Horror-Klassiker aus der Edo-Zeit
Beginn einer Runde Geistergeschichten
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Kawanabe Kyōsai; aus Kyōsai hyakki gadan („Kyōsais Bildgeschichten von hundert Geistern“), 1889
Bild © Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Eine Runde wohlig schauernder Zuhörer schart sich um den Erzähler von „Hundert Geschichten“ (hyaku monogatari).
In der Edo (Edo 江戸 — Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit gab es ein Gesellschaftsspiel namens „Hundert Geschichten“, bei dem man sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählte. „Hundert Geschichten“ (Hyaku monogatari) ist auch der Titel einer Serie von „Gespensterportaits“, in denen der berühmte Ukiyoe-Künstler Katsushika Hokusai (Katsushika Hokusai 葛飾 北斎 — 1760–1849; Maler und Zeichner. Bekanntester Verteter der Ukiyoe-Blockdruck Kunst ) (1760–1849) die bekanntesten Gruselmotive seiner Zeit festhielt. Diese Serie, die allerdings nur aus fünf Bildern besteht, könnte als Vorlage jener Geschichten gedient haben, mit denen der Erzähler auf der Abbildung oben seinen Zuhörern wohlige Schauer über den Rücken jagt.[1]
Die meisten unten abgebildeten „Bilder der fließenden Welt“ (ukiyoe (ukiyoe 浮世絵 — „Bilder der fließenden Welt“, populäre Holzblockdrucke der Edo-Zeit )) von Hokusai und seinen Zeitgenossen beziehen ihre Motive aus dem Kabuki Theater. Die dargestellten Geister waren zur damaligen Zeit so bekannt, dass eine Andeutung genügte, um dem Betrachter ihre Geschichte in Erinnerung zu rufen. Fast immer geht es dabei um Liebe, Eifersucht und Mord, die letztlich dazu führen, dass eine Person nach dem Tod nicht zur Ruhe kommt und sich in einen Rachegeist verwandelt.
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Hokusais Gespensterserie
Okiku, das Tellergespenst
Okiku, das Tellergespenst
- Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760–1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Der Rauch, der dem Mund der Okiku entweicht, soll wohl das Zählen der Teller symbolisieren. Okiku ist nämlich auch als Geist beständig auf der Suche nach einem Teller, den ihr Herr in der bösen Absicht versteckt hat, sie bei der Herrin anzuschwärzen. Jede Nacht entsteigt sie dem Brunnen, in dem sie schlussendlich ertränkt wurde, um die Teller noch einmal nachzuzählen.
Tellergespenst Okiku
aus Hokusais „Hundert Geschichten“
Tellergespenst Okiku
- Zeichnung von Utagawa (Andō) Hiroshige (1797–1858)
Bildquelle: Questo piccolo grande BANZAI. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Hier beschwert sich Okiku bei einem Geschirrhändler, dass ihr Teller zerbrochen ist. Karikierende Zeichnung.
Okiku ist eine Magd, die ihrem Herrn die Liebe verweigert und daraufhin von ihm in einen Brunnen gestürzt wird. Der Vorwand für seine Tat: Sie habe einen Teller entwendet, den er in Wirklichkeit selbst versteckte. Daher ihre Erscheinung als Teller zählendes bzw. tellerförmiges Gespenst. Sie zählt dabei immer nur bis neun und bricht dann ab, um neuerlich bei eins zu beginnen. Dem Spuk wird durch einen Exozisten ein Ende bereitet, der im richtigen Moment „zehn“ ruft.
Die tragische Geschichte der Okiku existierte wahrscheinlich schon vor Beginn der Edo Zeit. 1741 wurde sie unter dem Titel Banchō sarayashiki (Das Tellerhaus in Banchō) für die Bühne adaptiert. Zahlreiche Varianten verlegten die Geschichte u.a. in die Burg Himeji und interpretierten das Liebesverhältnis zwischen Magd und Herren auf unterschiedliche Weise. Immer blieben jedoch der Brunnen und die Teller zentrale Bestandteile der Geschichte. In scherzhafter Weise wird das Motiv auch auf einem Bild von Utagawa Hiroshige (1797–1858) dargestellt (Abb. re.).
Oiwa, der Lampiongeist
Lampiongespenst Oiwa
- Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760–1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32; 26,3 x 18,9 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Im zerschlissenen Lampion eines Friedhofs erscheint der Totengeist der ruchlos ermordeten Oiwa.
Lampiongeist Oiwa
aus Hokusais „Hundert Geschichten“
Lampiongespenst Oiwa
- Kuniyoshi. 1836
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Oiwa ist eben aus dem Lampion getreten und trägt ihr ungeborenes Kind mit sich, das hier die Züge des Jizō Bosatsu angenommen hat. Kuniyoshi betont in dieser Version ganz besonders Oiwas durch Gift entstelltes Gesicht mit dem einen hervorquellenden Auge.
Oiwa wird von Iemon, ihrem grausamen Ehemann, betrogen und vergiftet, sodass sie eines qualvollen Todes stirbt. Sie erscheint jedoch als Geist wieder und zwar mit ihrem durch Gift entstellten Gesicht. Dieses zeigt sich dem Iemon nicht nur in einem zerschlissenen Friedhofslampion, wie bei Hokusai, sondern auch anstelle seiner neuen Ehefrau. Als Iemon den Geist vernichten will, tötet er statt dessen seine frischvermählte Braut, um derentwillen er den Mord an Oiwa vollführt hat.
Auch Utagawa Kuniyoshi (1798–1861) bringt in seiner Darstellung der Oiwa (Abb. re.) den Lampion ins Spiel. Statt Hokusais subtilem Spiel von Einbildung (Gesicht) und Realität (zerschlissener Lampion) geht es Kuniyoshi mehr um die schaurigen Gruseleffekte der Erzählung. Insbesondere betont er das vom Gift entstellte Gesicht der Oiwa.
Oiwa ist heute einer der bekanntesten Rachegeister des Kabuki Theaters. Die Geschichte wurde erstmals 1825 in einem Stück namens Yotsuya kaidan auf die Bühne gebracht und ist seither in immer neuen Versionen dramatisiert bzw. für das Kino adaptiert worden.
Kohada Koheiji, der nächtliche Rächer
Totengeist des Kohada Koheiji
- Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760–1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32; 26,5 x 19 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Das Gespenst des ermordeten Kohada Koheiji grinst über den Rand eines Moskitonetzens.
aus Hokusais „Hundert Geschichten“
Kohada Koheiji
- Hängerollbild (Seide, Farbe) von Utagawa Kunitoshi. Meiji-Zeit
Bildquelle: Pink Tentacle. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Der Totengeist des Koheiji lugt über das Moskitonetz, um seine Frau und seinen Nebenbuhler beim Liebesakt zu stören.
Der Totengeist des Asakura Tōgo (Asakura Tōgo no bōrei)
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi (1797–1861). 1851; 36,5 x 24,8 cm
Bildquelle: The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/11/18)
Das Bild zeigt den Kabuki-Schauspieler Ichikawa Kodanji IV in der Rolle des Asakura Tōgo, im Stück Higashiyama sakura zoshi. In dieser Darstellung ist die für japanische Gespenster typische schlaffe Handhaltung ganz besonders gut zu erkennen.
Schwache Frauen, die sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung nur wehren können, indem sie sich nach ihrem Tod in Rachegeister verwandeln, stehen eindeutig im Zentrum japanischer Gespenstergeschichten. Es gibt jedoch auch ein paar männliche Vertreter dieses Typs. Einer davon ist Kohada Koheiji, der als tragischer Held in einer Geschichte des Autors und Malers Santō Kyōden erstmals im Jahr 1803 auftauchte und bald auch auf der Kabuki Bühne zu sehen war: Koheiji wird von seiner Frau und seinem Nebenbuhler ermordet, rückt ihnen aber des Nachts als Rachegeist zu Leibe und treibt sie in den Wahnsinn. Auf Hokusais Bild grinst er gerade über den Rand des Moskitonetzes.
Der von Kuniyoshi portraitierte Totengeist des Asakura Tōgo (Abb. re.) ist ein weiteres Beispiel eines bekannten männlichen Rachegeists. Tōgo war einst ein Dorfvorsteher, der sich der ausbeuterischen Besteuerung seines Landesherren widersetzte, dafür brutal hingerichtet wurde, in der Folge aber als Rachegeist wiederkehrte und den Landesherren mit seiner Familie in Wahnsinn und Tod trieb.[2]
Hannya, die lachende Menschenfresserin
Lachende Hannya (Warai hannya)
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760-1849); aus der Serie Hyaku monogatari („Hundert Geschichten“), 1831–32
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)
Portrait einer menschenfressenden Dämonin, die eben einen Säugling verspeist.
Hannya-Dämonin
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi (1797-1861). Ca. 1825; 38,1 x 25,8 cm
Bild © Freer / Sackler, The Smithonian Museums of Asian Art. (Letzter Zugriff: 2011/8)
The Anne van Biema Collection
Der wackere Watanabe Tsuna wird heimtückisch von hinten attackiert, kann der Dämonin aber mit dem Schwert einen Arm abtrennen.
Gehörnte Hannya
- Maske (Holz, Lack). Edo-Zeit; Höhe: 24,2 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/11/16)
Standard-Maske im Nō für „wahnsinnige Frauen“.
Hannya sind gehörnte Dämoinnen, die eine wichtige Rolle in den Gespensterstücken des Nō Theaters spielen. Der Name Hannya soll auf den Schöpfer der entsprechenden Maske im Nō zurückgehen. Ironischerweise ist hannya ursprünglich ein buddhistischer Begriff, der sich von Sanskrit prajna herleitet und soviel wie „Weisheit“ bedeutet.
Hokusais Motiv der lachenden Hannya, die offenbar drauf und dran ist, einen Säugling zu verspeisen, soll sich von einer Legende aus Nagasaki herleiten. Der Verzehr von Menschen ist jedoch ganz allgemein eine Vorliebe der japanischen oni (oni 鬼 — Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister …mehr ⇒) (Dämonen), zu denen auch die Hannya-Figuren zu rechnen sind.
Rajō-mon
Am häufigsten findet man die Hannya-Figur in den Illustrationen eines klassischen Gespenstes aus der Heian (Heian 平安 — alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit: der Dämonin Ibaraki aus dem Rajō-mon. Das Rajō-mon (auch Rashō-mon) war eines der Stadttore Kyotos. Die Dämonin fand ausgerechnet in den geräumigen Obergeschoßen dieses Gebäudes ihren Unterschlupf und machte von hier aus die Stadt unsicher. Der unerschrockene Krieger Watanabe Tsuna stellt sich ihr im Kampf, doch es gelingt ihm lediglich, ihr mit dem Schwert einen Arm abzuhacken (den sie schlussendlich wieder in ihren Besitz bringt). Die Attacke der Dämonin und Tsunas geistesgegenwärtiger Schwerthieb sind ein beliebtes Ukiyoe-Motiv. Meist verlieh man dabei der Dämonin das Gesicht einer Hannya Maske (s. Kuniyoshis Abb. re.).
Die Schlange, Sinnbild obsessiver Liebe
Obsession (shūnen)
- Blockdruck, ukiyoe (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1790-1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32; 25,9 x 18,4 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2010/9)
Die Schlange windet sich um ein Totentäfelchen (ihai). Die Stoffmuster wiederholen die Muster der Schlangenhaut.
„Obsession“ (shūnen)
aus Hokusais „Hundert Geschichten“
Schlangen-Gürtel (jatai)
- Buchillustration von Toriyama Sekien. 1780; aus Konjaku hyakki shūi
Bildquelle: Wikimedia Commons (jap.)
Illustration der Redensart: "Wer mit Obi (Gürtel) schläft, träumt von Schlangen."
Das letzte Bild in Hokusais Serie wirkt auf den ersten Blick friedlich, ist aber voller unheimlicher Anspielungen. Zunächst illustriert das Bild eine offenbar gängige Redewendung, nämlich „Wer mit Obi (Gürtel) schläft, träumt von Schlangen“. (Siehe nebenstehende Illustration des Gespensterforschers Toriyama Sekien.) Auch in Hokusais Bild verschmilzt das Muster der Schlangenhaut Haut mit den Kleiderstoffen, durch die sie hindurchkriecht. Ähliche Effekte, in denen das Gewand einer Frau in ein Schlangenmuster übergeht, sind auf fast allen Darstellungen von Schlangengeistern aus der Edo-Zeit zu finden (s. Abb. u. re.).
Hokusais Bild trägt den Titel „Obsession“ (shūnen), denn Schlangen gelten nach einem verbreiteten Glauben als Sinnbild der Eifersucht oder der obsessiven Umkehr von Liebe in Hass. Seit dem Altertum herrschte in Japan die Auffassung, dass insbesondere eifersüchtige Frauen, die aus enttäuschter Liebe sterben, als Schlangen wiedergeboren werden würden.
Die Schlangenfrau Kiyohime
- Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi (1797–1861); aus der Serie Honchō musha kagami (Spiegel der Krieger unseres Landes), 1855
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2011/4)
William Sturgis Bigelow Collection
Kiyohime, die sich zur Hälfte in eine Schlange verwandelt hat, windet sich um eine Tempelglocke, unter der ihr ehemaliger Geliebter Zuflucht vor ihrer Rache gesucht hat.
Dōjō-ji engi emaki
- Querbildrolle (Papier, Farbe) von Tosa Mitsushige, Detail. Um 1400
Bildquelle: Wikimedia Commons (jap.). (Letzter Zugriff: 2011/7)
Die in eine Schlange verwandelte Kiyohime bringt die Glocke, unter der sich ihr Liebhaber versteckt, zum Glühen.
Es handelt sich um eine illustrierte Chronik des Tempels Dōjō-ji, wo sich die Geschichte im Jahr 928 abgespielt haben soll.
Auf Hokusais Bild ist zwar kein Mann zu sehen, wohl aber das Totentäfelchen (ihai (ihai 位牌 — Ahnentäfelchen …mehr ⇒)) eines Mannes. Auch die Schale mit Duftwasser gehört zu den Totenriten am buddhistischen Hausaltar (butsudan (butsudan 仏壇 — buddh. Hausaltar …mehr ⇒)). Es ist also jemand gestorben. Das Blatt, das wie absichtslos in der Duftwasserschale schwimmt, könnte ein Mitbringsel der Schlange sein, die dem Toten einen Besuch abstattet. Vielleicht waren auch die Gewänder, durch die sie sich windet, in einer früheren Existenz ihre eigenen. In diesem Fall mag es gut sein, dass die Schlange der eifersüchtige Rachegeist einer an gebrochenem Herzen verstorbenen Ehefrau ist, die ihren untreuen Mann nun ihrerseits in den Tod getrieben hat.
Kiyohime
Hokusais Schlangenbild erinnerte Zeitgenossen sicher auch an die Legende der Kiyohime (Kiyohime 清姫 — Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht ), die u.a. auch von Kuniyoshi illustriert wurde (Abb. re.): Kiyohime hat ein Verhältnis mit einem jungen Pilgermönch. Als dieser sich seiner religiösen Gelübde besinnt und sie verlassen will, verfolgt sie ihn und verwandelt sich dabei, getrieben von ihrer Eifersucht, in eine Schlange. Schlussendlich versteckt sich der Mönch unter einer Tempelglocke, doch die Schlange windet sich um die Glocke und entwickelt eine derartige Hitze, dass der Mönch darin zu Tode kommt.
Die Legende stammt aus dem japanischen Altertum und findet sich unter anderem in den „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (Konjaku monogatari (Konjaku monogatari 今昔物語 — „Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext …mehr ⇒)), wurde aber auch im Noh und im Kabuki-Theater aufgegriffen.
Meiji-Epigonen
Tsukioka Yoshitoshi
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi; aus der Serie Shinkei sanjūroku kaisen („Neue Sammlung von 36 Geistern“), 1889-92; 23,5 x 36,2 cm
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Der Geist der Okiku wirkt hier im Gegensatz zu andern Totengeistern nicht furchteinflößend, sondern zart und traurig.
Die Pfingstrosenlaterne (botandōrō)
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi. Meiji-Zeit; aus der Serie Shinkei sanjūroku kaisen („Neue Sammlung von 36 Geistern“), 1889–92; 23,5 x 36,2 cm
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)
In der hier dargestellten Geschichte geht es um eine verführerische Geisterfrau, die einen verwitweten Samurai in ein erotisches Liebesverhältnis verstrickt. Jede Nacht erscheint sie in Begleitung ihrer Dienerin mit einer Laterne in Form einer Pfingstrose (Päonie, jap. botan). Als der Samurai entdeckt, dass seine Geliebte ein Totengeist ist, beendet er die Beziehung mithilfe religiöser Spezialisten, wird aber rückfällig und endet selbst im Grab. Herkunft und Motivation der Geisterfrau bleiben in dieser Geschichte im Dunkeln. Die Erzählung stammt von Asai Ryōi (1612–1691) und erschien erstmals 1666. Sie basiert auf einer chinesischen Vorlage.
Kobayakawa Hideaki und der Totengeist des Ōtani Yoshitsugu
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi, 1868
Bildquelle: Antique Art Morimiya. (Letzter Zugriff: 2011/11/17)
Hideaki (1577–1602) kämpfte in der Schicksalsschlacht von Sekigahara (1600) anfangs gegen Tokugawa Ieyasu, lief aber zu ihm über. Sein Verrat trug entscheidend zum Sieg Ieyasus bei und wurde reich belohnt. Während der Schlacht fiel er seinem ehemaligen Verbündeten Yoshitsugu (1559–1600) in den Rücken. Dieser fiel in der Schlacht. Später soll er Hideaki als Totengeist jede Nacht aufgesucht und so das frühe Ende des letzteren herbeigeführt haben.
Die Dämonin des Rashō-mon
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi; aus der Serie Shinkei sanjūroku kaisen („Neue Sammlung von 36 Geistern“), 1889-92; 23,5 x 36,2 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/11/16)
Die Dämonin ist hocherfreut, denn es ist ihr gelungen, ihren abgehackten Arme wieder zu erbeuten. Die komplexe Legende dieser Dämonin, die im Südtor der Stadt Kyoto haust, findet sich bereits in der Heian-zeitlichen Sammlung Konjaku monogatari-shū.
Kiyohime entsteigt dem Fluss
- Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi. 1865
Bild © National Diet Library, Tokyo. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Die Schlangenfrau Kiyohime entsteigt dem Fluss Hidakagawa. Das Motiv findet sich fast identisch in der Serie „36 Geister“ (1889-92), aber die frühere Fassung gefällt mir persönlich besser, vor allem wegen der Haarsträhne, in die sich die von Eifersucht besessene Kiyohime verbeißt.
Der späte Ukiyoe-Künstler Tsukioka Yoshitoshi (1839–1892) verfasste gegen Ende seines Lebens eine Serie von Geisterbildern, die heute zu seinen bekanntesten Werken zählt. Während sich viele Ukiyoe Yoshitoshis durch besonders drastisch zur Schau gestellte „sex-and-crime“ Szenen auszeichnen, konzentriert er sich hier auf die Darstellung einzelner Figuren, die oft ruhig und gefasst wirken und meist gar nicht unmittelbar als Geister zu erkennen sind. Kennt man aber den Hintergrund ihrer Geschichten, prägen sich Yoshitoshis Geister um so nachhaltiger ein.
Auch Yoshitoshi illustriert Motive, die schon bei Hokusai und seinen Zeitgenossen zu finden sind. Alle vordergründig-gespenstischen Elemente fehlen hier allerdings: Okiku, das Tellergespenst (1.v.li.), steigt ohne Teller aus ihrem Brunnen und erregt Mitleid, nicht Furcht. Die Frau mit der Päonienlaterne wird mit den Augen ihres Liebhabers betrachtet, der nicht erkennt, dass sie ein Geist ist. Die Verwandlung der Schlangenfrau Kiyohime (re.) deutet sich lediglich durch die merkwürdige Silhouette der Figur und durch das Muster des Kimonos an. Das Verhältnis zwischen Totengeist und Krieger (Mitte) scheint auf einer lang erprobten Routine zu beruhen. Einzig die Dämonin des Rashō-mon bringt Bewegung in Spiel. Sie hat eben ihren abgehackten Arm wieder erbeutet. Aber auch in ihrem Gesicht deuten sich die Züge der Hannya-Maske nur schwach an. In diesem neuen Realismus, aber auch auch in der Romantisierung der weiblichen Rachegeister, nimmt Yoshitoshi Entwicklungen des „Neuen Kabuki-Theaters“ der Meiji Zeit vorweg. Unter dem Einfluss westlicher Theaterstoffe versuchte man auch hier, die alten Geschichten psychologisch einfühlsam und mit einer romantischen Note versehen neu zu erzählen.
Kawanabe Kyōsai
Totengeist des Kohada Koheiji
- Blockdruck (Papier, Farbe) von Utagawa Toyokuni I (1769–1825). 1808
Bildquelle: The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Das Bild entstand im Zusammenhang mit der Uraufführung des Kabukistückes Iroiri otogi zōshi, 1808, in dem es um die Ermordung des Kohada Koheiji durch seine seine Frau und deren Liebhaber geht. Das Bild zeigt den Moment der Rache, als der Geist des Koheiji den Kopf seiner Frau in seinen Zähnen hält. Beide Gesichter tragen im übrigen die Züge des Kabuki Schauspielers Onoe Matsusuke I (1744–1815), der offenbar eine Doppelrolle spielte, wie in der Bildinschrift vermerkt ist. In viel düsterer Form taucht das Motiv auch sechzig Jahre später bei Kawanabe Kyosai auf.
Totengeist (Yūreizu)
- Hängerollbild von Kawanabe Kyosai. 1883
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Bild eines Totengeistes, der dem Bild eines Totengeistes entsteigt.
Totengeist (Yūrei)
- Hängerollbild (Seide, Farbe) von Kawanabe Kyosai (1831–1889). 1870
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/6)
Das Motiv des Rachegeists, der sich in den Haaren eines abgetrennten Kopfes festgebissen hat, findet sich auch im Zusammenhang mit Kohada Koheiji (s. Hokusai). Das Kabukistück Iroiri otogi zoshi erzählt, dass Koheiji schlussendlich seine Frau zu Tode brachte und ihren Kopf mit sich trug. Kyōsai gönnt seinem Totengeist allerdings keinen Triumph: in seiner Besessenheit ist der Geist nicht mehr im Stande zu erkennen, dass er das Ziel seiner Rache bereits erreicht hat.
Totengeist (Yūrei)
- Hängerollbild (Seide, Farbe) von Kawanabe Kyosai (1831–1889). 1871; 106,8 x 37,7 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
In manischer Verzweiflung fasst sich diese weibliche Rachefigur selbst ins Haar, während sie den Kopf ihres Opfers an den Haaren mit sich führt.
Kawanabe Kyōsai (1831–1889), von dem auch das Bild am Seitenanfang stammt, fertigte mehrere Portraits von unheimlichen Totengeistern (yūrei (yūrei 幽霊 — Totengeist …mehr ⇒)) an, ohne konkret anzugeben, auf welche Geschichten sich seine Darstellungen bezogen. Die Motive lassen sich zwar auf Vorlagen aus der Edo-Zeit zurück führen, doch scheint es Kyosai nicht um die Geschichten zu gehen, aus denen sie entstammen. In beinahe psychoanalytischer Weise betont er statt dessen die obsessiven psychischen Kräfte, die sich in den Totengeistern verkörpern.
Von Kaidan zu J-Horror
Geist der Samara (Sadako)
- Filmszene; aus The Ring, 2002
Adaptierte amerikanische Fassung des Films Ringu von Nakata Hideo, 1998. Dieser wiederum orientiert sich an der Gestalt der Okiku, die in den Brunnen geworfen wurde.
Geist der Kayako
- Filmszene von Shimizu Takashi; aus The Grudge, 2003
Totengeist der Kayako, dargestellt von Fuji Takako. Die Handlung enthält gewisse Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Oiwa, von deren Edo-zeitlicher Darstellung auch die Betonung des einen hervorquellenden Auges inspiriert sein dürfte.
Kaidan
- Film (Plakat) von Nakata Hideo. 2007
Onibaba
- Film von Shindō Kaneto. 1965
Bild © Cinema Strikes Back. (Letzter Zugriff: 2011/11/18)
Die Titelheldin Onibaba (die dämonische Alte) mit einer Hannya-Maske, von der sie sich nicht mehr befreien kann.
Kuchisake
- Film von Hashiguchi Takaaki. 2007
Kuchisake onna (die Frau mit dem Schlitzmund), eine moderne Version der Hannya.
Die Edo-Zeit gilt allgemein als eine Blütezeit des Horrorgenres, sowohl auf literarischem als auch auf bildnerischem Gebiet. Besonders im neunzehnten Jahrhundert scheint die Begeisterung für das Übersinnliche einen Höhepunkt erfahren zu haben. Wie die obigen Abbildungen zeigen, haben viele der heute noch bekannten Gespenstergeschichten (kaidan (kaidan 怪談 — Gespenstergeschichte …mehr ⇒)) ihre Wurzeln in dieser Zeit. Neben den traditionellen Fabelwesen (yōkai (yōkai 妖怪 — Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster …mehr ⇒)) spielten auch Totengeister (yūrei) eine immer größere Rolle. Geistergeschichten und -darstellungen erfreuten sich in der ausgehenden Edo-Zeit unter anderem deshalb großer Beliebtheit, weil eine zunehmend strengere Zensur fast alle anderen gegenwartsbezogenen Themen untersagte. Die Welt des Übersinnlichen — ob sie nun für real gehalten wurde oder nicht — galt jedoch als politisch unverdächtig und wurde daher zunehmend als Projektionsfläche für die Darstellung aller möglichen gesellschaftlichen Missstände herangezogen. In der Meiji (Meiji 明治 — posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …mehr ⇒)-Zeit, als die Welt der Geister und Fabelwesen einen beinahe schon nostalgischen Touch erhielt, verhalfen Kawanabe Kyōsai oder Tsukioka Yoshitoshi dem morbiden Grauen der Edo-Zeit zu einer letzten Blüte. Viele Motive aus dieser Zeit lassen sich aber nach wie vor in japanischen Horrorfilmen und Manga wiederfinden.
Anmerkungen
- ↑ Der Gruseleffekt wurde dadurch gesteigert, dass nach jeder Geschichte eine Lampe gelöscht wurde, bis die ganze Gesellschaft im Dunkeln saß. Man munkelte, dass dann tatsächlich ein Geist erscheinen würde.
- ↑ Die Geschichte beruht auf einer historischen Begebenheit, wobei der Dorfvorsteher in Wirklichkeit Kiura Sōgorō hieß und 1653 hingerichtet worden sein soll. Abgesehen von der Darstellung als Rachegeist, erfreut sich auch eine zu Herzen gehende Szene, in der Tōgo/Sōgorō Abschied von seiner Familie nimmt, um in den sicheren Tod zu ziehen, großer Beliebtheit im ukiyoe-Genre. Die verschiedenen Namen der Figur waren wohl ein Mittel, der Zensur zu entgehen, da der Fall natürlich ein hohes aufrührerisches Potential besaß.
- ↑ Den Hinweis auf die vielen Übereinstimmungen zwischen Edo-zeitlichen Gruselgeschichten und dem modernen J-Horror verdanke ich einer Seminararbeit von Sarah-Allegra Schönberger, Studentin der Japanologie an der Universität Wien (Sommersemester 2009). Die Literaturangaben dieser Seite entstammen ebenfalls ihrer Arbeit.
Literatur und Links
- Colette Balmain 2008
Introduction to Japanese Horror Film. Edinburgh: Edinburgh University Press.
- Noriko Reider 2000
„The Appeal of Kaidan Tales of the Strange.“ Asian Folklore Studies 59, S. 265-283.
- Noriko Reider 2001
„The Emergence of Kaidan-shū: The Collection of Tales of the Strange and Mysterious in the Edo Period.“ Asian Folklore Studies 60, S. 79-99. - Muian
Dieser ausgezeichneten japanischen Website entstammen viele Bildbeispiele. - Shinkei sanjūrokkaisen (Wikipedia, ja.). Sämtliche Exemplare aus Yoshitoshis Serie „36 Geister“.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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