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Bernhard Scheid, „Opfergaben.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.11.2017). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag/Opfergaben?oldid=68201
 Kagamimochi_meiji.jpg

Reisopfer (kagami mochi)

Opfergabe (Reis); Tōkyō, Meiji Schrein
Bild © Guido Gautsch, 2007, flickr. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

Opfergaben in Form von kagamimochi am Meiji Jingū in Tōkyō. Gestampfter Reis (mochi) zu runden "Spiegeln" (kagami) geformt.

. 1 Kagamimochi (Opferreis)

Religiöse Opfergaben begegnen einem in Japan an allen möglichen und unmöglichen Orten. Der Charakter dieser Opfergaben ist dabei betont friedvoll, Blutopfer, wie sie beispielsweise auf dem asiatischen Kontinent keine Seltenheit sind, findet man im religiösen Alltag Japans keine. Die Vorstellung, dass ein Opfer mit Entbehrung und mit Töten zu tun hat, ist nicht einmal auf der symbolischen Ebene präsent. Im Kontext der japanischen Religion ist das Opfer daher eher als Spende (offering) zu ver­ste­hen und tatsächlich gibt es im Japanischen auch ter­mino­logisch keine klaren Unter­schiede zwischen Spende und Opfer (sonaemono sonaemono 供え物 Opfergabe, hōken hōken 奉献 Spende, Opfergabe, Widmung, kuyō kuyō 供養 Opfer(ritus), Spende; auch: Totenritualsiehe auch→ Alltag/Opfergaben/Blut- und Selbstopfer ). Hingegen könnte man eine Opfer­gabe im Japani­schen nicht mit dem gleichen Wort wie ein Mord-Opfer (giseisha) be­zeich­nen, wie im Deutschen. „Opfer“ bedeutet also nicht so sehr Schmerz und Ver­zicht, sondern eher einen po­si­tiven Bei­trag zu Ehren einer Gott­heit. In den meisten Fällen ist damit die Erwartung einer kon­kreten Ge­gen­leis­tung seitens der Gott­heit verbunden. Opfer­gaben in diesem Sinne gehören seit jeher zur Aus­übung von Religion in Japan, unabhängig ob shin­tō­istisch oder bud­dhis­tisch.

Opferformen

  gohei.jpg

Papieropfergabe (gohei)

Gohei (Weißes Papier, Bast)
Bild © taima.org, (Cannabis in Japan). (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

Zeremonielles Dekor für Shintō-Riten. Abgesehen von Papier in der charakteristischen Zickzack Form sind auch Bastfäden des Papiermaulbeerbaums zu erkennen. Diese dürften die ursprüngliche Form der gohei (auch heihaku) dargestellt haben.

. 2 Papieropfergabe
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Tsurugaoka Hachiman Schrein, Kamakura
Bild © Olivier Théreaux, 2004. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

Sake und Bier als Opfergaben (sonaemono) am Tsurugaoka Hachiman Schrein.

. 3 Opfer-Sake

Geldspenden (saisen saisen 賽銭 Spende, Spendengeld) sind heute die gän­gig­ste Form der Opfer­gabe. Die Summe kann von ein paar Yen-Münzen, die man in den saisen bako saisen bako 賽銭箱 Spendenbox, Kasten für Spendengeldsiehe auch Omairi wirft, bis zu enormen finanziellen Bei­trägen zur Er­hal­tung oder Er­neuerung religiöser An­lagen reichen. Daneben gibt es eine Unzahl von symbo­li­schen Opfer­gaben, die man an religiösen Orten aufstellen kann. Während die meisten sowohl für kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Schreine→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Omairi → mehr als auch für Buddhas tauglich sind, sind z.B. Räucher­stäb­chen, die die Flüchtig­keit des Daseins ver­an­schau­lichen, stark buddhistisch konnotiert. Das berühmte Zick­zack­papier (gohei gohei 御幣 Papieropfergabe, Zickzack-Papiersiehe auch Schreine → Alltag/Kamidana→ Ikonographie/Shinto-Goetter ) ist dagegen eine symbo­lische Opfer­gabe des Shintō. Es dient häufig zu­sammen mit einem Götter­seil (shimenawa shimenawa 注連縄 shintōistisches „Götter-Seil“; geschlagene Taue aus Reisstroh.siehe auch Shimenawa → Bauten/Schreine→ Grundbegriffe/Stereotype→ Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo → mehr ) zur Kenn­zeich­nung eines sakralen Bereichs.

Nahrungsopfer

Im Unterschied zu Europa, findet man in Japan zahl­reiche religiöse Opfer­gaben in Form von Nahrung. Tieropfer sind allerdings sehr selten, die häufigste Form des Nahrungsopfers ist Reis. Opfer­reis wird meist zu mochi mochi Japanische Reiskuchen, die traditionell vor allem zu Neujahr (O-shōgatsu) gegessen werden.siehe auch→ Mythen/Symboltiere — also zu Teig — gestampft und in eine runde, fla­den­artige Form gebracht. Man nennt dies kagamimochi kagamimochi 鏡餅 Speiseopfer in Form von Reiskuchen (mochi); wtl. Spiegel-Mochi, wtl. „Spiegel-mochi“. Kagami­mochi werden besonders zu Neujahr prächtig arrangiert und den kami dargebracht. Sie werden auf charakteristischen kleinen Opfertischchen (sanbō sanbō 三宝 Drei Schätze oder Drei Juwelen, skt. triratna: Buddha, Dharma, Sangha; im Kontext des Shinto bezeichnet der Begriff ein Opfertischchen, wird in diesem Fall allerdings meist mit den Zeichen 三方 („drei Richtungen“) geschrieben.siehe auch Buddhismus Lehre ) präsentiert.

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Sake-Opfergaben

Koromo; Kamakura
Bild © kamachrome, flickr 2015. (Letzter Zugriff: 2017/2/1)

Gestell mit Opfersake in Strohfässern (koromo) im Tsurugaoka Hachiman Schrein, Kamakura.

. 4 Opfer-Sake

Auch Sake Sake Reisweinsiehe auch→ Alltag/Familie→ Mythen/Goetter der Erde→ Mythen/Verwandlungskuenstler→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e → mehr (Reiswein) wird gern geopfert. Zu großen Feier­tagen werden vor vielen Tempeln und Schreinen Gestelle errichtet, auf denen die de­kora­ti­ven Fässer des gespen­deten Sakes weithin sichtbar ausgestellt sind. Große Sake­brauer­eien vereinigen auf diese Weise Werbung mit frommer Andacht.

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Getränkeopfer

Opfergaben

Sonaemono. 1980; Kyōto
Bild © Curious Museum, (inaktive Website)

Opfergaben (sonaemono) für den Bodhisattva Jizō

In einem etwas be­schei­de­nerem Rahmen werden Früchte und Blumen als Opfer­gaben ver­wendet. Neben den stan­dardi­sierten Opfer­gaben gibt es auch eine ganze Reihe individu­eller Opfer, die Leute aufgrund sehr per­sönli­cher emotionaler Bindungen an bestimmte Gott­heiten spenden. Besonders an weniger pro­mi­nenten sakralen Orten fallen Ge­tränke­dosen, Obst und Kekse ins Auge, die keines­wegs acht­los weg­gewor­fen, sondern sorg­fäl­tig arrangiert sind, um einer Gottheit, die wohl eher Mit­leid als Ehr­furcht erregt, einen Liebes­dienst zu erweisen. Die Jizō Jizō 地蔵 wtl. Schatzhaus/Mutterleib der Erde; skr. Kṣitigarbha; populäre Bodhisattva Figursiehe auch Jizo → Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Alltag/Moenche→ Ikonographie/Jizo/Osorezan→ Mythen/Jenseits → mehr -Statuen für verstorbene Kinder sind beliebte Objekte dieser spirituellen Fürsorge, die sich aber auch auf alle anderen Arten von Gott­heiten beziehen kann. Diese Praxis wirft ein inter­es­san­tes Licht auf das Konzept von Gott­heiten in Japan: Sie sind keineswegs immer überlegen, allwissend und mächtig, sondern können auch hilfs­bedürftig und ungeschickt sein.

Auch im Rahmen häuslicher Rituale vor dem bud­dhis­tischen Hausaltar werden üblicherweise Nahrungs­mittel für die Seelen der Ver­stor­benen dargebracht. Es spricht nichts dagegen, sie nach einer Weile selbst zu essen.

Freilassung von Tieren

Der Grund für das Fehlen von Tieropfern in Japan dürfte im strengen Tötungsverbot des Bud­dhis­mus liegen, das ja auch die traditionelle, über­wiegend vege­tarische Küche Japans stark geprägt hat. Tieropfer lassen sich in den ältesten Texten Japans zwar nach­weisen, doch wurden sie in den meisten Fällen durch die bud­dhis­tische Frei­lassung von Tieren ersetzt. Bei derartigen Zeremonien werden ge­fan­gene Wild­tiere (meist Vögel oder Fische) in einem feierlichen Ritus frei­ge­lassen, um damit gutes Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Tempel→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie → mehr zu er­wirt­schaften. Solche Frei­las­sungs­zeremonien (hōjō-e hōjō-e 放生会 Rituelle Freilassung von gefangenen Tieren) werden sogar in einigen Shintō-Schreinen abgehalten.

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Freilassung von Tieren (hōjō-e)

Schreinzeremonie. 2006; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyōto
Bild © Takakuwa Susumu. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

Unter Aufsicht eines Shintō-Priesters (shinshoku) setzen Mädchen in den traditionellen Kostümen des Gagaku-Tanzes Goldfische frei. Das hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman-Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shintō und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Jahr 2003 neu belebt.

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Freilassung von Tieren (hōjō-e)

Schreinzeremonie. 15. 9. 2011; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyōto
Bild © J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

Mönche des Tendai Buddhismus und Shintō-Priester vollziehen gemeinsam eine hōjō-e Zeremonie, bei der Laien Goldfische freisetzen. Das hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman-Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shintō und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Iwashimizu-Schrein 2003 neu belebt.

. 5 . 6 Hōjō-e, die Freilassung von Tieren

Es gibt allerdings ein paar Ausnahmen von der vegetarischen Opferform, z.B. den Nishinomiya Jinja Nishinomiya Jinja 西宮神社 Ebisu Schrein in der Stadt Nishinomiya, Hyōgo-ken, bei Ōsakasiehe auch Ebisu → Ikonographie/Gluecksgoetter→ Karte Schrein in Ōsaka, wo Fische geopfert werden, oder den Suwa Schrein, wo auch heute noch tote Wildtiere wie Hirsche oder Hasen bei bestimmten Zeremonien als Opfergaben dargebracht werden.

Wertvolle Opfergaben

Aus der Heian Heian 平安 alter Name Kyōtos, eig. Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit (794–1185) gibt es sehr genaue Listen von Opfer­gaben, die den großen Schreinen durch den Hof­staat des Tennō Tennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmelssiehe auch Goetter der Erde → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Weltbild→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja → mehr bei re­gel­mäßi­gen großen Zere­monien dargebracht werden sollten. An prominenter Stelle werden dabei immer Stoffe genannt. Da Stoffe einst eine Art Zah­lungs­mit­tel darstellten, kann man aus diesen Berichten schließen, dass Opfer schon damals im Grunde den Unter­halt von religiösen Ins­ti­tu­tio­nen sichern halfen. Opfer darbringen bedeutet in Japan also in den seltensten Fällen wert­volle Dinge zu Ehren der Gott­heit vernichten, sondern eher wert­volle Dinge zur Unter­stützung des Gottes-Dienstes zu spenden. Als Gegen­leistung werden auf dem Tempel- oder Schrein­areal häufig sichtbare Hin­weise auf die Spender auf­ge­stellt. Stein­laternen (tōrō tōrō 灯篭 Laterne, meist Stein oder Metallsiehe auch Schreine → Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga ) oder Schrein­tore (torii torii 鳥居 Torii, Schreintorsiehe auch Torii → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Schreine→ Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Schreine/Shimenawa→ Bauten/Schreine/Schreinbilder → mehr ) sind beliebte Gegen­stände, auf denen die Namen subs­tan­tieller Spender für alle Welt sichtbar aus­gestellt sind. Die Laternen des Kasuga Schreins Kasuga Taisha 春日大社 Kasuga Schrein, Nara; ehemals Ahnenschrein der Fujiwarasiehe auch Bekannte Schreine → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Mandala → mehr in Nara oder die torii des Fushimi Inari Schreins Fushimi Inari Taisha 伏見稲荷大社 Großschrein der Gottheit Inari in Fushimi, im Süden Kyōtossiehe auch Fushimi → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Bekannte Schreine→ Mythen/Verwandlungskuenstler→ Karte in Kyōto sind dank der zahl­reichen Unter­stützer dieser Schreine zu riesigen Gesamt­kunst­werken zu­sam­men­ge­wachsen. Obwohl die Form der jeweiligen Spenden­objekte stan­dar­di­siert ist, trägt jedes einzelne eine andere Auf­schrift und ist insofern wiederum ein­zig­artig. Am häufigsten kommt diese Form von kollektiven Opfer-Kunst­werken in Form von Votiv­bildern (ema ema 絵馬 Votivbild; wtl. Bild-Pferdsiehe auch Ema ) zum Ausdruck.

Ema: Pferdebilder, auch ohne Pferde

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ema-Votivbilder

Ema

Votivbild, ema (Holz); aus dem Yoshitsune Schrein, Hokkaidō
Bild © Encyclopedia of Shintō, Shintō Museum of Kokugakuin University. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

Schrein-ema mit dem klassischen Pferde-Motiv

Wie bereits erwähnt, werden Tiere im religiösen Kontext Japans üblicherweise nicht getötet, allerdings gibt es sehr wohl Tiere als Opfer oder Spende, die entweder frei­ge­lassen oder auf dem Schrein­gelände gehalten werden. In alter Zeit sah man besonders weiße Tiere als religiös be­deu­tungs­voll1 an und hielt sie in religiösen Kult­stätten fest. Weiße Pferde zählten zur obersten Kategorie solcher Opfer­gaben. Obwohl sich dieser Brauch vereinzelt bis heute gehalten hat, ging man mit der Zeit dazu über, statt lebendiger Pferde Statuen und Bilder dar­zu­bringen.

  ema_kano_sanraku1614.jpg

Klassisches Votivbild mit Pferdemotiv

Gemälde, ema (Farbe und Gold auf Holz) von Kanō Sanraku. Frühe Edo-Zeit, 1614
Bild © Hideyoshi to Kyōto. Toyokuni jinja shahōde [Austellungskatalog], Kyōto: Toyokuni Jinja, 1998.

Das Votivbild (ema) wurde für den Toyokuni Schrein des Toyotomi Hideyoshi in Kyōto angefertigt.

. 7 Traditionelles Pferde-Motiv
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Moderne ema

Votivbild, ema (Holz); Kiyomizu Tempel, Kyōto
Bild © Onizuka Kentarō, 2001. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

Am Kiyomizu-dera in Kyōto hinterlassen auch westliche Touristen gerne ihre Wünsche in Form von ema.

. 8 Moderne ema
  emaden3.jpg

Traditionelle Halle für Votivbilder (ema-dō)

Votivbilder, ema (Holz); Kasuga Jinja, Imai-chō, Kashihara, Nara-ken.

Ema-Halle, wie man sie auch heute noch bei manchen großen Tempeln und Schreinen findet. Neben einigen großformatigen Bildern mit individuellen Motiven, sind kleinformatige, standardisierte Darstellungen zu sehen, einige davon mit Pferdemotiv. Diese Bilder wurden wahrscheinlich — ähnlich wie heute — direkt vor Ort gekauft und gespendet. Einige der Bilder entstanden bereits in der Edo-Zeit.

. 9 Halle für Votivbilder (ema-den)

In vielen Schreinen und Tempeln findet man heute noch die „Hallen der Bild-Pferde“ (ema-dō, ema-den) mit prächtigen Gemälden. Obwohl der Name ema ema 絵馬 Votivbild; wtl. Bild-Pferdsiehe auch Ema (wtl. „Bild-Pferd“) bei­be­halten wurde, findet man auch ganz andere Motive als Pferde dar­gestellt. Schließ­lich wurden diese bild­lichen Opfer­gaben immer kleiner. Heute versteht man unter ema kleine Holz­täfel­chen mit vor­ge­druckten Bildern, die man bei fast jedem Schrein oder Tempel erwerben kann. Kein Opfer ohne bestimmten Zweck: Dem japanischen Ver­ständ­nis von Religion widerspricht es keines­wegs, ema-Täfelchen mit ganz konkreten, durchaus ego­is­ti­schen Bitten zu beschriften, um sie dann als kleine Opfergabe darzubringen (s. Sidepage).

Blut- und Selbstopfer im alten Japan

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Blut- und Selbstopfer

Atsuta no En-Uneme

Farbholzschnitt von Utagawa Kuniyoshi. 1842–43; aus der Serie Honchō nijūshi kō (Vierzwanzig Beispiele kindlicher Pietät aus Japan)
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2017/1/25)

Die tugendhafte En-Uneme bereitet sich mit einem shintōistischen Papieropferstab (gohei) auf die Begegnung mit einer bösen Schlangengottheit vor.

Das Bild entstammt einer Legende, die Anfang der Edo-Zeit unter dem Titel „Enneme aus Atsuta“ von Asai Ryōi (?–1691) verschriftlicht wurde. Die Legende berichtet von einem Waisenkind aus der Gegend des Atsuta Schreins (heute Nagoya), das in ärmlichen Verhältnissen bei einer Tante aufwächst und sich grämt, kein Grab für die Eltern errichten zu können. Sie verkauft sich einem Menschenhändler, um in einer Nachbarprovinz einer Schlangengottheit als Lebendopfer (ikenie) vorgeworfen zu werden, und gibt das Geld der Tante, um damit ein Grab für die Eltern zu finanzieren. Die Gottheit von Atsuta interveniert im letzten Moment und tötet die Schlange. Der eingeschriebene Text erzählt dies in folgenden Worten:

Atsuta no En-Uneme

Als Tochter aus namhaften Haus verlor sie früh ihre Eltern. In ihrem 15. Jahr hörte sie, dass ein tugendhaftes Mädchen von 15 Jahren gesucht wird, um als Lebendopfer einer Riesenschlange aus Ashihara in der Provinz Suruga vorgeworfen zu werden. Selbst ohne Zukunft, verkaufte sie sich selbst als Lebendopfer. Kraft ihrer Kindesliebe erhielt sie den Schutz der Kami und Buddhas. Diese töteten die Schlange und ließen sie zum Himmel emporsteigen. Fürwahr, dies ist die Kraft kindlicher Pietät.

(Moderne Version der Legende: http://dl.ndl.go.jp/info:ndljp/pid/2201370)

Trotz des friedlichen Charakters japanischer Opfergaben, sind Blut- und Selbst­opfer in Japan keines­wegs unbe­kannt — man denke nur an die Tradition des seppuku seppuku 切腹 ritueller Selbstmord durch Bauchschnitt; „Harakiri“siehe auch Bakumatsu → Mythen/Symboltiere/Namazu-e→ Alltag/Opfergaben/Blut- und Selbstopfer (harakiri), beispiels­weise um als Vasall seinem Herrn in den Tod zu folgen, oder an die kamikaze kamikaze 神風 Götterwind; urspr. ein poetischer Beinamen der Provinz Ise, wird der Begriff seit den Mongolenangriffen des 13. Jh.s mit göttlichem Schutz im Krieg assoziiert und daher auch mit den Selbstmord-Piloten des 2. Weltkriegs in Verbindung gebrachtsiehe auch Kamakura → Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Geschichte/Shinto Mittelalter/Kamikaze→ Alltag/Opfergaben/Blut- und Selbstopfer → mehr -Selbst­mord Piloten. Ent­spre­chende Rollen­vor­bilder finden sich auch zahlreich in japani­schen Krieger­epen.

Es gibt für Selbst­o­pfe­run­gen sogar religiöse Vorbilder, die allerdings in heutiger Zeit kaum noch bekannt sind. Der Bud­dhis­mus selbst enthält z.B. einige Beispiele von Bodhisattvas, die ihr Leben opfern, z.B. die Selbstverbrennung des Yakuō.

In grauer Vorzeit mag es neben Tieropfern sogar Men­schen­opfer gegeben zu haben, die aber unter bud­dhis­ti­schem Einfluss zu­rück­ge­drängt wurden. Es gibt jedenfalls keine eindeutigen Hinweise, dass irgend eine bekannte religiöse Institution in historisch gut dokumentierter Zeit je ein Menschenopfer gefordert hätte. Legenden oder semi-historische Berichte zeigen allerdings auf, dass die Vorstellung von Menschenopfern im kulturellen Gedächtnis ständig präsent war. Vor allem Schlangengottheiten, die eine tiefsitzende Verbindung zum Wasser haben (siehe Kap. Mythen, Imaginäre Tiere), werden als Rezipienten von Menschenopfern genannt. Entsprechende Beispiele werden auf der Sidepage Blut- und Selbstopfer vorgestellt.

Verweise

Fußnoten

  1. Die Regierungsdevise Hakuchi 白雉 („Weißer Fasan“), die die Zeit von 650 bis 672 bezeichnet, leitet sich zum Beispiel vom Fund eines eben­solchen Vogels her.

Bilderläuterungen

  1. Kagamimochi meiji.jpg

    Reisopfer (kagami mochi)

    Opfergabe (Reis); Tōkyō, Meiji Schrein
    Bild © Guido Gautsch, 2007, flickr. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

    Opfergaben in Form von kagamimochi am Meiji Jingū in Tōkyō. Gestampfter Reis (mochi) zu runden "Spiegeln" (kagami) geformt.

  2. Gohei.jpg

    Papieropfergabe (gohei)

    Gohei (Weißes Papier, Bast)
    Bild © taima.org, (Cannabis in Japan). (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

    Zeremonielles Dekor für Shintō-Riten. Abgesehen von Papier in der charakteristischen Zickzack Form sind auch Bastfäden des Papiermaulbeerbaums zu erkennen. Diese dürften die ursprüngliche Form der gohei (auch heihaku) dargestellt haben.

  3. Sake hachimangu.jpg
    Tsurugaoka Hachiman Schrein, Kamakura
    Bild © Olivier Théreaux, 2004. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

    Sake und Bier als Opfergaben (sonaemono) am Tsurugaoka Hachiman Schrein.

  4. Sake tsurugaoka.jpg

    Sake-Opfergaben

    Koromo; Kamakura
    Bild © kamachrome, flickr 2015. (Letzter Zugriff: 2017/2/1)

    Gestell mit Opfersake in Strohfässern (koromo) im Tsurugaoka Hachiman Schrein, Kamakura.

  5. Hojoe iwashimizu.jpg

    Freilassung von Tieren (hōjō-e)

    Schreinzeremonie. 2006; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyōto
    Bild © Takakuwa Susumu. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

    Unter Aufsicht eines Shintō-Priesters (shinshoku) setzen Mädchen in den traditionellen Kostümen des Gagaku-Tanzes Goldfische frei. Das hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman-Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shintō und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Jahr 2003 neu belebt.

  6. Hojoe iwashimizu2.jpg

    Freilassung von Tieren (hōjō-e)

    Schreinzeremonie. 15. 9. 2011; Iwashimizu Hachiman Schrein, Yawata-shi, Kyōto
    Bild © J-Blog. (Letzter Zugriff: 2011/12/21)

    Mönche des Tendai Buddhismus und Shintō-Priester vollziehen gemeinsam eine hōjō-e Zeremonie, bei der Laien Goldfische freisetzen. Das hōjō-e, die zeremonielle Freilassung von Tieren, zählt zu den traditionellen Feiern vieler Hachiman-Schreine. Nach 1868 im Zuge der „Trennung von Shintō und Buddhismus“ gesetzlich verboten, wurde die Tradition im Iwashimizu-Schrein 2003 neu belebt.

  7. Ema kano sanraku1614.jpg

    Klassisches Votivbild mit Pferdemotiv

    Gemälde, ema (Farbe und Gold auf Holz) von Kanō Sanraku. Frühe Edo-Zeit, 1614
    Bild © Hideyoshi to Kyōto. Toyokuni jinja shahōde [Austellungskatalog], Kyōto: Toyokuni Jinja, 1998.

    Das Votivbild (ema) wurde für den Toyokuni Schrein des Toyotomi Hideyoshi in Kyōto angefertigt.

  8. Ema kiyomizu.jpg

    Moderne ema

    Votivbild, ema (Holz); Kiyomizu Tempel, Kyōto
    Bild © Onizuka Kentarō, 2001. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

    Am Kiyomizu-dera in Kyōto hinterlassen auch westliche Touristen gerne ihre Wünsche in Form von ema.

  9. Emaden3.jpg

    Traditionelle Halle für Votivbilder (ema-dō)

    Votivbilder, ema (Holz); Kasuga Jinja, Imai-chō, Kashihara, Nara-ken.

    Ema-Halle, wie man sie auch heute noch bei manchen großen Tempeln und Schreinen findet. Neben einigen großformatigen Bildern mit individuellen Motiven, sind kleinformatige, standardisierte Darstellungen zu sehen, einige davon mit Pferdemotiv. Diese Bilder wurden wahrscheinlich — ähnlich wie heute — direkt vor Ort gekauft und gespendet. Einige der Bilder entstanden bereits in der Edo-Zeit.

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