Neue Religionen
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Haupttempel der Sekte Sukyō Mahikari (Verehrung des Lichts)
- Tempelhalle; Takayama
Bild © Religious Information Center. (Letzter Zugriff: 2010/8)
Deguchi Nao (1837–1918)
- Bild © Oomoto. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Nao ist die Gründerin der neureligiösen Ōmoto. Sie stammte aus einer verarmten Tischlerfamilie.
Eine in Japans religiöser Landschaft nicht zu übersehende Entwicklung der letzten 150 Jahre ist das Aufkommen sogenannter Neuer Religionen. Heute zählen etwa 300 Gruppierungen dazu. Der Ausdruck „Neue Religionen“ (shinshūkyō (shinshūkyō 新宗教 — Neue Religion oder Neureligion (seit Beginn der Moderne) )) ist selbst bereits in die Jahre gekommen und bezeichnet daher nicht unbedingt die allerneuesten Trends. Die ältesten „Neuen Religionen“ entstanden bereits im frühen neunzehnten Jahrhundert, in der politisch instabilien bakumatsu (bakumatsu 幕末 — Ende des Shōgunats, 1853–1867 …⇒) Zeit. Da man diese Bewegungen meist weder dem Buddhismus noch dem Shinto eindeutig zuordnen kann, hat sich der unbestimmte Begriff „Neue Religion“ als praktisch erwiesen.
Viele Neue Religionen, die nach Beginn der japanischen Modernisierung/ Verwestlichung (1868) entstanden, bekennen sich zu einem monotheistischen Gottesbegriff: Der Eine Gott ist der Schöpfer aller Dinge, alle Menschen sind seine Kinder. Christliche Einflüsse sind dabei unverkennbar. Die Neue Religion Seichō-no-ie (Seichō-no-ie 生長の家 — wtl. „Haus des Wachstums“, eine Neureligion, gegründet 1930 ) zählt z.B. das Johannes Evangelium zu ihren heiligen Büchern. Andere identifizieren die einzige Gottheit mit der Sonnengöttin Amaterasu (Amaterasu 天照 — Sonnengottheit, Ahnherrin des Tennō …⇒) und wollen alle Religionen der Welt durch die Sonnenverehrung vereinigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Bewegungen weisen drüber hinaus auch Einflüsse aus dem indischen und tibetischen Buddhismus auf.
Bei aller Vielfalt haben die meisten Neuen Religionen ein Merkmal, das sie von den traditionellen Formen abhebt, nämlich die starke Einbeziehung der Laien. Viele sind überhaupt als Laienbewegungen bereits existierender Richtungen entstanden. Regelmäßige Gottesdienste, wie sie im Christentum zwar gebräuchlich, im traditionellen Buddhismus aber ungewöhnlich sind, zählen ebenso zu den Kennzeichen Neuer Religionen wie von allen Gläubigen befolgte tägliche Rituale und Gebete. Auch die Gründer der Neuen Religionen sind in der Regel charismatische Laien, nicht selten Frauen. Diesen Gründerfiguren wird ein messianischer Charakter zugesprochen, sie gelten als Mittler und Verkünder einer Heilslehre, die von nun an die Menschheit retten soll.
Nicht nur auf dem Gebiet des Zeremoniells, auch ökonomisch ist der Beitrag der einzelnen Gläubigen zu den neuen Religionsgemeinschaften meist überproportional hoch. Einzelne neureligiöse Gemeinschaften verfügen daher über beachtliche ökonomische Resourcen, was sich in Form von spektakulären Tempelbauten, aber auch im Besitz von Museen und Bildungsinstitutionen äußern kann. Einige Religionsgründer neueren Typs, wie etwa Fukami Tōshu von WorldMate, versuchen erst gar nicht, den Verdacht der Geschäftemacherei von sich zu weisen, sondern erklären ökonomischen Erfolg zum Beweis ihrer spirituellen Fähigkeiten.
Beispiele
Sōka Gakkai
Haupttempel (Shōhondō)
- Tempelhalle (Stahlbeton) von Yokoyama Kimio. 1972
Bildquelle: Peter Cresswell, (Blog). (Letzter Zugriff: 2011/7)
Shōhondō, wurde als modernes Zentrum des Nichiren-Glaubens von Architekt Yokoyama Kimio am Fuße von Berg Fuji errichtet und maßgeblich durch eine Spendenaktion der Sōka Gakkai finanziert. Das Gebäude, das Ähnlichkeiten mit dem Tokyoter Olympia Stadium aufweist, galt als Meilenstein der modernen japanischen Architektur. In der Folge eines Zerwürfnisses zwischen Sōka Gakkai und der orthodoxen Nichiren-Fraktion Nichiren Shōshū wurde das Gebäude jedoch 1998 wieder abgerissen.
Die vielleicht erfolgreichste und zahlenmäßig stärkste Neureligion Japans ist die buddhistische Sōka Gakkai (Sōka Gakkai 創価学会 — wtl. in etwa „Organisation zum Studium vermehrter Werte“; neu-religiöse buddhistische Laienorganisation, gegr. 1930 ) („Wertvermehrungs Gesellschaft“), die 1930 als Laienbewegung der Nichiren (Nichiren 日蓮 — Begründer des Nichiren Buddhismus, 1222–1282. …⇒) Schule gegründet wurde. Die Sōka Gakkai zählt heute innerhalb Japans geschätzte zehn Millionen Anhänger, ist aber auch im Ausland missionarisch tätig und soll etwa eine Million nicht-japanische Mitglieder haben. Die Gruppierung zeichnete sich besonders in ihrer Anfangszeit durch eine straffe innere Organisation und eine oft als „militant“ kritisierte Missionierungsstrategie aus, die sich auf Nichirens Motto „Brechen und Unterwerfen“ (shakubuku (shakubuku 折伏 — „brechen und unterwerfen“; Motto → Nichirens …⇒)) beruft. Diese Strategie führte zu einer Polarisierung in überzeugte Anhänger und erbitterte Gegner der Sōka Gakkai, die bis heute anhält, obwohl die Militanz der Gruppierung zumindest in ihrem Auftritt nach außen heute weitgehend verschwunden ist.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand aus der Sōka Gakkai eine eigene politische Partei, die Kōmeitō (Kōmeitō 公明党 — „Partei der öffentlichen Sauberkeit“, buddhistisch orientierte politische Parlamentspartei ) (Partei der „öffentlichen Sauberkeit“, gegr. 1964, 1998 Neugründung als „New Kōmeitō“). Sie ist tendenziell konservativ ausgerichtet, setzt sich aber ebenso wie die Sōka Gakkai besonders für die Erhaltung von Frieden und „Humanität“ ein. Auch haben beide, Sōka Gakkai und Kōmeitō, eine traditionell kritische Haltung gegenüber jeder Form des Staatsshinto. Heute besteht zwischen der Neuen Kōmeitō und der Sōka Gakkai kein formaler Zusammenhang mehr, doch taucht die gegenseitige Beeinflussung von Religion und Politik, die von der japanischen Verfassung besonders streng geahndet wird, immer wieder in Diskussionen rund um die Sōka Gakkai auf. In den 1990er Jahren ist es überdies zu einem Zerwürfnis zwischen Sōka Gakkai und anderen Fraktionen des Nichiren Buddhismus gekommen, was aber nichts daran ändert, dass die Lehren Nichirens und des Lotos Sutras nach wie vor im Zentrum der Sōka Gakkai stehen.
Tenri-kyō
Gottesdienst der Tenrikyō
- Zeremonie
Bild © Tenrikyo Kyunsang Church. (Letzter Zugriff: 2005/7)
Tenri-Anhänger bei einer Messe im Haupttempel.
Unter den alten Neuen Religionen möchte ich als Beispiel die Tenri Schule (Tenri-kyō (Tenri-kyō 天理教 — „Schule des Himmlischen Prinzips“; neureligiöse Gruppierung, gegr. 1838 )) anführen. Sie wurde 1838 von der damals 41jährigen Nakayama Miki nach einer göttlichen Offenbarung gegründet. Ihre Anhänger sehen in Nakayama einen lebendigen Schrein, in den sich die höchste Gottheit eingenistet hat und durch den sie spricht. Nakayama wird von den Gläubigen ehrfürchtig als oya-sama (ehrwürdige Mutter) bezeichnet. In ihrer Lehre finden sich bekannte Motive aus Shinto und Buddhismus wieder, allgemein wird die Tenri-kyō allerdings zu den Shinto-artigen Neuen Religionen gezählt. Wichtig ist vor allem eine klösterlich anmutende Abfolge von rituellen Gesängen, die auch von Laienanhängern über den ganzen Tag verteilt regelmäßig praktiziert werden. Gläubige sind weiters dazu angehalten, ihre Zugehörigkeit durch eine Art Uniform zum Ausdruck zu bringen. Schließlich legt die Tenri-kyō besonderen Wert auf Sauberkeit, nicht nur innerlich sondern auch im wörtlichen Sinn. Das Zentrum der Glaubensrichtung ist ein riesiges Holzbauwerk im Stil buddhistischer Tempel unweit von Nara (Nara 奈良 — Hauptstadt und Sitz des Tenno, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō …⇒). Rundherum ist mittlerweile die Stadt Tenri entstanden, die u.a. auch über eine eigene Universität verfügt. Die Universität zieht aufgrund ihrer reichhaltigen Bibliothek auch Wissenschaftler außerhalb der Tenri-kyō an. Die Betonung der Bildung in der Tenri-kyō steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu der sehr einfach und beinahe naiv anmutenden Struktur der Religion.
Wie auch in anderen „shinto-artigen“ Neuen Religionen, steht der Tenno nicht im Zentrum der Verehrung. Wenn die Tenri-kyō sich auch eindeutig als japanische Religion versteht, hat sie im Ausland eine erfolgreiche Missionstätigkeit entwickelt. Insgesamt hat sich die Tenri-kyō weitgehend in das traditionelle Bild von Religion eingefügt und hat für die meisten Japaner kaum einen sonderbaren oder verdächtigen Anstrich. Ausländer wie ich fühlen sich angesichts der gleich angezogenen, gleichermaßen freundlichen und gleichermaßen auf Sauberkeit bedachten Gläubigenmassen in Tenri allerdings doch unwillkürlich an Brave New World erinnert.
Aum Sekte (heute Aleph)
Asahara Shōkō
- Portraitfoto
Bild © Time Magazine, Apr. 3, 1995. (Letzter Zugriff: 2011/8)
Der Führer der Aum-Sekte, Asahara Shōkō, auf dem Titelblatt des Time Magazine, unmittelbar nach dem Giftgasanschlag in Tokyo 1995.
Zu den bekanntesten „Neu-Neuen Religionen“ (shin shinshūkyō) zählt zweifellos die sogenannte Aum Sekte (jap. Ōmu Shinri-kyō (Ōmu Shinri-kyō オーム真理教 — Aum Sekte, wtl. „Lehre vom Wahren Prinzip des [Mantras] Om“; neureligiöse Bewegung )) von Asahara Shōkō (Asahara Shōkō 麻原 彰晃 — (1955–) Führer der Aum-Sekte, als Drahtzieher des Tokyoter Giftgasanschlags (1995) zum Tode verurteilt ), die 1995 durch einen Giftgasanschlag in der Tokyoter U-Bahn weltweit Aufsehen erregte. Diese Gruppierung orientierte sich zunächst stark an westlich-esoterischen Bewegungen und nahm über diesen Umweg auch Elemente aus dem indischen und tibetischen Buddhismus auf. Es gelang ihr, die für manche Neuen Religionen typische Selbstausbeutung ihrer Anhänger so weit zu instrumentalisieren, dass sie trotz vergleichsweise geringer Anhängerschaft in den Besitz beachtlicher Reichtümer gelangte. Während einfache Mitglieder durch strenge Askese (z.B. Schlafentzug) oder Drogen weitgehend willenlos gemacht wurden, bildete sich innerhalb der religiösen Führungsschichte eine paramilitärische Kaderschmiede, zu der auch begabte Wissenschaftler zählten. Nach ersten Missionserfolgen versuchte sich Asahara Anfang der 90er Jahre auch in Japans Politik. Als er bei Wahlen scheiterte, entwickelte er mit seinem Führungsstab terroristische Strategien, um die Gesellschaft in seinem Sinne zu beeinflussen. 1995, nach dem Giftgasanschlag tauchte Asahara unter, konnte aber festgenommen werden und wurde mit mehreren anderen Anhängern zum Tode verurteilt.
Wie viele andere Neue Religionen missionierte auch die Aum Shinrikyō kräftig im Ausland, v.a. in Russland fand sie zahlreiche Anhänger. Nach dem Giftgasanschlag und der Verurteilung Asaharas kam es zu einer Art Neugründung unter dem Namen „Aleph“, die sich von den kriminellen Aktionen der Aum distanzierte.
Weiterführende Informationen
- Ian Reader 2000
Religious Violence in Contemporary Japan: The Case of Aum Shinrikyo. London: Curzon.Unter westlichen Wissenschaftlern gilt Ian Reader als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Neuen Religionen. - Inken Prohl 2000
"Die spirituellen Intellektuellen" und das New Age in Japan. Hamburg: OAG. - Iris Wieczorek 2001
„Religion und Politik in Japan: Soka gakkai und Komeito.“ Buddhismus in Geschichte und Gegenwart, Bd. 6. Universität Hamburg: Asien-Afrika-Institut, S. 77–104. [Online publiziertes Vortragsmanuskript.] - Birgit Staemmler 2009
Chinkon kishin: Mediated Spirit Possession in Japanese New Religions. Berlin: Lit. Verlag. - Japanische Religionen im Internet, Universität Tübingen
Dieses bereits erwähnte Internet-Forschungsprojekt, das sich die Selbstdarstellung japanischer Religionen im WWW zum Ziel gesetzt hat, widmet den Neuen Religionen breiten Raum. - Aum Shinrikyo
Sect Profile auf der Website New Religious Movements der University of Virginia. [Über Internet Archive, 2010/8]Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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