Höllen und Hungergeister
Jigoku zōshi
- Querbildrolle (Seide, Farbe), Detail. Späte Heian-Zeit, 12. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des Tokyo National Museums; 26,9 x 249,3 cm
Bild © e-museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Blutteich.
Konkrete Höllenbilder kennt man in Japan erst ab der späten Heian (Heian 平安 — alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …mehr ⇒)-Zeit. Sie entwickelten sich bezeichnenderweise Hand in Hand mit den Paradiesvorstellungen des Reinen Landes. Der Tendai (Tendai-shū 天台宗 — Tendai Schule, chin. Tiantai …mehr ⇒) Mönch Genshin (Genshin 源信 — Tendai-Mönch (942–1017); Autor des → Ōjō yōshū; Wegbereiter der → Jōdo-shū …mehr ⇒) (942–1017), ein Vorreiter der Jōdo-shū (Jōdo-shū 浄土宗 — Schule des → Amida-Buddhismus …mehr ⇒), gilt als einer der wichtigsten Popularisierer dieser Jenseitsbilder, die ihrerseits auf dem Schema der Sechs Bereiche der Wiedergeburt beruhen.
Diese Jenseitsdarstellungen lassen wenig Zweifel, dass die meisten Verstorbenen, die nicht zur Erleuchtung fanden bzw. in Amidas (Amida 阿弥陀 — Buddha Amitabha …mehr ⇒) Reines Land errettet wurden, mit schrecklichen Torturen zu rechnen hatten. Oft werden sie schon während der Befragung vor dem Gerichtshof Enmas (Enma 閻魔 — skt. Yama, König oder Richter der Unterwelt …mehr ⇒) gefoltert, um schließlich in einer der Höllen zu landen, wo sie von gehörnten Dämonen auf jede erdenkliche Weise gequält werden.
Kumano kanshin jikkai mandara
- Hängerollbild. Edo-Zeit, 17. Jh.
Im oberen Teil eine Lebenstreppe, die das menschliche Leben von der Geburt bis zum Tod darstellt. Darunter Amidas Reines Land, der Gerichtshof Enmas, und schließlich, in der unteren Bildhälfte, die Hölle.
Rollbild, Edo-Zeit, 17. Jh.
Die Abbildung oben ist eine der bekanntesten Darstellungen der Sechs Bereiche der Wiedergeburt (rokudō (rokudō 六道 — wtl. die Sechs Wege = Bereiche der Wiedergeburt …mehr ⇒)). Hier sind die negativen Bereiche auf der unteren Bildhälfte zu sehen. Rechts oben die Welt der Kriegergeister (ashura (ashura 阿修羅 — kämpfende Geister, eine von sechs Formen der Wiedergeburt; skt. asura …mehr ⇒)), darunter die Bereiche der Hölle (jigoku (jigoku 地獄 — wtl. „[unter]irdischer Kerker“, buddhistische Hölle …mehr ⇒)) und die Welt der Tiere. Ähnlich wie etwa auf den Bildern des Hieronymus Bosch gibt es auch hier spezielle Höllenbereiche für spezielle Sünden. Für lasterhafte Männer gibt es einen Dornenbaum, auf dem eine schöne Frau sitzt (rechtes unteres Viertel). Wer zu ihr hinaufklettern will, wird auf den Dornen aufgespießt. Darunter befindet sich der Blutsee (chi no ike (chi no ike 血の池 — Blutsee …mehr ⇒)), in dem Frauen herum treiben. Diese Strafe steht explizit mit der durch Menstruation verursachten „Verunreinigung“ in Zusammenhang. Andere Sünder werden zwischen Felsen zermalmt, mit glühenden Zangen traktiert, von wilden Tieren und Monstern angefallen und in großen Kesseln gegart.
Szenen auf dem Gelände des „Angstbergs“
Ein Abbild der Unterwelt, wo vermummte Figuren von Jizō Bosatsu zu unheimlichen Gespenstern zu werden scheinen.
Die einzige Hoffnung in all diesen Schrecken der Hölle ist Bodhisattva (बोधिसत्त्वBodhisattva (skt., m.) — „Erleuchtetes Wesen“ …mehr ⇒) Jizō (Jizō 地蔵 — populäre Bodhisattva Figur; skr. Kshitigarbha, wtl. „Schatzhaus oder Mutterleib der Erde“ …mehr ⇒), der selbst hier die Gebete der reuigen Sünder erhört und ihnen Rettung zuteil werden lässt. Man erkennt ihn links oben in der Vorhölle der Kinder (Sai no kawara (Sai no kawara 賽の河原 — Ufer des Flusses der Unterwelt …mehr ⇒)), denn zu Kindern hat er ein besonderes Naheverhältnis (s. Jizō im Kapitel „Ikonographie“).
Ein interessantes Detail am Rande: Die Bereiche der Totenwelt in der obigen Abbildung sind mit torii (torii 鳥居 — Torii, Schreintor …mehr ⇒) markiert, wie sie heute nur vor Shinto Schreinen zu finden sind.
O-bon und die Hungergeister
Bildrolle der Hungergeister (Gaki zōshi)
- Querbildrolle (Papier, Farbe), Detail. 12.-13. Jh.; „Nationalschatz“; 26,9 x 380,2 cm
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)
Hungergeister warten geduldig, bis die Menschen ihre Notdurft verrichtet haben, um sich selbst daran zu laben.
Gebete und Rituale können dazu beitragen, Verstorbene von den Höllenqualen zu befreien. In der Tat wurde und wird ein bedeutender Teil buddhistischer Zeremonien zu diesem Zweck abgehalten. Beispielhaft ist die Geschichte des Mönchs Mokuren (Mokuren 目連 — Schüler des Buddha; skt. Maudgalyana; errettet seine Mutter aus der Hölle …mehr ⇒), (skt. Maudgalyayana (मौद्गल्यायनMaudgalyāyana (skt., m.) — Schüler des Buddha; errettet seine Mutter aus der Hölle …mehr ⇒) ), ein Schüler des Buddha (बुद्धBuddha (skt., m.) — „Der Erleuchtete“ …mehr ⇒) , der durch seine Exerzitien und Gebete die Rettung seiner Mutter aus der Hölle erwirkte. Später wurde die Legende dergestalt ausgebaut, dass Mokuren persönlich auf der Suche nach seiner Mutter die Hölle durchquerte. Auch auf dem obigen mandala (मण्डलmaṇḍala (skt., n.) — „Kreis“, schematische Darstellung der kosmischen Ordnung …mehr ⇒) ist Mokuren abgebildet: unterhalb des torii in der linken oberen Bildhälfte.
Diese Legende bildet den Ursprung des Bon Fests, das heute zu Ehren der Ahnen Mitte August gefeiert wird. Bon ist die Abkürzung von Urabon (Urabon 盂蘭盆 — Ursprünglicher Name des →Bon-Fests …mehr ⇒), abgeleitet von skt. ullambana (उल्लम्बनullambana (skt., adj.) — „Herab hängend“, Name eines (apokryphen) Sutras …mehr ⇒) , was „herab hängen“ bedeutet. Dieser Begriff soll auf die Torturen der Hölle bezogen sein. Seinem ursprünglichen Sinn nach ist O-bon also eine religiöse Zeremonie, um die Ahnen von den Qualen der Hölle, bzw. aus einem der niederen Bereiche der Wiedergeburt zu befreien.
In China und Taiwan, wo das Urabon (Chin. yulanpen) Fest ursprünglich entstand, ist es auch als Fest der Hungrigen Geister bekannt (nach einer Version wurde Mokurens Mutter nämlich zu einem Hungergeist). Auch in Japan brachte man in früherer Zeit zum Bon-Fest Nahrungsopfer für die Hungergeister (gaki (gaki 餓鬼 — Hungergeist; skt. preta …mehr ⇒)) dar. Die Vorstellung der Hungergeister wurde offenbar zusammen mit der Hölle Ende der Heian-Zeit populär. Illustrierte Bildrollen (Gaki zōshi (Gaki zōshi 餓鬼草紙 — Illustierte Querbildrollen der Hungergeister …mehr ⇒)) erläutern, was man sich unter Hungergeistern vorzustellen hat. Diese spindeldürren Wesen mit den aufgequollenen Bäuchen sind zugleich Mitleid und Ekel erregend. Sie ernähren sich von Kot, Urin und Leichenteilen, sind aber beständig hungrig und durstig, und werden außerdem von anderen Geistern drangsaliert. Sie verkörpern die Existenzform, in die man hineingeboren wird, wenn man gierig war. Dass man gerade diesen Geistern ein besonderes Fest bereitete, hängt vielleicht damit zusammen, dass Gier eine so universelle menschliche Eigenschaft ist. Demnach kann es leicht sein, dass man selbst einmal als Hungergeist wiedergeboren wird. Andererseits wirken die Darstellungen der gaki so, als würden diese die Unreinheit personifizieren. In den Zeremonien für das Seelenheil der gaki könnte also auch das Motiv mitschwingen, sich selbst von Unreinheit zu befreien, indem man die gaki zum Verschwinden bringt.
Links
- Gaki zōshi, National Institutes for Cultural Heritage
Mehrsprachig dokumentierte Präsentation einer Bildrolle zum Thema Hungergeister. Teil der Bild-Datenbank von „nationalen Kulturschätzen“ E-kokuhō. - Nihon zenkoku Sai-no-kawara meguri (jap.)
Verschiedene Sai-no-kawara Kultstätten in ganz Japan.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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