Stereotype Ansichten zu Religion in Japan
Das Thema japanische Religion ist unter anderem deshalb wichtig, weil es immer wieder herangezogen wird, um die gesamte japanische Gesellschaft zu erklären. Daraus haben sich in der Allgemeinheit einige stereotype Ansichten über Japan und seine Religionen gebildet, die oft allzu einfachen Erklärungsmustern folgen. Im folgenden sind drei stereotype Erklärungen aufgelistet und besprochen, die einem am häufigsten begegnen (und teilweise auch in Japan selbst vertreten werden), die aber schon aufgrund ihres einander jeweils ausschließenden Charakters fragwürdig erscheinen.
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Stereotype
Zen
- „Japanischer Buddhismus ist Zen. Zen war die Religion der Samurai und hat damit die gesamte japanische Kultur geprägt. Wer die japanische Kultur verstehen will, muss Zen verstehen, wer Zen nicht versteht, kennt Japan nicht. Zen ist durch Meditation erworbene Selbsterkenntnis und Selbstdisziplin. Zen ist gleichbedeutend mit dem Weg der Krieger (bushidō). Zen ist gleichbedeutend mit Teezeremonie, Ikebana und den japanischen Kampfsportarten (budō), erklärt aber auch die japanische Arbeitsdisziplin und damit die japanische Wirtschaftskompetenz.“
Shinto
- „Japanische Religion ist Shinto, der Weg der Götter. Shinto ist die Wurzel der japanischen Kultur. Wer die japanische Kultur verstehen will, muss Shinto verstehen, wer Shinto nicht versteht, kennt Japan nicht. Shinto ist in seiner Essenz seit Urzeiten gleich geblieben. Shinto bewahrt die Urverbundenheit mit der Natur. Wenn im heutigen Japan nicht immer Harmonie zwischen Mensch und Natur herrscht, so deshalb, weil sich die verwestlichte japanische Gesellschaft nicht oder nur ungenügend ihrer shintoistischen Wurzeln besinnt.“
Konfuzianismus
- „Die japanische Gesellschaft ist vom Konfuzianismus geprägt. Der Konfuzianismus war die Staatsideologie der Tokugawa-Zeit und bestimmte damit das feudale Rechtssystem, das in Japan heute noch fortwirkt. Konfuzianismus lehrt Disziplin und Gehorsamkeit. Das Hierarchiedenken, die Arbeitsmoral und der schwach entwickelte Individualismus der Japaner sind dem Konfuzianismus zuzuschreiben.“
Zum Stereotyp „Zen“
Awa Kenzō, Eugen Herrigels Bogenschießmeister
- Bildquelle: Oslo Kyūdō Kyōkai. (Letzter Zugriff: 2006/2)
Zen (Zen 禅 — chin. Chan, wtl. Meditation; Zen Buddhismus …mehr ⇒) ist unter dem Namen Chan (Chan 禅 (chin.) — jap. Zen, wtl. Meditation; chin. Bez. des Zen Buddhismus …mehr ⇒) („Meditation“) in China entstanden, breitete sich ab dem dreizehnten Jahrhundert in Japan aus und wurde bald zu einer der offiziell anerkannten Richtungen (shūha (shūha 宗派 — rel. Schule oder Sekte, Glaubensgemeinschaft …mehr ⇒)) des japanischen Buddhismus. Zen-Mönche waren vor allem im vierzehten, fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert an zahlreichen kulturellen Innovationen beteiligt. Dazu gehören Tee-Zeremonie, Architektur und Gartenarchitektur (s. dazu auch Zen im Kapitel „Geschichte“). Bis hierher stimmt das allgemeine Stereotyp.
Die Einschränkung
Ihre kulturelle Bedeutung verdanken die Zen-Mönche ihrer engen Zusammenarbeit mit den Shogunen (Militärmachthabern) des japanischen Mittelalters. Chinesische Zen (bzw. Chan) Mönche, die zum Teil in China selbst verfolgt wurden, fanden in Japan Exil und brachten diverse kulturelle Neuerungen mit, u.a. das Teetrinken. Tee war aber außerhalb der Klöster weniger wegen seiner meditativen Wirkung begehrt, sondern weil er Sammlern des damals unglaublich wertvollen chinesischen Teegeschirrs die Möglichkeit bot, ihre Schätze zu zeigen. Aus dieser Sammelleidenschaft entwickelte sich die japanische Tee-Zeremonie, in der das rituelle Bewundern der (mittlerweile japanisierten) Tee-Utensilien bis heute einen wichtigen Bestandteil darstellt.
Zen Mönche entwickelten sich in der Muromachi (Muromachi 鎌倉 — Stadtteil in Kyoto; Sitz des Ashikaga Shogunats; 1333–1573 (= Muromachi-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit (1333–1573) immer mehr zu Experten chinesischer Bildung. Sie lehrten den Shogun und seinen Hof weniger Buddhismus und Meditation, sondern konfuzianische Klassiker und chinesische Lyrik. Ihr Einfluss erstreckte sich jedoch nur auf eine kleine Elite. Die Meditation, der Zen seinen Namen verdankt, wurde vor allem im Sōtō (Sōtō-shū 曹洞宗 — Schule des → Zen-Buddhismus …mehr ⇒) Zen hochgehalten. Diese Richtung stellte zunächst nur eine marginalisierte Sekte dar, die hauptsächlich in den Provinzen aktiv war und sich erst in späterer Zeit zur stärksten Zen Gruppierung entwickelte.
Insgesamt gehörte die Mehrheit der Samurai der Jōdo-shū (Jōdo-shū 浄土宗 — Schule des → Amida-Buddhismus …mehr ⇒), der Schule vom Reinen Land, an. Auch heute wird Zen in Japan vom Buddhismus des Reinen Landes zahlenmäßig überflügelt. Zen ist also nicht die stärkste Richtung des japanischen Buddhismus. Aber auch jene Japaner, die dem Zen Buddhismus angehören, praktizieren nur selten die Versenkung in paradoxe Rätsel (kōan (kōan 公案 — Koan, paradoxes Zen-Rätsel …mehr ⇒)) oder die strenge Meditation, für die Zen im Westen bekannt ist. Ebenso wie andere japanische Buddhisten suchen sie ihren Tempel vor allem deshalb regelmäßig auf, weil er ihre Familiengräber betreut. Wie andere Richtungen des modernen japanischen Buddhismus, tritt auch der Zen in Japan in erster Linie als religiöser Dienstleister im Bereich des Begräbniskults in Erscheinung.
Die Einschränkung der Einschränkung
Meditation und Irritation sind Praktiken und Taktiken, auf die man nicht nur im Zen, sondern allgemein im japanischen Buddhismus immer wieder stößt. Insofern kann die Beschäftigung mit Zen durchaus zu einem Verständnis japanischer Religiosität beitragen.
Zu den Kampfsportarten
Obwohl das bekannte Shaolin Kloster in China ein Chan-Tempel ist, hat sich die Tradition des Kampfsports nicht generell im Chan/Zen durchgesetzt. Japanische Kampfsportarten sind in der Regel nicht in Zen-Klöstern entstanden und haben im übrigen in ihrer heutigen Form eine viel jüngere Tradition als allgemein angenommen. Ihre strengen Verhaltensvorschriften kann man, wenn man will, als Ausdruck einer allgemeinen Vorliebe für Rituale in Japan ansehen.
Zu Zen und Wirtschaft
Ein westlicher Manager nimmt wahrscheinlich eher eine Zen-Schulung in Anspruch als ein japanischer. Aber das ist nur eine Vermutung.
Zum Stereotyp „Shinto“
Gingko-Baum mit Götterseil
- Tsurugaoka Hachiman Schrein, Kamakura
Der über 700 Jahre alte Baum fiel im März 2010 leider einem Taifun zum Opfer.
Vermählte Felsen (Meoto iwa)
- Landschaftsstudie (SW Fotografie) von Rolfe Horn. 2001; Okitama Schrein, Bucht von Ise, Mie-ken.
Bild © Rolfe Horn. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Berühmtestes, wenn auch nicht einziges Beispiel von markanten Felsformationen, die durch shimenawa verbunden sind.
Dass der moderne Shinto nur in Zusammenhang mit der Entwicklung des Buddhismus in Japan zu verstehen ist, wurde bereits in der Einführung zum Thema Shinto erwähnt, und ist eines der Kernthemen dieser Website. Zum Thema Natur soviel: Naturphänomene werden im Rahmen des Shinto in der Tat vergöttlicht und verehrt. Jeder Japanbesucher stößt früher oder später auf eindrucksvolle Baumriesen oder Felsen, die durch ein Götter-Seil (shimenawa (shimenawa 注連縄 — Shintoistisches „Götter-Seil“ …mehr ⇒)) als numinose Erscheinungen gekennzeichnet sind. Im Shinto ist es tatsächlich Tabu, Bäume zu fällen — allerdings nur innerhalb des Schreinareals.
Die Einschränkung
In Japan entwickelt man, so meine Behauptung, vor allem zu vereinzelten Gegenständen oder Orten in der Natur eine besondere religiöse Beziehung. Diese Tradition findet sich schon in der ältesten japanischen Dichtung. Die Natur als Ganzes ist dagegen angstbesetzt. Berge wurden und werden als Ort der Geister und Verstorbenen, als diesseitiger Bereich des Jenseits angesehen, manchmal auch als Eingang zur Hölle. Wer sich in die Berge begibt, muss daher von vorn herein mit religiöser Macht ausgestattet sein. Gleichzeitig verleiht der Aufenthalt in der freien Natur religiöse Macht (ein weltweites Phänomen), daher die Tradition der Bergasketen und Pilgerschaften zu heiligen Bergen, die jedoch nicht spezifisch shintoistisch sind. Der in Mitteleuropa verbreitete Naturgenuss in Form von Wandern hat sich zwar auch im modernen Japan durchgesetzt, ist im Vergleich zu den Alpen aber noch relativ unterentwickelt. Es ist deshalb auch gar nicht leicht, auf eigene Faust einen x-beliebigen Berg zu bewandern: Man findet meist gar keinen Weg. Nur wo Schreine oder Tempel bereits eine kulturelle Bresche in die Natur geschlagen haben, sind Wege und Besucher zu erwarten. Wird die prinzipiell unheimliche Natur mit kulturellen Mitteln gezähmt und ausgebeutet, bestehen dagegen keine traditionellen religiösen Bedenken (wie etwa in australischen oder indianischen Religionen). Der ambivalente Status Japans in globalen Umweltfragen ist ein weiteres Argument gegen ein besonderes, religiös motiviertes Ökologiebewusstsein, wie es manche Verfechter des Shinto für Japan in Anspruch nehmen.
Einschränkung der Einschränkung
Weder im Shinto noch im Buddhismus gibt es ein „Macht euch die Erde Untertan.“
Zum Stereotyp „Konfuzianismus“
Da es kaum konfuzianische Tempel und keine konfuzianischen Priester gibt, scheint der Konfuzianismus im heutigen Japan so gut wie gar keine Rolle zu spielen. Tatsächlich ist es jedoch richtig, dass der vormoderne japanische Staat und seine Gesetzessprechung von konfuzianischen Prinzipien geprägt waren. Darüber hinaus hat Japan schon vor der Übernahme des Buddhismus zahlreiche religiöse Formen und Inhalte aus China importiert. Vieles davon wird manchmal als „konfuzianisch“, manchmal als „daoistisch“ bezeichnet, obwohl beide Zuordnungen streng genommen problematisch sind. Beispielsweise im Fall der Yin Yang Lehre: In China setzen sowohl Konfuzianismus als auch Daoismus die Yin Yang Lehre selbstverständlich voraus. In Japan wiederum wird sie sowohl von Buddhisten als auch von Shintoisten befolgt und als integraler Bestandteil ihrer Religion aufgefasst.
Konfuzianismus im engeren Sinne ist weniger eine Religion als eine Lehre der sozialen Ethik, die v.a. das Verhältnis zwischen Herrscher und Untertan und die Hierarchie in der Familie betrifft. Das Ideal der kindlichen Pietät ist das in Japan am weitesten verbreitete Gebot des Konfuzianismus — es wurde allerdings hauptsächlich durch den Buddhismus vertreten. Im achzehnten und neunzehnten Jahrhundert gehörte die Lektüre konfuzianischer Klassiker zum Bildungsgut der japanischen Oberschicht und übte einen Einfluss aus, der vielleicht mit dem Griechisch- und Lateinunterricht in Europa zu vergleichen ist. Dass das japanische Verhalten in Gruppen und der Umgang mit Hierarchien allein aus dem Konfuzianismus erklärbar ist, scheint mir dennoch unwahrscheinlich.
Was Disziplin und Anpassungsdruck in der japanischen Gesellschaft betrifft, so sind diese vielleicht nur auf andere Bereiche verteilt, als man es im Westen gewohnt ist. Wer länger in Japan lebt, wird immer wieder überrascht, dass Leute spontan aus sich herausgehen, wo man es am wenigsten erwarten würde. So gibt es gerade auf dem Gebiet der Religion zahlreiche Anlässe, wo unkonventionelle Verhaltensmuster erlaubt oder sogar gefordert sind. (Siehe dazu beispielsweise Kap. „Religion und Alltag“, Feste).
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