Die rätselhafte Karriere des Daikoku
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Daikoku auf einem Ein-Yen-Schein
- Geldschein von Edoardo Chiossone (1833–1898). Meiji-Zeit, ab 1885; 7,8 x 13,5 cm
Bild © Kin/Gendai Nihon no Okane. (Letzter Zugriff: 2012/10)
Einer der ersten modernen Geldscheine Japans zeigt den Glücksgott Daikoku auf zwei Reisballen, mit Sack, Hammer und Mäusen. Der italienische Graveur Edoardo Chiossone entwarf auch andere Geldscheine und offizielle Dokumente für die junge japanische Meiji-Regierung.
Daikoku
- Statue (Holz). Muromachi Zeit; Kojima-dera, Präfektur Nara
Bild © Don Pancho, Scan aus dem Tempelkatalog. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Frühes Beispiel des „typischen“ Glücksgottes Daikoku mit Sack und Glückshammer, Barrett und den für die meisten Glücksgötter typischen riesigen Ohrläppchen. Die Statue befindet sich im Kojima-dera, einem sehr alten Tempel des Shingon Buddhismus.
Der Glücksgott Daikoku (Daikoku 大黒 — Glücksgott; skt. Mahakala = „Großer Schwarzer“ …mehr ⇒) ist wahrscheinlich die am häufigsten dargestellte Gottheit innerhalb des weitläufigen buddhistisch-shintoistischen Pantheons in Japan. Das Geheimnis seines Erfolges ist auf den ersten Blick einfach: Er gilt als Gott des Wohlstands und des Reichtums. Einer seiner Beinamen, unter denen er vor allem in der Edo (Edo 江戸 — Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit, bekannt war, lautet Shusse Daikoku, wtl. Karriere- oder Erfolgs-Daikoku.[1] Selbst die beginnende Modernisierung Japans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Daikokus Popularität keinen Abbruch tun, im Gegenteil: Als in dieser Zeit Geldscheine nach westlichem Muster eingeführt wurden, zierte Daikokus Abbild die Ein-Yen-Note. Papiergeld wurde auf diese Weise als natürliches Medium des Glücksgottes dargestellt.
„Karriere-Daikoku“ (Shusse Daikoku)
- Skulptur (Holz, Lack). Muromachi-Zeit?; Kiyomizu Tempel, Kyoto
Bild © Ron Reznick, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/4)
Leider wurde der Shusse Daikoku des Kiyomizu Tempels mittlerweile ziemlich lieblos restauriert und verströmt nicht mehr die gleiche geheimnisvolle Aura wie auf diesem Bild.
Kiyomizu Tempel, Kyoto
Der links abgebildete Daikoku stammt aus dem Kiyomizu Tempel (Kiyomizu-dera 清水寺 — Tempel in Kyoto …mehr ⇒) in Kyoto und dürfte in der Edo-Zeit angefertigt worden sein. Hammer, Sack und Reisballen entsprechen den gängigen ikonographischen Charakteristika dieses Gottes. Er verfügt zudem über das typische Lächeln und den typischen Leibesumfang eines Glücksgottes. Lediglich seine schwarze Hautfarbe unterscheidet diesen Daikoku von den heute üblichen Abbildungen. Sie erinnert daran, dass „Daikoku“ wörtlich übersetzt „der Große Schwarze“ bedeutet. Forscht man ein wenig in den ikonographischen Erscheinungsformen dieses Glücksgottes nach, kommt in der Tat eine dunkle, geheimnisvolle Dimension zum Vorschein, die diesem Namen gerecht wird. Den „Großen Schwarzen“ gibt es nämlich auch im esoterischen Buddhismus Indiens und Tibets, wo eine Gottheit mit furchterregenden Zügen namens Mahakala (महाकालMahākāla (skt., n.) — „Großer Schwarzer“, esoterische Gottheit …mehr ⇒) verehrt wird.
Manches spricht dafür, dass dieser klassische „zornvolle“ Schutzgott des Buddhismus die Urform des heutigen Glücksgottes Daikoku darstellt. Abgesehen von den Namenselementen „groß“ (dai 大, skt. maha) und „schwarz“ (koku 黒, skt. kala)[2] besitzt Daikoku auch den Göttertitel -ten (-ten 天 — wtl. Himmel; Göttertitel für eine eine aus Indien übernommene Gottheit (skt. Deva) …mehr ⇒), der auf eine sogenannte Deva Gottheit indischen Ursprungs hindeutet.
Ōkuninushi und der weiße Hase von Inaba
- Surimono (Blockdruck) von Katsushika Hokusai (1760–1849); 20,7 x 18,5 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2011/7)
William S. and John T. Spaulding Collection
Ōkuninushi heilt den Hasen von Inaba, dem Meeresungeheuer (wani) das Fell abgezogen haben. Hokusai interpretiert Ōkuninushi als Daikoku und die wani als Krokodile.
Man stößt aber auch auf die Erklärung, dass Daikoku eine Erscheinungsform des einheimischen Gottes Ōkuninushi (Ōkuninushi 大国主 — mythol. Gottheit; wtl. Großer Meister des Landes …mehr ⇒) sei. Der Zusammenhang wird dabei meist über den Gleichklang der beiden Namen hergestellt: die beiden ersten Zeichen des Namens Ō-kuni-nushi (大国主, wtl. „Groß-Land-Herr“) lassen sich sino-japanisch ebenfalls als dai-koku lesen. Diese ein wenig überzogen wirkende etymologische Erklärung wird durch eine mittelalterliche Legende gestützt, die den Ursprung der Daikoku Verehrung auf Saichō (Saichō 最澄 — Gründer des Tendai Buddhismus, 767–822 …mehr ⇒), den Begründer des Tendai (Tendai-shū 天台宗 — Tendai Schule, chin. Tiantai …mehr ⇒)-Buddhismus, zurückführt: Saichō habe im altehrwürdigen Miwa Schrein (Miwa Jinja 三輪神社 — Miwa (auch Ōmiwa) Schrein, nahe Nara …mehr ⇒), der Ōkuninushi geweiht ist, gebetet, worauf Ōkuninushi sich ihm „in Gestalt des Daikoku Tenshin“ offenbart hätte. Saichō hätte nach diesem Vorbild selbst eine Statue des Daikoku geschnitzt und diesen als Schutzgott des Tendai Buddhismus verehrt.[3]
Wie passen diese beiden Erklärungen zusammen? Welche ist richtig? Oder stimmen beide?
Frühe Darstellungen des Daikoku
als einheimische Gottheit
Betrachtet man die ältesten Daikoku-Figuren aus der späteren Heian (Heian 平安 — alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit, so findet man eher einfache Darstellungen, die keine der beiden Theorien klar stützen oder widerlegen. Weder handelt es sich eindeutig um einen Bodhisattva oder einen zornvollen Schutzgott des Buddhismus, noch ähneln die Figuren — wie sonst bei frühen Kami-Darstellungen üblich — den Adeligen des Altertums. Die Figuren wirken in erster Linie bäuerlich.
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Daikoku im halben Lotossitz (Daikoku hanka-zō)
Dies ist die angeblich älteste Darstellung des japanischen Daikoku aus einem Tendai-Tempel in der Umgebung von Saichōs Klosterberg Hiei. Rüstung, Stab und vor allem die langen Ohren offenbaren einen starken Einfluss der buddhistischen Ikonographie. Dennoch verleihen die Mütze und die gedrungene Statur diesem Daikoku eine gewisse Bodenständigkeit. Die Darstellung des Daikoku im sogenannten „halben Lotossitz“, der auch auf manchen Kannon-Darstellungen zu finden ist, ist äußerst selten und praktisch nur auf Tendai Tempel beschränkt. (Iyanaga 2002, S. 300) Daikoku des Kongorin-ji (Shiga-ken), Heian-Zeit
Die Abbildung oben zeigt die angeblich älteste Darstellung des Daikoku aus einem Tendai-Tempel in der Umgebung von Saichōs Klosterberg Hiei. Rüstung, Stab und vor allem die langen Ohren offenbaren einen starken Einfluss der buddhistischen Ikonographie. Dennoch verleihen die Mütze und die gedrungene Statur diesem Daikoku eine gewisse Bodenständigkeit. |
Daikoku
Daikoku, Heian-Zeit
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Die obigen Beispiele der Daikoku Ikonographie stammen aus dem Umfeld des Tendai Buddhismus. Sie wirken verhältnismäßig realistisch und tragen (noch?) nicht die paranormalen Attribute des Mahakala. Während der älteste bekannte Daikoku die Rüstung eines buddhistsischen Schutzgottes trägt, besitzt der etwas jüngere Daikoku (re.) bereits eine ähnliche Tracht wie auf moderneren Darstellungen. Man beachte auch den Sack, der noch heute auf fast allen Darstellungen ein Erkennungsmerkmal des Daikoku darstellt. Dieser stellt wohl eines der ältesten Attribute Daikokus zusammen: Ein chinesischer Reisebericht aus dem 7. Jahrhundert, „Bericht über den Buddhismus aus den Meeren des Südens“ [4] des Mönchs Yijing (Yijing 義浄 (chin.) — Pilgermönch, Übersetzer und „Indologe“, 635–713; jap. Gijō …mehr ⇒), berichtet, dass Daikoku-ten als Glücksgottheit in den buddhistischen Tempelküchen Indiens verehrt wurde. Er sei dort auf Stützpfeilern abgebildet und zwar als schwarzhäutige Figur mit einem Sack.[5] Dieser Text galt zu seiner Zeit in China als wichtige „indologische“ Quelle. In Japan sind Kopien davon erhalten geblieben, die in der Nara (Nara 奈良 — Hauptstadt und Sitz des Tenno, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō …mehr ⇒)-Zeit angefertigt wurden. Daikoku war demnach durch diesen Text schon früh in Japan bekannt, vielleicht geht sogar seine Verehrung auf diesen Text zurück. Verbindungen Daikokus zur Tempelküche sind jedenfalls auch in späterer Zeit nachweisbar.
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Daikoku
Daikoku des Hōju-in, Berg Kōya, späte Kamakura-Zeit
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Daikoku
Daikoku des Saidai-ji, Nara
Kamakura Zeit |
Der gemalte Daikoku (li.) aus der Kamakura (Kamakura 鎌倉 — Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shogunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit (die älteste gemalte Version) erinnert nur durch ihre hervorquellenden Augen an die Wächtergottheiten des esoterischen Buddhismus, während sich in der Skulptur rechts bereits die humorvolle Ausstrahlung des späteren Glücksgottes andeutet. Beide Beispiele stammen aus dem Umfeld des Shingon (Shingon-shū 真言宗 — Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes …mehr ⇒) Buddhismus. Die Figur rechts ist im Besitz des Saidai-ji (Saidai-ji 西大寺 — Buddhistischer Tempel in Nara, err. 765, Haupttempel der Shingon Risshū Schule …mehr ⇒) in Nara (Nara 奈良 — Hauptstadt und Sitz des Tenno, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō …mehr ⇒), wo ein besonderer Daikoku-Kult durch den berühmten Mönch Eizon (1201–1290) belegt ist. Ähnlich wie (der Legende nach) Saichō unterhielt auch Eizon gute Beziehungen zum erwähnten Miwa Schrein (südlich von Nara), wo die Gottheit Ōkuninushi verehrt wird.
Dass sowohl im Tendai als auch im Shingon Buddhismus reges Interesse an der Gottheit des Miwa Schreins bestand, lässt sich auch aus anderen historischen Zusammenhängen erschließen.[6] Wie die Verbindung Ōkuninushis mit dem Küchengott Daikoku aber genau zustande kam, ist trotz der Homophonie ihrer Namen nicht leicht nachvollziehbar. Es scheint aber auf jeden Fall plausibel, dass die Bedeutung Daikokus ab dem Zeitpunkt, als er mit der wichtigen alten Gottheit Ōkuninushi identifiziert wurde, über seine Funktion als Wächter der Tempelküche hinaus ging. Möglicherweise erklärt dies auch die Tatsache, dass einer zunächst niederrangigen Gottheit wie Daikoku bereits in früher Zeit bildliche Denkmäler gesetzt wurden. Um aber zu einer wirklich bedeutenden Gestalt zu werden, waren in der Blütezeit des esoterischen Buddhismus zusätzliche Eigenschaften, wie sie der Namensvetter aus Indien bereit hielt, von Nöten.
Mahakala in Indien, Tibet und Japan
In Tibet zählt der bereits erwähnte „Große Schwarze“ (Nag po chen po, skt. Mahakala) zu den populärsten Gottheiten (s. z.B. Kumar 2005). In erster Linie gilt er als Schutzgott buddhistischer Klöster, was sicherlich im Zusammenhang mit Daikoku als Beschützer der Tempelküche zu sehen ist. Trotzdem — oder gerade deshalb — wird Mahakala zumeist als furchteinflößender, kriegerischer Dämon dargestellt. Genau genommen gibt es im tantrischen Buddhismus mehrere Gottheiten oder Bodhisattvas, die sich der Form des Mahakala bedienen, wenn sie eine zornvolle Erscheinung annehmen. Es gibt daher mehrere Mahakalas, die sich beispielsweise durch die Anzahl ihrer Gesichter und Arme unterscheiden. Ikonographisch lassen sie sich aber auf die gleiche Grundform, nämlich die eines menschenfressenden indischen Dämonen zurückführen.[7] Um die Sache noch verwirrender zu machen, wird die gleiche dämonenartige Grundform nicht nur von verschiedenen Mahakalas, sondern auch von verschiedenen Vajrapanis und anderen esoterischen Gestalten angenommen.
Mahakala
- Statue (Stein, bemalt). 17. Jh., Tibet; im Besitz des British Museum
Bildquelle: insecula.com. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Die hier dargestellte Form des Mahakala wird als Panjaranata Mahakala (Mahakala als Herr des [Vajra] Baldachin [Tantras]) bezeichnet. Der Name leitet sich von einem bestimmten Tantra-Text ab, wird aber manchmal auch als „Herr des Zelts“ übersetzt.
Mahakala
- Hängerollbild (Baumwolle, Farbe). Tibet, 19. Jh.; 88,90 x 60,96 cm
Bild © Himalayan Art
Collection of Shelley & Donald Rubin
Die beiden Darstellungen rechts stammen aus dem Tibet des siebzehnten bzw. neunzehnten Jahrhunderts, gehen aber auf ältere ikonographische Vorbilder zurück. Das untere Beispiel ist der ausgezeichneten online Kollektion tibetischer Kunst Himalayan Art entnommen, wo noch jede Menge ähnlicher Darstellungen zu finden sind. Auf dieser Seite findet sich zum dargestellten Motiv folgende ikonographische Beschreibung aus dem 16. Jahrhundert:
The great Vajra Mahakala blazes, with one face, two hands, holding in the right a curved knife and in the left a skullcup filled with blood held above and below the heart. Held across the middle of the two forearms is the 'Gandhi of Emanation.' With three eyes, bared fangs, yellow hair flowing upward, [he has] a crown of five dry human skulls and a necklace of fifty wet - blood dripping. Adorned with six bone ornaments and snakes, having a lower garment of tiger skin, flowing with pendants and streamers of various silks, in a posture dwarfish and thick [he] stands above a corpse.
Konchog Lhundrup (1497-1557)[8]
Diese Mahakala Ikonographie ist auch im esoterischen Buddhismus Japans bekannt. Man findet sie vor allem auf Mandalas des Makakara (Makakara 摩訶迦羅 — skt. Mahakala, „Großer Schwarzer“; alternativer Name des Glücksgotts Daikoku …mehr ⇒) (jap. Aussprache von Mahakala), also Abbildungen einer eigenen spirituelllen Welt, in der Makakara/Daikoku im Mittelpunkt steht. Auch in der ältesten Sammlung ikonographischer Grundtypen, dem Zuzōshō aus der späten Heian Zeit, ist eine solche Darstellung des Daikoku zu finden (Abb. unten). Die hier abgebildete Gottheit geht ganz offensichtlich auf denselben ikonographischen Grundtypus zurück wie der indo-tibetische Mahakala. Totenschädel im Haar, Schlangenketten und die Leichen von Menschen und Tieren in Mahakalas Händen finden sich hier wie da. Auch die mehrfachen Gesichter und die Elefantenhaut sind im tantrischen Buddhismus Tibets bekannt.
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Daikoku Tenshin
Abbildung aus dem ältesten Kompendium der buddhistischen Ikonographie Japans. Das Werk enthält 142 Vorlagen von buddhistischen Abbildungen. Die vorliegende Bildfassung stammt aus einer Kopie des Werks aus dem Jahr 1702. Daikoku Tenshin, Heian Zeit
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Mahakala (makakara, daikoku)
Hier als zentrale Figur eines ihm gewidmeten Mandalas (Makakara mandara). Die Abbildung entstammt dem Titelblatt des Buches. Makakara-ten, Edo Zeit
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Spätestens im japanischen Mittelalter begann man, eine Verbindungen zwischen dem einheimischen „Daikoku“ und „Makakara“ herzustellen. Beide Namen wurden abwechselnd für die gleiche Gottheit verwendet, Daikoku bekam explizit die Eigenschaften des Makakara zugesprochen. So heißt es im Keiran shūyōshū (1317), einer Schrift des mittelalterlichen Tendai Buddhismus, dass Daikoku-ten eine Gottheit sei, die „das Fleisch und das Blut der Menschen frisst“. [9]
Dass gerade eine so grausame Gottheit wie Mahakala im esoterischen Buddhismus Bedeutung erlangte, entspricht einer paradoxen esoterischen Logik, die gerade in den schrecklichsten Gestalten einen Weg zur Erleuchtung sucht. Diese Logik war im übrigen nicht auf Mahakala allein beschränkt, sondern findet sich in allen möglichen Figuren des esoterischen Buddhismus, z.B. den „Mantra-Königen“ (Myōō (Myōō 明王 — wtl. „Licht-König“ oder „Mantra-König“; auch „Weisheits-König“; skt. Vidyārāja …mehr ⇒)). Die allgemeine historische Entwicklung dieser Ikonographie wird auch in meinem Essay über die Figur des Vajrapani genauer besprochen.
Kombinationen
Die obigen esoterischen Darstellungen des Daikoku/Makakara als zornvolle Beschützergottheit sind in Japan sehr selten. Ihre Kenntnis war wohl immer auf eng begrenzte Mönchskreise beschränkt. Gleichzeitig scheinen die bäuerlichen, auf Nahrung und Wohlstand bezogenen Aspekte des Daikoku immer den Hauptstrang seiner Erscheinungsformen gebildet zu haben. Allerdings kam es zu zahlreichen Vermischungen beider Typen.
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Daikoku und Ebisu
Hier bereits in klassischer Ausführung. Daikoku und Ebisu, 1551
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Dreigesichtiger Daikoku (Sanmen Daikoku)
Ähnlich wie der indische Mahakala kann auch Daikoku eine dreigesichtige Form annehmen. In den meisten Beispielen aus der Edo-Zeit verschmilzt er dabei mit Bishamonten (li) und Benzaiten (re). Frühere Beispiele dieses Typs tragen durchaus auch zornvolle, furchteinflößende Züge. Sanmen Daikoku (Hokusai, 1849)
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Die Abbildung oben links zeigt eine frühe Version des klassischen Glücksgottes Daikoku mit seinem Kollegen Ebisu (Ebisu 恵比寿 — Glücksgott der Händler und Fischer; andere Schreibung: 夷 oder 戎 …mehr ⇒) von Kanō Motonobu. Die verspielte Darstellung der beiden Götter existierte also schon Ende des japanischen Mittelalters. Die Abbildung rechts stammt hingegen aus der späten Edo-Zeit und beweist, dass die Formensprache des esoterischen Buddhismus damals noch durchaus präsent war. Ähnlich wie manche Formen des indischen Mahakala ist auch dieser Dakoku mit drei Gesichtern ausgestattet. Doch auch die heute geläufige Ikonographie der Glücksgötter ist mit im Spiel: Bei genauem Hinsehen erkennt man in einem der Gesichter den Glückgott Bishamon-ten (Bishamon-ten 毘沙門天 — Himmelswächter des Nordens, Glücksgott …mehr ⇒) (li.) im anderen Benzaiten (Benzaiten 弁才天/ 弁財天 — Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten …mehr ⇒) (re). Dies ist nicht etwa eine Erfindung des genialen Katsushika Hokusai (Katsushika Hokusai 葛飾 北斎 — 1760–1849; Maler und Zeichner. Bekanntester Verteter der Ukiyoe-Blockdruck Kunst …mehr ⇒), sondern entspricht dem gängigen Schema des dreigesichtigen Daikoku (Sanmen Daikoku) der Edo-Zeit. Auch die ironischen Züge des Glücksgottes, die in Hokusais Darstellung deutlich hervorblitzen, sind an anderen dreigesichtigen Daikokus der Edo-Zeit feststellbar.
Sanmen-Daikoku
- Statue. Edo-Zeit; Motoyama-dera, Tempel der Pilgerroute in Shikoku
Bild © Bernhard Scheid, 2007
Dreiköpfiger Daikoku mit den Zusatzgesichtern von Bishamon-ten und Benzaiten.
Daikoku (zushi)
- Miniaturschrein. 19. Jh.
Dreigesichtiger Daikoku
- Wahrscheinlich Edo-Zeit; Eishin-ji, Tokyo
Bild © B-kyū Tōkyō Shashin Nikki, J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Der Legende nach von Kūkai geschnitzt.
Obwohl die Bedeutung des esoterischen Buddhismus in der Edo (Edo 江戸 — Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit insgesamt zurück ging, hielten sich die esoterischen Attribute des Mahakala, besonders die schwarze Haut und die drei Gesichter, also noch lange. Zugleich verlor Daikoku mit steigender Popularität als Glücksgott seine furchteinflößenden Züge und behielt lediglich den Hammer (in frühen Darstellungen eher ein Stab oder ein Schwert) als eine Art magisches Instrument.
Die Ikonographie des modernen Glücksgottes hat sich mittlerweile sogar von der schwarzen Haut des Daikoku wegentwickelt und entspricht weitgehend dem ursprünglichen, bäuerlichen Typ. Vom esoterischen Mahakala ist in erster Linie der gedrungene, zwergenhafte Körper geblieben (den Daikoku im übrigen auch an andere Glücksgötter vererbt hat).
Mahakala scheint somit im historischen Rückblick als eine Art Katalysator gewirkt zu haben, damit aus dem Gott der Tempelküche ein allgemein bekannter und populärer Glücksgott werden konnte. Erst durch diese Verbindung wurde Daikoku mit den nötigen Kräften ausgestattet, um als Anführer der Sieben Glücksgötter beinahe jeden Wunsch nach einem guten, materiell abgesicherten Leben erfüllen zu können.
Daikoku
- Statue
Wie er in modernen Souvenierläden zu finden ist.
Daikoku
- Statue (Keramik) von Miwa Zenraku. Um 1800
Bild © Yamaguchi Bijutsukan
Er war schon in der Edo-Zeit populär.
Daikoku
- Statue (Stein) von Kobayashi Kazuhira. 1895
Bild © komainu.net, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Epilog: Daikokus Mauswächter
Vieles an der Figur des Daikoku bleibt nach wie vor rätselhaft. Woher rührt beispielsweise die Tatsache, dass Daikoku stets von Mäusen begleitet wird?
Daikoku veranstaltet ein Wagenrennen mit Mäusen
- Neujahrsbild von Kawanabe Kyōsai. 19. Jh.
Auch ein weiteres Attribut Daikokus ist dargestellt, der Rettich (Daikon), der hier als Wagen dient.
Auch ein weiteres Attribut Daikokus ist dargestellt, der Rettich (Daikon), der hier als Wagen dient.
Neujahrsbild von Kawanabe Kyōsai, 19. Jh.
Die Maus dient Daikoku heute ganz „offiziell“ als Tiergefährte, sie hat aber auch einen Bezug zu Ōkuninushi, der, wie wir gesehen haben, oft mit Daikoku identfiziert wurde. Im Kojiki (Kojiki 古事記 — Älteste jap. Chronik (712) …mehr ⇒) wird erzählt, dass dieser Gott von seinem Vater (bzw. Ahnherren) Susanoo (Susanoo 須佐之男 — mytholog. Trickster-Gott; Sturmgott, Mondgott …mehr ⇒) verstoßen wurde und es erst nach zahlreichen Prüfungen und Abenteuern schaffte, das Erbe Susanoos anzutreten. Eines dieser Abenteuer bestand darin, dass Ōkuninushi einem Steppenbrand entkommen musste, den sein Vater gelegt hatte. Inmitten der Flammen erschien eine Maus und zeigte Ōkuninushi ein Erdloch, in das er sich verkroch und überlebte.
Im Südosten Kyotos befindet sich ein alter Schrein namens Ōtoyo Jinja, der für seine zahlreichen Tierwächter bekannt ist. Zu diesen zählen auch zwei Mäuse. Sie bewachen jedoch keinen Daikoku Schrein, sondern einen Zweigschrein, der dem Ōkuninushi geweiht ist.
Schrein, bewacht von zwei Mäusen
- Statue (Stein); Ōkuninushi Schrein, Kyoto
Bild © Craig Fryer, 2007. (Letzter Zugriff: 2011/7)
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Wächtermaus
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Wächtermaus
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Ōkuninushi Schrein in Kyoto, bewacht von zwei Mäusen | |
Ist nun Daikokus Maus ein Hinweis auf seine Verwandtschaft mit Ōkuninushi? Oder erklärt sich ihre Bedeutung doch eher aus Daikokus Funktion in der Tempelküche: Etwa, dass eine Gottheit, die die Nahrung schützt, einen Einfluss auf Mäuse haben muss, die die Nahrung vernichten? Oder ist die Maus auf den verschlungenen Wegen des Mahakala an die Seite Daikokus gelangt? Einen möglichen Aufschluss darüber gibt die Ikonographie eines anderen Glücksgottes: Bishamon-ten.
Literatur und Links
- Iyanaga Nobumi 2002
Daikoku-ten hensō. Tokyo: Hōzōkan. [Engl. Titel: Variations on the Theme of Mahākāla.]
- Yamamoto Hiroko 1998
Ishin: Chūsei Nihon no mikkyōteki sekai [Seltsame Götter: Die esoterische Welt des japanischen Mittelalters]. Tokyo: Heibonsha. - The Many Forms of Mahakala, Protector of Buddhist Monasteries, Nitin Kumar (en.)
Mahakala - Artikel auf exoticindiaart.com. - Himalayan Art Ressources, Shelley & Donald Rubin Foundation (en.)
Siehe insbesondere: Mahakala ikonography".Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
Anmerkungen
- ↑ Shusse suru (wtl. „in die Welt treten“) ist heute im Sinne von „aufsteigen“, „Karriere machen“ gebräuchlich. Ursprünglich bezog sich der Ausruck aber auf das In-die-Welt-treten eines Buddhas. Somit könnte Shusse Daikoku ursprünglich die Gestalt bedeutet haben, die Daikoku in der sichtbaren Welt annimmt (im Unterschied zu seiner eigentlichen Buddhagestalt). Die geläufigere Auslegung des Namens Shusse Daikoku besagt jedoch, dass ein solcher Daikoku hilfreich sein kann, selbst in der Welt Karriere zu machen.
- ↑ Kala kann sowohl „schwarz“ als „Zeit“ heißen und es besteht Uneinigkeit, was im originalen Sanskritnamen gemeint ist. In Ostasien entschied man sich jedenfalls bei der Übersetzung für „schwarz“.
- ↑ Iyanaga 2002, S. 547–48.
- ↑ Nanhai jigui nefachuan 南海寄帰内法伝, jap. Naikai kiki naihōden
- ↑ Iwai Hiroshi, Daikokuten (Encyclopedia of Shinto).
- ↑ Mönche beider Richtungen trugen entscheidend zur Entstehung des sogenannten Miwa-ryū Shinto bei. Es handelt sich dabei um eine nach Modellen des esoterischen Buddhismus geformte Shinto-Schule, die in gewissen elitären Zirkeln des Mittelalters und der frühen Neuzeit kursierte.
- ↑ Im speziellen handelt es sich um sogenannte Yakshas oder Rakshas. Himalayan Art erklärt dazu:
Mahakala is a category of Tantric Buddhist deity. His primary function is as a protector (Dharmapala) and specifically the primary Wisdom Protector of Himalayan and Tibetan Buddhism. There are dozens of different variations and forms of Mahakala. He is typically in wrathful appearance following the Indian model of a Raksha demon. In most occurrences and uses of Mahakala, he is paired with a meditational deity [...]. In most cases Mahakala is an emanation, or wrathful aspect, of the principal meditational deity that he is associated with.
Mahakala Main Page [2011/4]
Rakshas oder Rakshasas (राक्षसrākṣasa (skt., m.) — Dämon …mehr ⇒) sind in den ältesten indischen Texten, den Veden, menschenfressende Dämonen, die in den komplizierten Kämpfen innerhalb des indischen Pantheons einen Teil des Fußvolks darstellen. Sie werden oft in einem Atemzug mit den Yakshas (यक्षyakṣa (skt., n.) — übernatürliches Wesen, Geist, Dämon …mehr ⇒) genannt, die ebenfalls eine niedere kriegerische Kaste darstellen (beide sollen aus Brahmas Fuß entstanden sein). Schon in den Veden werden Rakshas mitunter „zum Guten“ bekehrt und bewähren sich dann als tüchtige Kämpfer. Sie werden auch als ehemalige indische Lokalgottheiten interpretiert. Beide Dämonenrassen können auch weiblich sein. Der japanische Buddhismus kennt die Rakshas unter der Bezeichnung rasetsu (rasetsu 羅刹 — von skt. Raksha bzw. Rakshasi (weibl. Form); menschenfressende Dämonenrasse des indischen Pantheons …mehr ⇒), eine Frühform der japanischen oni (oni 鬼 — Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister …mehr ⇒). Yakshas kommen im Buddhismus besser weg: Als ihr oberster Chef gilt Bishamon-ten (Bishamon-ten 毘沙門天 — Himmelswächter des Nordens, Glücksgott …mehr ⇒), der Wächter des Nordens.
- ↑ Zitiert nach Himalayan Art [2011/4]
- ↑ Yamamoto 1998, S. 126
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