Gespenster und Totengeister

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Bernhard Scheid, „Gespenster und Totengeister.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 18.1.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Geister?oldid=35314

An der Schnittstelle von volkstümlicher Religion und Erzählkunst begeg­nen wir in Japan einer gestal­ten­rei­chen Welt von Fabel­wesen und Gespens­tern. Da ihre Handlungen zumeist unbe­rechen­bar sind, gelten sie grundsätzlich als unheimlich, obwohl manche bei genauer Betrachtung auch in freund­licher Absicht mit den Menschen kommunizieren können. Im Unterschied zu den etab­lier­ten Verehrungs­wesen der japani­schen Religion (kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Buddhismus Lehre→ Schreine→ Weltbild→ Ikonographie→ Omairi → mehr… -Gott­heiten oder bud­dhis­tische Manifes­tatio­nen) werden diese Geister für gewöhn­lich nicht als über­geord­nete Auto­ritäten ima­giniert, sondern befin­den sich gegen­über der mensch­lichen Ge­sell­schaft sozusagen „auf Augen­höhe“. Geister besitzen zwar Fähig­keiten, die Men­schen nicht haben, treten aber nicht als Herr­scher über die Men­schen, son­dern eher als Kon­kur­ren­ten auf: Sie begeh­ren men­schliche Güter und hegen oft Neid, Hass oder Groll gegen die Menschen, füh­len sich aber auch von mensch­licher Schön­heit kör­per­lich ange­zogen und sind in manchen Fällen sogar bereit, be­stim­mten Men­schen zu dienen.

Aller­dings sind die Gren­zen zur Welt der Götter fließend. Beson­ders mäch­tige Fabel­wesen und Gespens­ter können gott­ähn­liche Ver­ehrung genießen oder, wie die unten erwähnten goryō goryō 御霊 „erhabener“ [Rache]Geistsiehe auch→ Bekannte Schreine/Tenjin→ Waechtergoetter/Wind und Donner→ Kamakura/Rituelle Verwuenschungen , zu Göttern aufsteigen; andere, etwa die mit magischen Fähigkeiten begabten Füchse, können auch als Boten zwischen Göttern und Men­schen fun­gieren.

Beson­ders in der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyosiehe auch Geschichtsperioden → Buddhismus→ Bekannte Tempel→ Shinto→ Stereotype/Herrigels Zen→ Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr… -Zeit (1600–1867) erfuhren Geschich­ten aus dieser Geister­welt (kaidan kaidan 怪談 Gespenstergeschichtesiehe auch→ Geister/Kaidan ), etwa die „Geschichten unter dem Regen­mond“ (Ugetsu monogatari) von Ueda Akinari Ueda Akinari 上田秋成 1734–1809; Schriftsteller und Gelehrter, einen regel­rechten Boom. Aber auch zahlreiche Holzdrucke (ukiyoe ukiyoe 浮世絵 „Bilder der fließenden Welt“, populäre Holzblockdrucke der Edo-Zeitsiehe auch Kaidan → Matsuri/Phalluskulte→ Goetter des Himmels/Uzume→ Imaginaere Tiere/Drachenbilder→ Verwandlungskuenstler/Kitsune → mehr… ) von über­natürl­ichen Wesen legen Zeugnis von der Faszination dieser Welt des Übernatürlichen ab (mehr dazu...). In dieser Zeit ent­wickelten Gelehrte wie Toriyama Sekien Toriyama Sekien 鳥山石燕 1712–1788; Künstler und Gelehrter; vor allem bekannt für seine illustrierten Gespenster-Enzyklopädien, die auch als Künstler tätig waren, eine Ge­spens­ter­typo­logie, die noch heute bekannt ist und in modernen Filmen oder Manga immer wieder auf­ge­grif­fen wird. Dabei lassen sich im Wesent­lichen zwei Arten von über­natür­lichen Wesen unter­scheiden:

  1. die Fabelwesen (yōkai yōkai 妖怪 Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenstersiehe auch→ Tengu→ Imaginaere Tiere→ Geister/Kaidan→ Symboltiere/Namazu-e→ Oni und Kappa ), die permanente Gemeinschaften am Rande der menschlichen Gesellschaft bilden. Zu ihnen zählen z.B. die Tengu, die Oni und andere geisterhafte Wesen, aber auch Tiere mit magischer Begabung wie Füchse, Schlangen und andere.
  2. die Seelen der Verstorbenen (yūrei yūrei 幽霊 Totengeistsiehe auch→ Ahnenkult→ Geister/Kaidan ), die noch nicht vollständig ins Jenseits (bzw. in eine neue Wieder­geburts­form) hinüber­ge­wechselt sind. (Natürlich gibt es auch einige Grenzfälle zwischen den beiden Gruppen.)

Während auf den folgenden Seiten von yōkai die Rede ist, befasst sich diese Seite mit dem Glauben an die Totengeister.

Totengeister (yūrei)

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Totengeist (Yūrei)

Buchillustration (Blockdruck, Farbe); aus der Serie Kaibutsu gahon (Gespenster Bilderbuch), 1882
Bild © Kinsei fūzoku zue database, Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2011/6)

Totengeist auf einem nächtlichen Friedhof. Die Darstellung stammt aus der Meiji-Zeit, es handelt sich allerdings um die Kopie einer Abbildung des Gelehrten und Malers Toriyama Sekien (1712–1788) aus dem Jahr 1776.

. 1 Totengeist

In der Edo-Zeit etablierte sich die heute noch geläufige Form der Totengeister (yūrei), welche bemer­kens­werte Ähn­lich­kei­ten mit euro­päi­schen Ge­spens­tern auf­weisen: Mit weißem Toten­gewand (shini shōzoku shini shōzoku 死に装束 Totengewandsiehe auch Pilgerschaft → Totenriten , zu dem auch eine drei­eckige Stirn­kappe — hitaikakushi — ge­hört) und lan­gen auf­ge­lösten Haa­ren schwe­ben die yūrei nebel­haft über dem Boden. Ihre Arme sind meist zur Brust hoch­ge­zo­gen, wäh­rend die Hände häufig schlapp herun­­ter­hängen.

Die Vorstellungen, die dieser Gespenster­ikono­graphie zu­grun­de liegen, reichen weit in die ja­pani­sche Ge­schich­te zu­rück. Schon in der Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr… -Zeit war man der Auf­fas­sung, dass jeder Mensch nach seinem Tod zum Ge­spenst wer­den kann, wenn er nicht or­dent­lich be­stat­tet wird, oder anders aus­ge­drückt, wenn ihm der Weg ins Jenseits ver­sperrt ist, weil sich nie­mand seines Leich­nams annimmt. Dieser Weg ist in jedem Fall eine be­schwer­liche Reise, die rituell be­gleitet werden muss. Und immer, wenn bei diesen Riten etwas schief geht, kann es sein, dass der Geist des Ver­stor­benen seine Hinter­blie­benen in Träumen oder in realen Erschei­nungen heim­sucht. Solche Toten­geister sind a priori un­heim­lich, doch werden sie erst dann wirklich gefährlich, wenn es sich um Rache­geister (onryō onryō 怨霊 Rachegeistsiehe auch→ Bekannte Schreine/Tenjin→ Staatsshinto/Yasukuni→ Symboltiere/Namazu-e ) handelt. Zu solchen Rache­geistern werden jenen Ver­stor­benen, die im Leben beson­deres Unrecht erlitten haben und/oder unter großen Qualen gestorben sind. Hier helfen selbst ord­nungs­gemäß durch­ge­führte Be­gräb­nisse nicht immer, ihren Groll zu be­sänftigen.

Der Kult um „erhabene Geister“

Vokabel

Die etablierten religiösen Institutionen haben den Glauben an rächen­de Toten­geis­ter nicht etwa als Aber­glaube ab­ge­tan, son­dern ihn im Gegen­teil immer schon ge­för­dert. Dem Reli­gions­histo­riker Bernard Faure zufolge hat sich der Bud­dhis­mus unter ande­rem des­halb in Ost­asien eta­blieren kön­nen, weil er die vor-bud­dhis­tische Vor­stellung der grol­lenden Toten­geister absor­bierte und beson­ders erfolg­ver­spre­chende Rituale für die Re­inte­gration dieser Seelen ent­wickelte (Faure, The red thread, ch. 1).

Bereits im frühen Buddhismus finden wir Zere­monien, die bei­spiels­wei­se nach krie­ge­ri­schen Schlach­ten durch­ge­führt wurden, um die Geister der Ge­fal­le­nen (vor allem die der Gegner!) von Rache­akten abzu­halten. Auch im höfischen Shinto gibt es seit dem Alter­tum eine Zere­mo­nie zur Be­sänf­tigung der Geister (chinkonsai chinkonsai 鎮魂際 Zeremonie zur Beruhigung der Totengeistersiehe auch→ Goetter des Himmels/Uzume ), die aller­dings nicht ex­plizit an To­ten­geis­ter gerich­tet ist. Wenn sich Un­glücks­fälle trotz solcher Zere­mo­nien häuften, so suchte und fand man die Ursache in den Rache­geis­tern von be­son­ders ein­fluss­rei­chen Per­sonen, die in diesem Fall als „erha­bene Geister“ (goryō goryō 御霊 „erhabener“ [Rache]Geistsiehe auch→ Bekannte Schreine/Tenjin→ Waechtergoetter/Wind und Donner→ Kamakura/Rituelle Verwuenschungen ) bezei­chnet wurden. Erha­bene Geister unter­schei­den sich laut Kuroda Toshio (1996) insofern von ge­wöhn­lichen Rache­geistern (onryō onryō 怨霊 Rachegeistsiehe auch→ Bekannte Schreine/Tenjin→ Staatsshinto/Yasukuni→ Symboltiere/Namazu-e ), als es möglich ist, sie zu besänftigen, indem man sie in den Status einer Gottheit (kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Buddhismus Lehre→ Schreine→ Weltbild→ Ikonographie→ Omairi → mehr… ) versetzt und ihnen einen eige­nen Schrein errichtet. Genau dieses Phänomen ist vor allem in der Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr… -Zeit häufig zu beobachten.

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Chronik des Kitano Tenjin Schreins (Kitano tenjin engi)

Querbildrolle, Detail. Kamakura-Zeit, 13. Jh.; 29,8 x 863 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art, New York. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Fletcher Fund, 1925

Sugawara no Michizanes Geist in Gestalt eines zürnenden Donnergottes.

. 2 Sugawara no Michizanes Geist in Gestalt eines zürnenden Donnergottes

Das berühmteste Beispiel eines solchen Schreins stellt der Kitano Tenman-gū Kitano Tenman-gū 北野天満宮 Kitano Tenman Schrein (Kyoto)siehe auch Bekannte Schreine in Kyoto dar. Er wurde im Jahr 959 zu Ehren des Hof­ade­ligen Sugawara no Michizane Sugawara no Michizane 菅原道真 Heian-zeitl. Staatsmann und Gelehrter, 845–903siehe auch Bekannte Schreine → Bekannte Schreine/Tenjin→ Waechtergoetter/Wind und Donner→ Staatsshinto (845–903) errichtet. Michizane, ein über­ragen­der Staats­mann und Gelehr­ter, war einer Hofin­trige wegen in die Ver­bannung ge­schickt worden und verstarb, bevor das Fehl­urteil rück­gängig gemacht werden konnte. In den folgen­den Jahr­zehn­ten kam es zu aller­lei Natur­katas­tro­phen und un­ge­wöhn­lichen Todes­fällen bei Hof und in der Fami­lie des Tenno, welche die Hof­astro­logen schließ­lich Michi­zanes Wirken zuschrie­ben. Auf mittel­alter­lichen Quer­bild­rollen, die diese Gescheh­nisse anschau­lich darstellen, erkennt man, dass Michi­zanes Rache­geist als gehörnter Donnergott, der Blitze in den kaiser­lichen Palast schleudert, ima­giniert wurde. Um diesen gefähr­lichen goryō zu besänf­tigen, wurde er zum Kami erklärt und in einem Schrein „verortet“. Zusätz­lich erhielt er alle Ehrun­gen inklu­sive der höchs­ten Hof­ränge, die ihm zu Leb­zeiten versagt blieben.

Heute ist Michizane vor allem unter dem Beinamen Tenjin Tenjin 天神 wtl. „Himmelsgott“, s.a. „Tenman Tenjin“siehe auch Bekannte Schreine → Bekannte Schreine/Tenjin→ Shinto-Goetter→ Symboltiere bekannt. Er gilt als Gott der Gelehr­sam­keit und der Dich­tung und verfügt neben seinen zwei Haupt­schrei­nen in Kyoto und Kyushu über ein aus­ge­dehn­tes Netz von Tenjin-Zweig­schrei­nen in ganz Japan. (Mehr dazu auf der Sidepage Gott­heit und Schreine des Tenjin-Glaubens.)

Abgesehen von Michizane wurden auch zahlreiche Tenno, denen übel mitgespielt worden war, als goryō ange­sehen. Für sie gibt es in Kyoto seit dem Alter­tum einen Goryō Schrein, in dem sie kollek­tiv ver­ehrt werden. Es scheint aller­dings, als wäre der Aus­druck goryō auf die Geister der Hof­aristo­kratie be­schränkt. Mit­glieder des Schwert­adels (Samurai) wurden kaum je Gegen­stand eines goryō-Kultes. Eine mög­liche Aus­nahme stellt Taira no Masakado Taira no Masakado 平将門 Heian-zeitlicher Rebel, ?–940siehe auch Okuninushi → Goetter der Erde/Okuninushi (?–940) dar, ein Krieger­ade­liger der Heian-Zeit, der versuchte, das politische Ruder zugunsten seiner Zunft zu wenden und zu diesem Zweck eine Rebellion anzettelte, die jedoch scheiterte. Er blieb jedoch in den Augen späterer Samurai ein Vor­bild und wurde auch als Schrein­gott­heit verehrt, z.B. im heutigen Kanda Schrein in Tokyo. Die Ent­stehung dieses Kultes trägt ähn­liche Züge wie der Goryō-Kult, mischte sich doch Furcht vor dem rächen­den Geist mit Be­wun­de­rung für kriege­rische Helden­taten. Der Ausdruck goryō selbst war aber wohl doch zu er­haben für einen Krieger aus den öst­lichen Provinzen.1

Totengeister in Literatur und Kunst

Neben monsterartigen Fabelwesen (yōkai yōkai 妖怪 Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenstersiehe auch→ Tengu→ Imaginaere Tiere→ Geister/Kaidan→ Symboltiere/Namazu-e→ Oni und Kappa ) und Dämonen (oni oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geistersiehe auch Oni und Kappa → Jahr→ Waechtergoetter/Wind und Donner→ Gluecksgoetter/Daikoku→ Imaginaere Tiere → mehr… ) tauchen Toten­geister schon in der bud­dhisti­schen Erzähl­literatur der Heian Zeit auf (v.a. im Konjaku monogatari Konjaku monogatari 今昔物語 „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontextsiehe auch Kamakura → Shinto/Jindo→ Tengu→ Geister/Kaidan→ Verwandlungskuenstler/Tanuki → mehr… ). Im Mittel­alter stießen Geister­geschich­ten vor allem im Nō-Theater auf großes Inter­esse. Zwei von fünf Haupt­genres des Nō sind ruhe­losen Geistern gewidmet, nämlich die Krieger- und die Wahn­sinns­stücke. Erstere behan­deln meist tragische Helden aus den klas­sischen Krieger­epen wie Heike monogatari Heike monogatari 平家物語 Mittelalterliches Kriegerepossiehe auch→ Opfergaben→ Symboltiere/Tauben→ Amidismus→ Kamakura/Rituelle Verwuenschungen oder Taiheiki Taiheiki 太平記 Historisches Epos aus dem späten 14. Jh., behandelt den Konflikt zwischen Nördlichem und Südlichem Kaiserhofsiehe auch→ Opfergaben→ Tengu→ Kamakura/Rituelle Verwuenschungen , die auf der Nō-Bühne als Geister wieder­kehren. Letztere widmen sich vor allem Frauen, die aufgrund eines schweren Schick­sals­schlages oder aus ent­täusch­ter Liebe auch nach dem Tod nicht zur Ruhe kommen. Nachdem die Geister die Schlüs­sel­szenen ihres Lebens in Tanz und Gesang vorge­tragen haben, enden die Stücke zumeist mit ihrer erfolg­reichen Befrie­dung durch einen bud­dhis­tischen Mönch.

  hannya edo.jpg

Hannya Maske

Noh-Maske (Holz, bemalt). Edo-Zeit, 18. Jh.; im Besitz des Tokyo National Museums; 21,2 × 13,9 cm
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)

Hannya Maske: Darstellung einer zum Dämon gewordenen Frau.

. 3 Hannya Maske
  oyuki_okyo.jpg

Das Trugbild der Oyuki (Oyuki no maboroshi)

Hängerollbild (Seide, Tusche) von Maruyama Ōkyo (1733–1795). 1750; im Besitz des UC Berkeley Art Museums
Bild © J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Angeblich schuf Ōkyo mit diesem posthumen Portrait seiner früh verstorbenen Geliebten aus dem Freudenviertel Edos den Prototyp aller späteren Darstellungen der yūrei.

. 4 Yūrei

Auch im Edo-zeitlichen Bunraku- und Kabuki Theater treten zahlreiche Totengeister auf, allerdings geht es hier wesent­lich action­reicher zu als im Nō. Im Vorder­grund stehen die schauer­lichen Aspek­te der Geschich­ten, welche mit Hilfe von aus­ge­tüftel­ten Bühnen­tricks in Szene gesetzt wurden. Yūrei und yōkai wurden aber auch in illus­trier­ten Büchern und Einzel­drucken bildlich darge­stellt (s. dazu die Sidepage „Horror Klassiker“) und sogar in eigenen Enzyklo­pädien erfasst. Beson­ders gegen Ende der Edo-Zeit, im neun­zehnten Jahr­hun­dert scheinen die grol­lenden Rache­geister (onryō onryō 怨霊 Rachegeistsiehe auch→ Bekannte Schreine/Tenjin→ Staatsshinto/Yasukuni→ Symboltiere/Namazu-e ) eine enorme Anzie­hungs­kraft auf das Publikum aus­geübt zu haben.

Heutige Praktiken

Beim japanischen Bon-Fest, das jährlich im August abgehalten wird, ist der Glaube an die Rückkehr der Toten nach wie vor präsent. Aller­dings handelt es sich hier um Ahnen­seelen (sorei sorei 祖霊 Ahnenseele), die bereits fest im Jenseits ver­ankert sind und zur Bon-Zeit wohl­wollend im Dies­seits nach dem Rechten sehen. Vor diesen Geistern braucht man sich also nicht zu fürchten. Dennoch ist zu beachten, dass auch das Bonfest ur­sprüng­lich ein Ritus war, durch den ver­stor­bene Ver­wandte, die als Hungergeister wieder­geboren wurden, aus diesem Zustand befreit werden sollten. Man sieht also, dass positiv und angstvoll besetzte Vor­stel­lungen von Toten­geistern recht eng bei einander liegen.

Der Glaube an real existierende und in diese Welt zurückkehrende Totenseelen spielt außer­dem in Riten der Geister­beschwö­rung eine Rolle. In manchen länd­lichen Gebieten, insbe­son­dere in Nord-Japan, gibt es nach wie vor religi­öse Spezia­listen, die bei Bedarf eine Kom­muni­kation mit den Seelen der Toten her­stel­len. Es handelt sich um die sog. itako itako イタコ blinde Priesterin oder Shamaninsiehe auch→ Shinto→ Geister/Itako , meist blinde Frauen, die davon leben, dass sie in privaten, häus­lichen Ritualen die Seelen der Ver­stor­benen einer Familie durch sich sprechen lassen. Solche Riten nennt man kuchiyose kuchiyose 口寄せ Geisterbeschwörung, wtl. „Herbeirufung des Mundes“siehe auch Itako (etwa „durch den Mund heran­bringen“). Mit Hilfe der itako kann man Fragen an die Toten stellen und Ant­worten bekom­men (mehr dazu...). Es handelt sich dabei wohl­gemerkt um alt­ein­geses­sene Praktiken, nicht um modernen Spiritismus.

Verweise

Fußnoten

  1. Masakados Schicksal und Nachleben werden im Heldenepos Shōmonki (Bericht über Masakado, 11. Jh.?) beschrieben. Hier wird angedeutet, dass der goryō des Sugawara no Michizane (s.o.) gemeinsame Sache mit Masakado machte. (Kuroda 1996, S. 329–330)

Bilderläuterungen

  1. Yurei.jpg

    Totengeist (Yūrei)

    Buchillustration (Blockdruck, Farbe); aus der Serie Kaibutsu gahon (Gespenster Bilderbuch), 1882
    Bild © Kinsei fūzoku zue database, Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2011/6)

    Totengeist auf einem nächtlichen Friedhof. Die Darstellung stammt aus der Meiji-Zeit, es handelt sich allerdings um die Kopie einer Abbildung des Gelehrten und Malers Toriyama Sekien (1712–1788) aus dem Jahr 1776.

  2. Kitanotenjin engi metny.jpg

    Chronik des Kitano Tenjin Schreins (Kitano tenjin engi)

    Querbildrolle, Detail. Kamakura-Zeit, 13. Jh.; 29,8 x 863 cm
    Bild © Metropolitan Museum of Art, New York. (Letzter Zugriff: 2011/7)
    Fletcher Fund, 1925

    Sugawara no Michizanes Geist in Gestalt eines zürnenden Donnergottes.

  3. Hannya edo.jpg

    Hannya Maske

    Noh-Maske (Holz, bemalt). Edo-Zeit, 18. Jh.; im Besitz des Tokyo National Museums; 21,2 × 13,9 cm
    Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)

    Hannya Maske: Darstellung einer zum Dämon gewordenen Frau.

  4. Oyuki okyo.jpg

    Das Trugbild der Oyuki (Oyuki no maboroshi)

    Hängerollbild (Seide, Tusche) von Maruyama Ōkyo (1733–1795). 1750; im Besitz des UC Berkeley Art Museums
    Bild © J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Angeblich schuf Ōkyo mit diesem posthumen Portrait seiner früh verstorbenen Geliebten aus dem Freudenviertel Edos den Prototyp aller späteren Darstellungen der yūrei.

Links

  • Japanese Ghosts, Tim Screech (en.)
    Ein informativer und schön illustrierter Aufsatz des Mangajin Magazine#40.
  • The Floating World of Ukiyoe
    Sehr schöne und informative Website, die auch das Thema Geister in den Ukiyo-e Bildern behandelt.
  • Ghosts, Demons and Spirits in Japanese Lore, Norman A. Rubin (en.)
    Artikel über Geister, Dämonen und andere Wesen auf Asian Art.
  • Kaii-yōkai denshō Database, Komatsu Kazuhiko (Nichibunken) (jap.)
    Datenbank der japanischen Geistersagen und Gespenstermotive. Kurze Erklärungen und ausführliche bibliografische Informationen zu etwa 20.000 Schlagworten. Hervorragendes Tool für wissenschaftliche Forschungen zu dem Thema.
  • Emakimono database, International Research Center for Japanese Studies (Nichibunken) - Kyoto (jap.)
    Sehr attraktiv gestaltete Website, auf der mehrere Edo-zeitliche Bildrollen (emaki) zu Themen wie Jenseits oder Gespenster vollständig zu betrachten sind. Leider keine genauen bibliographischen Angaben.
Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug 2010

Literatur

Stephen Addiss (Hg.) 1986
Japanese Ghosts and Demons: Art of the Supernatural. New York: Braziller 1986. [Ausstellungskatalog.]
Bernard Faure 1998b
The Red Thread: Buddhist Approaches to Sexuality. Princeton: Princeton University Press 1998b.
Kuroda Toshio 1996
The world of spirit pacification: Issues of state and religion.“ Japanese Journal of Religious Studies 23/3-4 (1996), S. 321-51. [Ü. ins Englische: A. Grapard.]
Maison de la culture du Japon (Hg.) 2005
Yōkai: Bestiaire du fantastique japonais. Paris: Maison de la culture du Japon 2005. [Ausstellungskatalog.]
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