Yasukuni, Schrein des ‚friedlichen Landes‘
Der Yasukuni Schrein (Yasukuni Jinja 靖国神社 — Yasukuni Schrein, Tokyo ) in unmittelbaren Nähe des Kaiserpalastes in Tokyo ist trotz seines pazifistischen Namens — „Schrein des friedlichen Landes“ oder freier: „Schrein zur Erhaltung des Friedens im Land“ — das bekannteste Kriegerdenkmal Japans. Vielen gilt er außerdem als Inbegriff des japanischen Ultranationalismus/ Faschismus. Der Schrein wurde 1869 gegründet, also unmittelbar nach der Meiji (Meiji 明治 — posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …mehr ⇒)-Restauration, am heutigen Ort und in seiner heutigen Gestalt existiert er aber erst seit 1879. Er beherbergte von Anfang an keine allgemein bekannte Gottheit, sondern sollte die „Heldenseelen“ (eirei (eirei 英霊 — „Heldenseele“; bezeichnet v.a. die im → Yasukuni Schrein verehrten Kriegshelden )) derjenigen ehren, die für die Restauration der Tennō (Tennō 天皇 — jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels …mehr ⇒)-Herrschaft im Jahr 1868 ihr Leben gelassen hatten. Später wurden dann die Seelen der für den Tenno gefallenen Soldaten, angefangen vom ersten chinesisch-japanischen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg, zu Kami (kami 神 — japanische Gottheit …mehr ⇒) des Yasukuni Schreins erhoben. Ihre Gesamtzahl beläuft sich derzeit auf ca. 2,3 Millionen.
Besuch des Yasukuni Schreins (Yasukuni jinja mōde)
- Postkarte (Papier, handkoloriert) von Fukiya Kōji. Frühe Shōwa Zeit, 1930er Jahre?
Bild © East Asia Image Collection, Digital Image Collections at Lafayette. (Letzter Zugriff: 2012/10)
Postkarte aus der Zwischenkriegszeit mit patriotischer Propaganda. Die Inschrift auf der Postkarte besagt: „Yukiko hat heute mit einer Freundin wieder den Yasukuni Schrein in Kudan besucht. Auf dem Rückweg denkt sie voll inniger Dankbarkeit an die Heldenseelen, die das Land beschützen, und an den großen Sieg der kaiserlichen Truppen, während die Strahlen der Frühlingssonne den Weg vor den beiden Mädchen erleuchten.“ Im Hintergrund das große Torii am Eingang des Yasukuni Schreins.
Seit seiner Gründung entwickelte sich der Schrein mehr und mehr zu einem Kultplatz moderner Kriegshelden- und Tenno-Verehrung. Seine besondere Nähe zum Tenno wird nicht nur durch das kaiserliche Chrysanthemen-Wappen symbolisiert, das auch heute noch auf den Tüchern über dem Eingang zum Schrein und an vielen anderen Stellen zu sehen ist; der Tenno selbst besuchte den Schrein bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs regelmäßig und auch danach noch gelegentlich. Dies war der einzige religiöse Akt, bei dem der Tenno Angehörige der allgemeinen Bevölkerung ehrte. Die Postkarte aus der Zwischenkriegszeit (Abb. rechts) verdeutlicht, dass man sich sehr bemühte, den Schrein zu einem populären Treffpunkt für jedermann zu machen, den nicht nur Soldaten oder ihre Angehörigen besuchen sollten.
Der Schrein unterstand bis 1945 dem Militär. Nach 1945 wurde er einer unabhängige Religionsgemeinschaft überantwortet, die sich um ihn bildete, ähnlich einer gewöhnlichen shintoistischen Institution. Allerdings beherbergt das Schreingelände nach wie vor ein heeresgeschichtliches Museum, vornehmlich mit Exponaten aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem die japanische Eroberungpolitik unkritisch verherrlicht wird. Wirtschaftlich werden die Schreinaktivitäten von „unabhängigen Sponsoren“ unterstützt, meist privaten Vereinen, denen namhafte Vertreter des öffentlichen Lebens und der Politik angehören, bzw. vorstehen.
Zu einem wirklich heißen politischen Thema wurde der Schrein jedoch erst im Jahr 1978, als die sogenannten „Showa Märtyrer“ in den Kreis der verehrten Gottheiten des Schreins aufgenommen wurden. Viele dieser „Märtyrer“ waren als Kriegsverbrecher der obersten Klasse hingerichtet worden, unter ihnen auch Tōjō Hideki (Tōjō Hideki 東條 英機 — (1884–1948) General und Premierminister während des 2. WKs; verurteilter Kriegsverbrecher; Kami des → Yasukuni Schreins ) (1884–1948), der als Oberbefehlshaber und Premierminister während des Zweiten Weltkriegs die Spitze sowohl der politischen als auch der militärischen Macht Japans darstellte.

Bilder von im Schrein vergöttlichten Soldaten.
Im Vordergrund rechts der „japanische Hitler“ Tōjō Hideki.
Bild: Yamamoto Munesuke, 2005 [2010/8].
In den 70er Jahren begannen einzelne Premierminister mit der Praxis, dem Schrein am 15. August, dem Jahrestag der japanischen Kapitulationserklärung, einen informellen Besuch abzustatten. Zwar hat bisher jeder Premierminister betont, dass dies ein rein privater Besuch sei, aber solche Besuche rufen doch jedes Mal ebensoviel Empörung wie Zustimmung hervor, polarisieren also die japanische Wählerschaft. Regelmäßig wird diskutiert, in wie weit ein solcher Schreinbesuch nicht doch gegen Artikel 20 der Verfassung verstößt, in dem die Trennung von Religion und Staat festgeschrieben ist, bzw. in wie weit in einem solchen Akt die Kriegsvergangenheit Japans nicht doch im Nachhinein gerechtfertigt werden soll. Vor allem China und Korea reagieren sehr empfindlich auf Besuche von offiziellen Amtsträgern beim Yasukuni Schrein. Aus diesem Grund tendierten die meisten Premierminister dazu, den Yasukuni Schrein unbesucht zu lassen, aber die, die ihn doch besuchten, versprachen sich davon ganz offensichtlich einen populistischen Prestigegewinn, vor allem im rechten politischen Lager. Umfragen haben ergeben, dass nur etwa 20% der Japaner für einen Besuch ihres Premiers beim Yasukuni Schrein sind, die überwiegende Mehrheit ist eher dagegen. Aber offensichtlich stört der Yasukuni Schrein die Mehrheit der Wählerschaft nicht so sehr, dass sich ein Besuch des Premiers negativ bei Wahlen auswirken würde.
Andererseits ist es der regierenden Liberal-Demokratischen Partei trotz mehrmaliger entsprechender Versuche nicht gelungen, einen Gesetzesantrag im Parlament durchzusetzen, der den Yasukuni Schrein als nicht-religiöse Institution einstuft und daher neuerlich einer staatlichen Unterstützung zugänglich macht. Hingegen wurde die Frage, ob der Besuch eines Premierministers im Yasukuni Schrein verfassungskonform sei oder nicht, bereits mehrmals vom Obersten Gerichtshof abschlägig beantwortet: Der Besuch eines Premiers, in der Form wie er etwa durch Koizumi Jun'ichirō (Koizumi Jun'ichirō 小泉 純一郎 — (1942–) japanischer Premierminister, r. 2001–2006 ) unternommen wurde, stellt demnach auch nach japanischem Recht eine Übertretung der verfassungsmäßig festgelegten Trennung von Religion und Politik dar.
Literatur und Links
- John Breen, 2005
„Yasukuni Shrine: Ritual and Memory“.
Artikel der Online Zeitschrift The Asia-Pacific Journal: Japan Focus (Autor oder Artikeltitel eingeben)
- John Breen (Hg.) 2007
Yasukuni, the war dead, and the struggle for Japan's past. London: Hurst.
- Helen Hardacre 1991
Shinto and the State, 1868-1988. Princeton: Princeton University Press.
- Takahashi Tetsuya 2006
„The national politics of the Yasukuni Shrine.“ In: Shimazu Naoko (Hg.), Nationalisms in Japan. New York: Routledge, S. 155-180. [Ü. Philip Seaton.]
Sonstige Links:
- Yasukuni Jinja, offizielle Homepage (en.)Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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