Rituelle Verwünschungen

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Bernhard Scheid, „Rituelle Verwünschungen.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 18.9.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Kamakura/Verwuenschungen?oldid=59719X

Legenden des japanischen Mittel­alters belegen, dass die magische Macht des Bud­dhis­mus in der damaligen Vor­stellungs­welt ein wert­freies Mittel war, das auch für Zwecke ein­gesetzt werden konnte, die aus heutiger Sicht der reinen Lehre des Bud­dhis­mus wider­sprechen. Ein ein­drucks­volles Beispiel findet sich in der Le­gen­de des Heian Heian 平安 alter Name Kyōtos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Bauten/Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Alltag/Opfergaben → mehr -zeitlichen Tendai Tendai-shū 天台宗 Tendai-Schule, chin. Tiantaisiehe auch Dainichi → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Alltag/Yamabushi → mehr -Mönchs Raigō Raigō 頼豪 1002–1084; Tendai-Mönch.

Raigōs Rache

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Raigō

Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Adachi Ginko. 1896

Vor einem esoterischen Goma-Altar, eine vajra-Glocke in der Hand, bereitet Raigō seine Rache vor.

Vor einem esoterischen Goma-Altar, eine vajra वज्र vajra (skt., m.) „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus; jap. kongō 金剛siehe auch →  Vajrapani → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Ikonographie/Mandala→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Mudra → mehr -Glocke in der Hand, bereitet Raigō seine Rache vor. Holzblockdruck von Adachi Ginko, 1896.

Raigō war ein Mönch aus den höchsten Adels­kreisen, der dem Kaiser (Shirakawa Tennō Shirakawa Tennō 白河天皇 1053–1129; 72. Kaiser von Japan; (r. 1073–1087); übte ab 1087 als Ex-Kaiser im geistlichen Stand (daijō hōō) reale Macht aus und begründete damit die Regierung der Klosterkaiser (insei)) mit magischen Zeremonien und Gebeten zu Diensten war, als es darum ging, einen Thron­folger in die Welt zu setzen. Im Gegen­zug sollte sein eigener Tempel (der Mii-dera Mii-dera 三井寺 Tempel am Fuße des Berges Hiei in Shiga-ken; wtl. Drei-Quellen-Tempelsiehe auch→ Karte ), der stets unter dem Diktat des mächtigen Enryaku-ji Enryaku-ji 延暦寺 Haupttempel des Hiei Klosterbergssiehe auch Saicho → Bauten/Bekannte Tempel→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Honji suijaku→ Geschichte/Kamakura→ Geschichte/Reichseinigung → mehr auf Berg Hiei Hiei-zan 比叡山 Klosterberg Hiei bei Kyōto, traditionelles Zentrum des Tendai Buddhismussiehe auch Bekannte Tempel → Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Jizo/Osorezan→ Mythen/Symboltiere→ Geschichte/Saicho→ Geschichte/Kukai → mehr zu leiden hatte, eine eigene Ordinations­platt­form (gleich­bedeu­tend mit religions­politischer Un­ab­hängig­keit) erhalten.

Die Magie zeitigte den ge­wünsch­ten Erfolg und dem Kaiser wurde tatsächlich ein Sohn geboren. Rivali­sierenden Mönche des Enryaku-ji wussten aller­dings zu ver­hindern, dass Raigō seine ver­sprochene Be­loh­nung erhielt. Aus Rache hungerte sich dieser zu Tode und voll­zog dabei ein weiteres Mal magische Riten, um sich nach seinem Tod in einen Rache­geist (goryō goryō 御霊 „erhabener“ [Rache]Geistsiehe auch Geister → Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Ikonographie/Waechtergoetter/Wind und Donner ) zu verwandeln. Als solcher nahm er die Form eine riesigen Ratte an und führte ein Heer von Art­genossen auf Berg Hiei, wo sie die Statuen und heiligen Schrif­ten des Enryaku-ji auf­fraßen. Auch der Thron­folger starb noch im kindlichen Alter — für die Zeit­genossen ohne Zweifel das Resultat von Raigōs Fluch.

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Raigō Ajari

Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi (1798–1861). 19.Jh
Bild © The Kuniyoshi Project. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Der Mönch Raigō vernichtet aus Enttäuschung über ein gebrochenes Versprechen wertvolle Sutrenrollen und widersetzt sich allen Versuchen der Beschwichtigung durch den Gelehrten Ōe no Masafusa.

Raigō widersetzt sich allen Versuchen der Beschwichtigung...
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Ein Mönch als Ratte

Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi
Bild © Kichō shiryō gazō database, (Tōkyō Metropolitan Library). (Letzter Zugriff: 2011/10)

Der Mönch Raigō verwandelt sich aus Rache nach seinem Tod eine riesige Ratte.

... und verwandelt sich schließlich in eine riesige Ratte.

Die Geschichte des Raigō wird in den mittel­alter­lichen Krieger­epen Heike monogatari Heike monogatari 平家物語 „Geschichte der Heike [= Taira]“; Mittelalterliches Kriegerepossiehe auch Geister → Alltag/Opfergaben→ Mythen/Symboltiere/Tauben→ Geschichte/Amidismus und Taiheiki Taiheiki 太平記 Historisches Epos aus dem späten 14. Jh., behandelt den Konflikt zwischen Nördlichem und Südlichem Kaiserhofsiehe auch Geister → Alltag/Opfergaben→ Mythen/Tengu erzählt, sie stellte aber auch den Stoff für Dramen des traditionelles jap. Theater mit charakterstischem Tanz, Gesang und Masken; entwickelte sich 14. Jh. aus dem volkstümlichen dengaku (Feld- oder Bauern-Theater) und avancierte zur repräsentativen Theaterform der Kriegerelite (bushi)siehe auch Geister → Mythen/Symboltiere - und Kabuki Kabuki 歌舞伎 „Gesang- und Tanzkunst“; Anfang des 17. Jhd. aus Musik, Schauspiel und Tanz entwickeltes Theater-Genresiehe auch Kaidan → Mythen/Geister→ Mythen/Verwandlungskuenstler/Kitsune -Theaters dar und wurde schließ­lich ein beliebtes Motiv der ukiyo-e ukiyo-e 浮世絵 „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeitsiehe auch Kaidan → Ikonographie→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Alltag/Pilgerschaft→ Alltag/Matsuri/Phalluskulte→ Mythen/Geister → mehr -Künstler.

Rituale im Krieg

Auch weniger litera­rische Texte belegen, dass bud­dhis­tische Magie keines­wegs auf fromme Zwecke be­schränkt war. Ein mittel­alter­licher Ritual­text der Shingon Shingon-shū 真言宗 Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortessiehe auch Kukai → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Tempel/Pagoden → mehr -Schule erklärt, wie die Form eines Altars mit dem Anlass des Ritus in Ver­bin­dung steht, und verrät dabei, dass unter anderem auch Ver­wün­schungen (von Feinden, gegen die man Krieg führte oder gegen die man einen Krieg plante) den Zweck von Ritualen darstellten:

Ein ring­förmiger Altar wird ge­braucht um Kata­stro­phen zu ver­hindern; ein läng­liches Recht­eck um Wohl­stand und Langes Leben zu erhöhen; ein lotos-förmiger Altar dient für Liebe und Respekt; ein dreieckiger Altar dient für Verwünschungen [...]

Wenn Verwünschungen durch­geführt werden, muss der dreieckige Altar auf jeder Seite mit dem Bild einer Rüstung bemalt werden.

Nach Conlan 2003: 170.

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