Religion und Reichseinigung

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Bernhard Scheid, „Religion und Reichseinigung“ (Stand: 2013-01-19). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte:Reichseinigung?oldid=33060

Die sogenannte Frühe Neuzeit beginnt in Japan, mit der politischen Wieder­ver­einigung des Landes unter der Herr­schaft der Tokugawa Dynastie. Deren Be­gründer Tokugawa Ieyasu (Tokugawa Ieyasu 徳川家康1. Tokugawa Shogun, 1543–1616; Reichseiniger ) (1543–1616) er­lang­te durch seinen Sieg in der Schlacht von Sekigahara (1600) end­gültig die militärische Vor­herrschaft über Japan und ließ sich im Jahr 1603 zum Shōgun (Shōgun 将軍Shogun; Titel der Militärherrscher aus dem Kriegeradel …mehr ⇒) er­nennen. Damit sicherte er sich und seinen Nach­kommen das politische Führungs­amt des Landes, das von nun an von seiner Residenz­stadt Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒) (dem heutigen Tokyo) aus regiert wurde. Man nennt die folgende Periode der Tokugawa Herr­schaft daher Tokugawa- oder Edo-Zeit (1600–1867). Die histori­schen Um­stände der Reichs­einigung hatten auf die japanische Religions­geschichte zahl­reiche Aus­wirkun­gen und sind zu­gleich durch religions­ge­schicht­liche Ereig­nisse mit­ver­ursacht worden. Um diese Ent­wicklung zu ver­stehen, ist es not­wendig, etwa fünfzig Jahre vor die Reichs­einigung, also in die Mitte des sech­zehnten Jahr­hunderts zurück­zugehen.

Die Zeit der kämpfenden Länder

In der sogenannten „Zeit der kämpfenden Länder“ (sengoku jidai (sengoku jidai 戦国時代Zeit der kämpfenden Länder, 1482–1568 ), 1482–1568) ringen mindestens ein Dutzend großer und zahl­lose kleinere Territorial­fürsten (Daimyō (Daimyō 大名Territorialfürst, Titel des Kriegeradels )) um militärische und politische Vor­macht. Der Buddhismus ist in dieser Zeit nicht nur als Religion all­gegen­wärtig, er be­teiligt sich auch aktiv an militärischen und politischen Aus­ein­ander­setzungen. Das größte und mächtigste Einzel­kloster mit aus­ge­dehnten Ländereien und einer eigenen Armee ist nach wie vor der Tempel­berg Hiei, ein Kloster­komplex mit dem Haupt­tempel Enryaku-ji (Enryaku-ji 延暦寺Haupttempel des Hiei Klosterbergs …mehr ⇒), im Nordosten Kyotos, der sich in den ver­gangenen Jahr­hunderten als Schutz­macht des Kaiser­hauses und der Kaiser­stadt etabliert hat. Berg Hiei ist seit der Tempel­grüdung durch Saichō (Saichō 最澄Gründer des Tendai Buddhismus, 767–822 …mehr ⇒) das geistige und organisatorische Zentrum des japanischen Tendai (Tendai-shū 天台宗Tendai Schule, chin. Tiantai …mehr ⇒) Buddhismus und gebietet über ein landesweites Netz von Klöstern und Schreinen, die auch anders­wo als lokale Macht­zentren agieren. Da­neben sind weite Land­striche sowohl religiös, als auch militärisch-politisch vom Amida (Amida 阿弥陀Buddha Amitabha …mehr ⇒) Buddhismus dominiert (s. Amidismus). Einzelne Amida Sekten haben ganze Provinzen unter ihre Kontrolle ge­bracht und dort eine Art gottes­staat­liches Regime er­richtet. Es kämpfen also nicht nur die Samurai unter­einander um die Führung des Landes, auch religiöse Parteien sind in die Kämpfe mit ein­ge­bunden.

In diese Zeit der Bürger­kriege fällt die Ankunft der ersten christlichen Missionare in Japan. 1549 er­reichte der spanische Jesuit Francisco Xavier (1506–1552, der Heilige Franz Xaver) das Land und er­richtete erste Missions­schulen. Von ihm ist über­liefert, dass er „unter den Heiden“ kein Volk gefunden habe, welches dem Christentum zugänglicher sei als die Japaner. Wie in anderen Erdteilen, die im Zeitalter der Ent­deckungen von Europäern er­schlossen wurden, ging die An­kunft der Missionare auch in Japan Hand in Hand mit der Auf­nahme von Handels­beziehung nach Europa. Der rasche Missions­erfolg, der aus Franz Xavers Worten spricht, dürfte nicht zu­letzt mit diesem Handel in Ver­bindung stehen. Einige japanische Territorial­herren er­kannten sehr schnell, dass die „südlichen Barbaren“ (nanban (nanban 南蛮„südliche Barbaren“, Europäer )), wie die Europäer damals in Japan hießen, über Technologien verfügten, die im Kampf um die Landes­herrschaft von Vor­teil waren. Dazu zählten in erster Linie Feuer­waffen. Es spricht daher einiges dafür, dass die militärische Einigung des Landes, die sich bald nach der Ankunft der christlichen Missionare abzuzeichnen begann, vor allem dieser neuen Kriegs­technologie zu­zu­schreiben ist, welche die existierende militärische Patt­stellung zum Kippen brachte. (S. dazu auch den berühmten Kurosawa-Film Kagemusha.)

Oda Nobunaga

Oda Nobunaga (Oda Nobunaga 織田信長Kriegsfürst, Reichseiniger; 1534–1582 ) (1534–1582) war der erste der sogenannten „Drei Reichseiniger“, der mit Hilfe der neuen Waffen eine hegemoniale Stellung inner­halb der kämpfenden Parteien erringen konnte. Seine guten Kontakte zu den jesutischen Missionaren, die zwischen ihm und anderen Europäern ver­mittelten, spielten in diesem Zu­sammen­hang keine geringe Rolle. Das Christentum er­freute sich unter Nobunaga daher in Japan einer all­ge­meinen Duldung, wenn nicht gar Förderung. Gleich­zeitig zählten die oben erwähnten buddhistischen Institutionen, die aktiv im Kriegs­ge­schehen mit­mischten, zu Nobunagas er­bittertsten Feinden.

1571 richtete Nobunaga in dem Bestreben, Kyoto und seine Um­gebung end­gültig seinem Herr­schafts­bereich ein­zu­gliedern, seine gesamte Streit­macht gegen Berg Hiei und äscherte den Klosterkomplex voll­kommen ein. Nach den Berichten europäischer Missionare wurden etwa 1500 Mönche und Mönchs­soldaten er­barmungs­los nieder­ge­metzelt und sämtliche der etwa 400 Kloster­gebäude zer­stört. Obwohl buddhistische Tempel bereits in früherer Zeit Ziel militärischer Operationen gewesen waren, konnte sich insbesondere Berg Hiei doch einer gewissen religiösen Scheu aller kriegs­führenden Parteien sicher sein. Wenn man viel­leicht auch das Leben der Mönche ge­ring achtete, so ver­sprachen doch die vielen religiösen Heiligtümer Schutz vor kriegerischen Aggressionen. Dem­nach rechnete man im Tendai (Tendai-shū 天台宗Tendai Schule, chin. Tiantai …mehr ⇒) Kloster wohl damit, dass Nobunaga gegen die eigenen Mönchs­heere vor­gehen könnte, aber ein direkter Angriff, der die Zer­störung des Klosteres be­zweckte, wurde offen­sicht­lich nicht für möglich ge­halten. Nobunaga aber fühlte sich an die jahr­hunderte­alten Tabus gegen­über religiösen Institutionen nicht mehr ge­bunden. Mit einem einzigen militärischen Schlag be­reitete er somit der Hegemonie der japanischen Tendai Schule ein Ende und fügte dem Nimbus des ja­pa­nischen Buddhismus wohl auch ins­gesamt bleibenden Schaden zu.

Wie unter anderem Neil McMullin (1984) hervorhebt, änderte Nobunagas un­ge­schminkte Macht­politik das Ver­hältnis zwischen welt­licher Regierung und bud­dhis­tischer Macht grund­legend. Anstatt sich von der Religion effektive spirituelle Unter­stützung der eigenen politischen Ziele zu erwarten, wie dies ganz besonders im Zusammenhang mit der Einführung des Buddhismus der Fall war, sahen die neuen Macht­haber im Buddhismus von nun an ledig­lich ein politisches Instrument, dessen sie sich ge­schickt zu be­dienen suchten. Die Figur Oda Nobunagas stellt ein paradigmatisches Bei­spiel dieses neuen Herrscher­typs dar. Nicht umsonst wurde er letzt­lich selbst von den Christen, die ihm im Grunde viel zu ver­danken hatten, mit den schlimmsten Tyrannen des Alten Testaments wie Nebukadnezar verglichen. Dies soll natür­lich nicht be­deuten, dass alle folgenden Herrscher Nobunagas religiösen Zynismus teilten und nicht auch einige aufrichtigen buddhistischen Glaubens waren. Doch waren politische Führer von nun an nicht länger bereit, den vom Bud­dhis­mus selbst auf­ge­stellten Regeln zu folgen, wenn dies in irgend einer Weise ihren eigenen Herrschafts­interessen zu­wider lief. Dieser a-religiöse Pragmatismus, der (bei aller Vorliebe für religiösen Pomp und sakrales Zeremoniell) von nun an das Ver­hältnis zwischen politischen Herrschern und buddhistischen Institutionen prägte, scheint ein wesent­licher Unter­schied zwischen der religions­ge­schichtlichen Situation des japanischen Mittelalters und der frühen Neuzeit zu sein.

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