Vajrapani Der Feldherr des esoterischen Buddhismus

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Bernhard Scheid, „Vajrapani Der Feldherr des esoterischen Buddhismus.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 27.7.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie/Myoo/Vajrapani?oldid=51875X

Vajrapāṇi वज्रपाणि Vajrapāṇi (skt., m.) „Vajrahand“, Vajraträger; jap. Kongōshu 金剛手siehe auch→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku (skt. „der den vajra वज्र vajra (skt., m.) „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus; jap. kongō 金剛siehe auch→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Ikonographie/Mandala→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Mudra→ Ikonographie/Dainichi → mehr in der Hand hält“) spielt im eso­teri­schen Bud­dhis­mus Tibets eine zen­trale Rolle. Er zählt hier zusam­men mit Avalokiteśvara अवलोकितेश्वर Avalokiteśvara (skt., m.) „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva; jap. Kannon 観音 oder Kanzeon 観世音siehe auch →  Buddhas Leben → Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Texte/Sutra (jap. Kannon) und Mañjuśrī मञ्जुश्री Mañjuśrī (skt., m.) Bodhisattva der Weisheit; jap. Monju 文殊siehe auch→ Texte/Himmelskunde/Astrologie→ Mythen/Jenseits/Enma (jap. Monju) zu den drei wich­tigsten Bodhisattvas बोधिसत्त्व Bodhisattva (skt., m.) „Erleuchtetes Wesen“; jap. bosatsu 菩薩siehe auch →  Buddhismus Lehre → Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Ikonographie/Kannon→ Alltag/Matsuri/Phalluskulte → mehr und gilt als mäch­tigs­ter Be­schüt­zer des Bud­dhis­mus. In dieser Funktion nimmt er zu­meist die Gestalt eines zor­nigen yakṣa यक्ष yakṣa (skt., n.) übernatürliches Wesen, Geist, Dämon; jap. yasha 夜叉siehe auch→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten→ Texte/Sutra/Goldglanz Sutra -Dämo­nen1 an, in der auch andere Schutz­gott­heiten, z.B. Mahākāla महाकाल Mahākāla (skt., n.) „Großer Schwarzer“, esoterische Gottheit; jap. Makakara 摩訶迦羅 oder Daikoku 大黒siehe auch →  Gluecksgoetter → Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten auf­treten können. In Japan haben sich zwar andere zorn­volle Beschützer­gott­heiten durch­gesetzt, doch scheinen sowohl tibe­tische als auch japa­nische auf ähn­liche Grund­typen des eso­terischen Bud­dhismus (mikkyō mikkyō 密教 esoterischer Buddhismus, Tantrismus; wtl. geheime Lehre; Gegenstück zu kengyōsiehe auch Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Buddhismus→ Ikonographie/Mandala→ Ikonographie/Mudra→ Ikonographie/Myoo/Fudo → mehr ) zurück­zugehen.

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Vajrapani (Bhutadamara)

Rollbild, thangka (Baumwolle, Farbe), Detail. Tibet, 18. Jh.; 69,22 x 46,36 cm
Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2011/8)
Collection of Rubin Museum of Art

Vajrapani mit vier Armen, drei Augen. In der rechten, weggespreizten Hand ein Vajra, in der Linken ein Seil, die beiden anderen Arme zur Mudra der Dämonenabwehr geformt (vgl. Gōsanze Mudra). Tanzt auf der Leiche eines Dämonen (Aparajita) mit ebenfalls vier Armen und einem Elefantenrüssel.

. 1 Vajrapani auf einem tibetischen Thangka, 18. Jh. (Detail)
Vier Arme, drei Augen, tanzt mit einem Yajra in der Hand auf einer Leiche.

Was ist ein vajra?

  1. In den Veden das Zepter Indras in Form eines Donner­keils.
  2. In der pura­nischen (hinduistischen) Literatur eine Waffe aus den Knochen eines Heilers (rishi).
  3. Ritual­instrument und Symbol des tantris­tischen/eso­teri­schen Buddhis­mus, des Vajrayāna वज्रयन Vajrayāna (skt., n.) „Vajra-Fahrzeug“, Tantrismus, esoterischer Buddhismus; jap. Mikkyō 密教 oder Kongō-jō 金剛乗siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Geschichte/Kukai (Fahrzeug des vajra). Meist aus Metall mit fünf oder neun (in Japan auch ein oder drei) einwärts gebo­genen Zacken an beiden Enden.

Definition nach Himalayan Art

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Tibetischer vajra (tib. dorje, jap. kongō)

Dämonen­artige Gott­heiten wie Vajrapani besit­zen Raub­tier­zähne und ein drittes Auge, zu ihrem Schmuck gehören Toten­schädel und ein Lenden­schurz aus Tiger­fell, sie tanzen eine Art Sieges­tanz auf den Leichen ihrer ge­töte­ten Gegner. Ähn­lich wie die fried­fertigen Bodhi­sattvas unter­scheiden sie sich unter­einander haupt­säch­lich durch die Attribute, die sie in der Hand halten, oder durch bestimmte para­normale Körper­merk­male, etwa die Farbe der Haut oder die Anzahl der Arme und Beine. Der vajra वज्र vajra (skt., m.) „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus; jap. kongō 金剛siehe auch→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Ikonographie/Mandala→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Mudra→ Ikonographie/Dainichi → mehr ist Vajrapanis typischstes Attribut, dem er auch seinen Namen verdankt. Ein vajra (manchmal auch als „Diamant“ oder „Donnerkeil“ übersetzt) dient im eso­teri­schen Buddhis­mus als wichtiger Ritual­gegen­stand und gilt zugleich als magische Waffe.

Die dämo­nischen Schutz­gott­heiten des tibe­tischen Buddhis­mus lassen sich zum Groß­teil auf indische Ur­sprünge zurück­führen und sind auch in anderen buddhis­tischen Regionen — wenn auch meist weniger prominent — vertreten. Wenn man sie zum ersten Mal betrachtet, drängt sich un­will­kürlich die Frage auf, wie diese Ikono­graphie mit dem fried­vollen Bild der üblichen Buddha- und Bodhi­sattva-Statuen in Ein­klang zu bringen ist. Man stößt in diesem Zu­sammen­hang recht bald auf Erklä­rungen, die in derar­tigen Dar­stel­lungen einen meta­physischen Kampf gegen Ver­blen­dung und weltliche Begierden sehen und meist genau erläutern, wie etwa die Krone mit den fünf Toten­schädeln den Sieg über die „Fünf Gifte“ (pañca kleśaviṣa पञ्चक्लेशविष pañca kleśaviṣa (skt., m.) „Fünf Gifte“, Falschheit, Stolz, Begierde, Eifersucht und Hass; fünf Leidenschaften (klesha), die den Menschen ans Diesseits binden) symbolisiert. Warum aber nimmt dabei die Dar­stellung der Gewalt bzw. der Be­strafung größeren Raum ein als die Darstellung der Belohnung? Und wieso tritt diese Art der Dar­stellung im Buddhis­mus offenbar erst relativ spät und zumeist im Zu­sammen­hang mit eso­teri­schen Richtungen auf? Mit den folgenden Beispielen aus der Ikono­graphie des „vajra-Trägers“ soll eine An­näherung an diese Fragen versucht werden.

Herkunft und früheste Ikonographie

Eine häufig zitierte Theorie besagt, dass Vajrapani sich ursprünglich aus dem vedischen Gewitter- und Kriegs­gott Indra इन्द्र Indra (skt., m.) hohe indische Gottheit, vergleichbar mit Zeus/Jupiter; jap. Taishaku-ten 帝釋天siehe auch→ Mythen/Symboltiere/Drei Affen→ Mythen/Jenseits/Ashura→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten ent­wickelt hat, der eben­falls ein vajra als Emblem besitzt, und den Namen Vajrapani zu seinen Beinamen zählt. Der vajra, den Indra in der Hand hält, ist übrigens zugleich Waffe und königliches Zepter und wird überdies als „Donnerstab“ gedeutet, wie ihn auch Zeus oder Thor besitzen.

Anderer­seits existieren frühe Dar­stel­lungen aus Gandhāra गन्धार Gandhāra (skt., m.) ehemaliges Königreich im 1. bis 3. Jh. im heutigen Pakistansiehe auch →  Ikonographie (1. bis 3. Jh. im heutigen Pakistan), die Vajrapani im graeco-buddhis­tischen Stil darstellen. Er tritt hier als Gestalt im Gefolge des Buddha Śākyamuni शाक्यमुनि Śākyamuni (skt., m.) „Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha; jap. Shaka 釈迦 oder Shakamuni 釈迦牟尼siehe auch →  Buddhas Leben → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Tempel→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Amida→ Ikonographie/Shaka → mehr in Erschei­nung, die man vielleicht als eine Art Leib­wächter bezeichnen könnte. Auf­fal­lend ist dabei die starke Ver­wandt­schaft mit dem grie­chischen Helden Herakles. Der vajra in seiner Hand ähnelt einem Knüppel oder Knochen.

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Vajrapani

Statue (Terracotta). Zentralasien, 5. Jh.
Bild © Asianart.com. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Vajrapani-Statue aus Terracotta.

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Buddha und Vajrapani mit Fliegenwedel

Skulptur. Gandhara, 1.Jh u.Z.; im Besitz des Museum für Indische Kunst, Berlin-Dahlem
Bild © Gryffindor, Wikimedia Commons, 2010. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Buddha in Begleitung von Vajrapani.

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Buddhas Predigt in Sarnath

Skulptur (grauer Schiefer). Kushan Periode, 3. Jh.; Gandhara im heutigen Pakistan; 28,6 x 32,4 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Gift of Daniel Slott, 1980

Vajrapani als nackter, Herkules-artiger Leibwächter (mit Knüppel) hinter dem Buddha Shakyamuni, auf einer Darstellung von Buddhas erster Predigt im sog. Hirschpark von Sarnath.

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Buddha und Vajrapani

Skulptur (grauer Schiefer), Detail. Kusana Periode, N-Indien, 1.–3.Jh. u.Z.; Höhe: 29,2 cm
Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Darstellung der Unterwerfung der schwarzen Schlange in Rajgrha durch Buddha und Vajrapani.

. 2. 3. 4. 5
Vajrapani/ Herakles als Leibwächter des Buddha
Nordindien und Pakistan, 1.–3. Jh.

Die kriege­rischen Figuren Herakles und Indra könnten also beide für die vielen gewalt­tätigen Aspekte in der späteren Ausge­staltung des Vajrapani verantwortlich sein.

Vom friedlichen Bodhisattva zum zornigen Dämonen

Zunächst scheint sich Vajrapani jedoch von Buddhas Leib­wächter zu einem Bodhisattva बोधिसत्त्व Bodhisattva (skt., m.) „Erleuchtetes Wesen“; jap. bosatsu 菩薩siehe auch →  Buddhismus Lehre → Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Ikonographie/Kannon→ Alltag/Matsuri/Phalluskulte → mehr hoch­gearbeitet zu haben. Als solcher wird er in fried­voller androgyner Gestalt mit mildem Lächeln und ent­spannten Zügen abgebildet. Dar­stel­lungen dieser Art dürften v.a. im Indien des siebenten und achten Jahr­hunderts häufig gewesen sein, tauchen ver­einzelt aber auch später noch in Tibet auf. Die einzige Ge­mein­sam­keit dieser ikono­graphi­schen Form mit dem zornigen Vajrapani ist der vajra in seiner Hand.

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Friedlicher Vajrapani

Statue (Kupferlegierung). Nepal, Licchavi Periode, 6. oder 7. Jh.; 20,5 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Lent by The Kronos Collections

Statue des Bodhisattva Vajrapani.

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Friedlicher Vajrapani

Statue (Basaltgestein). Indien, 7. oder 8. Jh.; 41 x 22 cm
Bild © Museumkennis, (NL). (Letzter Zugriff: 2011/7)

Darstellung des friedlichen Vajrapani.

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Vajrapani

Wandmalerei (Farbe), Detail. Ajanta (Nord-Dekhan, Indien), Höhle #1, 7. Jh.
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/6)

Wandmalerei des Vajrapani.

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Friedlicher Vajrapani

Hängerollbild (Baumwolle, Farbe, Gold). Tibet, 19. Jh.; 79,38 x 52,07 cm
Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Darstellung des Vajrapani in seiner friedlichen Form.

. 6. 7. 8. 9
Vajrapani als friedlicher Bodhisattva

Schon der friedliche Vajrapani wird bisweilen von einem zwergenhaften Dämonen begleitet, der in der Fachsprache als krodha क्रोध krodha (skt., m.) „Zorn“, zornvolle Gottheit; jap. funnuson 憤怒尊siehe auch→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten -Gottheit, also als zornvolle Schutzgottheit, bezeichnet wird. Dieser Dämon spielt zu­nächst gegen­über dem Bodhi­sattva Vajra­pani eine ähnliche Rolle, wie Vajrapani selbst gegen­über Buddha. Die beson­dere ikono­graphi­sche Aus­arbeitung des zornvoll-dämonischen Vajrapani mit seiner be­droh­lichen Mimik und dem charak­teris­tischen Tanz auf den Leichen seiner Feinde scheint aber erst mit dem Aufkommen des Tantrismus तन्त्र tantra (skt., n.) „Gewebe“, Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich Sutra, aber meist mit rituellem Inhalt)siehe auch →  Buddhismus → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Dainichi→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Myoo/Fudo → mehr oder esote­rischen Bud­dhis­mus zu erfolgen.

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Vajrapani

Statue (Bronze, Silber). 8. Jh.; Kashmir
Bild © Amico Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Frühes Beispiel eines kriegerischen Vajrapani mit Raubtierzähnen, Schlangenkette, zu Berge stehendem Haar und hervorquellenden Augen. Hier allerdings noch nicht tanzend, sondern im für friedliche Bodhisattvas typischen halben Lotossitz.

. 10 Kashmir, 8. Jh.
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Trailokyavijaya (Bezwinger der Drei Welten)

Statue (Bronze). Ca. 10. Jh.; Patna Museum, Nalanda, Indien; Höhe ca. 20cm
Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Trailokyavijaya (jap. Gōzanze) ist ein Beiname von Vajrapani. Er bezieht sich auf die Tatsache, dass Vajrapani den Gott Shiva, den Herrn der Drei Welten (Götterwelt, Menschenwelt, Unterwelt), besiegt hat. Shiva und seine Gespielin Parvati (oder Umā) sind auch die beiden Leichen, auf denen Trailokyavijaya tanzt. Vajrapani besitzt in dieser Manifestation vier Köpfe (der vierte ist rückwärts gewandt) und acht Arme. Von seinen acht Händen (die sicher auch einen Vajra gehalten haben) sind nur die innersten erhalten. Sie formen die Mudra (Handgeste) „Abwehr von Unheil“, die auch auf japanischen Abbildungen von Gōzanze Myōō zu sehen ist. (Datierung nach Linroth 1999, Ruthless Compassion, S. 196.)

. 11 Nalanda, Indien, 10. Jh.
Die kriegerischen Aspekte Vajrapanis

Die Unterwerfung Shivas durch Vajrapani

Vajrapanis Wandel vom fried­lichen Bodhi­sattva zum krie­ge­ri­schen „Be­zwin­ger der Drei Wel­ten“ ist di­rekt mit einer tan­tris­ti­schen Le­gen­de ver­knüpft, die ihn als mar­tia­li­schen Be­glei­ter des höchs­ten aller eso­teri­schen Buddhas, Mahāvairocana महावैरोचन Mahāvairocana (skt., m.) „Große Sonne, Großes Licht“, auch Vairocana; jap. Dainichi 大日siehe auch →  Dainichi (jap. Dainichi Dainichi Nyorai 大日如来 Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“siehe auch Dainichi → Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Ikonographie/Mandala→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Mandala/Ryogai Mandara → mehr ), aus­weist. In ihrer frühes­ten Form findet sich die Legende in einem chine­sischen Text aus dem achten Jahr­hun­dert:

... Then Vajrapani raised his vajra away from his heart and waving it, he surveyed the whole circle of the three­fold world to its limits. He spoke: “Come my friends, to the teachings of the Tathagatas. Obey my command!” ... Then Maheśvara महेश्वर Maheśvara (skt., m.) „Großer Herr/Gott“, Beinamen des Shiva; jap. Daijizai-ten 大自在天, the lord of the whole three­fold world in this worldly sphere, proud of his over­lord­ship of the whole three­fold world, appeared very wrathful and said:

“Listen you yaksha, I am Ishvara ईश्वर īśvara (skt., m.) „Herr“, König, Gott, Lord of the threefold world, creator, destroyer, Lord of all Spirits, God of Gods, Mighty God. So how should I carry out the order of a yaksha ...
Listen, you evil being, quickly enter the maṇḍala मण्डल maṇḍala (skt., n.) „Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung; jap. mandara 曼荼羅siehe auch →  Mandala → Ikonographie/Dainichi→ Ikonographie/Shinto-Goetter→ Ikonographie/Mandala/Ryogai Mandara→ Ikonographie/Shinto-Goetter/Kasuga Mandala → mehr and hold my pledge. ...”

Then Maheshvara by the power of his over­lordship of the threefold world and of his own know­ledge, together with his whole company, mani­fested a fearful and wrathful and greatly terri­fying form ... Then Vajrapani, waving his vajra and laughing, said:

“Approach you eater of corpses and human flesh, you who use the ashes of the funeral pyres as your food, as your couch, as your clothing, obey my command! ...”

Then Vajrapani pro­nounced his own vajra-syllable: “Hum!” As soon as he pronounced this, all the great gods who belong to the threefold world, fell down on their faces, emitting miserable cries, and they went to Vajrapani for pro­tection. The Great God himself remained motion­less on the ground, ...2

Nach dieser Legen­de be­kommt Vajra­pani also seinen Namen, „vajra-Träger“, nach­dem Maha­vairo­cana ihn durch ein mantra मन्त्र mantra (skt., n.) Gebets­formel; jap. shingon 真言siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Ikonographie/Mudra→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter → mehr (magi­sche Formel) in ein krie­ge­risches Monster ver­wandelt. Maha­vairo­cana übergibt dem ver­wan­del­ten Vajra­pani ein vajra-Zepter und er­klärt ihn zu einem Feld­herrn der bud­dhis­ti­schen Lehre, um den mäch­tigs­ten Feind des Bud­dhis­mus, Shiva शिव Śiva (skt., m.) „Glückverheißender“, indische Göttheit, auch Maheshvara oder Ishvara; jap. Daijizai-ten 大自在天siehe auch →  Buddhismus → Ikonographie/Myoo zu un­ter­wer­fen. Es ge­lingt Vajra­pani, Shiva zu be­sie­gen, indem er das Mantra „Hum“ in­to­niert. Wäh­rend sich Shivas Ge­folge un­mit­telbar „bekeh­ren“ lässt, wider­setzt sich Shiva (zu­sam­men mit seiner Ge­spielin Umā) hart­näckig der Lehre des Buddha und muss daher von Vajra­pani ge­tötet wer­den.3 Dieser Mythos ist offen­sicht­lich aus der Aus­ein­ander­set­zung des Buddhis­mus mit dem Shivais­mus ent­stan­den. Er zählt zu den funda­men­talen Ur­sprungs­legenden des ge­sam­ten eso­teri­schen Bud­dhis­mus.

In der späteren Ent­wicklung des eso­te­ri­schen Bud­dhis­mus in Tibet steigt Vajra­pani neben Avalokiteśvara अवलोकितेश्वर Avalokiteśvara (skt., m.) „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva; jap. Kannon 観音 oder Kanzeon 観世音siehe auch →  Buddhas Leben → Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Texte/Sutra (Kannon Kannon 観音 auch Kanzeon 観世音, wtl. der den Klang der Welt erhört; skt. Avalokiteśvara; chin. Guanyin; als Bodhisattva des Mitleids bekanntsiehe auch Kannon → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Alltag/Pilgerschaft→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko → mehr ) und Mañjuśrī zu den drei wich­tigs­ten Bodhi­satt­vas auf. Sie stehen ge­mein­sam für das Mit­gefühl (Avalokiteśvara), die Weis­heit (Mañjuśrī) und die Macht (Vajra­pani) aller Buddhas der Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft. Obwohl alle drei Bodhi­satt­vas so­wohl über zorn­volle als auch über fried­volle Erschei­nungs­formen verfügen, werden Avaloki­teshvara und Man­jushri über­wiegend friedlich, Vajra­pani dagegen vor­wie­gend zorn­voll dar­ge­stellt. Dies dürfte wohl mit der er­wähnten Legende der Unter­wer­fung Shivas zu tun haben. Ver­schie­dene tantris­tische Texte vari­ier­ten offen­bar sowohl die Legen­den als auch die Namen von Shivas Be­zwin­gern, sodass letzt­lich eine Reihe ähn­licher Be­schüt­zer­figuren (Mahakala, etc.) ent­stand. Es finden sich sogar weibliche Be­schützer­gott­heiten, die bei­spiels­weise als be­kehrte Dämo­ninnen (Dakini Dakini 荼枳尼 weibl. buddhist. Schutzgottheit, identifiziert mit Inari; skt. Dākinī; auch: menschenfressende Dämoninsiehe auch Fushimi → Ikonographie/Heilige , Vajrayoginī वज्रयोगिनी Vajrayoginī (skt., f.) weibl. buddhist. Schutzgottheit, identifiziert mit → Inari; auch: menschenfressende Dämonin) gedeu­tet werden. Die ur­sprüng­lichen Modelle für all diese Figu­ren stellen aber jeweils die von ihnen be­kämpf­ten Feinde des Bud­dhis­mus (in erster Linie Shiva) dar. Die Attri­bute (Waffen, etc.) dieser Feinde werden in den Bud­dhis­mus auf­genom­men und auf die sieg­reichen buddhis­tischen Gestalten über­tragen. So tragen z.B. viele bud­dhis­tische Beschützer einen Lenden­schurz aus Tigerfell — ur­sprüng­lich ein Attribut Shivas.

Vajrapani in Japan

In Japan ist die Figur des Vajrapani weniger prominent als im tibetischen Bud­dhis­mus und hat sich im übrigen in mehrere Einzel­figuren aufgesplittert, die jeweils einen bestimmten Entwick­lungs­stand der Vajrapani-Ikono­graphie repräsen­tieren. In einer ikono­graphisch frühen Form begegnet man Vajrapani unter dem Namen Shukongō-jin Shukongō-jin 執金剛神 skt. Vajrapani; buddhistische Wächterfigur (s. Abb. unten). Diese Form ist in Japan schon seit dem achten Jahr­hundert belegt und ist eng verwandt mit den noch heute geläufigen Tor­wächtern (niō niō 仁王 Wächterfigur, Torwächtersiehe auch Nio → Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Waechtergoetter → mehr ), die auch unter Bezeich­nungen wie kongōshu kongōshu 金剛手 Vajra-Hand, skt. Vajrapani; s.a. Niōsiehe auch Myoo → Ikonographie/Waechtergoetter oder kongō rikishi kongō rikishi 金剛力士 Buddhistische Wächterfigur, „Vajra-Kraftkerl“; Synonym Niōsiehe auch Waechtergoetter bekannt sind. Sie sind zumeist mit einem ein­zackigen vajra bewaff­net. Auch sie exis­tierten bereits im achten Jahrhundert. Funde aus den Tausend-Buddha-Höhlen in Dunhuang Dunhuang (chin.) 敦煌 Oasenstadt an der Seidenstraße und ehem. buddh. Zentrum im NW Chinassiehe auch Totenreich → Ikonographie/Waechtergoetter/Nio→ Mythen/Jenseits→ Karte (Nordwest-China) belegen, dass ähn­liche Figuren auch im China der dama­ligen Zeit recht bekannt gewesen sein müssen (Abb. re.). Als Wächter der Tempel­tore nehmen diese frühen Mani­festa­tionen Vajrapanis noch eher unter­geord­nete Rollen ein. Mit ein wenig Phantasie kann man in ihnen noch den hellenis­tischen Leib­wächter des Buddha in Gestalt des Herakles erkennen.

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Shukongō-shin

Statue, tenbu (Ton, bemalt). Nara Zeit; „Nationalschatz“; im Besitz des Tōdai-ji, Sangatsu-dō (Nara); Höhe: 174 cm
Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Shukongō-shin ist einer der Namen des buddhistischen „Vajraträgers“ (skt. Vajrapani). Die Statue ist das älteste Abbild dieser Figur in Japan. Das Nihon ryōiki enthält eine Legende (Band 2, #21), der zufolge ein wunderhaftes Leuchten, das von dieser Figur ausging, zur Gründung des Tōdaiji führte (s. Nihon Ryo-Wiki). Überdies dürfte die Figur des Shukongō-shin das Modell der buddhistischen Torwächter darstellen, die allerdings stets paarweise (links und rechts des Tores) auftreten. S. dazu Niō.

. 13 Shukongōjin (Nara-Zeit)
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Fukukensaku Kannon mit Shūkongō-jin und Bishamon-ten

Hängerollbild, bosatsu (Seide). Kamakura-Zeit; 123,1 x 87,6 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Fukūkensaku Kannon (wtl. Kannon mit dem niemals leeren [rettenden] Seil) ist eine Form Kannons, die erst mit dem esoterischen Buddhismus (ab dem 8. Jh.) aufkam. Als Begleiter des Bodhisattvas fungieren auf dieser Darstellung Shūkongō-jin (Vajrapani) und Bishamon-ten. Die Darstellung des Shūkongo-jin erinnert stark an die gleichnamige Nara-zeitliche Statue aus dem Tōdaiji. Die Kombination dieser drei Gottheiten ist ungewöhnlich und beruht auf keiner textlichen Grundlage (vgl. British Museum).

. 14 Shukongōjin (Kamakura-Zeit)
Proto-esoterische Form des Vajrapani
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Gōzanze Myōō

Statue, myōō (Holz, Metall, Farbe). Heian-Zeit, 839; „Nationalschatz“; im Besitz des Tōji Tempels, Kyoto; Höhe: ca. 170 cm
Bild © Huntington Archive, Ohio State University. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Gōzanze Myōō (skt. Trailokyavijaya) mit vier Gesichtern und acht Armen, auf den Körpern von Shiva und seiner Gespielin Parvati (Umā) tanzend. Eine von fünf Statuen der „Fünf Großen Myōō“, die zusammen mit anderen Figuren des esoterischen Buddhismus im Auftrag von Kūkai als dreidimensionales Mandala angelegt und 839 vollendet wurden. S.a. Tōji kōbō-ichi (2011/10)

. 15 Gōzanze Myōō (Heian-Zeit)
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Gōzanze Myōō

Buchillustration (Papier, Farbe). Edo-Zeit, 1702
Bild © Ryūgoku University Library. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Gōzanze Myōō (skt. Trailokyavijaya), mit vier Gesichtern und acht Armen, auf den Körpern von Shiva und seiner Gespielin Parvati (Umā) tanzend. Kopie des verlorenen Zuzōshō (1239).

. 16 Gōzanze Myōō (Edo-Zeit)
Eso­teri­sche Form des Vajrapani.

Obwohl durch viele Jahr­hunderte getrennt, bemerkt man eine er­staun­liche Über­ein­stim­mung in den ikono­graphi­schen Details dieser beiden Dar­stel­lungen. Die Abb. rechts ent­stammt dem Zūzō-shō, einem ikono­graphi­schen Hand­buch, das um 1140 ange­fertigt wurde, aber nur in späteren Kopien überliefert ist.

Die voll aus­gebildete esoterische Form Vajrapanis zeigt sich in Gōzanze Myōō Gōzanze Myōō 降三世明王 skt. Trailokyavijaya, einer der Fünf Großen Myōōsiehe auch Myoo → Ikonographie/Mudra (skt. Trailokyavijaya त्रैलोक्यविजय Trailokyavijaya (skt., m.) „Bezwinger der drei Welten“, einer der Fünf Großen Myōō; jap. Gōzanze 降三世siehe auch →  Myoo , Bezwinger der Drei Welten), einem der Fünf Großen Mantra-Könige. Sein Name bezieht sich auf die oben erwähnte Legende der Unter­werfung Shivas. Diese Figur wurde zusam­men mit dem eso­teri­schen Buddhis­mus Anfang des neunten Jahr­hunderts in Japan bekannt. Die ältesten japa­nischen Dar­stel­lungen sind ebenso alt oder älter als vergleich­bare Funde aus Indien, was beweist, dass sich die Texte, die als Grund­lage dieser Dar­stellung dienen, innerhalb von zwei oder drei Gene­rationen über die gesamte Welt des Mahāyāna महायान Mahāyāna (skt., n.) „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung; jap. Daijō 大乗siehe auch →  Buddhismus → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben → mehr Buddhis­mus verbrei­teten. Doch bleibt diese zorn­volle Schutz­gott­heit in Japan hin­sichtlich Status und Bedeu­tung deutlich hinter Fudō Myōō Fudō Myōō 不動明王 prominentester japanischer Myōō (Mantra-König), wtl. „der Unbewegliche“siehe auch Fudo → Ikonographie→ Alltag/Matsuri/Feuergang→ Alltag/Yamabushi→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Myoo → mehr (skt. Acala अचल Acala (skt., adj.) „Unbeweglich“, Beinamen des in Japan wichtigsten Mantra-Königs; jap. Fudō 不動siehe auch →  Fudo → Ikonographie/Myoo→ Geschichte/Kukai ) zurück und ist heute weit­gehend unbe­kannt. Umge­kehrt tritt Acala/Fudō außerhalb Japans weit weniger prominent in Erscheinung als Vajrapani. Dies zeigt, dass es innerhalb der verschie­denen eso­teri­schen Tradi­tionen des Buddhis­mus trotz gemein­samer Grund­texte große regionale Unter­schiede gibt.

Schlussfolgerungen

Geht man von rein äußerlichen Merkmalen aus, so finden wir in der kriege­rischen Ikono­graphie Vajrapanis im Wesent­lichen zwei Grund­typen: Einerseits die hoch­gewach­senen Figuren, die mitunter Rüstungen tragen, aber auch gerne fast nackt mit quellenden Muskeln und Adern darge­stellt werden. Anderer­seits die unter­setzten, dick­bäuchigen Zwerge, die häufig mit tierischen Merk­malen, etwa Raub­tier­zähnen, aus­ge­stattet sind, zumeist über zahlreiche Arme und Köpfe verfügen und vornehmlich auf den Leichen ihrer Feinde tanzen. Der erste Typus lässt sich mög­licher­weise tat­sächlich auf die Figur des hellenis­tischen Herakles zurück­führen. Der zweite dürfte auf die indi­schen Yaksha-Dämonen zurück­gehen, die ursprüng­lich Feinde des Buddhis­mus waren, dann aber „bekehrt“ und zu Wächtern um­funktio­niert wurden, ohne dass sie ihre furcht­ein­flößen­den Merkmale verloren. Vajrapani scheint keiner dieser Grund­formen eindeutig zu­zu­ordnen zu sein. Selbst sein namens­gebendes Attribut, der vajra, lässt sich sowohl auf den Knüppel des Herakles als auch auf den „Donnerkeil“ der indischen Mytho­logie zurück­führen. Somit scheint es, als ob in der kriege­rischen Figur des Vajarapani zwei ikono­gra­phische Erinne­rungen, eine hellenis­tische und eine „hinduis­tische“, gespeichert sind. Während Vajrapani in Tibet heute zumeist der dick­bäuchige Dämon ist, erinnern die japa­nischen Niō eher an Herakles. Häufig gibt es auch Misch­formen, etwa musku­löse aber schlanke Figuren, die die charak­teris­tische Tanzpose der Yakshas einnehmen, wie der japanische Gōzanze Myōō.

Zu einer Auf­wertung Vajrapanis kam es erst relativ spät in der Ent­wicklung der buddhis­tischen Ikono­graphie, im Zu­sammen­hang mit dem so­genan­nten eso­teri­schen oder tantris­tischen Buddhis­mus. Erst in dieser Tradition erhalten „zorn­volle“ krodha-Gottheiten einen ähnlichen oder gar höheren Status als fried­volle Buddhas und Bodhi­sattvas. In einer 2002 erschie­nenen Studie bringt der Indologe Ronald Davidson die Ent­stehung des esote­rischen Buddhis­mus vor allem mit zwei Faktoren in Ver­bindung: 1) der zu­nehmen­den Militari­sierung Indiens im frühen indischen Mittel­alter (6.–8. Jh) und 2) den damit ein­her­gehen­den Sieges­zug des Shivaismus, also jener Richtung des „Hinduismus“, die Shiva als obersten Welten­herrscher ansieht. In einer politisch höchst wechsel­vollen Zeit mit zahl­reichen militä­rischen Aus­ein­ander­setzun­gen gelang es dieser Glau­bens­richtung, Shiva mit neuen, für die Kriegs­herren attraktiven kriege­rischen Aspekten auszu­statten. Der Buddhis­mus sah sich nach Ansicht Davidsons gezwungen, gegen die Konkurrenz der Shiva Anhänger eben­falls neue Gott­heiten ins Spiel zu bringen, die die Lehre des Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre/Vier Wahrheiten→ Ikonographie → mehr wehrhaft vertei­digten.

Obwohl sich der eso­teri­sche Buddhis­mus rasch innerhalb der Welt des Mahayana verbreitete, sind die neuen Schutz­gott­heiten, die er mit sich brachte, nicht überall gleicher­maßen populär. Die unter­schied­lichen Bewer­tungen des Status von Vajrapani, Acala (Fudō) und anderen Wächter­göttern legen nahe, dass es ver­schie­dene Ansichten darüber gab und gibt, welcher krieger­ischen Gestalt der höchste Status gebühre und welches genau ihr Aufga­ben­bereich sein sollte. Der Kunst­historiker Rob Linrothe versucht, die unter­schied­lichen Formen der krodha-Ikono­graphie in histo­rische Ent­wicklungs­phasen zu unter­teilen, die mit Ver­ände­rungen von Theorie und Praxis inner­halb des esote­rischen Buddhis­mus selbst korrellieren. Mit Linrothes Modell lassen sich u.a. die Unter­schiede zwischen japanischen und tibetischen Vajrapani-Dar­stellun­gen gut erklären, da Tibet im Wesent­lichen vom späten esote­rischen Buddhis­mus geprägt wurde, während sich in Japan durch den domi­nanten Einfluss Kūkais Kūkai 空海 774–835, Gründer des Shingon Buddhismussiehe auch Kukai → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Ikonographie/Mandala→ Alltag/Matsuri/Feuergang → mehr und seiner Schule eine frühere Entwick­lungs­phase nach­haltig durch­setzen konnte und die japa­nische Ikono­graphie bis heute prägt. Japan reprä­sentiert also interes­santer­weise ein früheres Stadium des esote­rischen Buddhis­mus als Tibet.

Unab­hängig von diesen Unter­schieden bleibt fest­zuhalten, dass diese kriege­rische Figuren in den meisten buddhis­tischen Regionen Einzug hielten. Sie wurden offen­bar besonders in kriege­rischen Zeiten benötigt, wenn auch bud­dhis­tische Mönche ge­zwungen waren, Besitz oder Leben mit der Waffe zu ver­tei­digen bzw. aktiv in mili­tärische Aus­ein­ander­setzungen ein­zu­schrei­ten. Auch in Japan ent­stan­den martia­lische Schutz­gottheiten, die weniger die Gläubigen anziehen, als die Feinde des Bud­dhis­mus ab­schrecken sollten. Sie erlebten ihre Blüte im Zu­sammen­hang mit dem esote­rischen Buddhis­mus während des japani­schen Mittel­alters, als das Land politisch zer­splittert und von Bürger­kriegen gezeichnet war. Dass in zahl­reichen Regionen der buddhis­tischen Welt ein ausge­prägter Gewalt­aspekt in die Ikono­graphie Eingang fand, scheint somit mit der Erfahrung tat­säch­licher kriege­rischer Gewalt in Beziehung zu stehen.

Verweise

Fußnoten

  1. Yaksha यक्ष yakṣa (skt., n.) übernatürliches Wesen, Geist, Dämon; jap. yasha 夜叉siehe auch→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten→ Texte/Sutra/Goldglanz Sutra (jap. yasha yasha 夜叉 von skt. Yaksha; menschenfressende Götter oder Dämonen des indischen Pantheons, die im Buddhismus zu wehrhaften Schutzgöttern avancierensiehe auch→ Mythen/Symboltiere/Junishi ) ist ein mehr­deutiger Begriff. Er bezieht sich zunächst auf eine be­stimmte, eher nieder­rangige „Rasse“ indischer Gott­heiten, die oft als men­schen­fressende Dämonen auftreten. Als solche haben Yakshas Ähnlich­keiten mit den rākṣasa राक्षस rākṣasa (skt., m.) Dämon; jap. rasetsu 羅刹siehe auch →  Oni und Kappa → Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten s (jap. rasetsu rasetsu 羅刹 von skt. Raksha bzw. Rakshasi (weibl. Form); menschenfressende Dämonenrasse des indischen Pantheonssiehe auch Oni und Kappa → Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku ), aber auch mit den asura असुर asura (skt., m.) kämpfende Geister, eine von sechs Formen der Wiedergeburt; jap. ashura 阿修羅siehe auch →  Ashura s (jap. ashura ashura 阿修羅 kämpfende Geister, eine von sechs Formen der Wiedergeburt; skt. asurasiehe auch Ashura → Mythen/Jenseits ), den krie­geri­schen Geistern. Die Yakshas kann man sich als mytholo­gische Söldner vorstellen: sie sind tüchtige Krieger und nur dann böse, wenn sie einem bösen Herren dienen. Wenn sie aber im Dienste positiv besetzter Figuren wie etwa Vaiśravaṇa वैश्रवण Vaiśravaṇa (skt., m.) „Sohn des Gerühmten“, Himmelswächter des Nordens, aka. Kubera; jap. Bishamon-ten 毘沙門天 oder Tamon-ten 多聞天siehe auch →  Bishamonten → Ikonographie/Gluecksgoetter , jap. Bishamon-ten Bishamon-ten 毘沙門天 Himmelswächter des Nordens, Glücksgottsiehe auch Bishamonten → Ikonographie→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter → mehr , stehen, ist gegen ihr Tun nichts einzu­wenden. Im eso­teri­schen Buddhis­mus geht die Gestalt der dick­bäuchigen Dämonen wahr­scheinlich auf die Yakshas zurück. Auch Vajrapani wird in dieser Gestalt dargestellt: Er agiert als Feldherr im Auftrag Buddhas, während seine ikono­graphi­sche Form einem ur­sprüng­lich nieder­rangigen, dick­bäuchigen Dämonen gleicht.
  2. Auszug aus Mark Elmore, The Roots of a Warrior: The Early History(s) of Vajrapani nach dem Sarvatathdgata-tattvasamgraha („The Summary of All Tathdgatasi Reality“) aus dem frühen achten Jh. (http://www.uweb.ucsb.edu/~elmorem/vajrapani/, inaktiv). Das Sarva-tathāgata-tattva-samgraha ist nur als chinesische Übersetzung bekannt. Der indische Text wird jedoch u.a. von Amoghavajra अमोघवज्र Amoghavajra (skt., m.) 705–774; buddh. Mönch, Autor und Übersetzer zahlreicher Schriften des esoterischen Buddhismus aus dem Sanskrit ins Chinesische; chin. Bukong; jap. Fukūkongō 不空金剛siehe auch →  Astrologie → Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten , einem Mitbegründer des eso­teri­schen Bud­dhis­mus in China, zitiert (Linrothe 1999, S. 26, 30).
  3. S.a. Davidson 2002: 147–151. Linrothe 1999: 183–186. Shiva erlangt schließ­lich als Bhameshvara-nirgosa (der tonlose Herr der Asche) eine Wieder­geburt als Buddha.

Bilderläuterungen

  1. Vajrapani tibet 18cent.jpg

    Vajrapani (Bhutadamara)

    Rollbild, thangka (Baumwolle, Farbe), Detail. Tibet, 18. Jh.; 69,22 x 46,36 cm
    Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2011/8)
    Collection of Rubin Museum of Art

    Vajrapani mit vier Armen, drei Augen. In der rechten, weggespreizten Hand ein Vajra, in der Linken ein Seil, die beiden anderen Arme zur Mudra der Dämonenabwehr geformt (vgl. Gōsanze Mudra). Tanzt auf der Leiche eines Dämonen (Aparajita) mit ebenfalls vier Armen und einem Elefantenrüssel.

  2. Vajrapani gandhara.jpg

    Vajrapani

    Statue (Terracotta). Zentralasien, 5. Jh.
    Bild © Asianart.com. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Vajrapani-Statue aus Terracotta.

  3. Vajrapani herakles3.jpg

    Buddha und Vajrapani mit Fliegenwedel

    Skulptur. Gandhara, 1.Jh u.Z.; im Besitz des Museum für Indische Kunst, Berlin-Dahlem
    Bild © Gryffindor, Wikimedia Commons, 2010. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Buddha in Begleitung von Vajrapani.

  4. Sarnath kushan metny.jpg

    Buddhas Predigt in Sarnath

    Skulptur (grauer Schiefer). Kushan Periode, 3. Jh.; Gandhara im heutigen Pakistan; 28,6 x 32,4 cm
    Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
    Gift of Daniel Slott, 1980

    Vajrapani als nackter, Herkules-artiger Leibwächter (mit Knüppel) hinter dem Buddha Shakyamuni, auf einer Darstellung von Buddhas erster Predigt im sog. Hirschpark von Sarnath.

  5. Vajrapani kusana2 hunt.jpg

    Buddha und Vajrapani

    Skulptur (grauer Schiefer), Detail. Kusana Periode, N-Indien, 1.–3.Jh. u.Z.; Höhe: 29,2 cm
    Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Darstellung der Unterwerfung der schwarzen Schlange in Rajgrha durch Buddha und Vajrapani.

  6. Vajrapani nepal 7cent metny.jpg

    Friedlicher Vajrapani

    Statue (Kupferlegierung). Nepal, Licchavi Periode, 6. oder 7. Jh.; 20,5 cm
    Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
    Lent by The Kronos Collections

    Statue des Bodhisattva Vajrapani.

  7. Vajrapani india 8cent volke.jpg

    Friedlicher Vajrapani

    Statue (Basaltgestein). Indien, 7. oder 8. Jh.; 41 x 22 cm
    Bild © Museumkennis, (NL). (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Darstellung des friedlichen Vajrapani.

  8. Vajrapani ajanta.jpg

    Vajrapani

    Wandmalerei (Farbe), Detail. Ajanta (Nord-Dekhan, Indien), Höhle #1, 7. Jh.
    Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/6)

    Wandmalerei des Vajrapani.

  9. Vajrapani peace.jpg

    Friedlicher Vajrapani

    Hängerollbild (Baumwolle, Farbe, Gold). Tibet, 19. Jh.; 79,38 x 52,07 cm
    Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Darstellung des Vajrapani in seiner friedlichen Form.

  10. Vajrapani kashmir 8cent cle.jpg

    Vajrapani

    Statue (Bronze, Silber). 8. Jh.; Kashmir
    Bild © Amico Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Frühes Beispiel eines kriegerischen Vajrapani mit Raubtierzähnen, Schlangenkette, zu Berge stehendem Haar und hervorquellenden Augen. Hier allerdings noch nicht tanzend, sondern im für friedliche Bodhisattvas typischen halben Lotossitz.

  11. Trailokavijaya.jpg

    Trailokyavijaya (Bezwinger der Drei Welten)

    Statue (Bronze). Ca. 10. Jh.; Patna Museum, Nalanda, Indien; Höhe ca. 20cm
    Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Trailokyavijaya (jap. Gōzanze) ist ein Beiname von Vajrapani. Er bezieht sich auf die Tatsache, dass Vajrapani den Gott Shiva, den Herrn der Drei Welten (Götterwelt, Menschenwelt, Unterwelt), besiegt hat. Shiva und seine Gespielin Parvati (oder Umā) sind auch die beiden Leichen, auf denen Trailokyavijaya tanzt. Vajrapani besitzt in dieser Manifestation vier Köpfe (der vierte ist rückwärts gewandt) und acht Arme. Von seinen acht Händen (die sicher auch einen Vajra gehalten haben) sind nur die innersten erhalten. Sie formen die Mudra (Handgeste) „Abwehr von Unheil“, die auch auf japanischen Abbildungen von Gōzanze Myōō zu sehen ist. (Datierung nach Linroth 1999, Ruthless Compassion, S. 196.)

  12. Vajrapani dunhuang.jpg

    Vajrapani (Kongōshu)

    Buddhistisches Banner, tenbu (Seide, Farbe). Tang Zeit, China, 9. Jh.; aus der „Verborgenen Bibliothek“ der Mogao Höhlen in Dunhuang, China; 79,5 x 25,5 cm
    Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
    Collected by Sir Marc Aurel Stein

    Abbildung des Vajrapani. Im British Museum gibt es mehrere Banner dieser Art, die belegen, dass die in Japan seit dem achten Jahrhundert bekannten Torwächter in ähnlicher Form auch in China existiert haben müssen. Allerdings treten sie hier offenbar auch in Vierer- oder Achtergruppen (Schutz der Himmelsrichtungen?) auf.

  13. Shukongojin todaiji.jpg

    Shukongō-shin

    Statue, tenbu (Ton, bemalt). Nara Zeit; „Nationalschatz“; im Besitz des Tōdai-ji, Sangatsu-dō (Nara); Höhe: 174 cm
    Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Shukongō-shin ist einer der Namen des buddhistischen „Vajraträgers“ (skt. Vajrapani). Die Statue ist das älteste Abbild dieser Figur in Japan. Das Nihon ryōiki enthält eine Legende (Band 2, #21), der zufolge ein wunderhaftes Leuchten, das von dieser Figur ausging, zur Gründung des Tōdaiji führte (s. Nihon Ryo-Wiki). Überdies dürfte die Figur des Shukongō-shin das Modell der buddhistischen Torwächter darstellen, die allerdings stets paarweise (links und rechts des Tores) auftreten. S. dazu Niō.

  14. Fukukensaku kannon.jpg

    Fukukensaku Kannon mit Shūkongō-jin und Bishamon-ten

    Hängerollbild, bosatsu (Seide). Kamakura-Zeit; 123,1 x 87,6 cm
    Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/10)

    Fukūkensaku Kannon (wtl. Kannon mit dem niemals leeren [rettenden] Seil) ist eine Form Kannons, die erst mit dem esoterischen Buddhismus (ab dem 8. Jh.) aufkam. Als Begleiter des Bodhisattvas fungieren auf dieser Darstellung Shūkongō-jin (Vajrapani) und Bishamon-ten. Die Darstellung des Shūkongo-jin erinnert stark an die gleichnamige Nara-zeitliche Statue aus dem Tōdaiji. Die Kombination dieser drei Gottheiten ist ungewöhnlich und beruht auf keiner textlichen Grundlage (vgl. British Museum).

  15. Gozanze toji.jpg

    Gōzanze Myōō

    Statue, myōō (Holz, Metall, Farbe). Heian-Zeit, 839; „Nationalschatz“; im Besitz des Tōji Tempels, Kyoto; Höhe: ca. 170 cm
    Bild © Huntington Archive, Ohio State University. (Letzter Zugriff: 2011/10)

    Gōzanze Myōō (skt. Trailokyavijaya) mit vier Gesichtern und acht Armen, auf den Körpern von Shiva und seiner Gespielin Parvati (Umā) tanzend. Eine von fünf Statuen der „Fünf Großen Myōō“, die zusammen mit anderen Figuren des esoterischen Buddhismus im Auftrag von Kūkai als dreidimensionales Mandala angelegt und 839 vollendet wurden. S.a. Tōji kōbō-ichi (2011/10)

  16. Gozanze zuzosho.jpg

    Gōzanze Myōō

    Buchillustration (Papier, Farbe). Edo-Zeit, 1702
    Bild © Ryūgoku University Library. (Letzter Zugriff: 2011/10)

    Gōzanze Myōō (skt. Trailokyavijaya), mit vier Gesichtern und acht Armen, auf den Körpern von Shiva und seiner Gespielin Parvati (Umā) tanzend. Kopie des verlorenen Zuzōshō (1239).

Links

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010

Literatur

Ronald Davidson 2002
Indian Esoteric Buddhism: A Social History of the Tantric Movement. New York: Columbia University Press 2002.
Rob Linrothe 1999
Ruthless Compassion: Wrathfull Deities in Early Indo-Tibetan Esoteric Buddhist Art. Boston, MA: Shambala 1999.
Ikonographie/Myoo (zurück zum Hauptartikel)
Ikonographie