Staatsshintō

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Bernhard Scheid, „Staatsshintō.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 1.8.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Staatsshinto?oldid=52512X

Die Errichtung des japanischen National­staats nach westlichem Muster begann mit der so­ge­nannten Meiji-Restau­ration (Meiji Ishin Meiji Ishin 明治維新 Meiji Restauration, wtl. Meiji-Erneuerung, umfasst den politischen Umsturz 1867–68 und die nachfolgende Konsolidierung Japans als moderner Nationalstaat). Diese hatte jedoch zunächst ganz andere Ziele als die „Verwest­lichung“ Japans. Der poli­tische Um­bruch zwischen 1867 und 68 wird genau des­halb als „Restauration“ be­zeichnet, weil er von dem Ideal ge­tragen war, zu den poli­tischen Ver­hältnis­sen des alten Japan, also zu einer zentra­listi­schen Monarchie rund um den Tennō Tennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmelssiehe auch Goetter der Erde → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Weltbild→ Alltag/Opfergaben→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr zurück­zu­kehren. Nach Jahr­hunder­ten der Be­deutungs­losig­keit sollte der kaiserliche Hof, angeführt vom jungen Meiji Tennō Meiji Tennō 明治天皇 1852–1912; 122. japanischer Kaiser (r. 1867–1912); Namensgeber und politische Symbolfigur der Meiji-Zeit; Eigenname: Mutsuhitosiehe auch→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Bauten/Bekannte Schreine→ Alltag/Jahr→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Bakumatsu , wieder ins Zentrum der poli­tischen Macht gerückt werden. Dieses poli­tische Ziel sollte durch eine (Wieder-)Ver­eini­gung von Shintō-Ritus und poli­tischer Gewalt (saisei itchi saisei itchi 祭政一致 Einheit von Ritus und Verwaltung bzw. von Religion und Staatsiehe auch→ Geschichte/Bakumatsu ) erfolgen. Das ideo­logi­sche System, das sich um diese poli­tische Ziel­set­zung heraus­bildete, bezeich­net man heute als Staats­shintō, jap. kokka shintō kokka shintō 国家神道 Staatsshintō, staatliche Ideologie der Moderne vor dem 2. WKsiehe auch→ Grundbegriffe/Shinto .

Im Hinter­grund der Forderung nach einer neuen politischen Auto­rität stand u.a. die Bedro­hung durch west­liche Mächte, die spätestens im Jahr 1853 in Gestalt der „Schwarzen Schiffe“ (kurobune kurobune 黒舟 „Schwarze Schiffe“; volkstümliche Bezeichnung für die amerikanischen Kanonenboote, die 1853 die Öffnung Japans erzwangensiehe auch Bakumatsu ) des ameri­kani­schen Admirals Matthew Perry Matthew Perry 1794–1858; amerikanischer Admiral (Commodore), der 1853–1854 die Öffnung der japanischen Häfen für amerikanische Schiffe erwirktesiehe auch Bakumatsu → Geschichte/Christentum→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e für die gesamte japa­nische Öffent­lich­keit sichtbar wurde (s. Bakumatsu-Zeit). Eine effek­tive Maß­nahme gegen diese Bedro­hung wurde immer weniger vom Shōgun und immer mehr vom Tennō erwartet. Ein bekann­ter Slogan aus den letzten Jahren der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyōsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit, der diese Erwar­tungs­hal­tung charak­terisiert, lautete: „Ehre dem Tennō, fort mit den Barbaren“ (sonnō jōi sonnō jōi 尊王攘夷 „Ehrt den Kaiser, verjagt die Barbaren“; anti-westlicher Slogan des 19. Jh.s (Zitat aus den Frühling- und Herbstannalen des Konfuzius)siehe auch Bakumatsu → Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri ).

Tradition und Moderne

Die Ideen des Staats­shintō wurden u.a. von der Kokugaku Kokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradtion, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtetesiehe auch Kokugaku → Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Texte/Mythentexte → mehr („Nationale Schule“) und der Mito-Schule (Mito-gaku Mito-gaku 水戸学 Mito-Schule; konfuzianisch und Tennō-loyalistisch ausgerichtete Gelehrtentradition der Edo-Zeit mit Zentrum in Mito (heute Teil von Ibaraki-ken, nw. von Tōkyō)siehe auch Dainihonshi ) formuliert, die sich im Laufe des neun­zehnten Jahr­hun­derts zu­neh­mend politi­siert hatten und den Umsturz der feudalen Ver­hält­nisse unter dem Toku­gawa Shōgunat ideo­logisch vor­berei­teten. Die Gelehrten dieser Schulen er­achte­ten das klassi­sche Alter­tum als eine Art gol­denes Zeit­alter, in dem sowohl der Tennō als auch die kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Schreine→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Omairi → mehr von allen Japa­nern als natur­gege­bene Auto­ritä­ten an­er­kannt wurden, ohne dass explizite Gesetze oder Glau­bens­lehren von Nöten gewe­sen wären. Diese selbst­ver­ständ­liche An­erken­nung einer religiös-politi­schen Ordnung wurde als die Essenz des Shintō Shintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe → mehr , des Weges der kami, ange­sehen. Aus Sicht der kokugaku impli­zierte Shintō somit die Idee eines sakra­len König­tums. Auch diese Idee wurde durch das erwähnte Schlag­wort saisei itchi, die Einheit von Religion/Ritus und Staat/Verwaltung, ausgedrückt.

Die Utopien, die Japan Mitte des neun­zehnten Jahr­hunderts veränderten, waren also primär auf die Ver­gangen­heit gerichtet. Auch die sieg­reichen Refor­mer der Meiji-Zeit standen zu­nächst in dieser Tradition. Die Meiji Restau­ration unter­schied sich in diesem Punkt von den bürger­lichen Revolu­tionen, die Europa zu dieser Zeit bewegten, wurden diese doch im Namen einer wie immer gear­teten „Freiheit“ durch­geführt. In Japan, wo eine äußere Bedro­hung den Anlass zur Verän­derung lieferte, stand anstelle dieser Freiheit Nostalgie.

Trotz dieser unter­schiedlichen Aus­gangs­bedingungen führten die politischen Ver­änderungen in Europa und Japan gleicher­maßen zur Besin­nung auf nationale Werte. Obwohl dies eigentlich nationale Diver­genzen begünstigen sollte, bewegten sich Japan und die westlichen Staaten hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Entwicklung weiter auf einander zu. Dies wird auch aus dem „Fünf-Artikel-Eid“ von 1868 deutlich, der den Minimal-Konsens des neuen Regimes im Jahr 1868 formulierte und besiegelte. Aus diesem Dokument spricht einerseits das Vor­haben, neue Be­völkerungs­schichten an politischen Entscheidungs­prozessen teilhaben zu lassen, andererseits sollen „die Unsitten der Vergangenheit“ überwunden und Wissen aus aller Welt nutzbar gemacht werden. Dies markiert die ideologische Umkehr von einer rein tradi­tionalistischen Verteidigung „alter Werte“ zu einem prag­matischen Umgang mit globalen Trends.

Ein wichtiger Motor dieser konvergenten Ver­änderungen war die sogenannte „industrielle Revolution“. Diese entstand zwar in Europa, wurde aber von Japan mit nur geringfügiger Verspätung auf­genommen und mitgetragen. Nach dem erwähnten Kontakt mit den Schwarzen Schiffen (1853/54) bildete sich langsam ein allgemeiner Konsens, dass ein zu großer technischer Rück­stand gegenüber den westlichen Mächten früher oder später zur Kolonia­lisierung führen würde. Daher begann die tech­nische Aufrüstung des Militärs mit westlichen Waffen (v.a. mit Kriegs­schiffen) bereits vor 1868, was schließ­lich die ent­sprechende Umge­staltung der politisch-gesell­schaft­lichen Struktur des Landes unum­gänglich machte. Ab der Meiji-Zeit beob­achtete die politische Elite auch alle anderen Innova­tionen der west­lichen Staaten sehr genau, ließ sich von west­lichen Experten beraten und führte sie – zumeist mit leichten Modifikationen – auch im eigenen Lande ein. Dies führte notgedrungen zu einem Wider­spruch zwischen den Idealen der „Restauration“ und der gesell­schaft­lichen Wirklichkeit.

Das doppelte Gesicht des Tennō

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Kaiser Meiji in traditionellem Zeremonialgewand

Photographie von Uchida Kuichi. 1872
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Kaiser Meiji (1852–1912) im 5. Jahr seiner Regierung mit eben erst 20 Jahren.

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Kaiser Meiji in Militäruniform nach westlichem Stil

Photographie von Uchida Kuichi. 1873
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Die neuartige Militäruniform scheint für den jungen Kaiser noch ungewohnt gewesen zu sein.

. 1 . 2 Meiji Tennō, 1872 und 1873

Der junge Meiji Tennō Meiji Tennō 明治天皇 1852–1912; 122. japanischer Kaiser (r. 1867–1912); Namensgeber und politische Symbolfigur der Meiji-Zeit; Eigenname: Mutsuhitosiehe auch→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Bauten/Bekannte Schreine→ Alltag/Jahr→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Bakumatsu , der eher zufällig zugleich mit der Sieg der Tennō-Loyalisten an die Macht kam,1 wurde nicht nur zum wichtig­ste Emblem der Meiji-zeitlichen Erneue­rung, sondern erhielt auch — den unterschiedlichen Trieb­kräften der Restauration entsprechend — ein doppeltes Gesicht: Neben seinen sakral anmu­tenden tradi­tionellen Amts­roben trat er in einer voll­kommen neuen Gestalt auf, nämlich in Militär­uniform nach westlichem Muster.

Dieses doppelte Erschei­nungs­bild des Meiji Tennō spiegelt nicht nur die Zer­rissen­heit des dama­ligen Japan zwischen Traditio­nalis­mus und Moderne, es trägt auch die Para­doxe in sich, die sich in der Idee eines staats­tragen­den Shintō offen­baren. Dieser sollte die Ideo­logie für eine Ent­wick­lung bereit stellen, die eben nicht in erster Linie die Ver­gangen­heit wach rief, sondern von politi­scher Zentra­lisie­rung, verwal­tungs­techni­scher und militäri­scher Rationa­lisierung, sowie von tech­nologi­scher Er­neue­rung, kurz von der Moderni­sierung nach westlichem Muster geprägt war. Dennoch bediente sich diese Moderni­sierung, wo es möglich war, eines rituellen Gepräges, das der japani­schen Antike entnom­men war. Diesen Zwie­spalt ver­suchte man mit dem Schlag­wort „Japani­scher Geist — west­liche Technik“ (wakon yōsai wakon yōsai 和魂洋才 „Japanischer Geist, westliche Technik“siehe auch→ Geschichte/Bakumatsu ) zu über­brücken.2 Man meinte also, zwar äußerlich dem west­lichen Vorbild zu folgen, inner­lich aber sich selbst treu zu bleiben. Tat­sächlich regierte in der Meiji-Zeit jedoch ein schranken­loser Pragma­tismus, der im Grunde nur von einem Ziel bestimmt war: in macht­politi­scher Hinsicht mit den euro­päi­schen Mächten und Amerika gleich­zu­ziehen. Ob dies nun durch Rück­besin­nung auf alte Werte oder durch Über­nahme neuer Institu­tionen und Techniken zu erreichen wäre, unter­lag den momen­tanen Schwan­kungen der tages­poli­tischen Situation.

Shinto als Staatsreligion?

Trennung von Shintō und Buddhismus

Eine Staats­religion zu haben erschien zunächst gerade aus der pragma­tischen Orientierung an Europa un­ab­ding­bar. Die meisten japani­schen Be­ob­achter der europäi­schen Ver­hältnisse machten nämlich das Christen­tum dafür ver­ant­wortlich, dass der Staat hier das Volk besser im Griff habe als in Japan. Die Meiji-Reformer suchten also nach einer ver­gleich­baren ideologi­schen Macht im eigenen Land. Da der Bud­dhis­mus durch seine Verbindung mit dem über­kom­menen Tokugawa Regime dafür nicht in Betracht kam (terauke terauke seido 寺受制度 System der Tempel-Bestätigungensiehe auch Terauke → Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri System), ent­schied man sich für Shintō und Tennō-Kult. Es war jedoch un­über­sehbar, dass der Shintō erst einmal neu gestaltet — um nicht zu sagen neu erfunden — werden musste, damit er eine dem Christen­tum ver­gleich­bare Rolle über­nehmen konnte. Er musste z.B. erst einmal säuberlich vom Bud­dhis­mus ge­trennt werden. Einer der ersten Erlasse der neuen Meiji-Regierung im Jahr 1868 ordnete daher die „Trennung von kami und Buddhas“ (shinbutsu bunri shinbutsu bunri 神仏分離 Trennung von kami und Buddhas; meist bezogen auf die frühe Meiji-Zeitsiehe auch shinbutsu bunri → Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Bauten/Bekannte Schreine/Hachiman→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri ) an. Dies markierte einen Bruch mit der seit dem Alter­tum all­ge­mein­gül­tigen Auf­fassung, dass japani­sche kami im Grunde nur beson­dere Erschei­nungs­formen buddhis­tischer Wesen seien (s. honji suijaku). Dieser Bruch reali­sierte sich in der Praxis durch Maß­nahmen wie die Ab­schaf­fung bud­dhis­tischer Titel für die kami, die Um­benen­nung und Umwidmung von Shintō-Schreinen sowie die Zer­störung bud­dhis­tischer Statuen, vor allem wenn diese in Shintō-Schreinen verehrt worden waren. Es kam überdies landes­weit zu anti-buddhis­tischen Aus­schrei­tungen, bei­spiels­weise Tempel­plün­de­rungen, die von be­stehen­den Ressenti­ments gegenüber den Privilegien des bud­dhis­tischen Klerus in der Edo-Zeit (s. terauke System) angeheizt wurden.

Die neuen Maß­nahmen trafen aber nicht nur buddhistische Mönche, sondern auch viele Schrein­priester, da die meisten von ihnen ja gemein­sam mit den Mönchen in „Tempel-Schrein-Komplexen“ tätig gewe­sen waren. Ohne den institu­tionellen Schutz und das litur­gische Knowhow bud­dhis­tischer Tempel fehlte vielen Schrein­priestern schlicht die Existenz­grund­lage. Am härtesten traf die ver­ord­nete Trennung von Bud­dhis­mus und Shintō allerdings religiöse Misch­formen wie den Kult der yamabushi yamabushi 山伏 Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft; Praktikant des Shugendōsiehe auch Yamabushi → Bauten/Schreine/Torii→ Alltag/Pilgerschaft→ Alltag/Matsuri→ Alltag/Matsuri/Feuergang→ Alltag/Moenche → mehr , der keiner der beiden Religionen ein­deutig zu­ge­ordnet werden konnte und daher zu Gänze verboten wurde.

Die „Verbreitung der Großen Lehre“

Während das Kräfte­verhältnis von Tempeln und Schreinen ungewiss blieb, übten westliche Mächte Druck auf die Meiji-Regie­rung aus, den Edo-zeitlichen Bann gegen das Christen­tum aufzuheben und der christlichen Missionierung neue Ent­faltungs­möglich­keiten zu geben. Diesen Forderungen wurde bereits 1873 statt gegeben, doch nährte diese Liberalisierung Ängste vor einer Über­fremdung, die vom Shintō allein nicht auf­gehalten werden konnte. Die meisten Führer der Restau­ration waren im übrigen keines­wegs gläubige Shintōisten. Sie neigten vor allem dem Kon­fuzianis­mus zu und sahen im Shintō lediglich ein dema­go­gisches Instru­ment zur Stär­kung des Tennōismus.

In dieser Situation entstand die Idee, alle traditionellen Religionen Japans in einer breiten Kampagne zur Ver­breitung von patrio­tischen Grund­sätzen zu bündeln. Zu diesem Zweck entstand eine anfangs staatlich koordinierte Initiative, die vor der fast unlösbaren Aufgabe stand, eine neue Staats­religion gleichzeitig zu formulieren und zu verbreiten. Diese Staats­religion wurde schlicht die „Große Lehre“ genannt. Sie sollte zwar ihre Basis in den Schreinen des Landes haben und vom 1869 revitali­sier­ten „Götteramt“ (Jingi-kan Jingi-kan 神祇官 Götteramtsiehe auch Kami Kulte → Geschichte/Shinto Mittelalter→ Texte/Yuiitsu shinto myobo yoshu→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri ) koordiniert werden, doch sollten auch Bud­dhisten und andere an ihrer Verbreitung teilhaben können. Wahrscheinlich war man sich bewusst, dass man ganz ohne Bud­dhis­mus nicht über die nötige Masse von qualifiziertem päda­gogischen Personal verfügte. Die sogenannten „Drei Prinzipien der Großen Lehre“ wurden daher bewusst sehr offen und allgemein gehalten. Sie lauteten:

  1. Ehre die Götter, liebe dein Land
  2. Wisse um die Prinzipien des Himmels und den Weg des Menschen
  3. Ehre den Kaiser und gehorche dem kaiserlichen Hof (= Regierung)

Diese Prinzipien wurden um immer detail­liertere Zusätze ergänzt, die u.a. die Steuer­pflicht, die Schul­pflicht, den Militär­dienst und die Umstellung auf den westlichen Kalender erklärten.3 Es ging also kaum um transzendente „religiöse“ Inhalte, sondern um die Erziehung der Bevölkerung zu modernen Staats­bürgern.

Die offizielle Gründung der „Bewegung zur Verbreitung der Großen Lehre“ (taikyō senpu undō taikyō senpu undō 大教宣布運動 Kampagne des Großen Lernens oder auch Große Indoktrinierungs-Kampagne, 1870–1884; staatl. Initiative der frühen Meiji Zeit zur Verbreitung der Ideale des Tennō-Loyalismussiehe auch shinbutsu bunri → Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri ) erfolgte bereits 1870, doch erst 1872, nach Rückkehr der Iwakura Mission, begann die Bewegung ihre Arbeit ernsthaft aufzunehmen. Die verantwortliche staatliche Institution, das Götter­amt, wurde aus diesem Anlass in Kyōbu-shō Kyōbu-shō 教部省 Ministerium für religiöse Angelegenheiten, 1872–1877, Ministerium für doktrinäre Angelegen­heiten, unbenannt. Die Basis der Kampagne bildeten offizielle Instruktoren (kyōdōshoku kyōdōshoku 教導職 „nationale Evangelisten“; Missionare oder Instruktoren der Verbreitung der Großen Lehre), deren Zahl Mitte der 70er Jahre bereits auf über 10.000 angestiegen war. Sie setzten sich aus Shintō-Priestern, bud­dhis­tischen Mönchen, aber auch weltlichen Pädagogen zusammen.4

In der Führungs­ebene standen sich jedoch gegnerische Fraktionen gegenüber, die zunächst in Bud­dhisten und Anti-Bud­dhisten zerfielen. 1875 verlagerte sich das Zentrum der Bewegung immer stärker nach Ise Ise 伊勢 vormoderne Provinz (heute Präfektur Mie); Kurzbezeichnung für die Schreinanlage von Ise (Ise Jingū)siehe auch Schreinanlage Ise → Bauten/Schreine/Torii→ Alltag/Pilgerschaft→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Alltag/Kamidana→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr , was zu einer Betonung der shintōistischen Aspekte und schließlich zu einem demonstrativen Austritt der Bud­dhisten führte. Die „Shintōisten“ spalteten sich aber bald erneut in in verschiedenen Grup­pierungen der Kokugaku Kokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradtion, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtetesiehe auch Kokugaku → Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Texte/Mythentexte → mehr -Schule auf, während sich der Staat zunehmend aus der Kampagne zurückzog.

Religiöse Freiheit in der Verfassung

Wie man aus den obigen Abschnitten erkennt, wurde der Staats­shintō während der Meiji-Zeit keines­wegs immer konsequent voran­ge­trieben, sondern trat im Gegen­teil bald gegen­über anderen politischen Zielen in den Hinter­grund: Zunächst wurde das Militär­wesen und dann ein Rechts­system nach west­lichem Muster eingeführt. Dieses Rechts­system nahm mit der Verfas­sung von 1889 Gestalt an. Es orientierte sich im wesentlichen am Deutschen Kaiser­reich, welches ja in der Tat fast zeitgleich (1871) mit dem modernen japani­schen Staat entstanden war. Die japanische Ver­fassung sah eine konsti­tutio­nelle Monarchie vor und garan­tierte darüber hinaus — mit einigen Ein­schrän­kungen — „religiöse Freiheit“ (Artikel 28). Von den Ideen des Staats­shintō blieben in der Verfas­sung kaum mehr als zwei Sätze über: „Der japanische Staat wird für alle Zeiten un­unter­brochen vom Tennō regiert und be­herrscht“ (Artikel 1); und: „Die Person des Tennō ist heilig und un­ver­letzlich“ (Artikel 3). Die Verfas­sung ließ jedoch sowohl die gött­liche Her­kunft des Tennō als auch seine priester­lichen Auf­gaben uner­wähnt. Auch von einer Staats­religion ist in diesem grund­legenden juristi­schen Dokument nicht die Rede.

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Verkündigung der Meiji Verfassung

Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Hashimoto Chikanobu (1838–1912). 1889
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2014/11/20)
Jean S. and Frederic A. Sharf Collection

Kaiser Meiji (re.) verkündet die Verfassung, 1889. (S.a. Bild:meiji_constitution_1889.jpg.)

. 3 Meiji Tennō verkündet die neue Verfassung, 1889

Tennōzentrismus

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Offizielles Portrait des Meiji Tennō

Conté-Zeichnung von Edoardo Chiossone. 1888
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Im Gegensatz zu früheren Portraits handelt es sich um keine Photographie, sondern um eine sogenannte Conté-Zeichnung des Meiji Tennō. Chiossone war auch für das Design Meiji-zeitlicher Banknoten und anderer offizieller Bildmedien verantwortlich.

. 4 Offizielles Portrait des Tennō
E. Chiossone Edoardo Chiossone 1833–1898; italienischer Graphiker und Drucker, der ab 1872 bis zu seinem Tod in Japan tätig war, 1888

Dennoch herrschte innerhalb der maß­geblichen politischen und intellektu­ellen Kreise der Meiji-Zeit ein Grund­konsens, dass an der Institution des Tennō nicht zu rütteln sei. Der Tennō diente quasi als letzte Bastion, an der eine eigene, sowohl von China als auch vom Westen ver­schiedene, Identität fest­zu­machen war. Der breiten Mehrheit der Be­völke­rung war der Tennō dagegen zumindest am Anfang der Meiji-Zeit weitgehend unbekannt, da er während des gesam­ten japanischen Mittel­alters und der frühen Neuzeit kaum politisch in Er­scheinung getreten war. Es galt also zunächst, den Tennō zu einer all­ge­meinen Identifikations­figur zu machen. Diese Aufgabe wurde über zwei Schienen bewerkstelligt: einerseits über das all­ge­meine Erziehungs­wesen, andererseits über die Shintō-Schreine im ganzen Land. Dabei bediente man sich – von ein paar allge­meinen Phrasen abgesehen – eher ritueller als dogma­tischer Mittel:

  • In den Schul­höfen wurden kleine Schreine (hōanden hōanden 奉安殿 Schreine zur Aufbewahrung des kaiserlichen Portraits (1880er Jahre bis 1945); meist in Schulhöfen) errichtet, die die Portraits des Tennō und seiner Gemahlin sowie eine Abschrift des Kaiserlichen Erziehungs­erlasses aufbewahrten. Schulische Versammlungen, bei denen der Erlass verlesen wurde, fanden vor diesen Schreinen statt. Lehrer wie Schüler hatten sich täglich tief vor diesen Schreinen zu ver­neigen, als ob sie es mit einer Gott­heit zu tun hätten. Taten sie das nicht, so wurden sie im Allge­meinen der Schule verwiesen.
  • Die allgemeinen Feiertage wurden landes­weit neu geregelt. Höfische Riten, die einst­mals nur vom Tennō selbst voll­zogen wurden, sollten nun in allen Schreinen statt­finden. Dazu kamen neue Feier­tage wie etwa der Jahres­tag der Reichs­grün­dung durch Jinmu Tennō Jinmu Tennō 神武天皇 wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (→ Tennō) Japanssiehe auch Goetter der Erde → Mythen/Goetter des Himmels→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi , welcher getreu den mytho­logischen Chroniken auf den 11. Februar 660 v.u.Z. datiert wurde.
  • Jeder Staats­bürger war dazu ange­halten, an solchen Feier­tagen einen Schrein auf­zu­suchen und dort dem Tennō seine Reverenz zu erwei­sen (auch wenn der Schrein selbst viel­leicht keiner Ahnen­gott­heit des Tennō geweiht war). Die Schrein­priester wurden ihrer­seits nur am Rande in die Vereh­rung des Tennō ein­ge­bunden und führten groß­teils ihre tradi­tionel­len Riten weiter fort. Sie waren interes­santer­weise explizit dazu auf­ge­fordert, sich aus theo­logischen und missio­narischen An­ge­legen­heiten heraus zu halten.
  • Die Schreine wurden nach antikem Vorbild in ein landes­weites hier­archi­sches Rang­system ein­ge­gliedert, dem der Ise Schrein vor­stand. Schrein­priester wurden nach und nach als Beamte an­ge­sehen, erbliches Priester­tum wurde gesetz­lich untersagt.

In dieser Form erlangte der Staats­shintō im zwanzigsten Jahr­hundert — zu­nächst nach dem Russo-Japanischen Krieg (1904–05) und dann in der frühen Shōwa-Zeit (ab 1925) — seine volle Entfaltung: Ein diffuser religiös-historisch legitimierter Nationalismus machte sich in der öffent­lichen Erziehung und im japani­schen Alltag breit und wurde zu einer Massen­be­we­gung, ähn­lich dem Faschis­mus in den mit Japan ver­bün­deten Nationen Deutsch­land und Italien. Es gab jedoch für diese Ideo­logie keine dem Faschismus analoge Selbst­bezeichnung. Der Begriff „Staats­shintō“ war in dieser Zeit bestenfalls ein akademischer Terminus.5

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Meiji Tennō und kaiserliche Ahnen

Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Toyohara Chikanobu (1838–1912). 1878
Bild © Artelino. (Letzter Zugriff: 2014/11)

Meiji Tennō und seine Gemahlin umgeben von ihren kaiserlichen Ahnen:

Mitte: Die Urgötter Kuni no Tokotachi, Izanami und Izanagi, davor Kaiser Meiji und Kaiserin Shōken;
Rechts: Die Ahnengötter Amaterasu, Ninigi und Jinmu Tennō sowie die nahen Vorfahren Meijis, Kōmei (Tenno 121, r. 1846-1867) und Go-Sakuramachi (Tenno 117, r. 1762-1771, eigentlich eine Kaiserin!)
Links: Die mythologischen Ahnengötter Hikohohodemi und Hikonagisa Takeugaya Fukiaezu, sowie Go-Momozono (Tenno 118, r. 1771-1779), Kōkaku (Tenno 119, r. 1780-1817) und Ninkō (Tenno 120, r. 1817-1846).

. 6 Meiji Tennō und seine Gemahlin umgeben von ihren kaiserlichen Ahnen


Die „nicht-religiöse Natur“ des Shintō

Während der Tennō mehr und mehr in den Vorder­grund trat, verblasste die ursprüngliche Idee, Shintō zur Staats­religion zu erheben. Nicht nur die Schrein­priester, auch der Begriff „Shintō“ wurde ab dem In­kraft­treten der „Kaiser­lichen Ver­fas­sung“ (1889) in den Hinter­grund gedrängt. Dies hängt zweifel­los damit zusam­men, dass die Ver­fassung selbst aus­drücklich „Freiheit des Glaubens“ garan­tierte. Hätte man nun offiziell von einem Staats­shintō, bzw. einer shintō­istischen Staats­religion gesprochen, so wäre diese un­weiger­lich mit der Verfas­sung in Konflikt ge­raten. Aus diesem Grund wurden alle staat­lich ver­ordneten Formen der Tennō-Verehrung nicht als „religiöse Hand­lungen“, sondern als „staats­bürgerl­iche Pflichten“ be­zeich­net, auch wenn sie im Rahmen von Schrein­riten statt­fanden. Inner­halb des vor­herr­schen­den poli­ti­schen Diskurses wurde die Tennō Vereh­rung als eine Art erwei­terter Familien­kult inter­pretiert, da beide, Tennō und Unter­tanen gött­lichen Ursprungs seien, der Tennō also eine Art Vater des ge­samten Volkes darstellte. Dieser Kult war der „nicht-religiöse“ Shintō, den jeder Japaner zu be­folgen hatte und dem auch alle Schreine neben ihren sonstigen traditio­nellen Zere­monien zu huldigen hatten. Damit war es möglich, einen Staats­kult mit religiösen Ver­ehrungs­mustern zu fördern, ohne dass dies im Wider­spruch zur ver­fas­sungs­mäßig garantierten Religions­freiheit stand.

Dem entsprechend war von offizieller Seite ab Mitte der Meiji-Zeit weder von einer Staats­religion noch von einem Staats­shintō die Rede. Wenn Shintō explizit an­ge­sprochen wurde, dann als „Schrein Shintō“ (jinja shintō jinja shintō 神社神道 Schreinshintō; im Ggs. zu „Sektenshintō“, ...siehe auch Shinto ). Dieser Schrein Shintō wurde in Regie­rungs­texten als nicht-religiöser Staatskult definiert und als solcher einem religiösen „Sekten Shintō“ (shūha shintō shūha shintō 宗派神道 Sektenshintō, s.a. kyōha shintō) gegen­über gestellt (s. dazu auch Einführung: Shintō). Somit steht „Schrein Shintō“ im Kontext der Vor­kriegs­zeit für das, was später als „Staats­shintō“ be­zeichnet wurde. „Staats­shintō“ als Begriff setzte sich erst durch, nachdem das staats­shintōisti­sche System durch die ameri­kanische Shintō Direktive (1945, s.u.) offiziell ab­ge­schafft worden war. Der Begriff „Staats­shintō“ wurde also erst rück­wirkend auf die Reli­gions­politik vor dem Zweiten Weltkrieg angewendet.

Kokutai

Aus dem bisher Gesagten lässt sich bereits erkennen, dass der Begriff „Shintō“ im System des Staats­shintō weit seltener zu finden ist, als man a priori ver­muten würde. Die Schlag­worte, unter denen sich der Kult um Staat und Tennō festigte, laute­ten eher „Nationale Moral“, bzw. „Volksmoral“ (kokumin dōtoku kokumin dōtoku 国民道徳 „Nationale Moral“, „Volksmoral“; Schlagwort der nationalistischen Propaganda der Zwischenkriegszeit) und „Nationaler Geist“/„Volksgeist“ (kokumin seishin kokumin seishin 国民精神 „Nationaler Geist“, „Volksgeist“; Schlagwort der nationalistischen Propaganda der Zwischenkriegszeit). Der vielleicht wichtigste Begriff inner­halb der Ideologie des Staats­shintō ist jedoch das ominöse kokutai kokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“siehe auch→ Texte/Jinno shotoki→ Geschichte/Bakumatsu .

Kokutai, wtl. „Landeskörper“, könnte man un­vor­ein­ge­nommen mit „Staat“ oder „Staats­wesen“ über­setzen. Im Deutschen ruft eine derartige Über­setzung aber nicht den emotionalen Gehalt wach, der dem kokutai im Laufe der Zeit zu­ge­sprochen wurde. Insofern scheint Klaus Antonis Über­setzung „National­wesen“ treffender. Tat­säch­lich entzieht sich der Begriff aber einer Über­setzung, weil er in den ver­schie­densten Schriften der Vorkriegs­zeit eine Aura des Heiligen, Unan­tast­baren zu­ge­sprochen bekam, ohne dass je eine präzise Definition des Begriffs vor­ge­nommen worden wäre. Selbst juri­dische Texte sprachen von der Ver­letzung der Würde des kokutai, ohne zu klären, was kokutai sei. Ähn­liches gilt auch für Texte, die sich explizit mit kokutai be­schäftigen, wie das berüchtigte Kokutai no hongi („Grund­prinzipien [unseres] National­wesens“) aus dem Jahr 1937. Ein ge­meinsames Motiv aller kokutai Diskurse liegt jedoch darin, dass die Heiligkeit des Tennō, die zu­gleich die Heilig­keit des Staates ist, aus dem kokutai ab­ge­leitet wurde, welches selbst nicht mehr hinter­fragt werden konnte. Das einzige Motiv, das sich in vielen (wenn auch nicht in allen) kokutai-Beschreibungen immer wieder finden lässt, ist der Hinweis auf Japans „ungebrochene Folge dynastischer Herrschaft“, also die angeblich 2600 Jahre zurückreichende Dynastie des Tennō.

Die Göttlichkeit des Tennō

Wo aber findet sich nun das berühmte Dogma, dass der Tennō selbst eine Gottheit in Menschen­gestalt (arahitogami arahitogami 現人神 (der Tennō als) Gottheit in menschlicher Gestalt) und seine Ab­stammung von der Sonnen­gott­heit ein histo­risches Faktum sei? Auch hier wird man in amtlichen oder halb-amtlichen Dokumenten kaum fündig. Eine wichtige Rolle spielte aber der „Kaiserliche Erziehungserlass“ aus dem Jahr 1890. Dieser kurze Text, in dem der Tennō persönlich zu seinen Unter­tanen spricht,6 enthält neben einem all­ge­mein ge­haltenen Aufruf zu Tugend und Patrio­tismus („unver­brüch­liche Treue gegen den Herrscher und Liebe zu den Eltern“) mehr­mals den Hinweis auf die „kaiser­lichen Vorfahren“ sowie auf das „Gedeihen Unserer wie Himmel und Erde ewig dauernden Dynastie“ (eine Paraphrase des mytho­logi­schen Herr­schafts­auf­trags durch Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechtssiehe auch Goetter des Himmels → Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Ise Izumo→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Bauten/Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr ). Der Text ver­weist damit indirekt auf die Mythen und die dort ge­schilderte göttliche Ab­stam­mung des Tennō Hauses, lässt es aber dahin­ge­stellt, in wie weit den dort ge­schil­derten Be­geb­nissen wörtlich Glauben zu schenken sei.

Nun wurde aber dieser Erziehungs­erlass in den Schulen zusammen mit den Portraits des kaiserlichen Paares gleich­sam religiös ver­ehrt und bei diversen An­lässen kollektiv rezitiert. Diese Ver­ehrung allein machte den Text gegen­über kritischen Ein­wänden immun und bot statt­dessen einen treff­lichen Anlass, die mytho­logi­schen Er­zäh­lungen vom Herrschafts­auftrag der Sonnen­gott­heit an ihren Enkel und die Er­oberung des ganzen Landes durch Jinmu Tennō Jinmu Tennō 神武天皇 wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (→ Tennō) Japanssiehe auch Goetter der Erde → Mythen/Goetter des Himmels→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi in den Schul­unterricht ein­fließen zu lassen. Es ist sicher kein Zufall, dass dieser Text gleich­zeitig mit dem Inkraft­treten der Ver­fas­sung und des Par­lamen­taris­mus (1890) ver­laut­bart wurde. Er stellte sozu­sagen das Gegen­gewicht zum neuen rechts­staat­lichen System dar, das hiermit in Kraft trat. Den Bürgern wurde mit dem Erzie­hung­serlass bewusst gemacht, dass sie sich gegen­über dem Tennō in einer sub­alter­nen Position befan­den, auf seine Gnade ange­wiesen waren, und dass diese Hierar­chie auch durch den Rechts­staat nicht in Zweifel gezogen werden konnte.7

All dies schloss aber keines­wegs aus, dass während der Meiji-Zeit eifrig an einem modernen Uni­versi­täts­system gear­beitet wurde, wo u.a. ernst­zu­neh­mende histo­rische Forschung zur Histori­zität der Mythen betrieben wurde. Selbst zum Shintō waren mit gewissen Einschränkungen unter­schied­liche Mei­nungen ge­stattet.8 Un­antast­bar blieb einzig und allein der Tennō selbst, so­dass auch die Frage, was man sich unter der Gött­lich­keit des Tennō vor­zu­stellen habe, kaum gestellt wurde.

Shintōpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg

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SCAP Reforms of Shinto

Propagandaplakat. Nach 1945
Bildquelle: The Objective Standard. (Letzter Zugriff: 2013/9)

Plakat mit den wichtigsten Reformen zur Abschaffung des Staatsshinto im Sinne der Shinto Direktive (1946) durch die (amerikanische) Führung der Alliierten Kräfte (SCAP). Das Bild kontrastiert einen Shinto Priester, der als Marionette von Militär und Kapital dargestellt wird, mit einer friedlichen Menschenmenge in einem Schrein (Nikkō). Hinter einem zerbombten Haus ist als Symbol der Toleranz gegen fremde Religionen ein Kreuz zu sehen.

. 7 Amerikanische Propaganda gegen den Staatsshinto

Nach der japanischen Nieder­lage im Zweiten Weltkrieg wurde der Staats­shintō unter ameri­kani­scher Besatzung bereits 1945 offiziell ab­ge­schafft. In der soge­nannten Shintō-Direktive der Amerikaner vom 15. Dezember 1945 heißt es:

Jede [Maßnahme zur] Trägerschaft, Förderung, Fortsetzung, Kontrolle oder Ver­breitung des Shintō ist Personen im öffentlichen Dienst [...] untersagt und mit sofortiger Wirkung einzustellen. 9

Am 1. Januar 1946 wandte sich der Tennō schließlich selbst — zweifellos auf Druck der Besat­zungs­mächte — an die Bevöl­kerung. In einer Rund­funk­an­sprache, die als „Proklamation des Mensch­seins“ (Ningen sengen) in die Geschichte einging, verkündete er:

Die Bande zwischen Uns und Euch, dem Volk, sind seit jeher aus gegen­seiti­gem Vertrauen und liebe­vollem Respekt ge­flochten. Sie ent­standen nicht bloß aus Mythen und Legenden. Sie be­ruhen nicht auf dem Wahn, der Tennō sei ein Gott in Menschen­gestalt und das japanische Volk sei eine höher­wertige Rasse, vom Schicksal be­stimmt die Welt zu beherr­schen. 10

Damit wider­rief also der Tennō einerseits seine mythologisch begründete Göttlich­keit, nicht aber die grund­sätzliche Autorität, die ihm unter dem Staats­shintō zu­ge­sprochen wurde. Zweifellos ent­sprach auch dies dem Kalkül der Ameri­kaner, die sich ent­schlos­sen hatten, Japan mit Hilfe des Tennō zu reformieren.

Unter amerikanischer Besatzung wurde in der Folge die Trennung von Staat und Religion in der Ver­fassung ver­ankert, sämtliche Shintō-Schreine, inklusive des Ise Schreins Ise Jingū 伊勢神宮 kaiserlicher Ahnenschrein (wtl. Götterpalast) von Ise, Präfektur Miesiehe auch Schreinanlage Ise → Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Ise Izumo→ Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Symboltiere→ Mythen/Symboltiere/Tauben → mehr , wurden als religiöse Körper­schaften definiert und jeglicher staat­lichen Förderung ent­zogen. Auch der Religions­unterricht in öffent­lichen Schulen wurde untersagt. Religion (und darunter fällt seit 1945 auch der Shintō) gilt seither in Japan als reine Privatsache.

Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, blieb die Ideologie des Staats­shintō un­auf­ge­arbeitet. Einzelne Religions­historiker wie etwa Shimazono Susumu argu­men­tieren sogar, dass der Staats­shintō in der Person des Tennō, der ja nach wie vor auch religiöse Zere­monien voll­zieht, bis heute fort­besteht. Des weiteren ist nicht zu über­sehen, dass sich einzelne symbol­träch­tige Embleme des Staats­shintō, wie etwa der Meiji Schrein Meiji Jingū 明治神宮 Schrein des Meiji Tennō in Tōkyō, err. 1920siehe auch Bekannte Schreine → Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Alltag/Jahr/Shogatsu→ Alltag/Jahr oder der Yasukuni Schrein Yasukuni Jinja 靖国神社 Yasukuni Schrein, Tōkyōsiehe auch Yasukuni → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mythen/Imaginaere Tiere/Komainu→ Alltag/Yamabushi/Itako , nach wie vor großer Beliebt­heit erfreuen. Auch wenn kritische Intellek­tuelle immer wieder Diskus­sionen über die Ab­schaffung aller Überbleibsel des Staats­shintō entfachen, bleibt die Grund­frage in der japani­schen Öffent­lichkeit un­ent­schieden: Muss man den Staats­shintō zur Gänze als Produkt eines über­wundenen oder zu über­windenden Ultra-Nationa­lismus ansehen oder ist er ein Ausdruck japa­nischer kultureller Identität, der zu einer gewissen Zeit lediglich ideo­logisch miss­braucht wurde?

Diskussionspunkte

Abschließend sind im folgenden einige Schlagworte genannt, die bis heute zu regel­mäßigen Aus­ein­ander­setzungen rund um den Staats­shintō führen:

  • Yasukuni Jinja Yasukuni Jinja 靖国神社 Yasukuni Schrein, Tōkyōsiehe auch Yasukuni → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mythen/Imaginaere Tiere/Komainu→ Alltag/Yamabushi/Itako , Tokyo. Sicherlich das umstrittenste Reiz­thema. Der Yasukuni Schrein, wtl. „Schrein des friedlichen Landes“, ist eine Art Helden­tempel, in dem die Seelen der für Japan ge­fallenen Soldaten als kami ver­ehrt werden. Er wurde Anfang der Meiji-Zeit errichtet und vom Staats­shintō be­sonders ge­fördert. Nach dem Krieg wurde er in den Status einer ge­wöhlichen staats­un­ab­hängigen Religions­ge­meinschaft ver­setzt, doch gibt es Be­strebungen, ihn wieder als Ort nationaler Feier­lich­keiten zu reaktivieren. Einige populistische Politiker statten dem Yasukuni Schrein daher immer wieder halb-offizielle Besuche ab, die kalkulierte Empörung seitens Chinas und Koreas und Applaus bei national gesinnten Wähler­schaften hervorrufen. (Mehr dazu auf der Sidepage Yasukuni.)
  • kokutai kokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“siehe auch→ Texte/Jinno shotoki→ Geschichte/Bakumatsu , wtl. „Landeskörper“, „Nationalwesen“. Ein Begriff, durch den die nüchterne politische Struktur des Staates eine sakrale Aura erhalten sollte. Der bekannte Politologe Maruyama Masao wies darauf hin, dass die kokutai-Ideologie in Japan ihre magische Bann­kraft gerade des­halb ent­faltete und noch immer be­sitzt, weil sie den Japanern kaum je bewusst ge­macht wurde: „Ein scharfes Be­wusst­sein davon, welche magische Macht diese mit dem Wort kokutai be­zeichnete nicht­religiöse Religion besaß, fehlt der Nach­kriegs­generation bereits, während es der älteren Generation, welche dieser Magie völlig verfallen war [...], von Anbeginn abging.“ (Maruyama 1988, S. 45)
  • shinkoku shinkoku 神国 wtl. „Götterland“siehe auch Shinto Mittelalter → Texte/Jinno shotoki („Götterland“): Ein mit kokutai verwandter Begriff, der die Einzig­artig­keit Japans auf die die Tat­sache zurück­führt, dass es das „Land der kami“ sei. Dieser Begriff hat eine lange Tradition, die sich bis zu den An­griffen der Mongolen (13. Jh.) und darüber hinaus zurück ver­folgen lässt (s. Shintō im Mittelalter). Unter dem Staats­shintō hatte der Begriff große Konjunktur, ver­schwand in der Folge weit­gehend aus dem politischen Diskurs, tauchte aber in einer Parlaments­rede von Premier­minister Mori Yoshiro im Jahr 2000 wieder auf und ent­fachte eine neue Welle von Argu­menten gegen bzw. für die Wieder­erstarkung nationa­listischen Denkens in Japan.
  • kannagara no michi kannagara no michi 随神の道 Alternativer Ausdruck für Shintō (wtl. „Weg des Gottseins“). Kannagara bedeutet ungefähr „eine Gottheit seiend“ und wird in einigen alten Texten auf den Tennō angewandt. Teil­weise taucht der Begriff auch als Lesung der Kanji-Zeichen von shintō Shintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe → mehr auf.11 In der Moderne bot der Be­griff reichlich Platz für alle möglichen mysti­fizie­renden Inter­pre­tationen, was „der Weg des Gottseins“ denn eigent­lich zu bedeuten habe.
 heiseitenno.jpg

Kaiser Akihito (Heisei-Tenno) bei seiner Inthronisierungszeremonie

Zeremonie, daijōsai. 1990; Kaiserpalast Tokyo
Bild © Shinto Online Network Association. (Letzter Zugriff: 2014/5)

Das Daijōsai, eigentlich eine Erntedankfeier anlässlich seiner Inthronisierung, ist die wichtigste Feier nach altem religiösem Muster, die ein Tennō begeht. Daneben vollzieht der Tennō aber noch einige Dutzend weitere shintoistische Riten pro Jahr.

. 8 Inthronisierungsfeier des Heisei Tennō

Schließlich gibt es eine fort­dauernde Diskussion über die Kriegs­ver­antwortung des Tennō, sowie seine Rolle im modernen Staat. Im Gegen­satz zum Staats­shintō wurde das Kaisertum ja nicht voll­kommen abgeschafft, es wurde ihm lediglich jede politische Ent­scheidungs­gewalt entzogen. Im religiösen Bereich, etwa im Zu­sammen­hang mit dem Ise Schrein Ise Jingū 伊勢神宮 kaiserlicher Ahnenschrein (wtl. Götterpalast) von Ise, Präfektur Miesiehe auch Schreinanlage Ise → Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Ise Izumo→ Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Symboltiere→ Mythen/Symboltiere/Tauben → mehr , hält der Tennō aber bis heute gewisse rituelle Aufgaben inne. Darüber hinaus hat er selbst in der inter­natio­nalen Politik nach wie vor eine keines­wegs unbe­deu­tende reprä­sen­tative Funktion als „Symbol des Staates“, die sogar in der Verfassung ver­ankert ist. Daher erregte die Tatsache, dass Kaiser Hirohito (Shōwa Tennō Shōwa Tennō 昭和天皇 1901–1989; 124. Kaiser Japans; r. 1926–1989. Eigenname: Hirohito.) un­ge­achtet seiner Rolle als Staats­ober­haupt vor dem Zweiten Weltkrieg sein Tennō-Amt auch nach dem Krieg bis zu seinem Tod be­kleidete, sowohl außer­halb Japans als auch bei einigen japani­schen Intel­lektuellen heftige Kritik.

Verweise

Fußnoten

  1. Schon Meiji's Vater, Kōmei Tennō Kōmei Tennō 孝明天皇 1831–1867, r. 1846–1867; letzter Tennō der Edo-Zeit, Vorgänger und Vater des Meiji Tennōsiehe auch Bakumatsu hatte sich aktiv am Nieder­gang des Shōgunats beteiligt, indem er ohne Rück­sprache weitreichende Befehle erteilte, die wieder zurück genommen werden mussten. Er starb allerdings aus nicht ganz geklärten Umständen im Jahr 1867, im Alter von 36 Jahren.
  2. Interessanter­weise handelt es sich dabei um die Ab­wandlung eines Schlag­wortes, das auf den Heian-zeitlichen Gelehrten Sugawara no Michizane Sugawara no Michizane 菅原道真 845–903, Heian-zeitl. Staatsmann und Gelehrtersiehe auch Tenjin → Bauten/Bekannte Schreine→ Ikonographie/Waechtergoetter/Wind und Donner→ Mythen/Geister zurückgehen soll: wakon kansai 和魂漢才, „japanischer Geist, chinesische Technik“ (Wachutka 2013, S. 48).
  3. Hardacre 1989, S. 45.
  4. Hardacre 1989, S. 45.
  5. In den Schriften von Religions­wissen­schaftlern wie Inoue Tetsujirō und Katō Genchi findet sich vereinzelt die Bezeichnung kokkateki shintō („staatlicher Shintō“, erst nach dem Zeiten Weltkrieg bürgerte sich kokka shintō („Staats­shintō“) ein. s. dazu Scheid 2013.
  6. Tatsächlich wurde der Erlass von einer Reihe von Intel­lektuellen unter Anleitung des Juristen Inoue Kowashi (1843–1895), einem der „Architekten“ der Meiji-Verfassung, formuliert (Doak 2012, S. 95–96).
  7. Dazu äußerte sich etwa der Rechtsexperte Ariga Nagao (1860–1921) folgendermaßen: „When the Constitution was granted in 1889, it was feared by some that the idea of 'the rights of the people' would destroy the idea of loyalty and patriotism, and the famous Rescript of Education was the result, which looked at humanity entirely from the standpoint of intellect, and excluded all element of faith and mystery.“ (Ariga Nagao, 1908, nach Holtom 1922, S. 78.)
  8. Ein berühmter Fall staats­shintōis­tischer Zensur ist der Fall des Historikers Kume Kunitake Kume Kunitake 久米邦武 1839–1931, japanischer Gelehrter der Meiji-Zeit; als junger Mann Sekretär der Iwakura Mission (1871–73), später Professor für Geschichte an der Kaiserlichen Universität Tōkyō (1839–1931). Als er 1891 einen Artikel mit dem Titel „Shintō, ein alter Brauch der Himmels­verehrung“ veröffentlichte, in dem er Shintō als historisches Relikt bezeichnete, wurde ihm im folgenden Jahr aufgrund von Protesten aus dem Lager der Shintō-Ideologen seine Professur an der Universität Tokyo entzogen.
  9. Ü. nach Hardacre 1989: 167
  10. Ü. nach Antoni 1998: 333. Dieser Ansprache war am 15. August 1945 die Kapitulations­erklärung des Tennō via Radio vorangegangen. Es war das erste Mal gewesen, dass die Stimme des Tennō in der Öffentlichkeit zu hören war.
  11. Die klassische Text­stelle stammt aus dem Nihon shoki Nihon shoki 日本書紀 Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)siehe auch Mythentexte → Alltag/Opfergaben→ Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr (720), welches wiederum ein kaiserliches Edikt aus dem Jahr 647 zitiert. Dieses Edikt enthält die der Sonnen­gottheit Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechtssiehe auch Goetter des Himmels → Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Ise Izumo→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Bauten/Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr in den Mund gelegte Worte: „Meine Kinder sollen in ihrer Eigenschaft als Götter (kannagara) [die Welt] regieren.“ In einer Glosse bemerkt das Nihon shoki dazu: „Kanngara bedeutet dem Weg der Götter (shintō Shintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe → mehr ) zu folgen oder den Weg der Götter in sich zu tragen“ (Aston 1972, II, S. 226).

Bilderläuterungen

  1. Meiji tenno2.jpg

    Kaiser Meiji in traditionellem Zeremonialgewand

    Photographie von Uchida Kuichi. 1872
    Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Kaiser Meiji (1852–1912) im 5. Jahr seiner Regierung mit eben erst 20 Jahren.

  2. Meijitenno1872.jpg

    Kaiser Meiji in Militäruniform nach westlichem Stil

    Photographie von Uchida Kuichi. 1873
    Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Die neuartige Militäruniform scheint für den jungen Kaiser noch ungewohnt gewesen zu sein.

  3. Meiji kenpo happu.jpg

    Verkündigung der Meiji Verfassung

    Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Hashimoto Chikanobu (1838–1912). 1889
    Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2014/11/20)
    Jean S. and Frederic A. Sharf Collection

    Kaiser Meiji (re.) verkündet die Verfassung, 1889. (S.a. Bild:meiji_constitution_1889.jpg.)

  4. Meiji chiossone.jpg

    Offizielles Portrait des Meiji Tennō

    Conté-Zeichnung von Edoardo Chiossone. 1888
    Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Im Gegensatz zu früheren Portraits handelt es sich um keine Photographie, sondern um eine sogenannte Conté-Zeichnung des Meiji Tennō. Chiossone war auch für das Design Meiji-zeitlicher Banknoten und anderer offizieller Bildmedien verantwortlich.

  5. Jinmu yoshitoshi.jpg

    Jinmu Tennō

    Holzschnitt (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi (1839-1892). Feb. 1880; aus der Serie Dainippon meishō kagami („Spiegel der Helden des Großreichs Japan“), Nr. 37
    Bildquelle: J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/11/3)

    Die hier dargestellte Szene ist dem Nihon shoki entnommen. Dort heißt es, dass eine Schlacht gegen Ende von Jinmus Eroberungsfeldzug zugunsten dieses ersten Kaisers entschieden wurde, als sich ein goldener Raubvogel (kinshi 金鵄, eine Art Milan oder Weihe, jap. tobi) auf Jinmus Bogen niederließ und die Feinde derart blendete, dass sie unfähig waren, Widerstand zu leisten. Diese Episode wurde in der Meiji Zeit zum Anlass genommen, den höchsten militärischen Orden nach diesem goldenen Milan zu benennen. 1873 wurde außerdem im Gedenken an Jinmu ein Reichsgründungstag (kigensetsu) als neuer nationaler Feiertag (11. Februar) festgesetzt. Yoshitoshis Jinmu zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit dem damaligen Kaiser Meiji. Zweifellos versuchte der Künstler im Einklang mit dem Geist seiner Zeit, eine Beziehung zwischen dieser heldenhaften Vorzeit und dem neuen Regime unter Meiji Tennō herzustellen.

  6. Tenno chikanobu1878 gr.jpg

    Meiji Tennō und kaiserliche Ahnen

    Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Toyohara Chikanobu (1838–1912). 1878
    Bild © Artelino. (Letzter Zugriff: 2014/11)

    Meiji Tennō und seine Gemahlin umgeben von ihren kaiserlichen Ahnen:

    Mitte: Die Urgötter Kuni no Tokotachi, Izanami und Izanagi, davor Kaiser Meiji und Kaiserin Shōken;
    Rechts: Die Ahnengötter Amaterasu, Ninigi und Jinmu Tennō sowie die nahen Vorfahren Meijis, Kōmei (Tenno 121, r. 1846-1867) und Go-Sakuramachi (Tenno 117, r. 1762-1771, eigentlich eine Kaiserin!)
    Links: Die mythologischen Ahnengötter Hikohohodemi und Hikonagisa Takeugaya Fukiaezu, sowie Go-Momozono (Tenno 118, r. 1771-1779), Kōkaku (Tenno 119, r. 1780-1817) und Ninkō (Tenno 120, r. 1817-1846).

  7. Scap shinto.jpg

    SCAP Reforms of Shinto

    Propagandaplakat. Nach 1945
    Bildquelle: The Objective Standard. (Letzter Zugriff: 2013/9)

    Plakat mit den wichtigsten Reformen zur Abschaffung des Staatsshinto im Sinne der Shinto Direktive (1946) durch die (amerikanische) Führung der Alliierten Kräfte (SCAP). Das Bild kontrastiert einen Shinto Priester, der als Marionette von Militär und Kapital dargestellt wird, mit einer friedlichen Menschenmenge in einem Schrein (Nikkō). Hinter einem zerbombten Haus ist als Symbol der Toleranz gegen fremde Religionen ein Kreuz zu sehen.

  8. Heiseitenno.jpg

    Kaiser Akihito (Heisei-Tenno) bei seiner Inthronisierungszeremonie

    Zeremonie, daijōsai. 1990; Kaiserpalast Tokyo
    Bild © Shinto Online Network Association. (Letzter Zugriff: 2014/5)

    Das Daijōsai, eigentlich eine Erntedankfeier anlässlich seiner Inthronisierung, ist die wichtigste Feier nach altem religiösem Muster, die ein Tennō begeht. Daneben vollzieht der Tennō aber noch einige Dutzend weitere shintoistische Riten pro Jahr.

Links

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010

Literatur

Klaus Antoni 1998
Shintō und die Konzeption des japanischen Staatswesens (kokutai). Leiden: Brill 1998.
Klaus Antoni, e.a. (Hg.) 2002
Religion and National Identity in the Japanese Context. Hamburg: Lit Verlag 2002.
Kevin Doak 2012
A History of Nationalism in Modern Japan: Placing the People. Leiden, Boston: Brill 2012.
Helen Hardacre 1991
Shinto and the State, 1868–1988. Princeton: Princeton University Press 1991.
Peter Fischer 2001
„Versuche einer Wiederbelebung von Staatsreligion im heutigen Japan unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklungsgeschichte des Staats-Shintō.“ In: Peter Schalk (Hg.), Zwischen Säkularismus und Hierokratie. Uppsala: Acta Universitatis Upsaliensis 2001, S. 209-247.
Michael Wachutka 2013
Kokugaku in Meiji-period Japan: The Modern Transformation of ‘National Learning’ and the Formation of Scholarly Societies. Leiden, Boston: Global Oriental 2013.

Ältere Werke:

Daniel Clarence Holtom 1922
The Political Philosophy of Modern Shintō: A Study of the State Religion of Japan. Dissertation, University of Chicago 1922. [Transactions of the Asiatic Society of Japan 49: part 2 (1922).]
(sehr informativ!)
Daniel Clarence Holtom 1963
Modern Japan and Shinto Nationalism: A Study of Present-Day Trends in Japanese Religions. New York: Paragon Book Reprint 1963. [3. erw. Auflage; 1. Auflage 1943.]
Maruyama Masao 1988
Denken in Japan. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1988. [Herausgegeben und aus dem Japanischen von Wolfgang Schamoni und Wolfgang Seifert. Jap. Originalausgabe Nihon no shisō, 1957.]

Primärquellen:

William George Aston (Ü.) 1972
Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697. Rutland, Vt: Tuttle 1972. [Erste Auflage: London 1896.]
Ikonographie