Höllen und Hungergeister

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Bernhard Scheid, „Höllen und Hungergeister.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.1.2013). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Hoellen?oldid=33024

Konkrete Höllenbilder kennt man in Japan erst ab der späten Heian (Heian 平安alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit. Sie ent­wickel­ten sich be­zeich­nen­der­weise Hand in Hand mit den Paradiesvorstellungen des Reinen Landes. Der Tendai (Tendai-shū 天台宗Tendai Schule, chin. Tiantai …mehr ⇒) Mönch Genshin (Genshin 源信Tendai-Mönch (942–1017); Autor des → Ōjō yōshū; Wegbereiter der → Jōdo-shū …mehr ⇒) (942–1017), ein Vor­rei­ter der Jōdo-shū (Jōdo-shū 浄土宗Schule des → Amida-Buddhismus …mehr ⇒), gilt als einer der wich­tig­sten Popu­lari­sie­rer dieser Jen­seits­bil­der, die ihrer­seits auf dem Schema der Sechs Bereiche der Wiedergeburt beruhen.

Diese Jenseitsdarstellungen lassen wenig Zweifel, dass die meisten Ver­stor­be­nen, die nicht zur Er­leuch­tung fanden bzw. in Amidas (Amida 阿弥陀Buddha Amitabha …mehr ⇒) Reines Land erret­tet wurden, mit schreck­li­chen Tor­tu­ren zu rech­nen hat­ten. Oft werden sie schon wäh­rend der Befra­gung vor dem Ge­richts­hof Enmas (Enma 閻魔skt. Yama, König oder Richter der Unterwelt …mehr ⇒) ge­fol­tert, um schließ­lich in einer der Höllen zu landen, wo sie von ge­hörn­ten Dämo­nen auf jede er­denk­liche Weise gequält werden.

kumano_sankei_mandara.jpg

Kumano kanshin jikkai mandara

Hängerollbild. Edo-Zeit, 17. Jh.

Im oberen Teil eine Lebenstreppe, die das menschliche Leben von der Geburt bis zum Tod darstellt. Darunter Amidas Reines Land, der Gerichtshof Enmas, und schließlich, in der unteren Bildhälfte, die Hölle.

Höllenszenen (Detail) aus einem Kumano Mandala (Kumano kanshin jikkai mandara)
Rollbild, Edo-Zeit, 17. Jh.

Die Abbildung oben ist eine der bekanntesten Darstellungen der Sechs Be­reiche der Wie­der­ge­burt (rokudō (rokudō 六道wtl. die Sechs Wege = Bereiche der Wiedergeburt …mehr ⇒)). Hier sind die nega­ti­ven Be­reiche auf der unte­ren Bild­hälfte zu sehen. Rechts oben die Welt der Krie­ger­geis­ter (ashura (ashura 阿修羅kämpfende Geister, eine von sechs Formen der Wiedergeburt; skt. asura …mehr ⇒)), da­run­ter die Be­reiche der Hölle (jigoku (jigoku 地獄wtl. „[unter]irdischer Kerker“, buddhistische Hölle …mehr ⇒)) und die Welt der Tiere. Ähnlich wie etwa auf den Bil­dern des Hiero­ny­mus Bosch gibt es auch hier spe­zielle Höllen­be­reiche für spe­zielle Sünden. Für laster­hafte Männer gibt es einen Dor­nen­baum, auf dem eine schöne Frau sitzt (rech­tes unte­res Vier­tel). Wer zu ihr hin­auf­klet­tern will, wird auf den Dornen auf­ge­spießt. Da­run­ter be­fin­det sich der Blut­see (chi no ike (chi no ike 血の池Blutsee …mehr ⇒)), in dem Frauen herum trei­ben. Diese Strafe steht expli­zit mit der durch Menstrua­tion ver­ur­sach­ten „Verun­rei­ni­gung“ in Zu­sam­men­hang. Andere Sünder werden zwischen Felsen zer­malmt, mit glü­hen­den Zangen trak­tiert, von wilden Tieren und Monstern an­ge­fal­len und in großen Kes­seln gegart.

Die einzige Hoffnung in all diesen Schrecken der Hölle ist Bodhisattva (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.)„Erleuchtetes Wesen“ …mehr ⇒) Jizō (Jizō 地蔵populäre Bodhisattva Figur; skr. Kshitigarbha, wtl. „Schatzhaus oder Mutterleib der Erde“ …mehr ⇒), der selbst hier die Gebete der reuigen Sünder erhört und ihnen Ret­tung zu­teil werden lässt. Man erkennt ihn links oben in der Vor­hölle der Kinder (Sai no kawara (Sai no kawara 賽の河原Ufer des Flusses der Unterwelt …mehr ⇒)), denn zu Kin­dern hat er ein be­son­deres Nahe­ver­hält­nis (s. Jizō im Kapitel „Ikono­graphie“).

Ein interessantes Detail am Rande: Die Bereiche der Totenwelt in der obigen Ab­bil­dung sind mit torii (torii 鳥居Torii, Schreintor …mehr ⇒) mar­kiert, wie sie heute nur vor Shinto Schrei­nen zu finden sind.

O-bon und die Hungergeister

Gebete und Rituale können dazu beitragen, Verstorbene von den Höllenqua­len zu befreien. In der Tat wurde und wird ein be­deu­ten­der Teil buddhis­tischer Zeremo­nien zu diesem Zweck ab­ge­hal­ten. Bei­spiel­haft ist die Geschichte des Mönchs Mokuren (Mokuren 目連Schüler des Buddha; skt. Maudgalyana; errettet seine Mutter aus der Hölle …mehr ⇒), (skt. Maudgalyayana (मौद्गल्यायनMaudgalyāyana (skt., m.)Schüler des Buddha; errettet seine Mutter aus der Hölle …mehr ⇒) ), ein Schü­ler des Buddha (बुद्धBuddha (skt., m.)„Der Erleuchtete“ …mehr ⇒) , der durch seine Exer­zi­tien und Ge­bete die Ret­tung seiner Mutter aus der Hölle er­wirkte. Später wurde die Legende der­ge­stalt aus­ge­baut, dass Moku­ren per­sön­lich auf der Suche nach seiner Mutter die Hölle durch­querte. Auch auf dem obigen mandala (मण्डलmaṇḍala (skt., n.)„Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung …mehr ⇒) ist Mokuren ab­ge­bil­det: unter­halb des torii in der linken obe­ren Bild­hälfte.

Diese Legende bildet den Ursprung des Bon Fests, das heute zu Ehren der Ahnen Mitte August ge­feiert wird. Bon ist die Abkür­zung von Urabon (Urabon 盂蘭盆Ursprünglicher Name des →Bon-Fests …mehr ⇒), ab­ge­lei­tet von skt. ullambana (उल्लम्बनullambana (skt., adj.)„Herab hän­gend“, Name eines (apokryphen) Sutras …mehr ⇒) , was „herab hän­gen“ bedeu­tet. Dieser Begriff soll auf die Tor­tu­ren der Hölle bezo­gen sein. Seinem ur­sprüng­li­chen Sinn nach ist O-bon also eine re­ligiöse Zere­monie, um die Ahnen von den Qualen der Hölle, bzw. aus einem der niede­ren Be­reiche der Wieder­ge­burt zu befreien.

Gaki.gif

In China und Taiwan, wo das Urabon (Chin. yulanpen) Fest ursprünglich entstand, ist es auch als Fest der Hungri­gen Geis­ter be­kannt (nach einer Version wurde Mokurens Mutter näm­lich zu einem Hunger­geist). Auch in Japan brachte man in frühe­rer Zeit zum Bon-Fest Nah­rungs­opfer für die Hun­ger­geis­ter (gaki (gaki 餓鬼Hungergeist; skt. preta …mehr ⇒)) dar. Die Vor­stel­lung der Hun­ger­geis­ter wurde offen­bar zu­sam­men mit der Hölle Ende der Heian-Zeit popu­lär. Illus­trierte Bild­rol­len (Gaki zōshi (Gaki zōshi 餓鬼草紙Illustierte Querbildrollen der Hungergeister …mehr ⇒)) erläu­tern, was man sich unter Hun­ger­geis­tern vor­zu­stel­len hat. Diese spin­del­dür­ren Wesen mit den auf­ge­quol­le­nen Bäu­chen sind zugleich Mit­leid und Ekel erre­gend. Sie ernäh­ren sich von Kot, Urin und Lei­chen­teilen, sind aber bestän­dig hungrig und durs­tig, und werden außerdem von ande­ren Geis­tern drang­sa­liert. Sie ver­kör­pern die Exis­tenz­form, in die man hin­ein­gebo­ren wird, wenn man gierig war. Dass man gerade diesen Geistern ein be­son­de­res Fest be­rei­tete, hängt viel­leicht damit zu­sam­men, dass Gier eine so uni­ver­selle mensch­liche Eigen­schaft ist. Dem­nach kann es leicht sein, dass man selbst einmal als Hun­ger­geist wie­der­gebo­ren wird. Ande­rer­seits wirken die Dar­stel­lun­gen der gaki so, als würden diese die Un­rein­heit per­soni­fi­zieren. In den Zere­mo­nien für das See­len­heil der gaki könnte also auch das Motiv mit­schwin­gen, sich selbst von Unrein­heit zu befreien, indem man die gaki zum Ver­schwin­den bringt.

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