Shintō und jindō: Zum Begriffsinhalt des „Weges der Kami“

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Bernhard Scheid, „Shintō und jindō: Zum Begriffsinhalt des „Weges der Kami“.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 10.7.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Grundbegriffe:Shinto/Jindo?oldid=36819

Seit Kuroda Toshios Kuroda Toshio 黒田俊雄 Historiker und Religionswissenschaftler, 1923–1993siehe auch→ Weltbild→ Kamakura Kritik des Shinto Begriffs in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahr­hunderts wird dieser unter Religions­spezialisten vor­zugs­weise nur noch in An­führungs­zeichen gebraucht. Das drückt Vorsicht und einen Bedarf nach einer neuen Konzeption von Shinto aus, zumindest im akademischen Bereich. Versuche, tat­sächlich eine Neu­definition zu wagen, sind aller­dings spärlich. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung stellt die „jindō-These“ des Shinto-Spezialisten Mark Teeuwen dar. Teeuwen versucht dabei, die Ent­stehung des Begriffs Shinto shintō 神道 Shinto, Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch Shinto → Buddhismus→ Grundbegriffe→ Staatsshinto→ Geschichte → mehr historisch dort fest zu machen, wo er auch eine sprachliche Ver­schiebung, nämlich eine Änderung der Lesung von jindō zu shintō aus den Quellen her­aus­lesen zu können meint. Die Implikationen dieses Gedankens inklusive einiger Reaktionen seitens der Fach­welt und eigener Über­legungen sind das Thema dieses Arti­kels.1

Kurodas Shinto Kritik

shendao.jpg

Götterweg (shendao)

Schreinzugang. 20. Jh.; Taichung, Taiwan
Bild © Fcuk1203, Wikipedia(zh.), 2010. (Letzter Zugriff: 2014/7/10)

Zugangsweg zu den Resten des Qingshui Schreins (jap. Shimizu Jinja 清水神社), einem unter japanischer Kolonialherschaft in Taiwan errichteten Schrein. Auf Chinesisch kann auch ein solcher „Götterweg“ als shendao (jap. shintō) bezeichnet werden.

„Götter-Weg“ in Taiwan

Zunächst ganz kurz zu Kuroda: In seinem Artikel „Shinto in the history of Japanese religion“ aus dem Jahr 19812 fasst er vorher­gehende Unter­suchungen zum Begriff Shinto und seiner Verwendung (namentlich von Tsuda Sōkichi Tsuda Sōkichi 津田左右吉 Historiker und Religionswissenschaftler, 1873–1961) zusammen und zieht daraus den Schluss, dass es das Wort zwar tatsächlich schon seit dem Alter­tum gibt, dass es aber nicht die Be­deutung hatte, die man heute damit verknüpft, nämlich „japanische Religion“ oder gar „japanische Ur­religion“. Vielmehr sei der Aus­druck in erster Linie auf einzelne Gott­heiten bezogen und würde keine systematisierte eigenständige Religion bezeichnen. Auch sei er nicht oder nur mit Ein­schränk­ungen als Gegen­begriff zum Bud­dhis­mus zu sehen. Im Unterschied zu früheren Autoren3 leitet Kuroda aus dieser Erkenntnis eine fundamentale Kritik an eben jener Vor­stellung einer eigen­ständigen, auf die japanischen Kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Sandkiste→ Buddhismus Lehre→ Schreine→ Weltbild→ Ikonographie → mehr aus­gerichteten Religion namens Shinto ab: Eine solche hätte es in historischer Zeit erst gegeben, als sie im Zuge der Meiji Meiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benanntsiehe auch Geschichtsperioden → Shinto→ Jahr→ Matsuri→ Familie → mehr -Restauration und der gewaltsamen Trennung von Kami und Buddhas बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Tempel→ Ikonographie → mehr sozusagen von oben herab verordnet wurde.

Zugespitzt lässt sich Kurodas Shinto These so formulieren: Shinto ist, von einzelnen theologischen Spekulationen einmal abgesehen, eine Erfindung der Moderne. In den tausend Jahren davor waren Schrein­kulte in den japanischen Bud­dhis­mus eingebettet. Die gängige Darstellung einer un­unter­broche­nen shinto­isti­schen Tradi­tions­linie oder die Vorstel­lung von Shinto als unbe­wusstes Stratum, das der japanischen Kultur zugrunde liegt, sind nach Kuroda nichts anderes als Projektionen der Ideologie des Staats­shinto in die Ver­gangen­heit.4

Angefangen von Allan Grapard haben zahlreiche westliche Japanologen Kurodas Dekonstuktion des Shinto-Begriffs zum Aus­gangs­punkt eigener Studien gemacht. Für viele, einschließ­lich meiner selbst, ergibt sich jedoch früher oder später die Frage, wieso die Kami über­haupt in der kollektiven Erinne­rung Japans verblieben und wie es dazu kam, dass sie zum Objekt einer nicht-bud­dhis­tischen Religion wurden, wann auch immer diese entstand. Darüber hinaus gibt es im Feld des Shinto zumindest auf rituellem Gebiet offenbar doch einige erstaunlich alte und beständige Traditionen. Auch dieses beharr­liche Bei­behalten nicht-bud­dhis­tischer ritueller Gebräuche kann Kurodas Kritik nicht be­friedi­gend erklären. Doch viel­leicht sind es gerade diese un­geklärten Punkte, die Kurodas radikale Kritik zum Kataly­sator zahl­reicher neuerer Forschungen — etwa Forschungen zur Genese jener theo­logi­schen Spe­kula­tionen, die den moder­nen Shinto vorbe­reiteten, oder zur Koexistenz von Kami- und Buddha-Kulten (shinbutsu shūgō shinbutsu shūgō 神仏習合 Übereinstimmung von Kami und Buddhas; shinto-buddhistischer Synkretismus) — werden ließen.5 Trotz einer neuen thema­tischen Aus­rich­tung auf solche Fragen blieb es in der westlichen Forschung allerdings bislang bei Einzelstudien.

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Weg einer Gottheit

Querbildrolle. Meiji-Zeit; Schreinanlage von Ise

Anlässlich der periodischen Neuerrichtung der Schreinanlage von Ise, die alle 20 Jahre stattfindet, wird das Hauptheiligtum (go-shintai) des Schreins in einer nächtlichen Prozession zu seinem neuen Bestimmungsort gebracht. Das heilige Objekt ist durch Tücher verhüllt.

Weg einer Gottheit (Ise)

Teeuwens jindō-These

Eine der wenigen Arbeiten, die Kurodas Ansatz systematisch aufnimmt und erweitert, ist Mark Teeuwens Aufsatz „From jindō to Shinto: A concept takes shape“ aus dem Jahr 2002. Ähnlich Kuroda widmet sich Teeuwen vor­wiegend der Begriffs­geschichte von Shinto, allerdings bereichert um neues Material seitens der jüngeren japanischen Forschung und ein theore­tisches Instru­men­tarium, das vom deutschen Historiker Reinhart Koselleck (1923–2006) stammt. In seiner „Begriffs­geschichte“ des Shinto geht es Teeuwen darum:

…to lay bare the emergence of Shinto as a theological concept through an anal­ysis of the sem­an­tic develop­ment of the term 神道 (jindō, shintō, kami no michi) in histor­ical sources. 6

Mit Koselleck sieht Teeuwen einen ent­scheidenden Unter­schied zwischen bloßen „Worten“ und „Be­griffen“ (concepts in Teeuwens Übersetzung): Worte können klar definiert (bzw. auf konkrete Gegen­stände bezogen) werden, Begriffe lediglich inter­pretiert. Begriffe sind abstrakt und wandelbar, aber gerade deshalb auch geschichts­mächtig. Sie werden von ge­schicht­lichen Entwick­lungen beein­flusst, haben aber auch umgekehrt die Fähigkeit, Ent­wick­lungen zu beein­flussen.7

Auf der Grundlage dieser Unter­scheidung geht Teeuwen nun der Frage nach, wann „Shinto“ zu einem „Begriff“ wurde, der den abstrakten Rahmen für eine Reihe theo­logi­scher und schließ­lich auch poli­tischer Inter­pre­ta­tionen bildete. Als Quellen dienen ihm vor allem neuere japa­nische Arbeiten, die die Ver­wendung von shintō wesen­tlich genauer und um­fassen­der dokumen­tieren als die Arbeiten, die Kuroda zugrunde lagen.8 Aus diesem Material zieht Teeuwen einige Schlussfolgerungen, die geeignet sind, der Diskus­sion um den Begriff Shinto eine neue Wen­dung zu geben.

Von jindō zu Shinto

Bezüglich des japanischen Altertums stellt Teeuwen die These auf, dass shintō anfänglich ein bud­dhis­tischer Begriff war, der in einem bud­dhis­tischen Kontext ver­wendet und dort auf nicht-bud­dhis­tische lokale Gott­heiten, also Kami, angewandt wurde. Die be­rühm­ten vier Er­wähn­ungen von shintō im Nihon shoki Nihon shoki 日本書紀 Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)siehe auch Mythentexte → Sandkiste→ Opfergaben→ Schreine/Torii→ Ise Izumo → mehr (verfasst 720) schreibt er z.B. einem buddhis­tischen Mit­autor dieses Werkes zu.9 In Texten aus der frühen Heian-Zeit findet sich der Begriff dann nach­weislich in hohem Ausmaß bei bud­dhis­tischen Autoren, v.a. wenn es um die Bekeh­rung von Schrein­gott­heiten geht. Z.B. klagt die Gottheit des Tado Schreins, dass sie aufgrund karmischer Ver­strickung im Weg der Kami (shintō) wieder­geboren wurde.10 Für diese Klagen lassen sich im übrigen chine­sische Textvorlagen finden.11 Dies ist insofern bemer­kens­wert, als damit die Behauptung, die buddhistische Bekehrung ein­heimi­scher Götter sei eine spezi­fisch japani­sche Ent­wick­lung, in Zweifel gezogen wird. Der Bud­dhis­mus kam also offen­bar bereits mit einer be­stimm­ten shintō-Vor­stel­lung im Gepäck von China nach Japan und wandte diese dann auf die japa­nischen Kami an.

Das Konjaku monogatari Konjaku monogatari 今昔物語 „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontextsiehe auch Kamakura → Geister→ Tengu→ Geister/Kaidan→ Verwandlungskuenstler/Tanuki → mehr aus der späten Heian Zeit ist das früheste Werk, das eine furigana furigana 振り仮名 Lesehilfe für Kanji in Silbenschrift (kana)-Lesung unseres Aus­drucks enthält, nämlich jindō. Es handelt sich dabei um die go-on go-on 呉音 wtl. „Lesung [nach dem Chinesisch] der Wu [Dynastie]“; alte chin. Lesung; bes. häufig bei buddh. Begriffen Lesung der Zeichen kami 神 und michi 道, wie dies bei bud­dhis­tischen Texten zu erwarten ist. Es ist dies ein erster Beleg, aus dem Teeuwen die These ableitet, dass der zunächst bud­dhis­tische Fach­termi­nus für kami und michi im Alter­tum nicht shintō, sondern jindō gelesen wurden. Dies wäre nicht weiter von allzu großer Bedeu­tung, wenn nicht, wie Teeuwen meint, diese Aus­sprache, oder genauer der Wechsel der Aussprache von jindō zu shintō, mit dem Über­gang „vom Wort zum Begriff“ verbunden wäre.

Die wichtigste Textstelle, die diese Annahme belegt, ist ein Zitat aus einer Nihongi Nihongi 日本記 Kurzbez. f. → Nihon shoki-Exegese des bud­dhis­tischen Mönchs Ryōhen Ryōhen 良扁 buddh. Mönch des 15. Jh.s; Shinto-Theoretiker aus dem Jahr 1419:

On the term 神道: we do not read this jindō but shintō, without voic­ing, to indic­ate its straight­for­ward charac­ter (sugu naru gi). Straight­for­ward means that it is just as it is (ari no mama).12

Hier mahnt Ryōhen, dass das Wort eben shintō und nicht jindō aus­ge­sprochen werden soll. Die stimmlose Variante wird von Ryōhen als „klar“, „unverfälscht“, „direkt“ charakterisiert.

Aus diesem Zitat geht hervor, dass jindō zu dieser Zeit offenbar die gängige Lesung war, während Ryōhen eine neue, ungewohnte Lesung ins Spiel bringt. Der bewusste Versuch, den Begriff neu zu akzen­tuieren, geht Hand in Hand mit zahl­reichen Neu­inter­pretationen, die weiter unten noch genauer aufgezeigt werden. Daher unter­scheidet sich der Aus­druck jindō, laut Teeuwen, nicht nur in der Aus­sprache vom späteren Shinto, er ist überdies kein „Begriff“ im Koselleck‘schen Sinn. Jindō bezeichnet also konkrete, einzelne Kami-bezogene Praktiken und Vor­stel­lungen, nicht ihre abstrakte Gesamt­heit oder ein ihnen zugrunde liegendes System.

Zusammen­fassend charakterisiert Teeuwen den alter­tümlichen jindō als einen buddhis­tischen Termi­nus, der eher abwer­tend die ein­heimi­schen Götter, die ihnen zu­ge­dachten Kulte, oder den Bereich der Kami als eine Form der Wieder­geburt bezeichnete.13 Daher ist er auch in offiziellen Texten selten zu finden.

Dem buddhistischen jindō steht das Kompositum jingi jingi 神祇 wtl. Götter des Himmels und der Erde; Synonym von kami, wtl. „Götter des Himmels und der Erde“, gegenüber. Es besitzt eine ähnliche Be­deu­tung und ist natürlich ebenfalls dem Chinesi­schen ent­nommen, ent­springt aber einem offi­ziellen, „konfu­ziani­schen“ Diskurs. Diesen Ausdruck findet man im Altertum viel häufiger14 und er ist eindeutig positiv konnotiert. Noch im 20. Jahrhundert verwenden einige japanische Autoren als Alternative zu shintō die Bezeich­nung jingi-dō jingi-dō 神祇道 „Weg der Götter des Himmels und der Erde“; Synonym von Shinto. Für das Altertum besteht nach Teeuwen jedoch eine klare Trennung zwischen den diskursiven Sphären von jindō und jingi, auch wenn damit unter Um­ständen die gleichen Phäno­mene bezeichnet werden. Jindō ist also bud­dhis­tisch konnotiert, jingi höfisch.15

Der „Begriff Shinto“, der sich laut Teeuwen Hand in Hand mit dem Aus­sprache­wandel verbreitet, äußert sich konkret in folgen­den histori­schen Phäno­menen:

  • Shinto wird im vierzehnten und fünfzehnten Jahr­hundert vermehrt zum Gegen­stand theologischer und kosmo­logi­scher Speku­latio­nen, zu einem Schlüssel­begriff für der Welt zugrunde liegende Prinzi­pien, die dem Bud­dhis­mus vorausgehen.
  • Shinto taucht auf einmal in Werk­titeln und in den Selbst­bezeichnungen shintoistischer Schulen auf.16
  • Schließlich (und damit sind wir bereits beim Yoshida Shinto Yoshida Shintō 吉田神道 mittelalterl. Shinto-Richtung, begründet von → Yoshida Kanetomosiehe auch Shinto Mittelalter → Weltbild→ Neo-Konfuzianismus und den Shinto Schulen der Edo-Zeit) wird Shinto zu einem Gegen­begriff zum Bud­dhis­mus und zu einer Klammer für einen eigenen, nationalen „Weg“ (freilich ohne dass die theologi­schen Unter­schiede und Grenzen zu anderen „Wegen“ oder Religionen genau definiert wären).

Diese Ver­änderungen sind natürlich nicht allein auf die zitierte Text­stelle des Ryōhen zurück­zu­führen. Ryōhen war wohl auch nicht der erste, der für die „ungetrübte“ Aus­sprache shintō plädierte. Es mag ähnliche frühere Text­zitate geben, die uns bislang un­bekannt sind. Aber mit dieser Text­stelle gelingt Teeuwen ein faktischer Beleg für eine bewusst voll­zogene Ver­ände­rung im Diskurs über jindō/Shinto.

Die Aufwertung von jindō

Etliche Entwicklungen deuten den Begriffswandel bereits an und bereiten ihn vor. Teeuwen zählt dazu in erster Linie die Auf­wertung von jindō (bzw. der Kami allgemein) innerhalb der sog. honji suijaku honji suijaku 本地垂迹 wtl. Grundform und herabgelassene Spur; Theorie der Angleichung von Kami und Buddhassiehe auch Honji Suijaku → Bekannte Schreine/Nikko→ Shinto Mittelalter Konzeption. Also jener Auf­fassung, die die Kami als „sicht­bare Spuren“ der Buddhas versteht. In der späteren Phase der honji-suijaku Konzeption werden ins­beson­dere Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennōsiehe auch Goetter des Himmels → Sandkiste→ Shinto→ Ise Izumo→ Ise Izumo/Baustil Ise → mehr , aber auch andere Kami oder die Kami schlecht­hin, als prim­ordia­les Prinzip inter­pre­tiert und den Buddhas gleich oder gar höher gestellt, ohne dass dies eine Ab­wen­dung vom Bud­dhismus bedeu­tet hätte. Der Heian-zeitliche Gelehrte Ōe no Masafusa Ōe no Masafusa 大江正房 Gelehrter des 11. Jh.s; 1041–1111 ist ein wich­tiger Ver­treter und Ver­brei­ter dieser Auf­fassung,17 die sich aller­dings auf kei­nen ein­zel­nen Autor zurück­füh­ren lässt und in An­sät­zen bereits zu Beginn der Heian-Zeit existiert. Die meisten honji-suijaku Texte stammen im übrigen von bud­dhis­ti­schen Mönchen.

Eine weitere Inspiration, die zum Begriffswandel von jindō führt, geht von daois­ti­schen Quel­len aus, ins­beson­dere dem Yijing Yijing (chin.) 易経 „Buch/Leitfaden der Wandlungen“ (chin. Klassiker); jap. Ekikyōsiehe auch Yin und Yang → Sutra→ Yin und Yang/Kalender , mit dem be­rühm­ten „Shinto“- (oder ge­nauer shendao shendao (chin.) 神道 Göttl. Weg, Weg der Götter; chin. Aussprache von jap. shintō-)Zitat:

When we contemplate the shendao of heaven, we see how the four seasons pro­ceed without error. The sages have laid down their teach­ing in ac­cord­ance with this shendao, and all under heaven yield sub­mis­sion to them.18

Ausgehend von dieser Textstelle, in der der „Göttliche Weg“ (shendao) als Synonym des daois­ti­schen Weges auftritt, öffnet sich in Japan das Tor zu Spe­ku­la­tionen über den Weg der Kami und die kosmo­logi­schen Prinzi­pien des Daois­mus. Diese sind aber eben nicht Teil des frühen jindō Begriffs. Daher weist Teeuwen die ver­brei­tete Ansicht, das Nihon shoki hätte seinen Begriff dem Yijing ent­nom­men, auch zurück.19 Für die Entwicklung des mittelalterlichen Shinto-Konzepts spielt der Daoismus hin­ge­gen eine außer­or­dent­lich wich­tige Rolle.

Letztlich ergeben sich aus der Aufspaltung in jindō, jingi und Shinto mehrere Bereiche der „Kami-Religion“, die analytisch ge­trennt be­trach­tet werden müssen: Das jingi-System, also die höfi­schen Kulte für die Kami; lokale Schrein­kulte und Praxis­formen; und jindō als bud­dhis­tischer Diskurs über die Kami, aus dem schließ­lich der „Begriff Shinto“ entsteht. Erst nach­dem dieser Begriff Shinto ent­stan­den ist, kommt es unter der Ägide höfi­scher Pries­ter wie der Yoshida Urabe Yoshida Urabe 吉田卜部 höfische Priester Familie; genau genommen die Yoshida-Linie der Urabe Priesterdynastie zu einer Syn­these von Shinto und — wenn man so will — jingi-dō, also höfi­schem „Shinto“. Dies leitet die kon­zep­tio­nel­le Ab­spal­tung von Shinto und Bud­dhis­mus ein. Diese in die Praxis um­zu­setzen blieb aber in der Tat der Moderne vor­be­halten, wie schon Kuroda Toshio her­vor­ge­hoben hat.

Reaktionen

Die akademischen Mühlen mahlen langsam und Teeuwens Thesen sind erst nach und nach in Fach­kreisen wahr­genommen und diskutiert worden. Einen Anlass bot z.B. ein Shinto Symposium an der Columbia Universität 2007, bei dem Teeuwen seine jindō-These ein weiteres Mal präsen­tierte.20 Vor allem von den japanischen Zuhörern, unter denen prominente Wissen­schaftler wie Sueki Fumihiko oder Abe Yasurō vertreten waren, kamen lebhaft vor­getra­gene Einwände, die sich in erster Linie auf die Frage kon­zen­trierten, in wie weit die Aus­sprache jindō linguis­tisch haltbar sei. Dieser Aspekt wurde von Sueki auch in der bilingualen Mailing-Liste kuden-ML auf­ge­griffen, wo er einräumte, dass die Aus­sprache jindō durchaus plausibel sei. Die Unter­scheidung von shintō und jindō sei jedoch nur schwer in japani­scher Text­form aus­zu­drücken, da man sich ja in beiden Fällen der gleichen Kanji bediene. Aus diesem Grunde sei jindō als Terminus in der heu­tigen japani­schen Religions­wissen­schaft nicht wirklich praktikabel.21 Ein anderer Teilnehmer, Iyanaga Nobumi, äußerte sich in kuden-ML wesentlich zustimmender.

Dass Teeuwens These auch im Umfeld der Shinto-Universität Kokugakuin Daigaku wahr­genommen wird, lässt sich aus der Tatsache ent­nehmen, dass diese den Artikel im Rahmen ihres „Center of Excellence“ Programmes ins Japanische über­setzen ließ und die Über­setzung unentgeltlich im Internet anbietet.22

Zu einer breiteren inhaltlichen Auseinandersetzung hat sich bisher aber meines Wissens lediglich Kadoya Atsushi aufgerafft, der ebenfalls 2007 am Columbia Symposium teilnahm. In einem 2009 ver­öffent­lichten Artikel steuert er in erster Linie Material bei, das Teeuwens These weiter unterstützt. So weist er unter anderem auf den Autor Ikō Myōan hin, einen Sprach­gelehr­ten des 16. Jahr­hunderts, der ganz ähnlich wie Teeuwen’s Ryōhen ebenfalls auf der nicht-nigorierten Aussprache shintō anstelle von jindō besteht.23 Anfang des sieb­zehn­ten Jahr­hun­derts dürfte sich shintō jedenfalls durch­gesetzt haben, wie das japa­nisch-portu­giesi­sche Wörter­buch aus dem Jahr 1603 belegt, indem es ledig­lich die Lesun­gen shintō und kami no michi enthält. Dennoch gibt es bis Mitte der Edo-Zeit japa­nische Wörter­bücher, die nach wie vor die Lesung jindō enthalten.24

Ein weiterer Punkt, den Kadoya in die Diskussion einbringt, ist die im japani­schen Mittel­alter beliebte Gleich­setzung von 神 shin (kami) und 心 shin (kokoro), an der sich eine Reihe von Speku­latio­nen über die Identität von Geist/Seele und den Kami entspinnen. Kadoya meint, dass dieses theo­logi­sche Wortspiel einen weiteren Anreiz dar­gestellt haben könnte, die stimm­lose Aussprache shin, dem stimm­haften jin vorzuziehen.25 Alles in allem erfährt die jindō-These jedenfalls in Kadoyas Aufsatz durchaus eine Bestätigung.

Schließlich hat auch ein westlicher Autor, nämlich Michael Como (ebenfalls ein Teil­nehmer des Columbia Symposiums), Teeuwens These auf­ge­griffen, indem er sie ohne allzu große Um­schweife in den Titel seines Aufsatzes „Immigrant gods on the road to jindō“ (Como 2009) inte­grierte.

Schlussbemerkung

Ich selbst habe, wie unschwer zu erkennen sein wird, natürlich eben­falls große Sympathien für die jindō-These. In erster Linie eröffnet sie nämlich einen Be­griff, mit dem sich die seit Kuroda unsichere Haltung gegenüber „Shinto“ kon­zep­tionell meistern lässt. Un­abhängig, wann genau jindō durch shintō ersetzt wurde, kann jindō für uns heute zu einem Begriff (im Koselleck’schen Sinn) für „Shinto avant la lettre“ werden. Es wäre zudem ein Begriff, der auf „emischen“ Vor­stellungen beruht, also nicht allein auf einer wie immer gear­teten theo­reti­schen An­nahme beruht. Den­noch müssten wir uns be­wusst bleiben, dass unser jindō-Begriff nicht iden­tisch sein kann mit dem, was ehe­mals darunter ver­standen wurde, weil er für uns zwangs­läufig zu einem abstrakten Con­tainer einer nicht mehr unmit­telbar erfahr­baren Wirk­lich­keit wird. Wie auch immer die Quellen­lage aussieht, werden wir überdies wohl nie mit Sicher­heit behaup­ten können, dass es die Aus­sprache shintō vor dem Mittelalter nicht gegeben hat. Es sollte daher der linguis­tischen Dis­kussion keine über­triebene Bedeutung bei­ge­messen werden. Wichtiger scheint mir das Faktum, dass es einzelne mittel­alter­liche Autoren gibt, die bewusst eine bestimmte Aus­sprache (shiuntō) bevorzugen, um eine bestimmte Bedeutung zu unter­streichen. Indem sich diese Autoren von jindō abgrenzen, wird daraus für uns ein Begriff, der den eigentlichen Gegenstand dieser Abgrenzung, nämlich den bud­dhis­tischen Diskurs über die Kami im Altertum bezeichnet.

Persönliche Einwände gegen Teeuwens Thesen habe ich allenfalls hinsichtlich der Unter­scheidung von Wort und Begriff. Wie ich an anderer Stelle vorgeschlagen habe (Scheid 2009), scheinen mir die Begriffe „Primär­religion“ und „sekundäre Religion“, wie sie z.B. Jan Assmann verwendet, besser geeignet, um die Tragweite des Begriffswandels von Shinto (bzw. von jindō zu Shinto) im Verlauf des Mittelalters theore­tisch zu charak­teri­sieren.26 Dass es aber gerade im vier­zehnten und fünf­zehnten Jahrhundert zu einem Begriffs­wandel und damit einher­gehend zu einer neuen gesell­schaft­lichen Bedeutung von „Shinto“ kam, steht auch für mich fest. Sollten sich keine gravie­renden linguis­tischen Ein­wände gegen jindō ergeben, benö­tigen wir von nun an keine müh­seligen Um­schrei­bungen oder An­führungs­zeichen mehr, wenn wir diesen Wandel beschreiben, sondern können uns der Begriffe shintō, jindō und jingi bedienen, um die verschie­denen Aspekte und Phasen der Kami-Verehrung zu umreißen.

Wir könnten somit die Geschichte des Shinto in eine Phase der vor­bud­dhis­tischen Religionen, eine jindō/jingi-dō Phase und eine shintō Phase unterteilen. Ironischer­weise sind in diesem Fall natürlich westliche Autoren im Vorteil, weil sich der Unter­schied nicht nur in der Aus­sprache, sondern auch im Schrift­bild ausdrückt. Wie auch Kadoya anmerkt, mag dies ein Grund dafür sein, warum die Aus­sprache des Wegs der Götter aus­gerech­net von einem west­lichen Autor mit beson­derer Auf­merk­samkeit bedacht wurde.

Anmerkungen

  1. Dieser Artikel ist aus einem Manuskript für einen Vortrag entstanden, den ich bei einem Workshop des Arbeits­kreises Japanische Religionen zum Thema „Her­aus­bildung religiöser Begriff­lich­keiten in Japan“ hielt. (Universität Tübingen, Seminar für Japanologie, 7. Mai 2010.)
  2. Der Artikel (Kuroda 1981) wurde von James Dobbins und Suzanne Gay auf der Grund­lage eines japanischen Manuskripts übersetzt, das erst zwei Jahre später auf Japanisch, als Kapitel von Kurodas Ōbō to Buppō 王法と仏法 (Kuroda 1983: 52–78), veröffentlicht wurde.
  3. Kritik am Shinto Begriff ist auch schon vor Kuroda laut geworden, selbst in der Ära des Staatsshinto. So schrieb etwa Oka Masao 岡正雄 in seiner 1933 auf Deutsch verfassten Dissertation Die Kultur­schichten Alt-Japans, folgende bemerkenswerte Feststellung:
    Schon der primitive Shintō, welcher gewöhnlich als eigentliche Religion Japans bezeichnet wird, war sicherlich nicht einheitlich, eher kann er als unsystematische Ver­schmelz­ung aller um Christi Geburt in Japan vor­handenen und ein­geführten Religionen an­gesprochen werden. Es geht daher nicht an, den Shintō als eine selbst­ständige Religion zu behandeln (Oka 1933: 323).
    Ähnlich äußert sich Nelly Naumann in ihren „Bemerkungen zum sogenannten Ur-Shinto“ (Naumann 1970).
  4. Kuroda 1981: 1–3 und 19–21.
  5. Zur Kuroda Rezeption s. u.a. James Dobbins 1996: The Legacy of Kuroda Toshio. Sammelbände mit westlichen Beiträgen zur von Kuroda Toshio auf­geworfenen Shinto-Problematik sind vor allem der Initiative Mark Teeuwens zu verdanken. Vgl. Breen und Teeuwen 2000: Shinto in History: Ways of the Kami; Teeuwen und Scheid 2002, Tracing Shinto in the History of Kami Worship; Teeuwen und Rambelli 2003: Kami and Buddhas: Honji suijaku as a Combinatory Paradigm; Scheid und Teeuwen 2006: The Concept of Secrecy in Japanese Religion; oder Faure, Como und Iyanaga 2009: Rethinking Medieval Shintō.
  6. Teeuwen 2002: 234.
  7. Teeuwen beruft sich hier auf Koselleck 1979.
  8. Im besonderen Studien von Murei Hitoshi (Murei 2000), Mitsuhashi Takeshi (Mitsuhashi 1996) und Yoshida Kazuhiko (Yoshida 1996).
  9. Teeuwen 2002: 238-240.
  10. Teeuwen 2002: 241.
  11. Im speziellen die Mönchs­biographien Gaosengzhuan 高僧伝 und Xu Gaosengzhuan 続高僧伝 aus dem sechsten Jahr­hundert. Teeuwen stützt sich hierbei auf Yoshida Kazuhiko 1996.
  12. Nihon shoki kan daiichi kikigaki 日本書紀巻第一聞書, nach Mitsuhashi 1996: 110–111; Ü.: Teeuwen 2002: 242.
  13. Teeuwen 2002: 247.
  14. Z.B. in den Bezeichnungen jingi-kan für das höfische „Götteramt“ oder jingi-ryō für die Gesetze, die dieses Amt und die höfi­schen Schrein­ange­legen­heiten regeln.
  15. Teeuwen 2002: 243. In diesem Punkt unterscheidet sich Teeuwen’s Auffassung von den erwähnten „Bemer­kun­gen“ Nelly Naumann’s, die shintō in eben jenem Sinn versteht, den Teeuwen dem Kompositum jingi zuschreibt (Naumann 1970: 13).
  16. Teeuwen 2002: 255.
  17. Teeuwen 2002: 245–246.
  18. Teeuwen 2002: 254.
  19. Teeuwen 2002: 257.
  20. Das Symposium on Medieval Shintō unter der Ägide von Bernard Faure fand von 26.–29. April 2007 am Center for Japanese Religion der Columbia University in New York statt. Ein Band mit Bei­trägen des Symposiums ist 2009 erschienen (Faure/Como/Iyanaga 2009). Viele Teil­nehmer waren bereits drei Jahre zuvor bei einer ähnlichen Ver­anstaltung in Wien (The Culture of Secrecy in Japanese Religion) zu­sammen­getroffen und stehen durch die aus dieser Ver­anstaltung her­vor­gegangene Mailing Liste kuden-ML in fachlicher Verbindung.
  21. Beitrag zur kuden-ML vom 11.5. 2007, Betreff: „jindo“.
  22. Articles in Translation“ (Kokugakuin Daigaku online).
  23. Kadoya 2009: 38-39.
  24. Kadoya 2009: 37.
  25. Kadoya 2009: 42.
  26. S. z.B. Assmann 1999, Das kulturelle Gedächtnis.
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