Tiergötter und Götterboten, Teil 1 Legendäre Tiere
Auf dieser Seite |
Drache als Dachdekoration
- Schnitzwerk (Holz). 7. Jh.; Haupthalle, Hōryū-ji
Bild © Ron Reznick, 2004
In Japan können Tiere sowohl im Buddhismus als auch im Shinto religiös verehrt werden. Neben den realen Tieren tauchen in der religiösen Vorstellungswelt zahlreiche mythische oder legendäre Kreaturen auf. Sie sind zumeist aus verschiedenen bekannten Tieren zusammengesetzt und werden aus Sicht der religiösen Vorstellungswelt als ebenso real empfunden wie diese. Legendäre Tiere, allen voran die Drachen, sind lediglich „mächtiger“ als die anderen Arten. Umgekehrt werden auch realen Tieren imaginäre Eigenschaften nachgesagt. So verfügen z.B. Füchse und Tanuki, aber auch Schlagen, Katzen und andere über die Fähigkeit, vorübergehend eine menschliche Gestalt anzunehmen. Schließlich gibt es Mischformen von Tier und Mensch, die als Gespenster oder yōkai (yōkai 妖怪 — Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster …mehr ⇒) einzustufen sind und anhand von Tengu und Oni genauer behandelt werden.
Drachen
Drachen kombinieren äußerlich die anatomischen Stärken aller möglichen Tiere: die Schuppen von Fischen und Schlangen, die Klauen und Flügel von Vögeln, die Zähne und Pranken von Tigern, außerdem Hörner, Fühler, usw. Manche Drachen können auch menschliche Gestalt annehmen.
|
Wolkendrache (unryū)
Drache mit geschlossenem Maul („UN-Form“). Das Pendant dieses Drachens ist mit offenem Maul („A-Form“) dargestellt. A steht für den Anfang (des Alphabets), UN für das Ende. Dieses A-UN Schema wird auch bei Torwächtern (Niō), Löwenhunden und anderen paarweise auftretenden Figuren gerne angewendet. |
Wolkendrache (unryū)
Drachenkopf mit offenem Maul („A-Form“). Das Pendant dieses Drachens ist mit geschlossenem Maul („UN-Form“) dargestellt. A steht für den Anfang (des Alphabets), UN für das Ende. Dieses A-UN Schema wird auch bei Torwächtern (Niō), Löwenhunden und anderen paarweise auftretenden Figuren gerne angewendet. |
Wolkendrachen (unryū) | |
Auf dem Meeresboden steht der Palast (Ryūgū (Ryūgū 龍宮 — Drachenpalast …mehr ⇒)) des Drachenkönigs. Ein Urenkel der Sonnengottheit suchte einst diesen Drachenpalast auf, verliebte sich in eine Tochter des Drachenkönigs, heiratete sie und nahm sie mit auf die Erde. Als er sie aber während der Geburt des gemeinsamen Kindes in Drachengestalt erblickte, zog sich die Drachentochter beschämt und entrüstet wieder ins Meer zurück. Ihr Sohn aber blieb auf Erden. Einer seiner Enkel war Jinmu Tennō (Jinmu Tennō 神武天皇 — wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (→ Tenno) Japans …mehr ⇒), der erste japanische „Kaiser“. Die Tennō (Tennō 天皇 — jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels …mehr ⇒)-Familie zählt somit nicht nur die Sonnengottheit, sondern auch den Drachengott zu ihren Ahnen (mehr dazu: Göttermythen, Teil 2).
Chinesische Drachen
Laotse als Drache
Der Drache wurde im alten China — und wohl auch in Japan — zwar als real existierendes Tier aufgefasst, er unterschied sich aber von „normalen“ Tieren. Dies wird z.B. durch eine alte Legende illustriert, laut der Konfuzius, als er von seinem ersten und einzigen Treffen mit Laotse zurückkehrte, seinen Eindruck des mysteriösen Weisen folgendermaßen schilderte:
Ich weiß, dass Vögel fliegen, dass Fische schwimmen und Wild laufen kann. Und was rennt, kann man zusammentreiben, was schwimmt, ist mit Netzen zu fangen und für das, was fliegt, kann man Pfeile benutzen. Was aber den Drachen betrifft, der auf Wind und Wolken reitet, so weiß ich nicht, wie ich ihn erfassen soll. Ich habe heute Laotse gesehen — und wahrlich: Er gleicht diesem Drachen!
Matthias Claus (2006), nach Sima Qian, Shiji 史記 (um 100 v.u.Z.)
Die Blutsverwandtschaft von Kaiserhaus und Drachen ist kein Zufall. Chinesischen Mythen zufolge stellt der Drache seit dem legendären Gelben Kaiser (Huang Di, leg.r. 2696–2598 v.u.Z.) das Symboltier der kaiserlichen Herrschaft dar (ähnlich wie in Europa der Adler). Die Legende der drachenartigen Vorfahren des Tenno entstand also höchstwahrscheinlich aus dem Bedürfnis, dieses bedeutungsvolle Symboltier auch für das japanische Herrscherhaus zu instrumentalisieren.
Der Drache ist außerdem das bevorzugte Tier der Zwölf Tierkreiszeichen des chinesischen Kalenders (der auch in Japan Geltung hat). Und auch die vier Himmelsrichtungen werden nach einer chinesischen Auffassung von Drachen beherrscht (nach einer anderen Auffassung wird allerdings nur der Osten von einem blauen Drachen repräsentiert).
Drachen im Buddhismus
Auch im Buddhismus ist der Drache als Gottheit anerkannt. Buddhistische Drachen lassen sich zumeist auf die indischen naga (नागnāga (skt., m.) — „Schlange“, indische Schlangengottheit …mehr ⇒) s zurückführen, schlangenartige Gottheiten, die neben den Deva-Gottheiten eine eigene Kategorie von himmlischen Wesen darstellen. Der legendäre Begründer des Mahayana (महायानMahāyāna (skt., n.) — „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung …mehr ⇒) Buddhismus, Nagarjuna (नागार्जुनNāgārjuna (skt., m.) — legendärer Begründer des Mahāyāna-Buddhismus …mehr ⇒) (2. Jh. u.Z.), soll seine neuartigen Sutren (सूत्रsūtra (skt., n.) — „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift …mehr ⇒) von den Nagas erhalten haben und trägt daher auch den Namen Nāga[a]rjuna, „Weißer Naga/Drache“. Auch in Indien sind die Nagas eng mit dem Wasser verbunden. Im Unterschied zu den chinesischen Drachen sind sie eher niedrige, unerleuchtete Kreaturen. In Japan lässt sich jedoch kaum ein Unterschied zwischen buddhistischen Nagas und chinesischen Drachen feststellen.
Die Verbundenheit mit dem Wasser äußert sich bei manchen Drachen im Besitz eines Edelsteins, mit dem sie Ebbe und Flut beherrschen. Dieser Edelstein hat eine enge Verwandtschaft mit dem buddhistischen Wunscherfüllungsjuwel (Nyoi no tama (Nyoi no tama 如意の玉 — Wunschperle, Wunschjuwel …mehr ⇒)), das auch von Bodhisattva (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.) — „Erleuchtetes Wesen“ …mehr ⇒) s getragen wird (Nyoirin Kannon). Schließlich werden Drachen auch für den Regen (oder das Ausbleiben des Regens) verantwortlich gemacht und stehen daher in vielen asiatischen Ländern im Zentrum von rituellen Bitten und Zeremonien, um Regen herbeizuführen.
Wasser und Drachen bilden also eine assoziative Einheit, daher auch die häufigen Drachenfiguren bei Brunnen (temizuya (temizuya 手水舎 — Schrein- oder Tempelbrunnen zum Reinigen von Mund und Händen …mehr ⇒)) am Eingang von Tempeln oder Schreinen. Als Herrscher über das lebenswichtige Element des Wassers können Drachen natürlich auch bedrohlich sein bzw. die Gefahr von Naturkatastrophen in sich bergen. Grundsätzlich besteht zu Drachen aber ein positives, von Respekt geprägtes Verhältnis.
Drachen und Schlangen
Drache und Schlange
- Papier-Lampion (Papier, Tusche, Farbe) von Katsushika Hokusai. Spätere Edo-Zeit, 19. Jh; 50,8 x 30,5 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2012/12/21)
Drache und Schlange auf einem Papierlampion, wahrscheinlich mit Bezug auf das Schlangenjahr der Tierkreiszeichen.
Die Grenzen zwischen Schlangen und Drachen sind fließend, aus ikonographischer Sicht zählen sie zweifellos zur selben Familie. In den klassischen japanischen Mythen taucht z.B. die achtköpfige Schlange Yamata no Orochi (Yamata no Orochi 八岐大蛇 — Mythologische Schlange (Drache) mit acht Köpfen und Schwänzen …mehr ⇒) auf, ein Ungeheuer von riesigen Ausmaßen, das nur mit List vom Kulturheroen Susanoo (Susanoo 須佐之男 — mytholog. Trickster-Gott; Sturmgott, Mondgott …mehr ⇒) besiegt werden kann. Auf bildlichen Darstellungen aus späterer Zeit wird diese Schlange stets als Drache abgebildet.
Susanoo und die Schlange Yamata no Orochi
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Utagawa Toyokuni (1769–1825). Spätere Edo-Zeit; 2 x 39.7 x 26.3 cm
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/12/1)
Susanoo rettet Prinzessin Kushinada vor der achtköpfigen Schlange. Im Vordergrund acht Töpfe mit Sake, Susanoos Trick, um das Monster betrunken zu machen. Wie für viele Ukiyoe der mittleren Periode typisch, ist der Held mit den Zügen eines Kabuki Schauspielers ausgestattet.
Obwohl dieser Mythos an das negative Bild europäischer Drachengeschichten erinnert, werden Schlangen in Japan, ähnlich wie Drachen, zumeist mit positivem Respekt und Ehrerbietung angesehen. Der Gott des uralten Miwa Schreins (Ōmiwa Jinja 大神神社 — Ōmiwa Schrein, auch Miwa Schrein, nahe Nara …mehr ⇒) taucht in den Mythen mehrfach auf und erscheint einmal in menschlicher, einmal in Schlangengestalt. Noch heute opfert man dieser Gottheit im Miwa Schrein rohe Eier, da diese für Schlangen eine besondere Delikatesse darstellen sollen.
Das Hitachi fudoki, eine alte Chronik der heutigen Präfektur Ibaraki, berichtet, dass sich in alter Zeit — unweit der Stelle, wo in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts massive Proteste gegen die Errichtung des Flughafens Narita ausgefochten wurden — gehörnte Schlangen gegen die Urbarmachung des Landes zur Wehr setzten und die Menschen attackierten. Nach einigem Hin und Her errichtete man ihnen einen Schrein und brachte sie damit zur Ruhe. Man tauschte also Landrechte gegen religiöse Verehrung (die Konflikte der 1970er Jahre wurden hingegen vor Gericht entschieden). Aus dieser Erzählung wird ersichtlich, dass die Schlangen für Gottheiten gehalten wurden, denen das Land ursprünglich gehörte.
In vielen Mythenkreisen der Welt steht der Schlange als Herrscherin des Wassers der Vogel, bzw. der Adler, als Beherrscher des Himmels oder des Feuers gegenüber. In Indien ist dieser Gegensatz besonders stark ausgeprägt. Hier gibt es den Vogelmenschen Garuda (गरुडGaruḍa (skt., m.) — Vogelmensch …mehr ⇒) , der den erwähnten Nagas — also den Schlangenwesen — in ewiger Feindschaft gegenübersteht. In China und Japan ist dieser Gegensatz nicht besonders präsent, vielleicht weil die Figur des Drachens zu übermächtig ist und selbst viele Eigenschaften von Vögeln besitzt. Der indische Vogelmensch Garuda scheint jedoch in der Sagenfigur des japanischen Tengu einen Verwandten zu haben.
Schlangen als Sinnbild der Eifersucht
Obsession (shūnen)
- Blockdruck, ukiyoe (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1790-1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32; 25,9 x 18,4 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2010/9)
Die Schlange windet sich um ein Totentäfelchen (ihai). Die Stoffmuster wiederholen die Muster der Schlangenhaut.
Spätere Schlangenlegenden erzählen davon, dass sich Schlangen — ähnlich wie Füchse — in Menschen verwandeln können und oft unerkannt an der Seite eines menschlichen Ehepartners leben. Solche Legenden offenbaren meist eine starke erotische Komponente. Umgekehrt führt enttäuschte Liebe, bzw. Eifersucht, zur Wiedergeburt als Schlange. Von diesem Schicksal sind — buddhistischen Legenden zufolge — vor allem Frauen betroffen. Eine von ihnen, Kiyohime (Kiyohime 清姫 — Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht …mehr ⇒), die unglücklich in einen buddhistischen Mönch verliebt war, verwandelte sich aus Eifersucht in eine Schlange und verfolgte so ihren Geliebten bis in einen Tempel, wo er sich unter einer Tempelglocke versteckt hatte. Sie aber wand sich um die Glocke, brachte sie zum Glühen und tötete den Mönch auf diese Weise (siehe Horrorklassiker).
Schlangen gelten außerdem als die Tiergefährten der Glücksgöttin Benzaiten (Benzaiten 弁才天/ 弁財天 — Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten …mehr ⇒) (s.a. Sidepage Benzaiten), die wiederum mit zahlreichen Drachenmythen in Verbindung steht. Benzeiten war ursprünglich eine indische Fluss- bzw. Wassergöttin, daher ihre Assoziation mit Schlangen und Drachen. Auch Benzaiten wird im übrigen für sehr eifersüchtig gehalten, sodass es Männern und Frauen geraten ist, ihre Schreine nicht gemeinsam aufzusuchen.
Löwen und Löwenhunde
Löwentanz
- Maske
Bild © Free Photo Wallpaper Japan & World, Jänner 2010. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Das Foto zeigt die Maske während einer Aufführung vor dem Tokyo National Museum.
Chinesischer Löwe (Karajishi)
- Relief (Holz, Farbe). Frühe Edo-Zeit; Kyoto, Nishi Honganji, Karamon
Bild © Tomo Yun, Jänner 2010. (Letzter Zugriff: 2013/1)
Detail aus dem „Chinesischen Tor“ im Stil der sog. Momoyama-Architektur.
Die Rolle des Löwen als Wächterfigur hat sich wahrscheinlich von Vorderasien aus nach Indien und Ostasien einerseits und nach Europa andererseits ausgebreitet. Dabei erwies sich der Löwe als äußerst vielseitig, was seine Symbolik betrifft: Weltliche Paläste bedienten sich seiner genauso wie religiöse Kultstätten, seien es nun Kirchen (der Markusdom in Venedig), buddhistische Tempel oder Shinto Schreine. Obwohl Löwen im Gegensatz zu Drachen eine real existierende zoologische Spezies darstellen, kann man sie aus Sicht der (traditionellen) religiösen Ikonographie Japans zu den legendären Tieren zählen, weil sie nicht in Japan heimisch sind und daher von einer ähnlichen exotischen Aura umgeben waren wie die Drachen. Traditionelle ostasiatische „Löwen“ haben sich im übrigen vom Aussehen des realen Tiers einigermaßen weit entfernt und gewisse ikonographische Eigenheiten angenommen, die mehr an einen Hund (vor allem an einen Pekinesen) als an ein katzenartiges Tier erinnern (s.u.).
Löwentanz (Shishimai)
- Buchillustration (Papier, Farbe) von Utagawa Utamaro (1753?–1806); aus Waka Ebisu (Der junge Ebisu), 1789; 25,8 x 18,8 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2011/9)
Gift of Mrs. Jared K. Morse
Die Abbildung stammt aus einer Kollektion unterhaltsamer Gedichte, zu denen Utamaro eine Serie von fünf Illustrationen schuf. Das vorliegende Bild zeigt eine Straßenszene in Edo während der Neujahrsfeiern. Straßenkünstler führen einen Löwentanz vor, größere Kinder amüsieren sich, kleinere fürchten sich.
Japanische Löwen kommen zwar selten in Geschichten oder Mythen vor, gelten aber offensichtlich als bewährte Geisteraustreiber. In dieser Funktion findet man sie beispielsweise, zusammen mit Drachen und Baku (s.u.), im Gebälk von Tempeln, Schreinen und historischen Palästen, aber auch bei den Löwentänzen (shishimai), die unter anderem zu Neujahr aufgeführt werden. Die Tänzer schlüpfen dabei in komisch-groteske Masken, die mit dem Gebiss klappern können, und vollführen lebhafte Tänze. Ähnlich wie bei hiesigen „Krampus“-Auftritten reagieren kleine Kinder üblicherweise ängstlich auf die Löwentänzer, während sich Erwachsene amüsieren.
Komainu
Komainu
- Statue (Stein) von Kobayshi Kazuhira, Detail. 1961; Shō Hachiman Jinja, Ishikawa-gun, Fukushima
Bild © komainu.net, 2004. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Am häufigsten begegnet man in Japan jedoch paarweise aufgestellten Löwenwächtern, die entweder als karajishi (karajishi 唐獅子 — chinesischer Löwe, Synonym für komainu …mehr ⇒), wtl. „chinesischer Löwe“, oder als komainu (komainu 狛犬 — wtl. „Korea-Hund“, auch „Löwenhund“; Wächterfigur vor religiösen Gebäuden …mehr ⇒), wtl. „Korea-Hund“, bezeichnet werden. Letzteres stellt heute die gängigere Bezeichnung dar. Wie diese Namen andeuten, gibt es in China und Korea ähnliche Statuen. Die beiden Bilder unten zeigen, dass es in manchen Fällen tatsächlich zu einer Differenzierung von Hund und Löwe kommt: Das linke Exemplar besitzt ein Horn und wird als „Korea-Hund“ angesehen. Das rechte, der „China-Löwe“, sieht eher wie ein Löwe aus. In der heute gängigen Ikonographie vermischen sich die beiden Typen jedoch zu einer einheitlichen Spezies, die ebensosehr einem Hund wie einem Löwen ähnlich sieht und die man daher wohl am besten als „Löwenhund“ bezeichnet.
-
Löwenhund (komainu)
- Statue (Holz). Kamakura-Zeit; im Besitz des Staatlichen Museums Kyoto
Bild © Kyoto National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Mit geschlossenem Maul entspricht dieser Löwenhund der „UN-Form“ (un-gyō). Während man dieses gehörnte Tier wtl. als „Korea-Hund“ (koma'inu) bezeichnet, wird sein hornloser Partner „Löwe“ (shishi) genannt. (Bei den meisten rezenten Beispielen gibt es diese Unterscheidung nicht.)
- Statue (Holz). Kamakura-Zeit; im Besitz des Staatlichen Museums Kyoto
-
Löwe (shishi)
- Statue (Holz). Kamakura-Zeit; im Besitz des Staatlichen Museums Kyoto
Bild © Kyoto National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Mit offenem Maul entspricht dieser Löwenhund der „A-Form“ (a-gyō). Seine Gestalt ist verhältnismäßig realistisch und evoziert den Eindruck eines starken, mächtigen Tieres. Während man seinen gehörnten Partner als „Korea-Hund“ (koma'inu) bezeichnet, wird dieses Exemplar „Löwe“ (shishi) genannt. (Bei den meisten rezenten Beispielen gibt es diese Unterscheidung nicht.)
- Statue (Holz). Kamakura-Zeit; im Besitz des Staatlichen Museums Kyoto
Komainu sind zumeist in Eingangsbereichen religiöser Kultstätten aufgestellt, wo keine menschlichen Wächterfiguren (Niō (Niō 仁王 — Wächterfigur, Torwächter …mehr ⇒)) Dienst tun, oder in manchen Fällen auch an der Rückseite von Toren, an deren Vorderseite Niō stehen. Man findet sie heute zumeist vor Shinto Schreinen, sie hatten jedoch ursprünglich nichts mit shintoistischen Kami (kami 神 — japanische Gottheit …mehr ⇒) zu tun und sind auch kein eindeutiges Erkennungsmerkmal von Schreinen. In manchen Schreinen und Tempeln werden sie auch durch andere Tiere ersetzt, v.a. in Inari (Inari 稲荷 — Reisgottheit, häufig von Fuchswächtern bewacht …mehr ⇒) Schreinen durch Füchse.
Während ältere Komainu durchaus imposant aussehen, haben rezentere Beispiele oft komische Züge (s. Sidepage). Hierarchisch stehen sie in jedem Fall unter den Niō-Torwächtern, doch teilen sie mit diesen die Besonderheit, dass sie stets als Paar auftreten, dessen Partner sich vornehmlich in einem Punkt unterscheiden: immer hält einer von beiden den Mund offen (a-gyō (A-gyō 阿形 — Bez. für einen Typ von Wächter·gottheit; wtl. A-Form (Figur, die ein „A“ ausspricht) …mehr ⇒)), der andere den Mund geschlossen (un-gyō (UN-gyō 吽形 — wtl. HUM-Form (Figur, die das Sanskritzeichen „HUM“, jap. un, ausspricht) …mehr ⇒)). Die zugrunde liegende Symbolik hat buddhistische Wurzeln (s. dazu Wächtergötter) und mag ehemals auch in China bekannt gewesen sein, hat sich aber dort nicht bis heute erhalten.
Sonstige legendäre Tiere
Elefanten und Baku
Baku und Shishi
- Hängerollbild, Detail. 11. Jh.; „Nationalschatz“; Kyoto National Museum; 160 x 229,5 cm
Bild © e-Museum
Aus einer Darstellung von Buddhas Ableben. In dieser Abbildung aus dem Altertum erscheinen Baku und Shishi in der gleichen ikonographischen Gestalt, in der sie heute noch im Schnitzwerk von Tempeln zu bewundern sind.
Gebälk mit Baku (rechts) und Shishi
- Schnitzwerk (Holz). Edo-Zeit; Daien-ji, Meguro-ku, Tokyo
Bild © Sekishinrō, 2008. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Als ein Tier, das im Leben des historischen Buddha eine gewisse Rolle spielte, ist der Elefant auch in Ostasien schon lange bekannt, ohne dass man seine genaue Gestalt je zu Gesicht bekam. Was man von ihm wusste, wurde wohl mit dem Tapir, einem anderen exotischen Tier, das man kaum kannte, vermischt und zu einem legendären Tier, dem baku (baku 獏 — Baku, elefantenartiges legendäres Tier, das Träume frisst; auch:Tapir …mehr ⇒), neu zusammengesetzt. Bakus erfreuten sich in der Edo (Edo 江戸 — Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit besonderer Beliebtheit und sind heute noch im Verein mit Drachen und Löwen an den Außenfassaden von Tempeln und Schreinen aus dieser Zeit zu bewundern. Es wird ihnen nachgesagt, dass sie alles verschlucken können — auch und vor allem böse Träume! Das Schriftzeichen baku ziert daher auch manchmal das Schiff der Sieben Glücksgötter, die ja ebenfalls für Träume, vor allem für glücksbringende Träume zu Jahresbeginn, zuständig sind.
Literatur und Links
- Marius de Visser 1913
The Dragon in China and Japan. Amsterdam: Johannes Müller Verlag. [Alt, aber gut.] - The Goddess, the Dragon, and the Island, Robert A. Juhl (en.)
Online-Studie des Enoshima Engi, einer Schrein-Chronik, in der es um den Drachen und die Gottheit Benzaiten auf der heiligen Insel Enoshima geht. - Die alten chinesischen Quellen, Matthias Claus (2006)
Aus: Das klassische China - Eastern Dragon Overview, Kylie McCormick (en.)
Teil der Website The Circle of the Dragon. - Das Drachenbestiarium Georg Friebe
Schwerpunkt Österreich und Deutschland, aber auch ein paar Bilder aus Asien. - Baku, Eater of Nightmares, Mark Schumacher (en.), A-Z Dictionary.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2012
- Web-Projekt
- Hauptseite
- Konzept
- Technisches
- Japan
- Geographie
- Geschichtsperioden
- Formales
- Glossare
- Kanji A–J
- Kanji K–R
- Kanji S–Z
- Sanskrit
- Quellen
- Literatur
- Links
- Autor
- Bernhard Scheid
- Kapitel 1
- Einleitung
- Buddhismus
- Buddh. Lehren
- Zitat:
- Vier Wahrheiten
- Shinto
- Essay:
- Shintō und jindō
- Stereotype
- Essay:
- Herrigels Zen
- Weltbild
- Kapitel2
- Einleitung
- Tempel
- Was ist ein Tempel?
- Spezialthemen:
- Tempeltore
- Pagoden
- Stupas
- Bekannte Tempel
- Schreine
- Was ist ein Schrein?
- Essay:
- Torii
- Bilder:
- Schreinbilder
- Götterseile
- Ise und Izumo
- Spezialthemen:
- Baustil Ise
- Izumo Schrein
- Bekannte Schreine
- Beispiele:
- Fushimi
- Tenjin
- Itsukushima
- Nikko
- Kasuga
- Kapitel 3
- Einleitung
- Öffentlich
- Tempel- & Schreinbesuch
- Spezialthema:
- Omairi Knigge
- Opfergaben
- Spezialthema:
- Votivbilder (ema)
- Glücksbringer
- Spezialthema:
- Glückslose
- Jahreszyklus
- Bilder:
- Neujahr
- O-Bon, Fest der Lichter
- Volksfeste (Matsuri)
- Spezialthemen:
- Nacktfeste
- Feuergang
- Fruchtbarkeits- und Phalluskulte
- Pilgerschaft
- Gastartikel:
- Fire walk
- Privat
- Religion und Familie
- Spezialthema:
- Der Kinder Segen
- Totenriten
- Essay:
- Modernes Jenseits
- Ahnenkult
- Hausschrein
- Friedhof
- Spezialthema:
- Grabsteine
- Priester und Mönche
- Buddhistische Mönche
- Spezialthemen:
- Mönchstracht
- Würdenträger
- Schreinpriester
- Yamabushi
- Spezialthema:
- En no Gyoja
- Kapitel 4
- Einleitung
- Mandala
- Spezialthema:
- Mandalas der beiden Welten
- Mudra
- Buddhas
- Amida
- Dainichi
- Essay:
- Daibutsu Statuen
- Shaka
- Spezialthemen:
- Buddhas Leben
- 32 Merkmale Buddhas
- Bodhisattvas
- Kannon
- Spezialthema:
- Pferdekopf-Kannon
- Jizo
- Spezialthema:
- Osorezan, der Angstberg
- Zornige
- Myōō
- Wächtergötter
- Spezialthemen:
- Niō Wächter
- Wind und Donner
- Sonstige Gottheiten
- Glücksgötter
- Spezialthemen:
- Daikoku
- Ebisu
- Benzaiten
- Bishamon-ten
- Hotei
- Shinto-Götter
- Spezialthema:
- Kasuga Mandala
- Kapitel 5
- Einleitung
- Göttermythen
- Götter des Himmels
- Spezialthemen:
- Ame no Uzume
- Trickster-Gottheiten
- Götter der Erde
- Essay:
- Ōkuninushi
- Jenseitsglaube
- Jenseits
- Spezialthemen:
- König Enma
- Kriegerische Geister
- Paradiese
- Höllen
- Spezialthemen:
- Höllenbilder
- Hungergeister
- Geisterwesen
- Totengeister
- Spezialthemen:
- Horror Klassiker
- Itako Shamaninnen
- Tengu
- Bilder:
- Tengu Motive
- Oni und Kappa
- Märchen:
- Der Alte mit der Beule
- Tiere
- Legendäre Tiere
- Bilder:
- Drachenbilder
- Komainu
- Verwandlungskünstler
- Spezialthemen:
- Kitsune
- Inari Fuchswächter
- Tanuki
- Symboltiere
- Gastartikel:
- Tauben und Krieg
- Spezialthemen:
- Drei Affen
- Erdbeben-Wels
- Kapitel 6
- Einleitung
- Altertum
- Frühzeit
- Spezialthema:
- Shōtoku Taishi
- Zitat:
- Königliche Empfehlung
- Nara Zeit
- Spezialthema:
- Miniaturstupas
- Frühe Kami Kulte
- Spezialthema:
- Himiko
- Heian Zeit
- Saichō
- Kūkai
- Zitat:
- Kukais Initiation
- Honji suijaku
- Mittelalter
- Kamakura
- Spezialthema:
- Rituelle Verwünschungen
- Amidismus
- Zitat:
- Amidas Gelübde
- Zen Buddhismus
- Bilder:
- Bodhidharma
- Zitat:
- Ein Kōan
- Nichiren Buddhismus
- Mittelalterl. Shinto
- Essay:
- Götterwinde
- Frühe Neuzeit
- Reichseinigung
- Christentum
- Zitat:
- Kopfgeld für Christen
- Inquisition
- Neo-Konfuzianismus
- Kokugaku
- Moderne
- Staatsshinto
- Zitat:
- Kaiserl. Erziehungserlass
- Spezialthema:
- Yasukuni Schrein
- Neue Religionen
- Kapitel 7
- Einleitung
- Yin und Yang
- Spezialthema
- Tierkreiszeichen
- Himmelskunde
- Spezialthema
- Astrologie
- Mythentexte
- Sutren
- Zitat
- Hannya shingyō
- Suchen
- Wiki-Suche
- Wiki-Seitenindex
- Google Sitesearch
- Sitemap
- Updates
- Letzte Änderungen
- Neue Bilder
- Sonstiges
- Statistik
- Zufällige Seite
- Spezialseiten
- Diese Seite
- Druckversion
- Zitieren