Einleitung: Die religiöse Ikonographie Japans

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Die japanische Ikonographie ist stark vom Buddhismus geprägt, daher sind die höchsten bud­dhis­tischen Wesen, Buddhas (बुद्धskt. Buddha (m.) „Der Erleuchtete“, mehr dazu) und Bodhisattvas (बोधिसत्त्वskt. Bodhisattva (m.) „Erleuchtetes Wesen“, mehr dazu), auch am häufigsten ab­ge­bildet. Doch die Buddhas lassen auch Gott­heiten anderer Religionen zu: Zusammen mit den einheimischen japanischen Göttern (kami (kami = japanische Gottheitmehr dazu)) und im­por­tier­ten Gottheiten aus Indien, China und Korea formen sie ein Pantheon, in dem die Grenzen zwischen den einzelnen Kon­fes­sionen und Religionen verschwinden. In diesem Kapitel werden die wichtigsten, am häufigsten anzutref­fenden Gestalten dieses japanischen Pantheons vorgestellt und ihre ikonographischen Erken­nungs­merk­male kurz beschrieben. Es handelt sich aller­dings nur um einen kleinen Aus­schnitt dessen, was man an Figuren und Themen in der Religion Japans vorfindet.

Zunächst soll es einmal darum gehen, in der ver­wir­renden Viel­falt buddhis­tischer Figuren eine Art Orien­tierung zu finden. In der japanischen Kunst­ge­schichte gibt es zu diesem Zweck vier hierarchisch angeordnete Kategorien:

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Nyorai oder Buddha­-Gruppe

Nyorai (Nyorai 如来 = Buddha-Titel) ist ein Ehrentitel eines Buddhas, die Überset­zung von skt. Tathagata (तथागतskt. Tathāgata (m.) Ehrentitel eines Buddhas, ). Buddhas sind streng genommen keine Götter, werden aber ähnlich wie Götter dar­ge­stellt. Trotz der ver­schie­denen Namen sind die meisten Buddhas äußerlich (und wohl auch inner­lich) beinahe iden­tisch. In den bud­dhis­tischen Schriften werden ihnen 32 Merkmale zu­ge­spro­chen, durch die sie sich von ge­wöhn­lichen Sterblichen unter­scheiden. In den bildlichen Dar­stel­lungen sind davon meist nur einige zu sehen, z.B. der Schädel­aus­wuchs (Sitz beson­derer spiritueller Fähigkeiten); das Stirn­mal (eigentlich eine weiße leuchtende Haar­locke zwischen den Augen­brauen, meist als kleine Erhebung dargestellt); oder die lang gedehnten Ohr­läppchen. Abgesehen davon weisen die meisten Buddhas folgende Gemein­sam­keiten auf: einfaches Mönchs­gewand, entspannte Körper­haltung, entspannte Ge­sichts­züge, kein (oder kaum ein) Schmuck. Buddhas sitzen häufig im Meditations- oder Lotos-Sitz, es gibt aber auch stehende Buddha-Statuen, die dann meistens von zwei Bodhisattvas flan­kiert sind. Die Dar­stel­lung des Körpers ist im allgemeinen schlicht und realis­tisch. Nur wenige Buddhas besit­zen individuelle Merkmale. Daher lassen sie sich oft nur durch unter­schied­liche Handzeichen (mudra (मुद्राskt. mudrā (f.) „Siegel“, Gebetsgeste, mehr dazu)) unter­scheiden. In diesem Kapitel wird auf die Buddhas Amida (Amida 阿弥陀 = Buddha Amitabhamehr dazu), Dainichi (Dainichi 大日 = Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“mehr dazu) und Shaka (Shaka 釈迦 = Buddha Shakyamunimehr dazu) genauer eingegan­gen. Beson­ders im Alter­tum war neben diesen auch Yakushi Nyorai (Yakushi Nyorai 薬師如来 = Buddha der Medizin; skt. Bhaisajyaguru), der „heilende Buddha“ oder „Buddha der Medizin“ von großer Bedeutung.

Bosatsu oder Bodhisattva­-Gruppe

Das Wort Bosatsu (Bosatsu 菩薩 = Bodhisattva, buddhistische Heilsgestalt) geht auf den Sanskritbegriff Bodhisattva (बोधिसत्त्वskt. Bodhisattva (m.) „Erleuchtetes Wesen“, mehr dazu) zurück und bedeutet „Erleuchteter“. Bodhisattvas sind eine Schöp­fung des Mahayana (महायानskt. Mahāyāna (n.) „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung, mehr dazu) Buddhismus und verkör­pern nach dieser Lehre die unmittel­bare Vorstufe zur Existenz als Buddha. Funktionell sind sie in vieler Hinsicht mit christlichen Heiligen zu vergleichen. Mit ihrer Hilfe versuchte der Mahayana Buddhismus — im Gegen­satz zu dem auf das Mönchs­wesen fokus­sierten Theravada (थेरवाद Theravāda (m.) „Schule der Ordensälteren“, buddhistische Richtung (hier in Pali angegeben; skt: Sthaviravada), mehr dazu) — den Weg zur Bud­dha­wer­dung auch für die buddhis­tischen Laien gangbar und attraktiv erscheinen zu lassen.

Bodhisattvas sind zwar vollkommen erleuchtet aber noch nicht ins Nirvana (निर्वाणskt. Nirvāṇa (n.) „Auslöschung“, Ort der Erlösung von allem Leid, mehr dazu) ein­ge­gan­gen und stehen somit gleichsam mit einem Bein im Dies­seits. Sie sind leichter zugänglich als die welt­ab­ge­wandten Buddhas. Voll von mildem Ver­ständ­nis für menschliche Schwächen sind sie jeder­zeit bereit, den Gläubigen bei der Überwin­dung schlechten Karma (कर्मskt. Karma (n.) „Tat“, konse­quente Folge, mehr dazu)s zur Seite zu stehen.

Zu den bekanntesten japanischen Bodhisattvas zählen Kannon Bosatsu (Kannon Bosatsu 観音菩薩 = Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“mehr dazu), Jizō Bosatsu (Jizō Bosatsu 地蔵菩薩 = Bodhisattva (Bosatsu); skr. Kshitigarbha, „Speicher oder Mutterleib der Erde“mehr dazu), Seishi Bosatsu (Seishi Bosatsu 勢至菩薩 = Bodhisattva Mahasthamaprapta; Begleiter → Amidas) und Fugen Bosatsu (Fugen Bosatsu 普賢菩薩 = Bodhisattva Samantabhadra; Begleiter des → Shaka Nyorai). Oft wirken sie prächtiger als Buddhas, auch können sie vier, sechs oder gar „tausend“ Arme besitzen und sind mit zahl­reichen Schmuck­stücken und Gegen­ständen aus­ge­stattet. Ähnlich den christlichen Heiligen kann ein Bodhisattva die  Haupt­ver­ehrungs­figur eines Tempels (honzon (honzon 本尊 = Hauptheiligtum eines Tempelsmehr dazu)) dar­stellen. Daher sind Bodhisattvas im all­ge­meinen Be­wusst­sein der Japaner ebenso bekannt und oft sogar populärer als so mancher Buddha. Wenn sie aber mit Buddhas zusammen dar­ge­stellt sind, wird allein durch die Größen­unter­schiede klar, wer höher steht.

In diesem Kapitel wird auf Kannon und Jizō genauer ein­ge­gangen. Die in der Titel­zeile abgebil­dete Figur ist Fugen Bosatsu, der meist auf einem Elefanten reitet, aber auch als Begleiter Shakyamunis (शाक्यमुनिskt. Śākyamuni (m.) „Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha, mehr dazu) fungiert.

Myōō oder Vidyārāja­-Gruppe

Myōō (Myōō 明王 = wtl. „Licht-König“ oder „Mantra-König“; auch „Weisheits-König“; skt. Vidyārājamehr dazu) (skt.Vidyārāja (विद्याराजskt. Vidyārāja (m.) „Mantra-König, Weisheits-König“, )) bedeutet „Mantra-König“ und verrät damit bereits eine Nahe­beziehung zu esoterischen Gebets­formeln (Mantren (मन्त्रskt. mantra (n.) Gebets­formel, mehr dazu)). Im Unter­schied zu Buddhas und Bodhisattvas tragen Myōō fast immer grim­mige Züge und Waffen. Der in Japan bekannteste Mantra-König ist Fudō Myōō (Fudō Myōō 不動明王 = prominentester japanischer Myōō (Mantra-König), wtl. „der Unbewegliche“mehr dazu), man trifft aber auch immer wieder auf Aizen Myōō (Aizen Myōō 愛染明王 = wtl. Mantra-König der Liebemehr dazu), oder die Gruppe der Fünf Großen Myōō.

Myōō spielen vor allem im esoterischen Buddhismus eine wichtige Rolle. Sie gelten hier streng genommen nicht als eigene Gestalten, sondern als zornvolle, furcht­ein­flößende Er­scheinungs­formen von Buddhas und Bodhisattvas. Solche zorn­vollen, furcht­ein­flößenden Figuren sind vor allem aus den tantristischen (तन्त्रskt. tantra (n.) „Gewebe“, im Buddhsmus Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich → Sutra, aber meist mit rituellem Inhalt), mehr dazu) Traditionen des tibetischen Bud­dhis­mus bekannt, sie waren und sind aber auch in Japan, v.a. im Shingon-shū (Shingon-shū 真言宗 = Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortesmehr dazu) Buddhismus stark präsent. Mehr dazu auf der Myōō-Seite.

Tenbu oder Deva­-Gruppe

Die Angehörigen dieser Gruppe sind meist ursprünglich indische Götter (deva (देवskt. deva (m.) „Gottheit“, oberste Klasse indischer Götter, )), die der Bud­dhis­mus als Beschützer des Dharma (धर्मskt. Dharma (m.) Gesetz (des Universums), Lehre (des Buddha), mehr dazu) in sein Pantheon aufnahm und als solche nach Ostasien brachte. Der Begriff „Deva“ wurde in China meist mit -tian (jp. -ten), wtl. „Himmel“, übersetzt, daher spricht man auch von der „Himmels-Gruppe“ (tenbu (tenbu 天部 = Gruppe der indischen, bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva)mehr dazu)). Manche Devas werden aber auch, gleich den Myōō, als „König“ (ō) bezeichnet. Zu den bekanntesten zählen Enma-ten (Enma-ten 閻魔天 = skt. Yama, Wächtergottheit; s.a. → Enmamehr dazu), Benzaiten (Benzaiten 弁才天/ 弁財天 = Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Bentenmehr dazu), die Vier Himmelskönige (Shi-Tennō (Shi-Tennō 四天王 = Die 4 Himmelskönige (Weltenwächter)mehr dazu)), die Niō (Niō 仁王 = Wächterfigur, Torwächtermehr dazu), u.a.m. Sie haben meistens Wächter­funktionen (z.B. Wächter des Tempel­tores), es können ihnen aber auch eigene Tempel geweiht sein. Manche dieser Götter sind im Laufe der Geschichte in Japan zu populären Kami, also zu Shinto-Gottheiten, mutiert und haben dabei ihre schrecken­er­regenden Züge verloren. Mehr dazu auf der Tenbu-Seite.

Ikonographisch gesehen verschwimmen die Grenzen zwischen diesen Kategorien natür­lich immer wieder. Buddhas und Bodhisattvas lassen sich jedoch meist recht deut­lich von Myōō und Tenbu unter­scheiden: Sie strahlen innere Ruhe, Milde und Mitgefühl aus. Tenbu und Myōō sind dagegen eher furcht­ein­flößende Gestalten. Sie sind außerdem den mild­tätigen Buddhas und Bodhisattvas deut­lich unter­ge­ordnet. Obwohl sie mitunter an christliche Teufel und Dämonen erin­nern, darf man nicht den Fehler begehen, sie als böse oder sündhaft an­zu­sehen. Sie bilden mit den Buddhas ein System, das milde und strenge Wege kennt, um die Lebe­wesen auf den rechten Weg zu führen. Oft werden Devas und Myōō auch als Inkar­nationen oder Mani­fes­ta­tionen, also Erscheinungen in verän­derter Form, eines Buddhas oder Bodhisattvas angesehen.

Geschichtlicher Überblick der buddhistischen Ikonographie

Im Buddhismus herrschte ursprünglich, ähnlich wie in den semitischen Religionen, ein Bilder­verbot. Der Buddha sollte lediglich in symbolischer Form, z.B. als Rad der Lehre, abgebildet werden. Erst unter dem Ein­fluss des Mahayana Buddhismus (ab dem zweiten vorchr. Jh.) verschwand dieses Verbot, wahr­schein­lich im Zu­sammen­hang mit der Tatsache, dass sich das Mahayana beson­ders um die Ver­brei­tung der Lehre unter den Laien bemüht. Die frühesten Dar­stel­lungen des Buddha stammen aus dem ersten Jahrhun­dert unserer Zeit aus Madura (N-Indien) und Gandhara (गन्धारskt. Gandhāra (m.) ehemaliges Königreich im 1. bis 3. Jh. im heutigen Pakistan, ) (Pakistan). Beson­ders an den Statuen aus Gandhara fällt ein starker hellenis­tischer Ein­fluss auf, oft erin­nern sie an Götter der griechisch-römischen Antike.

Mit der Ausbreitung des Buddhismus nach China erfuhren die indischen und zentralasiatischen Motive — ebenso wie die Lehre des Buddha selbst — einige stilis­tische Ver­än­der­ungen. Die oft sehr bewegten indischen Gestalten werden etwas ruhiger, in sich gekehrter. Viele ikonographische Details werden jedoch beibehalten und in streng kodifizierter Form von Epoche zu Epoche weiter tradiert.

In Japan übernahm man in der Regel sowohl die Stil­rich­tungen als auch die ikonographische Symbolik der chinesischen Buddhastatuen, ja in der Früh­zeit kamen auch die Bild­hauer selbst aus China oder Korea. Daher ähneln japanische Statuen sehr stark chinesischen oder koreanischen, die wiederum Varianten von indischen oder zentral-asiatischen Grund­mustern sind. Die allmäh­lichen, subtilen Aus­prä­gungen eines spezifisch japanischen Stils sind auf den ersten Blick nur schwer erkennbar. Es ist auch nicht einfach, das Alter einer bud­dhis­tischen Figur ab­zu­schätzen. Lediglich der schlichte Stil aus der Früh­zeit des japanischen Bud­dhis­mus (6.–8. Jh.) lässt sich ver­hält­nis­mäßig leicht iden­tifizieren. In der Heian (Heian 平安 = alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)mehr dazu)-Zeit (9.–11. Jh.) entstand schließlich der klas­sisch-japanische Stil, der beson­deren Wert auf die innere Ruhe legt, die von den Skulpturen ausgeht, auf individuelle oder dynamische Merkmale jedoch weit­gehend verzichtet.

In der Kamakura (Kamakura 鎌倉 = Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shogunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit)mehr dazu)-Zeit (12.–14. Jh) erlebte die buddhis­tische Bild­hauer­kunst eine beson­dere Blüte. Aus dieser Zeit sind sogar die Bio­graphien der Künstler bekannt, während man sonst kaum mehr als den Namen der Maler und Bildhauer kennt. Die berühmtesten Statuen der Kamakura-Zeit entstammen der sog. Kei-Schule, deren Mit­glieger häufig die Silbe „kei“ im Namen tragen. Ihre kreativsten Neuerungen liegen in dynamischen, psychologisch raffinierten Darstel­lungen, die in der realis­tischen Darstel­lung von zorn­vollen Gottheiten und Dämonen am deut­lichsten hervortritt. Aber auch zahlreiche Portraitskulpturen von hoch­rangigen Mönchen stammen aus der Kamakura-Zeit.

Später, vielleicht bedingt durch einen allgemeinen Be­deu­tungs­ver­lust buddhis­tischer Tempel, entstanden nur noch wenige bild­hau­erische Werke von ver­gleich­barer Qualität. Zu neuar­tigen Über­schnei­dungen von Kunst- und Religion­geschichte kam es vor allem im Zen-Buddhismus, der die monochromen, oft humor­vollen Tuschebilder von buddhis­tischen Heiligen und Patriarchen her­vor­brachte, sowie im neun­zehnten Jahr­hundert in der Kunst der ukiyo-e (Holzblock-Drucke), die u.a. die ein­hei­mischen Gottheiten als graphisches Sujet „entdeckten“.

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