Shinto im Mittelalter

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Bernhard Scheid, „Shinto im Mittelalter.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 24.10.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte:Shinto_Mittelalter?oldid=43587

Die gegenseitige Durchdringung von Buddhismus und Shinto ist in der Kamakura Kamakura 鎌倉 Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shogunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit)siehe auch Kamakura → Ikonographie→ Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bekannte Schreine/Itsukushima→ Jizo→ Shinto-Goetter → mehr und Muromachi Muromachi 鎌倉 Stadtteil in Kyoto; Sitz des Ashikaga Shogunats 1336–1573 (= Muromachi-Zeit)siehe auch Geschichtsperioden → Stereotype→ Gluecksgoetter→ Goetter des Himmels/Uzume→ Kamakura→ Amidismus → mehr -Zeit (drei­zehn­tes bis sech­zehn­tes Jahr­hun­dert) bei­nahe total. Es scheint, als könne man über­haupt nur von einer ein­zi­gen, mehr oder weni­ger syn­kre­tis­tischen Religion des ja­pa­nischen Mittel­alters sprechen. Gewisse Unter­schiede zwi­schen Kamis kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Buddhismus Lehre→ Schreine→ Weltbild→ Ikonographie→ Omairi → mehr und Buddhas बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Tempel→ Ikonographie → mehr werden zwar nicht ge­leug­net, doch letzt­lich — so die all­ge­meine Auf­fas­sung — sind diese Unter­schiede nur schein­bar, im Grunde sind Kami und Buddhas das Gleiche. Eben­so wie fast jeder Kami-Schrein unter der Ver­wal­tung eines bud­dhis­ti­schen Tem­pels steht, werden auch die Kami selbst als „sicht­bare Spuren“ (suijaku suijaku 垂迹 wtl. kami-Spur (eines Buddha); buddh. Bezeichnung für → kamisiehe auch Shinto-Götter → Shinto-Goetter→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala→ Honji suijaku ) oder Mani­fes­tati­onen einer bud­dhis­ti­schen Urform (honji honji 本地 (buddhistische) Urform (eines kami); s.a. suijakusiehe auch Shinto-Götter → Bekannte Schreine/Nikko→ Shinto-Goetter→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala→ Honji suijaku → mehr ) aufgefasst (s. honji suijaku These).

Ryōbu Shinto

Einzelne Mönche gehen sogar noch weiter und betrachten Kami und Buddhas als zwei gleichwertige Er­schei­nungs­formen ein und der selben gött­lichen Instanz. Ins­be­son­dere kommt es zur Ver­schmel­zung von Dainichi Nyorai Dainichi Nyorai 大日如来 Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“siehe auch Dainichi → Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mandala→ Myoo→ Mandala/Ryogai Mandara→ Myoo/Vajrapani → mehr , dem Haupt­buddha des eso­te­rischen Bud­dhis­mus, mit Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennōsiehe auch Goetter des Himmels → Shinto→ Ise Izumo→ Shinto/Jindo→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr , der Ahnen­gott­heit des Tenno. Amaterasu und Dainichi werden in einem ähn­lichen dualen Ver­hältnis zu ein­ander gesehen wie die beiden Mandalas मण्डल maṇḍala (skt., n.) „Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung; jap. mandara 曼荼羅siehe auch →  Mandala → Dainichi→ Shinto-Goetter→ Mandala/Ryogai Mandara→ Myoo/Vajrapani→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala → mehr des eso­te­rischen Bud­dhis­mus, Vajra- und Mutterschoß-Mandala, die ihrerseits nur zwei Aspekte des kosmischen Buddha Dainichi dar­stellen. So wie die beiden Mandalas mit­unter auch als „zweiteiliges Mandala“ (ryōbu mandara) be­zeich­net werden, hat man für die Ver­schmel­zung von Dainichi und Amaterasu rück­blickend den Begriff Ryōbu Shintō Ryōbu Shintō 両部神道 Shinto-Interpretation des Mittelalters; wtl. „Shinto der beiden Teile“siehe auch→ Weltbild→ Honji suijaku , „Shinto der beiden Teile“, erfunden. Ryōbu Shinto be­zeich­net eine lose Gruppe von theo­logischen Spekulationen, die aus heutiger Sicht vor allem deshalb von Bedeutung sind, weil aus dieser Richtung der erste Anstoß zu einer eigenständigen Theologie des Shinto entstand.

Die Fragen, die manche buddhistische Mönche dazu trieben, sich aus theo­logischer Sicht mit den ein­hei­mischen Gott­heiten auseinander zu setzen, resultierten im all­gemeinen aus einzelnen Schrein­traditionen, die sich der Ein­ver­nahme durch den Bud­dhis­mus hart­näckig wider­setzten. Dazu zählten die bereits erwähnten seltsamen Tabus, die ganz besonders im Amaterasu Schrein von Ise gegen den Buddhismus er­richtet worden waren. Und noch eine Vor­stellung findet sich allent­halben: Nicht alle Kami sind bud­dhis­tische Er­schei­nungen. Manche — oft als „wirkliche Kami“ (jitsu no kami jitsu no kami 実神 „wahre kami“ = kami ohne buddhistische Urform ( honji)) bezeichnet — haben keine bud­dhis­tische Urform. Sie gehören ins Reich der tengu tengu 天狗 Tengu, eine Art Kobold, meist in den Bergensiehe auch Tengu und Oni → Yamabushi→ Goetter der Erde→ Tengu→ Imaginaere Tiere→ Tengu/Tengu Motive → mehr und der mit Zauber­kraft aus­ge­statteten Füchse und tanuki tanuki Tanuki (Marder-Hund)siehe auch Füchse → Tengu→ Verwandlungskuenstler→ Symboltiere/Namazu-e (siehe Kapitel Mythen, Geister bzw. Füchse) und sind tendenziell böse und ge­fähr­lich. Gerade diese „wirklichen Kami“ zogen nun die Auf­merk­sam­keit der Ryōbu Shinto Denker auf sich und resultierten in er­staun­lichen Theorien, die gerade diese unter­sten und un­heiligsten aller Götter zu Mani­fes­tati­onen von Amaterasu und Dainichi erklärten.

Andere buddhistische Richtungen, zumeist radikale Amidisten, lehnten die Kami generell ab. Sie zweifelten zwar nicht an der Existenz der Kami, doch sie waren der Meinung, dass die Kami — im Gegensatz zu den Buddhas bzw. zu Buddha Amida Amida 阿弥陀 Buddha Amitabhasiehe auch Amida → Ikonographie→ Bekannte Schreine/Nikko→ Mandala→ Jahr→ Mudra → mehr — ledig­lich eine selbst­süchtige, dies­seits­ver­haftete, irre­ge­leitete Religiosität fordern und fördern.

Zwischen diesen beiden Extremen gab es einen „religiösen Mainstream“, der grund­sätzlich dem Bud­dhis­mus anhing und zugleich den Kami wohl­wollend gegen­über stand. Auch inner­halb dieses Mainstreams blieb aber ein ge­wisses Be­wusst­sein vom Unter­schied zwischen ein­hei­mischen und der bud­dhis­tischen Gestalten be­stehen, wobei die ein­heimischen letztlich geringer eingestuft wurden.

Götterwind und Götterland

Der Grund, warum man die Kami trotz Vorherrschen des Buddhismus nie ganz aus dem Bewusst­sein verlor, mag in ihrer Ver­bunden­heit mit lokalen Ge­geben­heiten gelegen haben. In den Kami suchten und fanden Japaner immer wieder die Be­stäti­gung einer lokalen — um nicht zu sagen „nationalen“ — Identität, die be­sonders in der emotionalen Positionierung gegen­über China eine Rolle spielte. Dies wird unter anderem am Beispiel der er­folg­reichen Abwehr der Mongolen­angriffe, Ende des drei­zehnten Jahr­hunderts deutlich. Be­kannter­maßen scheiterten die beiden Invasions­versuche der Mongolen unter Kubilai Khan 1274 und 1281 jeweils an Taifunen, durch die die an­grei­fenden Flotten zer­stört wurden. Diese Winde wurden in Japan nach­träglich den Kami zu­ge­schrieben und als kamikaze kamikaze 神風 Götterwindsiehe auch Kamakura → Opfergaben→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Shinto Mittelalter/Kamikaze→ Jinno shotoki , göttliche Winde, bezeichnet, ein Ausdruck, der im Zweiten Welt­krieg dann auch auf die Selbst­mord­piloten der Luft­waffe Anwendung fand.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass im Anschluss an die Mongolen­angriffe der Begriff shinkoku shinkoku 神国 wtl. „Götterland“siehe auch→ Staatsshinto→ Jinno shotoki — „Götterland“, bzw. „Land der Kami“ — immer häufiger auf­taucht, und zwar zu­meist dann, wenn auf die Aus­er­wählt­heit Japans hin­ge­wiesen werden soll. Solche Gedanken spielen vor allem für die „Traditionalisten“ des ja­pa­nischen Mittel­alters eine große Rolle, wenn es darum geht, die Macht des Tenno Hofes wieder her­zu­stellen. Zu diesen zählte auch der Krieger Kitabatake Chikafusa Kitabatake Chikafusa 北畠親房 Krieger und Gelehrter (1293–1354)siehe auch→ Jinno shotoki→ Yuiitsu shinto myobo yoshu (1293–1354). Er zog nicht nur an der Seite des Kaisers Go-Daigo Go-Daigo 後醍醐 (1288–1339); Tennō der späten Kamakura Zeit, der versuchte, die pol. Autorität des Kaiserhofes wieder herzustellen.siehe auch→ Jinno shotoki in den Krieg gegen das Kamakura-Shogunat, um den Tenno wieder ins Zentrum der Macht zurück­zu­führen, er schreibt auch gelehrte Werke, die den kaiser­lichen Macht­an­spruch historisch be­gründen. Der erste Satz seines Haupt­werkes Jinnō shōtō-ki Jinnō shōtō-ki 神皇正統記 „Über die Wahre Abfolge der Göttlichen Herrscher“, Traktat von Kitabatake Chikafusa, 1339siehe auch Jinno shotoki → Yuiitsu shinto myobo yoshu („Über die Wahre Abfolge der Göttlichen Herrscher“, ent­standen um 1340) lautet folge­richtig: „Dieses Land ist ein Götterland.“ Wie im späteren Staatsshinto, der den Begriff „Götterland“ eben­falls gerne ver­wendete, wurden also bereits im Mittel­alter Kami-Kult und Tenno-Kult mit einander in Beziehung gesetzt.

Watarai Shinto

Chikafusa stand mit einer religiösen Bewegung in Verbindung, die von Ise Ise 伊勢 vormoderne Provinz (heute Präfektur Mie); Kurzbezeichnung für die Schreinanlage von Ise (Ise Jingū)siehe auch Schreinanlage Ise → Schreine/Torii→ Pilgerschaft→ Bekannte Schreine/Kasuga→ Kamidana→ Shinto-Goetter → mehr , genau ge­nommen vom Äußeren Ise Schrein (Gekū Gekū 外宮 Äußerer Schrein von Ise, Toyouke geweihtsiehe auch Ise Izumo → Ise Izumo/Schreinanlage Ise ) aus­ging und mit dem oben erwähnten Ryōbu Shinto in enger Ver­bin­dung stand. Der Äußere Schrein von Ise hatte stets damit zu kämpfen, dass Ise zwar ins­gesamt als heiliger Ort erachtet wurde, dass aber im Grunde nur Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennōsiehe auch Goetter des Himmels → Shinto→ Ise Izumo→ Shinto/Jindo→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr , die Haupt­gott­heit des Inneren Schreins, als Ahnen­gott­heit des Tenno auf­ge­fasst wurde. Die Gott­heit des Äußeren Schreins, Toyouke Toyouke 豊受 Nahrungsgottheit des Äußeren Schreins von Isesiehe auch Schreinanlage Ise → Ise Izumo , wurde dagegen als Dienerin Amaterasus an­ge­sehen. Der Äußere Schrein war der Priester-Familie Watarai Watarai 度会 Priester des Äußeren Schreins von Ise anheim ge­stellt. Die Watarai ent­warfen nun in einer Generationen über­span­nenden Unter­nehmung eine Theologie, die erstens Toyouke als die Ver­körpe­rung des Urgotts Kuni no Tokotachi Kuni no Tokotachi 国常立 mythologische Urgottheit des Shintosiehe auch→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise ansah, und zweitens beide Schreine, Inneren und Äußeren als Ent­spre­chung der beiden Mandalas मण्डल maṇḍala (skt., n.) „Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung; jap. mandara 曼荼羅siehe auch →  Mandala → Dainichi→ Shinto-Goetter→ Mandala/Ryogai Mandara→ Myoo/Vajrapani→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala → mehr des Buddhas Dainichi Nyorai Dainichi Nyorai 大日如来 Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“siehe auch Dainichi → Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mandala→ Myoo→ Mandala/Ryogai Mandara→ Myoo/Vajrapani → mehr . Im Unter­schied zur klassischen honji suijaku honji suijaku 本地垂迹 wtl. Grundform und herabgelassene Spur; Theorie der Angleichung von Kami und Buddhassiehe auch Honji Suijaku → Shinto/Jindo→ Bekannte Schreine/Nikko→ Yuiitsu shinto myobo yoshu - Theorie und analog zum Ryōbu Shinto waren die Ise-Gottheiten und Dainichi voll­kommen gleich­wertig, ein­ander wechsel­seitig spiegelnd. Ise wurde zum heiligen Boden Dainichis und der Ursprung Dainichis damit nach Japan ver­legt. Dadurch wurde neben­bei auch der Begriff „Götterland“ bud­dhis­tisch begründet und ab­ge­sichert. Das machte den Ise- oder Watarai Shintō Watarai Shintō 度会神道 Shinto-Lehre des Äußeren Schreins von Isesiehe auch→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise , wie diese Richtung heute genannt wird, wahr­schein­lich auch besonders attraktiv in den Augen Chikafusas.

Wie die Einbeziehung von Dainichi Nyorai Dainichi Nyorai 大日如来 Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“siehe auch Dainichi → Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mandala→ Myoo→ Mandala/Ryogai Mandara→ Myoo/Vajrapani → mehr bereits andeutet, wurde der Watarai Shinto nicht von den Watarai Priestern allein, sondern auch von bud­dhis­tischen Mönchen, v.a. aus der esoterischen Shingon Shingon-shū 真言宗 Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortessiehe auch Kukai → Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Tempel/Tempeltore→ Tempel/Pagoden → mehr Schule ent­wickelt. Damit nahmen Elemente des esoterisch-bud­dhis­tischen Ritus Einzug in diese Form des Shinto. Im Watarai Shinto gibt es demnach Gebets­formeln (mantra मन्त्र mantra (skt., n.) Gebets­formel; jap. shingon 真言siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Mudra→ Myoo→ Waechtergoetter→ Gluecksgoetter → mehr ), Hand­zeichen (mudra मुद्रा mudrā (skt., f.) „Siegel“, Gebetsgeste; jap. inzō 印相siehe auch →  Mudra → Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Amida→ Dainichi→ Shaka → mehr ), die Anbetung von Sanskrit­zeichen, die Anrufung von Buddhas und anderes mehr. Daneben spielt auch der Yin Yang Yin Yang (chin.) 陰陽 Dualistisches Prinzip der chin. Naturphilosophiesiehe auch Yin und Yang → Grundbegriffe→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Jahr→ Mandala/Ryogai Mandara→ Goetter des Himmels → mehr Glaube eine wichtige Rolle. Das deshalb, weil zu dieser Zeit auch die Shingon Schule starke An­leihen beim Yin Yang Glauben und der chinesischen Kosmologie machte. Im Mittel­punkt des Watarai Shinto standen aller­dings traditionelle Riten des höfischen Shinto, die sozusagen buddhistisch aufbereitet wurden.

Wie die Shingon Schule, hielten die Watarai ihre Gebets- und Ritualtexte geheim und gaben sie nur Initiierten weiter. Dennoch ver­breitete sich der Watarai Shinto recht rasch und wirkte mit, Ise zu einem führenden Zentrum des mittel­alter­lichen Pilger­wesens werden zu lassen. Trotz dieser neuen Bedeutung der Ise Schreine ist es frag­lich, in­wie­weit sich die Vertreter des Watarai Shinto selbst als „Shintoisten“ sahen. Sofern sie Priester in Ise waren, ver­fügten sie natür­lich über eine historisch ge­wachsene Identität als Kami-Priester. Aber ein klares Bewusst­sein, einer vom Bud­dhis­mus ver­schiedenen Religion zu dienen, lässt sich kaum er­kennen. Eher kann man im Watarai Shinto einen be­sonderen Versuch sehen, den Kult von Ise mit dem vor­herr­schenden bud­dhis­tischen Welt­bild in Ein­klang zu bringen und dabei dennoch die Besonderheit Ises zu wahren.

Yoshida Shinto

Die Ideen und Techniken der Watarai Watarai 度会 Priester des Äußeren Schreins von Ise diffundierten in viele Schreine und Tempel des Mittel­alters und wurden im übrigen auch von den Priestern des Inneren Schreins von Ise über­nommen. Es dauerte aller­dings ver­hältnis­mäßig lange, bis auch die Familien des Tenno-Hofs — vor allem die Beamten des kaiser­lichen Götter­amtes (Jingi-kan Jingi-kan 神祇官 Götteramtsiehe auch Kami Kulte → Staatsshinto→ Yuiitsu shinto myobo yoshu ) — davon Gebrauch machten. Erst als die letzten Reste des Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr -zeit­lichen Hof­staats im Zuge des Ōnin Ōnin no Ran 応仁の乱 Aufruhr der Ōnin-Zeit; Bürgerkrieg 1467–1477, der insbesondere in Kyoto große Zerstörungen verursachtesiehe auch→ Yuiitsu shinto myobo yoshu -Krieges (1467-1477) zerstört wurden und die Institution des Tenno den Tief­punkt ihrer politischen Be­deu­tungs­losig­keit erreichte, machte sich ein Ab­kömmling einer höfischen Priester­familie daran, eine Lehre im Stil der Watarai zu formulieren.

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Taigen kyū

Edo-Zeit
Bild © Tenri Toshokan, Yoshida Bunko

Das Hauptheiligtum des Yoshida Shinto im Yoshida Schrein von Kyoto.

Hauptheiligtum des Yoshida Shinto

Dieser Priester namens Yoshida Kanetomo Yoshida Kanetomo 吉田兼倶 Shinto Priester und Theologe; 1435—1511siehe auch→ Yuiitsu shinto myobo yoshu (1435-1511) stammte aus der Familie der Urabe Urabe 卜部 Priester und Orakelleser des Tennō-Hofs, die seit der Heian-Zeit als Orakel­leser und Weis­sager bei Hof tätig waren. Sein sogenannter Yoshida Shinto Yoshida Shintō 吉田神道 mittelalterl. Shinto-Richtung, begründet von Yoshida Kanetomosiehe auch→ Weltbild→ Shinto/Jindo→ Neo-Konfuzianismus→ Yuiitsu shinto myobo yoshu bezieht Teile dieses Erbes mit ein, geht aber weit über die tra­di­ti­o­nellen Inhalte des höfischen Kults hinaus. Die Moti­vation Kanetomos scheint darin gelegen zu haben, das höfische Götter­amt neu zu errichten und unter die Füh­rung der Urabe Priester zu stellen. Dazu mussten viele Details der ehe­mals sakrosankten Ordnung des Hofes auf den Kopf ge­stellt werden, aber das fiel zu Kanetomos Zeit wohl nicht mehr allzu sehr ins Gewicht. Teile der Hof­aristo­kratie mögen in Yoshida Kanetomo und in der neuen esoterisch-religiösen Be­deu­tung, die er dem Tenno und seinen In­sti­tu­ti­onen zu­schrieb, hin­gegen einen neuen Hoffnungs­träger erblickt haben.

Die Lehre des Yoshida Shinto

Die ideengeschichtliche Bedeutung des Yoshida Shinto liegt aber nicht in der Revitalisierung des Götter­amtes. Vielmehr brachte Yoshida Kanetomo die Techniken und Theorien des Watarai Shinto erstmals in ein ge­schlos­senes System und gab ihm zudem einen Namen: Yuiitsu Shintō Yuiitsu Shintō 唯一神道 mittelalt. Shinto Richtung (= Yoshida S.)siehe auch→ Yuiitsu shinto myobo yoshu , der „Eine und Einzige Shinto“. Damit war erstmals eine Richtung des Shinto ent­standen, die sich auch selbst als solche identifizierte und bewusst vom Bud­dhis­mus abhob. Kanetomo war zugleich einer der ersten, die das Verhältnis von Kami und Buddhas bzw. Shinto und Bud­dhis­mus explizit thema­tisierten. Um dem Shinto zum Vor­rang gegen­über dem Bud­dhis­mus zu ver­helfen, drehte er die gängige honji suijaku These schlicht­weg um und erklärte die Kami zur Urform (honji honji 本地 (buddhistische) Urform (eines kami); s.a. suijakusiehe auch Shinto-Götter → Bekannte Schreine/Nikko→ Shinto-Goetter→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala→ Honji suijaku → mehr ) und die Buddhas zur „Spur“ (suijaku suijaku 垂迹 wtl. kami-Spur (eines Buddha); buddh. Bezeichnung für → kamisiehe auch Shinto-Götter → Shinto-Goetter→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala→ Honji suijaku ). Nach Ansicht des Yoshida Shinto würden sich die Kami nur in Japan, dem Götter­land, in ihrer wahren Gestalt zu er­kennen geben, während sie sich in Indien und China in der behelfs­mäßigen Er­scheinungs­form von Buddhas manifestierten.

Viele Elemente des Yoshida Shinto wirken aus heutiger Sicht derart bud­dhis­tisch, dass man sich kaum vor­stellen kann, wie zu jener Zeit nicht sofort die Idee auf­kommen konnte, der Yoshida Shinto hätte vom eso­te­rischen Bud­dhis­mus „abgekupfert“. Z.B. heißt es, dass es im Shinto „geheime“ und „offene“ Lehren gäbe (in Analogie zur Zwei­teilung in eso­te­rischen und exo­te­rischen Bud­dhis­mus), wobei die geheimen exklusiv im Besitz der Yoshida wären. Es gibt die Über­ein­stim­mung von Gesten, Worten und Gedanken (die „Drei Geheimnisse“ des eso­te­rischen Bud­dhis­mus), die zur Ver­einigung mit der an­ge­rufenen Gott­heit führen. Es gibt Ritual­gegen­stände und Mudrās, die direkt dem Shingon Bud­dhis­mus ent­nommen sind. Dennoch, aus der Sicht des all­gegen­wärtigen Syn­kre­tis­mus seiner Ent­stehungs­zeit wirkt der Yoshida Shinto durchaus puristisch: Es werden keine Buddhas an­ge­rufen. Es werden keine Sutren सूत्र sūtra (skt., n.) „Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift; jap. kyō 経 oder kyōten 経典siehe auch →  Sutra → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Tempel→ Gluecksbringer→ Kannon → mehr rezitiert. Es werden keine bud­dhis­tischen Mönche als Ur­heber der Lehre an­ge­geben. Es werden keine bud­dhis­tischen Ziele wie Erleuchtung, Nirvana निर्वाण Nirvāṇa (skt., n.) „Erloschen, ausgelöscht“, Ort der Erlösung von allem Leid; jap. Nehan 涅槃siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Tempel/Tempeltore→ Totenriten→ Amida→ Shaka → mehr , etc. proklamiert. Und wenn bestimmte Über­ein­stim­mungen mit dem Bud­dhis­mus an­er­kannt werden, dann nur, um die Ar­gu­men­tation zu stützen, dass auch der Buddhismus letztlich auf die japanischen Kami zurückgeht.

Die Verbreitung des Yoshida Shinto

Der Yoshida Shinto verbreitete sich im sech­zehnten Jahr­hundert, also in der Zeit der „Kämpfenden Länder“ verhältnis­mäßig weit­läufig in vielen Provinzen. Das liegt nicht nur an seiner über­zeu­genden Doktrin, sondern auch daran, dass die Nach­folger Yoshida Kanetomos in diversen kleineren, regionalen Schreinen, die teilweise von neu ent­standenen Dorf­gemeinschaften getragen wurden, eine Klientel ent­deckten, die weder vom Buddhismus noch von den traditionellen Groß­schreinen betreut wurde. Diesen Schreinen bot der Yoshida Shinto eine neue Form der Unter­stützung an, sei es, indem Priester in esoterische Riten des Yoshida Shinto eingeweiht wurden, sei es, dass der betreffende Schrein einfach einen Hofrang erhielt, den die Yoshida in ihrer Eigen­schaft als Priester des Götter­amts verteilten. Diese Funktion des Yoshida Shinto wurde in der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyosiehe auch Geschichtsperioden → Buddhismus→ Bekannte Tempel→ Shinto→ Stereotype/Herrigels Zen→ Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit sogar offiziell anerkannt. Zum Entsetzen mancher anderer traditioneller Priester­familien, wurden die Yoshida in den ersten „Bestimmungen für Schreinpriester“ des Tokugawa Shogunats (= Shosha negi kannushi hatto Shosha negi kannushi hatto 諸社禰宜神主法度 „Bestimmungen für Schreinpriester“ 1665, 1665) als zuständig für alle Schreine de­klariert, die nicht bereits über traditionelle Bindungen zum Kaiserhof verfügten. Das Shogunat erkannte damit den Tenno Hof als prinzipiell für alle Shinto An­ge­legen­heiten zuständig an, und wählte innerhalb des Tenno Hofs die Yoshida als zuständig für die große Mehr­heit aller Shinto Schreine aus.

Was das in der Praxis bedeutete, ist heute noch weitgehend ungeklärt. Fest steht zum einen, dass es dem Yoshida Shinto gelang ein weit ver­zweigtes System von abhängigen Schreinen zu schaffen. Zum anderen be­mühten sich viele Familien und Shinto Schulen, u.a. der neu erstarkende Watarai Shintō Watarai Shintō 度会神道 Shinto-Lehre des Äußeren Schreins von Isesiehe auch→ Ise Izumo/Schreinanlage Ise , mit zu­nehmendem Erfolg darum, die Vormachtstellung der Yoshida zu brechen. Große Schreine mit traditionellen Bindungen zum Hof fielen im übrigen nicht in den Zuständigkeitsbereich der Yoshida. Dennoch war der Einfluss des Yoshida Shinto in der Edo-Zeit beträchtlich. Er wird heute nach wie vor unter­schätzt und bedarf dringend einer historischen Aufarbeitung.

Kritik am Yoshida Shinto

Ein Grund für die geringe Kenntnis über den Yoshida Shinto soll auch kurz zur Sprache kommen: Bereits Anfang der Edo-Zeit kam es unter Intellektuellen zu einer „konfuzianischen Mode“ (s. Neo-Konfuzianismus), die zunächst mit den chi­ne­sischen Vor­stellungen des Yoshida Shinto noch durchaus kompatibel war. Doch entwickelte sich unter konfuzianischer Sicht ein neuer Blick bzw. ein neues Wissen über die Geschichte Japans. Zugleich nahm die Kritik an den mittel­alterlichen Formen der eso­te­rischen Wahr­heits­ver­mitt­lung zu. Beides führte dazu, dass die Ansprüche des Yoshida Shinto immer mehr in Frage gestellt wurden. Die Idee eines „reinen Shinto“ wurde zwar aus dem Yoshida Shinto über­nommen, radikalisierte sich jedoch. Mitte der Edo-Zeit entstand daraus die sogenannte „Nationale Schule“ (kokugaku), die sowohl den Buddhismus als auch den Konfuzianismus ablehnte. Unter Gelehrten wie Motoori Norinaga Motoori Norinaga 本居宣長 Shinto-Gelehrter der „nationalen Schule“ (Kokugaku), 1730—1801siehe auch Kokugaku → Shinto→ Goetter des Himmels→ Jenseits→ Mythentexte und Hirata Atsutane Hirata Atsutane 平田篤胤 Kokugaku-Gelehrter, 1776–1843siehe auch Kokugaku → Jenseits wurde die kokugaku kokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismussiehe auch Kokugaku → Shinto-Goetter→ Goetter der Erde/Okuninushi→ Staatsshinto→ Mythentexte → mehr zu einer führenden intellektuellen Strömung, die namentlich die Führer der Meiji Meiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benanntsiehe auch Geschichtsperioden → Shinto→ Shinto/Jindo→ Jahr→ Matsuri→ Familie → mehr -Restauration inspirierte. Die Politik der sogenannten „Trennung von Kami und Buddhas“ gleich nach der Restauration im Jahre 1868 kann als ideologisches Kind der kokugaku bezeichnet werden (s. Staatsshinto). Sie führte zur endgültigen Auflösung des Yoshida Shinto, der nunmehr als synkretistisch verschrien war.

Diese politisch-religiöse Entwicklung fand auch in der japanischen und schließlich in der westlichen Religionsforschung ihren Niederschlag. Unter der Ideologie des Staatshinto, also während der Meiji, und vor allem der frühen Shōwa Shōwa 昭和 Regierungszeit des Tennō Hirohito (1926–1989)siehe auch Geschichtsperioden Zeit, wurde die Trennung von Buddhismus und Shinto auch rückwirkend vollzogen, alle „synkretistischen“ Richtungen wurden als historische Verirrungen gering geschätzt und in ihrer Bedeutung herunter gespielt. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahr­hunderts setzte eine Revision dieses Geschichtbilds ein, die allerdings noch keineswegs abgeschlossen ist.