Namazu-e — Erdbeben als Satire

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Bernhard Scheid, „Namazu-e — Erdbeben als Satire.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 15.7.2014). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen:Symboltiere/Namazu-e?oldid=37068

Im Nordosten Tokyos gibt es den altehrwürdigen Kashima Schrein, der dem Schwertgott Takemikazuchi Takemikazuchi 建御雷 Mythologischer Schwertgott (wtl. Gewittergott); Ahnengottheit der → Fujiwara; u.a. in den Schreinen → Kashima und → Kasuga verehrt.siehe auch Götter der Erde → Bekannte Schreine/Kasuga→ Waechtergoetter/Wind und Donner→ Shinto-Goetter/Kasuga Mandala→ Goetter der Erde→ Goetter der Erde/Okuninushi geweiht ist. In der Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyosiehe auch Geschichtsperioden → Buddhismus→ Bekannte Tempel→ Shinto→ Stereotype/Herrigels Zen→ Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr… Zeit war dieser Gott als Kashima Daimyōjin Kashima Daimyōjin 鹿島大明神 Gottheit des Kashima Schreins (Präfektur Ibaraki, n-östl. von Tokyo); identisch mit dem Schwertgott → Takemikazuchi; Ahnengottheit der → Fujiwara bekannt und galt als der Hüter des Erdbebens. Erdbeben wurden nach einem in dieser Zeit verbreiteten Glauben von einem großen Wels (namazu namazu Namazu oder Wels; in der Edo-Zeit als Erdbebengott von religiöser Bedeutungsiehe auch→ Symboltiere ) hervorgerufen, der unter der Erde haust. Als es im Jahre 1855 wieder einmal zu einem großen Erdbeben kam, erfreuten sich Bilder dieses Welses binnen kürzester Zeit einer erstaunlichen Beliebtheit. Sie stellten Wels und Gott in den unterschiedlichsten Konstellationen dar. Anfangs als bildliche Erklärung des Bebens oder als Glücksbringer gedacht, fand man in den Welsbildern (namazu-e namazue 鯰絵 Bild des Erdbeben-Welses; vor allem nach dem Ansei Erdbeben von 1855 sehr populär) bald auch ein Mittel, um gesellschaftliche Um- und Missstände darzustellen, was ansonsten bedingt durch strenge Zensur nicht möglich war.

Motive der namazu-e

Der Stein von Kashima

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Schlussstein und Schwertgott

Welsbild, namazu-e
Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 105

Im oberen Teil des Bildes sieht man den „Schlussstein“ (kaname-ishi) das Kashima Schreins umgeben von einem Zaun und einem Torii. Mit Hilfe dieses Steins, der weit ins Erdreich hinunterreichen soll, gelang es dem Gott von Kashima — dem Volksglauben der Edo-Zeit zufolge — den Erdbebenwels im Erdinneren in Zaum zu halten.
Im unteren Bildteil sieht man den Gott von Kashima, der auch als Schwertgott bekannt ist, und den Wels in figurativer Gestalt.
Rund um die beiden sind Werkzeuge und Geldmünzen zu sehen, welche den Wiederaufbau nach dem Erdbeben symbolisieren.

. 1 Wahres Bild des Schlusssteins von Kashima

Im Schrein von Kashima gibt es einen runden Stein, der aus der Erde herausragt. Man nennt ihn Kaname-ishi kaname-ishi/ yōseki 要石 wtl. „Schlussstein“; Stein im Schrein von Kashima, mit dem der Erdbeben-Wels ruhig gehalten wird („Schlussstein“) und meinte früher, dies sei der Stein, den Kashima Daimyōjin fest auf den Kopf des Erdbeben-Welses gedrückt halten müsse, damit dieser die Erde nicht erschüttern könne. Dieser Stein spielt in vielen namazu-e eine wichtige Rolle.1

Im oberen Teil des Bildes sieht man den „Schlussstein“ des Kashima Schreins umgeben von einem Zaun und einem torii torii 鳥居 Torii, Schreintorsiehe auch Torii → Schreine→ Shinto→ Schreine/Shimenawa→ Schreine/Schreinbilder→ Tempel/Tempeltore → mehr… . Im unteren Bildteil sieht man den Gott von Kashima, der den Wels (wieder) in seiner Gewalt hat. Rund um die beiden sind Werkzeuge und Geldmünzen zu sehen, welche die Wiederaufbauarbeiten nach dem Erdbeben symbolisieren.

Talisman gegen Erdbeben

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Talisman gegen Erdbeben

Welsbild, namazu-e. 1855
Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 110 und 262

Der Bildtext lautet:

Erdbebenschutz

Das Orakel des Kashima Ahnenschreins besagt: „Solange ich auf diesem Boden weile, soll kein Halm auf den Bergen, Flüssen, Gräsern und Bäume und kein Sandkorn an den Gestaden der blauen See Schaden nehmen, auch wenn die Erde bebt.“ Wer diesen Spruch morgens und abends sagt, wird ohne Fehl vor allen Übeln und Gefahren, vor Feuer, Wasser und Erdbeben gefeit sein. Und wer den Zettel, wo dies steht, an den Pfeilern in Ost und West, Süd und Nord anbringt, dessen Haus wird nicht einstürzen und nicht zerstört werden.

. 2 Erdbebenschutz

Das Bild zeigt den Gott von Kashima, der mit seinem Schwert den Erbeben-Wels im Zaum hält. Ihm zu Seite der Donnergott, der mit einem Hammer das Schwert wie einen Pflock in den Kopf des Fisches treibt. Auch im Schwanz des Fisches ist ein Schwert zu erkennen. Dies ist vielleicht eine Anspielung auf die Mythe der Schlange Yamata no Orochi Yamata no Orochi 八岐大蛇 Mythologische Schlange (Drache) mit acht Köpfensiehe auch Goetter der Erde → Imaginaere Tiere→ Goetter des Himmels/Uzume→ Goetter des Himmels/Trickster→ Imaginaere Tiere/Drachenbilder , die in alter Zeit von Susanoo Susanoo 須佐之男 mytholog. Trickster-Gott; Sturmgott, Mondgottsiehe auch Goetter der Erde → Schreine/Shimenawa→ Bekannte Schreine/Itsukushima→ Matsuri→ Gluecksgoetter→ Gluecksgoetter/Daikoku → mehr… zur Strecke gebracht wurde. Die kleinen Welse, die sich ehrfurchtsvoll niederwerfen, repräsentieren frühere Erdbeben ähnlicher Stärke in Kyoto (1830), Odawara (1853), Shinano (1847) und Ise (1854). Das Siegelzeichen links oben trägt die Inschrift „Kashima“. Darüber sind Sternbilder angedeutet. Dadurch reiht sich das Bild in den Kontext der Yin Yang onmyō 陰陽 jap. für „Yin und Yang“; auch in'yō, on'yōsiehe auch Yin und Yang Praktiken ein.

Wie der Bildtitel andeutet, ist diese Abbildung als Talisman (o-mamori o-mamori お守り Talisman, schutzbringender Gegenstandsiehe auch Gluecksbringer → Omairi ) gegen Erdbeben gedacht. Der Bildtext liefert dafür eine deutliche Erklärung:

Das Orakel des Kashima Ahnenschreins besagt: „Solange ich auf diesem Boden weile, soll kein Halm auf den Bergen, Flüssen, Gräsern und Bäumen und kein Sandkorn an den Gestaden der blauen See Schaden nehmen, auch wenn die Erde bebt.“ Wer diesen Spruch morgens und abends sagt, wird ohne Fehl vor allen Übeln und Gefahren, vor Feuer, Wasser und Erdbeben gefeit sein. Und wer den Zettel, wo dies steht, an den Pfeilern in Ost und West, Süd und Nord anbringt, dessen Haus wird nicht einstürzen und nicht zerstört werden.

Wels und Donner, Yin und Yang

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Erdbeben-Wels und schlafender Ebisu

Welsbild, namazu-e
Bild © Kichō shiryō gazō database, (Tokyo Metropolitan Library) Stichwort 鯰. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Oben: Der Erdbeben-Wels und die Zerstörungen, die er anrichtet.
Bildmitte: Der Gott von Kashima reitet eilig herbei. Links der Donnergott.
Unten: Der „Schlussstein“ (kanameishi 要石) und der schlafende Gott Ebisu, der den Gott von Kashima vertreten sollte.

Obwohl Ebisu oft als lachender, jugendlicher Glücksgott dargestellt wird, gibt es auch Legenden, denen zufolge er schwerhörig ist und aus diesem Grund den alljährlichen Aufruf an die Götter, sich im Oktober in Izumo zu versammeln, nicht hört (oder hören will). Er bleibt daher als „Aufpassergott“ (rusugami) in seiner Heimatregion. Doch auch diese Aufgabe erfüllte er im 10. Monat 1855, als der Erdbebenwels das große Ansei-Beben verursachte, nicht sorgfältig genug.

. 3 Der Namazu als Monster

Dieses Bild zeigt im Gesicht des Welses die Zer­stö­run­gen, die das Erd­beben angerichtet hat. Man erkennt auch das Feuer, das als Folge­er­schei­nung von Erdbeben sehr gefürch­tet war (und ist). Unter dem Wels sieht man drei Gott­heiten, die mit der Ursache des Bebens in Ver­bin­dung stehen: Rechts oben reitet der Gott von Kashima eilig herbei. Er war nämlich wie jedes Jahr im Zehnten Monat (Kannazuki Kannazuki 神無月 Monat ohne Götter (10. Monat)siehe auch Ise Izumo → Gluecksgoetter/Ebisu ) beim Götter­tref­fen in Izumo Izumo 出雲 alter Namen der Präfektur Shimane in West-Japansiehe auch Izumo Schrein → Goetter der Erde/Okuninushi . Neben ihm der Donner­gott, der mit dem Feuer in Verbindung steht. Sein Donnern wird scherz­haft als Furz dargestellt. An den „Schlussstein“ gelehnt schläft Ebisu Ebisu 恵比寿 Glücksgott der Händler und Fischer; andere Schreibung: 夷 oder 戎siehe auch Ebisu → Bekannte Tempel/Asakusa→ Bekannte Schreine→ Gluecksgoetter→ Gluecksgoetter/Daikoku → mehr… , der den Gott von Kashima vertreten sollte.

Das häufige Vorkommen des Donner­gottes hängt mit einer Yin Yang Symbolik zusammen: Abge­sehen vom Wels gab es auch etwas abstrak­tere Er­klä­rungen für Erdbeben, die die Ursachen dafür in einem Un­gleich­ge­wicht von Yin und Yang erblickten: Im speziellen würde das Feuer (Yang) unter­irdisch das Wasser (Yin) an Stärke über­treffen, während es für gewöhn­lich nur im Himmel die Vor­herr­schaft genieße. Aus diesem un­ge­wöhn­lichen Zusam­men­prall von Yin und Yang würde im Himmel Gewitter und auf der Erde ein Beben entstehen.2 (Diese Erklärungen sind im Grunde nicht allzu weit von der Natur­wissen­schaft entfernt.) Der Erdbeben-Wels wurde also wahr­schein­lich von Gebil­de­teren als Sinnbild für die Kräfte des Yin, der Donner­gott als Sinnbild des Yang angesehen.3

Die Rolle der Gottheiten ist allerdings im Verhältnis zu Yin und Yang nicht ganz eindeutig. Der Wels lässt sich zweifellos leicht als Yin, das sich aufbäumt, oder als überschüssiges Yin interpretieren. Er wird durch Raijin Raijin 雷神 Donnergott; auch Rai-tensiehe auch Wind und Donner → Waechtergoetter , den „Donnergott“, und Takemi­kazuchi, den Gott von Kashima, der seinem alten Namen nach ebenfalls ein Gewitter­gott (Kazuchi) ist, im Zaum gehalten. Die Gewittergötter sind beide „gute“ Yang-Kräfte, die dem Yin-Wels entgegentreten. Es müsste aber im Grunde noch einen „guten“ Yin-Gott geben, der sich um die Brände, den Überschuss an Yang-Energie, kümmert. Soweit lässt sich das Yin Yang Schema aber nicht in den Figuren der Volksreligion wiederfinden.

Das Beben als Glücksfall

Das Beben von 1855 zeichnete sich offenbar dadurch aus, dass in erster Linie die Anwesen von Daimyos und die Lagerhäuser von Großhändlern betroffen waren. In der Folge entstand eine starke Nachfrage nach Tischlern und Zimmerleuten, was insgesamt den eher einfacheren Schichten der Stadtbevölkerung zugute kam. Es gab also eine Umverteilung des Reichtums in Richtung der Armen. Dies wird in den Welsbildern teilweise mit offener Sympathie für die einfachen Leute dargestellt, sodass der Namazu sogar manchmal als Wohltäter erscheint.

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Erdbeben-Wels

Welsbild, namazu-e. 1855
Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 9

Der Erdbeben-Wels ist von einem Pfeil des Gottes von Kashima getroffen worden und begeht Selbstmord durch seppuku (Harakiri). Im Hintergrund, unterhalb des Gottes, sind links die verstorbenen Opfer des Bebens, rechts die Geschädigten (Großhändler, Daimyos, etc.) zu sehen. Aus dem Bauch des Welses strömt Geld (das offenbar den Armen zugute kommt).

. 4 Seppuku des Namazu
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Welsbild mit Daikoku

Blockdruck, namazu-e. Wahrscheinlich 1855
Bildquelle: Tokyo Metropolitan Library. (Letzter Zugriff: 2011/3)

Bildinhalt: Nachdem der Gott von Kashima (Bildmitte) den Wels wieder unter Kontrolle gebracht hat, tritt der Glücksgott Daikoku auf den Plan und lässt Geld regnen, das den einfachen Bauarbeitern zugute kommt. Der Text ist ein „Erdbeben-Abwehr-Lied“, welches besagt:

Der Wassergott (Mizu-no-kami) hat uns das Leben gerettet, jetzt gehen wir zu den Huren (Rokubu), wie schön!

Bilderläuterung: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 319–320.

. 5 Daikoku und Namazu
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Abtransport des Reichtums (Mochimaru takara no debune)

Welsbild, namazu-e. 1855
Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 225 und 299 (#90)

Ein Erdbeben-Wels schüttelt einen reichen Kaufmann, bis er Geld erbricht, um das sich die Armen raufen. Der Wels mahnt den Kaufmann, in Zukunft mehr Mitleid mit den Armen zu haben. Die Armen wiederum meinen, dass es besser ist, das Geld im Bordell auszugeben, da sowieso bald wieder ein Erdbeben kommt.

. 6 Abtransport des Reichtums

Seppuku des Namazu

Der Erdbeben-Wels ist von einem Pfeil des Gottes von Kashima getrof­fen worden und begeht — gleich einem vor­bild­lichen Samurai in aus­sichts­loser Lage — Selbst­mord durch seppuku (Harakiri). Aus dem Bauch des Welses strömen ovale Geld­münzen. Im Hinter­grund, unter­halb des Gottes, sind links die ver­stor­benen Opfer des Bebens, rechts die Ge­schä­digten (Groß­händler, Daimyos, etc.) zu sehen. Dem Text ist zu ent­nehmen, dass sie ange­sichts des Selbst­opfers des Namazu zur Ver­söhnung bereit sind.

Daikoku und Namazu

Nachdem der Gott von Kashima (Bildmitte) den Wels wieder unter Kontrolle gebracht hat, tritt der Glücksgott Daikoku Daikoku 大黒 Glücksgott; skt. Mahakala = „Großer Schwarzer“; auch Daikoku-tensiehe auch Daikoku → Bekannte Tempel/Asakusa→ Ise Izumo/Izumo Schrein→ Myoo→ Gluecksgoetter→ Symboltiere → mehr… auf den Plan und lässt Geld regnen, das den einfachen Bauarbeitern zugute kommt. Der Text des Bildes gibt ein „Erdbeben-Abwehr-Lied“, in welchem die Arbeiter sich freuen, dass sie nun ins Bordell gehen können (s.u.).

Abtransport des Reichtums

Ein Erdbeben-Wels schüttelt einen reichen Kaufmann, bis er Geld erbricht, um das sich Handwerker und Bauarbeiter raufen. Der Wels mahnt den Kaufmann, in Zukunft mehr Mitleid mit den Arbeitern zu haben. Die Arbeiter wiederum meinen, dass es besser ist, das Geld im Bordell auszu­geben, da sowieso bald wieder ein Erd­beben kommt.

Die neuen Freudenviertel

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Quartier der Strapazen und Feuersbrünste

Welsbild, namazu-e. Wahrscheinlich 1855
Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 227 und 314

Notdürftig maskierte Erdbeben-Welse besichtigen ein Bordell und werden von den dortigen Damen an den Bärten herangezogen. Das Bild trägt den Titel „Unterkunft der Strapazen und Feuersbrünste“. Unter „Unterkunft“ oder „Leihwohnung“ (jap. karitaku) verstand man zu dieser Zeit billige Bordelle. Diese waren als Ersatz für das vom Erdbeben zerstörte Nobel-Freudenviertel Yoshiwara errichtet worden. Somit wurde dank des Erdbebens die Prostitution in Edo weiter verbreitet und allgemein erschwinglicher. Auch das ein „positiver“ Effekt für die ärmere Bevölkerung.

. 7 Quartier der Strapazen und Feuersbrünste

Notdürftig maskierte Erdbeben-Welse besichtigen ein Bordell und werden von den dortigen Damen an den Bärten herangezogen. Die Prostituierten sind von den Namazu offensichtlich angetan.

Das Bild trägt den Titel „Quartier der Strapazen und Feuersbrünste“. „Quartier“ oder „Leihwohnung“ (jap. karitaku) war zu dieser Zeit ein Euphemismus für billige Bordelle. Diese waren als Ersatz für das vom Erdbeben zerstörte Nobel-Freudenviertel Yoshiwara errichtet worden, allerdings waren sie kostengünstiger. Somit wurde dank des Erdbebens die Prostitution in Edo weiter verbreitet und allgemein erschwinglicher. Auch das ein „positiver“ Effekt für die ärmere Bevölkerung, der in einem Lied, das auf mehreren Namazu-Bildern zu finden ist (s.o.), deutlich hervorgehoben wird:

Der Wassergott hat uns das Leben gerettet // Jetzt gehen wir zu den Huren (Rokubu), wie schön!
Mizukami no / tsuge ni inochi o / tasukarite // rokubu no uchi ni / iru zo ureshiki

Das Götterpferd von Ise

 Namazue_ise_pferd_1855.jpg

Das Götterpferd des kaiserlichen Ise Schreins

Welsbild, namazu-e. 1855
Bildquelle: Tokyo Metropolitan Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Dieses Bild zeigt, wie die Gottheit von Ise, hier als Pferd dargestellt, den Erdbebenwels besiegt. Es entstand in der Folge des großen Erdbebens von 1855 (Ansei 2), das vor allem in Edo (Tokyo) großen Schaden anrichtete. Der dem Bild eingeschriebene Text berichtet davon, dass die Gottheit von Ise im Zuge des Erbebens als weißes Pferd durch die Straßen der Stadt gallopierte und all jene, die zu ihr beteten, vor Unheil bewahrte. Zur gleichen Zeit erfreuten sich Wallfahrten nach Ise einer großen Beliebtheit. Es kündigte sich darin bereits eine neue Aufwertung des Tenno an, die schließlich im Jahr 1868 in Gestalt der Meiji-Restauration vollzogen wurde.

. 8 Das Götterpferd des Ise Schreins

Dieses Bild zeigt, wie die Gott­heit von Ise Ise Jingū 伊勢神宮 kaiserlicher Ahnenschrein (wtl. Götterpalast) von Ise, Präfektur Miesiehe auch Ise Izumo → Shinto→ Shinto-Goetter→ Symboltiere→ Symboltiere/Tauben→ Nara → mehr… , hier als Pferd dar­ge­stellt, den Erd­be­ben-Wels be­siegt. Der dem Bild ein­ge­schrie­bene Text be­rich­tet davon, dass die Gott­heit von Ise im Zuge des Erd­be­bens als weißes Pferd durch die Straßen der Stadt galop­pierte und all jene, die zu ihr bete­ten, vor Unheil be­wahrte. Das Pferd soll zu diesem Zweck ein­zelne Haare ausge­streut haben. Die Kashima Gottheit spielt hier die ambi­va­lente Rolle eines Kriegers, der sein Pferd nicht im Zaum halten kann. Wie in ande­ren Bil­dern auch ver­kör­pert Kashima hier das Sho­gunat, das mit den Ver­hält­nis­sen nicht mehr zurecht kommt.

Die kaiserliche Ahnen­gott­heit aus Ise, Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennōsiehe auch Götter des Himmels → Shinto→ Ise Izumo→ Shinto/Jindo→ Ise Izumo/Baustil Ise→ Ise Izumo/Izumo Schrein → mehr… , war im dama­ligen Edo eben­so exo­tisch und unbe­kannt wie der Tenno in Kyoto. Man wusste ein wenig von ihrer Rolle als Ahnen- und Sonnen­gott­heit, doch weder waren ihre Mythen all­gemein be­kannt, noch herrsch­te Einig­keit, ob es sich um eine männ­liche oder weib­liche Gott­heit handelte. Dennoch erfreu­ten sich in dieser Zeit Wall­fahrt­en nach Ise einer wach­sen­den Beliebt­heit. Diese Wall­fahr­ten stan­den im Zusam­men­hang mit dem Schlag­wort yonaoshi („Welt­er­neue­rung“ oder „Welt­gesun­dung“). Yonaoshi fußte zwar auf keiner so kon­kreten poli­tischen Vision wie etwa die franzö­sische Revolution, beinhaltete aber eine diffuse Kritik an den bestehenden Verhält­nissen, durch die sich das Tokugawa Shogunat zurecht bedroht fühlte. Yonaoshi war unter anderm mit Wall­fahr­ten nach Ise verbunden, was sich auch im Glauben an die Wohl­taten des Götter­pferdes ausdrückte. Darin kün­digte sich eine neue Auf­wer­tung des Tenno an, die schließ­lich im Jahr 1868 in Gestalt der Meiji Meiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benanntsiehe auch Geschichtsperioden → Shinto→ Shinto/Jindo→ Jahr→ Matsuri→ Familie → mehr… -Restau­ration zu einer voll­kom­men neuen poli­tischen Ordnung führen sollte.

Während in diesem Bild das Pferd bzw. die dadurch sym­bo­lisierte Gottheit Ama­terasu als Gottheit der Welt­er­neue­rung (yonaoshi no kami) gedeutet werden kann, gibt es auch Beispiele, in denen der Erd­beben­wels selbst zum Welt­er­neuerer avanciert. Es war also keines­wegs aus­ge­macht, welche Rolle welcher Gottheit in den Wels­bildern zukommt.

Das Ken-Spiel

Der Erdbeben-Wels ist oft in eine Gruppe aus drei Figuren ein­gebun­den, die durch seltsame, auffällige Gesten charakterisiert sind. Diese Figuren spielen das soge­nannte Ken-Spiel, das hierzu­lande als „Stein-Schere-Papier“ bekannt ist. Dieses Spiel ist in Japan auch heute noch sehr beliebt, erlebte in der Edo-Zeit aber einen beson­deren Boom. Statt mit den geläu­figen Hand­gesten wurde es auch mit ver­schie­denen Körper­hal­tungen gespielt. Diese drückten alle möglichen allego­rischen Figuren aus, die immer eines gemein­sam hatten: A besiegt B, B besiegt C, C besiegt A. Viele Ukiyoe-Drucke stellen Varianten des Spiels mit immer wech­selnden Figuren dar, deren Kräfte­gleich­gewicht auch als satirischer Kommentar der aktuellen gesell­schaft­lichen Situation gelesen werden kann. Sepp Linhart, der diesem Thema eine umfang­reiche Studie gewidmet hat (Linhart 1998), deutet die Ken-Bilder daher als Ausdruck der spezi­fi­schen gesell­schaft­lichen Span­nungen der späten Edo-Zeit, als soziale oder wirt­schaft­liche Interes­sens­gruppen auf allen Ebenen sich gegen­seitig in einer höchst labilen Patt-Situation hielten, bis es schließ­lich zum Umbruch in Form der Meiji-Restauration (1867–68) kam.

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Namazu, Amida und Geisha

Welsbild, namazu-e von Utagawa Kuniteru (1808–1876)
Bildquelle: University of Tokyo Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Das älteste erhaltene Namazu-Motiv stellt eine Ken-Spiel-Situation dar. Von diesem Motiv gibt es einige Varianten, die alle von Utagawa Kuniteru 歌川国輝 (1808–1876) angefertigt wurden.

Hintergrund ist das Erdbeben im Tempel Zenkō-ji in Nagano (damals Shinano oder Shinshū) im Jahr 1847. Dieses Beben fand genau zu dem Zeitpunkt statt, als der Tempel seine berühmte Amida Statue ausstellte und damit zahlreiche Pilger aus dem ganzen Land anzog. Viele Pilger fielen dem Beben zum Opfer, doch der Tempel selbst blieb weitgehend unversehrt, was als Wunder des Amida angesehen wurde.

Das Bild zeigt den Buddha Amida (der in späteren Bildern durch den Gott von Kashima ersetzt werden wird), den Erdbeben-Wels und eine Geisha. Wie beim Ken-Spiel üblich ist jeder von ihnen einem überlegen, dem anderen unterlegen: Amida ist stärker als Namazu, Namazu ist stärker als Geisha, Geisha ist stärker als Amida, was vielleicht als Seitenhieb auf den Buddhismus zu verstehen ist. Große buddhistische Tempel boten nämlich Ende der Edo-Zeit stets auch Vergnügungs- und Freuden­vierteln Platz — so auch der Zenkō-ji in Nagano.

Der Text enthält zum einen ein „Ken-Lied“, das humoristisch auf die Ereignisse Bezug nimmt, zum anderen eine Kurzdarstellung der Zerstörungen im Nachrichtenstil. Wie die meisten Welsbilder zählt auch dieses zum Genre der kawaraban, einer Art Zeitung der späten Edo-Zeit.

Bilderläuterung: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 240-41 (#2)

. 9 Namazu, Amida und Geisha
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Erdbeben Ken

Welsbild, namazu-e
Bild © University of Tokyo Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Das Bild illustriert ein Sprichwort der Edo-Zeit: „Die größten Gefahren sind: Erdbeben, Gewitter, Feuer — und Väter.“ Donnergott, Erdbeben-Wels und Feuer spielen Ken, der Vater bewirtet sie dabei.

. 10 Erdbeben Ken
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Bekannte Figuren im Rausch

Welsbild, namazu-e
Bildquelle: University of Tokyo Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Ein Reicher, eine Geisha und ein Handwerker verzehren zusammen einen Wels. Der Text besagt: Der Reiche, ein zorniger Trinker; der Handwerker, ein fröhlicher Trinker; die Geisha, eine weinende Trinkerin. Noch einmal wird hier satirisch auf die vom Erdbeben betroffenen Berufsgruppen angespielt. In der Darstellung nehmen die drei unbewusst Haltungen ein, die den Gesten des Ken-Spiels ähneln.

. 11 Bekannte Figuren im Rausch

Namazu, Amida und Geisha

Bereits das älteste erhaltene Namazu-Motiv stellt eine Ken-Spiel-Situation dar. Hinter­grund ist das Erd­beben im Tempel­komplex Zenkō-ji Zenkō-ji 善光寺 Tempel in Naganosiehe auch Dainichi → Amida→ Dainichi/Daibutsu in Nagano (damals Shinano oder Shinshū) im Jahr 1847. Dieses Beben fand genau zu dem Zeit­punkt statt, als der Tempel seine berühmte Amida Amida 阿弥陀 Buddha Amitabhasiehe auch Amida → Ikonographie→ Bekannte Schreine/Nikko→ Mandala→ Jahr→ Mudra → mehr… Statue4 aus­stellte und damit zahl­reiche Pilger aus dem ganzen Land anzog. Viele Pilger fielen dem Beben zum Opfer, doch der Tempel selbst blieb weit­gehend unversehrt, was als Wunder des Amida ange­sehen wurde. Das Bild zeigt den Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Buddhismus→ Buddhismus Lehre→ Bekannte Tempel→ Tempel→ Ikonographie → mehr… Amida (der in späteren Bildern durch den Gott von Kashima ersetzt werden wird), den Erdbeben-Wels und eine Geisha. Wie beim Ken-Spiel üblich ist jeder von ihnen einem über­legen, dem anderen unter­legen: Amida ist stärker als Namazu, Namazu ist stärker als Geisha, Geisha ist stärker als Amida, was vielleicht als Seiten­hieb auf den Buddhis­mus zu verstehen ist. Große bud­dhis­tische Tempel boten nämlich Ende der Edo-Zeit stets auch Vergnü­gungs- und Freuden­­vier­teln Platz — so auch der Zenkō-ji in Nagano.

Erdbeben Ken

Das Bild zeigt den Donnergott, den Wels und das Feuer, die von einem Wirten mit Sake Sake Reisweinsiehe auch Familie → Opfergaben→ Goetter der Erde→ Verwandlungskuenstler→ Goetter der Erde/Okuninushi → mehr… verköstigt werden. Die von den Figuren ein­ge­nom­menen Gesten gehen auf das soge­nannte „Fuchs-Ken“ (kitsune-ken) zurück: Der Fuchs (erhobene Hände = Ge­spenster­geste) ver­zaubert den Bürger­meister, der Bürger­meister (Hände auf den Ober­schen­keln) komman­diert den Jäger, der Jäger (ange­deu­tetes Gewehr) erschießt den Fuchs. Auf dieser Abbildung entspricht also der Wels dem Fuchs, der Donner dem Bürger­meister und das Feuer dem Jäger: die drei Kräfte heben sich wechsel­seitig auf.5 Der dem Bild einge­schrie­bene Liedtext schließt mit dem Satz: „Jetzt wird die Welt Stück für Stück wieder heil, kommt und macht Geld!“6

Drei bekannte Figuren im Rausch

Ein Reicher, eine Geisha und ein Hand­werker verzehren zusammen einen Wels. Der Text besagt: „Der Reiche, ein zorniger Trinker; der Hand­werker, ein fröhlicher Trinker; die Geisha, eine weinende Trinkerin.“ Noch einmal wird hier satirisch auf die vom Erd­beben betrof­fenen Berufs­gruppen angespielt. In der Darstellung nehmen die drei Figuren wieder die Hal­tungen des Ken-Spiels an.

Wieso ein Wels?

Der Wels ist eine artenreiche Spezies von Fischen, die eines gemeinsam haben: Sie halten sich vorwiegend am Grund von Gewässern auf und sind daher selten zu sehen. Schon in alter Zeit wurde es als Zeichen von bevor­stehender Gefahr gedeutet, wenn Welse an der Oberfläche von Gewässern gesichtet wurden. Tatsächlich scheinen Welse besonders sensibel auf seismische, thermische und elektrostatische Veränderungen ihrer Umgebung zu reagieren. So wurde der Wels zunächst zu einem positiven Künder von Erdbeben. Doch wurde der Prophet offenbar mit der Zeit als Verursacher der Gefahr, die er ankündigte, angesehen. Dabei kam eine klassische chinesische Vorstellung ins Spiel, die einen unterirdischen Drachen als Verursacher von Erdbeben ansah. Dieser Drache wurde offenbar Anfang der Edo-Zeit in der Region um den Biwa See erstmals als Wels umgedeutet. Von dort breitete sich die Vorstellung entlang der Tōkaidō-Route in den Osten des Landes aus.7

Interessanterweise wird der zum Monster gewordene Namazu in den Erdbeben­bildern von 1855 sehr rasch wieder verniedlicht. Wir sehen hier einen Mechanismus, der bei fast allen Geister­wesen (yōkai yōkai 妖怪 Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenstersiehe auch Geister → Tengu→ Imaginaere Tiere→ Geister/Kaidan→ Oni und Kappa ) der Edo-Zeit zu beobachten ist: Sobald sie aufgrund des Schreckens, den sie verbreiten, eine gewisse Popu­larität gewonnen haben, erhalten sie immer humor­vollere Züge, bis sie schließ­lich lediglich als liebens­werte Schlingel erscheinen. Das gleiche lässt sich über tengu tengu 天狗 Tengu, eine Art Kobold, meist in den Bergensiehe auch Tengu und Oni → Yamabushi→ Goetter der Erde→ Tengu→ Imaginaere Tiere→ Tengu/Tengu Motive → mehr… und oni oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geistersiehe auch Oni und Kappa → Jahr→ Waechtergoetter/Wind und Donner→ Gluecksgoetter/Daikoku→ Geister→ Imaginaere Tiere → mehr… ebenso sagen, wie über kitsune kitsune Fuchssiehe auch Füchse → Verwandlungskuenstler→ Verwandlungskuenstler/Kitsune und tanuki tanuki Tanuki (Marder-Hund)siehe auch Füchse → Tengu→ Verwandlungskuenstler→ Shinto Mittelalter oder über den strengen Richter der Unterwelt, Enma Enma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochensiehe auch Enma → Ikonographie→ Jizo→ Myoo→ Waechtergoetter→ Jenseits → mehr… . Eine ähnliche Komik begegnet uns auch in der Darstellung der Hungergeister. Dieser Hang, dem Schrecklichen durch Humor den Stachel zu nehmen, lässt sich aber noch weiter zurück­ver­folgen, nämlich bis zu den Schrein­festen, die seit der Heian Zeit zur Besänf­ti­gung grollender Geister onryō onryō 怨霊 Rachegeistsiehe auch Geister → Bekannte Schreine/Tenjin→ Staatsshinto/Yasukuni abgehalten werden. Es geht in allen Fällen darum, sich mit der Gottheit (=Ursache) einer Katastrophe anzu­freunden, sich vertraut zu machen und die Gottheit von ihren feind­lichen Absichten abzu­bringen, indem sie in eine fröhliche, heile Welt ein­ge­bun­den wird. Die Erd­beben­bilder sind daher nicht (nur) als zynischer Ausdruck von Galgen­humor oder als politische Satire zu verstehen, sondern reihen sich wohl auch in eine lange religiöse Tradition ein, Unheil und Katastro­phen durch rituell insze­nierte Fröh­lich­keit abzuwenden.

namazu.jpg

Die Namazu von Shinano und Edo

Blockdruck, namazu-e (Papier, Farbe). 1855
Bild © Kichō shiryō gazō database, (Tokyo Metropolitan Library) Stichwort 鯰. (Letzter Zugriff: 2011/10)

Die beiden Welse in der Bildmitte tragen die Schriftzeichen für „Shinshū“ und „Edo“. Dies bezieht sich auf das sog. Zenkō-ji Erdbeben in Shinano (Shinshū, heute Nagano, 1847) und das Erdbeben in Edo (1855). Der groß geschriebene Text ist ein „Erdbeben-Abwehr-Lied“, in dem die neuen Freudenviertel, die nach dem Erdbeben errichtet wurden, gefeiert werden.

Ganz oben sieht man den verzweifelten Gott von Kashima, darunter den Donnergott. Die meisten Bürger der Stadt sind wütend auf die Namazu, manche aber zweifeln.

Bilderläuterung: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 266–267.

. 12 Die Namazu von Shinano und Edo

Das Bild beinhaltet viele der Motive, die in den voran gegangenen Darstellungen einzeln hervorgehoben sind. Es sind hier zwei Namazu zu sehen, die zwei unterschiedliche Beben in der Kantō Region (Shinano 1847 und Edo 1855) versinnbildlichen. Rechts oben die beiden Gottheiten, die nicht genug aufgepasst haben: Kashima und der Donnergott.

Verweise

Fußnoten

  1. Der Kaname-Stein galt schon seit alter Zeit als Heiligtum des Kashima Schreins und findet sich u.a. im der frühesten japanischen Gedichtsammlung Manyōshū erwähnt. Die Beziehung zum Erdbeben-Wels ist aber sicher erst in der Edo-Zeit entstanden. Im übrigen gibt es auch in anderen Schreinen Kaname-Steine, unter anderem im Katori Schrein, der nur wenige Kilometer vom Kashima Schrein entfernt liegt und als eine Art Zwilling desselben angesehen werden kann. Auch der Katori Schrein wurde in den Wels-Glauben integriert, doch ganz offensichtlich weniger erfolgreich als der Kashima Schrein.
  2. Smits 2006, S. 1051.
  3. Dennoch blieben Zweifel, was es mit dem Wels und dem Stein auf sich habe. 1664 versuchte der gelehrte Daimyo Tokugawa Mitsukuni, in dessen Domäne der Kashima Schrein damals lag, dem Geheimnis des Kashima Steins auf den Grund zu kommen, und ließ eine Grabung durchführen, die allerdings zu keinem Erfolg führte, weil die Grube sich auf mysteriöse Weise immer wieder mit Erde füllte. (Kanameishi Wikipedia, jap.)
  4. Diese Statue spielt auch im Zusam­men­hang mit Hideyoshi's Großem Buddha eine Rolle.
  5. Es gibt von diesem Motiv mehrere Versionen, aus denen deutlich wird, dass das Feuer mit seinen blonden Haaren auch auf die Europäer und Amerikaner anspielt, die zu diesem Zeitpunkt als militärische Gefahr empfunden wurden. Andere Namazue enthalten auch explizite Bezüge auf die gewaltsame Öffnung von Japans Häfen durch den amerikanischen Admiral Perry in den Jahren 1853–54.
  6. Kore kara dandan yo ga naori, kane mōkete, sā kinasē. (Miyata und Takada 1995, S. 324)
  7. Siehe Yōkai: Monsters, Giant Catfish, & Symbolic Representation in Popular Culture (Gregory Smits)

Bilderläuterungen

  1. Kanameishi.jpg

    Schlussstein und Schwertgott

    Welsbild, namazu-e
    Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 105

    Im oberen Teil des Bildes sieht man den „Schlussstein“ (kaname-ishi) das Kashima Schreins umgeben von einem Zaun und einem Torii. Mit Hilfe dieses Steins, der weit ins Erdreich hinunterreichen soll, gelang es dem Gott von Kashima — dem Volksglauben der Edo-Zeit zufolge — den Erdbebenwels im Erdinneren in Zaum zu halten.
    Im unteren Bildteil sieht man den Gott von Kashima, der auch als Schwertgott bekannt ist, und den Wels in figurativer Gestalt.
    Rund um die beiden sind Werkzeuge und Geldmünzen zu sehen, welche den Wiederaufbau nach dem Erdbeben symbolisieren.

  2. Jishin omamori.jpg

    Talisman gegen Erdbeben

    Welsbild, namazu-e. 1855
    Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 110 und 262

    Der Bildtext lautet:

    Erdbebenschutz

    Das Orakel des Kashima Ahnenschreins besagt: „Solange ich auf diesem Boden weile, soll kein Halm auf den Bergen, Flüssen, Gräsern und Bäume und kein Sandkorn an den Gestaden der blauen See Schaden nehmen, auch wenn die Erde bebt.“ Wer diesen Spruch morgens und abends sagt, wird ohne Fehl vor allen Übeln und Gefahren, vor Feuer, Wasser und Erdbeben gefeit sein. Und wer den Zettel, wo dies steht, an den Pfeilern in Ost und West, Süd und Nord anbringt, dessen Haus wird nicht einstürzen und nicht zerstört werden.

  3. Kanameishi2.jpg

    Erdbeben-Wels und schlafender Ebisu

    Welsbild, namazu-e
    Bild © Kichō shiryō gazō database, (Tokyo Metropolitan Library) Stichwort 鯰. (Letzter Zugriff: 2011/10)

    Oben: Der Erdbeben-Wels und die Zerstörungen, die er anrichtet.
    Bildmitte: Der Gott von Kashima reitet eilig herbei. Links der Donnergott.
    Unten: Der „Schlussstein“ (kanameishi 要石) und der schlafende Gott Ebisu, der den Gott von Kashima vertreten sollte.

    Obwohl Ebisu oft als lachender, jugendlicher Glücksgott dargestellt wird, gibt es auch Legenden, denen zufolge er schwerhörig ist und aus diesem Grund den alljährlichen Aufruf an die Götter, sich im Oktober in Izumo zu versammeln, nicht hört (oder hören will). Er bleibt daher als „Aufpassergott“ (rusugami) in seiner Heimatregion. Doch auch diese Aufgabe erfüllte er im 10. Monat 1855, als der Erdbebenwels das große Ansei-Beben verursachte, nicht sorgfältig genug.

  4. Seppuku namazu.jpg

    Erdbeben-Wels

    Welsbild, namazu-e. 1855
    Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 9

    Der Erdbeben-Wels ist von einem Pfeil des Gottes von Kashima getroffen worden und begeht Selbstmord durch seppuku (Harakiri). Im Hintergrund, unterhalb des Gottes, sind links die verstorbenen Opfer des Bebens, rechts die Geschädigten (Großhändler, Daimyos, etc.) zu sehen. Aus dem Bauch des Welses strömt Geld (das offenbar den Armen zugute kommt).

  5. Namazue daikoku.jpg

    Welsbild mit Daikoku

    Blockdruck, namazu-e. Wahrscheinlich 1855
    Bildquelle: Tokyo Metropolitan Library. (Letzter Zugriff: 2011/3)

    Bildinhalt: Nachdem der Gott von Kashima (Bildmitte) den Wels wieder unter Kontrolle gebracht hat, tritt der Glücksgott Daikoku auf den Plan und lässt Geld regnen, das den einfachen Bauarbeitern zugute kommt. Der Text ist ein „Erdbeben-Abwehr-Lied“, welches besagt:

    Der Wassergott (Mizu-no-kami) hat uns das Leben gerettet, jetzt gehen wir zu den Huren (Rokubu), wie schön!

    Bilderläuterung: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 319–320.

  6. Namazu kanemochi.jpg

    Abtransport des Reichtums (Mochimaru takara no debune)

    Welsbild, namazu-e. 1855
    Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 225 und 299 (#90)

    Ein Erdbeben-Wels schüttelt einen reichen Kaufmann, bis er Geld erbricht, um das sich die Armen raufen. Der Wels mahnt den Kaufmann, in Zukunft mehr Mitleid mit den Armen zu haben. Die Armen wiederum meinen, dass es besser ist, das Geld im Bordell auszugeben, da sowieso bald wieder ein Erdbeben kommt.

  7. Namazu bordell.jpg

    Quartier der Strapazen und Feuersbrünste

    Welsbild, namazu-e. Wahrscheinlich 1855
    Bildquelle: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 227 und 314

    Notdürftig maskierte Erdbeben-Welse besichtigen ein Bordell und werden von den dortigen Damen an den Bärten herangezogen. Das Bild trägt den Titel „Unterkunft der Strapazen und Feuersbrünste“. Unter „Unterkunft“ oder „Leihwohnung“ (jap. karitaku) verstand man zu dieser Zeit billige Bordelle. Diese waren als Ersatz für das vom Erdbeben zerstörte Nobel-Freudenviertel Yoshiwara errichtet worden. Somit wurde dank des Erdbebens die Prostitution in Edo weiter verbreitet und allgemein erschwinglicher. Auch das ein „positiver“ Effekt für die ärmere Bevölkerung.

  8. Namazue ise pferd 1855.jpg

    Das Götterpferd des kaiserlichen Ise Schreins

    Welsbild, namazu-e. 1855
    Bildquelle: Tokyo Metropolitan Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Dieses Bild zeigt, wie die Gottheit von Ise, hier als Pferd dargestellt, den Erdbebenwels besiegt. Es entstand in der Folge des großen Erdbebens von 1855 (Ansei 2), das vor allem in Edo (Tokyo) großen Schaden anrichtete. Der dem Bild eingeschriebene Text berichtet davon, dass die Gottheit von Ise im Zuge des Erbebens als weißes Pferd durch die Straßen der Stadt gallopierte und all jene, die zu ihr beteten, vor Unheil bewahrte. Zur gleichen Zeit erfreuten sich Wallfahrten nach Ise einer großen Beliebtheit. Es kündigte sich darin bereits eine neue Aufwertung des Tenno an, die schließlich im Jahr 1868 in Gestalt der Meiji-Restauration vollzogen wurde.

  9. Namazu ken zenkoji.jpg

    Namazu, Amida und Geisha

    Welsbild, namazu-e von Utagawa Kuniteru (1808–1876)
    Bildquelle: University of Tokyo Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Das älteste erhaltene Namazu-Motiv stellt eine Ken-Spiel-Situation dar. Von diesem Motiv gibt es einige Varianten, die alle von Utagawa Kuniteru 歌川国輝 (1808–1876) angefertigt wurden.

    Hintergrund ist das Erdbeben im Tempel Zenkō-ji in Nagano (damals Shinano oder Shinshū) im Jahr 1847. Dieses Beben fand genau zu dem Zeitpunkt statt, als der Tempel seine berühmte Amida Statue ausstellte und damit zahlreiche Pilger aus dem ganzen Land anzog. Viele Pilger fielen dem Beben zum Opfer, doch der Tempel selbst blieb weitgehend unversehrt, was als Wunder des Amida angesehen wurde.

    Das Bild zeigt den Buddha Amida (der in späteren Bildern durch den Gott von Kashima ersetzt werden wird), den Erdbeben-Wels und eine Geisha. Wie beim Ken-Spiel üblich ist jeder von ihnen einem überlegen, dem anderen unterlegen: Amida ist stärker als Namazu, Namazu ist stärker als Geisha, Geisha ist stärker als Amida, was vielleicht als Seitenhieb auf den Buddhismus zu verstehen ist. Große buddhistische Tempel boten nämlich Ende der Edo-Zeit stets auch Vergnügungs- und Freuden­vierteln Platz — so auch der Zenkō-ji in Nagano.

    Der Text enthält zum einen ein „Ken-Lied“, das humoristisch auf die Ereignisse Bezug nimmt, zum anderen eine Kurzdarstellung der Zerstörungen im Nachrichtenstil. Wie die meisten Welsbilder zählt auch dieses zum Genre der kawaraban, einer Art Zeitung der späten Edo-Zeit.

    Bilderläuterung: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 240-41 (#2)

  10. Namazu ken.jpg

    Erdbeben Ken

    Welsbild, namazu-e
    Bild © University of Tokyo Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Das Bild illustriert ein Sprichwort der Edo-Zeit: „Die größten Gefahren sind: Erdbeben, Gewitter, Feuer — und Väter.“ Donnergott, Erdbeben-Wels und Feuer spielen Ken, der Vater bewirtet sie dabei.

  11. Ryuko sannin.jpg

    Bekannte Figuren im Rausch

    Welsbild, namazu-e
    Bildquelle: University of Tokyo Library. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Ein Reicher, eine Geisha und ein Handwerker verzehren zusammen einen Wels. Der Text besagt: Der Reiche, ein zorniger Trinker; der Handwerker, ein fröhlicher Trinker; die Geisha, eine weinende Trinkerin. Noch einmal wird hier satirisch auf die vom Erdbeben betroffenen Berufsgruppen angespielt. In der Darstellung nehmen die drei unbewusst Haltungen ein, die den Gesten des Ken-Spiels ähneln.

  12. Namazu.jpg

    Die Namazu von Shinano und Edo

    Blockdruck, namazu-e (Papier, Farbe). 1855
    Bild © Kichō shiryō gazō database, (Tokyo Metropolitan Library) Stichwort 鯰. (Letzter Zugriff: 2011/10)

    Die beiden Welse in der Bildmitte tragen die Schriftzeichen für „Shinshū“ und „Edo“. Dies bezieht sich auf das sog. Zenkō-ji Erdbeben in Shinano (Shinshū, heute Nagano, 1847) und das Erdbeben in Edo (1855). Der groß geschriebene Text ist ein „Erdbeben-Abwehr-Lied“, in dem die neuen Freudenviertel, die nach dem Erdbeben errichtet wurden, gefeiert werden.

    Ganz oben sieht man den verzweifelten Gott von Kashima, darunter den Donnergott. Die meisten Bürger der Stadt sind wütend auf die Namazu, manche aber zweifeln.

    Bilderläuterung: Miyata Noboru, Takada Mamoru, Namazue: Shinsai to Nihon bunka. Tokyo: Ribun Shuppan, 1995, S. 266–267.

Literatur und Links

Miyata Noboru 宮田登 und Takada Mamoru 高田衛 (Hg.) 1995
Namazue: Shinsai to Nihon bunka 鯰絵―震災と日本文化. Tokyo: Ribun Shuppan 1995.
Sepp Linhart 1998
Ken no bunkashi 拳の文化史. Tokyo: Kadokawa Shoten 1998. [Kulturgeschichte des Ken-Spiels.]
Sepp Linhart 2005
„Kawaraban: Enjoying the News when News was Forbidden.“ In: Susanne Formanek und Sepp Linhart (Hg.), Written Texts – Visual Texts. Woodblock-printed Media from Premodern Japan. Amsterdam: Hotei Publishing 2005, S. 231–250.
Gregory Smits 2006
Shaking up Japan: Edo Society and the 1855 Catfish Picture Prints.“ Journal of Social History 39/4 (2006), S. 1045–1078.


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