Horror-Klassiker aus der Edo-Zeit

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Bernhard Scheid, „Horror-Klassiker aus der Edo-Zeit“ (Stand: 2013-02-21). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Geister/Kaidan?oldid=33323
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Beginn einer Runde Geistergeschichten

Blockdruck (Papier, Farbe) von Kawanabe Kyōsai; aus Kyōsai hyakki gadan („Kyōsais Bildgeschichten von hundert Geistern“), 1889
Bild © Nichibunken. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Eine Runde wohlig schauernder Zuhörer schart sich um den Erzähler von „Hundert Geschichten“ (hyaku monogatari).

Beginn einer Runde Geistergeschichten (hyaku monogatari)

In der Edo (Edo 江戸Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …mehr ⇒)-Zeit gab es ein Gesell­schafts­spiel namens „Hundert Geschichten“, bei dem man sich gegen­seitig Grusel­ge­schich­ten erzählte. „Hundert Geschich­ten“ (Hyaku monogatari) ist auch der Titel einer Serie von „Gespensterportaits“, in denen der berühmte Ukiyoe-Künstler Katsushika Hokusai (Katsushika Hokusai 葛飾 北斎1760–1849; Maler und Zeichner. Bekanntester Verteter der Ukiyoe-Blockdruck Kunst ) (1760–1849) die be­kanntesten Gruselmotive seiner Zeit festhielt. Diese Serie, die allerdings nur aus fünf Bildern besteht, könnte als Vor­lage jener Geschich­ten ge­dient haben, mit denen der Er­zähler auf der Ab­bildung oben seinen Zu­hörern wohlige Schauer über den Rücken jagt.[1]

Die meisten unten ab­ge­bildeten „Bilder der fließenden Welt“ (ukiyoe (ukiyoe 浮世絵„Bilder der fließenden Welt“, populäre Holzblockdrucke der Edo-Zeit )) von Hokusai und seinen Zeit­ge­nossen beziehen ihre Motive aus dem Kabuki Theater. Die dar­ge­stell­ten Geister waren zur da­ma­ligen Zeit so be­kannt, dass eine An­deu­tung genügte, um dem Be­trach­ter ihre Ge­schichte in Erin­nerung zu rufen. Fast immer geht es dabei um Liebe, Eifer­sucht und Mord, die letzt­lich dazu führen, dass eine Person nach dem Tod nicht zur Ruhe kommt und sich in einen Rache­geist ver­wandelt.

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Hokusais Gespensterserie

Okiku, das Tellergespenst

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Okiku, das Tellergespenst

Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760–1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Der Rauch, der dem Mund der Okiku entweicht, soll wohl das Zählen der Teller symbolisieren. Okiku ist nämlich auch als Geist beständig auf der Suche nach einem Teller, den ihr Herr in der bösen Absicht versteckt hat, sie bei der Herrin anzuschwärzen. Jede Nacht entsteigt sie dem Brunnen, in dem sie schlussendlich ertränkt wurde, um die Teller noch einmal nachzuzählen.

Tellergespenst Okiku
aus Hokusais „Hundert Geschichten“

Okiku ist eine Magd, die ihrem Herrn die Liebe verweigert und darauf­hin von ihm in einen Brunnen ge­stürzt wird. Der Vor­wand für seine Tat: Sie habe einen Teller ent­wendet, den er in Wirk­lich­keit selbst ver­steckte. Daher ihre Er­scheinung als Teller zählendes bzw. teller­förmiges Gespenst. Sie zählt dabei immer nur bis neun und bricht dann ab, um neuerlich bei eins zu beginnen. Dem Spuk wird durch einen Exozisten ein Ende bereitet, der im richtigen Moment „zehn“ ruft.

Die tragische Geschichte der Okiku existierte wahr­schein­lich schon vor Beginn der Edo Zeit. 1741 wurde sie unter dem Titel Banchō sarayashiki (Das Tellerhaus in Banchō) für die Bühne adaptiert. Zahlreiche Varianten verlegten die Geschichte u.a. in die Burg Himeji und inter­pre­tierten das Liebes­ver­hältnis zwischen Magd und Herren auf unter­schied­liche Weise. Immer blieben jedoch der Brunnen und die Teller zentrale Bestand­teile der Geschichte. In scherz­hafter Weise wird das Motiv auch auf einem Bild von Utagawa Hiroshige (1797–1858) dargestellt (Abb. re.).

Oiwa, der Lampiongeist

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Lampiongespenst Oiwa

Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760–1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32; 26,3 x 18,9 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Im zerschlissenen Lampion eines Friedhofs erscheint der Totengeist der ruchlos ermordeten Oiwa.

Lampiongeist Oiwa
aus Hokusais „Hundert Geschichten“

Oiwa wird von Iemon, ihrem grau­sa­men Ehe­mann, be­trogen und ver­giftet, sodass sie eines qual­vollen Todes stirbt. Sie er­scheint je­doch als Geist wieder und zwar mit ihrem durch Gift ent­stell­ten Gesicht. Dieses zeigt sich dem Iemon nicht nur in einem zer­schlis­se­nen Fried­hofs­lam­pion, wie bei Hokusai, son­dern auch an­stelle seiner neuen Ehe­frau. Als Iemon den Geist ver­nich­ten will, tötet er statt dessen seine frisch­ver­mähl­te Braut, um der­ent­wil­len er den Mord an Oiwa voll­führt hat.

Auch Utagawa Kuniyoshi (1798–1861) bringt in seiner Darstellung der Oiwa (Abb. re.) den Lampion ins Spiel. Statt Hokusais subtilem Spiel von Ein­bil­dung (Gesicht) und Realität (zerschlissener Lampion) geht es Kuni­yoshi mehr um die schau­rigen Grusel­ef­fekte der Erzäh­lung. Ins­beson­dere betont er das vom Gift ent­stellte Gesicht der Oiwa.

Oiwa ist heute einer der bekann­testen Rache­geister des Kabuki Theaters. Die Ge­schich­te wurde erst­mals 1825 in einem Stück namens Yotsuya kaidan auf die Bühne ge­bracht und ist seither in immer neuen Ver­sio­nen dra­ma­tisiert bzw. für das Kino adap­tiert worden.

Kohada Koheiji, der nächtliche Rächer

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Totengeist des Kohada Koheiji

Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760–1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32; 26,5 x 19 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Das Gespenst des ermordeten Kohada Koheiji grinst über den Rand eines Moskitonetzens.

Totengeist des Kohada Koheiji
aus Hokusais „Hundert Geschichten“

Schwache Frauen, die sich gegen Unter­drückung und Aus­beu­tung nur weh­ren kön­nen, in­dem sie sich nach ihrem Tod in Rache­geister ver­wan­deln, stehen ein­deu­tig im Zen­trum ja­pani­scher Ge­spens­ter­ge­schich­ten. Es gibt je­doch auch ein paar männ­liche Ver­tre­ter die­ses Typs. Einer da­von ist Kohada Koheiji, der als tra­gi­scher Held in einer Ge­schich­te des Autors und Malers Santō Kyōden erst­mals im Jahr 1803 auf­tauch­te und bald auch auf der Kabuki Bühne zu sehen war: Koheiji wird von seiner Frau und seinem Neben­buhler er­mor­det, rückt ihnen aber des Nachts als Rache­geist zu Leibe und treibt sie in den Wahn­sinn. Auf Hoku­sais Bild grinst er gerade über den Rand des Mos­kito­netzes.

Der von Kuniyoshi portraitierte Toten­geist des Asa­kura Tōgo (Abb. re.) ist ein weiteres Beispiel eines bekannten männlichen Rachegeists. Tōgo war einst ein Dorf­vor­steher, der sich der aus­beu­teri­schen Be­steue­rung seines Lan­des­her­ren wider­setzte, dafür brutal hin­ge­rich­tet wurde, in der Folge aber als Rache­geist wiederkehrte und den Lan­des­her­ren mit seiner Fami­lie in Wahn­sinn und Tod trieb.[2]

Hannya, die lachende Menschenfresserin

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Lachende Hannya (Warai hannya)

Blockdruck (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1760-1849); aus der Serie Hyaku monogatari („Hundert Geschichten“), 1831–32
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)

Portrait einer menschenfressenden Dämonin, die eben einen Säugling verspeist.

Lachende Hannya
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aus Hokusais „Hundert Geschichten“

Hannya sind gehörnte Dämo­innen, die eine wich­tige Rolle in den Ge­spens­ter­stücken des Nō Thea­ters spielen. Der Name Hannya soll auf den Schöpfer der ent­spre­chen­den Maske im Nō zurück­gehen. Ironi­scher­weise ist hannya ur­sprüng­lich ein bud­dhis­tischer Begriff, der sich von Sanskrit prajna her­leitet und soviel wie „Weisheit“ bedeutet.

Hokusais Motiv der lachen­den Hannya, die offen­bar drauf und dran ist, einen Säug­ling zu ver­spei­sen, soll sich von einer Le­gen­de aus Naga­saki her­lei­ten. Der Ver­zehr von Men­schen ist je­doch ganz all­ge­mein eine Vor­liebe der japa­ni­schen oni (oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geister …mehr ⇒) (Dämo­nen), zu denen auch die Han­nya-Figu­ren zu rech­nen sind.

Rajō-mon
Am häufigsten findet man die Hannya-Figur in den Illustra­tionen eines klas­si­schen Ge­spens­tes aus der Heian (Heian 平安alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit: der Dämo­nin Ibaraki aus dem Rajō-mon. Das Rajō-mon (auch Rashō-mon) war eines der Stadt­tore Kyotos. Die Dämo­nin fand aus­ge­rechnet in den geräu­migen Ober­ge­schoßen dieses Gebäu­des ihren Unter­schlupf und machte von hier aus die Stadt un­sicher. Der un­­er­­schroc­k­ene Krieger Wata­­nabe Tsuna stellt sich ihr im Kampf, doch es gelingt ihm ledig­lich, ihr mit dem Schwert einen Arm ab­zu­hacken (den sie schluss­end­lich wieder in ihren Besitz bringt). Die Attacke der Dämo­nin und Tsunas geis­tes­gegen­wärtiger Schwert­hieb sind ein be­liebtes Ukiyoe-Motiv. Meist ver­lieh man dabei der Dämonin das Gesicht einer Hannya Maske (s. Kuniyoshis Abb. re.).

Die Schlange, Sinnbild obsessiver Liebe

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Obsession (shūnen)

Blockdruck, ukiyoe (Papier, Farbe) von Katsushika Hokusai (1790-1849); aus der Serie Hyaku monogatari (Hundert Geschichten), 1831–32; 25,9 x 18,4 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2010/9)

Die Schlange windet sich um ein Totentäfelchen (ihai). Die Stoffmuster wiederholen die Muster der Schlangenhaut.

„Obsession“ (shūnen)
aus Hokusais „Hundert Geschichten“

Das letzte Bild in Hokusais Serie wirkt auf den ersten Blick fried­lich, ist aber voller un­heim­licher An­spie­lungen. Zu­nächst illus­triert das Bild eine offen­bar gän­gige Rede­wen­dung, näm­lich „Wer mit Obi (Gürtel) schläft, träumt von Schlangen“. (Siehe ne­ben­ste­hende Il­lustra­tion des Ge­spens­ter­for­schers Tori­yama Sekien.) Auch in Hokusais Bild ver­schmilzt das Muster der Schlan­gen­haut Haut mit den Kleiderstoffen, durch die sie hin­durch­kriecht. Ähliche Effekte, in denen das Gewand einer Frau in ein Schlangenmuster übergeht, sind auf fast allen Dar­stel­lungen von Schlan­gen­geistern aus der Edo-Zeit zu finden (s. Abb. u. re.).

Hokusais Bild trägt den Titel „Obses­sion“ (shūnen), denn Schlangen gelten nach einem ver­brei­teten Glauben als Sinn­bild der Eifer­sucht oder der ob­ses­siven Umkehr von Liebe in Hass. Seit dem Alter­tum herr­schte in Japan die Auf­fas­sung, dass ins­be­son­dere eifer­süch­tige Frauen, die aus ent­täusch­ter Liebe ster­ben, als Schlan­gen wie­der­ge­boren werden würden.

Auf Hokusais Bild ist zwar kein Mann zu sehen, wohl aber das To­ten­tä­fel­chen (ihai (ihai 位牌Ahnentäfelchen …mehr ⇒)) eines Mannes. Auch die Schale mit Duft­wasser gehört zu den Toten­riten am bud­dhis­tischen Haus­altar (butsudan (butsudan 仏壇buddh. Hausaltar …mehr ⇒)). Es ist also jemand gestor­ben. Das Blatt, das wie ab­sichts­los in der Duft­wasser­schale schwimmt, könnte ein Mit­bring­sel der Schlange sein, die dem Toten einen Besuch ab­stattet. Viel­leicht waren auch die Ge­wänder, durch die sie sich windet, in einer früheren Existenz ihre eigenen. In diesem Fall mag es gut sein, dass die Schlange der eifer­süch­tige Rache­geist einer an gebro­che­nem Herzen ver­stor­benen Ehefrau ist, die ihren un­treuen Mann nun ihrer­seits in den Tod getrie­ben hat.

Kiyohime
Hokusais Schlangenbild erinnerte Zeitgenossen sicher auch an die Legende der Kiyohime (Kiyohime 清姫Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht ), die u.a. auch von Kuni­yoshi illus­triert wurde (Abb. re.): Kiyo­hime hat ein Ver­hältnis mit einem jungen Pilger­mönch. Als dieser sich seiner reli­giösen Gelübde be­sinnt und sie ver­las­sen will, ver­folgt sie ihn und ver­wan­delt sich dabei, ge­trieben von ihrer Eifer­sucht, in eine Schlange. Schluss­end­lich ver­steckt sich der Mönch unter einer Tempel­glocke, doch die Schlange windet sich um die Glocke und ent­wickelt eine der­artige Hitze, dass der Mönch darin zu Tode kommt.

Die Legende stammt aus dem japani­schen Altertum und findet sich unter anderem in den „Ge­schich­ten aus alter und neuer Zeit“ (Konjaku monogatari (Konjaku monogatari 今昔物語„Geschichten aus alter und neuer Zeit“ (12. Jh.); umfangreiche Sammlung von Geschichten und Anekdoten, meist aus einem buddhistischen Kontext …mehr ⇒)), wurde aber auch im Noh und im Kabuki-Theater auf­gegriffen.

Meiji-Epigonen

Tsukioka Yoshitoshi

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Okiku

Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi; aus der Serie Shinkei sanjūroku kaisen („Neue Sammlung von 36 Geistern“), 1889-92; 23,5 x 36,2 cm
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Der Geist der Okiku wirkt hier im Gegensatz zu andern Totengeistern nicht furchteinflößend, sondern zart und traurig.

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Die Pfingstrosenlaterne (botandōrō)

Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi. Meiji-Zeit; aus der Serie Shinkei sanjūroku kaisen („Neue Sammlung von 36 Geistern“), 1889–92; 23,5 x 36,2 cm
Bildquelle: Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2011/7)

In der hier dargestellten Geschichte geht es um eine verführerische Geisterfrau, die einen verwitweten Samurai in ein erotisches Liebesverhältnis verstrickt. Jede Nacht erscheint sie in Begleitung ihrer Dienerin mit einer Laterne in Form einer Pfingstrose (Päonie, jap. botan). Als der Samurai entdeckt, dass seine Geliebte ein Totengeist ist, beendet er die Beziehung mithilfe religiöser Spezialisten, wird aber rückfällig und endet selbst im Grab. Herkunft und Motivation der Geisterfrau bleiben in dieser Geschichte im Dunkeln. Die Erzählung stammt von Asai Ryōi (1612–1691) und erschien erstmals 1666. Sie basiert auf einer chinesischen Vorlage.

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Kobayakawa Hideaki und der Totengeist des Ōtani Yoshitsugu

Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi, 1868
Bildquelle: Antique Art Morimiya. (Letzter Zugriff: 2011/11/17)

Hideaki (1577–1602) kämpfte in der Schicksalsschlacht von Sekigahara (1600) anfangs gegen Tokugawa Ieyasu, lief aber zu ihm über. Sein Verrat trug entscheidend zum Sieg Ieyasus bei und wurde reich belohnt. Während der Schlacht fiel er seinem ehemaligen Verbündeten Yoshitsugu (1559–1600) in den Rücken. Dieser fiel in der Schlacht. Später soll er Hideaki als Totengeist jede Nacht aufgesucht und so das frühe Ende des letzteren herbeigeführt haben.

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Die Dämonin des Rashō-mon

Blockdruck (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi; aus der Serie Shinkei sanjūroku kaisen („Neue Sammlung von 36 Geistern“), 1889-92; 23,5 x 36,2 cm
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/11/16)

Die Dämonin ist hocherfreut, denn es ist ihr gelungen, ihren abgehackten Arme wieder zu erbeuten. Die komplexe Legende dieser Dämonin, die im Südtor der Stadt Kyoto haust, findet sich bereits in der Heian-zeitlichen Sammlung Konjaku monogatari-shū.

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Kiyohime entsteigt dem Fluss

Blockdruck, nishikie (Papier, Farbe) von Tsukioka Yoshitoshi. 1865
Bild © National Diet Library, Tokyo. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Die Schlangenfrau Kiyohime entsteigt dem Fluss Hidakagawa. Das Motiv findet sich fast identisch in der Serie „36 Geister“ (1889-92), aber die frühere Fassung gefällt mir persönlich besser, vor allem wegen der Haarsträhne, in die sich die von Eifersucht besessene Kiyohime verbeißt.

Okiku / Pfingstrosen-Laterne / Totengeist / Hannya / Kiyohime

Der späte Ukiyoe-Künstler Tsukioka Yoshitoshi (1839–1892) verfasste gegen Ende seines Lebens eine Serie von Geister­bildern, die heute zu seinen be­kann­testen Werken zählt. Während sich viele Ukiyoe Yoshi­toshis durch beson­ders dras­tisch zur Schau ge­stellte „sex-and-crime“ Szenen aus­zeichnen, kon­zen­triert er sich hier auf die Dar­stel­lung ein­zelner Figuren, die oft ruhig und gefasst wirken und meist gar nicht un­mittel­bar als Geister zu erken­nen sind. Kennt man aber den Hinter­grund ihrer Ge­schich­ten, prägen sich Yoshi­toshis Geister um so nach­haltiger ein.

Auch Yoshitoshi illustriert Motive, die schon bei Hokusai und seinen Zeit­genos­sen zu finden sind. Alle vor­der­gründig-ge­spens­tischen Ele­mente fehlen hier aller­dings: Okiku, das Teller­ge­spenst (1.v.li.), steigt ohne Teller aus ihrem Brunnen und erregt Mitleid, nicht Furcht. Die Frau mit der Päo­nien­la­terne wird mit den Augen ihres Lieb­habers be­trach­tet, der nicht er­kennt, dass sie ein Geist ist. Die Ver­wand­lung der Schlan­gen­frau Kiyohime (re.) deutet sich ledig­lich durch die merk­würdige Sil­houette der Figur und durch das Muster des Kimonos an. Das Ver­hält­nis zwi­schen Toten­geist und Krieger (Mitte) scheint auf einer lang er­prob­ten Routine zu beruhen. Einzig die Dämonin des Rashō-mon bringt Bewe­gung in Spiel. Sie hat eben ihren ab­ge­hack­ten Arm wieder erbeu­tet. Aber auch in ihrem Ge­sicht deuten sich die Züge der Hannya-Maske nur schwach an. In diesem neuen Realismus, aber auch auch in der Romantisierung der weiblichen Rachegeister, nimmt Yoshitoshi Entwicklungen des „Neuen Kabuki-Theaters“ der Meiji Zeit vorweg. Unter dem Einfluss west­licher Theater­stoffe ver­suchte man auch hier, die alten Geschichten psycho­logisch einfühl­sam und mit einer roman­tischen Note versehen neu zu erzählen.

Kawanabe Kyōsai

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Totengeist (Yūreizu)

Hängerollbild von Kawanabe Kyosai. 1883
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Bild eines Totengeistes, der dem Bild eines Totengeistes entsteigt.

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Totengeist (Yūrei)

Hängerollbild (Seide, Farbe) von Kawanabe Kyosai (1831–1889). 1870
Bildquelle: Muian. (Letzter Zugriff: 2011/6)

Das Motiv des Rachegeists, der sich in den Haaren eines abgetrennten Kopfes festgebissen hat, findet sich auch im Zusammenhang mit Kohada Koheiji (s. Hokusai). Das Kabukistück Iroiri otogi zoshi erzählt, dass Koheiji schlussendlich seine Frau zu Tode brachte und ihren Kopf mit sich trug. Kyōsai gönnt seinem Totengeist allerdings keinen Triumph: in seiner Besessenheit ist der Geist nicht mehr im Stande zu erkennen, dass er das Ziel seiner Rache bereits erreicht hat.

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Totengeist (Yūrei)

Hängerollbild (Seide, Farbe) von Kawanabe Kyosai (1831–1889). 1871; 106,8 x 37,7 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

In manischer Verzweiflung fasst sich diese weibliche Rachefigur selbst ins Haar, während sie den Kopf ihres Opfers an den Haaren mit sich führt.

Kyōsais rächende Totengeister

Kawanabe Kyōsai (1831–1889), von dem auch das Bild am Seiten­anfang stammt, fertigte meh­rere Por­traits von un­heim­lichen Toten­geistern (yūrei (yūrei 幽霊Totengeist …mehr ⇒)) an, ohne konkret an­zu­geben, auf welche Geschich­ten sich seine Dar­stel­lungen bezogen. Die Motive lassen sich zwar auf Vorlagen aus der Edo-Zeit zurück führen, doch scheint es Kyosai nicht um die Geschichten zu gehen, aus denen sie entstammen. In beinahe psycho­ana­lyti­scher Weise betont er statt dessen die ob­ses­siven psychi­schen Kräfte, die sich in den Toten­geistern ver­körpern.

Von Kaidan zu J-Horror

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Geist der Samara (Sadako)

Filmszene; aus The Ring, 2002

Adaptierte amerikanische Fassung des Films Ringu von Nakata Hideo, 1998. Dieser wiederum orientiert sich an der Gestalt der Okiku, die in den Brunnen geworfen wurde.

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Geist der Kayako

Filmszene von Shimizu Takashi; aus The Grudge, 2003

Totengeist der Kayako, dargestellt von Fuji Takako. Die Handlung enthält gewisse Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Oiwa, von deren Edo-zeitlicher Darstellung auch die Betonung des einen hervorquellenden Auges inspiriert sein dürfte.

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Kaidan

Film (Plakat) von Nakata Hideo. 2007
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Onibaba

Film von Shindō Kaneto. 1965
Bild © Cinema Strikes Back. (Letzter Zugriff: 2011/11/18)

Die Titelheldin Onibaba (die dämonische Alte) mit einer Hannya-Maske, von der sie sich nicht mehr befreien kann.

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Kuchisake

Film von Hashiguchi Takaaki. 2007

Kuchisake onna (die Frau mit dem Schlitzmund), eine moderne Version der Hannya.

Ring / Juon / Kaidan / Onibaba / Kuchisake [3]

Die Edo-Zeit gilt allgemein als eine Blütezeit des Horror­genres, sowohl auf liter­ari­schem als auch auf bild­neri­schem Gebiet. Beson­ders im neun­zehnten Jahr­hundert scheint die Be­geiste­rung für das Über­sinn­liche einen Höhe­punkt erfahren zu haben. Wie die obigen Ab­bil­dungen zeigen, haben viele der heute noch be­kannten Gespenster­geschich­ten (kaidan (kaidan 怪談Gespenstergeschichte …mehr ⇒)) ihre Wurzeln in dieser Zeit. Neben den tradi­tio­nellen Fabel­wesen (yōkai (yōkai 妖怪Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster …mehr ⇒)) spielten auch Toten­geister (yūrei) eine immer größere Rolle. Geister­ge­schich­ten und -dar­stel­lungen erfreuten sich in der aus­gehen­den Edo-Zeit unter anderem deshalb großer Be­liebt­heit, weil eine zu­neh­mend strengere Zensur fast alle anderen gegen­warts­bezo­genen Themen unter­sagte. Die Welt des Über­sinn­lichen — ob sie nun für real gehalten wurde oder nicht — galt jedoch als poli­tisch un­ver­dächtig und wurde daher zu­nehmend als Projek­tions­fläche für die Dar­stel­lung aller mög­lichen ge­sell­schaft­lichen Miss­stände heran­gezogen. In der Meiji (Meiji 明治posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …mehr ⇒)-Zeit, als die Welt der Geister und Fabel­wesen einen beinahe schon nostal­gischen Touch erhielt, verhalfen Kawa­nabe Kyōsai oder Tsukioka Yoshi­toshi dem morbiden Grauen der Edo-Zeit zu einer letzten Blüte. Viele Motive aus dieser Zeit lassen sich aber nach wie vor in japa­ni­schen Hor­ror­filmen und Manga wieder­finden.

Anmerkungen

  1. Der Gruseleffekt wurde dadurch gesteigert, dass nach jeder Geschichte eine Lampe gelöscht wurde, bis die ganze Gesellschaft im Dunkeln saß. Man munkelte, dass dann tatsächlich ein Geist erscheinen würde.
  2. Die Geschichte beruht auf einer historischen Begebenheit, wobei der Dorfvorsteher in Wirklichkeit Kiura Sōgorō hieß und 1653 hingerichtet worden sein soll. Abgesehen von der Darstellung als Rachegeist, erfreut sich auch eine zu Herzen gehende Szene, in der Tōgo/Sōgorō Abschied von seiner Familie nimmt, um in den sicheren Tod zu ziehen, großer Beliebtheit im ukiyoe-Genre. Die verschiedenen Namen der Figur waren wohl ein Mittel, der Zensur zu entgehen, da der Fall natürlich ein hohes aufrührerisches Potential besaß.
  3. Den Hinweis auf die vielen Über­ein­stim­mungen zwischen Edo-zeit­lichen Grusel­ge­schich­ten und dem modernen J-Horror verdanke ich einer Semi­nar­ar­beit von Sarah-Allegra Schön­berger, Studen­tin der Japa­no­logie an der Uni­ver­sität Wien (Som­mer­semes­ter 2009). Die Litera­tur­an­gaben dieser Seite ent­stam­men eben­falls ihrer Arbeit.
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