Shintō, Versuch einer Begriffsbestimmung

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Bernhard Scheid, „Shintō, Versuch einer Begriffsbestimmung.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 31.7.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Grundbegriffe/Shinto?oldid=52364X

Das Wort shintō shintō 神道 Shintō, Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe → mehr bedeutet wörtlich „Weg der Götter“ und wird land­läufig als Selbst­bezeichnung der ein­heimischen Religion Japans angegeben. Auf den ersten Blick scheint diese Definition un­prob­lematisch. Was einen ein wenig stutzig machen könnte, ist lediglich, dass „shintō“ offenbar ein Wort chinesischen Ur­sprungs ist und dass es sich keines­wegs um ein häufig ge­brauchtes Vokabel handelt. Wer ein modernes japanisches Text­ver­arbeitungs­programm benützt und die Silben „shin-tou“ eintippt, erhält als Kanji-Schreibung meist homophone Begriffe wie „shintō shintō 新党 Neue Partei (Homonym von Shinto), Neue Partei“ oder „shintō shintō 浸透 Osmose (Homonym von Shinto), Osmose“ vor­ge­schlagen, bevor die Zeichen 神 (Gott­heit) und 道 (Weg) erscheinen. Shintō im religiösen Sinn ist tatsächlich im Alltags­japanisch kaum ge­bräuchlich. Selbst hin­sichtlich der Aus­sprache (shintō oder shindō) sind sich moderne Japaner nicht immer sicher. Woher kommt diese erstaunliche Zurück­haltung gegenüber einem Wort, das mitunter als In­begriff des Japanischen schlechthin dargestellt wird?

 torii_geku.jpg

Shinmei Torii

Schreintor (Holz); Eingang des Äußeren Schreins von Ise (Gekū)
Bild © SBA73, flickr 2008. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Ein Beispiel für ein torii im einfachen, rustikalen shinmei-Stil.

Torii, Äußerer Schrein von Ise

Generelle Merkmale

Shintō wird in der gängigen Ein­füh­rungs­liter­atur gerne mit der japanischen Ur­religion gleich­gesetzt. Oft wird zu­gleich der Ein­druck ver­mittelt, es handle sich um eine besonders archaische Religion, die in Japan — im Gegen­satz zu anderen modernen Gesell­schaften — auf mirakulöse Weise in die Moderne hinüber ge­rettet worden wäre. Dies verleitet wiederum zu dem Trug­schluss, Shintō habe in vor­bud­dhis­tischer Zeit bereits genau so aus­gesehen wie heute. Bei näherer Be­trachtung stößt man aller­dings rasch auf Ein­wände gegen diese Konzeption und es stellt sich heraus, dass vieles, was uns heute als typisch shin­tō­is­tisch erscheint, eigentlich bud­dhis­tische Wurzeln hat. In anderen Fällen kann man daoistische Einflüsse vermuten.

Vokabel

Torii

Frei stehende symbolische Durchgänge (torii torii 鳥居 Torii, Schreintorsiehe auch Torii → Bauten/Schreine→ Bauten/Schreine/Shimenawa→ Bauten/Schreine/Schreinbilder→ Bauten/Tempel/Tempeltore → mehr ) bestehend aus zwei einfachen Pfosten und zwei Quer­balken sind das markanteste bauliche Merk­mal eines Shintō-Schreins. Sie sind heute vor allen Schreinen zu finden und eignen sich daher auch als Em­blem der Shintō-Religion all­gemein. Ob dies aller­dings schon in vor­bud­dhis­tischer Zeit so war oder ob torii vielleicht erst mit dem Bud­dhis­mus nach Japan kamen, ist fraglich. In früheren Zeiten muss es jedenfalls auch bud­dhis­tische Tempel ge­geben haben, die man durch torii betrat. Einer der ältesten bud­dhis­tischen Tempel Japans, der Shitennō-ji Shitennō-ji 四天王寺 Ältester staatlicher buddh. Tempel, gegr. 593 im heutigen Ōsakasiehe auch Torii → Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Symboltiere/Drei Affen→ Geschichte/Fruehzeit/Shotoku Taishi→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten in Osaka, zählt heute noch dazu. (Mehr dazu: Sidepage Torii.)

Kami

Schon vor Über­nahme des Bud­dhis­mus nannten die Japaner ihre Götter und Geister kami kami japanische Gottheitsiehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Schreine→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Omairi → mehr . Der Begriff kami hielt sich durch alle Phasen der japan­ischen Religions­geschichte, auch wenn sich damit die unter­schied­lichsten religiösen Phäno­mene be­zeich­nen lassen. Die Mythen sprechen häufig von yaoyorozu yaoyorozu 八百万 altjap. für „acht Millionen“ bzw. unendlich viele no kami, wtl. acht Millionen Götter, was aber genauso als Ausdruck einer un­vor­stell­bar großen Zahl auf­ge­fasst wird.

Laut einer klassischen Definition des Shintō-Gelehrten Motoori Norinaga Motoori Norinaga 本居宣長 1730–1801; Shintō-Gelehrter der „nationalen Schule“ (Kokugaku)siehe auch Kokugaku → Mythen/Goetter des Himmels→ Mythen/Jenseits→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Texte/Mythentexte → mehr wurde in alter Zeit alles, was in ir­gend einer Weise außer­ge­wöhn­lich war, kami genannt, un­ab­hängig davon, ob es sich um et­was Gutes oder Schlech­tes, Er­habe­nes oder Ab­sto­ßen­des han­del­te. Neben ein­drucks­vol­len Na­tur­er­schei­nun­gen wie Ber­gen, Bäu­men oder Flüs­sen konn­ten auch hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­kei­ten als kami be­zeich­net werden.1 (So ge­se­hen ist auch die Gött­lich­keit des ja­pa­ni­schen Tennō Tennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmelssiehe auch Goetter der Erde → Grundbegriffe/Weltbild→ Alltag/Opfergaben→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr nichts weiter Un­ge­wöhn­liches.)

Als allgemeines Cha­rakter­istikum des kami-Begriffs kann ihre zahlen­mäßige Un­begrenzt­heit, ihre Viel­gestaltigkeit und ihre ambi­valente Hal­tung gegenüber den Menschen fest­gehalten werden. Diese flexible, moralisch un­be­stimmte Auf­fass­ung von Gött­lich­keit hat sich in der japanischen Religion bis heute er­halten. So konnten und können selbst Gegen­stände als Gott­heiten an­ge­sehen und verehrt werden (in erster Linie Schwerter und Spiegel, aber auch un­be­deutende und all­tägliche Dinge). Zu­gleich werden auch aus­länd­ische Götter und der christliche Gott mit dem Begriff kami be­zeichnet. Da es im Japanischen keinen Plural gibt, ist es ohne Weiteres möglich mono­theistische und poly­theistische Vor­stellungen in einem Begriff zu vereinen. Der Begriff kami ist also sehr viel weiter als „Gott“ oder „Gottheit“, schließt diese Vor­stellungen aber mit ein.

Japanische Shintō-Schreine sind zumeist namentlich bekannten Gott­heiten geweiht, die teils den alten Mythen ent­stammen, oft aber auch durch den Bud­dhis­mus nach Japan kamen oder aus historischen, später ver­göttlichten Persön­lichkeiten ent­standen sind. Das be­kannteste Beispiel einer mythologischen Gott­heit ist Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechtssiehe auch Goetter des Himmels → Bauten/Ise Izumo→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Bauten/Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr mit dem Haupt­schrein in Ise Ise Jingū 伊勢神宮 kaiserlicher Ahnenschrein (wtl. Götterpalast) von Ise, Präfektur Miesiehe auch Schreinanlage Ise → Bauten/Ise Izumo→ Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Symboltiere→ Mythen/Symboltiere/Tauben → mehr . Die meisten der Sieben Glücksgötter ent­stammen dagegen dem Bud­dhis­mus oder leiten sich von anderen nicht-japanischen Vor­bildern her. Ein berühmtes Bei­spiel für die Ver­gött­lichung einer historischen Per­sön­lich­keit ist Tokugawa Ieyasu Tokugawa Ieyasu 徳川家康 1543–1616; 1. Tokugawa Shōgun; Reichseinigersiehe auch Reichseinigung → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko → mehr , der im bekannten Tōshō-gū Tōshō-gū 東照宮 Tōshō Schrein, Mausoleum des Tokugawa Ieyasu in Nikkō, Präf. Tochigisiehe auch Nikko → Bauten/Bekannte Schreine Schrein in Nikkō Nikkō 日光 Tempel-Schreinanlage im Norden der Kantō-Ebene, Präf. Tochigi; beherbergt u.a. den Tōshō-gū Schreinsiehe auch Nikko → Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Bauten/Bekannte Schreine→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr verehrt wird.

Dank seiner Viel­gestaltig­keit ist es also kaum möglich, den Begriff kami in das Korsett einer be­stimmten kon­fession­ellen Religion zu pressen. Und dennoch ist der kami Begiff vielleicht das einzige indigene religiöse Konzept, das sich einer voll­kommenen Ver­schmelz­ung mit dem Bud­dhis­mus ent­zogen hat. Selbst bud­dhis­tische Mönche akzep­tierten die kami stets als natur­gegebene Realität und ver­suchten lediglich, sie aus bud­dhis­tischer Sicht zu erklären. In den meisten religi­ösen Zentren, egal ob ur­sprüng­lich bud­dhis­tisch oder nicht, wurden und werden sowohl Buddhas als auch kami verehrt, es handelt sich also im Grunde um ge­mischt-religiöse „Tempel-Schrein An­lagen“. Trotz dieser räum­lichen Nähe blieb eine gewisse kul­tische Tren­nung aufrecht, d.h. bud­dhis­tische und ein­heim­ische Gott­heiten wurden mit jeweils eigenen Riten bedacht und oft auch von jeweils eigenen Priestern betreut.

Kegare

Shintō wird häufig als Religion ohne moralisch verbindliche Vor­schriften charakterisiert. Tat­säch­lich gibt es im Shintō nichts, was etwa den fünf Laien­geboten des Buddhismus, oder den Zehn Geboten der Juden und Christen entspricht. Es gibt jedoch ein Merk­mal, das sich durch alle doku­mentierten Phasen der kami Religion zieht und das auch heute noch prägend für viele Bereiche der japa­nischen Gesell­schaft ist, nämlich eine sehr ausgeprägte Vor­stellung von ritueller Rein­heit bzw. — negativ ausge­drückt — die Angst vor ritueller Verun­reini­gung (kegare kegare 穢れ rituelle Verunreinigung, Befleckung, Schandesiehe auch→ Alltag/Totenriten→ Mythen/Goetter des Himmels→ Geschichte/Staatsshinto/Yasukuni ). Eine solche Verun­reini­gung zieht den Un­willen der kami nach sich und ist daher die Ur­sache negativer Kon­se­quen­zen nicht nur für den einzel­nen, son­dern für die gesamte Gemein­schaft.

Der Tod und alles, was damit zu tun hat, wird als Haupt­quelle der Verun­reini­gung angesehen. Ein­heimi­sche kami sollen daher mög­lichst nicht mit Zeichen des Todes, ebenso wenig aber auch mit Blut und mit Krank­heiten kon­frontiert werden. Ein heute noch gängiger Nach­hall dieser alten Auf­fassung besteht im all­ge­meinen Brauch, auf den traditionellen Neujahrsbesuch bei einem Shintō-Schrein zu verzichten, wenn im ver­gange­nen Jahr ein Todes­fall in der Familie eingetreten ist.

Interessanterweise sind Shintō-Priester ganz besonders dazu angehalten, Tabu-Regeln zu befolgen und müssen sich daher vor der Ver­un­reinigung durch Krank­heit und Tod besonders in Acht nehmen. Diese Tabu­isierung des Todes kann jedoch meiner Meinung nach nicht von Anfang an Teil des kami-Glaubens gewesen sein. Sie kann erst in Kraft getreten sein, als andere Religionen sich für diesen religiös essenziellen Bereich zuständig fühlten. Tat­sächlich nimmt der japanische Bud­dhis­mus gerade auf dem Gebiet des Jenseitsglaubens und des Begräbniskults eine be­herr­schende Stellung ein. Das Todes­tabu des Shintō ist daher meiner Meinung nach das Produkt einer historischen Arbeits­teilung, nach der Buddhas ten­den­ziell für den Tod und das Jenseits, kami für das Leben und das Dies­seits zuständig sind.

Was die Vorstellung von kegare von anderen ethischen Ver­haltens­kodices, etwa der Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Opfergaben→ Ikonographie/Kannon → mehr -Lehre unter­scheidet, ist die Tat­sache, dass den kami kein moralisches Urteils­vermögen, sondern eher eine spontan-natur­gesetzliche Reaktions­weise, eine Art un­will­kürlicher Unmuts­äußerung unterstellt wird, die nicht lange nach den genauen Um­ständen und Ur­sachen fragt. Dabei spielt es nur eine sekundäre Rolle, ob die Verun­reinigung durch willentliche Über­tretung (Ver­letzung religiöser Tabus) oder unwillkürlich (Krank­heit, Tod, Menstruation, Geburt) herbei­geführt wurde. Üblicher­weise können zwar unwillkürliche Ver­letz­ungen des Rein­heits­gebots durch zeit­weilige Tabu-Bestimmungen oder durch bestimmte Reinigungs­zeremonien (misogi misogi Purifikation, Reinigungsritus, rituelle Waschungsiehe auch→ Alltag/Matsuri→ Alltag/Matsuri/Hadaka matsuri→ Mythen/Goetter des Himmels oder harae harae Purifikation, Weihezeremonie, Exorzismussiehe auch Schreinpriester → Bauten/Schreine/Shimenawa→ Alltag/Familie ) gesühnt werden, um die Gefahr einer gött­lichen Ver­geltung ab­zu­wehren. In Einzel­fällen genügt dies aber nicht und somit können auch un­ab­sicht­liche Tabu­über­tre­tungen als Ursache gött­licher Strafen erkannt und ent­spre­chend geahndet werden (z.B. durch Aus­schluss aus der Gemein­schaft).

Aus der Sicht einer westlich-aufkläre­rischen Perspektive wirken viele aus alter Zeit über­lieferten Tabu­regeln ungerecht. Im modernen Japan spielen sie denn auch meist nur noch eine unter­geord­nete Rolle. Wenn es aber um den Tod geht, hat man doch den Ein­druck, dass die gene­relle Scheu vor kegare nach wie vor einen wich­tigen Platz in der kultu­rellen Befind­lich­keit Japans ein­nimmt.

Trennung von Shintō und Buddhismus

Shintō und Buddhismus ergänzen sich also, sie stehen in einem arbeit­steiligen Ver­hält­nis zu­einander. Dieses Ver­hält­nis ist aber keines­wegs aus­gewogen. Über weite Strecken der japanischen Religions­geschichte scheinen die kami nicht für viel mehr als für religiöse Hilfs­dienste zuständig gewesen zu sein. Gleich­zeitig waren sie der allgemeinen Be­völk­erung näher als die Buddhas, ähnlich wie Polizisten der allgemeinen Be­völk­erung näher sind als Richter.

Shintō und Bud­dhis­mus lassen sich daher gar nicht so leicht als gleich­wertige Religionen gegen­über stellen. Nachdem sich der Bud­dhis­mus dank der massiven Förderung durch den antiken japanischen Staat als Quasi-Staats­religion durch­gesetzt hatte, musste der kami Glauben erst eine Reihe von Trans­formationen durchlaufen, bevor er allgemein als ver­gleich­bar und zugleich als gegen­sätzlich zum Bud­dhis­mus aufgefasst wurde. Erst in diesem Pro­zess beginnen sich die Um­risse von „Shintō“ als eigen­ständiger Religion langsam abzuzeichnen. (S. Sidepage Shintō und jindō.)

Die Wurzeln dieser Entwicklung reichen nicht weiter als ins japanische Mittel­alter zurück. Im dreizehnten Jahr­hundert ent­standen erste theologische Theorien, die die traditionelle Hierarchie von kami und Buddhas umkehrten, im fünfzehnten Jahr­hundert gaben sich solche Theologien die Selbst­bezeich­nung „Shintō“ (s. Shintō im Mittelalter). In der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyōsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit (1600–1867) gab es die ersten Be­stre­bun­gen, kami-Schreine gegen­über bud­dhis­tischen Tempeln auf­zu­werten und unter In­tel­lek­tu­ellen wurde es all­mählich üblich, „Shintō“ als generelle Be­zeichnung der ein­heimischen Religion zu verwenden. In den allgemeinen Wort­schatz ging dieser Begriff aber erst nach dem politischen Umbruch von 1868 ein, als man versuchte, Shintō als National­religion zu etablieren. Dieses Vorhaben, das von einer Welle anti-bud­dhis­tischer Aus­schreitungen begleitet war, markierte auch in rechtlicher Hinsicht einen deutlichen Ein­schnitt gegenüber den syn­kre­tis­tischen Glaubens­formen der Ver­gangen­heit: Bereits 1868 wurde ein Gesetz erlassen, das die allgemeine Praxis, Buddhas und kami am gleichen Ort zu verehren, verbot (Shinbutsu bunri rei shinbutsu bunri rei 神仏分離令 Verordnungen zur Trennung von kami-[Schreinen] und Buddha-[Tempeln] (ab 1868)). Viele bud­dhis­tische Tempel aber auch manche Shintō-Schreine mussten daher abgerissen werden, viele religiöse Traditionen wurden vollkommen ausgelöscht.

Diese Politik wurde im Zuge einer allgemein anti-bud­dhis­tischen Stimmung zunächst von breiten Teilen der Be­völkerung unterstützt, stieß allerdings in der Praxis auf erhebliche Wider­stände. Nach einer kurzen Phase der Be­geist­erung geriet die gewaltsame Trennung von Buddhas und kami daher ins Stocken und ist bis heute nur un­voll­ständig vollzogen: Noch heute gibt es neben jedem großen bud­dhis­tischen Tempel auch einen kleinen Schrein für den shintō­istischen Schutz­gott des Tempels und noch heute werden bud­dhis­tische Gestalten in Shintō-Schreinen verehrt.

Die Politik der Meiji Meiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benanntsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Alltag/Jahr→ Alltag/Matsuri→ Alltag/Familie → mehr -Zeit hatte aber dennoch zur Folge, dass Shintō in den Brenn­punkt religions­geschichtlicher Debatten rückte. Weite Kreise innerhalb der japanischen Forschung und der frühen westlichen Japanologie tendierten von nun an dazu, Shintō als japanische Ur­religion anzusehen, die allerdings lange Zeit hindurch vom Bud­dhis­mus „überlagert“ gewesen war. Erst in den letzten Jahren hat sich dieses Bild relativiert und man beginnt, in den Formen der Koexistenz von Buddhismus und kami-Glauben eine eigene Form der japanischen Religion zu erkennen, von der sich „Shintō“ erst nach und nach weg ent­wickelte. Eine eindeutige De­finition von „Shintō“ ist aller­dings auch von der neueren Forschung noch nicht entwickelt worden.

Shintō und Nationalismus

In den ersten Jahrzehnten nach der Meiji Restauration (1868) durchlief die japanische Religions­politik eine Art trial-and-error-Phase, in der der Shintō — oder besser gesagt die japanischen kami-Schreine — einmal mehr einmal weniger im Zentrum der politischen Auf­merk­samkeit standen. Institutionen, die als ideologisches Zentrum staatlich organisierter Schrein­kulte fungieren sollten, lösten sich in rascher Folge ab. Mit den ersten militärischen Erfolgen des modernen Japan (insbesondere nach dem Russo-Japanischen Krieg 1904–05) wurde Shintō stärker in den Dienst eines aggressiven National­ismus gestellt, der die Annexion und Kolo­niali­sierung umliegender asiatischer Länder recht­fertigen sollte. Der sich so ent­wickelnde Staats­shintō (kokka shintō kokka shintō 国家神道 Staatsshintō, staatliche Ideologie der Moderne vor dem 2. WKsiehe auch Staatsshinto ) kulminierte schließlich in der Zeit des sog. Ultra­nationalismus von den dreißiger Jahren bis zum Zweiten Welt­krieg. Mit der Niederlage Japans verlor dieser Staats­shintō sowohl seine rechtliche Basis als auch seine Glaub­würdigkeit, während der Begriff Shintō als Bezeichnung für die ein­heimische Religion nach wie vor in Ver­wendung blieb. Dies mag ein weiterer Grund für die eingangs erwähnte Tatsache sein, dass dem Begriff ein negativer Bei­geschmack anhaftet und viele Japaner ihn vermeiden. Das gilt natürlich nicht für die Ver­treter des Shintō selbst. Sie sind großteils bemüht, „Shintō“ von der Asso­ziation mit dem Staats­shintō rein zu waschen. Andererseits spielt die Ideologie des Staats­shintō in rechts­extremen Kreisen nach wie vor eine wichtige Rolle und auch die gemäßigt konservative Liberal Demo­kratische Partei (LDP), die seit dem Zweiten Weltkrieg fast ununterbrochen an der Regierung ist, kann sich nicht zu einer eindeutigen Ablehnung aller Reste des Staats­shintō durchringen. Das Thema Shintō spiegelt daher die Schwierig­keiten wider, die Japan als ganzes mit der Be­wältigung seiner nationalistischen Ver­gang­en­heit hat.

Im Westen ist der Begriff Shintō selbst zwar im All­gemeinen nicht mit dem Stigma des National­ismus behaftet (dafür ist der Begriff einfach zu fremd und exotisch), aber die wissen­schaft­liche Beschäftigung mit dem Thema hat nach dem 2. Welt­krieg doch spürbar nachgelassen. Shintō wurde zu einer Art Tabuthema. Erst in jüngerer Zeit gibt es wieder Ansätze, sowohl den Staatsshintō als auch die Ursachen seiner Ent­stehung historisch auf­zu­arbeiten und in Relation zur gesamten Religions­geschichte Japans zu stellen.

Kategorien von Shintō

Als sich Anfang der Meiji-Zeit herausstellte, dass sich die Idee von Shintō als Staats­religion nicht ohne weiteres durch­setzen ließ, rückte die Meiji-Regierung von der Vor­stellung ab, eine Staats­religion nach dem Muster europäisch-christlicher National­staaten zu installieren. Dennoch sollten die all­gemeinen Bürger­pflichten sowie der Respekt gegenüber Staat und Tennō mithilfe des Shintō gefördert werden. Shintō wurde aus diesem Grund offiziell nicht als „Religion“ sondern als „Zere­monial­system“ definiert, das auf die Verehrung des Tennō ausgerichtet war. Alle Shintō-Schreine hatten sich diesem Zweck unter­zu­ordnen. Es wurde jedoch anerkannt, dass es auch einzelne Shintō-Sekten gab, die „religöse“ Anliegen im Sinne einer trans­zendenten Heils­lehre ähnlich dem Buddhis­mus oder dem Christen­tum propa­gierten. Aus der Unter­scheidung dieser beiden Arten von Shintō entwickelten sich die Kategorien Schrein Shintō (jinja shintō jinja shintō 神社神道 Schreinshintō; im Ggs. zu „Sektenshintō“, ...siehe auch→ Geschichte/Staatsshinto ) und Sekten-Shintō (kyōha shintō kyōha shintō 教派神道 Sektenshinto; im Ggs. zu „Schreinshinto“, ...), womit im wesent­lichen Shintō-Richt­ungen gemeint waren, die zu dieser Zeit (19. Jh.) neu ent­standen waren und heute zu den Neuen Religionen gerechnet werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Religions­politik, die Shintō zwar nicht als Religion ansah, aber sehr wohl in den Dienst national­istischer Pro­paganda stellte, insgesamt als „Staats-Shintō“ (kokka shintō kokka shintō 国家神道 Staatsshintō, staatliche Ideologie der Moderne vor dem 2. WKsiehe auch Staatsshinto ) bezeichnet. Zugleich wurde „Schrein-Shintō“ sehr wohl als Religion angesehen und aus dem Staats­kult herausgelöst. Diese Tren­nung von Religion und Staat wurde nach einer ent­sprechenden Anweisung seitens der ameri­kanischen Besatzung sogar verfassungs­mäßig besiegelt. Was unklar blieb und bis heute bleibt, ist die Verbindung des Schrein-Shintō mit dem Tennō. Um hier eine Trenn­linie zu ziehen, wird gelegentlich der sog. „imperiale Shintō“ (kōshitsu shintō kōshitsu shintō 皇室神道 Imperialer Shinto, Shinto des kaiserlichen Hofes) als eigene Kategorie von Shintō definiert, um die traditionellen kami-Kulte des kaiser­lichen Hofes von sonstigen Schrein­riten zu unter­scheiden. Außerdem ist häufig von „Volks­shintō“ (minzoku shintō minzoku shintō 民俗神道 Volksshinto, Shinto als Volksreligion = lokales religiöses Brauch­tum) als weiterer Kategorie die Rede.

Versucht man, diese Kategorien klar und historisch konsistent von einander abzu­grenzen, stößt man auf unüber­windliche Schwierig­keiten. So lässt sich der „imperiale Shintō“ nicht klar vom „Schrein-Shintō“ trennen, da er selbst auf den Tradi­tionen einzelner Schreine beruht. Allerdings ordnen sich nicht alle Schreine dem Anspruch des Tennō unter, Ober­haupt der Shintō Religion zu sein. Noch schwieriger wird die Situation beim Begriff „Volks­shintō“: Sucht man in Japan außer­halb der etab­lierten Schrein­tradi­tionen nach volks­religiösem Brauchtum, findet man beispiels­weise Be­sessen­heits­kulte, in denen Heiler mit der Hilfe von Medien Geister aus dem Jen­seits sprechen lassen (Bsp. itako itako イタコ blinde Priesterin oder Shamanin; früher auch ichiko 市子siehe auch Itako → Alltag/Schreinpriester→ Alltag/Yamabushi→ Mythen/Geister ). Solche Kulte werden heute aber weder von offiziellen Shintō-Orga­nisa­tionen, noch vom Bud­dhis­mus anerkannt. Die Heiler selbst bedienen sich im übrigen sowohl bud­dhis­tischer als auch shin­tō­is­tischer Konzepte. Es gibt also tat­säch­lich starke volks­reli­giöse Traditionen in Japan, aber diese ent­ziehen sich der ein­deu­tigen Zu­ordnung zu Shintō oder Buddhismus. Um die Ver­wirrung perfekt zu machen, leben viele dieser Tradi­tionen, bei­spiels­weise Be­sessen­heits­kulte, im so­ge­nannten „Sekten-Shintō“ weiter fort, der seiner­seits zu den Neuen Religionen gezählt wird.

Die Versuche, Shintō in verschiedene Kategorien zu unterteilen und auf diese Weise schlüssig darzustellen, haben also bisher zu keinen be­friedigend­en Er­geb­nissen, sondern eher zurück in die ideo­logi­schen Fall­stricke des Staats­shintō geführt. Moderne Religions­historiker ziehen unter­schiedliche Kon­sequen­zen aus diesem konzep­tionellen Wirr­warr. Manche vermeiden den Begriff „Shintō“ überhaupt, zu­mindest wenn es sich um histo­rische Themen handelt. Nelly Naumann Naumann, Nelly 1922–2000; deutsche Japanologin und Mythenforscherinsiehe auch Mythentexte → Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Mythen/Goetter des Himmels , die sich als Expertin der japanischen Mythologie einen Namen gemacht hat, spricht bei­spiels­weise in ihrem Haupt­werk lediglich von der „ein­heimischen Religion Japans“. Ich selbst sympa­thisiere mit diesem An­satz und verwende am liebsten den Begriff kami-Glaube. Im Rahmen dieser Web­site wird der Begriff „Shintō“ jedoch der all­gemeinen Ver­ständ­lich­keit halber bisweilen auch dort ver­wendet, wo man ihn besser unter geistige An­führungs­striche setzen sollte.

Verweise

Fußnoten

  1. Motooris Zitat lautet in wörtlicher Übersetzung:
    In general, kami refers first to the manifold Kami of heaven and earth we see in the ancient classics, and to the spirits (mitama) in shrines conse­crated to the same. And it further refers to all other awe­inspi­ring things — people of course, but also birds, beasts, grass and trees, even the ocean and mountains — which possess super­lative power not normally found in this world. “Super­lative” here means not only super­lative in nobility, goodness, or virility, since things which are evil and weird as well, if they inspire unusual awe, are also called kami.
    (Motoori Norinaga, Kojikiden, Bd. 3. Zitiert nach Matsumura Kazuo,Concepts of Kami: Definitions and Typology (Encyclopedia of Shinto) [2011/10])

Links

  • Encyclopedia of Shintō, Inoue Nobutaka (Hg.)
    Englische Online Version des enzyklopädischen Wörterbuchs Shintō Jiten (1994). Ehr­geizigstes und viel­ver­sprech­endstes Web Projekt der Kokugakuin Daigaku.
  • Web Versions of IJCC Publications, Kokugakuin Daigaku
    Online Resources der gleichen Universität, vor allem einzelne Fachartikel in Englisch.
  • Jinja Honchō - The Association of Shintō Shrines (en., jap.)
    Offizielle Website der 1946 gegründeten Dachorganisation japanischer Schreine. Vertritt das oben beschriebene, traditionelle Shintō-Bild.
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010

Literatur

Die meisten Einführungen in die Geschichte des Shintō vertreten einen Ansatz, der mir aus den oben ge­schilderten Gründen problematisch erscheint, und können daher nicht wirklich empfohlen werden. Für den Einstieg empfehlenswert ist das kurz gefasste Buch:

Ian Reader 1998
Simple Guide to Shinto, Religion of Japan. Folkstone, England: Global Books 1998.

Für alle, die es genauer wissen wollen, empfiehlt sich die dreibändige Serie "Die einheimische Religion Japans" im Brill Verlag:

Nelly Naumann 1988
Die einheimische Religion Japans, Teil 1: Bis zum Ende der Heian Zeit. Leiden: Brill 1988.
Nelly Naumann 1994
Die einheimische Religion Japans, Teil 2: Synkretistische Lehren und religiöse Entwicklungen von der Kamakura- bis zum Beginn der Edo-Zeit. Leiden: Brill 1994.
Klaus Antoni 1998
Shintō und die Konzeption des japanischen Staatswesens (kokutai). Leiden: Brill 1998.

Spezifische Werke zur historischen Problematik des Begriffs "Shintō" (alle in Engl.):

John Breen und Mark Teeuwen (Hg.) 2000
Shinto in History: Ways of the Kami. London: Curzon 2000.
Inoue Nobutaka, e.a. (Hg.) 2003
Shinto: A Short History. New York: RoutledgeCurzon 2003. [Jap. Originalausgabe 1998; Übersetzung ins Engl.: Mark Teeuwen und John Breen.]
State of the Art der japanischen Shintō-Forschung in vier chronologisch gereihten Artikeln.
Kuroda Toshio 1981
Shinto in the History of Japanese Religion.“ Journal of Japanese Studies 7:1 (1981), S. 1–22. [Ü. J. Dobbins und S. Gay.]
Berühmter Artikel eines führenden japanischen Religionshistorikers, der zum Anstoß einer Neuorientierung in der westlichen Shintō-Forschung wurde.
Mark Teeuwen und Bernhard Scheid (Hg.) 2002
Tracing Shinto in the History of Kami Worship. Japanese Journal of Religious Studies 29/3-4 2002. [Sondernummer des JJRS.]
Bernhard Scheid 2012
Shinto shrines: Traditions and transformations.“ In: John Nelson, Inken Prohl (Hg.), Handbook of Contemporary Japanese Religions. Leiden: Brill 2012.

Ausführlich, aber für meinen Geschmack zu "essentialistisch":

Stuart Picken 1994
Essentials of Shinto: An Analytical Guide to Principal Teachings. Westport, UK: Greenwood 1994.

Nur für überzeugte Shintō-Anhänger empfehlenswert:

Ono Sokyo 1962
Shinto: The Kami Way. London: Tuttle 1962.
Yamakage Motohisa 2007
Essence of Shinto: Japans Spiritual Heart. Tokyo: Kodansha International 2007.
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