Der Weg des Bud­dhis­mus nach Japan

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Bernhard Scheid, „Der Weg des Bud­dhis­mus nach Japan.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 24.9.2016). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Grundbegriffe/Buddhismus?oldid=67301X

Die Lehre des Bud­dhis­mus (jap. bukkyō bukkyō 仏教 Lehre des Buddha, Buddhismussiehe auch→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe→ Mythen/Jenseits→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Geschichte/Staatsshinto/Shinbutsu bunri ) geht auf eine histo­rische Persön­lich­keit zurück, die unter Eigen­namen wie Gautama गौतम Gautama (skt., m.) Eigennamen des historischen Buddha; Pali: Gotama; jap. Kudon 瞿曇siehe auch →  Buddhas Leben Siddhartha सिद्धार्थ Siddhārtha (skt., m.) Eigennamen des historischen Buddha; jap. Shiddatta 悉達多siehe auch →  Buddhas Leben oder Shakyamuni शाक्यमुनि Śākyamuni (skt., m.) „Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha; jap. Shaka 釈迦 oder Shakamuni 釈迦牟尼siehe auch →  Buddhas Leben → Bauten/Tempel→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Amida→ Ikonographie/Shaka → mehr („der Weise des Shakya-Klans“) bekannt ist. Nach bud­dhis­tischer Auf­fas­sung war er ein Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre/Vier Wahrheiten→ Ikonographie → mehr , also ein „Erleuch­teter“, weshalb er auch als „der Buddha“ bzw. genauer als der „histo­rische Buddha“ be­zeich­net wird. Nach bud­dhis­tischer Auf­fass­ung exis­tier­ten Buddhas nämlich schon in grauer Vorzeit, und auch die Zukunft wird weitere Buddhas her­vor­bringen. In Japan wird dieser historische Buddha als Shaka Nyorai Shaka Nyorai 釈迦如来 jap. Name des Buddha Shakyamunisiehe auch Shaka → Ikonographie/Mudra→ Geschichte/Honji suijaku→ Geschichte/Nichiren verehrt.

Man nahm bis vor kurzem allgemein an, dass Shak­ya­muni im sechsten oder fünften Jahr­hundert vor unserer Zeit­rechnung im Norden Indiens tätig war, doch setzen neuere For­schun­gen seine Lebens­zeit hundert Jahre später, etwa 450–370 v.u.Z. an.1 Shakyamuni lebte jedenfalls in einem nord­indischen König­reich namens Magadha मगध Magadha (skt., m.) Nordostindisches Königreich das im 6. bis 4. Jh. v.u.Z. seine Blütezeit erreichtesiehe auch →  Buddhas Leben , wo neben dem Buddhismus auch eine weitere indische Religion, der Jainismus entstand. Beide Religionen lehrten, dass selbst die Götter (deva देव deva (skt., m.) „Gottheit“, oberste Klasse indischer Götter; jap. ten 天 oder tenbu 天部siehe auch →  Ikonographie → Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Benzaiten → mehr ) der klas­sischen indischen Mythen nur eine relative Bedeutung besaßen und ver­kündeten einen für alle Lebe­wesen gültigen Heils­weg, der im Wesent­lichen auf einer aske­tischen, mönchi­schen Lebens­weise beruhte.

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Magadha

Landkarte
Bild © Wikimedia Commons, nach Schwartzberg, J. E. (1992), A Historical Atlas of South Asia: University of Oxford Press. (Letzter Zugriff: 2016/9/5)

Ausbreitung des nordindischen Königreichs Magadha.

Das indische Reich Magadha, 6.–4. Jh. v.u.Z.

Nach seinem Tod hinter­ließ Shak­ya­muni einen Orden von Mönchen und Nonnen, sowie männ­liche und weib­liche Laien­anhänger. Diese „Vier Ver­samm­lungen“ bildeten die bud­dhis­tische Gemeinde im weiteren Sinne. Eine kodifizierte Lehre existierte zu diesem Zeitpunkt wahr­scheinlich noch nicht. Erst Shak­ya­munis Schüler und Enkel­schüler formu­lierten in soge­nannten „Konzilen“ die ersten schrift­lichen Texte, aus denen sich die ver­schie­denen Fassungen des weit­läufigen bud­dhis­tischen Kanons — die „Drei Körbe“ — ent­wickelten.

Die Ausbreitung des Buddhismus folgte im wesentlichen den großen Handels­routen, die zahl­reiche Höfe von großen und kleineren Reichen mit einander ver­banden. Der Bud­dhis­mus war also — trotz seiner aske­tischen Ideale — beson­ders in seiner Früh­zeit eine Religion für Händler und ihre Kunden, die Könige. Während die Händler exo­tische Güter an den Höfen der Könige feilboten, predigten die Mönche in ihrer Beglei­tung eine neue Religion, die eben jenen Königen über den Tod hinaus „Rettung“ versprach. Diese Beschäf­tigung mit indivi­duellen Schick­salen in einer kommenden Welt war mög­licher­weise eines der Erfolgs­geheim­nisse, das die Lehren des Bud­dhismus ebenso begehrt machte wie mate­rielle Reich­tümer. Bud­dhisten hatten jeden­falls beson­ders an den Königs­höfen Erfolg. Umgekehrt wurden sowohl Händler als auch Könige in den Legenden von Buddha und seinen Schülern generell positiv dar­ge­stellt. Reich­tum und Macht sind im Bud­dhis­mus per se keine Hinder­nisse auf dem Pfad zur Erleuch­tung, sondern im Gegen­teil Zeichen der karmischen कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Opfergaben → mehr Beloh­nung aus früheren Leben, die es in diesem Leben klug und achtsam zu ver­walten und zu mehren gilt.

Die „Fahrzeuge“ des Buddhismus

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Ausbreitung des Buddhismus

Bild © Bernhard Scheid, 2011, 2015
Ausbreitung des Buddhismus

Im dritten Jahr­hundert v.u.Z., also etwa hundert Jahre nach Buddhas Tod, erfuhr der Bud­dhis­mus eine massive Förderung durch König Ashoka अशोक Aśoka (skt., m.) „Der Unbesorgte“, 304?–232 v.u.Z., König von Nord-Indien; jap. Muu 無憂 oder Aikuō 阿育王siehe auch→ Bauten/Tempel/Stupa→ Ikonographie/Heilige/16 Rakan (304?–232 v.u.Z.), der große Teile Indiens unter seiner Herr­schaft vereinte. Von da an begann der Bud­dhis­mus auch über die Grenzen der indischen Kultur hinaus wirksam zu werden. Es entstanden zwei große Über­liefe­rungs­tradi­tionen, die man in der Sprache des Buddhismus als „Fahrzeuge“ (yāna). Die südliche Route verlief zum Großteil über den Seeweg nach Südost­asien und China, die nörd­liche erreichte über die Seiden­straße diverse zentral­asia­tische Reiche und schließ­lich ebenfalls China, Korea und Japan.

Süden: Thera­vada

Die südliche Richtung wird auch als Shravakayana श्रावकयान Śrāvakayāna (skt., n.) „Fahrzeug der Schüler“, Richtung des Buddhismus; jap. Shōmon-jō 声聞乗siehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie/Heilige („Fahrzeug der Schüler“) bezeichnet, von ihren zahlreichen Schul­rich­tungen hat allerdings nur der Theravada थेरवाद Theravāda (pali, m.) „Schule der Ordensälteren“, buddhistische Richtung (hier in Pali angegeben; skt: Sthaviravada); jap. Jōzabu bukkyō 上座部仏教siehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben→ Geschichte/Kukai→ Ikonographie/Heilige („Schule der Ordens­älteren“, jap. jōzabu bukkyō jōzabu bukkyō 上座部仏教 Theravada Buddhismus, wtl. „Lehre der Ordensältesten“) bis heute überdauert. Der Thera­vada Bud­dhis­mus gilt im Vergleich zur nördlichen Schul­rich­tung als ortho­doxere oder kon­serva­tivere Form des Bud­dhis­mus. Gegenüber dem Maha­yana konzen­triert er sich stärker auf mön­chische Lebens­führung (das arhat अर्हत् arhat (skt., m.) höchste Stufe des Menschseins vor dem Austritt aus dem Geburtenkreislauf; jap. rakansiehe auch →  16 Rakan → Ikonographie/Dainichi/Daibutsu→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben→ Ikonographie/Heilige -Ideal) und Askese. Er wird heute vor allem in Sri Lanka, Myanmar (Burma), Thailand, Laos und Kam­bodscha prak­tiziert.

Norden: Maha­yana

Die nördliche Richtung ist allgemein als Mahayana महायान Mahāyāna (skt., n.) „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung; jap. Daijō 大乗siehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani → mehr , „Großes Fahr­zeug“ (jap. daijō bukkyō daijō bukkyō 大乗仏教 Mahayana Buddhismus, wtl. „Lehre des Großen Fahrzeugs“), bekannt. Das Große Fahr­zeug war eine Reform­bewe­gung, die die ur­sprüng­liche, auf eine rein mönch­ische Lebens­führung ausge­richtete Form des Bud­dhis­mus auch für Laien zu­gäng­lich machen wollte. Auch Laien können nach Auf­fassung des Maha­yana er­leuch­tet werden. Im Maha­yana wurden die Lehren und Schriften des ortho­doxen Shravaka­yana Bud­dhis­mus zwar nicht grund­sätzlich abge­lehnt, doch bezeich­nete man diesen Bud­dhismus, ein wenig ver­ächtlich, als Hinayana हीनयान Hīnayāna (skt., n.) „Kleines Fahrzeug“, buddhistische Richtung; jap. Shōjō 小乗siehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie/Heilige/16 Rakan , „Kleines Fahr­zeug“.

Tantrismus oder esoterischer Buddhismus

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Bezwinger der drei Welten (Gōsanze Myōō)

Statue, myōō. 14. Jh.; Mudō-ji, Berg Hiei; Holz
Bild © Kyōto National Museum, Saichō and Treasures of Tendai (Ausstellungskatalog) 2005, S. 165

Gōzanze Myōō (skt. Trailokyavijaya) mit der charakteristischen mudra der Dämonenabwehr (Gōsanze-in).

. 1 Gōsanze Myōō
Eine charakteristische Figur des esoterischen Buddhismus in Japan (Statue aus dem 14. Jh.)

Im fünften und sechsten Jahr­hundert u.Z. kam dann noch eine weitere Reform­bewe­gung dazu, die sich in Indien nicht nur innerhalb des Bud­dhis­mus, sondern auch im Shiva- शिव Śiva (skt., m.) „Glückverheißender“, indische Göttheit, auch Maheshvara oder Ishvara; jap. Daijizai-ten 大自在天siehe auch→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani und Vishnuismus विष्णु Viṣṇu (skt., m.) indische (vedische) Gottheit; gilt im Vishnuismus als Manifestation des höchsten Seinssiehe auch→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Kannon/Bato Kannon (also dem, was letzt­lich zum Hindu­ismus führte) breit machte: der Tan­tris­mus, benannt nach eigenen Lehr­schriften, den Tantren तन्त्र tantra (skt., n.) „Gewebe“, Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich Sutra, aber meist mit rituellem Inhalt)siehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Dainichi→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Myoo/Fudo → mehr , in denen vor allem neu­artige Ritual­tech­niken behandelt werden. Der Tan­tris­mus führte von der generell offenen Haltung des Mahayana zurück zu engen, in sich geschlos­senen Zirkeln von Ein­geweih­ten, inner­halb derer die Rituale kursier­ten. Man spricht daher auch vom „eso­terischen Bud­dhis­mus“ (esoterisch im Sinne von „nach innen gewandt“) — jap. mikkyō mikkyō 密教 esoterischer Buddhismus, Tantrismus; wtl. geheime Lehre; Gegenstück zu kengyōsiehe auch Buddhismus Lehre → Ikonographie/Mandala→ Ikonographie/Mudra→ Ikonographie/Myoo/Fudo→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani → mehr , wtl. „geheime Lehre“.

Ein leicht erkennbares Charakteristikum des esoterischen Buddhismus sind kriegerische Figuren mit zornigen Gesichtern, die jedoch keine Feinde des Buddhismus darstellen, sondern Helfer oder Verteidiger. Sie sollen dem Gläubigen helfen, innere Widerstände oder „Begierden“ auf dem Pfad zur Erleuchtung zu überwinden, doch wandte man sich auch mit handfesteren Anliegen wie z.B. der Bitte um Schlachtenglück an sie.

Obwohl der esoterische Buddhismus generell als eine Unter­kate­gorie des Mahayana gilt, lässt er sich doktrinär oft nicht ein­deutig zuordnen. Auch geographisch passt er nicht ganz in das oben skizzierte Bild, da die ein­fluss­reichs­ten esote­rischen Lehrer China offenbar über die Süd­route erreichten. Manche Religionshistoriker behandeln den esoterischen Buddhismus daher als eigene, unabhängige Richtung, die nach eine charakteristischen tantristischen Ritualinstrument, dem vajra वज्र vajra (skt., m.) „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus; jap. kongō 金剛siehe auch →  Vajrapani → Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Ikonographie/Mandala→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Mudra → mehr , auch als Vajrayana वज्रयन Vajrayāna (skt., n.) „Vajra-Fahrzeug“, Tantrismus, esoterischer Buddhismus; jap. Mikkyō 密教 oder Kongō-jō 金剛乗siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani → mehr (Vajra-Fahrzeug) bezeichnet wird.

Für den japanischen Bud­dhis­mus sind jedenfalls vor allem das Maha­yana und die „geheime Lehre“ (mikkyō) von Belang.

Ausbreitung nach Ostasien

Im Norden kam der Bud­dhis­mus zunächst mit dem hellenis­tischen Reich Gandhara गन्धार Gandhāra (skt., m.) Königreich im heutigen Pakistan bzw. gleichnamige Stadt (auch Purushapura, heute Peshavar); nach den griechischen Eroberungen unter Alexander dem Großen unter dem Einfluss der hellenistischen Kultur, später, im 1.–3. Jh. u.Z. Hauptstadt des buddhistischen Kushana Reichs; frühes Zentrum der buddhistischen Kunstsiehe auch →  Ikonographie → Ikonographie/Myoo/Vajrapani→ Karte in Berüh­rung und erfuhr dadurch wichtige Impulse, z.B. auf dem Gebiet der Ikonographie. Der Buddha bekam hier erstmals ein konkretes Aussehen, das erstaunlich stark an griechisch-römische Statuen der Antike gemahnte. Dennoch übte China als Ziel der bud­dhis­tischen Mission eine größere Anzie­hungs­kraft aus als der antike Mittel­meer­raum. Um nach China zu gelangen, benutz­ten Händler und Mönche zumeist den Landweg entlang der zentral­asia­tischen Seiden­straße. Doch konnte man China auch per Schiff erreichen, wenn man eine südliche Route wählte. Hier boten die Inseln Sri Lanka, Sumatra und Java sowohl für den Handel als auch für die bud­dhis­tische Mission wichtige Stütz­punkte, wo sich bald frühe buddhis­tische Zentren etablierten. Diese Route wird auch als „maritime Seiden­straße“ bezeichnet.

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Buddha und Vajrapani

Skulptur (grauer Schiefer), Detail. Kushana Periode, N-Indien, 1.–3.Jh. u.Z.; Höhe: 29,2 cm
Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Darstellung der Unterwerfung der schwarzen Schlange in Rajgrha durch Buddha und Vajrapani.

. 2 Buddha und Begleiter im hellenistischen Stil, Gandhara, 1.–3. Jh. u.Z.
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Münze des Königs Kanishka

Münze (Gold). Kushana Reich; Gandhara
Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/5)

Goldmünze aus der Zeit König Kanishkas (ca. 127–163 u.Z.). Kanishka regierte die „goldene Zeit“ des Kushana Reichs, einer Dynastie aus Nordchina. Das Zentrum des Kushana Reiches befand sich allerdings in Gandhara im heutigen Pakistan und war stark vom Hellenismus geprägt. Das Kushana Reich war besonders wichtig für die Entwicklung der Seidenstraße, die China mit dem Mittelmeerraum verband. Zugleich war Kanishka ein großer Förderer des Buddhismus. Dies lässt sich auch an der vorliegenden Münze erkennnen. Auf einer Seite ist die Figur des Herrschers zu sehen, auf der anderen die Figur Buddhas. Die Münze ist in griechischen Buchstaben beschriftet, das Wort „Boddo“ (Buddha) ist deutlich zu erkennen.

. 3 Goldmünze mit Buddha-Figur (r.); Gandhara, 2. Jh. u.Z.

Erste buddhistische Kontakte mit China reichen bis ins erste Jahr­hundert vor unserer Zeit­rech­nung zurück, aber zu einiger Bedeutung gelangte der chine­sische Bud­dhis­mus erst im zweiten und dritten Jahr­hundert unserer Zeit. Von der nord-west­lichen Einfalls­pforte aus erfolgte die Ver­brei­tung fächer­förmig über den ganzen chine­sischen Sub­kontinent, um schließ­lich im fünften und sechsten Jahr­hundert auch Korea und Japan zu erreichen. Daneben gab es auch über die südliche Route bud­dhis­tische Einflüsse. Da die bud­dhis­tische Mission aber in erster Linie auf die Höfe konzen­triert war, konnte von einer gleich­mäßigen, flächen­deck­enden Verbrei­tung keine Rede sein. Der frühe chine­sische Bud­dhis­mus blühte daher in den urbanen Zentren. Doch errich­teten Bud­dhisten auch Klöster in abge­lege­nen Regionen, vielleicht um sich dadurch eine gewisse Auto­nomie zu sichern.

In der Tang Tang (chin.)chin. Herrschaftsdynastie, 618–907siehe auch Geschichtsperioden → Ikonographie/Waechtergoetter/Nio→ Mythen/Jenseits→ Geschichte/Fruehzeit→ Geschichte/Kami Kulte → mehr -Zeit erfuhr der chinesische Bud­dhis­mus massive staatliche Förderungen, die nicht nur zu seiner Verbreitung, sondern auch zu einer großen Eigenständigkeit gegenüber dem Ursprungsland Indien führten. Der chine­sische Hof unter­stützte nämlich groß angelegte Über­setzungs­projekte, die es mit sich brachten, dass heute mehr buddhistische Schriften in chinesischer Übersetzung tradiert sind als in Sanskrit oder Pali, den Sprachen der Original­manus­kripte. Die Über­setz­ungen in ein voll­kommen anderes Idiom, in dem weder die grammati­kalischen, noch die philo­sophi­schen Grund­strukturen des indischen buddhis­tischen Kanons vor­handen waren, stellten nicht nur eine gewaltige Heraus­forderung dar, sie führten zwangs­läufig zu einer Sini­sierung des Bud­dhis­mus. Es ist dieser sinisierte Buddhis­mus, der in Ostasien weiter wirkte.

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Buddha Vairocana, Longmen

Statue, daibutsu (Stein). China, Tang-Zeit, err. 672–676; Longmen Grotten, Henan, China; Höhe der zentralen Statue: 17,14m
Bild © Global Travel Authors. (Letzter Zugriff: 2016/9/5)

Hauptnische der berühmten Felsengrotten von Longmen (Drachentor), einem Zentrum der buddhistischen Felsskulptur. Die größte Nische stammt aus der Tang-Zeit, aus der Zeit der einzigen Kaiserin dieser Zeit, Wu Zetian (625–705), die ihrerseits eine große Förderin des Buddhismus war. Im Zentrum dieser Nische steht Buddha Vairocana, dessen individuelle Züge angeblich der Kaiserin nachempfunden sind. Jedenfalls repräsentiert die Statuengruppe einen Höhepunkt des chinesischen Buddhismus.

. 4 Felsenbuddha aus der Tang-Zeit, Longmen, 7. Jh.

Nicht nur auf der Ebene der Texte, auch in der Ikono­graphie, also der Bilder­sprache, kam es zu neuen, chinesi­schen Stan­dardi­sie­rungen. Die typische, leicht dickliche Buddha-Figur ist beispiels­weise eine chine­sische Ent­wicklung, die vollin­haltlich von Korea und Japan über­nommen wurde. Aller­dings war in ganz Ostasien immer klar, dass der Buddha Inder war und insofern auch exotische Merkmale besaß.

Übernahme des Buddhismus in Japan

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Buddha Shakyamuni (Shaka Nyorai)

Skulptur, nyorai (Holz). 9. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des Shigon-Tempels Murō-ji bei Nara
Bildquelle: Wakasa Haikai, (Blog) [Scan aus Nara no furudera to butsuzō, Mitsui Memorial Museum, 2010]. (Letzter Zugriff: 2016/1)

Eine Skulptur des Shaka Nyorai (skt. Shakyamuni) im Lotos-Sitz mit der für ihn typischen mudra „Fürchtet euch nicht“ — semui-in, segan-in.

. 5 Buddha Shakyamuni

Im japan­ischen Bud­dhis­mus haben wir es also mit dem Resultat einer langen Über­liefe­rungs­ge­schichte zu tun, im Zuge derer die ur­sprüng­lich indi­sche Religion mit Ele­menten aus Zentral­asien und China ange­reichert wurde. Da China für die japa­nische Kultur das Vorbild schlech­thin dar­stellte, ten­dierte man dazu, den Bud­dhis­mus in seiner chine­sischen Form zu belassen und unter­nahm zunächst nur zag­hafte Versuche der Adap­tion. Die Sutren सूत्र sūtra (skt., n.) „Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift; jap. kyō 経 oder kyōten 経典siehe auch →  Sutra → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Tempel→ Alltag/Gluecksbringer→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi → mehr wurden daher kein weite­res Mal ins Japa­nische über­setzt.

In weiterer Folge nahm die Geschichte des Bud­dhis­mus in Japan jedoch einen anderen Verlauf als in China. Dort erwuchs dem Bud­dhis­mus vor allem in Gestalt des Daois­mus Dōkyō 道教 Daoismus, wtl. Lehre des Weges, chin. Daojiao; philosophisch-rel. Strömung Chinas; s.a. siehe auch Yin und Yang → Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Hotei→ Geschichte/Zen → mehr ein mächtiger Kon­kurrent: Auf Zeiten der staat­lichen Förde­rung folgten Zeiten des Nieder­gangs und sogar der Ver­folgung von Buddhisten. In Japan dagegen gelang es dem Bud­dhis­mus, bereits existie­rende Glau­bens­vor­stel­lungen fast voll­ständig zu absor­bieren. Auch wenn die Blüte­zeit des japa­nischen Bud­dhis­mus mit dem Beginn der Frühen Neuzeit (Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyōsiehe auch Geschichtsperioden → Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit) zu Ende ging und kon­kur­rierende Vor­stell­ungen in Form des Kon­fuzia­nismus jukyō 儒教 Konfuzianismus, Lehre des Konfuzius (Kongzi oder Kong Fuzi); wtl. Lehre der Gelehrtensiehe auch Neo-Konfuzianismus → Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Geschichte/Zen→ Texte/Yin und Yang und des Shintō Shintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe → mehr auf­tauchten, wurden Bud­dhisten — von den Anfän­gen im 6. Jh. und einer kurzen anti-bud­dhistischen Phase Ende des 19. Jahr­hun­derts einmal abge­sehen — in Japan nie verfolgt. Japa­nische bud­dhis­tische Tempel wurden im Lauf ihrer Ge­schichte gene­rell nicht von Anders­gläu­bigen, sondern ledig­lich von anderen buddhisti­schen Tempeln bedroht (s. Reli­gions­ge­schichte).

Heute ist der Buddhismus aus seinem ehe­maligen Kern­land Indien fast völlig ver­schwun­den, und auch in seiner „zweiten Heimat“ China stellt er nur eine reli­giöse Rich­tung unter vielen dar. Hin­gegen tritt er uns als Haupt­religion in den ehe­maligen Rand­ge­bie­ten der bud­dhisti­schen Ein­fluss­sphäre, in Süd­ost­asien, Tibet und Japan entgegen.

Verweise

Fußnoten

  1. Diese Angabe beruht auf jüngeren For­schungen des Indologen Heinz Bechert. Bechert zufolge starb Buddha hundert Jahre vor der Krönung König Ashokas (ca. 268 v.). Ähnliche Schät­zungen gehen davon aus, dass Buddha 30 bis 50 Jahre vor dem Indienfeldzug Alexanders des Großen (327–325 v.) verstarb. Da die bud­dhis­tische Hagio­graphie Buddha außer­dem einhellig ein Alter von achtzig Jahren zuschreibt, erhält man die Lebens­daten 450–370 v.u.Z. (Michaels 2011, S. 21–22).

Bilderläuterungen

  1. Gosanze myoo.jpg

    Bezwinger der drei Welten (Gōsanze Myōō)

    Statue, myōō. 14. Jh.; Mudō-ji, Berg Hiei; Holz
    Bild © Kyōto National Museum, Saichō and Treasures of Tendai (Ausstellungskatalog) 2005, S. 165

    Gōzanze Myōō (skt. Trailokyavijaya) mit der charakteristischen mudra der Dämonenabwehr (Gōsanze-in).

  2. Vajrapani kusana2 hunt.jpg

    Buddha und Vajrapani

    Skulptur (grauer Schiefer), Detail. Kushana Periode, N-Indien, 1.–3.Jh. u.Z.; Höhe: 29,2 cm
    Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Darstellung der Unterwerfung der schwarzen Schlange in Rajgrha durch Buddha und Vajrapani.

  3. Coin of Kanishka I.jpg

    Münze des Königs Kanishka

    Münze (Gold). Kushana Reich; Gandhara
    Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/5)

    Goldmünze aus der Zeit König Kanishkas (ca. 127–163 u.Z.). Kanishka regierte die „goldene Zeit“ des Kushana Reichs, einer Dynastie aus Nordchina. Das Zentrum des Kushana Reiches befand sich allerdings in Gandhara im heutigen Pakistan und war stark vom Hellenismus geprägt. Das Kushana Reich war besonders wichtig für die Entwicklung der Seidenstraße, die China mit dem Mittelmeerraum verband. Zugleich war Kanishka ein großer Förderer des Buddhismus. Dies lässt sich auch an der vorliegenden Münze erkennnen. Auf einer Seite ist die Figur des Herrschers zu sehen, auf der anderen die Figur Buddhas. Die Münze ist in griechischen Buchstaben beschriftet, das Wort „Boddo“ (Buddha) ist deutlich zu erkennen.

  4. Longmen.jpg

    Buddha Vairocana, Longmen

    Statue, daibutsu (Stein). China, Tang-Zeit, err. 672–676; Longmen Grotten, Henan, China; Höhe der zentralen Statue: 17,14m
    Bild © Global Travel Authors. (Letzter Zugriff: 2016/9/5)

    Hauptnische der berühmten Felsengrotten von Longmen (Drachentor), einem Zentrum der buddhistischen Felsskulptur. Die größte Nische stammt aus der Tang-Zeit, aus der Zeit der einzigen Kaiserin dieser Zeit, Wu Zetian (625–705), die ihrerseits eine große Förderin des Buddhismus war. Im Zentrum dieser Nische steht Buddha Vairocana, dessen individuelle Züge angeblich der Kaiserin nachempfunden sind. Jedenfalls repräsentiert die Statuengruppe einen Höhepunkt des chinesischen Buddhismus.

  5. Shaka muroji.jpg

    Buddha Shakyamuni (Shaka Nyorai)

    Skulptur, nyorai (Holz). 9. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des Shigon-Tempels Murō-ji bei Nara
    Bildquelle: Wakasa Haikai, (Blog) [Scan aus Nara no furudera to butsuzō, Mitsui Memorial Museum, 2010]. (Letzter Zugriff: 2016/1)

    Eine Skulptur des Shaka Nyorai (skt. Shakyamuni) im Lotos-Sitz mit der für ihn typischen mudra „Fürchtet euch nicht“ — semui-in, segan-in.

Literatur

Axel Michaels 2011
Buddha: Leben, Lehre, Legende. München: C. H. Beck 2011.
William Deal und Brian Ruppert 2015
A Cultural History of Japanese Buddhism. New York: Wiley-Blackwell 2015.
Grundbegriffe
Ikonographie