Religion und Brauchtum im Jahreszyklus
Das Jahr ist in Japan seit jeher durch bestimmte Feiertage strukturiert, die stets auch eine religiöse Bewandtnis haben. Viele Feste hatten ursprünglich mit der Landwirtschaft (Beginn der Aussaat, Ernte, etc.), bzw. mit dem Kalender (Tag- und Nachtgleiche, Sonnenwende) zu tun. Daher gibt es beinahe jeden Monat ein landesweites traditionelles Fest, das Anlass für einen Tempel- oder Schreinbesuch bietet. Wie in anderen modernen Gesellschaften auch nimmt die Bedeutung dieser traditionellen Festlichkeiten in Japan langsam ab. Für die meisten Japaner sind jedoch mindestens zwei Feiertage Anlass für traditionelle Feiern: Neujahr (O-shōgatsu ((O)shōgatsu (御)正月 — Neujahr, Neujahrsfest )) und das Bon-Fest (O-bon ((O)Bon (お)盆 — Bon-Fest (Ahnenfest) )).
In gewisser Hinsicht sind diese Feiern mit Weihnachten und Ostern vergleichbar. Auch sie ranken sich um die zwei großen religiös besetzten Themen Geburt und Tod. Der japanische Jahresbeginn hat zwar auf den ersten Blick nicht soviel mit Geburt zu tun wie das christliche Weihnachtsfest, doch als Beginn des Jahres symbolisiert er — stärker als im Westen — einen Neuanfang. In früherer Zeit zählten die Menschen ihre Lebenszeit danach, wie viele Neujahrstage sie bereits erlebt hatten, und noch heute feiert man in Japan das erste Neujahr eines Babys ähnlich wie im Westen die Taufe. Das Bon-Fest, das gefeiert wird, wenn der Sommer zu Ende geht, dient der Erinnerung an die Ahnen und wirft damit ähnliche Fragen auf wie die christlichen Osterfeiern — allerdings sind die religiösen Antworten sowohl auf theologischem als auch auf rituellem Gebiet ganz andere.
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Oshōgatsu — Neujahr
Traditionelle Federballschläger (hagoita)
- Bild © Anchoco, flickr 2006. (Letzter Zugriff: retrieved, 2011/11/21)
Da diese Federballschläger als Geschenk für Mädchen gedacht sind, herrschen Geisha-Motive vor.
Der Beginn des Neuen Jahres ist traditionellerweise einem Schreinbesuch reserviert. Diesen Schreinbesuch nennt man hatsumōde (hatsumōde 初詣 — Schrein-Neujahrsbesuch ), „Erstes Aufsuchen [der Götter]“. Die meisten Japaner befolgen diesen Brauch, unabhängig davon, ob sie überzeugte Shintoisten, Buddhisten, Christen oder Agnostiker sind. Berühmte Schreine ziehen daher zu Neujahr unglaubliche Menschenmassen an. Am populärsten in dieser Hinsicht ist der Meiji Schrein (Meiji Jingū 明治神宮 — Mausoleum des Meiji Tennō in Tokyo …⇒) in Tokyo; wo jedes Jahr mehrere Millionen Menschen ihre erste Neujahrs-Schreinandacht begehen. Aber auch der Asakusa Tempel (Sensō-ji 浅草寺 — Tempel in Tokyo; auch: Asakusa-dera …⇒) in Tokyo wird zu Neujahr Ziel von Millionen Besuchern, obwohl er eigentlich ein buddhistischer Tempel ist. Viele Japaner gehen aber auch einfach zum nächsten größeren Schrein oder Tempel.
Spezielle Glücksbringer
Die hatsumōde ist nichts anderes als ein normaler Schreinbesuch ((o)mairi ((o)mairi (お)参り — Schrein- oder Tempelbesuch …⇒)) mit dem einzigen Unterschied, dass man sich an diesem Tag erst einmal lange anstellen muss, bevor man eine kurze Andacht vor der Gottheit abhalten kann. Außerdem kleiden sich viele Besuche dem Anlass entsprechend, oft in traditionellen Kimonos. Auch gibt es zu Neujahr spezielle Glückbringer zu kaufen: hamaya (hamaya 破魔矢 — Glückspfeil, wtl. Dämonentöter-Pfeil ) (wtl. „Dämonentöter“), weiß gefiederte Pfeile, die man sich nach Hause mit nimmt. Es sind Waffen gegen böse Geister.
Etwas teurer und nicht überall zu finden sind hagoita (hagoita 羽子板 — Federball-Schläger ): das sind eigentlich Schläger für das traditionelle Federballspiel, das heute nur noch selten gespielt wird. Dafür sind die Schläger umso dekorativer und dienen als Ziergegenstände. Die berühmtesten Souvenirläden für hagoita gibt es rund um den Asakusa Tempel in Tokyo. Vor allem für neugeborene Mädchen kauft man zu Neujahr einen solchen verzierten Federballschläger. Weniger luxuriös, dafür aber an jeder Ecke zu finden ist Neujahrsschmuck für die Eingangstüre des Hauses oder der Wohnung (kadomatsu (kadomatsu 門松 — Neujahrsschmuck )). Dieser Schmuck ist fast ausschließlich aus natürlichen Materialien hergestellt, die eine glücksverheißende Symbolik besitzen: Die wichtigsten Element sind Pinienzweige (Sinnbild des langen Lebens) und Bambus (Sinnbild der Jugend).
Obon - das Fest der Ahnen
Mitte August wird das Bon ((O)Bon (お)盆 — Bon-Fest (Ahnenfest) )-Fest gefeiert. In dieser Zeit kommen die Geister der Ahnen aus dem Jenseits auf Besuch. Es ist also eine Zeit, in der man sich auf die Familie, bzw. die Großfamilie inklusive der bereits verstorbenen Generationen besinnt. Ebenso wie Neujahr hat Obon eine öffentliche und eine private Seite. Die öffentliche Seite macht sich in der modernen Stadtlandschaft vorwiegend dadurch bemerkbar, dass gegen Abend von überall her Trommelklänge und traditionelle japanische Musik erklingen. Viele Leute sind im leichten Sommer-Kimono (yukata) unterwegs, um an Volkstänzen teilzunehmen, die in diesem Falle meist von den buddhistischen Tempeln veranstaltet werden. Das sind die berühmten bon odori (bon'odori 盆踊 — Bon-Tänze ), Bon-Tänze, die zumeist kaum einen religiösen Bezug erkennen lassen, aber wohl dadurch gerechtfertigt sind, dass man den Ahnen Freude bereiten will (Tanz, Gesang und Theater sind traditionellerweise ein sehr wichtiger Bestandteil japanischer Rituale, Spaß ist nicht verboten).
Privat spielt der buddhistische Hausaltar (butsudan (butsudan 仏壇 — buddh. Hausaltar …⇒)) die zentrale Rolle, denn hier sind die Ahnen ja auch sonst das ganze Jahr über präsent. Alle Opfer für die Ahnen (meist Nahrung) werden daher vor dem besonders festlich hergerichteten Hausaltar aufgestellt. Viele besuchen auch das Familiengrab auf dem Friedhof und hängen dort Papierlaternen auf. Auf diese Weise werden die Ahnen willkommen geheißen (das Entzünden der Laternen heißt mukaebi (mukaebi 迎え火 — Begrüßungslicht ), „Begrüßungslicht“). Da man zu diesem Zweck den Hauptsitz der Familie aufsuchen muss, viele aber in Kleinfamilien weit entfernt in der Stadt wohnen, ist Obon die gefürchtetste Reisezeit innerhalb Japans.
In darstellerischer Hinsicht sind Feuer und Licht die essentiellsten Elemente der Bon-Feiern. Das reicht von kleinen dekorativen Feuerwerkskörpern (hanabi), die die Kinder überall entzünden, bis zu riesigen öffentlichen Feuerwerken, die gerne zu dieser Zeit veranstaltet werden. Und schließlich gibt es stets eine unübersehbare Anzahl von Lampions, bzw. Papierlaternen. Es besteht z.B. am letzten Abend der Bon-Feiern der Brauch, angezündete Papierlaternen in kleinen Booten zu Hunderten die Flüsse hinunterfahren zu lassen (tōrō nagashi (tōrō nagashi 灯篭流し — Laternenflotte )). Dies symbolisiert die Verabschiedung der Ahnen, die nun durch ein „Verabschiedungslicht“ (okuribi (okuribi 送り火 — Verabschiedungs-Licht )) wieder ins Jenseits zurück geleitet werden sollen. Die spektakulärste Verabschiedung der Ahnen findet in Kyoto statt. Dort werden am letzten Bon-Feiertag an fünf Berghängen, die die Stadt umgeben, riesige Schriftzeichen entzündet, um die Seelen ins Jenseits zu geleiten. Am deutlichsten ist das überdimensionale Schriftzeichen für „groß“ (Dai-monji (Dai-monji 大文字 — Das Zeichen „Groß“, das beim Bon-Fest in Kyoto mit Feuer gebildet wird )) am östlichen Stadtrand zu erkennen.
Zu den Ursprüngen des Bon Fests siehe Kapitel Mythen, Hungergeister.
Andere Feiertage
Neben dem Neujahrsfest am 1.1. feiert man in Japan am 3.3. traditionellerweise das Puppenfest (hina matsuri (Hina Matsuri 雛祭 — „Puppenfest“; jahreszeitliches Fest am 3.3. )), am 5.5. das Knabenfest (kodomo no hi (Kodomo no hi 子供の日 — Kinder- bzw. Knabenfest am 5.5. )), und am 7.7. das Tanabata (Tanabata 七夕 — Tanabata-Fest )-Fest. Früher gab es auch Feste am 9.9. und am 11.11. Die gegenwärtigen Formen dieser Feiern stammen im allgemeinen aus der Meiji (Meiji 明治 — posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt …⇒)-Zeit, doch gibt es eine Reihe von Vorläufern, die auf die jahreszeitlichen Zeremonien (nenjū gyōji (nenjū gyōji 年中行事 — Jahresfeste )) am Hof des Tenno zur Heian (Heian 平安 — alter Name Kyotos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit) …⇒)-Zeit zurückgehen. Diese wiederum orientierten sich nicht nur an einheimischen Vorstellungen sondern auch am chinesischen Hofritual (s. Kami-Kulte im Altertum). Die Assoziationen der traditionellen Feiertage mit den Hofriten des Tenno oder gar der antiken chinesischen Kaiser sind im heutigen Japan zwar kaum noch präsent, doch zumindest zu Neujahr zieht es Millionen Menschen zum Meiji Schrein, in dem der zum Gott erklärte Meiji Tenno verehrt wird.
Links
- Hatsumode, Endō Jun (en.)
Lexikonartikel zum Neujahrs-Schreinbesuch aus der Encyclopedia of Shinto. - Hinamatsuri, Petra Raab (Japanologie, Wien)
Webartikel zum Thema Puppenfest.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Aug. 2010
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