Ise und Izumo

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Bernhard Scheid, „Ise und Izumo“ (Stand: 2013-11-3). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bauten:Ise_Izumo?oldid=34784

Die Schreine von Ise (Ise Jingū 伊勢神宮kaiserlicher Ahnenschrein (wtl. Götterpalast) von Ise, Präfektur Mie ) und Izumo (Izumo Taisha 出雲大社Großschrein von Izumo, Präfektur Shimane ) sind die re­prä­sen­ta­tiv­sten und histo­risch bedeu­tendsten Schrein­anlagen Japans. Ihre Gott­heiten spielen bereits in den alten my­tho­lo­gischen Chroniken Kojiki (Kojiki 古事記Älteste jap. Chronik (712) …mehr ⇒) und Nihon shoki (Nihon shoki 日本書紀Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720) …mehr ⇒) die wichtig­sten Rollen (s.a. Kap. Mythen). In­ter­es­santer­weise liegen beide religiösen Zentren an relativ abge­legenen Orten. Das war bereits zur Zeit ihrer Errichtung so. Ihre Stand­orte gehor­chen einem kulturellen Muster, wonach beson­ders bedeu­tungs­volle Sakral­bauten und weltliche Zentren einen gewissen Respekts­abstand von ein­ander ein­halten sollten.

Die Schreinanlagen von Ise

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Ehrerbietung vor dem Inneren Schrein

Schreinhalle (Holz); Naikū, SIse Jingū, Mie-ken
Bild © Bernhard Scheid, 2013

Der Ise Schrein kurz nach der Schrein­verlegungs­zeremonie, Oktober 2013. Vor einem knallneuen Torii verneigen sich zwei festlich gekleidete Damen unter Anleitung eines Priesters. Die Masse der Schaulustigen befindet sich hinter dem Fotografen. Von eigentliichen Hauptgebäude ist lediglich ein kleines STück Dach zu sehen, die Architektur entspricht jedoch dem Eingangsgebäude im Vordergrund. Rechts im Hintergrund ist noch die spiegelbildlich errichtete alte Anlage zu sehen, die in Kürze abgerissen wird, bis sie nach zwanzig Jahren für einen weiteren Neuaufbau verwendet werden wird.

Hauptschrein von Ise

Ise besteht aus zwei Schreinanlagen mit architektonisch sehr ähnlichen Haupt­gebäuden, dem Inneren und dem Äußeren Schrein. Der Innere Schrein (Naikū (Naikū 内宮Innerer Schrein von → Ise, Amaterasu geweiht )) ist Amaterasu (Amaterasu 天照Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennō …mehr ⇒), der Sonnen­gottheit und Ahn­herrin des Tenno-Geschlechts geweiht. In ihm ist ein angeblich aus mythologischer Zeit stammender Spiegel aufbewahrt, der als Haupt­heiligtum (shintai (shintai 神体heiliges Objekt eines Shinto Schreins; wtl. „Gottkörper“ …mehr ⇒)) dient. Die genaue Form dieses Spiegels ist unbekannt, nur der Tenno bekommt ihn zu Gesicht. Auch darf niemand das Haupt­gebäude betreten. (Das gilt im übrigen auch für die meisten anderen Schreine.) Im Äußeren Schrein (Gekū (Gekū 外宮Äußerer Schrein von → Ise, Toyouke geweiht )), der einige Kilometer vom Inneren entfernt ist, residiert Toyouke (Toyouke 豊受Nahrungsgottheit des Äußeren Schreins von Ise ), eine Nahrungs­gottheit, die wohl ursprünglich als Dienerin der Amaterasu angesehen wurde. Dieser Schrein ist zwar nicht ganz so heilig, das meiste, was für den Inneren Schrein gilt, gilt aber auch für den Äußeren.

Die Ise Schreine sind Vorbild für einen eigenen Baustil (shinmei-zukuri (shinmei-zukuri 神明造Baustil der Schreine von Ise …mehr ⇒)). Ihre architektonische Grund­struktur ähnelt einem Speicher. Die hohen Grund­pfeiler etwa dienten zum Schutz vor Tieren und Nässe. Diese Grund­struktur wirkt schlicht und archaisch, auch wenn einzelne Elemente reiche Metall­verzierungen tragen. Der shinmei zukuri Stil unter­scheidet sich aber nicht nur durch seine Schlicht­heit von anderen Schrein­bauten, sondern auch durch die charakteristische Form der weit aus dem Dach ragenden Dach­sparren (chigi (chigi 千木ornamentale Dachsparren …mehr ⇒)) und der Querhölzer (katsuogi (katsuogi 鰹木ornamentale Querhölzer auf dem Schreindach …mehr ⇒)) auf dem Giebel. (Mehr dazu...)

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Ise Schrein, Hauptgebäude, Vorder- und Seitenansicht

Bild © Shintō jiten (1994), S. 174
Ise, Hauptgebäude, Vorder- und Seitenansicht

Die Ise Schreine sind unter anderem dafür bekannt, dass sie alle zwanzig Jahre neu errichtet werden. Der Neu­bau betrifft sämtliche religiösen Gebäude beider Schrein­anlagen (inkl. Haupt­hallen und diverser Zweig­schreine), ist also ein sehr aufwendiges Unter­nehmen. Es erklärt, warum die Schrein­gebäude von Ise auf vielen Fotos unerwartet neu erscheinen. Was dabei jedoch exakt erhalten bleibt, sind Baustil und Bauart der Gebäude. Von der traditionellen Zimmer­manns­kunst darf kein Deut abgewichen werden.

Der Großschrein von Izumo

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Izumo-Schrein

Schrein

Innere Einfriedung mit Haupthalle.

Hauptschrein von Izumo

Auch der Hauptschrein von Izumo dient letztlich einfach als Speicher für ein Heilgtum, seine Bauart unter­scheidet sich aber deutlich vom Ise Stil. Man nimmt an, dass er architektonisch der frühen japanischen Palast­architektur entspricht, die wiederum aus archäo­lo­gischen Zeugnissen, vor allem in Gestalt der tönernen Grab­bei­gaben (haniwa (haniwa 埴輪frühgeschichtliche Grabbeigaben aus Ton, meist in Form einfacher Skulpturen …mehr ⇒)), rekonstruiert werden kann. Das Haupt­gebäude ist für einen Schrein unge­wöhnlich hoch. Alte Quellen beschreiben den Izumo Schrein größer als die Halle des Großen Buddha in Nara (Nara 奈良Hauptstadt und Sitz des Tenno, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō …mehr ⇒). Die heute sichtbaren Gebäude stammen aus der Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit und sind kleiner als die ur­sprüng­lichen, folgen aber wahr­scheinlich dem originalen Bauplan. Markant ist unter anderem die über­dachte Treppe, die zum Schrein hinauf­führt.

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Izumo Schrein, Hauptgebäude, Vorder- und Seitenansicht

Bild © Shintō jiten, 1994, S. 174
Izumo, Hauptgebäude, Vorder- und Seitenansicht

Ein Charakteristikum für den Schreinstil von Izumo sind die besonders massigen shimenawa (shimenawa 注連縄Shintoistisches „Götter-Seil“ …mehr ⇒). Sie sind in der Region rund um den Izumo Schrein häufig zu finden, in der Anlage von Izumo selbst schmücken sie allerdings nur die Seiten­gebäude. Das Bild rechts unten zeigt das hoch aufragende Haupt­gebäude umschlossen vom Inneren Schrein­areal. Normaler­weise ist es Besuchern nicht gestattet, dieses innere Areal zu betreten. Der Izumo Schrein steht mit einem eigenen Sagenkreis in Verbindung. In den Mythen gilt seine Haupt­gott­heit Ōkuninushi (Ōkuninushi 大国主mythol. Gottheit; wtl. Großer Meister des Landes …mehr ⇒) als Herrscher der Erde (= Japan), bevor die Abkömmlinge der Sonnen­gott­heit (= die Ahnen des Tenno) vom Himmel herabsteigen und die Erde erobern. In historischer Zeit ist der Izumo Schrein — wahr­schein­lich wegen seiner Ent­fernung von der Haupts­stadt — von diversen anderen Schreinen an Bedeutung über­flügelt worden. Dennoch gibt es einen verbreiteten Glauben, dass sich sämtliche Götter Japans jedes Jahr im Oktober (bzw. im 10. Monat) im Izumo Schrein zu­sammen­finden. Dieser Monat hat daher den Beinamen „Monat ohne Götter“ (Kannazuki (Kannazuki 神無月Monat ohne Götter (10. Monat) )). Nur in Izumo heißt er „Monat der anwesenden Götter“ (Kamiaritsuki (Kamiaritsuki 神有月Monat der anwesenden Götter (Oktober in Izumo) )).

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