Höllen und Hungergeister

Religion-in-Japan > Mythen > Hoellen
(Weitergeleitet von Mythen:Höllen)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite zitieren:
Bernhard Scheid, „Höllen und Hungergeister.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 21.8.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Hoellen?oldid=37481

Höllenbilder existierten in Japan wohl schon im frühen Buddhismus, konkret ausgestaltet wurden sie aber erst ab der späten Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr… -Zeit. Sie ent­wickel­ten sich be­zeich­nen­der­weise Hand in Hand mit den Paradiesvorstellungen des Reinen Landes. Der Tendai Tendai-shū 天台宗 Tendai Schule, chin. Tiantaisiehe auch Dainichi → Bekannte Tempel→ Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bekannte Schreine/Nikko→ Yamabushi→ Shaka → mehr… Mönch Genshin Genshin 源信 Tendai-Mönch (942–1017); Autor des → Ōjō yōshū; Wegbereiter der → Jōdo-shūsiehe auch Höllen → Hoellen/Hoellenbilder→ Heian Zeit (942–1017), ein Vor­rei­ter der Jōdo-shū Jōdo-shū 浄土宗 Schule des → Amida-Buddhismussiehe auch Amidismus → Stereotype→ Tempel/Tempeltore→ Jahr→ Heian Zeit , gilt als einer der wich­tig­sten Popu­lari­sie­rer dieser Jen­seits­bil­der, die ihrer­seits auf dem Schema der Sechs Bereiche der Wiedergeburt beruhen.

Diese Jenseitsdarstellungen lassen wenig Zweifel, dass die meisten Ver­stor­be­nen, die nicht zur Er­leuch­tung fanden bzw. in Amidas Amida 阿弥陀 Buddha Amitabhasiehe auch Amida → Ikonographie→ Bekannte Schreine/Nikko→ Mandala→ Jahr→ Mudra → mehr… Reines Land erret­tet wurden, mit schreck­li­chen Tor­tu­ren zu rech­nen hat­ten. Oft werden sie schon wäh­rend der Befra­gung vor dem Ge­richts­hof Enmas Enma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochensiehe auch Enma → Ikonographie→ Jizo→ Myoo→ Waechtergoetter→ Jenseits → mehr… ge­fol­tert, um schließ­lich in einer der Höllen zu landen, wo sie von ge­hörn­ten Dämo­nen auf jede er­denk­liche Weise gequält werden.

Jigoku_rokudoe.jpg

Höllenszenen

Hängerollbild (Papier, Farbe). Späte Edo-Zeit, 19. Jh.; 152,5 x 67,3 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2014/7)

Nach einer Vorlage aus dem 13. Jahrhundert. Verschiedene Bereiche der Hölle, in denen tierartige Folterknechte die Seelen der Toten mit allen erdenklichen Foltern und Torturen drangsalieren.

Höllenszenen, Edo-Zeit

Ähnlich wie etwa auf den Bil­dern des Hiero­ny­mus Bosch gibt es auch im Buddhismus spe­zielle Höllen­be­reiche für spe­zielle Sünden. Für laster­hafte Männer gibt es einen Dor­nen­baum, auf dem eine schöne Frau sitzt (rech­tes unte­res Vier­tel). Wer zu ihr hin­auf­klet­tern will, wird auf den Dornen auf­ge­spießt. Da­run­ter be­fin­det sich der Blut­see (chi no ike chi no ike 血の池 Blutseesiehe auch Höllen → Hoellen/Hoellenbilder ), in dem Frauen herum trei­ben. Diese Strafe steht expli­zit mit der durch Menstrua­tion ver­ur­sach­ten „Verun­rei­ni­gung“ in Zu­sam­men­hang. Andere Sünder werden zwischen Felsen zer­malmt, mit glü­hen­den Zangen trak­tiert, von wilden Tieren und Monstern an­ge­fal­len und in großen Kes­seln gegart.

O-bon und die Hungergeister

Gebete und Rituale können dazu beitragen, Verstorbene von den Höllenqua­len zu befreien. In der Tat wurde und wird ein be­deu­ten­der Teil buddhis­tischer Zeremo­nien zu diesem Zweck ab­ge­hal­ten. Bei­spiel­haft ist die Geschichte des Mönchs Mokuren Mokuren 目連 Schüler des Buddha; skt. Maudgalyana; errettet seine Mutter aus der Höllesiehe auch Höllen → Shaka/Buddhas Leben→ Hoellen/Hungergeister→ Heilige , (skt. Maudgalyayana मौद्गल्यायन Maudgalyāyana (skt., m.) Schüler des Buddha; errettet seine Mutter aus der Hölle; jap. Mokuren 目連siehe auch →  Buddhas Leben → Tempel/Stupa ), ein Schü­ler des Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Tempel→ Ikonographie → mehr… , der durch seine Exer­zi­tien und Ge­bete die Ret­tung seiner Mutter aus der Hölle er­wirkte. Später wurde die Legende der­ge­stalt aus­ge­baut, dass Moku­ren per­sön­lich auf der Suche nach seiner Mutter die Hölle durch­querte. Auch auf dem obigen mandala मण्डल maṇḍala (skt., n.) „Kreis“, schematische Dar­stel­lung der kosmischen Ordnung; jap. mandara 曼荼羅siehe auch →  Mandala → Dainichi→ Shinto-Goetter→ Mandala/Ryogai Mandara→ Myoo/Vajrapani→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala → mehr… ist Mokuren ab­ge­bil­det: unter­halb des torii in der linken obe­ren Bild­hälfte.

Diese Legende bildet den Ursprung des Bon Fests, das heute zu Ehren der Ahnen Mitte August ge­feiert wird. Bon ist die Abkür­zung von Urabon Urabon 盂蘭盆 Ursprünglicher Name des →Bon-Festssiehe auch Höllen → Hoellen/Hungergeister , ab­ge­lei­tet von skt. ullambana उल्लम्बन ullambana (skt., adj.) „Herab hän­gend“, Name eines (apokryphen) Sutras; jap. urabon 盂蘭盆, was „herab hän­gen“ bedeu­tet. Dieser Begriff soll auf die Tor­tu­ren der Hölle bezo­gen sein. Seinem ur­sprüng­li­chen Sinn nach ist O-bon also eine re­ligiöse Zere­monie, um die Ahnen von den Qualen der Hölle, bzw. aus einem der niede­ren Be­reiche der Wieder­ge­burt zu befreien.

Gaki.gif

In China und Taiwan, wo das Urabon (Chin. yulanpen) Fest ursprünglich entstand, ist es auch als Fest der Hungri­gen Geis­ter be­kannt (nach einer Version wurde Mokurens Mutter näm­lich zu einem Hunger­geist). Auch in Japan brachte man in frühe­rer Zeit zum Bon-Fest Nah­rungs­opfer für die Hun­ger­geis­ter (gaki gaki 餓鬼 Hungergeist; skt. pretasiehe auch Hungergeister → Jenseits→ Hoellen/Hungergeister→ Jenseits/Enma ) dar. Die Vor­stel­lung der Hun­ger­geis­ter wurde offen­bar zu­sam­men mit der Hölle Ende der Heian-Zeit popu­lär. Illus­trierte Bild­rol­len (Gaki zōshi Gaki zōshi 餓鬼草紙 Illustierte Querbildrollen der Hungergeistersiehe auch Hungergeister → Hoellen/Hoellenbilder→ Hoellen/Hungergeister ) erläu­tern, was man sich unter Hun­ger­geis­tern vor­zu­stel­len hat. Diese spin­del­dür­ren Wesen mit den auf­ge­quol­le­nen Bäu­chen sind zugleich Mit­leid und Ekel erre­gend. Sie ernäh­ren sich von Kot, Urin und Lei­chen­teilen, sind aber bestän­dig hungrig und durs­tig, und werden außerdem von ande­ren Geis­tern drang­sa­liert. Sie ver­kör­pern die Exis­tenz­form, in die man hin­ein­gebo­ren wird, wenn man gierig war. Dass man gerade diesen Geistern ein be­son­de­res Fest be­rei­tete, hängt viel­leicht damit zu­sam­men, dass Gier eine so uni­ver­selle mensch­liche Eigen­schaft ist. Dem­nach kann es leicht sein, dass man selbst einmal als Hun­ger­geist wie­der­gebo­ren wird. Ande­rer­seits wirken die Dar­stel­lun­gen der gaki so, als würden diese die Un­rein­heit per­soni­fi­zieren. In den Zere­mo­nien für das See­len­heil der gaki könnte also auch das Motiv mit­schwin­gen, sich selbst von Unrein­heit zu befreien, indem man die gaki zum Ver­schwin­den bringt.

Weiter zu Mythen: Geister
Ikonographie
Schriften