Neo-Konfuzianismus und konfuzianischer Shinto

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Bernhard Scheid, „Neo-Konfuzianismus und konfuzianischer Shinto“ (Stand: 2013-01-19). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte:Neo-Konfuzianismus?oldid=33063

Während der Buddhismus der frühen Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit immer stärker zu einem Voll­zugs­organ der staat­lichen Ver­waltung wurde, erwachte innerhalb der intellektuellen Avant­garde ein neues Interesse am Konfuzianismus einer­seits und an der Idee eines eigen­ständigen japanischen Shinto andererseits. China, das durch die Abschließungspolitik (sakoku (sakoku 鎖国Abschließung des Landes in der Edo-Zeit, 1639–1853 …mehr ⇒)) der Tokugawa in un­erreich­bare Ferne gerückt war, wurde von vielen Gelehrten als zivilisatorisches Leitbild wieder­ent­deckt, während andere in der mythischen Ver­gangen­heit Japans nach einem idealen Gesell­schafts­modell suchten. Gemeinsam war beiden Strömungen, dass sie dem Buddhismus grundsätzlich kritisch gegen­über standen, auch wenn viele Intellektuelle ihre Kenntnisse in bud­dhis­tischen Klöstern er­worben hatten oder gar als buddhistische Mönche tätig waren.

Unter den Einflüssen aus China übte v.a. der sogenannte Neo-Konfuzianismus in Ge­stalt der Lehren des chinesischen Philosophen Zhu Xi (Zhu Xi 朱熹 (chin.) — chin. Philosoph (1130–1200); Begründer des Neo-Konfuzianismus ) (auch Chu Hsi, 1130–1200, jap. Shushi) eine große An­ziehungs­kraft auf die intellektuelle Avantgarde der frühen Edo-Zeit aus. Im Gegensatz zum klassischen Konfuzianismus, der ja im wesent­lichen eine Philosophie der staats­bürger­lichen Rechte und Pflichten dar­stellt und sich daher vor allem auf das Dies­seits bezieht, be­schäftigte sich Zhu Xi auch mit Fragen des Über­natür­lichen und der Religion und ent­wickelte ein Erklärungs­modell des Kosmos, das viele Be­rührungs­punkte mit dem Buddhismus auf­weist. Zugleich be­diente er sich aber auch klassischer konfuzianischer Konzepte, vor allem der Kategorien „öffentlich (kō, ōyake ( „öffentlich“ )) = gemeinnützig“ und „privat (shi, watakushi (shi „privat“ )) = eigennützig“. Unter konfuzianischen Gesichtspunkten ist nur das von Wert, was dem allgemeinen Wohl der Öffent­lich­keit dient, „öffentlich“ ist somit gleichbedeutend „gut“. Sämtliche private Interessen werden da­ge­gen potentiell schäd­lich für Gesellschaft und Staat auf­ge­fasst und werden entsprechend negativ bewertet.

Für die Edo-zeitlichen Gelehrten stellten die Kategorien öffent­lich und privat den Aus­gangs­punkt einer fundamentalen Kritik an den her­ge­brachten Formen des Buddhismus dar. Eine unmittelbare Konsequenz dieser Kritik war die zunehmende Ablehnung esoterisch-buddhistischer Wissensvermittlung: Geheimlehren, die nur mündlich von Meister zu Schüler weitergegeben werden durften, galten den Konfuzianern als etwas „Privates“ oder „Eigennütziges“, das abzulehnen war. Religiöse Wahrheiten sollten der Öffentlichkeit dienen und allgemein zu­gäng­lich sein. Die damals weit ver­breiteten Formen des esoterischen Buddhismus wurden aus der Sicht der konfuzianischen Kritik zum Inbegriff eigen­nütziger Geheimniskrämerei.

Andererseits fühlten sich viele Intellektuelle zum Shinto hin­ge­zogen, da der Neo-Konfuzianismus allein weder ihre spirituellen Bedürfnisse noch ihre Suche nach einer nationalen Identität befriedigen konnte. Die durch den Yoshida Shinto bereits seit Ende des fünf­zehnten Jahr­hunderts propagierte Idee eines reinen Shinto, der weder von chinesischen noch von indischen Gedanken getrübt sei, fiel in der frühen Edo-Zeit auf frucht­baren Boden und be­gann, auch außer­halb des Einfluss­bereichs der Yoshida Priester Früchte zu treiben. Obwohl von der Grund­haltung her xenophob und daher auch gegen China gerichtet, sahen shintoistische Er­neuerer der frühen Edo-Zeit im Buddhimus ihren Haupt­gegner und sympathisierten daher mit der Buddhismuskritik der Konfuzianer. Umgekehrt entwickelten die namhaftesten Ver­treter des japanischen Neo-Konfuzianismus wie Hayashi Razan (Hayashi Razan 林羅山Neo-Konfuzianischer Gelehrter, 1583–1657 ) (1583-1657) und Yamazaki Ansai (Yamazaki Ansai 山崎闇斎Neo-Konfuzianist und Shinto Theologe, 1618–1682 ) (1618-1682) jeweils auch ihre eigenen Visionen einer shintoistischen Lehre.

Somit bildete sich also eine anti-buddhistische Front aus neo-konfuzianischen Intellektuellen und Shinto-Priestern, die immer wieder von einzelnen Feudalherren unterstützt wurde. In einzelnen Daimyaten wurde sogar das terauke System, also die Zwangs­mit­glied­schaft bei einem lokalen Tempel, durch eine Art jinja-uke, also die Zwangs­mit­glied­schaft bei einem lokalen Schrein ersetzt. Zu den promi­nentesten Förderern der shinto-konfuzianischen Reformideen zählten Hoshina Masayuki (1611-72), Daimyō von Aizu und Regent des Shogun Ietsuna, oder Tokugawa Mitsukuni (1628-1700), Daimyō von Mito und Mäzen der neo-konfuzianischen Mito-Schule.

Dennoch kann man meiner Ansicht nach nicht sagen, dass der Neo-Konfuzianismus die offizielle Staats­ideologie der Tokugawa dar­stellte, wie in der älteren Fach­literatur häufig an­ge­nommen. In religiösen Fragen machte sich das Shogunat eine politische Linie zu eigen, die einer­seits autoritär, anderer­seits aber pragmatisch und eklektizistisch war: Bud­dhis­mus ja, aber in „gezähmter Form“. Dazu wo immer brauch­bar auch Konfuzianismus und Shinto. In dieser ideologischen Un­be­stimmt­heit liegt wahr­schein­lich der größte Unter­schied der Tokugawa Religions­politik zu den zeit­gleichen Ent­wicklungen in Europa. Obwohl da wie dort ähn­liche, d.h. inquisitorische Methoden der ideologischen Kontrolle ein­gesetzt wurden, gründete diese Kontrolle im Fall des Christentums auf einer rigiden Dogmatik, im Fall Japan hin­gegen auf einem pragmatisch er­stellten Katalog ver­botener Lehren. Es gab natürlich dogmatische neo-konfuzianische Staats­denker, doch ihre Theorien waren ledig­lich so etwas wie ein intellektuelles Experimentier­feld der frühen Edo-Zeit, das die tat­säch­liche religiöse und religionspolitische Praxis nur am Rande betraf.

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Gelehrter beim nächtlichen Studium

Malerei (Papier, Tusche) von Totoya Hokkei. Edo-Zeit, 1822–1830; 27 x 41,5 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/11/30)
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