von buddh. Mönchen kompiliertsiehe auch Heian Zeit → Geschichte/Kami Kulte→ Geschichte/Heian Zeit/Zoga→ Alltag/Opfergaben/Selbstopfer ), wie Konjaku monogatari Konjaku monogatari 今昔物語 „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontextsiehe auch→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Mythen/Geister→ Mythen/Tengu→ Mythen/Geister/Kaidan→ Mythen/Verwandlungskuenstler/Tanuki → mehr oder Shasekishū Shasekishū 沙石集 Sammlung buddhistischer Erzählungen und Anekdoten, 1283 verfasst von → Mujū Ichiensiehe auch Zen . Aber auch die berühmten Traktate von gebildeten Laien­mönchen, das Hōjōki Hōjōki 方丈記 „Bericht aus meiner Hütte“, Traktat von Kamo no Chōmei, geschrieben 1212 von Kamo no Chōmei und das Tsurezuregusa Tsurezuregusa 徒然草 „Aufzeichnungen aus Mußestunden“; Gedanken und Anekdoten von Yoshida Kenkō, verfasst ca. 1330–1332 von Kenkō bieten aus­ge­zeich­nete Einblicke in das religiöse Weltbild des Mittelalters.

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