Shinto im Mittelalter

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Bernhard Scheid, „Shinto im Mittelalter.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.3.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte:Shinto_Mittelalter?oldid=35897

Die gegenseitige Durchdringung von Buddhismus und Shinto ist in der Kamakura (Kamakura 鎌倉Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shogunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit) …mehr ⇒) und Muromachi (Muromachi 鎌倉Stadtteil in Kyoto; Sitz des Ashikaga Shogunats; 1333–1573 (= Muromachi-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit (drei­zehn­tes bis sech­zehn­tes Jahr­hun­dert) bei­nahe total. Es scheint, als könne man über­haupt nur von einer ein­zi­gen, mehr oder weni­ger syn­kre­tis­tischen Religion des ja­pa­nischen Mittel­alters sprechen. Gewisse Unter­schiede zwi­schen Kamis (kami japanische Gottheit …mehr ⇒) und Buddhas (बुद्धBuddha (skt., m.)„Der Erleuchtete“ …mehr ⇒) werden zwar nicht ge­leug­net, doch letzt­lich — so die all­ge­meine Auf­fas­sung — sind diese Unter­schiede nur schein­bar, im Grunde sind Kami und Buddhas das Gleiche. Eben­so wie fast jeder Kami-Schrein unter der Ver­wal­tung eines bud­dhis­ti­schen Tem­pels steht, werden auch die Kami selbst als „sicht­bare Spuren“ (suijaku (suijaku 垂迹wtl. kami-Spur (eines Buddha); buddh. Bezeichnung für → kami …mehr ⇒)) oder Mani­fes­tati­onen einer bud­dhis­ti­schen Urform (honji (honji 本地(buddhistische) Urform (eines kami) …mehr ⇒)) aufgefasst (s. honji suijaku These).

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Ryōbu Shinto

Einzelne Mönche gehen sogar noch weiter und betrachten Kami und Buddhas als zwei gleichwertige Er­schei­nungs­formen ein und der selben gött­lichen Instanz. Ins­be­son­dere kommt es zur Ver­schmel­zung von Dainichi Nyorai (Dainichi Nyorai 大日如来Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“ …mehr ⇒), dem Haupt­buddha des eso­te­rischen Bud­dhis­mus, mit Amaterasu (Amaterasu 天照Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennō …mehr ⇒), der Ahnen­gott­heit des Tenno. Amaterasu und Dainichi werden in einem ähn­lichen dualen Ver­hältnis zu ein­ander gesehen wie die beiden Mandalas (मण्डलmaṇḍala (skt., n.)„Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung …mehr ⇒) des eso­te­rischen Bud­dhis­mus, Vajra- und Mutterschoß-Mandala, die ihrerseits nur zwei Aspekte des kosmischen Buddha Dainichi dar­stellen. So wie die beiden Mandalas mit­unter auch als „zweiteiliges Mandala“ (ryōbu mandara) be­zeich­net werden, hat man für die Ver­schmel­zung von Dainichi und Amaterasu rück­blickend den Begriff Ryōbu Shinto (Ryōbu Shinto 両部神道Shinto-Interpretation des Mittelalters; wtl. „Shinto der beiden Teile“ ), „Shinto der beiden Teile“, erfunden. Ryōbu Shinto be­zeich­net eine lose Gruppe von theo­logischen Spekulationen, die aus heutiger Sicht vor allem deshalb von Bedeutung sind, als aus dieser Richtung der erste Anstoß zu einer eigenständigen Theologie des Shinto entstand.

Die Fragen, die manche buddhistische Mönche dazu trieben, sich aus theo­logischer Sicht mit den ein­hei­mischen Gott­heiten auseinander zu setzen, resultierten im all­gemeinen aus einzelnen Schrein­traditionen, die sich der Ein­ver­nahme durch den Bud­dhis­mus hart­näckig wider­setzten. Dazu zählten die bereits erwähnten seltsamen Tabus, die ganz besonders im Amaterasu Schrein von Ise gegen den Buddhismus er­richtet worden waren. Und noch eine Vor­stellung findet sich allent­halben: Nicht alle Kami sind bud­dhis­tische Er­schei­nungen. Manche — oft als „wirkliche Kami“ (jitsu no kami (jitsu no kami 実神„wahre kami“ = kami ohne buddhistsische Urform (→ honji) )) bezeichnet — haben keine bud­dhis­tische Urform. Sie gehören ins Reich der tengu (tengu 天狗Tengu, eine Art Kobold, meist in den Bergen …mehr ⇒) und der mit Zauber­kraft aus­ge­statteten Füchse und tanuki (tanuki Tanuki (Marder-Hund) …mehr ⇒) (siehe Kapitel Mythen, Geister bzw. Füchse) und sind tendenziell böse und ge­fähr­lich. Gerade diese „wirklichen Kami“ zogen nun die Auf­merk­sam­keit der Ryōbu Shinto Denker auf sich und resultierten in er­staun­lichen Theorien, die gerade diese unter­stehen und un­heiligsten aller Götter zu Mani­fes­tati­onen von Amaterasu und Dainichi erklärten.

Andere buddhistische Richtungen, zumeist radikale Amidisten, lehnten die Kami generell ab. Aber nicht mit dem Argument, dass es sie nicht gibt, sondern weil sie den Buddhas, bzw. Amida (Amida 阿弥陀Buddha Amitabha …mehr ⇒), in jedem Fall unter­legen sind, und ledig­lich eine selbst­süchtige, dies­seits­ver­haftete, irre­ge­leitete Religiosität fordern und fördern.

Zwischen diesen beiden Extremen gab es einen „religiösen Mainstream“, der grund­sätzlich dem Bud­dhis­mus anhing und zugleich den Kami wohl­wollend gegen­über stand. Auch inner­halb dieses Mainstreams blieb aber ein ge­wisses Be­wusst­sein vom Unter­schied zwischen ein­hei­mischen und der bud­dhis­tischen Gestalten be­stehen, wobei die ein­heimischen letztlich geringer eingestuft wurden.

Götterwind und Götterland

Der Grund, warum man die Kami trotz Vorherrschen des Buddhismus nie ganz aus dem Bewusst­sein verlor, mag in ihrer Ver­bunden­heit mit lokalen Ge­geben­heiten gelegen haben. In den Kami suchten und fanden Japaner immer wieder die Be­stäti­gung einer lokalen — um nicht zu sagen „nationalen“ — Identität, die be­sonders in der emotionalen Positionierung gegen­über China eine Rolle spielte. Dies wird unter anderem am Beispiel der er­folg­reichen Abwehr der Mongolen­angriffe, Ende des drei­zehnten Jahr­hunderts deutlich. Be­kannter­maßen scheiterten die beiden Invasions­versuche der Mongolen unter Kubilai Khan 1274 und 1281 jeweils an Taifunen, durch die die an­grei­fenden Flotten zer­stört wurden. Diese Winde wurden in Japan nach­träglich den Kami zu­ge­schrieben und als kamikaze (kamikaze 神風Götterwind …mehr ⇒), göttliche Winde, bezeichnet, ein Ausdruck, der im Zweiten Welt­krieg dann auch auf die Selbst­mord­piloten der Luft­waffe Anwendung fand.

Es mag kein Zufall sein, dass im Anschluss an die Mongolen­angriffe der Begriff shinkoku (shinkoku 神国wtl. „Götterland“ ) — „Götterland“, bzw. „Land der Kami“ — immer häufiger auf­taucht, und zwar zu­meist dann, wenn auf die Aus­er­wählt­heit Japans hin­ge­wiesen werden soll. Solche Gedanken spielen vor allem für die „Traditionalisten“ des ja­pa­nischen Mittel­alters eine große Rolle bei ihren Ver­suchen, die Macht des Tenno Hofes wieder her­zu­stellen. Der Krieger Kitabatake Chikafusa (Kitabatake Chikafusa 北畠親房Krieger und Gelehrter (1293–1354) ) (1293-1354) ist dafür ein exemplarisches Beispiel. Er zieht nicht nur an der Seite des Kaisers Go-Daigo in den Krieg gegen das Kamakura-Shogunat, um den Tenno wieder ins Zentrum der Macht zurück­zu­führen, er schreibt auch gelehrte Werke, die den kaiser­lichen Macht­an­spruch historisch be­gründen. Der erste Satz seines Haupt­werkes Jinnō shōtō ki (Jinnō shōtō ki 神皇正統記„Über die Wahre Abfolge der Göttlichen Herrscher“, Traktat von Kitabatake Chikafusa, 1340 ) („Über die Wahre Abfolge der Göttlichen Herrscher“, ent­standen um 1340) lautet folge­richtig: „Dieses Land ist ein Götterland.“ Wie im späteren Staatsshinto, der den Begriff „Götterland“ eben­falls gerne ver­wendete, wurden also bereits im Mittel­alter Kami-Kult und Tenno-Kult mit einander in Beziehung gesetzt.

Watarai Shinto

Chikafusa stand mit einer religiösen Bewegung in Verbindung, die von Ise (Ise 伊勢Schreinanlage von Ise, Präfektur Mie …mehr ⇒), genau ge­nommen vom Äußeren Ise Schrein (Gekū (Gekū 外宮Äußerer Schrein von → Ise, Toyouke geweiht …mehr ⇒)) aus­ging und mit dem oben erwähnten Ryōbu Shinto in enger Ver­bin­dung stand. Der Äußere Schrein von Ise hatte stets damit zu kämpfen, dass Ise zwar ins­gesamt als heiliger Ort erachtet wurde, dass aber im Grunde nur Amaterasu (Amaterasu 天照Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennō …mehr ⇒), die Haupt­gott­heit des Inneren Schreins, als Ahnen­gott­heit des Tenno auf­ge­fasst wurde. Die Gott­heit des Äußeren Schreins, Toyouke (Toyouke 豊受Nahrungsgottheit des Äußeren Schreins von Ise …mehr ⇒), wurde dagegen als Dienerin Amaterasus an­ge­sehen. Der Äußere Schrein war der Priester-Familie Watarai (Watarai 度会Priester des Äußeren Schreins von Ise ) anheim ge­stellt. Die Watarai ent­warfen nun in einer Generationen über­span­nenden Unter­nehmung eine Theologie, die erstens Toyouke als die Ver­körpe­rung des Urgotts Kuni no Tokotachi (Kuni no Tokotachi 国常立mythologische Urgottheit des Shinto ) ansah, und zweitens beide Schreine, Inneren und Äußeren als Ent­spre­chung der beiden Mandalas (मण्डलmaṇḍala (skt., n.)„Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung …mehr ⇒) des Buddhas Dainichi Nyorai (Dainichi Nyorai 大日如来Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“ …mehr ⇒). Im Unter­schied zur klassischen honji suijaku (honji suijaku 本地垂迹wtl. Grundform und herabgelassene Spur; Theorie der Angleichung von Kami und Buddhas …mehr ⇒)- Theorie und analog zum Ryōbu Shinto waren die Ise-Gottheiten und Dainichi voll­kommen gleich­wertig, ein­ander wechsel­seitig spiegelnd. Ise wurde zum heiligen Boden Dainichis und der Ursprung Dainichis damit nach Japan ver­legt. Dadurch wurde neben­bei auch der Begriff „Götterland“ bud­dhis­tisch begründet und ab­ge­sichert. Das machte den Ise- oder Watarai Shinto (Watarai Shinto 度会神道Shinto-Lehre des Äußeren Schreins von Ise ), wie diese Richtung heute genannt wird, wahr­schein­lich auch besonders attraktiv in den Augen Chikafusas.

Wie die Einbeziehung von Dainichi Nyorai (Dainichi Nyorai 大日如来Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“ …mehr ⇒) bereits andeutet, wurde der Watarai Shinto nicht von den Watarai Priestern allein, sondern auch von bud­dhis­tischen Mönchen, v.a. aus der esoterischen Shingon (Shingon-shū 真言宗Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes …mehr ⇒) Schule ent­wickelt. Damit nahmen Elemente des esoterisch-bud­dhis­tischen Ritus Einzug in diese Form des Shinto. Im Watarai Shinto gibt es demnach Gebets­formeln (mantra (मन्त्रmantra (skt., n.)Gebets­formel …mehr ⇒) ), Hand­zeichen (mudra (मुद्राmudrā (skt., f.)„Siegel“, Gebetsgeste …mehr ⇒) ), die Anbetung von Sanskrit­zeichen, die Anrufung von Buddhas und anderes mehr. Daneben spielt auch der Yin Yang (Yin Yang 陰陽 (chin.) — Dualistisches Prinzip der chin. Naturphilosophie …mehr ⇒) Glaube eine wichtige Rolle. Das deshalb, weil zu dieser Zeit auch die Shingon Schule starke An­leihen beim Yin Yang Glauben und der chinesischen Kosmologie machte. Im Mittel­punkt des Watarai Shinto standen aller­dings traditionelle Riten des höfischen Shinto, die sozusagen buddhistisch aufbereitet wurden.

Wie die Shingon Schule, hielten die Watarai ihre Gebets- und Ritualtexte geheim und gaben sie nur Initiierten weiter. Dennoch ver­breitete sich der Watarai Shinto recht rasch und wirkte mit, Ise zu einem führenden Zentrum des mittel­alter­lichen Pilger­wesens werden zu lassen. Trotz dieser neuen Bedeutung der Ise Schreine ist es frag­lich, in­wie­weit sich die Vertreter des Watarai Shinto selbst als „Shintoisten“ sahen. Sofern sie Priester in Ise waren, ver­fügten sie natür­lich über eine historisch ge­wachsene Identität als Kami-Priester. Aber ein klares Bewusst­sein, einer vom Bud­dhis­mus ver­schiedenen Religion zu dienen, lässt sich kaum er­kennen. Eher kann man im Watarai Shinto einen be­sonderen Versuch sehen, den Kult von Ise mit dem vor­herr­schenden bud­dhis­tischen Welt­bild in Ein­klang zu bringen und dabei dennoch die Besonderheit Ises zu wahren.

Yoshida Shinto

Die Ideen und Techniken der Watarai (Watarai 度会Priester des Äußeren Schreins von Ise ) diffundierten in viele Schreine und Tempel des Mittel­alters und wurden im übrigen auch von den Priestern des Inneren Schreins von Ise über­nommen. Es dauerte aller­dings ver­hältnis­mäßig lange, bis auch die Familien des Tenno-Hofs — vor allem die Beamten des kaiser­lichen Götter­amtes (Jingi-kan (Jingi-kan 神祇官Götteramt …mehr ⇒)) — davon Gebrauch machten. Erst als die letzten Reste des Heian (Heian 平安alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-zeit­lichen Hof­staats im Zuge des Ōnin-Krieges (1467-1477) zerstört wurden und die Institution des Tenno den Tief­punkt ihrer politischen Be­deu­tungs­losig­keit erreichte, machte sich ein Ab­kömmling einer höfischen Priester­familie daran, eine Lehre im Stil der Watarai zu formulieren.

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Taigen kyū

Edo-Zeit
Bild © Tenri Toshokan, Yoshida Bunko

Das Hauptheiligtum des Yoshida Shinto im Yoshida Schrein von Kyoto.

Hauptheiligtum des Yoshida Shinto

Dieser Priester namens Yoshida Kanetomo (Yoshida Kanetomo 吉田兼倶Shinto Priester und Theologe; 1435—1511 ) (1435-1511) stammte aus der Familie der Urabe (Urabe 卜部Priester und Orakelleser des Tennō-Hofs ), die seit der Heian-Zeit als Orakel­leser und Weis­sager bei Hof tätig waren. Sein sogenannter Yoshida Shinto (Yoshida Shintō 吉田神道mittelalterl. Shinto-Richtung, begründet von → Yoshida Kanetomo ) bezieht Teile dieses Erbes mit ein, geht aber weit über die tra­di­ti­o­nellen Inhalte des höfischen Kults hinaus. Die Moti­vation Kanetomos scheint darin gelegen zu haben, das höfische Götter­amt neu zu errichten und unter die Füh­rung der Urabe Priester zu stellen. Dazu mussten viele Details der ehe­mals sakrosankten Ordnung des Hofes auf den Kopf ge­stellt werden, aber das fiel zu Kanetomos Zeit wohl nicht mehr allzu sehr ins Gewicht. Teile der Hof­aristo­kratie mögen in Yoshida Kanetomo und in der neuen esoterisch-religiösen Be­deu­tung, die er dem Tenno und seinen In­sti­tu­ti­onen zu­schrieb, hin­gegen einen neuen Hoffnungs­träger erblickt haben.

Die Lehre des Yoshida Shinto

Die ideengeschichtliche Bedeutung des Yoshida Shinto liegt aber nicht in der Revitalisierung des Götter­amtes. Vielmehr brachte Yoshida Kanetomo die Techniken und Theorien des Watarai Shinto erstmals in ein ge­schlos­senes System und gab ihm zudem einen Namen: Yuiitsu Shinto (Yuiitsu Shinto 唯一神道mittelalt. Shinto Richtung (= Yoshida S.) ), der „Eine und Einzige Shinto“. Damit war erstmals eine Richtung des Shinto ent­standen, die sich auch selbst als solche identifizierte und bewusst vom Bud­dhis­mus abhob. Kanetomo war zugleich einer der ersten, die das Verhältnis von Kami und Buddhas bzw. Shinto und Bud­dhis­mus explizit thema­tisierten. Um dem Shinto zum Vor­rang gegen­über dem Bud­dhis­mus zu ver­helfen, drehte er die gängige honji suijaku These schlicht­weg um und erklärte die Kami zur Urform (honji (honji 本地(buddhistische) Urform (eines kami) …mehr ⇒)) und die Buddhas zur „Spur“ (suijaku (suijaku 垂迹wtl. kami-Spur (eines Buddha); buddh. Bezeichnung für → kami …mehr ⇒)). Nach Ansicht des Yoshida Shinto würden sich die Kami nur in Japan, dem Götter­land, in ihrer wahren Gestalt zu er­kennen geben, während sie sich in Indien und China in der behelfs­mäßigen Er­scheinungs­form von Buddhas manifestierten.

Viele Elemente des Yoshida Shinto wirken aus heutiger Sicht derart bud­dhis­tisch, dass man sich kaum vor­stellen kann, wie zu jener Zeit nicht sofort die Idee auf­kommen konnte, der Yoshida Shinto hätte vom eso­te­rischen Bud­dhis­mus „abgekupfert“. Z.B. heißt es, dass es im Shinto „geheime“ und „offene“ Lehren gäbe (in Analogie zur Zwei­teilung in eso­te­rischen und exo­te­rischen Bud­dhis­mus), wobei die geheimen exklusiv im Besitz der Yoshida wären. Es gibt die Über­ein­stim­mung von Gesten, Worten und Gedanken (die „Drei Geheimnisse“ des eso­te­rischen Bud­dhis­mus), die zur Ver­einigung mit der an­ge­rufenen Gott­heit führen. Es gibt Ritual­gegen­stände und Mudrās, die direkt dem Shingon Bud­dhis­mus ent­nommen sind. Dennoch, aus der Sicht des all­gegen­wärtigen Syn­kre­tis­mus seiner Ent­stehungs­zeit wirkt der Yoshida Shinto durchaus puristisch: Es werden keine Buddhas an­ge­rufen. Es werden keine Sutren (सूत्रsūtra (skt., n.)„Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift …mehr ⇒) rezitiert. Es werden keine bud­dhis­tischen Mönche als Ur­heber der Lehre an­ge­geben. Es werden keine bud­dhis­tischen Ziele wie Erleuchtung, Nirvana (निर्वाणNirvāṇa (skt., n.)„Auslöschung“, Ort der Erlösung von allem Leid …mehr ⇒) , etc. proklamiert. Und wenn bestimmte Über­ein­stim­mungen mit dem Bud­dhis­mus an­er­kannt werden, dann nur, um die Ar­gu­men­tation zu stützen, dass auch der Buddhismus letztlich auf die japanischen Kami zurückgeht.

Die Verbreitung des Yoshida Shinto

Der Yoshida Shinto verbreitete sich im sech­zehnten Jahr­hundert, also in der Zeit der „Kämpfenden Länder“ verhältnis­mäßig weit­läufig in vielen Provinzen. Das liegt nicht nur an seiner über­zeu­genden Doktrin, sondern auch daran, dass die Nach­folger Yoshida Kanetomos in diversen kleineren, regionalen Schreinen, die teilweise von neu ent­standenen Dorf­gemeinschaften getragen wurden, eine Klientel ent­deckten, die weder vom Buddhismus noch von den traditionellen Groß­schreinen betreut wurde. Diesen Schreinen bot der Yoshida Shinto eine neue Form der Unter­stützung an, sei es, indem Priester in esoterische Riten des Yoshida Shinto eingeweiht wurden, sei es, dass der betreffende Schrein einfach einen Hofrang erhielt, den die Yoshida in ihrer Eigen­schaft als Priester des Götter­amts verteilten. Diese Funktion des Yoshida Shinto wurde in der Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit sogar offiziell anerkannt. Zum Entsetzen mancher anderer traditioneller Priester­familien, wurden die Yoshida in den ersten „Bestimmungen für Schreinpriester“ des Tokugawa Shogunats (= Shosha negi kannushi hatto (Shosha negi kannushi hatto 諸社禰宜神主法度„Bestimmungen für Schreinpriester“ 1665 ), 1665) als zuständig für alle Schreine de­klariert, die nicht bereits über traditionelle Bindungen zum Kaiserhof verfügten. Das Shogunat erkannte damit den Tenno Hof als prinzipiell für alle Shinto An­ge­legen­heiten zuständig an, und wählte innerhalb des Tenno Hofs die Yoshida als zuständig für die große Mehr­heit aller Shinto Schreine aus.

Was das in der Praxis bedeutete, ist heute noch weitgehend ungeklärt. Fest steht zum einen, dass es dem Yoshida Shinto gelang ein weit ver­zweigtes System von abhängigen Schreinen zu schaffen. Zum anderen be­mühten sich viele Familien und Shinto Schulen, u.a. der neu erstarkende Watarai Shinto (Watarai Shinto 度会神道Shinto-Lehre des Äußeren Schreins von Ise ), mit zu­nehmendem Erfolg darum, die Vormachtstellung der Yoshida zu brechen. Große Schreine mit traditionellen Bindungen zum Hof fielen im übrigen nicht in den Zuständigkeitsbereich der Yoshida. Dennoch war der Einfluss des Yoshida Shinto in der Edo-Zeit beträchtlich. Er wird heute nach wie vor unter­schätzt und bedarf dringend einer historischen Aufarbeitung.

Kritik am Yoshida Shinto

Ein Grund für die geringe Kenntnis über den Yoshida Shinto soll auch kurz zur Sprache kommen: Bereits Anfang der Edo-Zeit kam es unter Intellektuellen zu einer „konfuzianischen Mode“ (s. Neo-Konfuzianismus), die zunächst mit den chi­ne­sischen Vor­stellungen des Yoshida Shinto noch durchaus kompatibel war. Doch entwickelte sich unter konfuzianischer Sicht ein neuer Blick bzw. ein neues Wissen über die Geschichte Japans. Zugleich nahm die Kritik an den mittel­alterlichen Formen der eso­te­rischen Wahr­heits­ver­mitt­lung zu. Beides führte dazu, dass die Ansprüche des Yoshida Shinto immer mehr in Frage gestellt wurden. Die Idee eines „reinen Shinto“ wurde zwar aus dem Yoshida Shinto über­nommen, radikalisierte sich jedoch. Mitte der Edo-Zeit entstand daraus die sogenannte „Nationale Schule“ ( kokugaku), die sowohl den Buddhismus als auch den Konfuzianismus ablehnte. Unter Gelehrten wie Motoori Norinaga (Motoori Norinaga 本居宣長Shinto-Gelehrter der „nationalen Schule“ (Kokugaku), 1730—1801 …mehr ⇒) und Hirata Atsutane (Hirata Atsutane 平田篤胤Kokugaku-Gelehrter, 1776–1843 …mehr ⇒) wurde die kokugaku (kokugaku 国学„Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus …mehr ⇒) zu einer führenden intellektuellen Strömung, die namentlich die Führer der Meiji (Meiji 明治posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …mehr ⇒)-Restauration inspirierte. Die Politik der sogenannten „Trennung von Kami und Buddhas“ gleich nach der Restauration im Jahre 1868 kann als ideologisches Kind der kokugaku bezeichnet werden (s. Staatsshinto). Sie führte zur endgültigen Auflösung des Yoshida Shinto, der nunmehr als synkretistisch verschrien war.

Diese politisch-religiöse Entwicklung fand auch in der japanischen und schließlich in der westlichen Religionsforschung ihren Niederschlag. Unter der Ideologie des Staatshinto, also während der Meiji, und vor allem der frühen Shōwa (Shōwa 昭和Regierungszeit des Tennō Hirohito (1926–1989) …mehr ⇒) Zeit, wurde die Trennung von Buddhismus und Shinto auch rückwirkend vollzogen, alle „synkretistischen“ Richtungen wurden als historische Verirrungen gering geschätzt und in ihrer Bedeutung herunter gespielt. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahr­hunderts setzte eine Revision dieses Geschichtbilds ein, die allerdings noch keineswegs abgeschlossen ist.

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