Zeitalter der Götter, Teil 2 Die Götter der Erde
Die Begriffe Götter des Himmels und Götter der Erde (ama-tsu-kami (ama-tsu-kami 天神 — Götter des Himmels …mehr ⇒), bzw. kuni-tsu-kami (kuni-tsu-kami 国神 — Götter der Erde …mehr ⇒)) spielten zur Zeit der schriftlichen Fixierung der Mythen (um 700) offenbar eine wichtige Rolle. Im allgemeinen verstehen die frühen Chroniken darunter einerseits die göttlichen Vorfahren des Tennō (Tennō 天皇 — jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels …mehr ⇒) und seiner unmittelbaren Vasallen, die im Himmel (Takama no hara (Takama no hara / Takamagahara 高天原 — wtl. „Die himmlischen Gefilde“, mythol. Bez. für das Reich der Himmlischen Götter …mehr ⇒)) residieren, andererseits die göttlichen Vorfahren der meisten anderen territorialen Klans der Frühzeit. Die Mythen von den Göttern der Erde schildern (und begründen), wie die Hierarchie zwischen diesen Gruppen zustande kommt, und behandeln damit letzlich nichts anderes als das Zustandekommen des frühen japanischen Staates.
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Susanoo und Ōkuninushi
Ōkuninushi und der weiße Hase von Inaba
- Surimono (Blockdruck) von Katsushika Hokusai (1760–1849); 20,7 x 18,5 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2011/7)
William S. and John T. Spaulding Collection
Ōkuninushi heilt den Hasen von Inaba, dem Meeresungeheuer (wani) das Fell abgezogen haben. Hokusai interpretiert Ōkuninushi als Daikoku und die wani als Krokodile.
Susanoo und die Schlange Yamata no Orochi
- Hängerollbild (Seide, Tusche, Farbe) von Kawanabe Kyōsai (1831–1889). Meiji-Zeit, 1887; 100,4 x 29,7 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Man muss erst ein wenig suchen, bis man den Kopf der Schlange in der unteren Bildhälfte entdeckt.
Nachdem Amaterasu (Amaterasu 天照 — Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennō …mehr ⇒) dank des Zusammenwirkens der gesamten Götterschar wieder aus ihrer Höhle herausgelockt worden ist, wird Susanoo (Susanoo 須佐之男 — mytholog. Trickster-Gott; Sturmgott, Mondgott …mehr ⇒) einer Reihe von Strafen und Foltern unterworfen und schließlich endgültig in die Unterwelt verbannt. Als erzieherische Maßnahme hat die Verbannung offensichtlich Erfolg. Auf dem Weg in die Unterwelt kommt Susanoo auch auf die Erde (genauer: in das Land Izumo) und nimmt dort, ganz der Trickster-Definition von Mircea Eliade folgend, die Rolle eines Kulturheroen an. So rettet er etwa ein Mädchen vor der achtköpfigen Schlange Yamata no Orochi (Yamata no Orochi 八岐大蛇 — Mythologische Schlange (Drache) mit acht Köpfen und Schwänzen ), welche die Menschen terrorisiert. Der Mythos erwähnt aber auch, dass aus seinen Haaren nützliche Bäume entstehen, und bringt ihn außerdem mit der Erfindung des Sake (Sake 酒 — Reiswein …mehr ⇒) in Verbindung.
Mit dem geretteten Mädchen, der Prinzessin Kushinada-hime (Kushinada-hime 奇稲田姫 — Ehefrau Susanoos, Mutter bzw. Ahnin Ōkuninushis …mehr ⇒), zeugt Susanoo eine neue Herrscherdynastie auf Erden. Die Geschichten dieser Nachkommen sind vor allem im Kojiki (Kojiki 古事記 — Älteste jap. Chronik (712) …mehr ⇒) zu finden. Vieles deutet daraufhin, dass sie einem eigenen Mythenkreis entstammen und in den Erzählungen rund um die Sonnengottheit ursprünglich gar nicht vorkamen. Denn in gewisser Weise wird die Welt durch diese Nachkommen des Susanoo ein weiteres Mal neu geschaffen. Die Hauptgötter dieser Episode werden vor allem im Großschrein von Izumo (Izumo Taisha 出雲大社 — Großschrein von Izumo, Präfektur Shimane …mehr ⇒) verehrt und sind auch in den Mythen eng mit dieser Region nordwestlich von Kyoto verbunden. Man kann daher annehmen, dass es in Izumo ursprünglich einen eigenen Sagenkreis gab, der in Kojiki und Nihon shoki (Nihon shoki 日本書紀 — Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720) …mehr ⇒) nur notdürftig mit dem Amaterasu-Sagenkreis verbunden wurde. Susanoo stellt sozusagen das Bindeglied zwischen diesen Erzählungen dar.
Der Hauptheld des Izumo Sagenkreises heißt allerdings nicht Susanoo, sondern Ōkuninushi (Ōkuninushi 大国主 — mythol. Gottheit; wtl. Großer Meister des Landes …mehr ⇒) — der „Große Landesherr“. Er ist der Sohn des Susanoo (nach einer anderen Version ein Abkömmling in der fünften oder sechsten Generation) und muss — selbst eine Art Trickster Gottheit — erst eine Reihe von Qualen und Demütigungen durchstehen, bevor er schließlich Herr des Landes wird und zusammen mit einer weiteren Schöpfergottheit, dem winzigen Sukunabikona (Sukunabikona 少名毘古那 — winzige Gottheit, Gefährte oder alter ego von Ōkuninushi, auch: Sukunahikona …mehr ⇒), die Erde in ihren nunmehrigen Zustand bringt. Wie auf der Sidepage zu Ōkuninushi genauer beschrieben, steht Ōkuninushi stellvertretend für eine ganze Reihe von Territorialgottheiten, die noch in den späteren Erzählungen einzelner Tenno immer wieder auftauchen und die Geschicke des Landes maßgeblich mitgestalten.
Die Entmachtung des Ōkuninushi
Die Verbindung zwischen den Mythen der „Himmlischen Götter“ und den Erzählungen von Ōkuninushis Gestaltung der Welt stellt die Episode von Ōkuninushis Entmachtung dar. Es ist die Geschichte einer Kolonisation, die den Chroniken zufolge lediglich mit sanfter Gewalt durchgeführt wird: Zunächst entsenden die Himmlischen Götter Boten aus ihren eigenen Reihen, die Ōkuninushi überzeugen sollen, dass es das beste für ihn sei, den Nachkommen der Sonnengottheit kampflos die Herrschaft zu überlassen. Ōkuninushi gelingt es zwar, die ersten Boten von ihrer Mission abzubringen, indem er sie mit Luxus überhäuft und zum Bleiben überredet, doch schließlich sendet der Himmel seine bewährtesten Haudegen, Takemikazuchi (Takemikazuchi 建御雷 — Mythologischer Schwertgott (wtl. Gewittergott); Ahnengottheit der → Fujiwara; u.a. in den Schreinen → Kashima und → Kasuga verehrt. …mehr ⇒) und Futsunushi (Futsunushi 経津主 — Mythologischer Schwertgott …mehr ⇒). (Die beiden sind aus Feuer und Schwert hervorgegangen und zwar in genau jener Episode, als Göttervater Izanagi (Izanagi 伊耶那岐 / 伊奘諾 — Göttervater; auch Izanaki (ki hier männliche Endung) …mehr ⇒) das Feuerkind in Stücke schlug, das den Tod der Göttermutter Izanami (Izanami 伊耶那美 / 伊奘冉 — Göttermutter, Göttin der Unterwelt (mi hier weibliche Endung) …mehr ⇒) verursacht hatte.) Als diese beiden „Feuer-Schwert-Götter“ dem Ōkuninushi ihre Schwertkünste demonstrieren, ist er schließlich bereit abzudanken und zieht sich an einen mysteriösen Ort (die Unterwelt?) zurück. Statt ihm soll nun Ninigi (Ninigi 瓊瓊杵 — mytholog. Gottheit, Enkel Amaterasus …mehr ⇒), der Enkel der Sonnengottheit, die Welt (bzw. Japan) regieren.
In dieser Episode zeichnet sich ein politischer Gegensatz zwischen einem Herrschergeschlecht in der Gegend des Izumo Schreins (wo Susanoo und Ōkuninushi verehrt werden) und dem Tenno Geschlecht ab. Die Erzählung trägt deutlich propagandistische Züge, indem sie den Anschluss Izumos an das „Reich der Himmlischen Götter“ als freiwilligen Herrschaftsverzicht einer Lokaldynastie darstellt und allfällige Gewaltanwendungen fast vollkommen übergeht. Nur am Rande ist davon die Rede, dass einige aufmüpfige Götter im Gefolge des Ōkuninushi bestraft werden mussten. Ein mehrfach wiederholter Stehsatz lautet, dass Bäume und Gräser, die zur Zeit Ōkuninushis vorlaut durcheinanderquasselten, nun endlich zum Schweigen gebracht wurden. Trotzdem deutet sich an, dass die Entmachtung Ōkuninushis nicht ganz ohne Widerstand erfolgte. Wie der weitere Verlauf der Erzählung ausführt, ist die Etablierung der Sonnendynastie auch mit Ninigi noch lange nicht abgeschlossen. (Siehe dazu auch den Essay zu Ōkuninushi.)
Die Dynastie des „Himmlischen Enkelsohns“
Ninigi, der Himmlische Enkelsohn, wählt als Ort seines Abstiegs interessanterweise weder Izumo, noch die zentraljapanische Kansai Region, sondern das von zahlreichen Vulkanen zerklüftete Hochland Takachiho (Takachiho 高千穂 — Hochland im heutigen Kyushu, wo der Himmelsenkel Ninigi herabgestiegen sein soll …mehr ⇒) im Zentrum der Insel Kyushu. Auf diese Weise bezieht die mythische Erzählung von der Staatsgründung Japans eine weitere Großlandschaft mit ein, nämlich Kyushu, das seit altersher eine Brücke zwischen der Hauptinsel Honshu und der koreanischen Halbinsel bildet.
Sarutahiko
- Zeichnung (Tusche, Farbe). Meiji-Zeit
Finster blickt Sarutahiko der barbusigen Ame no Uzume entgegen.
Der ideologische Charakter der Ninigi-Episode äußert sich meines Erachtens u.a. darin, dass seine Figur merkwürd flach und farblos bleibt. Die einzigen Gestalten, die bei seinem Abstieg augenfällig in Erscheinung treten, sind ein langnasiger Berggott namens Sarutahiko (Sarutahiko 猿田彦 — Mythologische Gottheit in → Tengu-ähnlicher Gestalt …mehr ⇒), eine Art tengu (tengu 天狗 — Tengu, eine Art Kobold, meist in den Bergen …mehr ⇒), der den himmlischen Göttern mit zweifelhaften Drohgebärden entgegen tritt, und die bereits erwähnte temperamentvolle Ame no Uzume (Ame no Uzume 天鈿女/天宇受賣 — mythologische Gottheit, Ahnherrin des Theaters …mehr ⇒). Diese Ahnherrin des japanischen Theaters entblößt ein weiteres Mal ihre Brüste und drängt damit den unheimlichen Sarutahiko in die Defensive, sodass er sich bereit erklärt, Ninigi sicher zur Erde zu geleiten. Ame no Uzume und Sarutahiko werden schließlich ein Paar.
Von Ninigi wird nur noch berichtet, dass er mit der Tochter eines lokalen Gottes drei Söhne zeugt, die mysteriöserweise nach eintägiger Schwangerschaft zur Welt kommen. Die Geschichte dieser Nachkommen eröffnet ein weiteres mythologisches Kapitel, das geographisch in Kyushu angesiedelt ist und mit den vorhergegangen Erzählungen kaum etwas gemein hat. Es beginnt mit einer Art Kain-und-Abel Geschichte von der Konkurrenz zweier Brüder (der dritte Sohn Ninigis fällt unter den Tisch). Der gute jüngere wird vom bösen älteren Bruder gezwungen, einen verlorenen Angelhaken zu suchen, gerät dabei zum Palast des Meeresgottes, der in Gestalt eines Drachens am Grunde des Meeres residiert, und vermählt sich mit seiner Tochter. Mit Hilfe seines mächtigen Schwiegervaters gelingt es dem jüngeren Bruder letztlich, den bösen älteren Bruder zu besiegen.
Jinmu Tennō
- Holzschnitt (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi (1839-1892)
Bildquelle: J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/11/3)
Ein Urenkel Ninigis und zugleich Urenkel des Drachen/ Meeresgottes ist Jinmu Tennō (Jinmu Tennō 神武天皇 — wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (→ Tenno) Japans …mehr ⇒), der den Chroniken zufolge der erste menschliche Herrscher des Sonnengeschlechts ist und daher als der erste Tenno gehandelt wird. Worin er sich konkret von den Göttern unterscheidet, bleibt allerdings weitgehend unklar. Jinmu Tenno steht aber auch insofern an der Schwelle von Mythos und Geschichte, als er als siegreicher Anführer eines historisch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbaren Feldzugs geschildert wird. Von Kyushu aus erobert er die zentraljapanischen Provinzen der Kansai Region, die mit den späteren Hauptstädten Nara (Nara 奈良 — Hauptstadt und Sitz des Tenno, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō …mehr ⇒) und Kyoto zum Ausgangspunkt eines zentralisierten landesweiten Staatsgebildes werden. Es ist dieser Feldzug, von dem die Tenno-Dynastie ihren Machtanspruch über ganz Japan ableitet.
Mit Jinmu Tenno endet das Zeitalter der Götter. In den beiden ältesten Chroniken Kojiki (Kojiki 古事記 — Älteste jap. Chronik (712) …mehr ⇒) und Nihon shoki (Nihon shoki 日本書紀 — Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720) …mehr ⇒) folgt nun eine Chronologie der nachfolgenden Tenno, die immer stärker die Züge einer historiographischen Aufzeichnung annimmt. Dennoch ist heute offenkundig, dass die Rekonstruktion der Tenno-Genealogie ein Werk des siebenten und achten Jahrhunderts ist und trotz einiger historisch ernst zu nehmender Details auch viele nachträgliche Geschichtsmanipulationen beinhaltet. Neben trocken-sachlichen Aufzählungen von Namen und Daten enthalten auch die Chroniken der späteren Tenno viele mythologische Episoden.
Die vielleicht interessanteste Erzählung der Tenno-Dynastie handelt vom Eroberungsfeldzug der Kaiserin Jingū Kōgō (Jingū Kōgō 神功皇后 — mytholog. Kaiserin …mehr ⇒) nach Korea. Nachdem sie für die Dauer der Schlacht ihre Schwangerschaft hinausgezögert hat, bringt die Kaiserin schließlich einen Sohn zur Welt, den späteren Ōjin Tennō (Ōjin Tennō 応神天皇 — mytholog. Tennō …mehr ⇒), der sich in einem anderen Sagenkreis als der Gott Hachiman (Hachiman 八幡 — Shinto Gottheit, Ahnengottheit des Tenno und des Kriegeradels …mehr ⇒) reinkarniert und neben Amaterasu zum wichtigsten Ahnengott des Tenno-Hauses avanciert.
Mythologische Motive in Märchen und Legenden
Neben den hier geschilderten „offiziellen Mythen“ gibt es noch eine Vielzahl von Märchen und Legenden, die ebenfalls mythische Züge tragen und in zahlreichen Varianten erzählt werden. Am bekanntesten ist vielleicht die Geschichte von Urashima Tarō (Urashima Tarō 浦島太郎 — Held einer berühmten Sage …mehr ⇒), dem Fischer, der eine Schildkröte rettet, dafür die Tochter des Drachenkönigs am Grunde des Meeres heiratet, schließlich aber aus Sehnsucht zurück in sein Heimatdorf will. Dort angekommen stellt er fest, dass während seines Aufenthalts im Drachenpalast viele hundert Jahre vergangen sind. Als er in seiner Verzweiflung das Schatzkästchen öffnet, das ihm seine Frau mitgegeben hat, verliert er auch noch die Gabe der ewigen Jugend und stirbt.
Dem Drachenkönig am Grunde des Meeres begegnet man also bereits in den ältesten Mythen. Dieses Motiv ist in ganz Asien verbreitet und auch in buddhistischen Legenden präsent. Aus diesen gemeinsamen Motiven in Mythen und Legenden lässt sich ermessen, wie groß die Einflüsse des Festlands auf die japanische Kultur schon vor der Übernahme der chinesischen Schriftkultur gewesen sein müssen. (S.a. Drachenbilder)
Literatur und Links
- Mori Mizue 2003
„Ancient and Classical Japan: The dawn of Shinto.“ In: Inoue Nobutaka (Hg.), Shinto: A Short History. New York: RoutledgeCurzon, S. 12-62. - Amatsukami, Kunitsukami, Endō Jun (en.)
Artikel in der Encyclopedia of Shinto.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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