Vajrapani Der Feldherr des esoterischen Buddhismus
Vajrapani (Bhutadamara)
- Rollbild, thangka (Baumwolle, Farbe), Detail. Tibet, 18. Jh.; 69,22 x 46,36 cm
Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2011/8)
Collection of Rubin Museum of Art
Vier Arme, drei Augen. In der rechten, weggespreizten Hand ein Vajra, in der Linken ein Seil, die beiden anderen Arme zur Mudra der Dämonenabwehr geformt (vgl. Gōsanze Mudra). Tanzt auf der Leiche eines Dämonen (Aparajita) mit ebenfalls vier Armen und einem Elefantenrüssel.
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Was ist ein Vajra?
- In den Veden das Zepter Indras in Form eines Donnerkeils.
- In der puranischen (hinduistischen) Literatur eine Waffe aus den Knochen eines Heilers (rishi).
- Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus, des Vajrayana (वज्रयनVajrayāna (skt., n.) — „Vajra-Fahrzeug“, Tantrismus, esoterischer Buddhismus …⇒) (Fahrzeug des Vajra). Meist aus Metall mit fünf oder neun (in Japan auch ein oder drei) einwärts gebogenen Zacken an beiden Enden.
Definition nach Himalayan Art

Tibetischer Vajra (tib. dorje, jap. kongō)
Vajrapani (वज्रपाणिVajrapāṇi (skt., m.) — „Vajrahand“, Vajraträger ) (skt. „der den vajra (वज्रvajra (skt., m.) — „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus ) in der Hand hält“) spielt im esoterischen Buddhismus Tibets eine zentrale Rolle. Er zählt hier zusammen mit Avalokiteshvara (अवलोकितेश्वरAvalokiteśvara (skt., m.) — „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva …⇒) (jap. Kannon (Kannon 観音 — Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“ …⇒)) und Manjushri (मञ्जुश्रीMañjuśrī (skt., m.) — Bodhisattva ) (jap. Monju (Monju 文殊 — Manjushri, Bodhisattva der Weisheit …⇒)) zu den drei wichtigsten Bodhisattvas (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.) — „Erleuchtetes Wesen“ …⇒) und gilt als mächtigster Beschützer des Buddhismus. In dieser Funktion nimmt er zumeist die Gestalt eines zornigen yaksha (यक्षyakṣa (skt., n.) — übernatürliches Wesen, Geist, Dämon ) -Dämonen an, in der auch andere Schutzgottheiten, z.B. Mahakala (महाकालMahākāla (skt., n.) — „Großer Schwarzer“, esoterische Gottheit …⇒) auftreten können. Diese Dämonengestalten besitzen Raubtierzähne und ein drittes Auge, zu ihrem Schmuck gehören Totenschädel und ein Lendenschurz aus Tigerfell, sie tanzen eine Art Siegestanz auf den Leichen ihrer getöteten Gegner. Ähnlich wie die friedfertigen Bodhisattvas unterscheiden sie sich unter einander hauptsächlich durch die Attribute, die sie in der Hand halten, oder durch bestimmte paranormale Körpermerkmale, etwa die Farbe der Haut oder die Anzahl der Arme und Beine. Der vajra (वज्रvajra (skt., m.) — „Donnerkeil“, Ritualinstrument und Symbol des tantristischen/esoterischen Buddhismus ) ist Vajrapanis typischstes Attribut, dem er auch seinen Namen verdankt. Ein Vajra (manchmal auch als „Diamant“ oder „Donnerkeil“ übersetzt) dient im esoterischen Buddhismus als wichtiger Ritualgegenstand und gilt zugleich als magische Waffe.
Die dämonischen Schutzgottheiten des tibetischen Buddhismus lassen sich zum Großteil auf indische Ursprünge zurückführen und sind auch in anderen buddhistischen Regionen — wenn auch meist weniger prominent — vertreten. Wenn man sie zum ersten Mal betrachtet, drängt sich unwillkürlich die Frage auf, wie diese Ikonographie mit dem friedvollen Bild der üblichen Buddha- und Bodhisattva-Statuen in Einklang zu bringen ist. Man stößt in diesem Zusammenhang recht bald auf Erklärungen, die in derartigen Darstellungen einen metaphysischen Kampf gegen Verblendung und weltliche Begierden sehen und meist genau erläutern, wie etwa die Krone mit den fünf Totenschädeln den Sieg über die „Fünf Gifte“ (panca kleshavisha (पञ्चक्लेशविषpañca kleśaviṣa (skt., m.) — „Fünf Gifte“, Falschheit, Stolz, Begierde, Eifersucht und Hass; fünf Leidenschaften (klesha), die den Menschen ans Diesseits binden ) ) symbolisiert. Warum aber nimmt dabei die Darstellung der Gewalt bzw. der Bestrafung größeren Raum ein als die Darstellung der Belohnung? Und wieso tritt diese Art der Darstellung im Buddhismus offenbar erst relativ spät und zumeist im Zusammenhang mit esoterischen Richtungen auf? Mit den folgenden Beispielen aus der Ikonographie des „Vajra-Trägers“ soll eine Annäherung an diese Fragen versucht werden.
Herkunft und früheste Ikonographie
Eine häufig zitierte Theorie besagt, dass Vajrapani sich ursprünglich aus dem vedischen Gewitter- und Kriegsgott Indra (इन्द्रIndra (skt., m.) — hohe indische Gottheit, vergleichbar mit Zeus/Jupiter ) entwickelt hat, der ebenfalls ein Vajra als Emblem besitzt, und den Namen Vajrapani zu seinen Beinamen zählt. Der Vajra, den Indra in der Hand hält, ist übrigens zugleich Waffe und königliches Zepter und wird überdies als „Donnerstab“ gedeutet, wie ihn auch Zeus oder Thor besitzen.
Andererseits existieren frühe Darstellungen aus Gandhara (गन्धारGandhāra (skt., m.) — ehemaliges Königreich im 1. bis 3. Jh. im heutigen Pakistan …⇒) (1. bis 3. Jh. im heutigen Pakistan), die Vajrapani im graeco-buddhistischen Stil darstellen. Er tritt hier als Gestalt im Gefolge des Buddha Shakyamuni (शाक्यमुनिŚākyamuni (skt., m.) — „Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha …⇒) in Erscheinung, die man vielleicht als eine Art Leibwächter bezeichnen könnte. Auffallend ist dabei die starke Verwandtschaft mit dem griechischen Helden Herakles. Der Vajra in seiner Hand ähnelt einem Knüppel oder Knochen.
Buddhas Predigt in Sarnath
- Skulptur (grauer Schiefer). Kushan Periode, 3. Jh.; Gandhara im heutigen Pakistan; 28,6 x 32,4 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Gift of Daniel Slott, 1980
Vajrapani als nackter, Herkules-artiger Leibwächter (mit Knüppel) hinter dem Buddha auf einer Darstellung von Buddhas erster Predigt im sog. Hirschpark von Sarnath.
Buddha und Vajrapani
- Skulptur (grauer Schiefer), Detail. Kusana Periode, N-Indien, 1.—3.Jh. u.Z.; Höhe: 29,2 cm
Bild © Huntington Archive. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Darstellung der Unterwerfung der schwarzen Schlange in Rajgrha.
Buddha und Vajrapani mit Fliegenwedel
- Skulptur. Gandhara, 1.Jh u.Z.; im Besitz des Museum für Indische Kunst, Berlin-Dahlem
Bild © Gryffindor, Wikimedia Commons, 2010. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Vajrapani
- Statue (Terracotta). Zentralasien, 5. Jh.
Bild © Asianart.com. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Die kriegerischen Figuren Herakles und Indra könnten also beide für die vielen gewalttätigen Aspekte in der späteren Ausgestaltung des Vajrapani verantwortlich sein.
Vom friedlichen Bodhisattva zum zornigen Dämonen
Zunächst scheint sich Vajrapani jedoch von Buddhas Leibwächter zu einem Bodhisattva (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.) — „Erleuchtetes Wesen“ …⇒) hochgearbeitet zu haben. Als solcher wird er in friedvoller androgyner Gestalt mit mildem Lächeln und entspannten Zügen abgebildet. Darstellungen dieser Art dürften v.a. im Indien des siebenten und achten Jahrhunderts häufig gewesen sein, tauchen vereinzelt aber auch später noch in Tibet auf. Die einzige Gemeinsamkeit dieser ikonographischen Form mit dem zornigen Vajrapani ist der Vajra in seiner Hand.
Friedlicher Vajrapani
- Statue (Kupferlegierung). Nepal, Licchavi Periode, 6. oder 7. Jh.; 20,5 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Lent by The Kronos Collections
Friedlicher Vajrapani
- Statue (Basaltgestein). Indien, 7. oder 8. Jh.; 41 x 22 cm
Bild © Museumkennis, (NL). (Letzter Zugriff: 2011/7)
Vajrapani
- Wandmalerei (Farbe), Detail. Ajanta (Nord-Dekhan, Indien), Höhle #1, 7. Jh.
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/6)
Friedlicher Vajrapani
- Hängerollbild (Baumwolle, Farbe, Gold). Tibet, 19. Jh.; 79,38 x 52,07 cm
Bild © Himalayan Art. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Schon der friedliche Vajrapani wird bisweilen von einem zwergenhaften Dämonen begleitet, der in der Fachsprache als krodha (क्रोधkrodha (skt., m.) — „Zorn“, zornvolle Gottheit ) -Gottheit, also als zornvolle Schutzgottheit, bezeichnet wird. Dieser Dämon spielt zunächst gegenüber dem Bodhisattva Vajrapani eine ähnliche Rolle, wie Vajrapani selbst gegenüber Buddha. Die besondere ikonographische Ausarbeitung des zornvoll-dämonischen Vajrapani mit seiner bedrohlichen Mimik und dem charakteristischen Tanz auf den Leichen seiner Feinde scheint aber erst mit dem Aufkommen des Tantrismus (तन्त्रtantra (skt., n.) — „Gewebe“, im Buddhsmus Lehrschrift des esoterischen Buddhismus (ähnlich → Sutra, aber meist mit rituellem Inhalt) …⇒) oder esoterischen Buddhismus zu erfolgen.
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Vajrapani
Frühes Beispiel eines kriegerischen Vajrapani mit Raubtierzähnen, Schlangenkette, zu Berge stehendem Haar und hervorquellenden Augen. Hier allerdings noch nicht tanzend, sondern im für friedliche Bodhisattvas typischen halben Lotossitz. Kashmir, 8. Jh.
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Trailokyavijaya (Bezwinger der Drei Welten)
Trailokyavijaya (jap. Gōzanze) ist ein Beiname Vajrapanis. Er bezieht sich auf die Tatsache, dass Vajrapani den Gott Shiva, den Herrn der Drei Welten (Götterwelt, Menschenwelt, Unterwelt), besiegt hat. Shiva und seine Gespielin Parvati (oder Umā) sind auch die beiden Leichen, auf denen Trailokyavijaya tanzt. Vajrapani besitzt in dieser Manifestation vier Köpfe (der vierte ist rückwärts gewandt) und acht Arme. Von seinen acht Händen (die sicher auch einen Vajra gehalten haben) sind nur die innersten erhalten. Sie formen die Mudra (Handgeste) „Abwehr von Unheil“, die auch auf japanischen Abbildungen von Gōzanze Myōō zu sehen ist. (Datierung nach Linroth 1999, Ruthless Compassion, S. 196.) Nalanda, Indien, 10. Jh.
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Verdeutlichung der kriegerischen Aspekte Vajrapanis. | |
Die Unterwerfung Shivas (Maheshvara) durch Vajrapani
Vajrapanis Sieg über Shiva
... Then Vajrapani raised his Vajra away from his heart and waving it, he surveyed the whole circle of the threefold world to its limits. He spoke: "Come my friends, to the teachings of the Tathagatas. Obey my command!" ... Then Maheshvara (महेश्वरMaheśvara (skt., m.) — „Großer Herr/Gott“, Beinamen des Shiva ) , the lord of the whole threefold world in this worldly sphere, proud of his overlordship of the whole threefold world, appeared very wrathful and said:
„Listen you yaksha,[1] I am Ishvara (ईश्वरīśvara (skt., m.) — „Herr“, König, Gott ) , Lord of the threefold world, creator, destroyer, Lord of all Spirits, God of Gods, Mighty God. So how should I carry out the order of a yaksha ...
Listen, you evil being, quickly enter the mandala (मण्डलmaṇḍala (skt., n.) — „Kreis“, schematische Darstellung der kosmischen Ordnung …⇒) and hold my pledge. ...“
Then Maheshvara by the power of his overlordship of the threefold world and of his own knowledge, together with his whole company, manifested a fearful and wrathful and greatly terrifying form ... Then Vajrapani, waving his Vajra and laughing, said:
„Approach you eater of corpses and human flesh, you who use the ashes of the funeral pyres as your food, as your couch, as your clothing, obey my command! ...“
Then Vajrapani pronounced his own Vajra syllable: Hum! As soon as he pronounced this, all the great gods who belong to the threefold world, fell down on their faces, emitting miserable cries, and they went to Vajrapani for protection. The Great God himself remained motionless on the ground, ...
Auszug aus Mark Elmore, The Roots of a Warrior: The Early History(s) of Vajrapani (http://www.uweb.ucsb.edu/~elmorem/vajrapani/, inaktiv)
Vajrapanis Wandel vom friedlichen Bodhisattva zum kriegerischen „Bezwinger der Drei Welten“ ist direkt mit einer tantristischen Legende verknüpft, die ihn als martialischen Begleiter (oder als Manifestation) des höchsten aller esoterischen Buddhas, Mahavairocana (महावैरोचनMahāvairocana (skt., m.) — „Große Sonne, Großes Licht“, s. Vairocana …⇒) (jap. Dainichi (Dainichi Nyorai 大日如来 — Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“ …⇒), ausweist. In ihrer frühesten Form findet sie sich in einem chinesischen Text aus dem achten Jahrhundert.[2] Nach dieser Legende bekommt Vajrapani seinen Namen, „Vajra-Träger“, nachdem ihm Mahavairocana ein Vajra-Zepter überreicht hat und ihn zu einem Feldherrn der buddhistischen Lehre befördert, um den mächtigsten Feind des Buddhismus, Shiva (Maheshvara, Ishvara, jap. Daijizai-ten) zu unterwerfen (vgl. Zitat rechts). Es gelingt Vajrapani, Shiva zu besiegen, indem er das Mantra „Hum“ intoniert. Während sich Shivas Gefolge unmittelbar „bekehren“ lässt, widersetzt sich Shiva selbst (zusammen mit seiner Gespielin Umā) hartnäckig der Lehre des Buddha und muss daher von Vajrapani getötet werden. [3]
In der späteren Entwickung des esoterischen Buddhismus in Tibet steigt Vajrapani neben Avalokiteshvara (अवलोकितेश्वरAvalokiteśvara (skt., m.) — „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva …⇒) (Kannon (Kannon 観音 — Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“ …⇒)) und Manjushri (Monju 文殊 — Manjushri, Bodhisattva der Weisheit …⇒) zu den drei wichtigsten Bodhisattvas auf. Sie stehen gemeinsam für das Mitgefühl (Avalokiteshvara), die Weisheit (Manjushri) und die Macht (Vajrapani) aller Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Obwohl alle drei Bodhisattvas sowohl über zornvolle als auch über friedvolle Erscheinungsformen verfügen, werden Avalokiteshvara und Manjushri überwiegend friedlich, Vajrapani dagegen vorwiegend zornvoll dargestellt. Dies dürfte wohl mit der erwähnten Legende der Unterwerfung Shivas zu tun haben. Verschiedene tantristische Texte variierten offenbar sowohl die Legenden als auch die Namen von Shivas Bezwingern, sodass letztlich eine Reihe ähnlicher Beschützerfiguren (Mahakala, etc.) entstand. Es finden sich sogar weibliche Beschützergottheiten, die beispielsweise als bekehrte Dämoninnen (Dakini (Dakini 荼枳尼 — weibl. buddhist. Schutzgottheit, identifiziert mit → Inari; skt. Dākinī; auch: menschenfressende Dämonin …⇒), Vajrayogini (वज्रयोगिनीVajrayoginī (skt., f.) — weibl. buddhist. Schutzgottheit, identifiziert mit → Inari; auch: menschenfressende Dämonin …⇒) ) gedeutet werden. Die ursprünglichen Modelle für all diese Figuren stellen aber jeweils die von ihnen bekämpften Feinde des Buddhismus (in erster Linie Shiva) dar. Die Attribute (Waffen, etc.) dieser Feinde werden in den Buddhismus aufgenommen und auf die siegreichen buddhistischen Gestalten übertragen. So tragen z.B. viele buddhistische Beschützer einen Lendenschurz aus Tigerfell — ursprünglich ein Attribut Shivas.
Vajrapani in Japan
Vajrapani (Kongōshu)
- Buddhistisches Banner (Seide, Farbe). Tang Zeit, China, 9. Jh.; aus der „Verborgenen Bibliothek“ der Mogao Höhlen in Dunhuang, China; 79,5 x 25,5 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Collected by Sir Marc Aurel Stein
Im British Museum gibt es mehrere Banner dieser Art, die belegen, dass die in Japan seit dem achten Jahrhundert bekannten Torwächter in ähnlicher Form auch in China existiert haben sein müssen. Allerdings treten sie hier offenbar auch in Vierer- oder Achtergruppen (Schutz der Himmelsrichtungen?) auf.
In Japan ist die Figur des Vajrapani weniger prominent als im tibetischen Buddhismus und hat sich im übrigen in mehrere Einzelfiguren aufgesplittert, die jeweils einen bestimmten Entwicklungsstand der Vajrapani-Ikonographie repräsentieren. In einer ikonographisch frühen Form begegnet man Vajrapani unter dem Namen Shukongō-jin (Shukongō-jin 執金剛神 — skt. Vajrapani. Buddhistische Wächterfigur ) (s. Abb. unten). Diese Form ist in Japan schon seit dem achten Jahrhundert belegt und ist eng verwandt mit den noch heute geläufigen Torwächtern (Niō (Niō 仁王 — Wächterfigur, Torwächter …⇒)), die auch unter Bezeichnungen wie Kongōshu (Kongōshu 金剛手 — Vajra-Hand, skt. Vajrapani; s.a. → Niō …⇒) oder Kongō rikishi (Kongō rikishi 金剛力士 — Buddhistische Wächterfigur, „Vajra-Kraftkerl“; Synonym → Niō …⇒) bekannt sind. Sie sind zumeist mit einem einzackigen Vajra bewaffnet. Auch sie existierten bereits im achten Jahrhundert. Funde aus den Tausend-Buddha-Höhlen in Dunhuang (Nordwest-China) belegen, dass ähnliche Figuren auch im China der damaligen Zeit recht bekannt gewesen sein müssen (Abb. re.). Als Wächter der Tempeltore nehmen diese frühen Manifestationen Vajrapanis noch eher untergeordnete Rollen ein. Mit ein wenig Phantasie kann man in ihnen noch den hellenistischen Leibwächter des Buddha in Gestalt des Herakles erkennen.
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Shukongō-shin
Shukongō-shin ist einer der Namen des buddhistischen „Vajraträgers“ (skt. Vajrapani). Die Statue ist das älteste Abbild dieser Figur in Japan. Das Nihon ryōiki enthält eine Legende (Band 2, #21), der zufolge ein wunderhaftes Leuchten, das von dieser Figur ausging, zur Gründung des Tōdaiji führte (s. Nihon Ryo-Wiki). Überdies dürfte die Figur des Shukongō-shin das Modell der buddhistischen Torwächter darstellen, die allerdings stets paarweise (links und rechts des Tores) auftreten. S. dazu Niō. Shukongōjin (Nara-Zeit)
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Fukukensaku Kannon mit Shūkongō-jin und Bishamon-ten
Fukūkensaku Kannon (wtl. Kannon mit dem niemals leeren [rettenden] Seil) ist eine Form Kannons, die erst mit dem esoterischen Buddhismus (ab dem 8. Jh.) aufkam. Als Begleiter des Bodhisattvas fungieren auf dieser Darstellung Shūkongō-jin (Vajrapani) und Bishamon-ten. Die Darstellung des Shūkongo-jin erinnert stark an die gleichnamige Nara-zeitliche Statue aus dem Tōdaiji. Die Kombination dieser drei Gottheiten ist ungewöhnlich und beruht auf keiner textlichen Grundlage (vgl. British Museum). |
Proto-esoterische Form des Vajrapani | |
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Gōzanze Myōō
Gozanze, mit vier Gesichtern und acht Armen, auf den Körpern von Shiva und seiner Gespielin Parvati (Umā) tanzend. Eine von fünf Statuen der „Fünf Großen Myōō“, die zusammen mit anderen Figuren des esoterischen Buddhismus im Auftrag von Kūkai als dreidimensionales Mandala angelegt und 839 vollendet wurden. S.a. Tōji kōbō-ichi (2011/10) Gōzanze Myōō (Heian-Zeit)
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Gōzanze Myōō
Gozanze, mit vier Gesichtern und acht Armen, auf den Körpern von Shiva und seiner Gespielin Parvati (Umā) tanzend. Kopie des verlorenen Zuzōshō (1239). Gōzanze Myōō (Edo-Zeit)
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Esoterische Form des Vajrapani. Obwohl durch viele Jahrhunderte getrennt, bemerkt man eine erstaunliche Übereinstimmung in den ikonographischen Details dieser beiden Darstellungen. Die Abb. rechts entstammt dem Zūzō-shō, einem ikonographischen Handbuch, das um 1140 angefertigt wurde, aber nur in späteren Kopien überliefert ist. | |
Die voll ausgebildete esoterische Form Vajrapanis zeigt sich in Gōzanze Myōō (Gōzanze Myōō 降三世明王 — skt. Trailokyavijaya, einer der Fünf Großen Myōō …⇒) (skt. Trailokyavijaya (त्रैलोक्यविजयTrailokyavijaya (skt., m.) — „Bezwinger der drei Welten“, einer der Fünf Großen Myōō …⇒) , Bezwinger der Drei Welten), einem der Fünf Großen Mantra-Könige. Sein Name bezieht sich auf die oben erwähnte Legende der Unterwerfung Shivas. Diese Figur wurde zusammen mit dem esoterischen Buddhismus Anfang des neunten Jahrhunderts in Japan bekannt. Die ältesten japanischen Darstellungen sind ebenso alt oder älter als vergleichbare Funde aus Indien, was beweist, dass sich die Texte, die als Grundlage dieser Darstellung dienen, innerhalb von zwei oder drei Generationen über die gesamte Welt des Mahayana (महायानMahāyāna (skt., n.) — „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung …⇒) Buddhismus verbreiteten. Doch bleibt diese zornvolle Schutzgottheit in Japan hinsichtlich Status und Bedeutung deutlich hinter Fudō Myōō (Fudō Myōō 不動明王 — prominentester japanischer Myōō (Mantra-König), wtl. „der Unbewegliche“ …⇒) (skt. Acala (अचलAcala (skt., adj.) — „Unbeweglich“, Beinamen des in Japan wichtigsten Manta-Königs …⇒) ) zurück und ist heute weitgehend unbekannt. Umgekehrt tritt Acala/Fudō außerhalb Japans weit weniger prominent in Erscheinung als Vajrapani. Dies zeigt, dass es innerhalb der verschiedenen esoterischen Traditionen des Buddhismus trotz gemeinsamer Grundtexte große regionale Unterschiede gibt.
Zusammenfassung
Geht man von rein äußerlichen Merkmalen aus, so finden wir in der kriegerischen Ikonographie Vajrapanis im Wesentlichen zwei Grundtypen: Einerseits die hochgewachsenen Figuren, die mitunter Rüstungen tragen, aber auch gerne fast nackt mit quellenden Muskeln und Adern dargestellt werden. Andererseits die untersetzten, dickbäuchigen Zwerge, die häufig mit tierischen Merkmalen, etwa Raubtierzähnen, ausgestattet sind, zumeist über zahlreiche Arme und Köpfe verfügen und vornehmlich auf den Leichen ihrer Feinde tanzen. Der erste Typus lässt sich möglicherweise tatsächlich auf die Figur des hellenistischen Herakles zurückführen. Der zweite dürfte auf die indischen Yaksha-Dämonen zurückgehen, die ursprünglich Feinde des Buddhismus waren, dann aber „bekehrt“ und zu Wächtern umfunktioniert wurden, ohne dass sie ihre furchteinflößenden Merkmale verloren. Vajrapani scheint keiner dieser Grundformen eindeutig zuzuordnen zu sein. Selbst sein namensgebendes Attribut, der Vajra, lässt sich sowohl auf den Knüppel des Herakles als auch auf den „Donnerkeil“ der indischen Mythologie zurückführen. Somit scheint es, als ob in der kriegerischen Figur des Vajarapani zwei ikonographische Erinnerungen, eine hellenistische und eine „hinduistische“, gespeichert sind. Während Vajrapani in Tibet heute zumeist der dickbäuchige Dämon ist, erinnern die japanischen Niō eher an Herakles. Häufig gibt es auch Mischformen, etwa muskulöse aber schlanke Figuren, die die charakteristische Tanzpose der Yakshas einnehmen, wie der japanische Gōzanze Myōō.
Zu einer Aufwertung Vajrapanis kam es erst relativ spät in der Entwicklung der buddhistischen Ikonographie, im Zusammenhang mit dem sogenannten esoterischen oder tantristischen Buddhismus. Erst in dieser Tradition erhalten „zornvolle“ krodha-Gottheiten einen ähnlichen oder gar höheren Status als friedvolle Buddhas und Bodhisattvas. In einer 2002 erschienenen Studie bringt der Indologe Ronald Davidson die Entstehung des esoterischen Buddhismus vor allem mit zwei Faktoren in Verbindung: 1) der zunehmenden Militarisierung Indiens im frühen indischen Mittelalter (6.–8. Jh) und 2) den damit einhergehenden Siegeszug des Shivaismus, also jener Richtung des „Hinduismus“, die Shiva (शिवŚiva (skt., m.) — „Glückverheißender“, indische Göttheit …⇒) als obersten Weltenherrscher ansieht. In einer politisch höchst wechselvollen Zeit mit zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen gelang es dieser Glaubensrichtung, Shiva mit neuen, für die Kriegsherren attraktiven kriegerischen Aspekten auszustatten. Der Buddhismus sah sich nach Ansicht Davidsons gezwungen, gegen die Konkurrenz der Shiva Anhänger ebenfalls neue Gottheiten ins Spiel zu bringen, die die Lehre des Buddha (बुद्धBuddha (skt., m.) — „Der Erleuchtete“ …⇒) wehrhaft verteidigten.
Obwohl sich der esoterische Buddhismus rasch innerhalb der Welt des Mahayana verbreitete, sind die neuen Schutzgottheiten, die er mit sich brachte, nicht überall gleichermaßen populär. Die unterschiedlichen Bewertungen des Status von Vajrapani, Acala (Fudō) und anderen Wächtergöttern legen nahe, dass es verschiedene Ansichten darüber gab und gibt, welcher kriegerischen Gestalt der höchste Status gebühre und welches genau ihr Aufgabenbereich sein sollte. Der Kunsthistoriker Rob Linrothe versucht, die unterschiedlichen Formen der krodha-Ikonographie in historische Entwicklungsphasen zu unterteilen, die mit Veränderungen von Theorie und Praxis innerhalb des esoterischen Buddhismus selbst korrellieren. Mit Linrothes Modell lassen sich u.a. die Unterschiede zwischen japanischen und tibetischen Vajrapani-Darstellungen gut erklären, da Tibet im Wesentlichen vom späten esoterischen Buddhismus geprägt wurde, während sich in Japan durch den dominanten Einfluss Kūkais und seiner Schule eine frühere Entwicklungsphase nachhaltig durchsetzen konnte und die japanische Ikonographie bis heute prägt. Japan repräsentiert also interessanterweise ein früheres Stadium des esoterischen Buddhismus als Tibet.
Unabhängig von diesen Unterschieden bleibt festzuhalten, dass diese kriegerische Figuren in den meisten buddhistischen Regionen Einzug hielten. Sie wurden offenbar besonders in kriegerischen Zeiten benötigt, wenn auch buddhistische Mönche gezwungen waren, Besitz oder Leben mit der Waffe zu verteidigen bzw. aktiv in militärische Auseinandersetzungen einzuschreiten. Auch in Japan entstanden martialische Schutzgottheiten, die weniger die Gläubigen anziehen, als die Feinde des Buddhismus abschrecken sollten. Sie erlebten ihre Blüte im Zusammenhang mit dem esoterischen Buddhismus während des japanischen Mittelalters, als das Land politisch zersplittert und von Bürgerkriegen gezeichnet war. Dass in zahlreichen Regionen der buddhistischen Welt ein ausgeprägter Gewaltaspekt in die Ikonographie Eingang fand, scheint somit mit der Erfahrung tatsächlicher kriegerischer Gewalt in Beziehung zu stehen.
Weiterführende Informationen
- Ronald Davidson 2002
Indian Esoteric Buddhism: A Social History of the Tantric Movement. New York: Columbia University Press. - Rob Linrothe 1999
Ruthless Compassion: Wrathfull Deities in Early Indo-Tibetan Esoteric Buddhist Art. Boston, MA: Shambala. - Vajrapani: Bodhisattva and Deity, The Shelley & Donald Rubin Foundation (en.)
Übersichtsseite zum Thema Vajrapani auf Himalayan Art.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
Anmerkungen
- ↑ Yaksha (यक्षyakṣa (skt., n.) — übernatürliches Wesen, Geist, Dämon ) (jap. yasha (yasha 夜叉 — von skt. Yaksha; menschenfressende Götter oder Dämonen des indischen Pantheons, die im Buddhismus zu wehrhaften Schutzgöttern avancieren )) ist ein ziemlich komplexer Begriff. Er bezieht sich zunächst auf eine bestimmte, eher niederrangige „Rasse“ indischer Gottheiten, die oft als menschenfressende Dämonen auftreten. Als solche haben Yakshas Ähnlichkeiten mit den rakshasa (राक्षसrākṣasa (skt., m.) — Dämon …⇒) s (jap. rasetsu (rasetsu 羅刹 — von skt. Raksha bzw. Rakshasi (weibl. Form); menschenfressende Dämonenrasse des indischen Pantheons …⇒)), aber auch mit den asura (असुरasura (skt., m.) — kämpfende Geister, eine von sechs Formen der Wiedergeburt …⇒) s (jap. ashura (ashura 阿修羅 — kämpfende Geister, eine von sechs Formen der Wiedergeburt; skt. asura …⇒)), den kriegerischen Geistern. Die Yakshas kann man sich als mythologische Söldner vorstellen: sie sind tüchtige Krieger und nur dann böse, wenn sie einem bösen Herren dienen. Wenn sie aber im Dienste positiv besetzter Figuren wie etwa Vaishravana (वैश्रवणVaiśravaṇa (skt., m.) — „Sohn des Gerühmten“, Himmelswächter des Nordens, aka. Kubera …⇒) , jap. Bishamon-ten (Bishamon-ten 毘沙門天 — Himmelswächter des Nordens, Glücksgott …⇒), stehen, ist gegen ihr Tun nichts einzuwenden. Im esoterischen Buddhismus geht die Gestalt der dickbäuchigen Dämonen wahrscheinlich auf die Yakshas zurück. Auch Vajrapani wird in dieser Gestalt dargestellt: Er agiert als Feldherr im Auftrag Buddhas, während seine ikonographische Form einem ursprünglich niederrangigen, dickbäuchigen Dämonen gleicht.
- ↑ Sarva-tathāgata-tattva-samgraha, ein Text, der teilw. von Vasubandhu und Amoghavajra, die beide den esoterischen Buddhismus in China etablierten, übersetzt wurde. S. Linrothe 1999, S. 26.
- ↑ Davidson 2002: 147–151. Linrothe 1999: 183–186. Shiva erlangt schließlich als Bhameshvara-nirgosa (der tonlose Herr der Asche) eine Wiedergeburt als Buddha.
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