Gaki zōshi, Bildrollen der Hungergeister

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Bernhard Scheid, „Gaki zōshi, Bildrollen der Hungergeister.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.1.2013). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Hoellen/Hungergeister?oldid=33035

Der Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Shaka/Buddhas Leben→ Jenseits → mehr… Theorie zufolge ist das Dasein als Hungergeist (skt. preta प्रेत preta (skt., m.) „Hungergeist“; jap. gaki 餓鬼siehe auch →  Hungergeister → Jenseits/Enma , jap. gaki gaki 餓鬼 Hungergeist; skt. pretasiehe auch Hungergeister → Jenseits→ Hoellen→ Jenseits/Enma ) die Folge über­mäßiger Gier in einer früheren Existenz. Unter den Sechs Bereichen der Wieder­geburt (rokudō rokudō 六道 wtl. die Sechs Wege = Bereiche der Wiedergeburtsiehe auch Jenseits → Kannon/Bato Kannon→ Heian Zeit→ Jenseits/Enma→ Jenseits/Totenreich ) erfreuen sich die Hunger­geister ver­hält­nis­mäßig großer Auf­merk­sam­keit in Japan. Besonders gegen Ende der Heian Heian 平安 alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Ikonographie→ Opfergaben→ Kannon→ Bekannte Schreine→ Bekannte Schreine/Fushimi → mehr… -Zeit (11.–12. Jh.) scheint das Interesse am Jenseits und an den Hungergeistern — zu­mindest in der höfischen Gesell­schaft — groß ge­wesen zu sein. Davon zeugen illustrierte Bildrollen (Gaki zōshi Gaki zōshi 餓鬼草紙 Illustierte Querbildrollen der Hungergeistersiehe auch Hungergeister → Hoellen→ Hoellen/Hoellenbilder ), die von Tenno Go-Shirakawa Go-Shirakawa Tennō 後白河天皇 77. Kaiser Japans, 1127–1192, r. 1155–1158siehe auch Höllenbilder → Hoellen/Hoellenbilder per­sön­lich in Auftrag gegeben worden sein sollen. Sie offen­baren nicht nur eine fast liebe­volle Detailtreue bei der Darstellung der Hunger­geister, sondern gewähren auch einen un­ge­wöhn­lich lebendigen Einblick in das damalige Leben. Darüber hinaus sind die Geister mit physio­logischen Merk­malen — einem aufgeblähten Bauch — ausgestattet, die tatsächlich bei Hungernden auftreten. Die Darstel­lungen, und die Bedeutung der Hunger­geister insgesamt, scheinen somit auch eine Reaktion auf die Ende der Heian Zeit besonders häufigen Hungers­nöte gewesen zu sein.

Trank- und Speiseopfer

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Geschichten über die Hungergeister (Gaki zōshi)

Querbildrolle (Papier, Farbe), Detail. 12. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des Kyoto National Museums; 27,1 x 552,3 cm
Bild © e-kokuhō. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Ausspeisung der Hungergeister durch buddhistische Mönche.

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Ausspeisung der Hungergeister durch buddhistische Mönche. Die Mönche folgen dabei dem Beispiel des Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Tempel→ Ikonographie → mehr… -Schülers Ananda आनन्द Ānanda (skt., m.) „Freude“, Schüler des Buddha; jap. Anan 阿難siehe auch →  Buddhas Leben , der die Hunger­geister auf diese Weise von ihrer leid­vollen Existenz­form erlöste. Durch die Erlösung eines Hunger­geists, kann man auch für sich selbst gutes Karma erwirken.

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Geschichten über die Hungergeister (Gaki zōshi)

Querbildrolle (Papier, Farbe), Detail. 12. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des Kyoto National Museums; 27,1 x 552,3 cm
Bild © e-kokuhō. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Trankopfer für die Hungergeister beim Bon-Fest.

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Das Urabon Urabon 盂蘭盆 Ursprünglicher Name des →Bon-Festssiehe auch Höllen → Hoellen -Fest in der späten Heian-Zeit: Einige Menschen beten am Friedhof (zu sehen ist links ein Grab-Stupa) und opfern den gaki Wasser, das diese gierig auflecken. Während­dessen halten andere eine fröhliche Feier ab.

Die obigen Abbildungen entstammen einer Gaki zōshi Bildrolle, die heute dem National­museum Kyoto gehört. Sie befand sich möglicher­weise ur­sprüng­lich im Besitz von Kaiser Go-Shirakawa (1127–92; r.1155–58). Andere Bilder dieser Bildrolle illustrieren bud­dhis­tische Legenden wie etwa die Geschichte Mokurens Mokuren 目連 Schüler des Buddha; skt. Maudgalyana; errettet seine Mutter aus der Höllesiehe auch Höllen → Shaka/Buddhas Leben→ Hoellen→ Heilige , die sich auf die Hungergeister be­ziehen. Es handelt sich also um Material, das die Relevanz des Urabon-Festes in leicht fasslicher Form illustrieren sollte.

Verbindung mit dem Unreinen

Eine andere Bildrolle, die heute im Tokyo National Museum auf­be­wahrt wird, hebt mehr den un­heim­lichen, bzw. ungustiösen Aspekt der Hungergeister hervor. Zu­gleich spricht aus der Art der Dar­stel­lung auch so etwas wie Sympathie für die Geister. In der Tat könnte es sich ja ohne weiteres um ver­storbene Anverwandte der damaligen Zeit­genossen handeln, wenn diese sich im irdischen Leben durch besondere Gier ausgezeichnet hatten.

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Bildrolle der Hungergeister (Gaki zōshi)

Querbildrolle (Papier, Farbe), Detail. 12.-13. Jh.; „Nationalschatz“; 26,9 x 380,2 cm
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)

Hungergeister warten geduldig, bis die Menschen ihre Notdurft verrichtet haben, um sich selbst daran zu laben.

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Hungergeister warten geduldig, bis die Menschen ihre Notdurft ver­richtet haben, um sich selbst daran zu laben.
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Bildrolle der Hungergeister (Gaki zōshi)

Querbildrolle (Papier, Farbe), Detail. 12.-13. Jh.; „Nationalschatz“; 26,9 x 380,2 cm
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)

Ein Hungergeist beobachtet eine Geburt - zweifellos in der Hoffnung auf Nahrung.

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Ein Hungergeist beobachtet eine Geburt — zweifellos in der Hoffnung auf Nahrung.
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Bildrolle der Hungergeister (Gaki zōshi)

Querbildrolle (Papier, Farbe), Detail. 12.-13. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des Tokyo National Museums; 26,9 x 380,2 cm
Bild © Tokyo National Museum. (Letzter Zugriff: 2012/9)

Gaki streunen um die Gräber und teilen sich das Aas mit den Hunden.

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Gaki streunen um die Gräber und teilen sich das Aas mit den Hunden.

Das im ersten Bild erkennbare „Gemeinschaftsklo“, das die Menschen ohne große Hemmungen kollektiv nutzen, wirft einen interessanten Aspekt auf die Geschichte der Scham­haftig­keit in Japan. Die bildliche Dar­stel­lung einer Geburt ist, nicht nur in Japan, ähnlich selten und un­ge­wöhn­lich. Gebären an sich galt damals als etwas Unreines (und lockt daher den Hungergeist an). Schließ­lich offen­bart die Friedhofszene die damalige Praxis, Leichen einfach den Tieren zum Fraß zu über­lassen. In den Gräbern befanden sich wahr­schein­lich nur höher gestellte Per­sön­lich­keiten und buddhistische Mönche.

Die Bildrolle, aus der diese Beispiele stammen, zählte einst zum Besitz von Kaiser Go-Shirakawa und wurde zu­sam­men mit ähnlichen illustrierten Werken im Kannon Kannon Bosatsu 観音菩薩 Bodhisattva Avalokiteshvara, wtl. „der den Klang der Welt erhört“; chin. Guanyin; „Bodhisattva des Mitleids“siehe auch Kannon → Tempel→ Ikonographie→ Paradiese→ Fruehzeit/Shotoku Taishi Tempel Rengeō-in (besser bekannt als Sanjūsangen-dō Sanjūsangen-dō 三十三間堂 33 Klafter Halle; Kannon-Tempelhalle in Kyotosiehe auch Kannon → Waechtergoetter→ Waechtergoetter/Wind und Donner ) auf­be­wahrt. Der Glaube an die Hungergeister war also keines­wegs ein obskurer Aber­glaube, sondern wurde in der späten Heian-Zeit von der Elite der Hofkultur hochgehalten.

Die Gaki zōshi werden in Japan zu den offiziellen „Nationalen Kulturschätzen“ ge­zählt und sind daher auch aus­führlich auf der sehr empfehlens­werten Website e-kokuhō dokumentiert.

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