Inquisition unter buddhistischen Vorzeichen

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Bernhard Scheid, „Inquisition unter buddhistischen Vorzeichen.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 18.9.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte:Terauke?oldid=41522

Inquisition bedeutet bekanntlich Nachforschung. Im europäischen Kontext ver­steht man darunter die Aus­forschung von Anhängern ketzerischer Ideen, die nicht dem Dogma der katholischen Kirche ent­sprachen. In Japan entwickelte sich — ironischer­weise nach dem ersten Kontakt mit dem Christentum — ein ähn­liches System, das unter dem Begriff terauke seido terauke seido 寺受制度 System der Tempel-Bestätigungen, „System der Tempel-Bestätigungen“, be­kannt wurde. Auch dabei ging es um die Aus­forschung von nicht Recht­gläubigen, wobei hier aber vor allem Christen ge­meint waren. Die Glaubens­nach­forschungen wurden unter Mit­hilfe von buddhistischen Tempeln aus­geführt, be­straft wurden die Un­gläubigen jedoch — und hier liegt ein großer Unter­schied zur europäischen Inquisition — von weltlichen Autoritäten.

Glaubensüberprüfung

Das System, das auch als danka seido bekannt ist,1 umfasste im Grunde drei Instanzen, nämlich die lokale (dörfliche) Führungs­schicht, den örtlichen Tempel und die regionalen Ver­treter des Landes­verwaltung. Die Familien­vorsteher (bzw. die Vorsteher von Nach­bar­schafts­gruppen, goningumi goningumi 五人組 Nachbarschaftsgruppe (wtl. „Fünfergruppe“)) hatten die Aufgabe, jährlich ein Register ihrer Familien­mit­glieder anzufertigen, das u.a. Angaben zu Familien­stand und Alter aller be­treffenden Personen ent­hielt. Dieses Register musste vom lokalen Tempel be­stätigt werden. Die Bestätigung implizierte, dass alle frag­lichen Personen Mitglieder der Glaubens­gemeinde (danna) des Tempels und daher recht­gläubig waren. Daher nannte man die ent­sprechenden Register auch shūmon aratame chō shūmon aratame chō 宗門改帳 Glaubensüberprüfungsregister, „Glaubensüberprüfungs-Register“. Die vom Tempel be­stätigten Register wurde dann den nächst­höheren Ver­waltungs­behörden vor­gelegt. Um also nicht in den Ver­dacht ketzerischer Betätigung zu kommen, musste sich jeder Bürger aktiv um die Mit­glied­schaft bei einem staatlich an­er­kannten Tempel bemühen, der ihm dann seine Rechtgläubigkeit bestätigte.

 Shumon_aratame_cho_2.jpg

Mandaraji-mura shūmon aratame chō

Heft (Papier). Edo-Zeit, 1698; Mandaraji-mura, Settsu (heute Amagasaki-shi, Hyōgo-ken)
Bild © Amagasaki no rekishi. (Letzter Zugriff: 2014/6)

Das hier abgebildete Glaubensregister aus dem Jahr 1698 (Genroku 11) stellt ein gutes Beispiel für den Wert der Glaubensregister als sozialhistorische und demographische Quelle dar. Erfasst ist das Dorf Mandaraji, heute Teil der Stadt Amagasaki zwischen Kōbe und Ōsaka. Das Register wurde von der Dorfgemeide selbst erstellt, nach jedem Eintrag findet sich aber ein Stempel des lokalen Tempels, der damit die Richtigkeit der Angaben bestätigt. Auf der dritten Seite von rechts beginnt die Aufzählung der Familienmitglieder des Dorfvorstandes (shōya) Shaichibei. Zu diesem ist vermerkt, dass er Mitglied (danna, eig. „Spender“) des Jōdo-shin Tempels Shōfuku-ji sei (oberster Eintrag in großer Schrift). Es folgt sein Namen und sein Alter (49 Jahre). Links davon seine Frau, Mitglied des gleichen Tempels, 34 Jahre. Zu ihr folgt die Bemerkung: „Tochter des Hachiuemon aus Kamikema, Provinz Settsu, Eltern gehören dem Honsen-ji der Hokke-shū an, änderte vor 19 Jahren ihre Zugehörigkeit und wurde Mitglied der Schulrichtung ihres Mannes.“ Die Frau stammt also aus einer etwa fünf Kilometer entfernten Nachbargemeinde, die einem Nichiren Tempel zugeordnet ist, hat aber ihre Zugehörigkeit (nach der Heirat) geändert. Den weiteren Einträgen ist zu entnehmen, dass das Paar eine Tochter (14 Jahre) und einen Adoptivsohn (25 Jahre) hat. Man kann annehmen, dass der Adoptivsohn zugleich Ehemann der Tochter ist und das Amt des Dorfvorstehers einmal erben wird (ein in der Edo-Zeit häufiges Verfahren in Familien ohne männliche Nachfolger). Außerdem leben im Haushalt zwei Knechte und drei Mägde in jugendlichem Alter aus der Provinz Harima, die auch als Mitglieder des gleichen Tempels angeführt sind. (Quelle: Yokota Fuyuhiko, „Hyakushō no ie to kazoku“.)

. 1 Glaubensregister aus dem Jahr 1698

Dieses System wurde Anfang des siebzehnten Jahr­hunderts im An­schluss an die Shimabara Rebellion (1637–38) vom Tokugawa Shogunat ein­ge­führt und war zu­nächst zur Aus­forschung der Christen in Kyushu, dem Haupt­ver­breitungs­gebiet des japanischen Christentums, ge­dacht. Das Shogunat etablierte zu diesem Zweck eine eigene Behörde (shūmon aratame yaku shūmon aratame yaku 宗門改役 frühmoderne Behörde zur Glaubensüberprüfung) und hielt die Daimyō Daimyō 大名 Territorialfürst, Titel des Kriegeradelssiehe auch Reichseinigung → Amidismus→ Christentum→ Geschichtsperioden an, ein gleiches zu tun. Im Laufe der folgenden hundert Jahre breitete sich die Institution über ganz Japan aus, ob­wohl der eigentliche Anlass, die Christen­verfolgung, immer be­deutungs­loser wurde. Das System erwies sich jedoch in mehr­facher Hinsicht als nützliches Herrschafts­mittel zur ideologischen und verwaltungs­technischen Kontrolle der Bevölkerung.

Zunächst wurde dadurch jede Person bürokratisch erfasst. Diese Aufgabe er­ledigten nun aber nicht allein Ver­waltungs­beamte, sondern auch buddhistische Tempel. Sie mussten ja ihren Gemeinde­mit­gliedern bestätigen, dass diese ihrer Gemeinde an­ge­hörten, und mussten im Fall un­gerecht­fertigter Bestätigungen mit Sanktionen rechnen. Üblicher­weise war die Tempel-Mit­glied­schaft durch die Familie vor­ge­geben, bzw. überhaupt durch die geo­graphische Lage. Man gehörte einfach zum nächst ge­legenen Tempel, unab­hängig welcher bud­dhis­tischen Richtung dieser an­ge­hörte. Dieser Tempel setzte dann seinen Stempel unter die ent­sprechenden Register­einträge, sofern diese von­seiten der einzelnen Mitglieder ordnungs­gemäß ausgefüllt waren.

Bürokratisierung des Buddhismus

Die shūmon aratame shūmon aratame 宗門改 „Glaubensüberprüfung“; religiöse Kontrolle in der Edo Zeit Zertifikate spielten im Alltag der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyosiehe auch Geschichtsperioden → Buddhismus→ Bekannte Tempel→ Shinto→ Stereotype/Herrigels Zen→ Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit eine ähnliche Rolle wie heute ein Pass oder Personal­ausweis. Man brauchte sie bei jedem größeren Orts­wechsel (das Reisen war ja sehr eingeschränkt), beim Antritt be­stimmter Arbeiten, bei der Heirat, usw. Auf diese Weise wurden die buddhistischen Tempel quasi zur untersten Ebene der Landes­verwaltung und zwar gleicher­maßen für die Zentral­verwaltung (bakufu bakufu 幕府 wtl. „Zeltregierung“; Militärregierung, Shogunatsiehe auch Geschichtsperioden ) als auch die Regional­verwaltung (han han Lokales Feudalfürstentum, Spätmittelalter bis Edo-Zeitsiehe auch Geschichtsperioden ). Buddhistische Tempel nahmen damit zwar weltliche Ver­waltungs­aufgaben auf sich und waren weltlichen Ver­waltungs­beamten unter­geordnet, hatten aber auch Nutzen aus dem System. Sie erhielten mehr Macht über ihre Gläubigen­gemeinden, da diese ja auf ihre shūmon aratame-Bestätigungen an­ge­wiesen waren. Manche Tempel ließen sich diese Be­stätigungen auch von den Mit­gliedern ihrer Gemeinde be­zahlen. In jedem Fall ver­dienten sie aber durch zusätzliche religiöse Dienst­leistungen, vor allem Begräbnisse, die nun niemand in der Gemeinde mehr ab­lehnen konnte. Offizielle Rechts­dokumente des Shogunats wiesen explizit darauf hin, dass Gemeinde­mit­glieder, die auf die buddhistischen Sterbe­riten keinen Wert legten, möglicher­weise Christen seien und genauer unter­sucht werden müssten.2 Man kam also in der Edo-Zeit um bud­dhis­tische Totenriten nicht mehr herum.

Durch dieses System wurde natürlich der Buddhismus als Ganzes stark be­ein­flusst. Der Gegen­satz zwischen erlaubten und häretischen Sekten wurde vertieft. Ab­ge­sehen vom Christentum standen auch manche Fraktionen der Nichiren Schule und des Amidismus auf der Liste ver­botener Religionen. Sie alle hatten während der Sengoku sengoku jidai 戦国時代 Zeit der kämpfenden Länder, 1467–1568siehe auch Reichseinigung → Bekannte Schreine/Nikko→ Dainichi/Daibutsu→ Geschichtsperioden→ Gluecksgoetter/Bishamonten -Zeit (16. Jh.) theokratische Ge­meinden gebildet, die im Zuge der Reichs­einigung von Oda Nobunaga Oda Nobunaga 織田信長 Kriegsfürst, Reichseiniger; 1534–1582siehe auch Reichseinigung → Bekannte Tempel→ Moenche/Wuerdentraeger→ Imaginaere Tiere→ Amidismus→ Nichiren → mehr und Toyotomi Hideyoshi Toyotomi Hideyoshi 豊臣秀吉 Feldherr, Reichseiniger; 1537–1598siehe auch Christentum → Bekannte Schreine/Tenjin→ Dainichi/Daibutsu→ Gluecksgoetter/Daikoku→ Symboltiere→ Amidismus → mehr mit brutaler Gewalt be­kämpft wurden. Das terauke seido terauke seido 寺受制度 System der Tempel-Bestätigungen ließ also — und darin liegt ein weiterer Unter­schied zur Inquisition — eine gewisse Glaubens­viel­falt nach wie vor zu, richtete sich aber umso heftiger gegen religiöse Gruppierungen, deren „fundamentalistischer“ Charakter die staatliche Ordnung in Frage stellten.

Dennoch kam es innerhalb der vom Staat erlaubten und ge­förderten bud­dhis­tischen Richtungen zwangs­läufig zu einer Nivellierung. Dies unter anderem aus dem Grund, dass das Shogunat ein Mit­sprache­recht bei der Fest­legung orthodoxer Glaubens- und Praxis­formen hatte. Der heute ver­breitete sog. „Begräbnis-Buddhismus“ (sōshiki bukkyō sōshiki bukkyō 葬式仏教 „Begräbnis-Buddhismus“; Buddhismus, der auf die Abhaltung von Totenriten fokussiert istsiehe auch Familie ), der wie wir gesehen haben über die Sekten­grenzen hinweg sehr ähnlich auf­ge­baut ist, resultiert indirekt aus der be­sonderen Beachtung der Sterberiten, die vom Shogunat vor­ge­geben wurde. Die Vergabe von buddhistischen Totennamen (kaimyō kaimyō 戒名 buddhistischer Totenname, posthumer Name eines Verstorbenensiehe auch Totenriten → Ahnenkult ), wie sie heute in allen Richtungen des japanischen Buddhismus praktiziert wird (s. Kap. Alltag, Bestattung), entstand bei­spiels­weise im Zusammen­hang mit dem terauke System, Anfang des acht­zehnten Jahr­hunderts. Die spezifischen Glaubens­inhalte der einzelnen bud­dhis­tischen Richtungen wurden da­ge­gen in den Hintergrund gedrängt.

Es nimmt somit nicht weiter Wunder, dass es in der Edo-Zeit zu anti-buddhistischen Ressentiments kam, dass die bud­dhis­tischen Mönche als Agenten der Regierung ver­schrien waren, und dass ver­schiedene Teile der Ge­sell­schaft nach spirituellen Wegen außer­halb des Buddhismus zu suchen be­gannen. In der Edo-Zeit bietet die Geschichte des Buddhismus daher nur noch wenige spektakuläre in­halt­liche Neuerungen (Ausnahme viel­leicht die Reformen der Zen Zen chin. Chan, wtl. Meditation; Zen Buddhismussiehe auch Zen → Buddhismus Lehre→ Stereotype→ Stereotype/Herrigels Zen→ Tempel/Tempeltore→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr Sekten). Ideen­ge­schicht­lich ist da­ge­gen die Entwicklung des japa­nischen Kon­fuzianis­mus, des Shinto und das Auf­kommen der „Neuen Religionen“ in der bakumatsu bakumatsu 幕末 Ende des Shogunats, 1853–1867siehe auch Geschichtsperioden → Neue Religionen Zeit (d.h. in den letzten Jahrzehnten vor 1868) attraktiver. Den­noch hat die Bürokra­tisierung des Bud­dhis­mus in- und außer­halb der japanischen Religons­geschichte weit­reichende Folgen, die nach wie vor nur un­zu­reichend erforscht sind.

Verweise

Fußnoten

  1. Danka leitet sich ab von danna (Gönner oder Spender), bezeichnet hier aber keine freiwillige Mitgliedschaft, wie sie in früheren Zeiten existiert hatte.
  2. Tamamuro 2001, S. 267.

Bilderläuterungen

  1. Shumon aratame cho 2.jpg

    Mandaraji-mura shūmon aratame chō

    Heft (Papier). Edo-Zeit, 1698; Mandaraji-mura, Settsu (heute Amagasaki-shi, Hyōgo-ken)
    Bild © Amagasaki no rekishi. (Letzter Zugriff: 2014/6)

    Das hier abgebildete Glaubensregister aus dem Jahr 1698 (Genroku 11) stellt ein gutes Beispiel für den Wert der Glaubensregister als sozialhistorische und demographische Quelle dar. Erfasst ist das Dorf Mandaraji, heute Teil der Stadt Amagasaki zwischen Kōbe und Ōsaka. Das Register wurde von der Dorfgemeide selbst erstellt, nach jedem Eintrag findet sich aber ein Stempel des lokalen Tempels, der damit die Richtigkeit der Angaben bestätigt. Auf der dritten Seite von rechts beginnt die Aufzählung der Familienmitglieder des Dorfvorstandes (shōya) Shaichibei. Zu diesem ist vermerkt, dass er Mitglied (danna, eig. „Spender“) des Jōdo-shin Tempels Shōfuku-ji sei (oberster Eintrag in großer Schrift). Es folgt sein Namen und sein Alter (49 Jahre). Links davon seine Frau, Mitglied des gleichen Tempels, 34 Jahre. Zu ihr folgt die Bemerkung: „Tochter des Hachiuemon aus Kamikema, Provinz Settsu, Eltern gehören dem Honsen-ji der Hokke-shū an, änderte vor 19 Jahren ihre Zugehörigkeit und wurde Mitglied der Schulrichtung ihres Mannes.“ Die Frau stammt also aus einer etwa fünf Kilometer entfernten Nachbargemeinde, die einem Nichiren Tempel zugeordnet ist, hat aber ihre Zugehörigkeit (nach der Heirat) geändert. Den weiteren Einträgen ist zu entnehmen, dass das Paar eine Tochter (14 Jahre) und einen Adoptivsohn (25 Jahre) hat. Man kann annehmen, dass der Adoptivsohn zugleich Ehemann der Tochter ist und das Amt des Dorfvorstehers einmal erben wird (ein in der Edo-Zeit häufiges Verfahren in Familien ohne männliche Nachfolger). Außerdem leben im Haushalt zwei Knechte und drei Mägde in jugendlichem Alter aus der Provinz Harima, die auch als Mitglieder des gleichen Tempels angeführt sind. (Quelle: Yokota Fuyuhiko, „Hyakushō no ie to kazoku“.)

Links und Literatur

Tamamuro Fumio 2001
Local Society and the Temple-Parishioner Relationship within the Bakufu’s Governance Structure.“ Japanese Journal of Religious Studies 28/3-4 (2001), S. 261-292.
  • Yokota Fuyuhiko, 2008
    Hyakushō no ie to kazoku.“ In: Zusetsu Amagasaki no rekishi. (Webprojekt der Sonoda Gakuen Joshi Daigaku.)
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Juni 2014