Zeitalter der Götter, Teil 2 Die Götter der Erde

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Bernhard Scheid, „Zeitalter der Götter, Teil 2 Die Götter der Erde.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 27.2.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Goetter_der_Erde?oldid=35620

Die Begriffe Götter des Himmels und Götter der Erde (ama-tsu-kami (ama-tsu-kami 天神Götter des Himmels …mehr ⇒), bzw. kuni-tsu-kami (kuni-tsu-kami 国神Götter der Erde …mehr ⇒)) spielten zur Zeit der schrift­lichen Fixierung der Mythen (um 700) offenbar eine wichtige Rolle. Im all­gemei­nen vers­tehen die frühen Chroni­ken darunter einer­seits die gött­lichen Vor­fahren des Tennō (Tennō 天皇jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels …mehr ⇒) und seiner un­mittel­baren Vasal­len, die im Himmel (Takama no hara (Takama no hara / Takamagahara 高天原wtl. „Die himmlischen Gefilde“, mythol. Bez. für das Reich der Himmlischen Götter …mehr ⇒)) residieren, ande­rer­seits die gött­lichen Vor­fahren der meisten ande­ren terri­toria­len Klans der Frühzeit. Die Mythen von den Göttern der Erde schildern (und begrün­den), wie die Hierar­chie zwischen diesen Gruppen zu­stande kommt, und be­handeln damit letzlich nichts anderes als das Zu­stande­kommen des frühen japa­ni­schen Staates und der ihn regierenden Eliten.

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Susanoo und Ōkuninushi

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Susanoo und die Schlange Yamata no Orochi

Hängerollbild (Seide, Tusche, Farbe) von Kawanabe Kyōsai (1831–1889). Meiji-Zeit, 1887; 100,4 x 29,7 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Man muss erst ein wenig suchen, bis man den Kopf der Schlange in der unteren Bildhälfte entdeckt.

Susanoo und die Schlange
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Nachdem Amaterasu (Amaterasu 天照Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennō …mehr ⇒) dank des Zu­sam­men­wir­kens der gesam­ten Götter­schar wieder aus ihrer Höhle heraus­ge­lockt wor­den ist, wird Susanoo (Susanoo 須佐之男mytholog. Trickster-Gott; Sturmgott, Mondgott …mehr ⇒) einer Reihe von Strafen und Foltern unter­wor­fen und schließ­lich end­gül­tig in die Unter­welt ver­bannt. Als er­zie­heri­sche Maß­nahme hat die Ver­ban­nung offen­sicht­lich Erfolg. Auf dem Weg in die Unter­welt kommt Susanoo auch auf die Erde (genauer: in das Land Izumo) und nimmt dort, ganz der Trickster-Definition von Mircea Eliade fol­gend, die Rolle eines Kultur­heroen an. So rettet er etwa ein Mädchen vor der acht­köp­figen Schlan­ge Yamata no Orochi (Yamata no Orochi 八岐大蛇Mythologische Schlange (Drache) mit acht Köpfen ), welche die Men­schen terro­risiert. Der Mythos erwähnt aber auch, dass aus seinen Haaren nütz­liche Bäume ent­stehen, und bringt ihn außer­dem mit der Er­fin­dung des Sake (Sake Reiswein …mehr ⇒) in Verbindung.

Mit dem geretteten Mädchen, der Prinzessin Kushinada-hime (Kushinada-hime 奇稲田姫Ehefrau Susanoos, Mutter bzw. Ahnin Ōkuninushis …mehr ⇒), zeugt Susanoo eine neue Herr­scher­dynas­tie auf Erden. Die Ge­schich­ten dieser Nach­kom­men sind vor allem im Kojiki (Kojiki 古事記Älteste jap. Chronik (712) …mehr ⇒) zu finden. Vieles deutet darauf­hin, dass sie einem eige­nen Mythen­kreis ent­stam­men und in den Erzäh­lungen rund um die Sonnen­gott­heit ur­sprüng­lich gar nicht vor­kamen. Denn in gewis­ser Weise wird die Welt durch diese Nach­kommen des Susanoo ein wei­teres Mal neu ge­schaf­fen. Die Haupt­götter dieser Episode werden vor allem im Groß­schrein von Izumo (Izumo Taisha 出雲大社Großschrein von Izumo, Präfektur Shimane …mehr ⇒) verehrt und sind auch in den Mythen eng mit dieser Region nord­westlich von Kyoto verbunden. Man kann daher an­nehmen, dass es in Izumo ur­sprüng­lich einen eigenen Sagen­kreis gab, der in Kojiki und Nihon shoki (Nihon shoki 日本書紀Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720) …mehr ⇒) nur not­dürftig mit dem Amaterasu-Sagen­kreis ver­bunden wurde. Susanoo stellt sozu­sagen das Binde­glied zwischen diesen Erzäh­lungen dar.

Der Hauptheld des Izumo Sagenkreises heißt aller­dings nicht Susanoo, sondern Ōkuninushi (Ōkuninushi 大国主mythol. Gottheit; wtl. Großer Meister des Landes …mehr ⇒) — der „Große Landesherr“. Er ist der Sohn des Susanoo (nach einer anderen Version ein Ab­kömm­ling in der fünften oder sechsten Generation) und muss — selbst eine Art Trickster Gott­heit — erst eine Reihe von Qualen und De­müti­gungen durch­stehen, bevor er schließ­lich Herr des Landes wird und zu­sam­men mit einer weiteren Schöpfer­gott­heit, dem winzigen Sukunabikona (Sukunabikona 少名毘古那winzige Gottheit, Gefährte oder alter ego von Ōkuninushi, auch: Sukunahikona …mehr ⇒), die Erde in ihren nun­meh­rigen Zustand bringt. Wie auf der Sidepage zu Ōkuni­nushi genauer be­schrieben, steht Ōkuni­nushi stell­ver­tre­tend für eine ganze Reihe von Terri­torial­gott­heiten, die noch in den späteren Er­zählungen einzelner Tenno immer wieder auf­tauchen und die Ge­schicke des Landes maß­geblich mit­gestalten.

Die Entmachtung des Ōkuninushi

Die Verbindung zwischen den Mythen der „Himmlischen Götter“ und den Erzählungen von Ōkuni­nushis Gestal­tung der Welt stellt die Episode von Ōkuninushis Ent­machtung dar. Es ist die Geschichte einer Kolo­nisa­tion, die den Chroniken zufolge lediglich mit sanfter Gewalt durch­geführt wird: Zunächst entsenden die Himmli­schen Götter Boten aus ihren eigenen Reihen, die Ōkuninushi über­zeugen sollen, dass es das beste für ihn sei, den Nach­kommen der Sonnen­gottheit kampf­los die Herr­schaft zu über­lassen. Ōkuni­nushi gelingt es zwar, die ersten Boten von ihrer Mission abzu­bringen, indem er sie mit Luxus über­häuft und zum Bleiben überredet, doch schließ­lich sendet der Himmel seine bewähr­testen Haudegen, Takemikazuchi (Takemikazuchi 建御雷Mythologischer Schwertgott (wtl. Gewittergott); Ahnengottheit der → Fujiwara; u.a. in den Schreinen → Kashima und → Kasuga verehrt. …mehr ⇒) und Futsunushi (Futsunushi 経津主Mythologischer Schwertgott …mehr ⇒). (Die beiden sind aus Feuer und Schwert her­vor­ge­gan­gen und zwar in genau jener Epi­sode, als Götter­vater Izanagi (Izanagi 伊耶那岐 / 伊奘諾Göttervater; auch Izanaki (ki hier männliche Endung) …mehr ⇒) das Feuer­kind in Stücke schlug, das den Tod der Götter­mutter Izanami (Izanami 伊耶那美 / 伊奘冉Göttermutter, Göttin der Unterwelt (mi hier weibliche Endung) …mehr ⇒) ver­ur­sacht hatte.) Als diese beiden „Feuer-Schwert-Götter“ dem Ōkuni­nushi ihre Schwert­künste demon­strieren, ist er schließ­lich bereit ab­zu­dan­ken und zieht sich an einen myste­riösen Ort (die Unterwelt?) zurück. Statt ihm soll nun Ninigi (Ninigi 瓊瓊杵mytholog. Gottheit, Enkel Amaterasus …mehr ⇒), der Enkel der Sonnen­gott­heit, die Welt (bzw. Japan) regieren.

In dieser Episode zeichnet sich ein politischer Gegensatz zwischen einem Herrscher­ge­schlecht in der Gegend des Izumo Schreins (wo Susanoo und Ōkuninushi verehrt werden) und dem Tenno Geschlecht ab. Die Erzählung trägt deutlich pro­pagan­distische Züge, indem sie den Anschluss Izumos an das „Reich der Himmlischen Götter“ als frei­wil­ligen Herr­schafts­verzicht einer Lokal­dynastie darstellt und all­fällige Gewalt­anwen­dungen fast voll­kommen übergeht. Nur am Rande ist davon die Rede, dass einige auf­müp­fige Götter im Gefolge des Ōkuni­nushi bestraft werden mussten. Ein mehr­fach wieder­holter Stehsatz lautet, dass Bäume und Gräser, die zur Zeit Ōkuni­nushis vor­laut durch­ein­ander­quasselten, nun endlich zum Schweigen gebracht wurden. Trotz­dem deutet sich an, dass die Ent­mach­tung Ōkuni­nushis nicht ganz ohne Wider­stand erfolgte. Wie der weitere Verlauf der Erzählung ausführt, ist die Etablie­rung der Sonnen­dynastie auch mit Ninigi noch lange nicht abge­schlos­sen. (Siehe dazu auch den Essay zu Ōkuninushi.)

Die Dynastie des „Himmlischen Enkelsohns“

Ninigi, der Himmlische Enkelsohn, wählt als Ort seines Abstiegs interes­santer­weise weder Izumo, noch die zentral­japanische Kansai Region, sondern das von zahl­reichen Vulkanen zerklüftete Hochland Takachiho (Takachiho 高千穂Hochland im heutigen Kyushu, wo der Himmelsenkel Ninigi herabgestiegen sein soll …mehr ⇒) im Zentrum der Insel Kyushu. Auf diese Weise bezieht die mythische Erzählung von der Staats­gründung Japans eine weitere Groß­landschaft mit ein, nämlich Kyushu, das seit altersher eine Brücke zwischen der Hauptinsel Honshu und der koreanischen Halbinsel bildet.

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Sarutahiko

Zeichnung (Tusche, Farbe). Meiji-Zeit

Finster blickt Sarutahiko der barbusigen Ame no Uzume entgegen.

Sarutahiko

Der ideologische Charakter der Ninigi-Episode äußert sich meines Erachtens u.a. darin, dass seine Figur merk­würd flach und farblos bleibt. Die einzigen Gestalten, die bei seinem Abstieg augen­fällig in Erscheinung treten, sind ein langnasiger Berggott namens Sarutahiko (Sarutahiko 猿田彦Mythologische Gottheit in → Tengu-ähnlicher Gestalt …mehr ⇒), eine Art tengu (tengu 天狗Tengu, eine Art Kobold, meist in den Bergen …mehr ⇒), der den himmlischen Göttern mit zweifelhaften Drohgebärden entgegen tritt, und die bereits erwähnte temperament­volle Ame no Uzume (Ame no Uzume 天鈿女/天宇受賣mythologische Gottheit, Ahnherrin des Theaters …mehr ⇒). Diese Ahn­herrin des japanischen Theaters entblößt ein weiteres Mal ihre Brüste und drängt damit den un­heim­lichen Sarutahiko in die Defensive, sodass er sich bereit erklärt, Ninigi sicher zur Erde zu geleiten. Ame no Uzume und Sarutahiko werden schließlich ein Paar.

Von Ninigi wird nur noch berichtet, dass er mit der Tochter eines lokalen Gottes drei Söhne zeugt, die myste­riöser­weise nach eintägiger Schwangerschaft zur Welt kommen. Die Geschichte dieser Nach­kommen eröffnet ein weiteres mythologisches Kapitel, das geographisch in Kyushu an­ge­siedelt ist und mit den vor­her­ge­gangen Erzählungen kaum etwas gemein hat. Es beginnt mit einer Art Kain-und-Abel Geschichte von der Konkurrenz zweier Brüder (der dritte Sohn Ninigis fällt unter den Tisch). Der gute jüngere wird vom bösen älteren Bruder gezwungen, einen ver­lorenen Angelhaken zu suchen, gerät dabei zum Palast des Meeresgottes, der in Gestalt eines Drachens am Grunde des Meeres residiert, und ver­mählt sich mit seiner Tochter. Mit Hilfe seines mächtigen Schwieger­vaters gelingt es dem jüngeren Bruder letztlich, den bösen älteren Bruder zu besiegen.

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Jinmu Tennō

Holzschnitt (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi (1839-1892)
Bildquelle: J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/11/3)
Jinmu Tennō

Ein Urenkel Ninigis und zugleich Urenkel des Drachen/ Meeresgottes ist Jinmu Tennō (Jinmu Tennō 神武天皇wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (→ Tenno) Japans …mehr ⇒), der den Chroniken zufolge der erste menschliche Herrscher des Sonnen­geschlechts ist und daher als der erste Tenno ge­handelt wird. Worin er sich konkret von den Göttern unter­scheidet, bleibt aller­dings weit­gehend unklar. Jinmu Tenno steht aber auch insofern an der Schwelle von Mythos und Geschichte, als er als sieg­reicher Anführer eines historisch bis zu einem gewissen Grad nach­voll­zieh­baren Feldzugs ge­schildert wird. Von Kyushu aus erobert er die zentral­japanischen Provinzen der Kansai Region, die mit den späteren Haupt­städten Nara (Nara 奈良Hauptstadt und Sitz des Tenno, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō …mehr ⇒) und Kyoto zum Ausgangs­punkt eines zentralisierten landes­weiten Staats­gebildes werden. Es ist dieser Feldzug, von dem die Tenno-Dynastie ihren Macht­anspruch über ganz Japan ableitet.

Mit Jinmu Tenno endet das Zeitalter der Götter. In den beiden ältesten Chroniken Kojiki (Kojiki 古事記Älteste jap. Chronik (712) …mehr ⇒) und Nihon shoki (Nihon shoki 日本書紀Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720) …mehr ⇒) folgt nun eine Chronologie der nach­folgenden Tenno, die immer stärker die Züge einer historio­graphischen Aufzeichnung annimmt. Dennoch ist heute offen­kundig, dass die Rekonstruktion der Tenno-Genealogie ein Werk des siebenten und achten Jahr­hunderts ist und trotz einiger historisch ernst zu nehmender Details auch viele nach­trägliche Geschichts­mani­pula­tionen be­inhaltet. Neben trocken-sachlichen Aufzählungen von Namen und Daten ent­halten auch die Chroniken der späteren Tenno viele mythologische Episoden.

Die viel­leicht inte­res­san­teste Erzählung der Tenno-Dynastie handelt vom Eroberungs­feldzug der Kaiserin Jingū Kōgō (Jingū Kōgō 神功皇后mytholog. Kaiserin …mehr ⇒) nach Korea. Nachdem sie für die Dauer der Schlacht ihre Schwangerschaft hinaus­gezögert hat, bringt die Kaiserin schließlich einen Sohn zur Welt, den späteren Ōjin Tennō (Ōjin Tennō 応神天皇mytholog. Tennō …mehr ⇒), der sich in einem anderen Sagen­kreis als der Gott Hachiman (Hachiman 八幡Shinto Gottheit, Ahnengottheit des Tenno und des Kriegeradels; auch „Yawata“ ausgesprochen …mehr ⇒) reinkarniert und neben Amaterasu zum wichtigsten Ahnengott des Tenno-Hauses avanciert.

Mythologische Motive in Märchen und Legenden

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Neben den hier geschilderten „offiziellen Mythen“ gibt es noch eine Vielzahl von Märchen und Legenden, die ebenfalls mythische Züge tragen und in zahl­rei­chen Varianten erzählt werden. Am bekann­testen ist vielleicht die Geschichte von Urashima Tarō (Urashima Tarō 浦島太郎Held einer berühmten Sage …mehr ⇒), dem Fischer, der eine Schildkröte rettet, dafür die Tochter des Drachen­königs am Grunde des Meeres heiratet, schließlich aber aus Sehn­sucht zurück in sein Heimat­dorf will. Dort an­ge­kommen stellt er fest, dass während seines Auf­ent­halts im Drachen­palast viele hundert Jahre vergangen sind. Als er in seiner Ver­zweiflung das Schatz­käst­chen öffnet, das ihm seine Frau mit­ge­geben hat, verliert er auch noch die Gabe der ewigen Jugend und stirbt.

Dem Drachenkönig am Grunde des Meeres begegnet man also bereits in den ältesten Mythen. Dieses Motiv ist in ganz Asien ver­breitet und auch in buddhistischen Legenden präsent. Aus diesen gemein­sa­men Motiven in Mythen und Legenden lässt sich ermessen, wie groß die Einflüsse des Fest­lands auf die japanische Kultur schon vor der Über­nahme der chinesi­schen Schrift­kultur gewesen sein müssen. (S.a. Drachenbilder)

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