Bodhidharma, der erste Patriarch des Zen

Religion-in-Japan > Geschichte > Zen > Bodhidharma
< Geschichte‎ | Zen(Weitergeleitet von Geschichte:Zen/Bodhidharma)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite zitieren:
Bernhard Scheid, „Bodhidharma, der erste Patriarch des Zen.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 6.8.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Zen/Bodhidharma?oldid=53577X
 daruma_shokokuji.jpg

Bodhidharma meditiert in einer Höhle

Malerei (Seide, Farbe) von Mushō Jōshō (1234-1306). Kamakura-Zeit; 107,5 x 54,5 cm
Bild © Jotenkaku Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Bodhidharma bei der Meditation. In der oberen Hälfte befindet sich ein Gedicht.

Bodhidharma meditiert in einer Höhle
 daruma_armoffering.jpg

Huike schneidet seinen Arm ab (Eka danpi zu)

Hängerollbild, kakemono (Tusche auf Papier) von Sesshū Tōyō (1420–1506). 1496; „Nationalschatz“; im Besitz des Tempels Sainen-ji, Aichi-ken; 199,9 × 113,6 cm
Bild © Kyōto National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/9)

Der spätere Zen-Patriarch Huike bietet Bodhidharma seinen abgehackten Arm als Zeichen seiner Ernsthaftigkeit dar.

Huike opfert Bodhidharma seinen Arm

Bodhidharma बोधिधर्म Bodhidharma (skt., m.) Legendärer Begründer des Zen-Buddhismus; jap. Daruma 達磨 oder Bodaidaruma 菩提達磨siehe auch→ Geschichte/Zen→ Ikonographie/Heilige/16 Rakan (jap. Daruma Daruma 達磨 Spitzname des Mönchs Bodhidharma; Daruma-Puppesiehe auch Gluecksbringer → Geschichte/Zen ), der legenden­um­wobene Gründer des Chan Chan (chin.)jap. Zen, wtl. Meditation; chin. Bez. des Zen Buddhismussiehe auch Zen → Grundbegriffe/Stereotype→ Ikonographie/Heilige/16 Rakan bzw. Zen Zen chin. Chan, wtl. Meditation; Zen Buddhismussiehe auch Zen → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi → mehr Buddhismus, ist ein beliebtes ikono­gra­phisches Motiv. In den klassi­schen Darstel­lungen wird vor allem seine asketische Strenge und seine Aus­dauer bei der Medi­tation hervor­gehoben.

Dabei fallen einige ausge­sprochen grausame Details ins Auge: So soll der spätere Nach­folger Bodhi­dharmas, Huike Huike 慧可 487–593; chin. Chan Patriarch; ältere Umschrift: Hui k‘osiehe auch Zen , erst da­durch, dass er sich den Arm ab­hackte, als Schüler Bodhi­dharmas ak­zep­tiert worden sein. Bodhi­dharma selbst soll sich seine Augen­lider aus­ge­rissen haben, um vor dem Ein­schlafen wäh­rend der Medi­ta­tion ge­feit zu sein — in der Bodhi­dharma Ikono­graphie durch hervor­quel­lende Augen verdeut­licht. Die Le­gende hat immer­hin einen ver­söhn­lichen Ausgang: Aus den aus­geris­senen Lidern sollen die ersten Tee­pflan­zen hervor gewach­sen sein, die eben­falls den Zweck er­füllen, das Ein­schla­fen wäh­rend der Medi­tation zu verhindern.

All dies beruht auf dürren histo­rischen Fakten, denen zufolge Bodhidharma Anfang des sechsten Jahrhunderts von Indien nach China kam, sich dort mit dem durchaus bud­dhis­mus­freundlichen Kaiser überwarf und letztendlich in der Region des Berges Songshan Songshan (chin.) 嵩山 Berg Song, Gebirge in Zentralchina, 1500m; zählt trad. zu den fünf heiligen Bergen des Daoismus;siehe auch→ Karte , einem der heiligen Berge Chinas, Exil fand. Hier befindet sich auch das berühmte Kloster Shaolin Shaolin Si (chin.) 少林寺 Ursprungskloster des Shaolin-Ordens am Berg Song; Geburtsstätte des Chan Buddhismussiehe auch→ Karte , wo Bodhi­dharma im Jahr 527 den buddhistisch-chinesischen Kampfsport begründet haben soll. Während das Kloster bis heute für seine Kampf­künste („Kung-fu“) bekannt ist, verlagerte sich der Haupt­strang der chine­sischen Chan-Tradition aller­dings in andere Klöster.

Die Biographie Bodhi­dharmas reicherte sich bald mit allerlei Legenden an. So soll er — gleich Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre/Vier Wahrheiten→ Ikonographie → mehr — als Prinz geboren worden sein; auf seiner Flucht überquerte er den Yangtse Fluss auf einem Schilfhalm, und als er schließlich von übel­wol­lenden Gegnern vergiftet wurde — wieder eine Analogie zu Buddha — täuschte er seinen Tod lediglich vor. Daher fand man in seinem leeren Grab nur einen Schuh, den er als „Beweis“ seiner Auf­erstehung zurück­gelas­sen hatte.

Vom Asketen zum Glücksgott

Daruma2.jpg

Daruma-Portrait

Malerei (Papier, Farbe) von Sensho
Bild © Waseda Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Portrait von Bodhidharma, respekteinflößend.

Daruma4.jpg

Brustbild des Daruma (Hanshin daruma)

Hängerollbild, kakemono (Papier, Tusche) von Sōami? (1485?-1525). Muromachi-Zeit, 16. Jh.; 76,8 x 38,9 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Portrait von Bodhidharma.

Daruma shohaku.jpg

Daruma-Portrait

Hängerollbild, kakemono von Soga Shōhaku (1730-1781), Detail
Bild © Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Portrait des Chan-Patriarchen Bodhidharma.

Daruma kyosai.jpg

Bodhidharma

Hängerollbild, kakemono von Kawanabe Kyōsai (1831-1889), Detail
Bildquelle: Hatena Fotolife. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Etsuko and Joe Price Collection

Portrait des Chan-Patriarchen Bodhidharma.

Daruma hakuin.jpg

Daruma

Hängerollbild, kakemono (Papier, Tusche) von Hakuin (1686–1768). Edo-Zeit; Manpuku-ji, Ōita-ken

Bodhidharma in der typischen, karikaturhaften Darstellung des Zen-Meisters Hakuin.

Daruma hokusai.jpg

Daruma Portrait

Buchillustration von Katsushika Hokusai (1760-1849)
Bild © Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Entwurf für ein Riesenbild des Bodhidharma, das Hokusai 1817 in Nagoya als Werbeaktion für seine Hokusai Manga anfertigte. Im Bildtext sind die Maße des Plakats angegeben, die umgerechnet eine Fläche von 11 mal 18 Metern ergeben.

Daruma kuniyoshi.jpg

Selbstportrait als Daruma

Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi (1797–1861); aus Ansei kenmonshi (Reportage des Ansei [Erdbebens]), 1856
Bild © Waseda University Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Dieses Bild ziert das Deckblatt einer illustrierten Reportage über das Große Erdbeben in Edo, 1855 (Ansei 2). Kuniyoshi hat diesem Daruma nicht nur seine eigenen Gesichtszüge verliehen, er versetzt ihn auch aus seiner Höhle in ein von vom Erdbeben zerstörtes Haus. Außerdem erkennt man im Mönchsgewand ein Gesicht mit weit aufgerissenem Maul, das für den Eingeweihten eindeutig das Gesicht eines Welses ist. Es handelt sich also um den Erdbebenwels (namazu), eine legendäre Gestalt, die damals als Verursacher des Erdbebens angesehen und von den ukiyo-e Künstlern halb im Ernst, halb scherzhaft in jedem nur erdenklichen Kontext dargestellt wurde. Das Bild trägt ein Gedicht mit folgendem Inhalt:

Erkenne, auch das ist die „Torlose Schranke“ des Zen:
Wenn alles zusammenfällt, bleibt nichts mehr übrig.

Angesichts der Katastrophe werden die Spekulationen über Erleuchtung und „Nichts“ aus dem Zen Klassiker „Torlose Schranke“ (Mumonkan) hier satirisch auf einen konkreten Nenner gebracht.

 

Yukidaruma.jpg

Schnee-Daruma

Farbholzschnitt, nishiki-e (Papier, Tusche, Farbe). 1859; Museum of Fine Arts, Boston
Bild © MFA. (Letzter Zugriff: 2011/7)
William Sturgis Bigelow Collection

Yuki-Daruma (Schnee-Daruma) ist noch heute die gängige japanische Bezeichnung für „Schneemann“.

Daruma takayama.jpg
{{bild

| titel = Daruma | detail = 0 | form= Skulptur | inhalt= Objekt | genre= Glücksbringer | genre2= | material= Papiermaché, Farbe | maße = | artist= | artist_dates = | periode = | jahr = | serie = | buch = | serie_j = | ort = Takayama | treasure = 0 | q_link = | q_text = | quelle_b = | c = © | quelle_d = 2015/8/30 | collection = | beschreibung= [[glossar:daruma}-Statue.

|]]
Daruma und hokora.jpg

Daruma-Figur

Glücksbringer (Papiermaché, Farbe)
Bild © El-Branden Brazil, flickr 2007. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Eine etwas verwitterte Daruma-Figur neben einem Miniaturschrein

Darumaichi.jpg

Daruma-Puppen

Glücksbringer (Papiermaché, Farbe)
Bild © Chowitt, flickr 2005. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Daruma-Puppen als Glücksbringer.

Daruma3.jpg

Daruma-Puppe

Farbholzschnitt, ukiyoe von David Bull. 1999, Small Print Collection; 11 x 15cm
Bild © David Bull. (Letzter Zugriff: 2011/11/17)

Neujahrskarte mit Daruma-Motiv.

Bilder zum Vergrößern bitte anklicken

In Japan lässt sich über die Jahr­hunderte eine deutliche Tendenz vom asketisch-strengen Rollen­vor­bild zur Karikatur feststellen. Dies bedeutet aber nicht, dass Bodhi­dharma in blas­phe­mischer Absicht verun­glimpft wurde. Es entspricht vielmehr dem Hang zum Paradox im Zen, dass selbst der ehr­würdige Gründer mit Ironie dargestellt wurde.

Im Zuge dieser Ent­wicklung wurde „daruma-san“ zu einer Art Glücks­gott, der — ähnlich wie Hotei Hotei 布袋 Glücksgott; Manifestation von Bodhisattva Maitreya; chin. Budaisiehe auch Hotei → Ikonographie/Gluecksgoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten→ Ikonographie/Heilige/16 Rakan — nicht mehr das alleinige Eigen­tum der Zen-Schule war, sondern mit allerlei popu­lären Vorstel­lungen in Verbin­dung gebracht und dem­ent­spre­chend umge­staltet wurde. Diese Bilder Bodhi­dharmas ver­festig­ten sich in der daruma-Puppe. Wesentliche Charak­teristika dieser Puppe sind die Ab­wesen­heit von Armen und Beinen (wodurch die Puppe auch leicht als Steh­auf­männ­chen gestaltet werden kann) und die rote Farbe, in die diese Puppe aus­nahms­los gekleidet ist. Bernard Faure (2011) sieht darin Hinweise auf einen embryo­nalen Symbo­lismus: Bodhi­dharma als Sinnbild der Ent­stehung neuen Lebens und als „Plazenta-Gottheit“, was natür­lich über die kon­fes­sionel­len Grenzen des Bud­dhis­mus hinausweist.

Weitgehend einig ist sich die Forschung, dass die Popu­larität der daruma-Puppe — wo auch immer ihre Herkunft liegt — mit ihrer Verwen­dung als Seuchen­gott­heit in Ver­bindung steht, im besonderen mit der raschen Genesung von den Pocken. daruma wurde in der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyōsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit unter anderem als hōsōgami hōsōgami 疱瘡神 Pockengott; Sinnbild für und Wirkmacht gegen die Pocken, als Pocken­gottheit bezeichnet. So soll die Tatsache, dass die daruma-Puppen zumeist ohne Pupillen, also „blind“, verkauft werden, mit dem negativen Effekt der Pocken auf die Seh­kraft in Verbin­dung stehen. Die Dar­stellung der Gefahr bannt diese. Auch die rote Farbe soll die Pocken darstellen und zugleich ent­kräften. Das daruma-Steh­auf­männ­chen wurde in Zeiten von Pocken-Epidemien zu einem Spielzeug für Kinder, das ihre rasche Genesung vormachen und bewirken sollte. Mit dem Abklingen der Pocken­gefahr weitete sich der Wir­kungs­bereich des daruma-san auf andere Bereiche aus. Er wurde zum engimono engimono 縁起物 Glücksbringersiehe auch Gluecksbringer , zum allgemein glücks­ver­heißen­den Gegenstand.

Die Ikonographie des strengen Asketen ging bei all dem nie ganz verloren, sondern wurde ironisch überhöht. Ähnlich wie bei den Sieben Glückgöttern scheint die kanoni­sierte Komik der daruma-Darstellung zu besagen, dass es gut und schön ist, diesen daruma um weltliche Güter zu bitten, dass es aber hinter dieser Funktion noch andere Dimen­sionen gibt. Die Ironie schließt also den ernst­haften Glauben an Bodhi­dharmas aske­tisches Ver­mächtnis nicht aus.

daruma und Dame

Daruma harunobu.jpg

Daruma mit Geisha

Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier, Farbe) von Suzuki Harunobu (1724-1770)
Bild © The British Museum

Daruma und Geisha im gleichen Boot: Daruma rasiert sich mit einer Pinzette und benützt dazu sein Spiegelbild im Wasser. Geisha macht den Fährmann.

Geisha-daruma.jpg

Geisha als Daruma

Farbholzschnitt, ukiyoe (Papier gestanzt, Farbe) von Suzuki Harunobu (1724–1770). 1765–1770
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Eine Geisha in der Pose des Bodhidharma, der einer berühmten Legende zufolge den Fluss Yangtse mit Hilfe eines Schilfhalms überquert haben soll.

Daruma shunga.jpg

Geisha in Daruma-Pose

Farbholzschnitt, shunga (Papier, Farbe) von Ippitsusai Bunchō. 18. Jh.

Dieses „Frühlingsbild“ (shunga) parodiert die Legende, nach der Bodhidharma auf einem Schilfhalm den Yangtse Fluss überquert haben soll. Nicht nur wird der Mönch durch eine Geisha ersetzt, auch der Grashalm wird zu einem phallusförmigen Pilz.

Daruma harunobu2.jpg

Daruma mit Geisha

Farbholzschnitt, bijin-ga (Papier, Farbe) von Suzuki Harunobu (1725–1770). 1765; 26,6 x 19,2 cm
Bildquelle: Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2011/11/12)
William S. and John T. Spaulding Collection

Geisha bietet Daruma etwas zum Rauchen an.

Daruma togetsu.jpg

Daruma als Geisha

Hängerollbild, shunga (Tusche, Farbe, Papier) von Tsutsumi Tōgetsu (1749-1823). Edo-Zeit, um 1800
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Daruma im Outfit und der typischen Haltung einer hochrangigen Geisha, allerdings mit etwas unsicherem Gesichtsausdruck. Der Kimono ist mit hossu-Wedeln, also buddhistischen Ritualgegenständen, verziert. Das Bild trägt eine Inschrift des Edo-zeitlichen Literaten Ōta Nanpō (1749–1823).

Daruma und geisha.jpg

Daruma und Geisha

Hängerollbild, shunga von Baiōken Eishun (Takeda Harunobu). Edo-Zeit, frühes 18. Jh.
Bildquelle: Hatena Fotolife
Etsuko and Joe Price Collection

Daruma und Geisha mit vertauschten Kleidern.

Daruma mimikaki.jpg

Geisha und Daruma

Shunga von Kawanabe Kyōsai
Bild © Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Eine Geisha putzt die Ohren des Bodhidharma (in Japan Zeichen zärtlicher Vertrautheit).

Kaika no daruma.jpg

Daruma und Geisha

Farbholzschnitt (Papier Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi (1839–1892). Meiji-Zeit; 19 × 25 cm
Bild © Waseda University Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Originaltitel Kaika no daruma (Daruma während der Öffnung); „Öffnung“ meint die Öffnung Japans gegenüber dem Westen. Daruma-Mönch und Daruma-Geisha studieren zusammen eine moderne Zeitung. Beide, Mönch und Geisha, können als „Modernisierungsverlierer“ gesehen werden. Dementsprechend hat auch dieses Bild bei aller Ironie eine melancholische Note.

Bilder zum Vergrößern bitte anklicken

Zu den seltsamsten Formen der japanischen Bodhi­dharma-Ikono­graphie gehört das immer wieder­keh­rende Motiv von daruma und Geisha, beson­ders in den ukiyo-e der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyōsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit. Die beiden tauschen Kleider, Geishas nehmen bekannte Posen des Bodhi­dharma ein und oft entspinnt sich eine zarte erotische Be­ziehung zwischen dem exotischen Asketen und der Schönen. Sogar shunga shunga 春画 wtl. „Frühlingsbilder“; Gemälde und Druckwerke mit expliziten sexuellen Darstellungensiehe auch Phalluskulte → Alltag/Matsuri/Hadaka matsuri→ Mythen/Tengu→ Mythen/Oni und Kappa -Motive mit daruma und/oder Geisha als Prota­gonisten sind möglich.

Dieses bildliche Motiv kor­res­pon­diert mit der Tatsache, dass daruma in der Edo-Zeit ein Code-Wort für „Geisha“ bzw. „Freuden­mädchen“ war. Jedes Bild verfügt also über einen Doppel­sinn und ist sowohl bud­dhis­tisch als auch sexuell konnotiert. Eines der obigen Bilder trägt eine Inschrift des Edo-zeit­lichen Literaten Ōta Nanpō (1749-1823), die diesen Doppelsinn in Form einer bud­dhis­tisch ange­hauch­ten Dialektik aus­drückt. Mittels dieser Dialektik konnten die Litera­ten und Intellek­tuellen der Edo-Zeit im Grunde alles in sein Gegen­teil verkehren und bis zur Un­kennt­lichkeit in einem Reigen von An­spie­lungen und Wort­witzen auflösen:

Truth is the skin of lies; lies are the bones of truth. When you are bewildered, lies seem like the truth; when you are enlightened, the truth seems like lies. It is all right to be bewildered, it is all right to be enlightened on Main Street, Yoshiwara, amid lies and truth. The pledges of courtesans may be truth or lies and are as myriad as their customers, like grains of sand on a beach.

Übersetzung: The British Museum

Buddhistische Erleuchtung steht hier für sexuelle Erfüllung und umgekehrt. Wie aber konnte es zu diesen Asso­ziationen kommen? Möglicher­weise spielt hierbei eine Rolle, dass in Edo-zeitlichen Städten Freuden­viertel und Tempel­viertel meist unmit­telbar neben einander lagen oder sogar in einander über­gingen. Paradig­matisch für diese Struktur ist das Freuden­viertel Yoshiwara in Edo, das unmit­telbar an den heute noch existie­renden Asakusa Asakusa-dera 浅草寺 Tempel in Tōkyō; offizielle (sino-jap.) Lesung: Sensō-jisiehe auch Asakusa → Bauten/Bekannte Tempel→ Ikonographie/Kannon→ Karte -Tempel grenzte. Der genaue Grund für diese Verbindung ist mir nicht bekannt, mag aber mit Angebot und Nachfrage zu tun haben. Die ent­sprechen­den ukiyo-e ukiyo-e 浮世絵 „Bilder der fließenden Welt“, populäre Farbholzschnitte der Edo-Zeitsiehe auch Kaidan → Ikonographie→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Alltag/Pilgerschaft→ Alltag/Matsuri/Phalluskulte→ Mythen/Geister → mehr Motive sind daher wohl als satirischer Kommentar zur Lebens­weise buddhis­tischer Mönche der Edo-Zeit zu verstehen.

Die Nahe­beziehung von daruma und Geisha ist selbst in der frühen Meiji-Zeit noch zu finden: In der Meiji-zeitlichen Darstel­lung von „daruma zur Zeit der Landes­öffnung“ manifestiert sich auf an­rüh­rende Weise, dass damals sowohl die buddhistischen Tempel als auch die traditionellen Freuden­viertel zu den „Moderni­sierungs­ver­lierern“ zählten.

Geschichte/Zen (zurück zum Hauptartikel)
Ikonographie
Religion-in-Japan > Geschichte > Zen > Bodhidharma