Pilgerschaft
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Viele Formen der traditionellen Religionsausübung sind im modernen Japan verschwunden oder werden nur noch am Rande der Gesellschaft praktiziert, das Pilgern (henro (henro 遍路 — Pilger; Pilgerschaft )) aber ist nach wie vor erstaunlich beliebt. Schon früh stellte es eine Art Inlandstourismus dar, und auch heute ist der touristische Aspekt des Pilgerns ein wichtiger Faktor seiner Beliebtheit. Häufig sind eine ganze Reihe von Tempeln zu einer fixen Route zusammengeschlossen, die die Pilger der Reihe nach erwandern bzw. mit dem Bus abklappern. Unabhängig von der Art der Fortbewegung kleiden sich Pilger zumeist in das klassische Pilger-Outfit, bestehend aus einem weißen Obergewand, einem schirmartigen Hut und einem Pilgerstab.
Beispiel Shikoku
Modernes Pilger-Outfit
- Bild © Wada Yoshio, 2002. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Rüstige Pilgerinnen bei der Ankunft auf Berg Kōya.
Pilger bei Tempel Nr. 11 des 88-Tempel-Rundwegs
- Shikoku
Bild © Shikoku henro no tabi, 2003. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Kōbō Daishi Kūkai
- Statue
Kūkai war angeblich Begründer der Shikoku Pilgerroute. Seine Statue findet sich vor fast jedem der 88 Tempel.
Pilger vor einem Tempel
- Shikoku
Bild © tigertoda productions, Tommi Mendel. (Letzter Zugriff: 2012/1)
Szene aus dem Dokumentarfilm Aruki henro von Tommi Mendel, 2006.
Shikoku ist die Geburtsinsel von Kōbō Daishi (Kōbō Daishi 弘法大師 — Ehrentitel von → Kūkai …⇒) Kūkai (Kūkai 空海 — Gründer des Shingon Buddhismus, 774–835 …⇒) (774–835), des vielleicht populärsten Mönchs der japanischen Religionsgeschichte. Kūkai gründete den Shingon Buddhismus, der besonders in Shikoku auch heute noch sehr stark vertreten ist. Daher entstand hier eine Pilgerroute von 88 Tempeln, die zu Ehren Kūkais unternommen wird und die den in Europa immer beliebter werdenden Jakobsweg — sowohl was das Alter, als auch was die Zahl der Pilger betrifft — bei Weitem in den Schatten stellt.
Die Pilgerroute führt rund um die gesamte Insel. Der Fußweg beträgt ca. 1400km und kann bei guter Kondition in etwa 40-50 Tagen bewältigt werden. Üblicherweise beginnt man mit Tempel 1 und umrundet die Insel im Uhrzeigersinn bis Tempel 88. Die Tempel sind einzeln nummeriert und relativ gut ausgeschildert. Mitunter findet man sogar noch traditionelle Wegweiser. Die Tempel sind verschiedenen Buddhas (बुद्धBuddha (skt., m.) — „Der Erleuchtete“ …⇒) geweiht, gehören aber fast alle dem Shingon Buddhismus an.
Um den Besuch eines Tempels zu bestätigen, spielen die sog. osame-fuda (osame-fuda, nōsatsu 納札 — „Visitenkarte“ eines Pilgers, Votivzettel ) eine große Rolle. Das sind Papierstreifen, die mit einem Bild Kūkais und dem Spruch: „Ehre der Pilgerschaft zu den 88 heiligen Orten“ bedruckt sind. Die Pilger kaufen sie in Blöcken, schreiben auf die Rückseite ihren eigenen Namen und opfern diese Zettel an jedem Tempel, den sie besuchen. Unterschiedliche Farben repräsentieren den „Rang“ eines Pilgers, abhängig davon, wie oft er die Route bereits absolviert hat. Osamefuda sind also „Visitenkarten“ im wörtlichen Sinn und bedeuten nichts anderes als: „I was here.“ Auf vielen Pilgerrouten ist es sogar üblich, dass Pilger osamefuda mit ihrem eigenen Namen mitführen und diese an den besuchten Tempeln oder Schreinen aufkleben. Beliebte Pilgerstätten sind daher oft über und über mit osamefuda überzogen. Gegen diese Art von Graffiti bestehen keinerlei Vorbehalte in Japan. Allerdings sind solche „Visitenkarten“ stets nach einem festgelegten Muster gestaltet.
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| Eintrag ins Pilgerlogbuch Bilder: D. Weiss |
In Shikoku führen die meisten Pilger außerdem eine Art Logbuch mit sich, in das sie sich von jedem besuchten Tempel einen Stempel (shuin (shuin 朱印 — wtl. „roter (=offizieller) Stempel“; auch für rel. Zwecke, z.B. Stempel ins Pilgerlogbuch verwendet )) und eine Kalligraphie eintragen lassen. Die Kalligraphien enthalten meist den Tempelnamen und ein Sanskritzeichen (shuji (shuji 種子 — Symbolische Sanskrit-Zeichen; wtl. Samen (Skt. bija) )), das den Hauptbuddha (honzon (honzon 本尊 — Hauptheiligtum eines Tempels …⇒)) des betreffenden Tempels symbolisiert.
Pilger (henro (henro 遍路 — Pilger; Pilgerschaft ) oder o-henro-san) werden in Shikoku sehr freundlich aufgenommen. Der Brauch verlangt es, dass man ihnen kleine Geschenke (o-settai (o-settai お接待 — Almosen )) — z.B. Essen, aber auch Geld — gibt, um auf diese Weise ein bisschen an ihrem frommen Werk zu partizipieren. Theoretisch ist es daher möglich, auch gänzlich ohne eigene Mittel eine Pilgerschaft in Shikoku zu bestreiten. Tatsächlich profitiert aber die lokale Tourismusbranche nicht unerheblich von den Pilgern.
Weltflucht und Tourismus
Die 88 Tempel stellen die bekannteste Pilgerstrecke dieser Art dar und wohl auch eine der längsten, aber Serien von Tempeln, die durch eine Pilgerroute verbunden sind, gibt es in ganz Japan. Auch Schreine bieten sich als Ziel von Pilgerfahrten an, insgesamt sind buddhistische Tempel auf diesem Gebiet jedoch eher gefragt. Pilgern hat, zumindest in seiner ursprünglichen Form, etwas mit Weltabkehr zu tun, und das passt in Japan besser zum Buddhismus als zum Shinto. Auch der Tod wird nach buddhistischer Vorstellung als Pilgerfahrt aufgefasst, daher ähnelt das japanische Totenkleid (shini shōzoku (shini shōzoku 死に装束 — Totengewand )) einem Pilgergewand (s.a. Totenriten).
Andererseits mischen sich die verschiedensten religiösen Einflüsse im Pilgerwesen auf untrennbare Weise. So spielen u.a. heilige Berge eine wichtige Rolle, die einerseits seit Urzeiten als Sitz von lokalen Gottheiten angesehen wurden, andererseits aber auch in den Dienst des Buddhismus genommen wurden. Eine der ältesten Pilgerstätten Japans, die Gebirgskette von Yoshino im Süden der Präfektur Nara, wurde zum Beispiel mit dem berühmten „Geierberg“ in Indien gleichgesetzt, wo einst Buddha seine wichtigsten Predigten (etwa das Lotos sutra (सूत्रsūtra (skt., n.) — „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift …⇒) oder das Herz Sutra) abgehalten haben soll. Japanischen buddhistischen Legenden zufolge flog dieser Geierberg im heiligen Jahr 552 nach Japan und bezog im Süden der alten Hauptstadtregion sein neues Quartier. Heute wird dieser Ort vor allem von den Bergasketen (yamabushi (yamabushi 山伏 — Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft …⇒)) verehrt, die hier sowohl Tempel als auch Schreine unterhalten. In jüngster Zeit (2008) hat sich außerdem eine neue Pilgerroute zu den „Mystischen Orten von Kami und Buddhas“ (Shinbutsu Reijō) gebildet, die — ausgehend von Ise (Ise 伊勢 — Schreinanlage von Ise, Präfektur Mie …⇒) und endend auf Berg Hiei-zan (Hiei-zan 比叡山 — Klosterberg Hiei bei Kyoto, traditionelles Zentrum des Tendai-Buddhismus …⇒) — fast alle bekannten Tempel und Schreine des japanischen Altertums umfasst.
Neben dem Motiv der inneren Einkehr tritt in der Pilgerschaft zweifellos auch die Suche nach Dingen zutage, die weniger religiöse Menschen im allgemeinen im Urlaub suchen: Abwechslung, Abenteuer, Exotik. Diese Motive haben ebenso wie die rein spirituellen bereits eine lange Tradition. In der Edo (Edo 江戸 — Sitz der Tokugawa Shogune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tokyo …⇒)-Zeit zählten Pilgerfahrten zu den wenigen Anlässen, bei denen man die eigene Provinz verlassen durfte. Daher stellte Pilgern wohl so etwas wie die Frühform des japanischen Tourismus dar. Auch heute ist dieser Aspekt kaum zu übersehen: Die meisten Pilger sind in Reisebussen unterwegs und abgesehen von Pilgerhut und Pilgerstab auch mit einer Kamera ausgerüstet. Eine Minderheit begibt sich aber nach wie vor zu Fuß auf die Suche nach innerer Vervollkommnung oder schlicht nach einer Alternative zu den Sorgen des Berufs- und Alltagslebens.
Auch Ausländer beteiligen sich manchmal an solchen Unternehmungen, um in die Geheimnisse des japanischen Buddhismus einzudringen. Einer von ihnen, der Amerikaner Don Weiss, hat seine Erfahrungen auf dem Shikoku Pilgerweg in seinem Buch Echoes of Incense veröffentlicht, das auch über das Internet zugänglich ist. 2006 brachte der Schweizer Ethnologe Tommi Mendel eine sehr sensible filmische Dokumentation heraus, die vor allem nach den Motiven jüngerer Shikoku Pilger fragt. Nach den über 60-jährigen bilden sie die zweitgrößte Alterskohorte, die sich auf den aufwendigen Fußmarsch einlässt. Schließlich hat sich auch der Deutsche Gerald Koll zu einem „filmischen Selbstversuch“ mit einer Kamera im Gepäck auf den Weg der 88 Tempel begeben. Sein Dokumentarfilm versteht sich als hintergründiger Kommentar zur Erfahrung des Pilgerns im Allgemeinen, verrät aber auch viel über Japan aus einer unvoreingenommenen, nicht-japanologischen Perspektive.
Panoramabild von Shikoku
- Querbildrolle von Yoshida Hatsusaburō (1884–1955). 1934
Bild © Shikoku henro michi, Webprojekt der Waseda Universität, Tokyo. (Letzter Zugriff: 2011/7)
Mit besonderer Berücksichtigung der 88 Pilgertempel.
Links
- Echoes of Incense, A Pilgrimage in Japan, Don Weiss (en.)
Erfahrungsbericht eines amerikanischen Pilgers aus dem Jahr 1993. - Resource Guide to Japanese Pilgrims & Pilgrimages, Mark Schumacher (en.)
Artikel des A-Z Dictionary of Japanese Buddhist Statuary zum Thema Pilgerschaft. - Aruki henro, Tommi Mendel (en.)
Website des gleichnamigen Dokumentarfilms, 2006. - 88 — Pilgern auf Japanisch Gerald Koll
Website des gleichnamigen Dokumentarfilms, 2008. - Pilgrimage to the 88 Sacred Places of Shikoku, David Turkington (en.)
Dokumentation und ausführliche Hintergrundinformationen. - Shikoku Henro Shashinshū (jap.)
Photodokumentation der Pilgerstätten von Shikoku. - Chigatera o meguru (jap.)
Bild-Sammlung von über 1000 Logbucheinträgen der diversen japanischen Pilgerrouten.Letzte Überprüfung der Linkadressen: Jan. 2011
Bilder: Don Weiss
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