Jenseitsvorstellungen

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Bernhard Scheid, „Jenseitsvorstellungen“ (Stand: 2013-01-19). In: ders. (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch (Universität Wien, seit 2001). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Jenseits?oldid=33022

Was die gegenwärtige japanische Ge­sell­schaft betrifft, ist es kaum möglich, ver­bindliche, von der gesamten Be­völkerung geteilte Auf­fassungen über das Jenseits in Kürze zusammenzufassen: Neben buddhistischen und volks­reli­giösen Vor­stellungen mischen sich sowohl christliche Ideen als auch science fiction Motive in die Jenseits­bilder der modernen Japaner. So wie die Religion als Ganzes haben sich auch die Bilder des Jenseits privatisiert: Jeder hat seine eigene Vorstellung vom Jenseits.

Es gibt jedoch alteingesessene traditionelle Vorstellungen, die noch heute wirksam sind. Sie stellen ein un­er­schöpf­liches Reservoir für die soge­nannten Neuen Religionen dar und erhalten darüber hinaus in der Welt der Manga und Anime immer wieder neue Aktualität. Diese traditionellen Jenseitsbilder sind überwiegend vom Bud­dhis­mus geprägt. Das hängt u.a. mit dem bereits er­wähnten „arbeits­teiligen“ Ver­hältnis von Buddhismus und Shinto zu­sam­men, nach dem die Götter des Shinto vor­rangig für den Bereich des Dies­seits und das unmit­telbare Wohler­gehen, die buddhis­tischen Heils­gestal­ten dagegen eher für den Tod und das Jen­seits zuständig sind (s. Grundbegriffe, Shinto).

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Die Sechs Bereiche der Wiedergeburt

Philosophisch gesehen gibt es im Buddhismus nur ein ab­solutes Jenseits — das Nirvana (निर्वाणNirvāṇa (skt., n.)„Auslöschung“, Ort der Erlösung von allem Leid …mehr ⇒) , das in der voll­ständigen Aus­löschung alles Dies­seitigen besteht. Alles andere, auch die Wege der Toten­seelen von einer Wiedergeburt zur nächsten, gehört zum Dies­seits (Samsara (संसारSaṃsāra (skt., m.)„Beständiger Fluss“, Kreislauf der Wieder­gebur­ten, Diesseits …mehr ⇒) = Kreislauf der Wiedergeburten) und führt letzt­lich zu neuen, leid­vollen Existenzen (s. Grundbegriffe, Buddhismus). In der Praxis haben sich im Bud­dhis­mus jedoch Jenseits­vor­stel­lungen etabliert, die erstaunlich stark an bekannte christliche Vorstellungen erinnern: Es gibt ein Paradies (gokuraku (gokuraku 極楽Paradies; identisch mit dem Reinen Land → jōdo …mehr ⇒)) und es gibt eine Hölle (jigoku (jigoku 地獄wtl. „[unter]irdischer Kerker“, buddhistische Hölle …mehr ⇒)). Dazwischen liegen die so­ge­nannten Sechs Wege (rokudō (rokudō 六道wtl. die Sechs Wege = Bereiche der Wiedergeburt )), das sind sechs Existenz­formen, in die man hin­ein­geboren werden kann, je nachdem, ob man in ver­gangenen Leben gutes oder schlechtes Karma angehäuft hat. Diese Existenzformen sind:

  1. Götter (Devas), die im Buddhismus sterblich sind
  2. Menschen
  3. Kriegergeister (jap. (a)shura (ashura 阿修羅kämpfende Geister, eine von sechs Formen der Wiedergeburt; skt. asura …mehr ⇒) von skt. asura)
  4. Hungergeister (jap. gaki (gaki 餓鬼Hungergeist; skt. preta …mehr ⇒), skt. preta)
  5. Tiere
  6. Hölle, die sich wiederum in diverse Einzelhöllen unterteilt

Über diesen Sechs Wegen gibt es noch Vier Stufen der Buddha­schaft, sodass man das bud­dhis­tische Jenseits manchmal auch in Zehn Welten (jikkai (jikkai 十界Zehn Welten des buddhistischen Jenseits )) unterteilt findet.

Wie anhand der Sanskrittermini zu erkennen, stammen die Bereiche der Wiedergeburt aus dem indischen Buddhismus und reflektieren dort gängige religiöse Vor­stel­lungen. Diese haben sich in Japan unterschiedlich stark ein­ge­heimatet. Von den Krieger­geistern ist relativ wenig zu hören und zu sehen, es ist auch nicht ganz klar, ob sie in der Hierarchie der Wiedergeburten über oder unter den Menschen stehen. Die Möglich­keit, als Gott wieder­geboren zu werden, existiert in erster Linie in der Theorie. Diese besagt übrigens, dass es schwieriger sei als Gott ins Nirvana ein­zu­gehen, denn als Mensch. Die Hungergeister sind hin­gegen auf alten Dar­stel­lungen häufig zu finden, und die Hölle ist mindest ebenso detailliert be­schrieben wie in den Bildern des Hieronymus Bosch. Ihr gilt auf historischen Ab­bildungen des Jenseits zumeist das Hauptaugenmerk.

Die buddhistische Totenwelt

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Im Augenblick des Todes gibt es nach gängigen buddhistischen Vor­stel­lungen zunächst zwei Möglich­keiten: Die erste besteht darin, direkt ins Nirvana, be­ziehungs­weise ins sog. Reine Land ein­zu­gehen und damit aus dem Zyklus der Wiedergeburten aus­zu­treten. Dieser Fall ist zwar eher un­wahr­schein­lich, die meisten Richtungen des japanischen Buddhismus erachten ihn aber prinzipiell für jeden, Mönch oder Laien, als möglich. (S. dazu Paradiese)

Die Mehrheit der Verstorbenen wird jedoch „wiedergeboren“, d.h. sie muss sich erneut den Leiden der irdischen Existenz aus­setzen. Zu­nächst muss aber geprüft werden in welchen Bereich der Wiedergeburt der Ver­storbene nun kommen soll. Dies wird von einem eigenen Gerichts­hof entschieden, der sich in einer Art Zwischenwelt innerhalb der Sechs Wege der Wiedergeburt befindet. Oberster Richter bzw. König dieser Unterwelt ist Enma (Enma 閻魔skt. Yama, König oder Richter der Unterwelt …mehr ⇒) (skt. Yama (यमराजYama (skt., m.)Gottheit der Unterwelt und des Todes …mehr ⇒) ).

Enma, Richter der Unterwelt

Enma (Enma 閻魔skt. Yama, König oder Richter der Unterwelt …mehr ⇒), dem zumeist von neun weiteren Richtern und diversen furcht­ein­flößenden Schergen assistiert wird, repräsentiert, wenn man so will, den Gesetzes- und Polizei­apparat im buddhistischen Universum. Er besitzt einen Spiegel, der ihm über die Taten des „Angeklagten“ Aus­kunft gibt, oder er befragt zwei Geister, die jeden Sterblichen auf seinem Lebens­weg begleiten und Protokolle seiner guten und schlechten Taten an­legen. Enma ist nicht böse, aber er ist streng. Versucht man, ihn mit den buddhistischen Grund-Dogmen zu erklären, so könnte man in ihm die un­er­bittliche Konsequenz des Karma (कर्मKarma (skt., n.)„Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen …mehr ⇒) erblicken.

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Gerichtshof des Enma und die Richter der Unterwelt

Statuen (Holz). 13. Jh.; Hōshaku-ji, Kyoto
Bild © Kyoto National Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Im Hintergrund Enma und zwei weitere Richter, im Vordergrund der Urteilsverkünder und der Schreiber.

Gerichtshof des Enma

Die Einzelheiten der Vorstellungen von seinem Gerichts­hof und den zehn Richtern sind in China entwickelt worden, und auch auf japanischen Ab­bildungen tragen die Richter meist ein chinesisches Gewand, bzw. die cha­rak­teris­tische chinesische Kappe mit zwei seitwärts abstehenden „Ohren“.

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"Sutra der Zehn Richter"

Schriftrolle (Papier, Tusche, Farbe), Detail. China, 10. Jh.; gefunden in den Höhlentempeln von Dunhuang
Bild © Wladimir Zwalf, Buddhism Art and Faith, London: British Museum, 1985, S. 82

Hier wird der Gerichtshof im buddhistischen Jenseits in vielen Einzelheiten gemäß der Tang-zeitlichen chinesischen Rechtspraxis dargestellt.

Totengericht (China)
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Die Abbildung links zeigt ein Detail aus dem chinesi­schen „sutra (सूत्रsūtra (skt., n.)„Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift …mehr ⇒) der Zehn Könige“, in dem der Ge­richts­hof im bud­dhis­tischen Jen­seits in vielen Ein­zel­hei­ten gemäß der Tang-zeit­lichen chine­si­schen Rechts­praxis dar­ge­stellt wird. Das Bild ent­stammt einer Schrift­rolle aus dem zehnten Jahr­hundert, die in den Höh­len­tem­peln von Dunhuang ge­funden wurde.

Japanische Darstellungen stimmen in zahl­reichen Details mit dem chinesischen Vor­bild über­ein, vor allem die Kleidung bleibt chinesisch. Darüber hinaus tendieren japanische Darstellungen aber dazu, Enma immer stärker zu exotisieren. Sein strafender Aspekt wird dadurch ver­stärkt, dass er die Gesichtszüge indischer Wächtergötter bekommt, doch richtet sich sein Zorn nicht gegen äußere Feinde des Buddhismus, sondern gegen gewöhnliche Sterbliche, die vom Pfad buddhistischer Tugenden abgewichen sind.

Datsueba

Eine weitere Gestalt, die über das Schicksal der Totenseele ent­scheidet, ist die Datsueba (Datsueba 奪衣婆wtl. die Alte, die die Kleider wegnimmt ), die „Alte, die den Toten das Gewand aus­zieht“. Sie sitzt am Ufer der „Drei Furten“ (Sanzu), die auf dem Weg zur Totenwelt über­schritten werden müssen. Wenn die Toten diese Furten durch­schritten haben, zieht sie ihnen ihre nassen Kleider aus und hängt sie neben sich an einen Baum, der als eine Art Waage fungiert. Je tiefer die Äste durch das Gewand der Toten herab­gebogen werden, umso schwerer die Sünden und umso schreck­licher die Foltern, die den Verstorbenen erwarten.

Die Vorstellung der Datsueba dürfte in Japan entstanden sein. Sie findet sich jeden­falls nicht in chinesischen Unter­welt­dar­stel­lungen, während sie in Japan ab der Kamakura-Zeit ein gängiges Motiv des Jenseits­glaubens darstellt.

Außerbuddhistische Vorstellungen

Neben buddhistischen Vorstellungen findet sich in japanischen Geschichten und Legenden auch die taoistische Insel der Un­sterb­lich­keit, die irgendwo weit draußen auf dem Meer zu finden sein soll. Dieser Glaube hat in vielen volks­religiösen Bräuchen Ein­gang gefunden. Auch das Schatz­schiff der Sieben Glücksgötter und der Palast des Drachenkönigs stehen wohl irgendwie mit diesem über­seeischen Paradies in Verbindung.

In den alten Mythen begegnen wir vor allem dem Schattenreich Yomi (Yomi 黄泉mytholog. Unterwelt; geschrieben mit den Zeichen „Gelbe Quellen“, eine chinesiche Bezeichnung für die Unterwelt …mehr ⇒), das Izanami (Izanami 伊耶那美 / 伊奘冉Göttermutter, Göttin der Unterwelt (mi hier weibliche Endung) …mehr ⇒) nach ihrem Tod be­herrscht. Ähnlich wie bei den Griechen und Römern gibt es im ja­pa­nischen Mythos zwar die strahlende Welt der Götter, doch ist diese den ge­wöhn­lichen Sterblichen un­zu­gäng­lich. Inwieweit im vorbuddhistischen Japan auch positive Jenseits­vor­stel­lungen vorhanden waren, wurde schon inner­halb der Kokugaku-Schule im ach­zehnten und neun­zehnten Jahr­hundert heftig diskutiert. Motoori Norinaga (Motoori Norinaga 本居宣長Shinto-Gelehrter der „nationalen Schule“ (Kokugaku), 1730—1801 …mehr ⇒) (1730–1801) wies darauf­hin, dass die Mythen nur ein pessimistisches Jenseits kennen. Dem­gegen­über suchte Hirata Atsutane (Hirata Atsutane 平田篤胤Kokugaku-Gelehrter, 1776–1843 …mehr ⇒) (1776–1843) nach positiven Jenseitsbildern im Volks­glauben und vertrat die Ansicht, dass diese den ursprünglichen Shinto wider­spiegeln würden. Heute neigen viele Gelehrte eher zu Norinagas Auf­fassung und sehen in Atsutanes Position einen pro­pa­gan­dis­tischen Versuch, den Shinto gegenüber dem Buddhismus auf­zu­werten. Wahrscheinlich gab es aber auch hier, ebenso wie in anderen Bereichen, starke regionale Unter­schiede innerhalb der vor­bud­dhis­tischen Religion.

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