Gespenster und Totengeister

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Bernhard Scheid, „Gespenster und Totengeister“ (Stand: 2013-01-19). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Geister?oldid=33152

An der Schnittstelle von volkstümlicher Religion und Erzählkunst begeg­nen wir in Japan einer gestal­ten­rei­chen Welt von Fabel­wesen und Gespens­tern, die mit den Menschen teils in bös­williger, teils in freund­licher Absicht kommunizieren. Da ihre Handlungen zumeist unbe­rechen­bar sind, gelten sie in jedem Fall als unheimlich. Beson­ders in der Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit (1600–1867) erfuhren Geschich­ten aus dieser Geister­welt (kaidan (kaidan 怪談Gespenstergeschichte )), etwa die „Geschichten unter dem Regen­mond“ (Ugetsu monogatari) von Ueda Akinari, aber auch zahlreiche Holzdrucke (ukiyoe (ukiyoe 浮世絵„Bilder der fließenden Welt“, populäre Holzblockdrucke der Edo-Zeit …mehr ⇒)) von über­natürl­ichen Wesen einen regel­rechten Boom. In dieser Zeit ent­wickelte sich eine Ge­spens­ter­typo­logie, die noch heute bekannt ist und in modernen Filmen oder Manga immer wieder auf­ge­grif­fen wird. Dabei lassen sich im Wesent­lichen zwei Arten von über­natür­lichen Wesen unter­scheiden:

  1. die Fabelwesen (yōkai (yōkai 妖怪Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster )), die permanente Gemeinschaften am Rande der menschlichen Gesellschaft bilden. Zu ihnen zählen z.B. die Tengu, die Oni und andere geisterhafte Wesen, aber auch Tiere mit magischer Begabung wie Füchse, Schlangen und andere.
  2. die Seelen der Verstorbenen (yūrei (yūrei 幽霊Totengeist )), die noch nicht vollständig ins Jenseits (bzw. in eine neue Wiedergeburtsform) hinübergewechselt sind. (Natürlich gibt es auch einige Grenzfälle zwischen den beiden Gruppen.)

Während auf den folgenden Seiten von yōkai die Rede ist, befasst sich diese Seite mit dem Glauben an die Totengeister.

Totengeister (yūrei)

yurei.jpg

Totengeist (Yūrei)

Buchillustration (Blockdruck, Farbe); aus der Serie Kaibutsu gahon (Gespenster Bilderbuch), 1882
Bild © Kinsei fūzoku zue database, Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2011/6)

Totengeist auf einem nächtlichen Friedhof. Die Darstellung stammt aus der Meiji-Zeit, es handelt sich allerdings um die Kopie einer Abbildung des Gelehrten und Malers Toriyama Sekien (1712–1788) aus dem Jahr 1776.

Gemäß einer in Japan alteingesessenen Vorstellung kann jeder Tote, auch wenn er ein makelloses Leben geführt hat, zum Gespenst werden, wenn er nicht ordentlich bestattet wird, oder anders ausgedrückt, wenn ihm der Weg ins Jenseits versperrt ist, weil sich niemand seines Leichnams annimmt. Dieser Weg ist in jedem Fall eine beschwer­liche Reise. Und immer, wenn etwas auf dieser Reise schief geht, kann es sein, dass der Geist des Verstorbenen seine Hinter­blie­benen in Träumen oder in realen Erschei­nungen heim­sucht. In der Edo-Zeit etablierte sich die heute noch geläufige Gestalt dieser yūrei, die bemer­kens­werte Ähn­lich­keiten mit euro­päi­schen Gespens­tern aufweist: Mit weißem Toten­gewand (shini shōzoku (shini shōzoku 死に装束Totengewand …mehr ⇒), zu dem auch eine dreieckige Stirnkappe — hitaikakushi — gehört) und langen aufge­lösten Haaren schweben die yūrei nebel­haft über dem Boden. Ihre Arme sind meist zur Brust hochgezogen, doch die Hände hängen schlapp herunter. Obwohl eine derartige Figur a priori unheimlich ist, wird sie erst dann wirklich gefährlich, wenn es sich um einen Rache­geist (onryō (onryō 怨霊Rachegeist )) handelt. Meist haben diese Geister im Leben beson­deres Unrecht erlitten oder sind unter großen Qualen gestorben.

Der Kult um „erhabene Geister“

Vokabel

  • bakemono (bakemono 化け物Gespenst, Geist; wtl. verwandeltes Wesen ) oder o-bake (o-bake お化けGespenst, Geist; wtl. „Verwandeltes“ …mehr ⇒): wtl. „verwandelte Wesen“; geläufigste Ausdrücke für Gespenster und andere übernatürliche Erscheinungen.
  • yōkai (yōkai 妖怪Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster ): Fabelwesen, auch magisch begabte Tiere.
  • yūrei (yūrei 幽霊Totengeist ): wtl. „dunkle Geister“; Totengeister.
  • onryō (onryō 怨霊Rachegeist ): Rachegeister.
  • goryō (goryō 御霊„erhabener“ [Rache]Geist ): Hochgestellte Rachegeister.
  • goryō shinkō (goryō shinkō 御霊信仰Glaube an Totengeister ): Glaube an, bzw. Kult für goryō.
  • sorei (sorei 祖霊Ahnenseele ): Ahnengeist, Ahnenseele.
  • reikon (reikon 霊魂Geist, Seele …mehr ⇒) oder tamashii (tamashii Geist, Seele …mehr ⇒): Seele, Totenseele. Neutraler Ausdruck.
  • oni (oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister …mehr ⇒): Dämon, Teufel.

Die etablierten religiösen Institutionen haben den Glauben an rächen­de Toten­geis­ter nicht etwa als Aber­glaube ab­ge­tan, son­dern ihn im Gegen­teil immer schon ge­för­dert. Dem Reli­gions­histo­riker Bernard Faure zufolge hat sich der Bud­dhis­mus unter ande­rem des­halb in Ost­asien eta­blieren kön­nen, weil er die vor-bud­dhis­tische Vor­stellung der grol­lenden Toten­geister absor­bierte und beson­ders erfolg­ver­spre­chende Rituale für die Re­inte­gration dieser Seelen ent­wickelte (Faure, The red thread, ch. 1).

Bereits im frühen Buddhismus finden wir Zere­monien, die bei­spiels­wei­se nach krie­ge­ri­schen Schlach­ten durch­ge­führt wurden, um die Geister der Ge­fal­le­nen (vor allem die der Gegner!) von Rache­akten abzu­halten. Auch im höfischen Shinto gibt es seit dem Alter­tum eine Zere­mo­nie zur Be­sänf­tigung der Geister (chinkonsai (chinkonsai 鎮魂際Zeremonie zur Beruhigung der Totengeister )), die aller­dings nicht ex­plizit an To­ten­geis­ter gerich­tet ist. Wenn sich Un­glücks­fälle trotz solcher Zere­mo­nien häuften, so suchte und fand man die Ursache in den Rache­geis­tern von be­son­ders ein­fluss­rei­chen Per­sonen, die in diesem Fall als „erha­bene Geister“ (goryō (goryō 御霊„erhabener“ [Rache]Geist )) bezei­chnet wurden. Erha­bene Geister unter­schei­den sich laut Kuroda Toshio (1996) insofern von ge­wöhn­lichen Rache­geistern (onryō (onryō 怨霊Rachegeist )), als es möglich ist, sie zu besänftigen, indem man sie in den Status einer Gottheit (kami (kami japanische Gottheit …mehr ⇒)) versetzt und ihnen einen eige­nen Schrein errichtet. Genau dieses Phänomen ist vor allem in der Heian (Heian 平安alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit häufig zu beobachten.

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Chronik des Kitano Tenjin Schreins (Kitano tenjin engi)

Querbildrolle, Detail. Kamakura-Zeit, 13. Jh.; 29,8 x 863 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art, New York. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Fletcher Fund, 1925

Sugawara no Michizanes Geist in Gestalt eines zürnenden Donnergottes.

Sugawara no Michizanes Geist in Gestalt eines zürnenden Donnergottes

Das berühmteste Beispiel eines solchen Schreins stellt der Kitano Tenman-gū (Kitano Tenman-gū 北野天満宮Kitano Tenman Schrein (Kyoto) …mehr ⇒) in Kyoto dar. Er wurde im Jahr 959 zu Ehren des Hof­ade­ligen Sugawara no Michizane (Sugawara no Michizane 菅原道真Heian-zeitl. Staatsmann und Gelehrter, 845–903 …mehr ⇒) (845–903) errichtet. Michizane, ein über­ragen­der Staats­mann und Gelehr­ter, war einer Hofin­trige wegen in die Ver­bannung ge­schickt worden und verstarb, bevor das Fehl­urteil rück­gängig gemacht werden konnte. In den folgen­den Jahr­zehn­ten kam es zu aller­lei Natur­katas­tro­phen und un­ge­wöhn­lichen Todes­fällen bei Hof und in der Fami­lie des Tenno, welche die Hof­astro­logen schließ­lich Michi­zanes Wirken zuschrie­ben. Auf mittel­alter­lichen Quer­bild­rollen, die diese Gescheh­nisse anschau­lich darstellen, erkennt man, dass Michi­zanes Rache­geist als gehörnter Donnergott, der Blitze in den kaiser­lichen Palast schleudert, ima­giniert wurde. Um diesen gefähr­lichen goryō zu besänf­tigen, wurde er zum Kami erklärt und in einem Schrein „verortet“. Zusätz­lich erhielt er alle Ehrun­gen inklu­sive der höchs­ten Hof­ränge, die ihm zu Leb­zeiten versagt blieben.

Heute ist Michizane vor allem unter dem Beinamen Tenjin (Tenjin 天神wtl. „Himmelsgott“, s.a. „Tenman Tenjin“ …mehr ⇒) bekannt. Er gilt als Gott der Gelehr­sam­keit und der Dich­tung und verfügt neben seinen zwei Haupt­schrei­nen in Kyoto und Kyushu über ein aus­ge­dehn­tes Netz von Tenjin-Zweig­schrei­nen in ganz Japan. (Mehr dazu auf der Sidepage Gott­heit und Schreine des Tenjin-Glaubens.)

Abgesehen von Michizane wurden auch zahlreiche Tenno, denen übel mitgespielt worden war, als goryō ange­sehen. Für sie gibt es in Kyoto seit dem Alter­tum einen Goryō Schrein, in dem sie kollek­tiv ver­ehrt werden. Es scheint aller­dings, als wäre der Aus­druck goryō auf die Geister der Hof­aristo­kratie be­schränkt. Mit­glieder des Schwert­adels (Samurai) wurden kaum je Gegen­stand eines goryō-Kultes. Eine mög­liche Aus­nahme stellt Taira no Masakado (Taira no Masakado 平将門Heian-zeitlicher Rebel, ?–940 …mehr ⇒) (?–940) dar, ein Krieger­ade­liger der Heian-Zeit, der versuchte, das politische Ruder zugunsten seiner Zunft zu wenden und zu diesem Zweck eine Rebellion anzettelte, die jedoch scheiterte. Er blieb jedoch in den Augen späterer Samurai ein Vor­bild und wurde auch als Schrein­gott­heit verehrt, z.B. im heutigen Kanda Schrein in Tokyo. Die Ent­stehung dieses Kultes trägt ähn­liche Züge wie der Goryō-Kult, mischte sich doch Furcht vor dem rächen­den Geist mit Be­wun­de­rung für kriege­rische Helden­taten. Der Ausdruck goryō selbst war aber wohl doch zu er­haben für einen Krieger aus den öst­lichen Provinzen.[1]

Totengeister in Literatur und Kunst

Neben monsterartigen Fabelwesen (yōkai (yōkai 妖怪Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster )) und Dämonen (oni (oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister …mehr ⇒)) tauchen Toten­geister schon in der bud­dhisti­schen Erzähl­literatur der Heian Zeit auf (v.a. im Konjaku monogatari (Konjaku monogatari 今昔物語„Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext …mehr ⇒)). Im Mittel­alter stießen Geister­geschich­ten vor allem im Nō-Theater auf großes Inter­esse. Zwei von fünf Haupt­genres des Nō sind ruhe­losen Geistern gewidmet, nämlich die Krieger- und die Wahn­sinns­stücke. Erstere behan­deln meist tragische Helden aus den klas­sischen Krieger­epen wie Heike monogatari (Heike monogatari 平家物語Mittelalterliches Kriegerepos ) oder Taiheiki (Taiheiki 太平記Historisches Epos aus dem späten 14. Jh., behandelt den Konflikt zwischen Nördlichem und Südlichem Kaiserhof ), die auf der Nō-Bühne als Geister wieder­kehren. Letztere widmen sich vor allem Frauen, die aufgrund eines schweren Schick­sals­schlages oder aus ent­täusch­ter Liebe auch nach dem Tod nicht zur Ruhe kommen. Nachdem die Geister die Schlüs­sel­szenen ihres Lebens in Tanz und Gesang vorge­tragen haben, enden die Stücke zumeist mit ihrer erfolg­reichen Befrie­dung durch einen bud­dhis­tischen Mönch.

Auch im Edo-zeitlichen Bunraku- und Kabuki Theater treten zahlreiche Totengeister auf, allerdings geht es hier wesent­lich action­reicher zu als im Nō. Im Vorder­grund stehen die schauer­lichen Aspek­te der Geschich­ten, welche mit Hilfe von aus­ge­tüftel­ten Bühnen­tricks in Szene gesetzt wurden. Yūrei und yōkai wurden aber auch in illus­trier­ten Büchern und Einzel­drucken bildlich darge­stellt (s. dazu die Sidepage „Horror Klassiker“) und sogar in eigenen Enzyklo­pädien erfasst. Beson­ders gegen Ende der Edo-Zeit, im neun­zehnten Jahr­hun­dert scheinen die grol­lenden Rache­geister (onryō (onryō 怨霊Rachegeist )) eine enorme Anzie­hungs­kraft auf das Publikum aus­geübt zu haben.

Heutige Praktiken

Beim japanischen Bon-Fest, das jährlich im August abgehalten wird, ist der Glaube an die Rückkehr der Toten nach wie vor präsent. Aller­dings handelt es sich hier um Ahnen­seelen (sorei (sorei 祖霊Ahnenseele )), die bereits fest im Jenseits ver­ankert sind und zur Bon-Zeit wohl­wollend im Dies­seits nach dem Rechten sehen. Vor diesen Geistern braucht man sich also nicht zu fürchten. Dennoch ist zu beachten, dass auch das Bonfest ur­sprüng­lich ein Ritus war, durch den ver­stor­bene Ver­wandte, die als Hungergeister wieder­geboren wurden, aus diesem Zustand befreit werden sollten. Man sieht also, dass positiv und angstvoll besetzte Vor­stel­lungen von Toten­geistern recht eng bei einander liegen.

Der Glaube an real existierende und in diese Welt zurückkehrende Totenseelen spielt außer­dem in Riten der Geister­beschwö­rung eine Rolle. In manchen länd­lichen Gebieten, insbe­son­dere in Nord-Japan, gibt es nach wie vor religi­öse Spezia­listen, die bei Bedarf eine Kom­muni­kation mit den Seelen der Toten her­stel­len. Es handelt sich um die sog. itako (itako イタコblinde Priesterin oder Shamanin ), meist blinde Frauen, die davon leben, dass sie in privaten, häus­lichen Ritualen die Seelen der Ver­stor­benen einer Familie durch sich sprechen lassen. Solche Riten nennt man kuchiyose (kuchiyose 口寄せGeisterbeschwörung, wtl. „Herbeirufung des Mundes“ …mehr ⇒) (etwa „durch den Mund heran­bringen“). Mit Hilfe der itako kann man Fragen an die Toten stellen und Ant­worten bekom­men. Es handelt sich dabei wohl­gemerkt um alt­ein­geses­sene Praktiken, nicht um modernen Spiritismus.

Anmerkungen

  1. Masakados Schicksal und Nachleben werden im Heldenepos Shōmonki (Bericht über Masakado, 11. Jh.?) beschrieben. Hier wird angedeutet, dass der goryō des Sugawara no Michizane (s.o.) gemeinsame Sache mit Masakado machte. (Kuroda 1996, S. 329-330)
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