Bishamon-ten, Wächter und Glücksgott
Tamon-ten (Bishamon-ten)
- Statue (Holz), Detail. Edo-Zeit; Tōdaiji (Haupthalle), Nara
Bildquelle: Supīdoneko, 2010 (J-Blog). (Letzter Zugriff: 2012/5)
Einer von zwei(!) Himmlischen Königen in der Haupthalle des Tōdaiji. Es handelt sich um Statuen, die im Zuge von Renovierungen in der Edo-Zeit hergestellt wurden, aber auf ältere Vorbilder zurückgehen. Das vollständige Set aller Vier Könige blieb unvollendet.
Bishamon-ten (Bishamon-ten 毘沙門天 — Himmelswächter des Nordens, Glücksgott …mehr ⇒) ist im heutigen Japan in erster Linie als eine Art Samurai unter den Sieben Glücksgötter präsent.[1] Er entstammt jedoch dem Buddhismus, genauer der Kategorie der deva (देवdeva (skt., m.) — „Gottheit“, oberste Klasse indischer Götter …mehr ⇒) -Gottheiten (tenbu (tenbu 天部 — Gruppe der indischen, bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva) …mehr ⇒)), die eigentlich auf indische (meist vedische) Götter zurückgehen und als Wächtergottheiten ins buddhistische Pantheon integriert wurden. Unter diesen buddhistischen Devas ist Bishamon-ten einer der ersten, die Japan erreichten, nämlich bereits im sechsten Jahrhundert. Im Laufe seiner Entwicklung übernahm er unterschiedliche Funktionen, vor allem die eines Kriegs- bzw. militärischen Schutzgottes, aber auch die Funktion einer Gottheit des Reichtums. Umso erstaunlicher ist es, dass seine ikonographische Grundform dabei weitgehend unverändert blieb: Eine sehr maskuline Erscheinung in einer imponierenden Rüstung, in einer Hand eine Waffe, in der anderen (fast immer) eine Pagode. Diese Pagode repräsentiert die Lehre des Buddha, was auf seine ursprüngliche Funktion verweist: den Buddhismus wehrhaft zu verteidigen.
Im Gegensatz zu anderen Glücksgöttern, etwa Daikoku (Daikoku 大黒 — Glücksgott; skt. Mahakala = „Großer Schwarzer“ …mehr ⇒) oder Benzaiten (Benzaiten 弁才天/ 弁財天 — Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten …mehr ⇒), lassen sich bei Bishamon keine Assoziationen mit lokalen japanischen Gottheiten ausmachen. Was diese Figur aber interessant und vielschichtig macht, sind die unterschiedlichen Legenden, die Bishamon-ten sozusagen im Gepäck aus Asien mitgebracht hat. Diese erklären auch, warum Bishamon nicht nur als kriegerischer Wächter, sondern auch als Gott des Reichtums verehrt wurde. Der Reichtumsaspekt war es wohl auch, warum Bishamon-ten aus seiner kanonischen buddhistischen Form herausgelöst und in das synkretistische Ensemble der Glücksgötter integriert wurde.
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Phase 1: Bishamon als Hüter des Nordens
Tamon-ten (Bishamon-ten) des Hōryū-ji
- Statue (Holz). Asuka Zeit, 7. Jh. n.Chr.; Hōryū-ji, Nara; Höhe: 134,2 cm
Bild © Nihon no bijutsu 315 (1992), Abb. 1
Japans älteste erhaltene Statue des Tamon-ten/Bishamon-ten. Teil einer Gruppe von vier Statuen der Himmelskönige. Bishamon-tens Gesichtsausdruck wirkt auf dieser Darstellung relativ friedlich, doch steht auch dieser frühe Himmelskönig auf einem unterworfenen Dämonen (jaki), was seine kriegerischen Fähigkeiten unterstreicht.
Bishamon ist zunächst in mehreren Formationen von Richtungsgottheiten vertreten, vor allem als einer der Vier Himmelskönige (Shi-Tennō (Shi-Tennō 四天王 — Die 4 Himmelskönige (Weltenwächter) …mehr ⇒)) und einer der Zwölf Göttlichen Generäle (Jūni Shinshō (Jūni Shinshō 十二神将 — Die Zwölf Göttlichen Generäle …mehr ⇒)). Beide Formationen bestehen aus kriegerischen Figuren und sind analog zu den vier Himmelsrichtungen bzw. den Zwölf Himmelsstämmen (jūni shi (jūni shi 十二支 — die Zwölf Erdzweige, auch: Tierkreiszeichen …mehr ⇒)) organisiert (siehe Wächtergötter). Bishamon-ten steht jeweils für den Norden und repräsentiert so etwas wie den Gruppenführer, allerdings nicht in einer klar von den anderen abgesetzten Position. Seine privilegierte Stellung resultiert lediglich daraus, dass der Norden gemäß traditionellen chinesischen Vorstellungen der Ort des Kaiserpalastes war. Auch buddhistische Tempel sind zumeist so ausgerichtet, dass der Haupteingang im Süden liegt, während sich die Haupthalle im nördlichen Teil der Anlage befindet. Der Norden ist also sowohl im weltlichen als auch im geistlichen Bereich der Sitz der Autorität. Insofern ist der Wächter des Nordens von größerer Bedeutung und höherem Rang als alle anderen Wächter.[2]
Staatsschutz
Die Vier Himmelskönige spielten vor allem in der Frühzeit des japanischen Buddhismus eine wichtige Rolle. Damals versprach sich der japanische Staat konkrete militärische und politische Vorteile aus der Verehrung des Buddhismus, wie dies in einigen buddhistischen Sutren, vor allem dem Goldglanz Sutra (jap. Konkōmyō-kyō (Konkōmyō-kyō 金光明経 — Goldglanz Sutra; eines von drei „Staatsschutz-Sutren“ des frühen japanischen Staats …mehr ⇒)) auch ganz explizit versprochen wird.[3] Die erste offizielle Chronik Japans, das Nihon shoki (Nihon shoki 日本書紀 — Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720) …mehr ⇒), berichtet, dass der entscheidende Durchbruch des Buddhismus auf militärischem Wege erfolgte und dass diese Aktion direkt mit den Vier Himmelskönigen in Verbindung stand: Nachdem sich bei Hof eine Partei für und eine gegen den Buddhismus formiert hatte, kam es im Jahr 587 zu einer Schlacht zwischen dem Lager der Mononobe (Mononobe 物部 — wtl. „Sippe der Dinge“; altjap. Klan, der gegen den Buddhismus eingestellt war …mehr ⇒), die den Buddhismus ablehnten, und dem Lager der Soga (Soga no uji 蘇我氏 — Soga-Klan, die ersten Förderer des jap. Buddhismus …mehr ⇒), die ihn förderten. Obwohl noch ein Knabe von dreizehn Jahren, zog auch der Kaisersohn Shōtoku Taishi (Shōtoku Taishi 聖徳太子 — Prinz Shōtoku (574–622), kaiserlicher Regent …mehr ⇒) (574–622) in diese Schlacht, und zwar auf Seiten der Soga. Zuvor schnitzte er vier Miniaturstatuen der Himmelskönige, steckte sie in sein Haar und schwor, dass er den Himmelskönigen einen Tempel und eine Pagode stiften werde, wenn die Feinde des Buddhismus in dieser Schlacht besiegt werden sollten. Das Nihon shoki führt den Sieg der pro-buddhistischen Partei unmittelbar auf diesen Schwur zurück. Einige Jahre später ließ Shōtoku Taishi, mittlerweile zum kaiserlichen Regenten avanciert, tatsächlich einen Tempel für die Vier Himmelskönige errichten. Dieser Shitennō-ji (Shitennō-ji 四天王寺 — Ältester staatlicher buddh. Tempel, gegr. 593 im heutigen Osaka …mehr ⇒) befindet sich im heutigen Osaka und gilt als ältester staatlich gegründeter Tempel Japans.
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Tamon-ten (Bishamon-ten)
Einer von zwei(!) Himmlischen Königen in der Haupthalle des Tōdaiji. Es handelt sich um Statuen, die im Zuge von Renovierungen in der Edo-Zeit hergestellt wurden, aber auf ältere Vorbilder zurückgehen. Das vollständige Set aller Vier Könige blieb unvollendet. Tamon-ten im Tōdaiji (Edo-Zeit)
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Tamon-ten (Bishamon-ten)
Wächter des Nordens und Anführer der Gruppe der Vier Himmelskönige. Tamon-ten im Tōdaiji (Nara-Zeit)
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Noch in der Nara (Nara 奈良 — Hauptstadt und Sitz des Tenno, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō …mehr ⇒)-Zeit stellten die Himmelskönige eine zentrale Instanz dar, als es darum ging, Buddhismus und staatliche Verwaltung Hand in Hand im ganzen Land zu institutionalisieren. Zu diesem Zweck schuf Shōmu Tennō (Shōmu Tennō 聖武天皇 — japanischer Kaiser, 701–56, r. 724–49; Förderer des Buddhismus …mehr ⇒) in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts das Netzwerk der sogenannten Provinzialtempel (kokubunji (kokubunji 国分寺 — Provinztempel, Provinzialhaupttempel; in der Nara-Zeit Teil eines landesweiten Tempel-Netzwerks …mehr ⇒)), die offiziell folgende Bezeichnung trugen: „Tempel für den Schutz des Staates durch die Vier Himmelskönige des Goldglanz [Sutra]s“.[4] Daher tauchen die Vier Himmelswächter auch in der Halle des Großen Buddha im Tōdaiji (Tōdaiji 東大寺 — Tempel des Großen Buddha von Nara; wtl. Großer Ost-Tempel …mehr ⇒) von Nara auf. Dieser Tempel war schließlich das Zentrum des Provinzialtempelsystems. Allerdings sind heute dort nur noch zwei der ursprünglichen Himmelskönige zu sehen, nämlich Tamon-ten (Tamon-ten 多聞天 — Synonym von Bishamon-ten, Himmelswächter des Nordens (skt. Vaishravana) …mehr ⇒) (= Bishamon-ten) und Kōmoku-ten. Der Größe des Daibutsu (Daibutsu 大仏 — Großer Buddha …mehr ⇒) entsprechend sind aber auch sie von enormen Ausmaßen. Ähnlich wie im Tōdaiji sind die Himmelskönige in vielen anderen Tempeln als Wächter des Hauptheiligtums im Einsatz, allerdings werden sie mehr und mehr auf diese untergeordnete Funktion reduziert. Als Gruppe erlebten die Vier Himmelskönige also einen Abstieg, der mit der allmählichen Entwicklung des japanischen Buddhismus von einer Herrschaftsideologie zu einer Volksreligion einherging.
Phase 2: Tobatsu Bishamon
Vaishravana (वैश्रवणVaiśravaṇa (skt., m.) — „Sohn des Gerühmten“, Himmelswächter des Nordens, aka. Kubera …mehr ⇒) (Bishamon) genoss entlang der Seidenstraße, also auf der Japan entgegengesetzten Seite der chinesisch-buddhistischen Einflusssphäre, schon lange besondere Verehrung. In Khotan, einer Oase an der südlichen Route der Seidenstraße, betrachteten sich die Könige als seine direkten Nachkommen. Sie begründeten dies damit, dass Vaishravana einst einem alten, kinderlosen König Khotans zu einem Sohn verhalf, indem er, Vaishravana, einen Knaben aus seinem eigenen Kopf gebar und ihn dem König überantwortete. Das Kind wurde in der Folge von einer Erdgöttin gesäugt.[5] Die Motive dieser Legende fanden Eingang in die Vaishravana Ikonographie Khotans und verbreiteten sich von hier aus weiter.
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Vaishravana
Dieses Blatt ist eines der ältesten bekannten Druckwerke. Es feiert den Regierungsantritt von Cao Yuanzhong als Gouverneur von Dunhuang, Nordwest China. In diesem Bild finden sich Motive die ursprünglich aus dem Königreich Khotan stammen, mit dem Cao Yuanzhong verwandtschaftlich verbunden war: In der Mitte Vaishravana (Bishamon) unterstützt von der Erdgöttin, links seine Gemahlin Lakshmi. Im Hintergrund ein Dämon, der einen nackten Säugling hochhält, nämlich jenen Sohn, den Vaishravana einst dem Königshaus von Khotan schenkte. |
König Li Shengtian
Darstellung eines Königs von Khotan in der Pose des Vaishravana, getragen von der Erdgöttin. Im oberen Teil engelhafte Kinder, die wohl den Sohn repräsentieren, den Vaishravana einst dem Königshaus von Khotan schenkte. |
Vaishravana Kult entlang der Seidenstraße | |
In weiterer Folge entstand in China eine semi-historische Legende um Vaishravana, deren Eckpunkte folgendermaßen lauten:
Im Jahr 742 wird die Garnisonsstadt Anxi, der Knotenpunkt von nördlicher und südlicher Seidenstraße im Nordwesten Chinas, von „Barbaren“ angegriffen und gerät in arge Bedrängnis. Die Kunde davon dringt bis in die chinesische Hauptstadt, wo der Kaiser den eminenten Mönch Amoghavajra (अमोघवज्रAmoghavajra (skt., m.) — chin. Bukong, 705–774; Autor und Übersetzer zahlreicher Schriften des esoterischen Buddhismus aus dem Sanskrit ins Chinesische …mehr ⇒) (705–774) anweist, etwas für die Sicherheit des Landes zu tun. Amoghavajra, der seinerseits zentralasiatische Wurzeln hat, betet daraufhin zu Vaishravana (Bishamon). Dieser erhört die Bitten und verursacht ein Erdbeben in Anxi. Auch sendet er goldfarbene Mäuse aus, die die Bogensehnen der Feinde zernagen (mehr zu diesen Mäusen s.u.). Schließlich erscheint Vaishravana höchstpersönlich auf dem riesigen Nordtor der Burg. Da ergreifen die Feinde die Flucht und Anxi ist gerettet.[6]
Die Legende machte derartigen Eindruck, dass der Kaiser daraufhin in allen Garnisonen Statuen dieser Gottheit, die als Tobatsu Bishamon-ten (Tobatsu Bishamon-ten 兜跋毘沙門天 — wtl. Bishamon-ten aus Turfan bzw. Zentralasien …mehr ⇒) (Bishamon aus Turfan)[7] bezeichnet wurden, aufstellen ließ. Rund um Anxi entfaltete sich ein besonderer Kult des Bishamon, der u.a. in den nahe gelegenen Tausend Buddha Höhlen von Dunhuang seinen Niederschlag fand. [8]
In Japan, wo Bishamon-ten zu diesem Zeitpunkt ja bereits bekannt war, scheint man den Kult des Tobatsu Bishamon rasch aufgegriffen zu haben. Getreu dem chinesischen Vorbild, stellte man seine Statue im Haupttor der 795 gegründeten Hauptstadt Heian-kyō (Heian 平安 — alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒) auf. Während dieses Tor, das Rajōmon, nicht allzu lange überdauerte, wurde die in China hergestellte Statue stilprägend für weitere Statuen des Tobatsu Bishamon-ten. Sie ist heute im Besitz des Tōji (Tōji 東寺 — Ost-Tempel in Kyoto, eig. Kyōō Gokoku-ji (Tempel des Königs der Lehre zum Schutz des Landes) …mehr ⇒), eines der wichtigsten Shingon (Shingon-shū 真言宗 — Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes …mehr ⇒) Tempel.[9] Im Norden der Stadt errichtete man außerdem einen Tempel, der zunächst Kannon (Kannon 観音 — Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“ …mehr ⇒) geweiht werden sollte, dann aber Bishamon-ten als Hauptheiligtum annahm.[10] Die meisten frühen Statuen des Tobatsu Bishamon-ten finden sich jedoch im Nordosten Japans, wo zu dieser Zeit noch heftige Kämpfe mit den Emishi, Japans „nördlichen Barbaren“ tobten. [11] Man kann also davon ausgehen, das sich die militärischen Aspekte der Vier Himmelskönige in Tobatsu noch verstärkten und er zu einer Art Kriegsgott der Heian-Zeit wurde.
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Tobatsu Bishamon-ten
Statue des sog. Tobatsu Bishamon-ten (Bishamon aus Turfan). Kennzeichnend vor allem die weibliche Figur zu Bishamons Füßen. Eine weitere Besonderheit liegt in der Krone, auf deren Vorderseite ein Vogel zu sehen ist. Diese Statue wurde in China angefertigt und möglicherweise von Kūkai nach Japan gebracht. Sie soll zunächst im Stadttor Rajōmon aufgestellt worden sein, da man sich davon besonderen Schutz erhoffte. Später kam sie in den Besitz des Shingon Tempels Tōji. Es existieren mehrere ziemlich originalgetreue Kopien dieses Tobatsu Bishamon. Japans ältester Tobatsu Bishamon
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Tobatsu Bishamon-ten
Tobatsu Bishmon steht mit beiden Beinen auf der Göttin Jiten (Pṛthvī), die von zwei jaki-Dämonen gesäumt ist. In seiner linken Hand hält er die ihn auszeichnende Pagode. Tobatsu Bishamon, 10. Jh.
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Auf den meisten japanischen Darstellungen unterscheidet sich Tobatsu kaum von Bishamon wie er schon zuvor im Ensemble der Vier Himmelskönige auftritt. Als Unterscheidungsmerkmal gelten allerdings die Figuren, auf denen er gewohnheitsmäßig steht. Während Bishamon-Statuen der Phase 1 zumeist auf einem einzelnen, zusammengekauerten Dämon (jaki (jaki 邪鬼 — buddhistischer Dämon, Podest der Himmelswächter …mehr ⇒)) posieren, steht Tobatsu entweder auf den ausgebreiteten Händen einer weiblichen Figur oder auf zwei Dämonen, in deren Mitte eine weibliche Figur zu sehen ist. Diese weibliche Figur ist Jiten (Jiten 地天 — Göttin der Erde …mehr ⇒) (skt. Prthivi), die Erdgöttin. Sie findet sich in der unterstützenden Haltung bereits in den Vaishravana/ Bishamon Darstellungen der Könige von Khotan. Während das Trampeln auf Dämonen als Geste des Triumphs gedeutet werden kann, besteht zwischen der Erdgöttin und Bishamon ganz offensichtlich ein Einvernehmen, das man an der geordneten, symmetrischen Haltung, mit der sie ihm stützt, ablesen kann. Die chinesische Skulptur des Tobatsu trägt außerdem eine charakteristische, engtaillierte Rüstung und eine Krone statt des üblichen Helms. Diese Details werden aber in Japan bald wieder fallen gelassen.
Bishamon-tens Gefolge
Zahlreiche weitere Aspekte, die sich mit Bishamon als Einzelfigur verbinden, lassen sich exemplarisch an einem Rollbild aus der Kamakura-Zeit (um 1200) identifzieren, das heute im Museum of Fine Arts in Boston hängt. Hier werden die verschiedenen Einzelaspekte Bishamon-tens frei mit einander in Beziehung gebracht:
Bishamon-ten
- Kamakura-Zeit, um 1200
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2012/2/18)
Bishamon-ten mit einem bunten Gefolge aus unterworfenen Dämonen und edlen Gestalten.
Das Bild zeigt Bishamon-ten mit einem bunten Gefolge aus unterworfenen Dämonen und edlen Gestalten. Bishamon selbst steht auf zwei Dämonen[12], die weibliche Figur davor ist die Erdgöttin Jiten. Dies deutet nach dem, was wir bisher besprochen haben, auf Tobatsu Bishamon hin. Er trägt die typische Rüstung, die mit den Fratzen mythischer Bestien verziert ist, vor allem eine Art Löwenkopf als Gürtelschnalle. In der rechten Hand hält er einen Stab, in der linken sein wichtigstes Attribut, die Pagode. Aus seinen Schultern schlagen hohe rote Flammensäulen.
Wüsten-General (Jinja Taishō)
- Skulptur (Holz). Kamakura-Zeit, um 1200; Höhe: 142 cm
Bild © Kūkai and Mount Kōya, Treasures of a Sacred Mountain. (Austellungskatalog) Kyoto National Museum, 2003, Abb. 93.
In dieser Gestalt soll Bishamon-ten dem Pilgermönch Xuanzang erschienen sein. Das besondere Merkmal dieser Figur sind die Hosenbeine in Gestalt von Elefantenköpfen.
Rechts von Bishamon ist eine Gruppe von vier Dämonen zu erkennen, die als Waffenträger fungieren: einer trägt Bishamons charakteristischen Dreizack, einer Pfeil und Bogen, einer einen weiteren Stab und einer ein Schwert. Rechts vor den Waffenträgern steht eine rote, dämonische Figur mit „Lederhosen“ in Form von Elefantenköpfen. Diese Figur heißt Jinja Taishō (Jinja Taishō 深沙大将 — wtl. Wüstengeneral; dämonische Erscheinungsform Bishamon-tens …mehr ⇒), wtl. der Wüstengeneral. Es handelt sich um eine Erscheinungsform des Bishamon. Der Legende nach soll Bishamon in dieser Gestalt dem berühmten Pilgermönch Xuanzang (Xuanzang 玄奘 (chin.) — Berühmter chin. Pilgermönch und buddh. Gelehrter (602–664), Autor eines einflussreichen Reiseberichts, der später als „Reise nach dem Westen“ in einen Roman gefasst wurde …mehr ⇒) in einer zentralasiatischen Wüste den Weg zur nächsten Oase gewiesen und ihn so vor dem Verdursten gerettet haben.[13] Die historische Faktizität dieser Legende mag zweifelhaft sein, doch verdeutlicht sie ein weiteres Mal den zentralasiatischen Einfluss auf die Bishamon Ikonographie. Neben dem Wüstengeneral ist auf dem obigen Bild eine jugendliche Figur mit Elefantenmütze zu sehen, die ich noch nicht identifizieren konnte. Auf der anderen Seite Bishamons ist im Hintergrund eine weitere seltsame Erscheinung zu sehen. Sie besitzt zahlreiche Attribute esoterisch-zornvoller Gottheiten (krodha (क्रोधkrodha (skt., m.) — „Zorn“, zornvolle Gottheit …mehr ⇒) ) nämlich zu Berge stehendes Haar, Raubtierzähne, Kette aus Totenschädel, vier Hände, in zwei davon menschliche Leichen, etc. Während derartige Figuren in der späteren esoterischen Ikonographie rangmäßig über Wächtern wie Bishamon stehen, ist diese Figur im vorliegenden Kontext ganz offensichtlich von untergeordneter Stellung.
Links von Bishamon fallen drei vornehme Figuren ins Auge. Es handelt sich um die Gefährtin des Bishamon, Kichijō-ten (Kichijō-ten 吉祥天 — Hindu-buddhistische Göttin des Glücks; auch: Kisshōten; skt. Lakshmi …mehr ⇒), die vor allem im frühen japanischen Buddhismus als eine Art Glücksgottheit galt, später aber etwas in Vergessenheit geriet. Sie hält ein Wunscherfüllungs-Juwel in Händen. Neben ihr zwei Knaben, wahrscheinlich Söhne des Bishamon, einer mit einem Teller mit Blüten(?), einer mit einem Beutel.
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Bishamon mit Kichijō-ten und Zennishi
Die beiden Begleiter, Bishamons „Gattin“ Kichijō-ten und ihrer beider Sohn Zennishi, kehren Bishamon-tens Eigenschaften als Gott des Reichtums hervor. Bishamon mit Familie
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Vaishravana (Bishamon) und Gefolge
Vaishravana durchmisst auf einer lila Wolke und in Begleitung seines göttlichen Gefolges, das er um das Doppelte überragt, sein Reich am Fuße des Weltenbergs Sumeru. Er hält Dreizack und Stupa (auf einer eigenen Wolke) in Händen, aus seinen Schultern schlagen Flammen, er tägt eher eine Krone als einen Helm. Vor ihm seine Gefährtin (Lakshmi) mit Blumen auf einem Teller. Hinter ihm ein Greis, zwei Jugendliche (Söhne), und diverse Yaksha-Dämonen. Schließlich ein Bogenschütze, der möglicherweise den geflügelten Dämon im oberen Bildteil abschießen möchte. Vaishravana und Gefolge (chin. Darstellung)
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Bishamon bekämpft Krankeiten
- Querbildrolle, hekijae (Papier, Farbe), Detail. 12. Jh.; „Nationalschatz“; 25,8 x 76,5 cm
Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 20/2/22)
In der linken unteren Ecke sieht man einen Mönch mit einer aufgeschlagenen Sutrenrolle. Wahrscheinlich handelt es sich um das Konkōmyō-kyō, den Haupttext der Bishamon-ten (oder Himmeslwächter) Verehrung. Der Rest des Bildes illustriert einen Aspekt dieses Sutras, nämlich die Wirkkraft Bishamon-tens im Kampf gegen Krankheiten. Die Krankheiten werden als Tengu-artige Dämonen dargestellt, die Bishamon-ten mit Pfeil und Bogen erlegt. Das Bild ist Teil einer Querbildrolle, mit dem Namen hekija-e, „Bilder von der Vernichtung des Übels“. Darin werden mehrere besonders effektive Gottheiten dargestellt. Stilistisch ist diese Querbildrolle mit den Höllen-Bildrollen (jigoku zōshi), die unter Ex-Kaiser Shirakawa hergestellt wurden, verwandt. Anlass waren wohl nicht nur die Kriege des 12. Jahrhunderts, sondern auch die epidemischen Krankheiten, die in dieser Zeit das größte gesellschaftliche Problem darstellten.
Viele Einzelheiten des Kamakura-zeitlichen Rollbilds finden sich auch in chinesischen Darstellungen aus Dunhuang wieder, zum Beispiel auf der Abbildung oben rechts, die Vaishravana (Bishamon) bei einer Art Inspektionstour durch sein Reich darstellt. Abgesehen von den Flammensäulen an Bishamons Schultern begegnen wir auch hier seinen Familienmitgliedern, allerdings mit vertauschten Attributen in den Händen. Ein interessantes Detail des chinesischen Beispiels ist die Tengu-artige Figur in der oberen rechten Ecke des Bilds, offensichtlich ein böser Dämon. Ein Bogenschütze im Gefolge des Bishamon spannt gerade seine Waffe, als ob er diesen Dämon abschießen wollte. Ein verwandtes Motiv findet sich wiederum in einer berühmten, wenn auch etwas untypischen Bishamon-Darstellung aus Japan, einem „Bild der Bekämpfung von Übeln“ (hekija-e) aus dem späten 12. Jh. Hier sieht man Bishamon selbst, wie er mit Pfeil und Bogen geflügelte Dämonen abschießt. Dem Kontext ist zu entnehmen, dass diese Krankheiten personifizieren. Bishamon-ten wurde also in dieser Zeit auch ein Schutzherr gegen Krankheiten angesehen, die im japanischen Altertum generell ein großes Problem darstellten, für das nicht viel mehr als religiöse Mittel zur Hand waren.
Obwohl die Figur des Tobatsu Bishamon-ten zunächst mindestens ebenso martialisch auftrat wie die Gruppe der Vier Himmelskönige, scheint diese ikonographische Form der Auslöser dafür zu sein, dass sich Bishamon in Ostasien aus seinen militärischen Formationen löste und als einzelne Gestalt verehrt wurde. Dadurch scheint sich das Spektrum seiner Funktionen vergrößert zu haben und war nicht mehr allein auf bloßen (militärischen) Schutz beschränkt. Die friedlichen Figuren in Bishamons Gefolge deuten auf materiellen Reichtum hin. Dieser Aspekt ist, wie wir noch sehen werden, bereits in Vaishravanas indischem Erbe angelegt, hat sich in Japan aber erst zu einem späteren Zeitpunkt Ausdruck verschafft.
Tohachi Bishamon
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Tōhachi Bishamonten
Bishamon mit vier Köpfen und zwölf Armen, die acht Schwerter eine Pagode, ein Juwel, eine Sutrenrolle und einen Vajra halten. Er reitet auf einem Löwen und hat einen Löwenhelm, auf dessen Spitze ein Buddha thront. Dahinter das „Rad der Lehre“ mit acht Speichen.
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Bishamon mit vier Köpfen und acht Schwertern | |
Im späten Mittelaltern kommt es zu einer neuen ikonographischen Form des Tobatsu Bishamon-ten, die auf einem Wortspiel beruht. Man las den Ausdruck tobatsu als tōhachi und unterlegte diese Aussprache mit neuen Schriftzeichen in der Bedeutung „acht Schwerter“. In der Tat hält dieser Bishamon acht Schwerter in seinen zwölf Händen. Außerdem hat er vier Gesichter und reitet auf einem Löwen. Letzterer dürfte von neuen Bishamon-Motiven auf dem Festland beeinflusst sein. Diese Darstellung hebt die martialischen Züge Bishamons ein weiteres Mal deutlich hervor und scheint sich unter den Warlords der sengoku (sengoku jidai 戦国時代 — Zeit der kämpfenden Länder, 1482–1568 …mehr ⇒)-Zeit einer gewissen Beliebtheit erfreut haben.[14] Aber noch in der späten Edo-Zeit sind Tōhachi Darstellungen zu finden. Die genauen Umstände der Entstehung und Verbreitung dieses speziellen Kultes liegen allerdings im Dunkeln.
Phase 3: Bishamon-ten als Glücksgott
Exkurs: Vaishravana, Kubera und Jambhala
Bishamon leitet sich wie erwähnt von Vaishravana (वैश्रवणVaiśravaṇa (skt., m.) — „Sohn des Gerühmten“, Himmelswächter des Nordens, aka. Kubera …mehr ⇒) (wtl. „Sohn des Gerühmten“) ab, eines indischen Gottes, dessen eigentlicher Namen Kubera lautet. Die klassischen indischen Epen Mahabarata und Ramayana berichten, dass Vaishravana oder Kubera von der übergeordneten Gottheit Brahma explizit zum Herren der Reichtümer und Schätze erhoben wurde, und bezeichnen ihn auch als Schatzmeister der Götter oder als Spender von Reichtümern. Er hat eine goldene Haut und wohnt in goldenen Städten. Zugleich gebietet er über verschiedene dämonische Völker, allen voran die yaksha (यक्षyakṣa (skt., n.) — übernatürliches Wesen, Geist, Dämon …mehr ⇒) s bzw. rakshasa (राक्षसrākṣasa (skt., m.) — Dämon …mehr ⇒) s, beides eher kriegerische, wilde Gestalten, die oft gemeinsam in einem Atemzug genannt werden. Möglicherweise zählte auch das Horten und Hüten von Schätzen zu ihren ursprünglichen Kompetenzen, sodass sich Vaishravanas Reichtumsaspekt auch aus seiner Verbindung zu diesen Dämonen entwickelt haben könnte.
Oft wird Vaishravana in Verbindung mit drei weiteren Gottheiten genannt, die jeweils einen Bereich der Welt beherrschen: Yama (यमराजYama (skt., m.) — Gottheit der Unterwelt und des Todes …mehr ⇒) die Unterwelt, Indra (इन्द्रIndra (skt., m.) — hohe indische Gottheit, vergleichbar mit Zeus/Jupiter …mehr ⇒) den Himmel, Varuna das Meer und schließlich Vaishravana die bewohnte Welt. Erst nach und nach werden diese vier Gottheiten den Himmelsrichtungen zugeordnet, wobei sich Vaishravana als Hüter des Nordens herauskristallisiert. Dies hängt möglicherweise mit der Assoziation Reichtum – Gold – Metall – Bergbau – Himalaya zusammen: das Gold kam in Indien aus dem Norden.
Erst in zweiter Linie wird Vaishravana auch als militärische Figur gezeichnet, wobei wiederum der kriegerische Charakter der Yaksha-Dämonen eine Rolle gespielt haben könnte. Doch nur im Buddhismus bzw. in den ostasiatischen Ausprägungen Vaishravanas scheint dieser Aspekt die Oberhand zu gewinnen.
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Jambhala
Jambhala, Gottheit des Reichtums, hier in einer einfachen Erscheinungsform (ein Kopf, zwei Arme). In der rechten Hand hält er eine Zitrusfrucht (bijapuraka), in der linken einen Mungo, der Juwelen ausspeit. Jambhala
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Vaishravana auf einem Löwen reitend
Vaishravana, die indische Urform des Bishamon, hier in einer tibetischen Darstellung. Interessanterweise trägt er auch hier eine Rüstung und eine lanzenartige Waffe (hier ein Banner). Der Löwe scheint ikonographisch mehr von China als von Indien beeinflusst zu sein. Besonders interessant ist der Mungo unter seiner Linken Hand. Er ist ein Symbol des Reichtums und speit Edelsteine. Dieser Symbolismus hat sich in China offenbar nicht durchgesetzt. Der Mungo wird in China als Maus oder Ratte „übersetzt“. Vaishravana
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Indische Götter des Reichtums mit Mungo | |
Vaishravanas Mungo
- Hängerollbild, Thangka (Baumwolle, Farbe), Detail. Tibet, 19. Jh.
Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2012/2/22)
Collection of Tibet House, New York
Reichtum spendender Mungo, ein Attribut indischer und tibetischer Reichtumsgötter, beim Ausspeien von Juwelen. Der Mungo wird in China als Maus oder Ratte „übersetzt“. Auch auf dieser tibetischen Darstellung (Detail eines Bildes von Vaishravana, jap. Bishamon-ten) hat er eher Ähnlichkeit mit einer Ratte als mit dem marderartigen Tier aus Indien.
Eine mit Vaishravana eng verwandte oder wesensgleiche Gottheit ist Jambhala (जम्भलJambhala (skt., m.) — Reichtumsgottheit; identisch oder eng verwandt mit Vaishravana (Kubera) …mehr ⇒) . Bei ihm fehlt allerdings jeglicher militärischer Aspekt, er ist allein für den Reichtum zuständig. Ähnlich wie die japanischen Glücksgötter ist er eher wohlbeleibt und zeigt seinen Bauch, Kennzeichen des Wohlstands, deutlich her. Es gibt dennoch zahlreiche ikonographische Gemeinsamkeiten zwischen Jambhala und Vaishravana/ Kubera, die sich z.B. auf tibetischen Thangkas gut erkennen lassen. Das erstaunlichste Attribut, das alle drei Figuren auszeichnet, ist ein rattenähnliches Tier, das der jeweilige Reichtumsgott meist unter den Arm geklemmt mit sich führt. Bei genauer Betrachtung erkennt man, dass dieses Tier bunte Kugeln ausspeit. Dies leitet sich auf eine indische volksreligiöse Vorstellung zurück, nach der man einen Mungo dazu bringen kann, Edelsteine auszuspucken, wenn man seinen Bauch drückt. Das Tier ist also ein Mungo und wird von Vaishravana wie ein Blasebalg gequetscht, damit er Edelsteine ausspuckt. Diese Steine können auch als Wunscherfüllungsjuwelen (Nyoi no tama (Nyoi no tama 如意の玉 — Wunschperle, Wunschjuwel …mehr ⇒)) gedeutet werden. Der Mungo hat also nichts mit Krieg, sehr wohl aber etwas mit Reichtum und Wohlstand zu tun.
In Ostasien ist der Mungo nicht heimisch, doch wurde er hier als Maus oder Ratte interpretiert. [15] Auch die tibetischen Darstellungen könnten für eine große Ratte gehalten werden. Dies erinnert an die oben erwähnte Legende von den goldenen Mäusen, die Tobatsu Bishamon zu Kriegszwecken einsetzt. Wenn hier ein Zusammenhang mit dem freigiebigen Mungo vorliegt, so gab es also in Zentralasien eine Erinnerung an Bishamons Herkunft aus einer Reichtumsgottheit.
Die Funktion Bishamon-tens als Glücksgott war jedenfalls bereits in seinen indischen Erscheinungsformen angelegt. Sie war sozusagen immer latent vorhanden und scheint sich in Japan erneut Ausdruck verschafft zu haben, als die militärischen Qualitäten des Bishamon-ten nicht länger von zentraler Bedeutung waren.
Bishamon-ten, Daikoku-ten und Benzai-ten
Sanmen Daikoku
- Buchillustration (Papier). 1790; aus Butsuzō zui („Buddhistische Ikonographie“)
Bild © Ehime Universität. (Letzter Zugriff: 2010/10/18)
Daikoku mit den zusätzlichen Gesichtern von Bishamon und Benzaiten. Die Inschrift zum Dreiköpfigen Daikoku in diesem Edo-zeitlichen Bildlexikon besagt folgendes: „Sanmen Daikoku-ten: Als Dengyō Daishi (Saichō) [das Kloster auf] Berg Hiei errichtete, erschien [Daikoku] mit drei Gesichtern, um die dreitausend Mönche [des Klosters] zu schützen.“
Sanmen-Daikoku
- Statue. Edo-Zeit; Motoyama-dera, Tempel der Pilgerroute in Shikoku
Bild © Bernhard Scheid, 2007
Dreiköpfiger Daikoku mit den Zusatzgesichtern von Bishamon-ten und Benzaiten.
Bevor Bishamon-ten zum ständigen Mitglied der Glücksgötter wird, lässt sich eine Zwischenphase beobachten, in der drei buddhistische Deva-Götter, die letztlich zu den Shichi Fukujin (Shichi Fukujin 七福神 — Die Sieben Glücksgötter …mehr ⇒) gezählt werden, nämlich Daikoku-ten, Benzaiten und Bishamon-ten, eine Art Koalition mit einander eingehen. Sie sind in dieser Phase, die wohl im späteren Mittelalter anzusiedeln ist, alle drei mit Rüstungen und Waffen versehen, werden aber zugleich mit den Attributen der Glücksgötter ausgestattet, etwa mit Reisballen (Daikoku) oder mit den fünfzehn Knaben (Benzaiten), die für verschiedene Berufe stehen. Die besondere Verbindung dieser drei Gottheiten lässt sich im Motiv des dreiköpfigen Daikoku (sanmen daikoku) erkennen: Daikokus Zusatzköpfe tragen dabei stets die Züge von Benzaiten und Bishamon. Es gibt auch Statuen von Benzaiten, die von Daikoku und Bishamon flankiert sind.
Zwischen Bishamon und Benzaiten bestehen bereits alte Verbindungen. Sarasvati (सरस्वतीSarasvatī (skt., f.) — indischer Fluss; Flussgöttin der Beredsamkeit, der Musik und der Gelehrsamkeit …mehr ⇒) — die indische Benzaiten — tritt unter anderem im Goldglanz Sutra auf, also in jenem Text, der die Bedeutung der Vier Himmelskönige in Ostasien mitbegründet. Die Göttin schwört, jene, die das Goldglanz Sutra ehren, speziell zu beschützen. Ähnliche Schwüre leistet auch Lakshmi (jap. Kichichō-ten), die traditionellerweise als Gefährtin Vaishravanas angesehen wird. Beide Göttinnen zeichnen sich bereits im indischen Kontext durch besondere Feminität und Schönheit aus und scheinen sich leicht substituieren zu können. Sarasvati besitzt durch ihre Verbindung zum Wasser und den Drachen allerdings größere Macht. Im Reigen der Glücksgötter wurde also Kichichō-ten, die anfängliche Begleiterin Bishamons, mehr und mehr durch die vielseitigere und mächtigere Benzaiten ersetzt.
Die Assoziierung von Bishamon und Daikoku scheint hingegen eine spezifisch japanische Entwicklung, genauer eine Erfindung des Tendai (Tendai-shū 天台宗 — Tendai Schule, chin. Tiantai …mehr ⇒)-Buddhismus zu sein. Aus dem Keiran juyōshū (14. Jh.), einem mittelalterlichen Tendai-Text, geht hervor, dass man damals die Züge von Daikoku und Bishamon-ten ganz bewusst mit einander verschmolz. Es gab sogar eine Figur namens Tamon-Daikoku (also eine Kombination aus Bishamon/ Tamon und Daikoku). Das Keiran juyōshū schreibt dazu: „Der Daikoku der Berg-Linie [= Berg Hiei (Hiei-zan 比叡山 — Klosterberg Hiei bei Kyoto, traditionelles Zentrum des Tendai-Buddhismus …mehr ⇒)] ist Tamon Daikoku. Deshalb haben seine Merkmale die gleiche Form wie die des Bishamon.“[16]
Die Nahebeziehung Daikoku–Bishamon ist in einer umfangreichen Studie zu Daikoku von Iyanaga Nobumi ausführlich analysiert worden. Daraus lässt sich grob folgende Entwicklung nachzeichnen: Bishamon-ten entstammt einem indischen Kontext, in dem bereits Gottheiten des Reichtums und des militärischen Schutzes mit einander verschmolzen wurden. Im ostasiatischen Kontext traten hingegen die militärischen Aspekte deutlicher hervor. Der Reichtumsaspekt wurde aber nie ganz vergessen und in Japan schließlich auf Daikoku weitervererbt. Merkmale, die zunächst mit Vaishravana (Bishamon) assoziiert worden waren, tauchten nun an Daikoku wieder auf. Dazu zählt unter anderem die zwergenhafte, wohlbeleibte Gestalt des Jambhala.[17] Aber auch und vor allem die ominöse Maus, die eigentlich ein Mungo ist, wechselte von Bishamon zu Daikoku.
Die Gruppendynamik unter den Glüksgöttern
Daikoku posiert als Bishamon-ten
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Kitagawa Utamaro I (?–1806). 1804; aus der Serie Kinoe-ne toshi Daikoku shichi henge (Sieben Varianten des Daikoku im Jahr „Holz-Ratte“)
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 20120/2/22)
In einer Runde von Geishas schlüpft Daikoku in die Rolle seines Kollegen Bishamon. Man beachte insbesondere, er dabei den Fuß auf das Gesäß der einen Geisha setzt, ähnlich wie Bishamon klassischerweise auf Dämonen bzw. auf einer Erdgöttin steht. Das Bild ist Teil einer sechsteiligen Serie, in der Daikoku auch alle anderen Glücksgötter parodiert.
Die Deva-Gottheiten Daikoku-ten, Benzai-ten und Bishamon-ten erhielten ihre glückverheißenden Züge, wie oben skizziert, zunächst im Rahmen des esoterischen Buddhismus, also im Tendai und Shingon Buddhismus. Zu ihnen gesellte man schließlich Ebisu (Ebisu 恵比寿 — Glücksgott der Händler und Fischer; andere Schreibung: 夷 oder 戎 …mehr ⇒), der in einem anderen Kontext eng mit Daikoku verbunden ist. Schließlich kamen noch drei Götter dazu, die stärkere Bezüge zum Daoismus bzw. zu anderen eher chinesisch konnotierten Traditionen haben: die beiden Alten — Fukurokuju (Fukurokuju 福禄寿 — Glücksgott, Gott des Langen Lebens …mehr ⇒) und Jurōjin (Jurōjin 寿老人 — Glücksgott …mehr ⇒) — und der besondere Held des Zen, Hotei (Hotei 布袋 — Glücksgott; Inkarnation von Bodhisattva Maitreya …mehr ⇒), der aber charakterlich auch gut zu Daikoku passt.
Bishamon gehört in diesem Ensemble zweifellos eher zu den Randfiguren. Allein wird er als Glücksgott kaum je dargestellt. Er übernimmt in den vielen liebevoll-satirischen Darstellungen der Glücksgötter aus der Edo-Zeit auch nie die Führungsrolle, wenn es um irgend einen Schabernack geht, den die Gruppe ausheckt.
Bishamonten, Fukurokuju und Daikoku
- Relief (Holz, bemalt) von Nami no Ihachi (1751–1824). 1777
Bild © Kamogawa-shi. (Letzter Zugriff: 2011/11/29)
Fukurokuju und Daikoku scherzen mit einem „chinesischen Knaben“ (karako, ein häufiger Begleiter der Glücksgötter), während Bishamon eher griesgrämig abseits sitzt.
Auch auf der Abbildung oben aus der späteren Edo Zeit sieht man Fukurokuju (Fukurokuju 福禄寿 — Glücksgott, Gott des Langen Lebens …mehr ⇒) und Daikoku mit einem „chinesischen Knaben“ (karako, ein häufiger Begleiter der Glücksgötter) scherzen , während Bishamon eher griesgrämig abseits sitzt.
Letztlich spielt Bishamon-ten unter den Glücksgöttern also nicht vielmehr als die Rolle eines Bodyguards, der ohne die Personen, die er beschützen soll, nicht viel wert ist. Wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, dass wehrhafte männliche Gestalten im japanischen Pantheon grundsätzlich auf die Rolle von Leibwächtern oder Soldaten reduziert sind. In spiritueller Hinsicht ist Virilität in Japan keine förderliche Eigenschaft.
Anmerkungen
- ↑ Dieser Artikel beruht zum Teil auf den Recherchen von Sarah-Allegra Schönberger für die Materialsammlung Kamigraphie, 2012. Herzlichen Dank!
- ↑ Die Zughörigkeit Bishamontens zum Norden wird auch oft durch seine Hautfarbe, schwarz oder blauschwarz, unterstrichen. Diese Symbolik ist nicht-buddhistischer Herkunft und daher offenbar in China entstanden.
- ↑ Das Goldglanz Sutra (skt. Suvarna-prabhasottama sutra) wurde bereits 414–421 ins Chinesische übersetzt. In diesem Text treten die Himmelskönige persönlich auf und erklären in einem Dialog mit dem Buddha, wie sie Könige, die eben dieses Sutra hochhalten, beschützen und andere, die dem Sutra im speziellen und dem Buddhismus im allgemeinen abhold sind, bestrafen werden. In Japan wurde das Goldglanz Sutra zusammen mit dem Lotus Sutra (Hoke-kyō (Hoke-kyō 法華経 — Lotos Sutra; auch Hokke-kyō, → Myōhō renge kyō …mehr ⇒)) und dem Sutra für Barmherzige Könige (Ninnō-kyō) zu den sogenannten Drei Staatsschutz-Sutren gezählt.
- ↑ Konkōmyō shitennō gokoku no tera 金光明四天王護国之寺. Provinzialtempel für Nonnen hießen im übrigen hokke metsuzai no tera 法華滅罪之寺 (Tempel des Lotos [Sutras], das das Böse besiegt)
- ↑ Wladimir Zwalf 1985, British Museum (Zugriff: 2012/2/22)
- ↑ Die Legende ist vor allem aus der Biographie Amoghavajras (chin. Bukong 不空) in den Song-zeitlichen „Chroniken Großer Mönche“ (Song gao seng zhuan 宋高僧伝, 988) bekannt.
- ↑ Tobatsu bezeichnet das zentralasiatische Reich Turfan an der nördlichen Seidenstraße, oder aber Tibet. Im vorliegenden Kontext kann man aber davon ausgehen, dass der Begriff stellvertretend für Zentralasien bzw. für die Reiche im Westen Chinas gebraucht wird.
- ↑ Dunhuang in der heutigen chinesischen Provinz Gansu war sowohl ein Handels- als auch ein buddhistisches Pilgerzentrum an der Seidenstraße, dessen Blüte in die Tang-Zeit (7.–9.Jh.) fällt. Berühmt sind die Tausend Buddha Höhlen, die erst im 20. Jahrhundert von Archäologen neu erschlossen wurden und zahlreiche bislang unbekannte buddhistische Texte und Kunstgegenstände zu Tage brachten.
- ↑ S. Bishamonten (JAANUS). Die besondere Verbindung von Tobatsu Bishamon und Shingon könnte auch daher rühren, dass sich Shingon auf die Tradition eben jenes Amoghavajra, der den Tobatsu Kult initiierte, zurückführt. Kūkai (Kūkai 空海 — Gründer des Shingon Buddhismus, 774–835 …mehr ⇒), der Gründervater des Shingon, war ein Enkelschüler Amaghovajras.
- ↑ So jedenfalls ein Bericht aus dem Fusō ryakki (nach 1094), das die Gründung des fraglichen Tempel, des Kurama-dera, im späten 8. Jh. ansetzt. Der Kurama-dera entwickelte sich später zu einem Zentrum der yamabushi (yamabushi 山伏 — Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft …mehr ⇒) und des tengu (tengu 天狗 — Tengu, eine Art Kobold, meist in den Bergen …mehr ⇒)-Glaubens. Die Gleichsetzung von Kannon und Bishamon-ten findet sich auch im Lotos Sutra.
- ↑ Yiengpruksawan 1998, S. 42
- ↑ Niranba und Biranba. Sie treten bereits im Lotos Sutra neben Bishamon als Beschützer der Gläubigen auf.
- ↑ Rosenfield 2010, S. 181-183; s.a. Mark Schumacher, „Bishamonten“.
- ↑ Der Daimyō Uesugi Kenshin trug etwa die Schriftzeichen dieser Bishamon-Manifestation auf seinen Kriegsbannern. Auch Takeda Shingen führte in der Schlacht einen Schrein mit einem zehnarmigen Tōhachi Bishamon-ten mit. (Enkō-in [2012/3/2])
- ↑ Iyanaga 2002, S. 370–73.
- ↑ Nach Iyanaga 2002, S. 376.
- ↑ Wie auf der Daikoku Seite beschrieben, war auch die esoterische Figur des Mahakala (महाकालMahākāla (skt., n.) — „Großer Schwarzer“, esoterische Gottheit …mehr ⇒) prägend für Daikoku. Jambhala und Mahakala teilen aber ihrerseits zahlreiche ikonographische Gemeinsamkeiten.
Literatur und Links
- Iyanaga Nobumi 2002
Daikoku-ten hensō. Tokyo: Hōzōkan. [Engl. Titel: Variations on the Theme of Mahākāla.]
- Mimi Hall Yiengpruksawan 1998
Hiraizumi: Buddhist Art and Regional Politics in Twelfth-Century Japan. Cambridge: Harvard University Press. - Bishamonten, Mark Schumacher (A-Z Photo Dictionary)
- Bishamonten, JAANUS (Japanese Architecture and Art Net Users System)
- Bishamon-ten, Kamigraphie (Universität Wien)Letzte Überprüfung der Linkadressen: Februar 2012
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