Inquisition unter buddhistischen Vorzeichen

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Bernhard Scheid, „Inquisition unter buddhistischen Vorzeichen.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.1.2013). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte:Terauke?oldid=33062

Inquisition bedeutet bekanntlich Nachforschung. Im europäischen Kontext ver­steht man darunter die Aus­forschung von Anhängern ketzerischer Ideen, die nicht dem Dogma der katholischen Kirche ent­sprachen. In Japan entwickelte sich — ironischer­weise nach dem ersten Kontakt mit dem Christentum — ein ähn­liches System, das unter dem Begriff terauke seido (terauke seido 寺受制度System der Tempel-Bestätigungen ), „System der Tempel-Bestätigungen“, be­kannt wurde. Auch dabei ging es um die Aus­forschung von nicht Recht­gläubigen, wobei hier aber vor allem Christen ge­meint waren. Die Glaubens­nach­forschungen wurden unter Mit­hilfe von buddhistischen Tempeln aus­geführt, be­straft wurden die Un­gläubigen jedoch — und hier liegt ein großer Unter­schied zur europäischen Inquisition — von weltlichen Autoritäten.

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Glaubensüberprüfung

Das System umfasste im Grunde drei Instanzen, nämlich die lokale (dörfliche) Führungs­schicht, den örtlichen Tempel und die regionalen Ver­treter des Landes­verwaltung. Die Familien­vorsteher (bzw. die Vorsteher von Nach­bar­schafts­gruppen, goningumi (goningumi 五人組Nachbarschaftsgruppe (wtl. „Fünfergruppe“) )) hatten die Aufgabe, jährlich ein Register ihrer Familien­mit­glieder anzufertigen, das u.a. Angaben zu Familien­stand und Alter aller be­treffenden Personen ent­hielt. Dieses Register musste vom lokalen Tempel be­stätigt werden. Die Bestätigung implizierte, dass alle frag­lichen Personen Mitglieder der Glaubens­gemeinde des Tempels und daher recht­gläubig waren. Daher nannte man die ent­sprechenden Register auch shūmon aratame chō (shūmon aratame chō 宗門改帳Glaubensüberprüfungsregister ), „Glaubensüberprüfungs-Register“. Die vom Tempel be­stätigten Register wurde dann den nächst­höheren Ver­waltungs­behörden vor­gelegt. Um also nicht in den Ver­dacht ketzerischer Betätigung zu kommen, musste sich jeder Bürger aktiv um die Mit­glied­schaft bei einem staatlich an­er­kannten Tempel bemühen, der ihm dann seine Rechtgläubigkeit bestätigte.

Shumon aratame cho.jpg
Shūmon aratame Register
Quelle: EAP (Eurasian Project on Population and Family History) [2010/8]

Dieses System wurde Anfang des siebzehnten Jahr­hunderts im An­schluss an die Shimabara Rebellion (1637-38) vom Tokugawa Shogunat ein­ge­führt und war zu­nächst zur Aus­forschung der Christen in Kyushu, dem Haupt­ver­breitungs­gebiet des japanischen Christentums, ge­dacht. Das Shogunat etablierte zu diesem Zweck eine eigene Behörde (shūmon aratame yaku (shūmon aratame yaku 宗門改役frühmoderne Behörde zur Glaubensüberprüfung )) und hielt die Daimyō (Daimyō 大名Territorialfürst, Titel des Kriegeradels …mehr ⇒) an, ein gleiches zu tun. Im Laufe der folgenden hundert Jahre breitete sich die Institution über ganz Japan aus, ob­wohl der eigentliche Anlass, die Christen­verfolgung, immer be­deutungs­loser wurde. Das System erwies sich jedoch in mehr­facher Hinsicht als nützliches Herrschafts­mittel zur ideologischen und verwaltungs­technischen Kontrolle der Bevölkerung.

Zunächst wurde dadurch jede Person bürokratisch erfasst. Diese Aufgabe er­ledigten nun aber nicht allein Ver­waltungs­beamte, sondern auch buddhistische Tempel. Sie mussten ja ihren Gemeinde­mit­gliedern bestätigen, dass diese ihrer Gemeinde an­ge­hörten, und mussten im Fall un­gerecht­fertigter Bestätigungen mit Sanktionen rechnen. Üblicher­weise war die Tempel-Mit­glied­schaft durch die Familie vor­ge­geben, bzw. überhaupt durch die geo­graphische Lage. Man gehörte einfach zum nächst ge­legenen Tempel, unab­hängig welcher bud­dhis­tischen Richtung dieser an­ge­hörte. Dieser Tempel setzte dann seinen Stempel unter die ent­sprechenden Register­einträge, sofern diese von­seiten der einzelnen Mitglieder ordnungs­gemäß ausgefüllt waren.

Bürokratisierung des Buddhismus

Die shūmon aratame (shūmon aratame 宗門改„Glaubensüberprüfung“; religiöse Kontrolle in der Edo Zeit ) Zertifikate spielten im Alltag der Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit eine ähnliche Rolle wie heute ein Pass oder Personal­ausweis. Man brauchte sie bei jedem größeren Orts­wechsel (das Reisen war ja sehr eingeschränkt), beim Antritt be­stimmter Arbeiten, bei der Heirat, usw. Auf diese Weise wurden die buddhistischen Tempel quasi zur untersten Ebene der Landes­verwaltung und zwar gleicher­maßen für die Zentral­verwaltung (Shogunat) als auch die Regional­verwaltung (Daimyat). Buddhistische Tempel nahmen damit zwar weltliche Ver­waltungs­aufgaben auf sich und waren weltlichen Ver­waltungs­beamten unter­geordnet, hatten aber auch Nutzen aus dem System. Sie erhielten mehr Macht über ihre Gläubigen­gemeinden, da diese ja auf ihre shūmon aratame -Bestätigungen an­ge­wiesen waren. Manche Tempel ließen sich diese Be­stätigungen auch von den Mit­gliedern ihrer Gemeinde be­zahlen. In jedem Fall ver­dienten sie aber durch zusätzliche religiöse Dienst­leistungen, vor allem Begräbnisse, die nun niemand in der Gemeinde mehr ab­lehnen konnte. Offizielle Be­stimmungen des Shogunats ent­halten sogar den Hinweis, dass Gemeinde­mit­glieder, die auf die buddhistischen Sterbe­riten keinen Wert legen, möglicher­weise Christen sind und genauer unter­sucht werden müssen (Tamamuro 2001, S. 267). Man kam also in der Edo-Zeit um bud­dhis­tische Totenriten nicht mehr herum.

Durch dieses System wurde natürlich der Buddhismus als Ganzes stark be­ein­flusst. Der Gegen­satz zwischen erlaubten und häretischen Sekten wurde vertieft. Ab­ge­sehen vom Christentum standen auch manche Fraktionen der Nichiren Schule und des Amidismus auf der Liste ver­botener Religionen. Sie alle hatten während der Sengoku (sengoku jidai 戦国時代Zeit der kämpfenden Länder, 1482–1568 …mehr ⇒)-Zeit (16. Jh.) theokratische Ge­meinden gebildet, die im Zuge der Reichs­einigung von Oda Nobunaga (Oda Nobunaga 織田信長Kriegsfürst, Reichseiniger; 1534–1582 …mehr ⇒) und Toyotomi Hideyoshi (Toyotomi Hideyoshi 豊臣秀吉Feldherr, Reichseiniger; 1537–1598 …mehr ⇒) mit brutaler Gewalt be­kämpft wurden. Das terauke seido (terauke seido 寺受制度System der Tempel-Bestätigungen ) ließ also — und darin liegt ein weiterer Unter­schied zur Inquisition — eine gewisse Glaubens­viel­falt nach wie vor zu, richtete sich aber umso heftiger gegen religiöse Gruppierungen, deren „fundamentalistischer“ Charakter die staatliche Ordnung in Frage stellten.

Dennoch kam es innerhalb der vom Staat erlaubten und ge­förderten bud­dhis­tischen Richtungen zwangs­läufig zu einer Nivellierung. Dies unter anderem aus dem Grund, dass das Shogunat ein Mit­sprache­recht bei der Fest­legung orthodoxer Glaubens- und Praxis­formen hatte. Der heute ver­breitete sog. „Begräbnis-Buddhismus“ (sōshiki bukkyō (sōshiki bukkyō 葬式仏教„Begräbnis-Buddhismus“; Buddhismus, der auf die Abhaltung von Totenriten fokussiert ist …mehr ⇒)), der wie wir gesehen haben über die Sekten­grenzen hinweg sehr ähnlich auf­ge­baut ist, resultiert indirekt aus der be­sonderen Beachtung der Sterberiten, die vom Shogunat vor­ge­geben wurde. Die Vergabe von buddhistischen Totennamen (kaimyō (kaimyō 戒名buddhistischer Totenname, posthumer Name eines Verstorbenen …mehr ⇒)), wie sie heute in allen Richtungen des japanischen Buddhismus praktiziert wird (s. Kap. Alltag, Bestattung), entstand bei­spiels­weise im Zusammen­hang mit dem terauke System, Anfang des acht­zehnten Jahr­hunderts. Die spezifischen Glaubens­inhalte der einzelnen bud­dhis­tischen Richtungen wurden da­ge­gen in den Hintergrund gedrängt.

Es nimmt somit nicht weiter Wunder, dass es in der Edo-Zeit zu anti-buddhistischen Ressentiments kam, dass die bud­dhis­tischen Mönche als Agenten der Regierung ver­schrien waren, und dass ver­schiedene Teile der Ge­sell­schaft nach spirituellen Wegen außer­halb des Buddhismus zu suchen be­gannen. In der Edo-Zeit bietet die Geschichte des Buddhismus daher nur noch wenige spektakuläre in­halt­liche Neuerungen (Ausnahme viel­leicht die Reformen der Zen (Zen chin. Chan, wtl. Meditation; Zen Buddhismus …mehr ⇒) Sekten). Ideen­ge­schicht­lich ist da­ge­gen die Entwicklung des japanischen Konfuzianismus, des Shinto und das Auf­kommen der „Neuen Religionen“ in der bakumatsu (bakumatsu 幕末Ende des Shōgunats, 1853–1867 …mehr ⇒) Zeit (d.h. in den letzten Jahrzehnten vor 1868) attraktiver. Den­noch hat die Bürokratisierung des Bud­dhis­mus in- und außer­halb der japanischen Religons­geschichte weitreichende Folgen, die nach wie vor nur un­zu­reichend erforscht sind.

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