Rituelle Verwünschungen

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Bernhard Scheid, „Rituelle Verwünschungen.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 4.9.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte:Kamakura/Verwuenschungen?oldid=37648

Legenden des japanischen Mittelalters belegen, dass die magische Macht des Bud­dhis­mus in der damaligen Vor­stellungs­welt ein wert­freies Mittel war, das auch für Zwecke ein­gesetzt werden konnte, die aus heutiger Sicht der reinen Lehre des Bud­dhis­mus wider­sprechen. Ein ein­drucks­volles Beispiel findet sich in der Legende des Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr -zeitlichen Tendai Tendai-shū 天台宗 Tendai Schule, chin. Tiantaisiehe auch Dainichi → Bekannte Tempel→ Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bekannte Schreine/Nikko→ Yamabushi→ Shaka → mehr -Mönchs Raigō Raigō 頼豪 Tendai-Mönch, 1002–1084.

Raigōs Rache

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Raigō

Blockdruck (Papier, Farbe) von Adachi Ginko. 1896

Vor einem esoterischen Goma-Altar, eine Vajra-Glocke in der Hand, bereitet Raigō seine Rache vor.

Vor einem esoterischen Goma-Altar, eine Vajra-Glocke in der Hand, bereitet Raigō seine Rache vor. Holzblockdruck von Adachi Ginko, 1896.

Raigō war ein Mönch aus den höchsten Adelskreisen, der dem Kaiser (Shirakawa Tennō) mit magischen Zeremonien und Gebeten zu Diensten war, als es darum ging, einen Thron­folger in die Welt zu setzen. Im Gegen­zug sollte sein eigener Tempel (der Mii-dera), der stets unter dem Diktat des mächtigen Enryaku-ji Enryaku-ji 延暦寺 Haupttempel des Hiei Klosterbergssiehe auch Saicho → Bekannte Tempel→ Goetter der Erde/Okuninushi→ Honji suijaku→ Kamakura→ Reichseinigung → mehr auf Berg Hiei zu leiden hatte, eine eigene Ordinations­platt­form (gleich­bedeu­tend mit religions­politischer Un­ab­hängig­keit) erhalten.

Die Magie zeitigte den gewünschten Erfolg und dem Kaiser wurde tatsächlich ein Sohn geboren. Rivali­sierenden Mönche des Enryaku-ji wussten aller­dings zu ver­hindern, dass Raigō seine ver­sprochene Be­loh­nung erhielt. Aus Rache hungerte sich dieser zu Tode und voll­zog dabei ein weiteres Mal magische Riten, um sich nach seinem Tod in einen Rache­geist (goryō goryō 御霊 „erhabener“ [Rache]Geistsiehe auch Geister → Bekannte Schreine/Tenjin→ Waechtergoetter/Wind und Donner ) zu verwandeln. Als solcher nahm er die Form eine riesigen Ratte an und führte ein Heer von Art­genossen auf Berg Hiei, wo sie die Statuen und heiligen Schrif­ten des Enryaku-ji auf­fraßen. Auch der Thron­folger starb noch im kindlichen Alter — für die Zeitgenossen ohne Zweifel das Resultat von Raigōs Fluch.

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Raigō Ajari

Blockdruck (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi (1798–1861). 19.Jh
Bild © The Kuniyoshi Project. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Der Mönch Raigō vernichtet aus Enttäuschung über ein gebrochenes Versprechen wertvolle Sutrenrollen und widersetzt sich allen Versuchen der Beschwichtigung durch den Gelehrten Ōe Masafusa.

Raigō widersetzt sich allen Versuchen der Beschwichtigung...
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Raigō verwandelt sich schließlich in eine riesige Ratte

Blockdruck (Papier, Farbe) von Yoshitoshi
Bild © Kichō shiryō gazō database, (Tokyo Metropolitan Library). (Letzter Zugriff: 2011/10)
... und verwandelt sich schließlich in eine riesige Ratte.

Die Geschichte des Raigō wird in den mittelalterlichen Krieger­epen Heike monogatari Heike monogatari 平家物語 Mittelalterliches Kriegerepossiehe auch Geister → Opfergaben→ Symboltiere/Tauben→ Amidismus und Taiheiki Taiheiki 太平記 Historisches Epos aus dem späten 14. Jh., behandelt den Konflikt zwischen Nördlichem und Südlichem Kaiserhofsiehe auch Geister → Opfergaben→ Tengu erzählt, sie stellte aber auch den Stoff für Dramen des Noh- und Kabuki Theaters dar und wurde schließ­lich ein beliebtes Motiv der Ukiyoe-Künstler.

Rituale im Krieg

Auch weniger literarische Texte belegen, dass bud­dhis­tische Magie keines­wegs auf fromme Zwecke be­schränkt war. Ein mittel­alter­licher Ritual­text der Shingon Shingon-shū 真言宗 Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortessiehe auch Kukai → Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Tempel/Tempeltore→ Tempel/Pagoden → mehr Schule erklärt, wie die Form eines Altars mit dem Anlass des Ritus in Ver­bin­dung steht, und verrät dabei, dass unter anderem auch Ver­wün­schungen (von Feinden, gegen die man Krieg führte oder gegen die man einen Krieg plante) den Zweck von Ritualen darstellten:

Ein ringförmiger Altar wird gebraucht um Katastrophen zu ver­hindern; ein längliches Recht­eck um Wohl­stand und Langes Leben zu erhöhen; ein lotos-förmiger Altar dient für Liebe und Respekt; ein dreieckiger Altar dient für Verwünschungen [...]

Wenn Verwünschungen durchgeführt werden, muss der dreieckige Altar auf jeder Seite mit dem Bild einer Rüstung bemalt werden.

Nach Conlan 2003: 170.

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