Ryōgai Mandara, Mandalas der beiden Welten

Religion-in-Japan > Ikonographie > Mandala > Ryogai Mandara
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite zitieren:
Bernhard Scheid, „Ryōgai Mandara, Mandalas der beiden Welten“ (Stand: 2013-01-19). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie:Mandala/Ryogai_Mandara?oldid=33014

Auf dieser Seite

Mandalas (मण्डलmaṇḍala (skt., n.)„Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung …mehr ⇒) sind besonders im Shingon (Shingon-shū 真言宗Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes …mehr ⇒) Buddhismus zentrale rituelle Bildwerke, die man u.a. als Gegenstand der Meditation nützt, um sich die Wahrheiten des Buddhismus visuell zu vergegenwärtigen. Die beiden Hauptmandalas der Shingon Schule repräsentieren jeweils eine eigene „Welt“, die zusammen alle Aspekte der Realität umfassen: „Mutterschoß“- und „Vajra (वज्रvajra (skt., m.)„Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus …mehr ⇒) -Welt“. Da sie fast immer in Kombination auftreten, werden diese beiden Mandalas auch Ryōgai mandara (Ryōgai mandara 両界曼荼羅wtl. Mandalas der beiden Welten; Doppelset von Mandalas im → Shingon Buddhismus ), Mandalas der beiden Welten, genannt. In beiden Welten nimmt Dainichi Nyorai (Dainichi Nyorai 大日如来Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“ …mehr ⇒), der zentrale Buddha des Shingon Bud­dhis­mus, die wichtigste Stellung ein. Dieser Buddha zeigt sich, je nachdem ob man ihn aus der realen, uns umgebenden Mutter­schoß-Welt oder aus der Vajra-Welt — dem Zustand der perfekten Er­leuch­tung — betrachtet, in unterschiedlichen Formen, und dieser Unter­schied oder Doppel­aspekt soll sich symbolisch in den Mandalas der beiden Welten wider­spiegeln. Wichtig ist dabei, dass keine der beiden Welten der anderen unter­ge­ordnet ist, sondern dass sie sich perfekt ergänzen. In den Riten des Shingon Buddhismus sollen daher beide Mandalas neben dem Altar aufgehängt werden, das Vajra-Welt Mandala im Westen, das Mutterschoß-Mandala im Osten.

Vajra-Welt (Kongōkai)

Im Vajra-Welt Mandala (Kongōkai (Kongōkai 金剛界Vajra-Welt, Diamant-Welt, Mandala des → Dainichi …mehr ⇒)) erkennt man Dainichi im mittleren oberen Feld der drei mal drei Haupt­felder. Diese Anordnung entspricht dem idealen Grund­riss einer Haupt­stadt (nach chinesischem oder auch klassisch-japanischem Muster): der Palast des Kaisers beherrscht nach diesem Schema vom Norden her die Stadt. Dainichi trägt, im Gegensatz zu sonstigen Buddha-Darstellungen, eine Krone und faltet die Hände zur mudra (मुद्राmudrā (skt., f.)„Siegel“, Gebetsgeste …mehr ⇒) der Weis­heit.

kongokai.jpg

Vajra-Welt Mandala (Kongōkai mandara)

Hängerollbild (Seide, Farbe). Heian-Zeit, 9. Jh.; „Nationalschatz“; Saiin Kyōōgokoku-ji (Tōji Tempel), Kyoto; 183,5 x 163 cm
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Der Hauptbuddha dieses Mandalas, Dainichi mit der Weisheits-Mudra, befindet sich im mittel-oberen Feld. Dieses Mandala ist einer Hauptstadt mit dem Palast im Norden nachempfunden. S.a. ten Grotenhuis 1999, Japanese Mandalas, plate 6.

Kongōkai mandara, Heian Zeit (9.Jh.)

Die neun Felder sind in streng geometrische Formen unterteilt. Im Fach­jargon werden die Einzel­felder des Kongōkai mandara als „Versammlungen“ bezeichnet. Die Versammlungen bestehen bei genauer Betrachtung aus unzähligen Buddha (बुद्धBuddha (skt., m.)„Der Erleuchtete“ …mehr ⇒) -und Bodhisattva (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.)„Erleuchtetes Wesen“ …mehr ⇒) -Gestalten, doch ist ihre Zahl und Anordnung genau festgelegt. Dainichi kommt im übrigen, wie andere Buddhas auch, in mehreren dieser Versammlungen vor. Jede Versammlung kann auch als einzelnes Mandala gelesen und dargestellt werden.

kongou1.gif
Schema des Kongōkai mandara

Die „Versammlungen“ der neun Felder von oben links nach unten rechts:

1) Vier Mudrā Versammlung 2) Ein Mudrā Versammlung 3) Höchstes Prinzip Versammlung
4) Opfer Versammlung 5) Perfekter Körper Versammlung 6) Versammlung des Gōsanze [Myōō]
7) Subtile Versammlung 8) Samadhi Versammlung 9) Gōsanze Samadhi Versammlung

Bildquelle: Bukkyō no benkyōshitsu [2010/8].
1) Vier Mudrā Versammlung 2) Ein Mudrā Versammlung 3) Versammlung des Höchsten Prinzips
4) Opfer Versammlung 5) Perfekter Körper Versammlung 6) Versammlung des Gōsanze [Myōō]
7) Subtile Versammlung 8) Samadhi Versammlung 9) Gōsanze Samadhi Versammlung

Mutterschoß-Welt (Taizōkai)

Im Mutterschoß-Welt Mandala nimmt Dainichi die Position im Zentrum des Bildes ein. Auch hier hat er — typisch für den esoterischen Bud­dhis­mus — eine Krone auf, seine Hände sind allerdings zur Meditations-Mudra gefaltet. Dieses Mandala ist einem Palast nach­empfunden, die einzelnen Felder werden hier als „Hallen“ bezeichnet.

taizokai_kamakura.jpg

Mutterschoßwelt Mandala (Taizōkai mandara)

Hängerollbild (Seide, Farbe). Heian-Zeit, 9. Jh.; „Nationalschatz“; Saiin Kyōōgokoku-ji (Tōji Tempel), Kyoto; 183,6 x 164,2 cm
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Der Hauptbuddha dieses Mandalas, Dainichi mit der Meditations-Mudra, befindet sich im Zentrum des Bildes. Dieses Mandala ist einem Palast nachempfunden. S.a. ten Grotenhuis 1999, Japanese Mandalas, plate 8.

Taizōkai mandara, Heian Zeit (9.Jh.)

Auch hier sind die jeweiligen Buddha- und Heilsgestalten ganz genau fest­gelegt. In manchen Mandalas werden sie gar nicht figurativ aus­ge­staltet, sondern durch ihre „Samen-Zeichen“ (jap. shuji (shuji 種子Symbolische Sanskrit-Zeichen; wtl. Samen (Skt. bija) …mehr ⇒), skt. bija (बीजbīja (skt., n.)„Samen“, im übertragenen Sinn: ursprüngliches Zeichen, Symbol ) ) re­prä­sen­tiert. Es sind dies Silben­zeichen in einer indischen Schrift namens siddham,[1] die symbolisch für einen Buddha stehen. Diese besondere Symbol­schrift wird in Japan vor allem im esoterischen Buddhismus verwendet. Sie ist noch heute im Shingon und in Zweigen des Tendai (Tendai-shū 天台宗Tendai Schule, chin. Tiantai …mehr ⇒) Buddhismus in Gebrauch.

taizokai_shuji.jpg

Taizōkai mit shūji-Zeichen

Mandala. Heian-Zeit, 9. Jh.
Bild © Bukkyō no benkyōshitsu. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Taizōkai mandara mit shūji-Zeichen.

Die Namen der beiden Mandalas, Mutterschoß und Vajra (oft auch als Diamant oder Donnerkeil bezeichnet), leiten sich von ver­schie­denen Sutren (सूत्रsūtra (skt., n.)„Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift …mehr ⇒) ab, die ursprünglich un­ab­hängig von einander ent­standen, aber von Kūkai (Kūkai 空海Gründer des Shingon Buddhismus, 774–835 …mehr ⇒), dem Begründer des japanischen Shingon, oder von seinem chinesischen Lehrer Huiguo (Huiguo 惠果 (chin.) — (746–806) ältere Schreibung Hui-kuo; chin. Lehrer Kūkais …mehr ⇒), als elementare Lehrschriften ihrer Schule aus­gewählt wurden. Es ist aller­dings bis heute strittig, wie die Anordnung der einzelnen Buddhas genau mit den jeweiligen Texten in Beziehung steht.

Bei der Kombination der beiden Mandalas, die außerhalb Japans kaum bekannt ist, dürfte wohl auch die Yin Yang (Yin Yang 陰陽 (chin.) — Dualistisches Prinzip der chin. Naturphilosophie …mehr ⇒) Philosophie, bzw. die Berück­sich­tigung eines männlichen und eines weiblichen Prinzips, eine Rolle gespielt haben: Obwohl dieser Punkt selten erwähnt wird, erscheint mir der geschlechtliche Aspekt von „Mutterschoß“ und „Vajra“ in der Kom­bi­na­tion der beiden Mandalas keineswegs zufällig.

Anmerkungen

  1. Siddham ist verwandt aber nicht identisch mit der Devanagari Schrift, in der Sanskrit üblicherweise geschrieben wird.
Ikonographie: Mandala (zurück zum Hauptartikel)
Ikonographie
Wiki Account
Namensräume

Varianten
Aktionen
Religion-in-Japan
Updates
Werkzeuge