Der Kaiserliche Erziehungserlass (Kyōiku chokugo, 1890)

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Bernhard Scheid, „Der Kaiserliche Erziehungserlass (Kyōiku chokugo, 1890) .“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 18.2.2016). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Staatsshinto/Kyoiku_chokugo?oldid=61735X
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Kaiserlicher Erziehungserlass (kyōiku chokugo)

Meiji-Zeit
Bild © Meiji Jingū. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Durch diesen Erlass wurde der Schwerpunkt des japanischen Erziehungssystems zurück verlegt auf eine Bildung nach konfuzianischem Vorbild.

Wir geben euch hiermit zu wissen:

Unsere Kaiserlichen Vorfahren haben das Reich auf breiter und ständiger Basis errichtet und die Tugend tief und fest ein­ge­pflanzt. Unsere Unter­tanen sind in un­ver­brüch­licher Treue gegen den Herr­scher und in kind­licher Liebe zu den Eltern stets eines Sinnes ge­wesen und haben von Geschlecht zu Geschlecht diese schöne Ge­sinnung in ihrem Tun be­kundet. Dies ist die edle Blüte unseres Staats­gebildes (kokutai kokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“siehe auch Staatsshinto → Texte/Jinno shotoki→ Geschichte/Bakumatsu ) und zu­gleich auch der Ur­quell, aus dem unsere Erziehung entspringt.

Ihr Untertanen! Liebet und ehret denn eure Eltern, seid ergeben euren Ge­schwistern, seid einig als Gatte und Gattin, und treu als Freund dem Freunde! Haltet auf be­scheidene Mäßigung für euch selbst, euer Wohl­wollen erstrecke sich auf Alle! Pfleget das Wissen und übet die Künste, auf daß ihr eure Kenntnisse und Fertig­keiten ent­wickelt und eure sittlichen Kräfte ver­voll­kommnet! Be­strebet euch ferner, das öffentliche Wohl und das All­ge­mein­inter­esse zu fördern! Achtet die Reich­ver­fas­sung und be­folget die Gesetze des Landes! Sollte es je sich nötig er­weisen, so opfert euch tapfer für das Vater­land auf! Erhaltet und mehret also das Ge­deihen Unserer wie Himmel und Erde ewig dauernden Dynastie! Dann werdet ihr nicht nur Unsere guten und getreuen Unter­tanen sein, sondern dadurch auch die von den Vor­fahren über­komme­nen Eigen­schaf­ten glänzend dartun.

Dieser Weg ist wahrlich ein Vermächtnis, das Uns Unsere Kaiserlichen Vor­fahren hinter­lassen haben, und das die Kaiserlichen Nach­kommen sowie die Unter­tanen allesamt be­wahren sollen: un­trüglich für alle Zeiten und gültig an allen Orten. Es ist daher Unser Wusch, daß Uns sowohl wie euch, Unsern Untertanen, dies stets in aller Ehr­furcht am Herzen liege, und daß wir alle zu derselben Tugend gelangen mögen.

Gegeben am 30. Tage des 10. Monats des 23. Jahres Meiji (30.10.1890)

[Unterschrift: Mutsuhito + Siegel]1

Entstehung und Kontext

Der Kaiserliche Er­ziehungs­erlass Kyōiku chokugo 教育勅語 Kaiserlicher Erziehungserlass; erlassen am 30. Oktober 1890 durch Meiji Tennō aus dem Jahr 1890 ist auf den ersten Blick ein sehr allgemein gehaltenes Dokument, das wenig mit „Erziehung“ zu tun zu haben scheint. Es verdankt seinen Namen der Tatsache, dass es als allgemeine Leit­linie für die Schul­erziehung entworfen wurde. Damit markiert es auch einen wichtigen Wende­punkt in der ideo­logischen Strategie, mit der der Meiji-Staat versuchte, die Be­völ­kerung auf die nationalen Interessen ein­zu­schwören. Dieser Wende­punkt bestand in der Instrumenta­lisierung des neu geschaffenen allgemeinen Schul­systems für die Verbreitung des „Tennōismus“.

In den ersten Jahren nach dem Umsturz von 1868 förderte die Meiji-Regierung eine Kampagne mit dem Namen „Die Verbreitung der Großen Lehre“ (taikyō senpu undō taikyō senpu undō 大教宣布運動 Kampagne des Großen Lernens oder auch Große Indoktrinierungs-Kampagne, 1870–1884; staatl. Initiative der frühen Meiji-Zeit zur Verbreitung der Ideale des Tennō-Loyalismussiehe auch shinbutsu bunri → Geschichte/Staatsshinto→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri ), die zunächst von Shintō-Priestern und Shintō-Ideologen, später auch von Buddhisten und kon­fuzia­nischen Intel­lektuellen getragen wurde. Anfang der 1870er Jahre wurde nicht nur ein eigenes Ministerium (Kyōbu-shō Kyōbu-shō 教部省 Ministerium für religiöse Angelegenheiten, 1872–1877siehe auch Staatsshinto ) für diese Kampagne geschaffen, es wurden auch gewaltige Ressourcen in die Er­richtung eines landes­weiten organi­satorischen und baulichen Netz­werks für diese Kampagne investiert. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Kampagne unter einem Mangel an ideo­logischer Schlag­kraft und Geschlossenheit litt, da sich die einzelnen Instruktoren nur auf sehr allgemeine gemeinsame Inhalte einigen konnten und es überdies zu Fraktions­kämpfen zwischen Buddhisten, Shintōisten und anderen kam. Die bauliche Infra­struktur, die im Zuge der Kampagne errichtet worden war, ließ sich aber für die allgemeine Schul­erziehung nützen.2

Als sich Ende der 1880er Jahre immer deutlicher abzeichnete, dass Japan ein rechts­staat­liches System annehmen würde, welches unter anderem die Trennung von Religion und Staat bzw. das Prinzip der religiösen Freiheit enthielt, ließen sich religiöse Spezialisten allein aus rechtlichen Gründen nicht mehr in den Dienst einer nationalen Propaganda nehmen. Dies bedeutete insbesondere für Schrein-Priester einen radikalen Rollen­wechsel. Waren sie zu Beginn der Meiji-Restauration noch die Avant­garde einer wie immer zu definierenden Staats­religion gewesen, so wurden sie ab 1882 im Zuge neuer Verordnungen dazu angehalten, auf alle theologischen und ideologischen Dispute zu verzichten und sich lediglich auf die Ab­haltung von Riten zu konzentrieren. Schrein­priester hatten lediglich zu beachten, dass diese Riten als nationaler Kult zur Verehrung des Tennō zu verstehen waren. Diese besondere Bedeutung des Tennō, der sozusagen den Gravitations­punkt aller an die kami gerichteten Hand­lungen darstellen sollte, bildet den Kern der sogenannten kokutai kokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“siehe auch Staatsshinto → Texte/Jinno shotoki→ Geschichte/Bakumatsu -Ideologie, also dem Glauben, dass Japan durch die Institution des Tennō allen anderen Nationen der Welt grund­sätzlich überlegen sei.

Die ideo­logische Vermittlung der kokutai-Ideologie verlagerte sich also von den Priestern zu den Lehrern. Der kaiserliche Erziehungs­erlass wurde wahrscheinlich gezielt für die ideo­logische Rolle der Schulen entworfen. Gleichzeitig entstand ein neuer Zyklus von nationalen Fest­tagen, die wiederum nach europäischen Vorbildern ausgerichtet waren. Manche waren zwar dem alten Hof­zere­mo­niell entnommen, doch die meisten, etwa der Gedenktag der mytho­logischen Staats­gründung durch Jinmu Tennō Jinmu Tennō 神武天皇 wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (Tennō) Japanssiehe auch Goetter der Erde → Mythen/Goetter des Himmels→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Staatsshinto→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi → mehr am 11. Februar,3 wurden neu institu­tionalisiert. An diesen Tagen gab es landes­weit Festakte, die vor allem in Schulen ab­gehalten wurden. Zu diesen Anlässen versammelten sich Schüler und Lehrer gemeinsam, verbeugten sich vor dem Portrait des kaiserlichen Paars, lauschten dem Erziehungs­erlass und sangen neu komponierte Lieder voll nationalem Pathos. Auch die japanische Hymne Kimigayo entstand in dieser Zeit.4

Ritualisierung

Form und Ablauf der neuartigen nationalen Festivi­täten wurde ebenfalls durch zentrale Ver­ordnungen regelmentiert. 1891, nur wenige Monate nach dem Erziehungs­erlass, wurde etwa die folgende „Verordnung zur Abhaltung von Festen und Feiertagen in Volksschulen“ erlassen:

On the days of the Kigensetsu Kigensetsu 紀元節 Reichsgründungstag Japans am 11. Februar 紀元節, Tenchōsetsu 天長節, Genshisai 元始祭, Kannamesai 神嘗祭, Shinjōsai (Niinamesai 新嘗祭), school principals, teachers, and students assemble together in the auditorium and perform the following ritual. (1) Students, teachers, and the principals bow deeply facing the image of the emperor and empress and pray for the long life of both. Schools that have not yet posted these images should omit this rite. (2) The principal or a teacher reads the Imperial Rescript on Education. (3) The principal and teachers work to cultivate in the students the resolution to love one’s country and be loyal to one’s lord by respectfully elucidating the sacred intent underlying the Imperial Rescript on Education, or by narrating the great affairs of the first emperor and the virtue of the historical emperors or by telling of the origin of the festivals and holidays or by delivering lectures that correspond to these festival or holidays. (4) Principals, teachers, and students sing songs that relate to these festival and prayer days.5

In dieser Verordnung deutet sich bereits eine Sakra­lisierung der Tennō-Portraits und des Erziehungs­erlasses selbst an, die sich in der Folge noch weiter verstärken sollte. Weitere Verordnungen präzisierten die Form ihrer Auf­bewahrung, bis die meisten Schulen schließlich eine Art Schrein namens hōanden hōanden 奉安殿 Schreine zur Aufbewahrung des kaiserlichen Portraits (1880er Jahre bis 1945); meist in Schulhöfensiehe auch Staatsshinto besaßen, wo Bild und Erlass des Tennō gemeinsam wie ein Heilig­tum behandelt wurden.

In dieser Form der Verehrung offenbart sich ein grund­legender Unter­schied zum vormodernen Schrein­kult. Adressaten waren ehemals allein die kami gewesen und der rituelle Zweck war meist konkret und Anlass gebunden. Die Riten wurden von rituellen Spezialisten ausgeführt. Nun wurde quasi die gesamte Bevölkerung zu Ritualisten, während die Figur des Tennō theoretisch die Funktion eines Mittlers zwischen Be­völ­kerung und kami inne hielt. Doch die Dimension dieser Mittler­figur wurde derart ausgeweitet, dass die einzelnen kami dahinter unsichtbar wurden und ihre spezifischen Stärken und Charak­teris­tika verloren. Die Göttlichkeit des Tennō brauchte in diesem Kontext gar nicht mehr theoretisch erörtert zu werden, sondern ergab sich schlicht aus der rituellen Auf­merk­samkeit, die seiner Person zuerkannt wurde.

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Hōan-den

Schreingebäude. Frühe Shōwa-Zeit, 1943; Tōkyō, Meguro-ku
Bild © Iwata Tadatoshi. (Letzter Zugriff: 2015/1/7)

Militärische Riten in Schulen vor dem Schrein des kaiserlichen Portraits. Kriegszeit, 1943.

Hōan-den (Schulschrein), 1943

Freilich ergab sich die Effizienz dieses Systems nicht auf einen Schlag, sondern nahm kontinuierlich in dem Maße zu, in dem neue Genera­tionen unter dem Eindruck des Erziehungs­erlasses heran­gewachsen waren. Mit den wachsenden militärischen und kolonia­listischen Unter­nehmungen des Landes gewannen auch die Bitten um „Frieden“ bzw. um militärische Siege im Kontext des patriotischen Ritualismus immer mehr an Bedeutung. Parallel dazu wurde der Yasukuni Yasukuni Jinja 靖国神社 Yasukuni Schrein, Tōkyōsiehe auch Yasukuni → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mythen/Imaginaere Tiere/Komainu→ Alltag/Yamabushi/Itako→ Geschichte/Staatsshinto → mehr Schrein in Tōkyō mehr und mehr zur zentralen Bühne des nationalen Kults.

Ideologische Ausdeutung

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Inoue Tetsujirō

Photographie. 1937; aus Jinsei dokuhon: shunka shūtō 人生読本 春夏秋冬
Bild © Modern Japanese Historical Figures, National Diet Library. (Letzter Zugriff: 2016/2/18)

Portrait des Philosophen Inoue Tetsujirō in vorgerücktem Alter. Inoue erhielt eine konfuzianische Ausbildung, bevor er sich der westlichen Philosophie, vor allem dem deutschen Idealismus zuwandte. Nach einem Studienaufenthalt in Deutschland gelang es ihm, konfuzianische Grundüberzeugungen in eine moderne, an die westliche Philosophie angelehnte Termini zu übersetzen.

Inoue Tetsujirō

Ähnlich wie ein religiöser Text wurde der Erziehungserlass aber auch Gegenstand zahlreicher Interpretationen, die den darin kondensierten Inhalt explizit in eine dem nationalen Gedanken gedeihliche Botschaft ummünzen sollten. Manche dieser Interpretationen wurden von Regierungsseite generalstabsmäßig geplant und durchgeführt, andere entstanden in dem Bemühen von Gelehrten und Ideologen, eigenen Positionen anhand der vagen Formulierungen des Erlasses zu begründen. Die erste Auslegung unter kaiserlicher Aufsicht stammt vom Philosophen Inoue Tetsujirō Inoue Tetsujirō 井上哲次郎 1856–1944; führender Philosoph und Intellektueller der Meiji-Zeit (1855—1944): Chokugo engi Chokugo engi 勅語衍義 „Kommentar zum Kaiserlichen Erziehungserlass“; Traktat von Inoue Tetsujirō, 1891 und erschien bereits im September 1891. Dies verwundert ein wenig, war doch Inoue eben von einem mehrjährigen Studienaufenthalt in Deutschland (1884—1890) zurück gekehrt, wo er sich vor allem mit deutschem Idealismus beschäftigt hatte. Doch gerade darin lag in der damaligen Zeit sein besonderer Wert. Wenn ein Gelehrter, der auch das westliche Denken kannte, die konfuzianischen Termini des Erlasses ausdeutete, würde eine solche Schrift weitgehend immun gegen interne und externe Kritik sein. Inoue war sich umgekehrt der in ihn gesetzten Erwartungen bewusst und setzte seine Schrift sowohl konfuzianischen als auch kokugaku kokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradtion, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtetesiehe auch Kokugaku → Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Geschichte/Staatsshinto→ Texte/Mythentexte → mehr -Gelehrten vor, bevor sie zur Veröffentlichung frei gegeben wurde. Er erwähnt in seinen Memoiren allerdings auch, dass ihm speziell der – durch den preußischen Sieg über Frankreich 1971 angeheizte – deutsche Nationalismus, mit dem er während seiner Studienzeit in Kontakt gekommen war, darin bestärkte, auch in Japan das Erbe der eigenen Kultur stärker herauszustreichen, statt sich unkritisch am Vorbild des Westens zu orientieren.6 Inoues prononcierte Kritik am Westen war also zumindest teilweise von Deutschland inspiriert. Sein Kommentar zum Erziehungserlass wurde zum Beginn eines seiner zentralen Themen, nämlich die Prinzipien der „nationalen Moral“ (kokumin dōtoku kokumin dōtoku 国民道徳 „Nationale Moral“, „Volksmoral“; Schlagwort der nationalistischen Propaganda der Zwischenkriegszeitsiehe auch Staatsshinto ) des japanischen Volkes festzulegen.

Inoue sieht im Erziehungserlass einen „gemeinschaftlichen Patriotismus“ gefordert, der mit den Kardinaltugenden des Konfuzianismus, Kindesliebe und Loyalität gegenüber dem Herrscher, im Einklang steht. Es geht also nicht nur um die Liebe zum Vaterland, sondern auch um eine persönliche Vervollkommnung nach konfuzianischem Muster im Dienste der staatlichen Gemeinschaft. Die Ordnung des Staates wird dabei mit der Ordnung der Familie in zweifacher Weise in Beziehung gesetzt: 1) Nur aus geordneten Familien entsteht ein geordneter Staat; und 2) Der Staat ist selbst ein Abbild der Familie, wobei der Tennō die Figur des Vaters repräsentiert.

Nationale Solidarität wird vor allem durch die Bedrohung durch westliche Staaten begründet. Jede Schwäche Japans könne dazu führen, dass das Land selbst Opfer des Kolonialismus werde (eine sicher berechtigte Warnung). Aus dieser Position zieht Inoue z.T. Schlussfolgerungen, die durchaus an die sonnō jōi sonnō jōi 尊王攘夷 „Ehrt den Kaiser, verjagt die Barbaren“; anti-westlicher Slogan des 19. Jh.s (Zitat aus den Frühling- und Herbstannalen des Konfuzius)siehe auch Bakumatsu → Geschichte/Staatsshinto→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri Ideologie der Vor-Meiji-Zeit erinnern. So nimmt er (in einer späteren Schrift) auch explizit gegen das Christentum Stellung und kontrastiert es mit dem Erziehungserlass: Dieser sei „nationalistisch“ (natürlich im positiven Sinne), das Christentum hingegen a- oder gar anti-nationalistisch, da es auf die Menschheit als ganzes und nicht auf die Nation ausgerichtet ist.7 Unter den nationalen Tugenden, die Inoue beschwört, taucht u.a. auch der „Weg des Kriegers“ (Bushidō Bushidō 武士道 Verhaltenskodex bzw. Philosophie des japanischen Militäradels; wtl. Der Weg des Kriegerssiehe auch Stereotype ) auf, eine deutliche Abkehr von der Kritik am „Feudalismus“, die die frühe Meiji-Zeit bestimmt hatte.

Inoue Tetsujirō galt zu seiner Zeit nicht nur für das konservative politische Establishment als vertrauenswürdige Figur, auch in der akademischen Welt wurde er als Experte des japanischen Konfuzianismus hoch geschätzt. Sein Beispiel veranschaulicht, dass sich in der damaligen Zeit auch führende Intellektuelle bereitwillig in den Dienst der Nationalisierung Japans und der Tennō-Ideologie stellten. Trotzdem ist zu beobachten, dass die Ritualisierung des Erziehungserlasses bald ein Ausmaß annahm, das nicht allein durch den Einfluss westlich geprägter Ideologen wie Inoue zu erklären ist.

Verweise

Fußnoten

  1. Zitiert nach einer offiziellen Übersetzung ins Deutsche durch das Japanische Unterrichtsministerium, 1931. (Lokowandt 1978, S. 245; s.a. Antoni 1998, S. 216.)
  2. Die Errichtung eines Schul­systems nach westlichem Muster wurde bereits 1872 in Angriff genommen.
  3. Das Datum ist weit­gehend frei erfunden. Es wurde insofern strategisch gewählt, als es in etwa mit dem traditionellen Neujahrs­beginn nach dem alten luni-solaren Kalender zu­sam­men­fällt.
  4. Shimazono 2009, S. 101–103.
  5. Shōgakkō ni okeru shukujitsu taisaijitsu no gishiki ni kansuru kitei 小学校に於ける祝日大祭日の儀式に関する規程; nach Shimazono 2009, S. 102, Ü. Regan E. Murphy.
  6. Antoni 1990, S. 104–105.
  7. Kyōiku jiron, 1892.

Links

Literatur

Klaus Antoni 1990
„Inoue Tetsujirô (1855–1944) und die Entwicklung der Staatsideologie in der zweiten Hälfte der Meiji-Zeit.“ Oriens Extremus 33/1 (1990), S. 99–115.
Klaus Antoni 1998
Shintō und die Konzeption des japanischen Staatswesens (kokutai). Leiden: Brill 1998.
Ernst Lokowandt 1978
Die rechtliche Entwicklung des Staats-Shintō in der ersten Hälfte der Meiji-Zeit, 1868–1890. Wiesbaden: Harrassowitz 1978.
Shimazono Susumu 2009
„State Shinto in the Lives of the People: The Establishment of Emperor Worship, Modern Nationalism, and Shrine Shinto in Late Meiji.“ Japanese Journal of Religious Studies 36:1 (2009), S. 93–124. [Ü.: Regan E. Murphy.]
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