Der Kaiserliche Erziehungserlass (Kyōiku chokugo, 1890)

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Bernhard Scheid, „Der Kaiserliche Erziehungserlass (Kyōiku chokugo, 1890) .“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 27.6.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Staatsshinto/Kyoiku_chokugo?oldid=48208X
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Kaiserlicher Erziehungserlass (kyōiku chokugo)

Bild © Meiji Jingū. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Wir geben euch hiermit zu wissen:

Unsere Kaiserlichen Vorfahren haben das Reich auf breiter und ständiger Basis errichtet und die Tugend tief und fest ein­ge­pflanzt. Unsere Unter­tanen sind in un­ver­brüch­licher Treue gegen den Herr­scher und in kind­licher Liebe zu den Eltern stets eines Sinnes ge­wesen und haben von Geschlecht zu Geschlecht diese schöne Ge­sinnung in ihrem Tun be­kundet. Dies ist die edle Blüte unseres Staats­gebildes (kokutai kokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“siehe auch Staatsshinto → Texte/Jinno shotoki→ Geschichte/Bakumatsu ) und zu­gleich auch der Ur­quell, aus dem unsere Erziehung entspringt.

Ihr Untertanen! Liebet und ehret denn eure Eltern, seid ergeben euren Ge­schwistern, seid einig als Gatte und Gattin, und treu als Freund dem Freunde! Haltet auf be­scheidene Mäßigung für euch selbst, euer Wohl­wollen erstrecke sich auf Alle! Pfleget das Wissen und übet die Künste, auf daß ihr eure Kenntnisse und Fertig­keiten ent­wickelt und eure sittlichen Kräfte ver­voll­kommnet! Be­strebet euch ferner, das öffentliche Wohl und das All­ge­mein­inter­esse zu fördern! Achtet die Reich­ver­fas­sung und be­folget die Gesetze des Landes! Sollte es je sich nötig er­weisen, so opfert euch tapfer für das Vater­land auf! Erhaltet und mehret also das Ge­deihen Unserer wie Himmel und Erde ewig dauernden Dynastie! Dann werdet ihr nicht nur Unsere guten und getreuen Unter­tanen sein, sondern dadurch auch die von den Vor­fahren über­komme­nen Eigen­schaf­ten glänzend dartun.

Dieser Weg ist wahrlich ein Vermächtnis, das Uns Unsere Kaiserlichen Vor­fahren hinter­lassen haben, und das die Kaiserlichen Nach­kommen sowie die Untertanen allesamt be­wahren sollen: un­trüglich für alle Zeiten und gültig an allen Orten. Es ist daher Unser Wusch, daß Uns sowohl wie euch, Unsern Untertanen, dies stets in aller Ehr­furcht am Herzen liege, und daß wir alle zu derselben Tugend gelangen mögen.

Gegeben am 30. Tage des 10. Monats des 23. Jahres Meiji (30.10.1890)

[Unterschrift: Mutsuhito + Siegel]

Zitiert nach einer offiziellen Übersetzung ins Deutsche durch das Japanische Unterrichtsministerium, 1931. (S.a. Antoni 1998, S. 216.)

Entstehung und Kontext

Der Kaiserliche Erziehungserlass aus dem Jahr 1890 ist auf den ersten Blick ein sehr allgemein gehaltenes Dokument, das wenig mit „Erziehung“ zu tun zu haben scheint. Es verdankt seinen Namen der Tatsache, dass es als allgemeine Leitlinie für die Schulerziehung entworfen wurde. Damit markiert es auch einen wichtigen Wendepunkt in der ideologischen Strategie, mit der der Meiji-Staat versuchte, die Bevölkerung auf die nationalen Interessen einzuschwören. Dieser Wendepunkt bestand in der Instrumentalisierung des neu geschaffenen allgemeinen Schulsystems für die Verbreitung des „Tennōismus“.

In den ersten Jahren nach dem Umsturz von 1868 förderte die Meiji-Regierung eine Kampagne mit dem Namen „Die Verbreitung der Großen Lehre“ (taikyō senpu undō taikyō senpu undō 大教宣布運動 Kampagne des Großen Lernens oder auch Große Indoktrinierungs-Kampagne, 1870–1884; staatl. Initiative der frühen Meiji Zeit zur Verbreitung der Ideale des Tennō-Loyalismussiehe auch shinbutsu bunri → Geschichte/Staatsshinto→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri ), die zunächst von Shinto-Priestern und Shinto-Ideologen, später auch von Buddhisten und konfuzianischen Intellektuellen getragen wurde. Anfang der 1870er Jahre wurde nicht nur ein eigenes Ministerium (Kyōbu-shō Kyōbu-shō 教部省 Ministerium für religiöse Angelegenheiten, 1872–1877siehe auch Staatsshinto ) für diese Kampagne geschaffen, es wurden auch gewaltige Ressourcen in die Errichtung eines landesweiten organisatorischen und baulichen Netzwerks für diese Kampagne investiert. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Kampagne unter einem Mangel an ideologischer Schlagkraft und Geschlossenheit litt, da sich die einzelnen Instruktoren nur auf sehr allgemeine gemeinsame Inhalte einigen konnten und es überdies zu Fraktionskämpfen zwischen Buddhisten, Shintoisten und anderen kam. Die bauliche Infrastruktur, die im Zuge der Kampagne errichtet worden war, ließ sich aber für die allgemeine Schulerziehung nützen.1

Als sich Ende der 1880er Jahre immer deutlicher abzeichnete, dass Japan ein rechtsstaatliches System annehmen würde, welches unter anderem die Trennung von Religion und Staat bzw. das Prinzip der religiösen Freiheit enthielt, ließen sich religiöse Spezialisten allein aus rechtlichen Gründen nicht mehr in den Dienst einer nationalen Propaganda nehmen. Dies bedeutete insbesondere für Schrein-Priester einen radikalen Rollenwechsel. Waren sie zu Beginn der Meiji-Restauration noch die Avantgarde einer wie immer zu definierenden Staatsreligion gewesen, so wurden sie ab 1882 im Zuge neuer Verordnungen dazu angehalten, auf alle theologischen und ideologischen Dispute zu verzichten und sich lediglich auf die Abhaltung von Riten zu konzentrieren. Schreinpriester hatten lediglich zu beachten, dass diese Riten als nationaler Kult zur Verehrung des Tennō zu verstehen waren. Diese besondere Bedeutung des Tennō, der sozusagen den Gravitationspunkt aller an die Kami gerichteten Handlungen darstellen sollte, bildet den Kern der sogenannten kokutai kokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“siehe auch Staatsshinto → Texte/Jinno shotoki→ Geschichte/Bakumatsu -Ideologie, also dem Glauben, dass Japan durch die Institution des Tennō allen anderen Nationen der Welt grundsätzlich überlegen sei.

Die ideologische Vermittlung der kokutai-Ideologie verlagerte sich also von den Priestern zu den Lehrern. Der kaiserliche Erziehungserlass wurde wahrscheinlich gezielt für die ideologische Rolle der Schulen entworfen. Gleichzeitig entstand ein neuer Zyklus von nationalen Festtagen, die wiederum nach europäischen Vorbildern ausgerichtet waren. Manche waren zwar dem alten Hofzeremoniell entnommen, doch die meisten, etwa der Gedenktag der mythologischen Staatsgründung durch Jinmu Tennō Jinmu Tennō 神武天皇 wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (→ Tenno) Japanssiehe auch Goetter der Erde → Mythen/Goetter des Himmels→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Staatsshinto→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi → mehr am 11. Februar,2 wurden neu institutionalisiert. An diesen Tagen gab es landesweit Festakte, die vor allem in Schulen abgehalten wurden. Zu diesen Anlässen versammelten sich Schüler und Lehrer gemeinsam, verbeugten sich vor dem Portrait des kaiserlichen Paars, lauschten dem Erziehungserlass und sangen neu komponierte Lieder voll nationalem Pathos. Auch die japanische Hymne Kimigayo entstand in dieser Zeit.3

Ritualisierung

Form und Ablauf der neuartigen nationalen Festivitäten wurde ebenfalls durch zentrale Verordnungen regelmentiert. 1891, nur wenige Monate nach dem Erziehungserlass, wurde etwa die folgende „Verordnung zur Abhaltung von Festen und Feiertagen in Volksschulen“ erlassen:

On the days of the Kigensetsu 紀元節, Tenchōsetsu 天長節, Genshisai 元始祭, Kannamesai 神嘗祭, Shinjōsai (Niinamesai 新嘗祭), school principals, teachers, and students assemble together in the auditorium and perform the following ritual. (1) Students, teachers, and the principals bow deeply facing the image of the emperor and empress and pray for the long life of both. Schools that have not yet posted these images should omit this rite. (2) The principal or a teacher reads the Imperial Rescript on Education. (3) The principal and teachers work to cultivate in the students the resolution to love one’s country and be loyal to one’s lord by respectfully elucidating the sacred intent underlying the Imperial Rescript on Education, or by narrating the great affairs of the first emperor and the virtue of the historical emperors or by telling of the origin of the festivals and holidays or by delivering lectures that correspond to these festival or holidays. (4) Principals, teachers, and students sing songs that relate to these festival and prayer days.4

In dieser Verordnung deutet sich bereits eine Sakralisierung der Tennō-Portraits und des Erziehungserlasses selbst an, die sich in der Folge noch weiter verstärken sollte. Weitere Verordnungen präzisierten die Form ihrer Aufbewahrung, bis die meisten Schulen schließlich eine Art Schrein namens hōanden hōanden 奉安殿 Schreine zur Aufbewahrung des kaiserlichen Portraits (1880er Jahre bis 1945); meist in Schulhöfensiehe auch Staatsshinto besaßen, wo Bild und Erlass des Tennō gemeinsam wie ein Heiligtum behandelt wurden.

In dieser Form der Verehrung offenbart sich ein grundlegender Unterschied zum vormodernen Schreinkult. Adressaten waren ehemals allein die Kami gewesen und der rituelle Zweck war meist konkret und Anlass gebunden. Die Riten wurden von rituellen Spezialisten ausgeführt. Nun wurde quasi die gesamte Bevölkerung zu Ritualisten, während die Figur des Tennō theoretisch die Funktion eines Mittlers zwischen Bevölkerung und Kami inne hielt. Doch die Dimension dieser Mittlerfigur wurde derart ausgeweitet, dass die einzelnen Kami dahinter unsichtbar wurden und ihre spezifischen Stärken und Charakteristika verloren. Die Göttlichkeit des Tennō brauchte in diesem Kontext gar nicht mehr theoretisch erörtert zu werden, sondern ergab sich schlicht aus der rituellen Aufmerksamkeit, die seiner Person zuerkannt wurde.

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Hōan-den

Schreingebäude. 1943; Tokyo, Meguro-ku
Bild © Iwata Tadatoshi. (Letzter Zugriff: 2015/1/7)

Militärische Riten in Schulen vor dem Schrein des kaiserlichen Portraits. Kriegszeit, 1943.

Hōan-den (Schulschrein), 1943

Freilich ergab sich die Effizienz dieses Systems nicht auf einen Schlag, sondern nahm kontinuierlich in dem Maße zu, in dem neue Generationen unter dem Eindruck des Erziehungserlasses herangewachsen waren. Mit den wachsenden militärischen und kolonialistischen Unternehmungen des Landes gewannen auch die Bitten um „Frieden“ bzw. um militärische Siege im Kontext des patriotischen Ritualismus immer mehr an Bedeutung. Parallel dazu wurde der Yasukuni Yasukuni Jinja 靖国神社 Yasukuni Schrein, Tokyosiehe auch Yasukuni → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mythen/Imaginaere Tiere/Komainu→ Alltag/Yamabushi/Itako→ Geschichte/Staatsshinto → mehr Schrein in Tokyo mehr und mehr zur zentralen Bühne des nationalen Kults.

Verweise

Fußnoten

  1. Die Errichtung eines Schulsystems nach westlichem Muster wurde bereits 1872 in Angriff genommen.
  2. Das Datum ist weitgehend frei erfunden. Es wurde insofern strategisch gewählt, als es in etwa mit dem traditionellen Neujahrsbeginn nach dem alten luni-solaren Kalender zusammenfällt.
  3. Shimazono 2009, S. 101–103.
  4. Shōgakkō ni okeru shukujitsu taisaijitsu no gishiki ni kansuru kitei 小学校に於ける祝日大祭日の儀式に関する規程; nach Shimazono 2009, S. 102, Ü. Regan E. Murphy.

Links

Literatur

Klaus Antoni 1998
Shintō und die Konzeption des japanischen Staatswesens (kokutai). Leiden: Brill 1998.
Shimazono Susumu 2009
„State Shinto in the Lives of the People: The Establishment of Emperor Worship, Modern Nationalism, and Shrine Shinto in Late Meiji.“ Japanese Journal of Religious Studies 36:1 (2009), S. 93–124. [Ü.: Regan E. Murphy.]
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