Niō Wächterstatuen

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Bernhard Scheid, „Niō Wächterstatuen.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 1.9.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie/Waechtergoetter/Nio?oldid=58818X
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Torwächter

Statuen, niō (Ton, bemalt). 711; Hōryū-ji, Nara; Höhe: ca. 380 cm
Bild © Ron Reznick, 2008. (Letzter Zugriff: 2010/8)

Darstellung der Wächterfiguren (niō) des Hōryū-ji in Nara.

Torwächter des Hōryū-ji, Nara

Die beiden niō niō 仁王 Wächterfigur, Torwächtersiehe auch→ Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Waechtergoetter → mehr des Hōryū-ji Hōryū-ji 法隆寺 Tempel in Ikaruga bei Nara, gegr. 607; wtl. „Tempel des prosperierenden [Buddha]-Gesetzes“siehe auch Tempel → Bauten/Tempel/Tempeltore→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Shaka→ Geschichte/Fruehzeit → mehr sind die ältesten buddhis­tischen Tor­wächter­skulp­turen Japans aus dem Jahr 711. Sie sind in unter­schied­lichen Farben gehalten (rot und blau/grün), was sich auch in spä­teren Bei­spielen oft findet. Der aktivere A-gyō A-gyō 阿形 Bez. für einen Typ von Wächtergottheit mit geöffnetem Mund; wtl. „A-Form“ (Figur, die ein „A“ ausspricht); Gegenstück von UN-gyōsiehe auch→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Imaginaere Tiere (rechts), der seinen Arm zum Angriff erhebt, ist üblicher­weise rot, der kontrol­liertere UN-gyō UN-gyō 吽形 wtl. „HUM-Form“; Figur, die das Sanskritzeichen „HUM“, jap. un, ausspricht, und daher mit geschlossenem Mund dargestellt wird; Gegenstück von A-gyō (offener Mund)siehe auch→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Imaginaere Tiere (links) ist blau, was natür­lich auch einen Yin Yang Yin Yang (chin.) 陰陽 Dualistisches Prinzip der chin. Naturphilosophiesiehe auch Yin und Yang → Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Alltag/Jahr→ Ikonographie/Mandala/Ryogai Mandara → mehr Aspekt vermuten lässt. Der Un-gyō des Hōryū-ji trägt übrigens eine Art Band, das seinen Mund verschließt.

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Westlicher Torwächter des Südlichen Haupttores (A-gyō)

Statue, niō (Holz, urspr. bemalt) von Unkei, Kaikei, u.a.. Kamakura-Zeit, 1203; „Nationalschatz“; Nandaimon, Tōdaiji, Nara; Höhe: 8,36 m

Wächterfigur (niō) des Typs A-gyō am Nandaimon. Photo vor 1988.

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Östlicher Torwächter des Südlichen Haupttores (Un-gyō)

Statue, niō (Holz, urspr. bemalt) von Jōkaku, Tankei u.a.. Kamakura-Zeit, 1203; „Nationalschatz“; Nandaimon, Tōdaiji, Nara; Höhe: 8,43 m

Wächterfigur (niō) des Typs UN-gyō am Nandaimon. Photo vor 1988. Aus der Perspektive dieser Photographie wirkt der Kopf etwas zu groß. Dies wurde jedoch mit Absicht so ausgeführt, da die über acht Meter große Statue auf diese Weise von unten — also vom üblichen Blickpunkt aus — natürlicher wirkt. Man nennt diese Technik Anamorphose. Sie wurde in Japan bei vielen überdimensionalen Statuen angewendet, die für die Betrachtung aus einem nahen, tiefer gelegenen Winkel bestimmt waren. (S. z.B. den Kamakura Daibutsu.)

Torwächter des Südlichen Haupttores ( Nandaimon) des Tōdaiji, Nara

Die beiden Wächter des Tōdaiji Tōdaiji 東大寺 Tempel des Großen Buddha von Nara; wtl. Großer Ost-Tempelsiehe auch Bekannte Tempel → Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Dainichi → mehr , die den Daibutsu Daibutsu 大仏 Großer Buddha; monumentale Buddha Statuesiehe auch Daibutsu → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Ikonographie/Amida→ Ikonographie/Dainichi→ Ikonographie/Shaka → mehr von Nara bewachen, sind mit etwa 8,5m Höhe die größten hölzer­nen niō in Japan. Sie stammen aus der Werk­statt des berühmten Bild­hauer­meisters Unkei Unkei 運慶 ca.1150–1223; berühmtester Bildhauer-Mönch der sog. Kei-Schule (Kei-ha), bekannt für einen besonders realistischen und zugleich dynamischen Stilsiehe auch→ Ikonographie/Heilige und wurden 1203 in nur 69 Tagen fertig gestellt. Die ganze Tempel­anlage war 1181 im Zuge des Genpei Genpei Gassen 源平合戦 Krieg zwischen den Minamoto (Gen) und den Taira (Hei, bzw. Pei), 1180–1185siehe auch Kamakura → Bauten/Schreine/Shimenawa→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Ikonographie/Dainichi/Daibutsu → mehr -Krieges abge­brannt. Die beiden Statuen ent­standen also im Zuge von Reno­vierungs­arbeiten an der Halle des Großen Buddha. Beide sind aus extrem vielen Holz­teilen zu­sammen­gesetzt, da große Holz­blöcke zu dieser Zeit rar waren.

Weitere Beispiele

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Niō, Berg Kōya

Statue, niō (Holz, bemalt); Berg Kōya
Bild © Reggie Thomson, 2002. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Effektvoll beleuchteter niō auf dem Kōya-san.

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Niō

Statue, niō; Omote-mon, Nikkō
Bild © Ron Reznick, 2008. (Letzter Zugriff: 2010/9)

Beide niō sind ganz in rot.

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Niō

Statue, niō; Taiyū-in, Teil der Schreinanlage von Nikkō
Bildquelle: TOKYO VIEWS, (Matsui Fumio) flickr 2010. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Niō Wächterfiguren in rot.

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Niō

Statue, niō; Tōshō-gū, Nikkō
Bild © Nihon no bi. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Niō des Typs UN-gyō in der Schreinanlage von Nikkō, rot bemalt (obwohl dieser Typus oft eine grünlich-bläuliche Hautfarbe hat).

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Niō

Statue, niō; Shitennō-ji, Osaka
Bildquelle: automatography, flickr 2007. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Niō-Wächterstatuen. An diesen vergleichsweise jungen Beispielen, kann man die unterschiedliche Bemalung (Agyō — rot, Ungyō — blau) gut erkennen.

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Niō

Statue, niō; Sanbōin, Daigo-ji, Kyōto
Bild © Foundation J.-E. Berger. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Niō-Wächterstatuen.

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Niō

Statue, niō; Tenshō-ji, Minami Uonomiya, Präfektur Niigata
Bild © Ichinohe Shinya, 2007. (Letzter Zugriff: 2007/5)

Wie hier gut zu erkennen ist, sind die meisten Torwächter (niō) durch dünne Gitternetze geschützt, was leider oft ihre Sichtbarkeit reduziert.

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Niō-Wächter, Zenkō-ji

Statue, niō (Holz) von Tamamura Kōun und Yonehara Unkai. 1918; Zenkō-ji, Nagano, Nagano-ken
Bildquelle: Yokohamanote. (Letzter Zugriff: 2011/5)

Niō-Paar des Zenkō-ji, des wichtigsten Tempels der Stadt Nagano. Trotz Beibehaltung der traditionellen Ikonographie sind hier die Einflüsse einer westlich-naturalistischen Körperdarstellung gut zu erkennen.

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Niō

Tempelwächter, niō; Wakasa Jingū-ji, Obama, Präfektur Fukui
Bild © 663highland, Wikimedia Commons (jap.), 2010. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Hier ist die Körpersprache der beiden Wächterfiguren (niō) — UN-gyō (geschlossener Mund) beruhigend, A-gyō (offener Mund) aufbrausend — besonders gut zu erkennen.

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Niō

Statue, niō (Holz, bemalt). Muromachi-Zeit, 1467; Sōken-ji, Shiga-ken; Höhe: ca. 212cm -->
Bild © Shinbutsu imasu Ōmi. (Letzter Zugriff: 2014/3)

Niō mit besonders kräftigen Oberarmen.

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Niō

Statuen, niō (Stein); Shōkō-ji, Halbinsel Kunisaki, Kyūshū
Bild © Kaze ni fukarete, Blowing in the Wind. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Rezente Plastiken von Torwächtern (niō) aus dem Gebiet von Kunisaki, Kyūshū, ein Gebiet, das für seine zahlreichen buddhistischen Steinskulpturen bekannt ist.

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Niō des Ninna-ji

Statue, niō (Holz, bemalt). Frühe Edo-Zeit, 1637–46; Ninna-ji, Kyōto
Bild © 663highland, Wikimedia Commons (jap.), 2010. (Letzter Zugriff: 2011/1)

Die niō sind von Zaunpfählen umgeben, die die Form eines einzackigen vajra — ein häufiges Attribut der niō — haben.

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Niō

Statue, niō (Stein); Ryūun-ji, Bungo Takada-shi, Kunisaki, Kyūshū
Bild © Kaze ni fukarete, Blowing in the Wind, 2012. (Letzter Zugriff: 2014/3)

Diese beiden Torwächter (niō) scheinen per Handy miteinander zu kommunizieren.

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Niō

Statue, niō (Stein); Shirahige Jinja, Halbinsel Kunisaki, Kyūshū
Bild © Kaze ni fukarete, Blowing in the Wind. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Weitere Beispiele von Wächterstatuen (niō) aus dem Gebiet von Kunisaki in Kyushu. Diese beiden bewachen ausnahmesweise einen Shinto-Schrein, keinen buddhistischen Tempel. Trotz ihres eher schlichten Stils kann man erkennen, dass sich die essenziellen ikonographischen Details (Mund, Handgeste, Frisur, Schal) seit der Nara-Zeit bis auf den heutigen Tag gehalten haben. Nur die Waffe der niō, der einspießige Vajra, scheint in diesem Fall der Korrosion zum Opfer gefallen zu sein.

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Geschichtliches

Die Grundform der niō — einmal mit offenem, einmal mit geschlossenem Mund; einmal zum Angriff ansetzend, einmal abwehrend — ist in Japan über viele Jahrhunderte dieselbe geblieben und hat sich sogar auf andere Figurenpaare, etwa die komainu komainu 狛犬 wtl. „Korea-Hund“, auch „Löwenhund“; Wächterfigur vor religiösen Gebäudensiehe auch Komainu → Bauten/Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Mythen/Verwandlungskuenstler → mehr übertragen. In China und Korea scheint sie hingegen nicht auf den entsprechenden Figuren auf. Es liegt also nahe, hier eine japanische Stilvariante anzunehmen. In den Tausend-Budda-Höhlen von Dunhuang Dunhuang (chin.) 敦煌 Oasenstadt an der Seidenstraße und ehem. buddh. Zentrum im NW Chinassiehe auch Totenreich → Ikonographie/Myoo/Vajrapani→ Mythen/Jenseits→ Karte , die über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten waren und den Stand des chinesischen Buddhismus aus der Tang Tang (chin.)chin. Herrschaftsdynastie, 618–907siehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Geschichte/Fruehzeit→ Geschichte/Kami Kulte→ Geschichte/Heian Zeit → mehr und Song Song (chin.)chin. Herrschaftsdynastie, 960–1279siehe auch Geschichtsperioden → Ikonographie/Heilige/16 Rakan -Zeit bewahrt haben, sind allerdings doch vergleichbare Beispiele zu finden, bemerkenswerterweise sogar auf Papier:

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Wächterstatuen, Dunhuang

Skizze, niō (Papier, Tusche). Vor ca. 1000 u.Z.; Mogao Höhlen, Dunhuang, China; 29,5 x 42cm
Bild © British Library, (IDP, International Dunhuang Project). (Letzter Zugriff: 2015/9/1)

Zwei Wächterfiguren (jap. niō) in den heute noch in Japan klassischen Posen.

Niō aus Dunhuang

Diese Skizze ist wahrscheinlich jünger als die beiden oben gezeigten Torwächter des Hōryū-ji, sie beweist aber, dass es auch in Dunhang, dem chinesischen Tor zur Seidenstraße im äußersten Westen des chinesischen Einflussgebietes, die gleiche niō-Ikonographie gab wie in Japan.

Es ist im übrigen möglich, dass sich die ansons­ten in Ost­asien unüb­liche Betonung des musku­lösen Körpers, der in der niō-Ikono­graphie so stark zum Ausdruck kommt, auf die Figur des Herakles zurück­führen lässt, mit der der frühe Buddhis­mus auf seinem Weg durch Zentral­asien zusam­mentraf. Siehe dazu die Spezialseite Vajrapani.

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Ikonographie