Kokugaku: Back to the roots
Eine Folge des erwähnten Einflusses neo-konfuzianischer Gedanken in der Edo (Edo 江戸 — Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …⇒)-Zeit war ein vermehrtes Interesse an Geschichte und eine neue Leseart geschichtlicher Quellen. Im esoterisch-buddhistischen Diskurs des japanischen Mittelalters durchforstete man alte Texte beständig nach zahlen- und zeichenmystischen Übereinstimmungen mit den eigenen religiösen Lehren. Man konnte auf diese Weise auch in solchen Texten religiöse Offenbarungen finden, die ideengeschichtlich nichts mit der eigenen Richtung zu tun hatten. Buddhistische Sutren (सूत्रsūtra (skt., n.) — „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift …⇒) , chinesische Klassiker und einheimische Mythen wurden sowohl von den Angehörigen verschiedener buddhistischer Richtungen als auch von den frühen Shintoisten auf diese Weise fast wahllos zur Bestätigung des jeweiligen Standpunkts herangezogen.
„Zusammentreffen“ von Motoori Norinaga und Hirata Atsutane
- Bild © Museum of Motoori Norinaga. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Das „Zusammentreffen“ zwischen den beiden bekanntesten Gelehrten der Kokugaku, Motoori Norinaga (stehend) und Hirata Atsutane (Mitte links). Das Bild illustriert die Traumvision des Atsutane, der Norinaga in Wirklichkeit nie getroffen hatte, sich aber aufgrund seines Traums als sein Nachfolger betrachtete. Die Illustration des Traums stammt von Saitō Hikomaro (1768–1854), einem anderen Kokugaku Gelehrten.
Unter konfuzianischem Einfluss wurde diese Praxis schrittweise in den Hintergrund gedrängt (obwohl auch die Anhänger Zhu Xi (Zhu Xi 朱熹 (chin.) — chin. Philosoph (1130–1200); Begründer des Neo-Konfuzianismus …⇒) nicht immer ganz frei davon waren). Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts trat mit der „Lehre vom Alten“ (kogaku (kogaku 古学 — „Lehre vom Alten“, neo-konfuzianische Richtung )) eine Denkschule auf, die eine Entmystifizierung der Geschichte und der klassischen Schriften forderte. Man bemühte sich darum, den ursprünglichen Sinn der klassischen Schriften wieder zu entdecken und die Fracht der mystifizierenden Interpretationen, die sich um diese Texte gebildet hatten, über Bord zu werfen. Das Interesse der kogaku war dabei auf das klassische China gerichtet, doch bereitete sie methodisch die spätere kokugaku (kokugaku 国学 — „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus …⇒) „Lehre [unseres] Landes“ (also die Lehre Japans) vor. Beide Schulen wandten sich zunächst der kritisch-philologischen Analyse alter Texte zu. Im Gegensatz zu kogaku lehnte jedoch die kokugaku chinesisches Denken und chinesische Texte als „fremd“ ab und konzentrierte sich ganz auf das, was als unverfälscht Japanisch wahrgenommen wurde.
Auf dieser Seite |
Die wichtigsten Vertreter der Kokugaku
Ajari Keichū in buddhistischer Mönchstracht
- Illustration. 1848; aus Shūga hyakunin isshu, Hg. von Rokutei Senryū, ill. von Hokusai, u.a.
Bild © Rekishi jinbutsu gazō detabesu, National Institute of Japanese Literature
Kada no Azumamaro
- Illustration. 1848; aus Shūga hyakunin isshu, Hg. von Rokutei Senryū, ill. von Hokusai, u.a.
Bild © Rekishi jinbutsu gazō detabesu, National Institute of Japanese Literature
- Keichū (Keichū 契沖 — philologischer Gelehrter (1640–1701), Vorläufer der → Kokugaku ) (1640–1701), ein Shingon (Shingon-shū 真言宗 — Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes …⇒) Mönch, gilt als Vorläufer der kokugaku. Er studiert zunächst das Sanskrit und seine Grammatik, bevor er sich der japanischen Klassik zuwendet, und entwickelt auf beiden Gebieten eine neue Herangehensweise, die für spätere kokugaku Gelehrte wichtige Ansätze enthält.
- Kada Azumamaro (Kada Azumamaro 荷田春満 — Kokugaku-Gelehrter, 1669–1736 ) (1669–1736) wurde rückblickend als der eigentliche Begründer der kokugaku angesehen, da er 1728 um eine Genehmigung zur Errichtung einer entsprechenden Schule angesucht haben soll. In Azumamaros Ansuchen an das Shogunat ist explizit von dem Ziel die Rede, den alten „Weg Japans“ zu studieren, der durch die Einflüsse von Buddhismus und Konfuzianismus in Vergessenheit geraten sei. Neuere Forschungen erachten dieses Dokument zwar für eine nachträgliche Fälschung (McNally 2005), die Ziele der Kokugaku werden darin aber in jedem Fall klar umrissen.
- Kamo no Mabuchi (Kamo no Mabuchi 賀茂真淵 — Kokugaku-Gelehrter, 1697–1769 ) (1697–1769) aus der Priesterfamilie des Kamo Schreins erschließt die älteste japanische Gedichte-Sammlung Manyōshū. Die meisten seiner Schüler, u.a. der Dichter Ueda Akinari, führen sein besonderes Interesse für die älteste japanische Poetik weiter fort.
- Motoori Norinaga (Motoori Norinaga 本居宣長 — Shinto-Gelehrter der „nationalen Schule“ (Kokugaku), 1730—1801 ) (1730–1801), ein Schüler Mabuchis, der im Brotberuf Arzt ist, wendet sich dem japanischen Mythos zu. Seine philologische Entschlüsselung des Kojiki (Kojiki 古事記 — Älteste jap. Chronik (712) …⇒) (Kojiki-den) gilt als sein Hauptwerk und zugleich als intellektueller Höhepunkt der kokugaku. Mit seiner Forschung versucht er, das Denken und die Religion der alten Vorfahren wiederzuerwecken. Neben seinen unleugbaren Errungenschaften auf dem Gebiet der philologischen Rekonstruktion und Analyse sind seine Studien auch von einem diffusen religiösen Sendungsbewusstsein getragen.
- Hirata Atsutane (Hirata Atsutane 平田篤胤 — Kokugaku-Gelehrter, 1776–1843 ) (1776–1843) rückt den politisch-religiösen Aspekt der kokugaku weiter in den Vordergrund. Unter ihm mutiert die Bewegung von einer Gelehrtengesellschaft zu einer politischen Initiative, aus der die ersten konkreten Pläne zur Wiedererrichtung der Tenno Herrschaft und damit zur Meiji (Meiji 明治 — posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …⇒)-Restauration entstehen. Wie Norinaga bemüht auch er sich um eine Wiederfindung des vorbuddhistischen Shinto.
Kokugaku und Shinto
Unter dem Einfluss der kokugaku entwickelt sich die Idee, dass Shinto seit alters her unveränderlich auf die japanische Religion und Mentalität wirkt und vom Buddhismus nur übertüncht wurde, zum Credo. Shinto und Tenno-Kult werden zu einem System verschmolzen, das zum Wesen der japanischen Kultur erklärt wird. Besonders innerhalb der Hirata Schule erhält die anfänglich rein akademische Richtung eine explizit nationalistische Ausrichtung. Aus der Verklärung der Vergangenheit wird eine rückwärtsgewandte, Tenno-zentristische Ideologie, die im zwanzigsten Jahrhundert die Auserwähltheit Japans rechtfertigen und zur Legitimation der Greueltaten des japanischen Ultranationalismus dienen wird. Ideengeschichtlich lassen sich durchaus Parallelen zur Entwicklung von der deutschen Romantik zum deutschen Faschismus feststellen.
Andererseits führte die Beschäftigung der kokugaku mit alten Texten zu Erkenntnissen, die teilweise bis heute Geltung haben. Die Maxime der kokugaku, alte Schriften nicht als göttliche Botschaften, sondern als Texte von Menschen für Menschen zu lesen, enthält ein aufklärerisches Potential, durch das uns die Gedanken der kokugaku-Gelehrten näher stehen, als die Spekulationen früherer Gelehrtengenerationen. Vielleicht ist dies mit ein Grund dafür, dass das Shinto-Bild der kokugaku bis heute die gängigen Vorstellungen von japanischer Religion prägt.
Literatur
- Harry Harootunian 1988
Things Seen and Unseen: Discourse and Ideology in Tokugawa Nativism. Chicago: University of Chicago Press. - Mark McNally 2005
Proving the Way: Conflict and Practice in the History of Japanese Nativism. Cambridge, MA: Havard University Press. - Peter Nosco 1990
Remembering Paradise: Nativism and Nostalgia in 18th-Century Japan. Cambridge, Ma: Harvard University Press.
Links
- Motoori Norinaga (en.)
Biografische Skizze; Teil der umfangreichen, aber ansonsten japanischen Website des Museum of Motoori Noringa. - The Kokugaku (Native Studies) School, Susan Burns (en.)
Eintrag zu Kūkai in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
- Web-Projekt
- Hauptseite
- Konzept
- Technisches
- Japan
- Geographie
- Geschichtsperioden
- Formales
- Glossare
- Kanji A–J
- Kanji K–R
- Kanji S–Z
- Sanskrit
- Quellen
- Literatur
- Links
- Autor
- Bernhard Scheid
- Kapitel 1
- Einleitung
- Buddhismus
- Buddh. Lehren
- Zitat:
- Vier Wahrheiten
- Shinto
- Essay:
- Shintō und jindō
- Stereotype
- Essay:
- Herrigels Zen
- Weltbild
- Kapitel2
- Einleitung
- Tempel
- Was ist ein Tempel?
- Spezialthemen:
- Tempeltore
- Pagoden
- Stupas
- Bekannte Tempel
- Schreine
- Was ist ein Schrein?
- Essay:
- Torii
- Bilder:
- Schreinbilder
- Götterseile
- Ise und Izumo
- Spezialthemen:
- Baustil Ise
- Izumo Schrein
- Bekannte Schreine
- Spezialthemen:
- Fushimi
- Tenjin
- Itsukushima
- Nikko
- Kasuga
- Kapitel 3
- Einleitung
- Öffentlich
- Tempel- & Schreinbesuch
- Spezialthema:
- Omairi Knigge
- Opfergaben
- Spezialthema:
- Votivbilder (ema)
- Glücksbringer
- Spezialthema:
- Glückslose
- Jahreszyklus
- Bilder:
- Neujahr
- O-Bon, Fest der Lichter
- Volksfeste (Matsuri)
- Spezialthemen:
- Nacktfeste
- Feuergang
- Fruchtbarkeits- und Phalluskulte
- Pilgerschaft
- Gastartikel:
- Fire walk
- Privat
- Religion und Familie
- Spezialthema:
- Der Kinder Segen
- Totenriten
- Essay:
- Modernes Jenseits
- Ahnenkult
- Hausschrein
- Friedhof
- Spezialthema:
- Grabsteine
- Priester und Mönche
- Buddhistische Mönche
- Spezialthemen:
- Mönchstracht
- Würdenträger
- Schreinpriester
- Yamabushi
- Spezialthema:
- En no Gyoja
- Kapitel 4
- Einleitung
- Mandala
- Spezialthema:
- Mandalas der beiden Welten
- Mudra
- Buddhas
- Amida
- Dainichi
- Essay:
- Daibutsu Statuen
- Shaka
- Spezialthemen:
- Buddhas Leben
- 32 Merkmale Buddhas
- Bodhisattvas
- Kannon
- Spezialthema:
- Pferdekopf-Kannon
- Jizo
- Spezialthema:
- Osorezan, der Angstberg
- Zornige
- Myōō
- Wächtergötter
- Spezialthemen:
- Niō Wächter
- Wind und Donner
- Sonstige Gottheiten
- Glücksgötter
- Spezialthemen:
- Daikoku
- Ebisu
- Benzaiten
- Bishamon-ten
- Hotei
- Shinto-Götter
- Spezialthema:
- Kasuga Mandala
- Kapitel 5
- Einleitung
- Göttermythen
- Götter des Himmels
- Spezialthemen:
- Ame no Uzume
- Trickster-Gottheiten
- Götter der Erde
- Essay:
- Ōkuninushi
- Jenseitsglaube
- Jenseits
- Spezialthemen:
- König Enma
- Kriegerische Geister
- Paradiese
- Höllen
- Spezialthemen:
- Höllenbilder
- Hungergeister
- Geisterwesen
- Totengeister
- Spezialthemen:
- Horror Klassiker
- Itako Shamaninnen
- Tengu
- Bilder:
- Tengu Motive
- Oni und Kappa
- Märchen:
- Der Alte mit der Beule
- Tiere
- Legendäre Tiere
- Bilder:
- Drachenbilder
- Komainu
- Verwandlungskünstler
- Spezialthemen:
- Kitsune
- Inari Fuchswächter
- Tanuki
- Symboltiere
- Essays:
- Tauben und Krieg
- Drei Affen
- Erdbeben-Wels
- Kapitel 6
- Einleitung
- Altertum
- Frühzeit
- Spezialthema:
- Shōtoku Taishi
- Zitat:
- Königliche Empfehlung
- Nara Zeit
- Spezialthema:
- Miniaturstupas
- Frühe Kami Kulte
- Spezialthema:
- Himiko
- Heian Zeit
- Saichō
- Kūkai
- Zitat:
- Kukais Initiation
- Honji suijaku
- Mittelalter
- Kamakura
- Spezialthema:
- Rituelle Verwünschungen
- Amidismus
- Zitat:
- Amidas Gelübde
- Zen Buddhismus
- Bilder:
- Bodhidharma
- Zitat:
- Ein Kōan
- Nichiren Buddhismus
- Mittelalterl. Shinto
- Essay:
- Götterwinde
- Frühe Neuzeit
- Reichseinigung
- Christentum
- Zitat:
- Kopfgeld für Christen
- Inquisition
- Neo-Konfuzianismus
- Kokugaku
- Moderne
- Staatsshinto
- Zitat:
- Kaiserl. Erziehungserlass
- Spezialthema:
- Yasukuni Schrein
- Neue Religionen
- Kapitel 7
- Einleitung
- Yin und Yang
- Spezialthema
- Tierkreiszeichen
- Himmelskunde
- Spezialthema
- Astrologie
- Mythentexte
- Sutren
- Suchen
- Wiki-Suche
- Wiki-Seitenindex
- Google Sitesearch
- Sitemap
- Updates
- Letzte Änderungen
- Neue Bilder
- Sonstiges
- Statistik
- Zufällige Seite
- Spezialseiten
- Druckversion