Was ist ein Sutra?

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Bernhard Scheid, „Was ist ein Sutra?.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 2.9.2015). URL: http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Texte/Sutra?oldid=58910X

Die elementarsten Texte des Buddhismus werden in der Regel als Sutra सूत्र sūtra (skt., n.) „Faden“, Lehr­rede des Buddha, kanoni­sche Schrift; jap. kyō 経 oder kyōten 経典siehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Tempel→ Alltag/Gluecksbringer→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi → mehr be­zeich­net. Das Wort sūtra entstammt dem Sanskrit und ist der Webe­technik ent­lehnt. Es be­deutet „Faden“. Davon ab­ge­leitet ent­standen meta­phorische Be­deu­tungen wie „Leit­faden“, „ele­men­tare Lehr­schrift“, u.a.m. Im Chi­ne­sischen und Ja­pa­nischen wird dafür das Schrift­zeichen kyō kyō kanonischer Text, wtl. „Kettfaden“; im Buddh.: Sutra (skt. sūtra, n.), Lehrrede des Buddha (chin. jing) ver­wendet, das ebenfalls die Grund­be­deu­tung „Faden“ be­sitzt und nicht nur im Bud­dhis­mus, sondern bei­spiels­weise auch im Daoismus Dōkyō 道教 Daoismus, wtl. Lehre des Weges, chin. Daojiao; philosophisch-rel. Strömung Chinas; s.a. siehe auch Yin und Yang → Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Hotei→ Geschichte/Zen → mehr An­wen­dung findet. Ein be­rühmter, nicht-bud­dhisti­scher „Leit­faden“ ist etwa das Yi-jing Yijing (chin.) 易経 „Buch/Leitfaden der Wandlungen“ (chin. Klassiker); jap. Ekikyōsiehe auch Yin und Yang → Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Texte/Yin und Yang/Kalender , eig. „Leit­faden der Orakel­kunst“, besser be­kannt als das „Buch der Wand­lungen“. Aus dem nicht-bud­dhis­tischen indischen Kon­text ist hier­zu­lande das Kama Sutra, der „Leit­faden der Liebe“, am besten bekannt. Auf dieser Seite ist jedoch nur von buddhistischen Sutren die Rede.

Textgestalt

Zu­min­dest der Theorie nach stammen die Sutren von einem Buddha बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre/Vier Wahrheiten→ Ikonographie → mehr (allerdings nicht not­wendiger­weise vom his­to­rischen Buddha Śākyamuni शाक्यमुनि Śākyamuni (skt., m.) „Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha; jap. Shaka 釈迦 oder Shakamuni 釈迦牟尼siehe auch →  Buddhas Leben → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Tempel→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Amida→ Ikonographie/Shaka → mehr ). Parallel zur wachsenden Zahl der Buddhas im Mahāyāna महायान Mahāyāna (skt., n.) „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung; jap. Daijō 大乗siehe auch →  Buddhismus → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani → mehr Bud­dhis­mus haben sich auch die Sutren ver­viel­facht und ein beinah un­über­schau­bares Maß ange­nommen.

Obwohl die unter­schied­lichsten Themen ab­gehan­delt werden, betten die meisten Sutren ihre In­halte in die Rahmen­hand­lung einer Buddha-Predigt ein. Ein gemein­sames formales Merk­mal ist die Standard-Ein­leitung des Re­zi­tie­renden: „So habe ich's gehört“. Oft sind auch die Um­stände der Predigt Gegen­stand des Sutras, bevor der Buddha selbst zu Wort kommt. Viele bud­dhis­tische Sutren thema­ti­sieren also die Um­stände ihrer Ent­stehung und Ver­brei­tung, bevor sie zum eigent­lichen Kern der Bot­schaft kommen. Diese Selbst-Re­ferenziali­tät scheint ein be­sonderes Kenn­zeichen bud­dhisti­scher Sutren zu sein.

Infolge ihrer langen Text­geschichte, die oft weit in vor­schrift­liche Zeiten hin­ein­reicht, ist es kaum möglich, den Umfang eines be­stimmten Sutras ein­deutig ab­zu­grenzen. Von allen bekannteren Sutren gibt es Versionen in verschiedenen Formen und Längen. Es existieren auch unter­schied­liche Ver­si­onen eines Textes unter dem gleichen Titel und beinahe identische Texte unter verschiedenen Titeln. Die verschiedenen Sprachen, in denen buddhistische Texte verfasst wurden, machen die Sache ein weiteres Mal komplexer: Da die Originale häufig verloren gegangen sind, ist meist nicht klar, ob chinesische Sutren als direkte Übertragungen eines indischen Originals zu werten sind, oder ob sich die Übersetzer Freiheiten herausnahmen, indem sie Sutren neu kombinierten, Teile wegließen oder überhaupt neu erfanden. Schließlich gibt es in jedem buddhistischen Land auch einen beträchtlichen Teil apokrypher Sutren, die zwar vorgeben, auf ein indisches Original zurückzugehen, aber eindeutig als „Fälschungen“ identifizierbar sind, weil sie z.B. lokale Gegebenheiten in die Handlung mit einbeziehen. Die Frage „Was ist ein Sutra?“ wird also zu­nehmend kompli­zierter, je ein­gehender man sich damit aus­einan­der­setzt.

Textpflege

 kegonkyo744.jpg

Fragment einer Abschrift des Avatamsaka Sutras (Kegon-kyō)

Schriftrolle (Indigopapier, Silbertinte), Detail. Nara-Zeit, 744; 24,8 x 53,7 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/8)

Auf diesem Fragment steht ein Teil des Kegon-kyō (Blütenkranz Sutra) geschrieben.

. 1 Fragment einer Abschrift des Avatamsaka Sutras (Kegon-kyō) aus dem Jahr 744

Das Kopieren von Sutren galt in der gesamten Welt des Bud­dhis­mus als frommes Werk, das ganz besonders dazu ge­eignet war, das eigene Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Opfergaben→ Alltag/Pilgerschaft → mehr zu ver­bessern. Dies bezog sich sowohl auf den Stifter als auch auf die Aus­führenden einer Sutren­kopie. Bud­dhisti­sche Sutren wurden aus diesem Grund mit großer Sorg­falt re­produziert und auf­be­wahrt. Es ist somit kein Zu­fall, dass das ab­ge­bildete Bei­spiel aus der Nara Nara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyōsiehe auch Nara → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Tempel→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Ise Izumo→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga → mehr -Zeit — eines der ältesten bis heute er­haltenen Original­do­ku­mente des ja­pa­nischen Schrift­tums — ein bud­dhis­tischer Text ist. Es handelt sich um ein Frag­ment des zu dieser Zeit äußert po­pu­lären Kegon-kyō Kegon-kyō 華厳経 Avatamsaka Sutra bzw. Blütenkranz Sutra (skt. Avataṃsakasūtra अवतंसकसूत्र Avataṃsakasūtra (skt., n.) „Blütenkranz Sutra“, erste Übersetzung ins Chinesische um 420; jap. Kegon-kyō 華厳経, „Blütenkranz Sutra“). Im Mittel­punkt steht Buddha Vairocana, der in der Nara-Zeit auch als Großer Buddha des Tōdaiji Tōdaiji 東大寺 Tempel des Großen Buddha von Nara; wtl. Großer Ost-Tempelsiehe auch Bekannte Tempel → Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Dainichi → mehr verewigt wurde.

Beispiele

Lotos Sutra

Das Lotos Sutra gehört zu den bekanntesten Sutren des Mahāyāna महायान Mahāyāna (skt., n.) „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung; jap. Daijō 大乗siehe auch →  Buddhismus → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Ikonographie→ Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani → mehr Bud­dhis­mus. Seine geläufigste Version ist die chi­ne­sische Über­setzung durch den Über­setzer­mönch Kumārajīva कुमारजीव Kumārajīva (skt., m.) 344–413; buddh. Gelehrter und Übersetzer; jap. Kumaraju 鳩摩羅什siehe auch →  Shaka → Ikonographie/Shaka/32 Merkmale (343–413), die 406 fertig­gestellt wurde und auch den meisten Über­setzungen in west­liche Sprachen zu­grunde liegt. In dieser Form besteht das Sutra aus 28 Kapiteln, die sehr unter­schied­liche Themen be­handeln. Die Rahmen­hand­lung dieser Kapitel be­schreibt, wie Buddha Śākyamuni शाक्यमुनि Śākyamuni (skt., m.) „Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha; jap. Shaka 釈迦 oder Shakamuni 釈迦牟尼siehe auch →  Buddhas Leben → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Tempel→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Amida→ Ikonographie/Shaka → mehr vor einer un­über­seh­baren Menge von irdischen und über­irdischen An­hängern eine Predigt hält. Im Laufe dieser Predigt kommt u.a. die Parabel vom bren­nenden Haus (Kap. 3) zur Sprache, die das Anwenden von „an­ge­mes­senen Mitteln“ (skt. upāya उपाय upāya (skt., m.) „[geschicktes] Mittel“; jap. hōben 方便siehe auch →  Heian Zeit → Geschichte/Saicho , jap. hōben hōben 方便 geschicktes Mittel; skt. upāyasiehe auch Heian Zeit → Geschichte/Saicho ) legitimiert (Kap. 2). Der Buddha wird in dieser Parabel als gütiger Vater beschrieben, der versucht, die Kinder, die sich der Gefahr nicht be­wusst sind (die un­er­leuchteten Wesen), durch Ver­spre­chungen aus dem bren­nenden Haus zu locken. Ein anderes be­rühmtes Kapitel (16) thematisiert die Lebens­länge des Buddhas und damit zugleich die bud­dhis­tische Zeiten­theorie (s. dazu Die Reformen der Heian-Zeit). Das Sutra enthält aber auch Passagen, die er­läutern, warum es ein besonderes karmisches Verdienst darstellt, es — das Sutra — zu kopieren. Dieses Verdienst wird höher eingeschätzt als das Opfer des eigenen Körpers, obwohl auch dieses Praxis grundsätzlich gut geheißen wird (Kap. 23). Eines der ein­fluss­reichsten Kapitel ist Bodhisattva Avalokiteśvara अवलोकितेश्वर Avalokiteśvara (skt., m.) „Herr, der [die Welt] unten wahrnimmt“, Bodhisattva; jap. Kannon 観音 oder Kanzeon 観世音siehe auch →  Buddhas Leben → Ikonographie/Kannon→ Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani (jap. Kannon Kannon 観音 auch Kanzeon 観世音, wtl. der den Klang der Welt erhört; skt. Avalokiteśvara; chin. Guanyin; als Bodhisattva des Mitleids bekanntsiehe auch Kannon → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Alltag/Pilgerschaft→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko → mehr ) gewidmet und dürfte mit­ver­ant­wort­lich für die besondere Popularität dieser Figur sein.

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Lotos Sutra, Kap. 25

Querbildrolle, nyorai (Papier, Farbe, Gold) von Sugawara Mitsushige, Detail; aus der Serie Myōhō renge-kyō, Kanzeon bosatsu fumon-bon 観世音菩薩普門品 (Das universelle Tor des Bodhisattva Avalokiteshvara), 1257; 24,6 × 934,9 cm
Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2015/9/1)

Eröffnungsszene des 25. Kapitels des Lotos Sutra (Hoke-kyō), in dem es um die Vorzüge von Bodhisattva Kannon geht. Obwohl Kannon selbst auch anwesend ist, spielt sich der obligate Dialog, in den die rede über Kannon eingebettet ist, hier zwischen Buddha Shakymuni und dem „Bodhisattva Unerschöpfliche Absicht“ ab. Die reichhaltig illustrierte Schriftrolle enthält lediglich das Kannon-Kapitel und konzentriert sich vor allem auf die bildliche Darstellung der 33 Erscheinungsformen dieses Bodhisattvas.

. 2 Lotos Sutra in illustrierter Form, Kannon-Kapitel (1257)

Das Lotos Sutra heißt auf Sanskrit Saddharma puṇḍarīka sūtra सद्धर्मपुण्डरीकसूत्र Saddharma puṇḍarīka sūtra (skt., n.) „Sutra vom weißen Lotos des wunderbaren Dharma“, Lotos Sutra; jap. Myōhō renge kyō 妙法蓮華経 oder Hoke-kyō 法華経siehe auch→ Geschichte/Saicho→ Alltag/Opfergaben/Selbstopfer , wörtlich: „Sutra der Lotos­blume vom wunder­baren Dharma धर्म Dharma (skt., m.) Gesetz (des Universums), Lehre (des Buddha); jap. Hō 法siehe auch →  Buddhismus Lehre → Ikonographie→ Ikonographie/Mudra→ Ikonographie/Dainichi→ Ikonographie/Shaka→ Ikonographie/Myoo → mehr “, jap. ent­weder kurz Hoke-kyō Hoke-kyō 法華経 Lotos Sutra; skt. Saddharma pundarika sutra; jap. auch Hokkekyō oder Myōhō renge kyō; zählt zu den einflussreichsten Texten des Mahayana-Buddhismus, älteste Fassungen dürften im ersten Jh. v.u.Z. entstanden sein.siehe auch→ Geschichte/Saicho→ Geschichte/Nichiren→ Geschichte/Neue Religionen→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten→ Texte/Sutra/Goldglanz Sutra → mehr , oder Myōhō renge kyō Myōhō renge kyō 妙法蓮華経 Lotos Sutra (des Wunderbaren Dharma), skt. Saddharma-pundarīka-sūtra (jap. auch Hoke-kyō). Es gilt vor allem im japanischen Tendai Tendai-shū 天台宗 Tendai Schule, chin. Tiantaisiehe auch Dainichi → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Alltag/Yamabushi → mehr und Nichiren Nichiren 日蓮 1222–1282; Begründer des Nichiren Buddhismussiehe auch Nichiren → Grundbegriffe/Weltbild→ Geschichte/Kamakura→ Geschichte/Neue Religionen→ Geschichte/Shinto Mittelalter/Kamikaze → mehr Buddhismus (auch Hokke-shū Hokke-shū 法華宗 Andere Bez. des Nichiren Buddhismussiehe auch Nichiren ) als die wichtigste bud­dhis­tische Lehr­schrift überhaupt.

Herz Sutra und Sutra der Höchsten Weisheit

Ein weiteres allgemein bekanntes Sutra ist das Herz Sutra. Es ist so kurz, dass es eigent­lich mehr einem Gebet gleicht und in wenigen Minuten rezitiert werden kann. Es besteht im we­sent­lichen aus einer Lehr­rede des Kannon (Bodhisattva Avalokiteshvara) an Śāriputra शारिपुत्र Śāriputra (skt., m.) Hauptschüler des Buddha; jap. Sharihotsu 舎利佛siehe auch →  Buddhas Leben → Bauten/Tempel/Stupa , einen Schüler des his­to­rischen Buddha. Einer der Kernsätze lautet „Form ist Leere, Leere ist Form“. Es geht also um die Philo­so­phie der Leere (skt. śūnyatā शून्यता śūnyatā (skt., f.) „Leere, Nichts“, im Buddhismus ein wichtiges philosophisches Konzept; jap. , jap. Leere, Nichts; im Buddhismus ein wichtiges philosophisches Konzept), bzw. der Un­be­ständig­keit des irdischen Da­seins, die u.a. auch als bud­dhis­tischer Nihilis­mus bezeichnet wird.

In Japan können viele Menschen das Herz Sutra auswendig, vor allem Anhänger des Zen Zen chin. Chan, wtl. Meditation; Zen Buddhismussiehe auch Zen → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi → mehr und des Shingon Shingon-shū 真言宗 Shingon Schule, wtl. Schule des Wahren Wortessiehe auch Kukai → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Tempel/Pagoden → mehr Buddhismus. Das Sutra wird hier in einer Mischung aus Sans­krit und Chi­ne­sisch rezitiert, die keinerlei Ähn­lich­keiten mit dem ge­sprochenen Japanisch aufweist und für Laien voll­kommen un­ver­ständlich ist. Für die meisten japa­nischen Bud­dhisten steht der in­haltliche Aspekt des Textes daher nicht im Vor­der­grund. In­te­res­santer­weise ist das Herz Sutra aber gerade in seiner japani­sierten Form (also in sini­siertem Sankrit, japanisch aus­ge­sprochen) auch in west­lichen bud­dhis­tischen Kreisen populär geworden.

Daihannyakyo.jpg

Daihannya-kyō

Querrolle, nyorai (Indigo-farbenes Papier, Goldtinte). Heian-Zeit, ca. 1175; Chūson-ji, Hiraizumi, Nordost-Japan; 25,4 x 18,1 cm
Bild © Metropolitan Museum, 2003, Abb. 28
Dr. and Mrs. Roger G. Gerry Collection

Abschrift des Daihannya-kyō aus der Heian-Zeit.

Das Titelblatt stellt Buddhas erste Predigt im Hirschpark von Sarnarth in Indien dar. Der Buddha und zwei Bodhisattvas sitzen auf Lotos-Blüten, dahinter die fünf Asketen, mit denen Buddha ehemals gemeinsam praktizierte, sowie die friedlichen Hirsche.

Das sutra wurde auf Bestellung von Fujiwara Hidehira (–1187) angefertigt, um für die Seele seines verstorbenen Vaters Motohira (–1157) zu beten. Dieser Zweig der Fujiwara begründete Ende der Heian-Zeit in Hiraizumi, Nordost-Japan ein florierendes geistig-religiöses Zentrum.

. 3 Abschrift des Daihannya-kyō in Goldtinte auf blauem Grund, Heian-Zeit

Das Herz Sutra ist Teil einer ganzen Sutren­text­gruppe zur Doktrin der höchsten Weis­heit (prajñāpāramitā प्रज्ञापारमिता prajñāpāramitā (skt., f.) „Vollkommene Weisheit“; jap. hannyaharamitta 般若波羅蜜多siehe auch→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre , jap. hannyaharamitta hannyaharamitta 般若波羅蜜多 „vollkommene Weisheit“, abgeleitet von skt. prajnaparamita). Es existieren unter­schied­lich lange Samm­lungen dieser Text­gruppe. Eine der aus­führ­lichsten Fas­sungen, das Da bore boluomidou jing (jap. Hannyaharamitta-kyō Hannyaharamitta-kyō 般若波羅蜜多経 „Sutra der vollkommenen Weiheit“) existiert heute in Form einer chi­ne­sischen Über­setzung durch den Pilger­mönch Xuanzang Xuanzang (chin.) 玄奘 602–664; berühmter chin. Pilgermönch und buddh. Gelehrter; Autor eines einflussreichen Reiseberichts, der später als „Reise nach dem Westen“ in einen Roman gefasst wurdesiehe auch Stupa → Ikonographie/Dainichi/Daibutsu→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten→ Texte/Sutra/Hannya shingyo→ Ikonographie/Heilige/16 Rakan → mehr aus den Jahren 660–663 und umfasst ca. 600 Einzel­texte, darunter das Herz Sutra oder das ebenfalls bekannte sog. Diamant Sutra.

Diamant Sutra

Diamant Sutra (jap. Kongō-kyō Kongō-kyō 金剛経 Diamant Sutra, vollst. Name Kongō hannyaharamitsu kyō bzw. skt. Vajracchedikā-prajñāpāramitā-sūtra, erste Übersetzung ins Chinesische Kumārajīva, 403; online-Version inkl. eng. Ü.: Charles Muller) ist die Kurzbezeichnung für einen Text, der wörtlich das „Sutra der Diamant-gleichen höchsten Weisheit“ (Skt. Vajracchedikā-prajñāpāramitā-sūtra) betitelt wurde. Ähnlich wie im Herz Sutra geht es auch hier um die höchste Weisheit, die als das Erkennen der Leere dargestellt wird, wobei für diese Leere ein Reihe kunstvoller Metaphern und Allegorien gefunden werden. Das relativ kurze Sutra genießt vor allem im Zen Zen chin. Chan, wtl. Meditation; Zen Buddhismussiehe auch Zen → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi → mehr Buddhismus große Popularität. Formal handelt es sich um einen Dialog zwischen dem Buddha Shakyamuni und Subhūti, einem seiner Zehn Schüler, der auch als jener Jünger des Buddha galt, der als erster die Wahrheit der Leere zu begreifen vermochte.

 Diamant Sutra.jpg

Diamant Sutra

Buchillustration (Papier, Tusche). Tang-Zeit, 686; Dunhuang; British Library; 27,6 x 499,5cm
Bild © International Dunhuang Project. (Letzter Zugriff: 2015/9/1)

Das Bild zeigt den Mönch Subhuti und Buddha Shakyamuni im Dialog, wie er im Diamant Sutra wiedergegeben ist. Es handelt sich um die einzige Illustration in der ersten Druckversion dieses Textes aus dem Jahr 868. Dargestellt sind Subhuti und der wesentlich größere Buddha, umringt von seinen Hauptschülern (zu denen auch Subhuti zählt), zwei Bodhisattvas, zwei Wächtern niō, zwei Löwenhunden (komainu), zwei Himmlischen Wesen, sowie einem weltlichen Herrscher mit Gefolge (unten rechts). Der Text gilt als das älteste gedruckte Buch der Welt. Er überdauerte Jahrhunderte in Vergessenheit in einer der Höhlen von Dunhuang, wo er vom Altösterreicher in britischen Diensten Sir Aurel Stein (1862–1943) in den Jahren 1906–1908 entdeckt wurde.

. 4 Diamant Sutra, China 868

Das Sutra ist auch deshalb interessant, weil es als einer der ersten buddhistischen Texte auch als Blockdruck herausgebracht wurde. Der Druck entstand im Jahr 868 in China und gilt als ältestes gedrucktes Buch der Welt. Er enthält eine Illustration, auf der das Setting des Sutras zu sehen ist: Links unten der Mönch Subhūti सुभूति Subhūti (skt., m.) einer der Zehn Schüler des Buddha; Fragensteller im Diamant Sutra; jap. Shubodai 須菩提 oder Gekū Daiichi 解空第一 in ehrfurchtsvoller Haltung, in der Bildmitte der Buddha, umringt von seinen Hauptschülern (zu denen auch Subhuti zählt), zwei Bodhisattva बोधिसत्त्व Bodhisattva (skt., m.) „Erleuchtetes Wesen“; jap. bosatsu 菩薩siehe auch →  Buddhismus Lehre → Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Ikonographie/Kannon→ Alltag/Matsuri/Phalluskulte → mehr s, zwei Wächtern niō niō 仁王 Wächterfigur, Torwächtersiehe auch Nio → Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Waechtergoetter → mehr , zwei Löwenhunden (komainu komainu 狛犬 wtl. „Korea-Hund“, auch „Löwenhund“; Wächterfigur vor religiösen Gebäudensiehe auch Komainu → Bauten/Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Waechtergoetter/Nio→ Mythen/Imaginaere Tiere→ Mythen/Verwandlungskuenstler → mehr ), zwei Himmlischen Wesen, sowie einem weltlichen Herrscher mit Gefolge (unten rechts).

Goldglanz Sutra

Das Goldglanz Sutra — Konkōmyō-kyō Konkōmyō-kyō 金光明経 Goldglanz Sutra; skt. Suvarṇa­prabhāsa­sottama sūtra; eines von drei „Staatsschutz-Sutren“ des frühen japanischen Staatssiehe auch Goldglanz Sutra → Ikonographie/Gluecksgoetter/Benzaiten→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten , skt. Suvarna-prabhasottama-sutra, in erweiter­ter Fassung auch als „Sutra vom golde­nen Glanz der sieg­reichen Könige“ (Konkō­myō saishōō kyō) bekannt — ist vielleicht der politisch einflussreichste Text des frühen japanischen Bud­dhis­mus, da er sich explizit an die Herrschenden wendet.

Zusammen mit dem Sutra der/für Barmherzige Könige (Ninnō-kyō) und dem Lotos Sutra zählte das Gold­glanz Sutra zu den soge­nannten Drei Staats­schutz Sutren, die ins­beson­dere vor und während der Nara Nara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyōsiehe auch Nara → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Tempel→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Ise Izumo→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga → mehr -Zeit große staat­liche Förde­rung erhielten, weil man sich um­gekehrt tat­säch­lich einen gleichsam magi­schen Schutz des Reiches von ihnen erwar­tete. Tenmu Tennō Tenmu Tennō 天武天皇 631?–686; 40. japanischer Kaiser; (r. 673–686)siehe auch Kami Kulte → Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Fruehzeit→ Geschichte/Nara → mehr und sein Urenkel Shōmu Shōmu Tennō 聖武天皇 701–56; 45. japanischer Kaiser; (r. 724–49); Förderer des Buddhismussiehe auch Nara → Ikonographie/Gluecksgoetter/Benzaiten→ Geschichte/Fruehzeit→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Bishamonten→ Texte/Sutra/Goldglanz Sutra ließen im 7. und 8. Jahrhundert in allen Provinzen Tempel errichten, in denen das Gold­glanz Sutra rezitiert und auf­be­wahrt werden sollte.

Mit dem Rückgang staatlicher Förderung (und Regle­men­tierung) des Bud­dhis­mus in der Heian Heian 平安 alter Name Kyōtos; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Bauten/Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Alltag/Opfergaben→ Alltag/Pilgerschaft → mehr -Zeit nahm die Bedeu­tung des Goldglanz Sutras zwar ab, es legte aber den Grundstein für die Bekannt­heit von Figuren wie Benzaiten Benzaiten 弁才天/ 弁財天 Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Bentensiehe auch Benzaiten → Ikonographie→ Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Alltag/Matsuri/Hadaka matsuri → mehr und Bishamon-ten Bishamon-ten 毘沙門天 Himmelswächter des Nordens, Glücksgottsiehe auch Bishamonten → Ikonographie→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani → mehr , die heute als Bestand­teil der Sieben Glücksgötter Shichi Fukujin 七福神 Die Sieben Glücksgöttersiehe auch Gluecksgoetter → Ikonographie/Gluecksgoetter/Hotei→ Mythen/Jenseits→ Mythen/Goetter des Himmels/Uzume→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Ebisu → mehr in Japan ungebro­chene Popu­larität genießen. (Mehr dazu...)

Verweise

Bilderläuterungen

  1. Kegonkyo744.jpg

    Fragment einer Abschrift des Avatamsaka Sutras (Kegon-kyō)

    Schriftrolle (Indigopapier, Silbertinte), Detail. Nara-Zeit, 744; 24,8 x 53,7 cm
    Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2011/8)

    Auf diesem Fragment steht ein Teil des Kegon-kyō (Blütenkranz Sutra) geschrieben.

  2. Hokekyo 25.jpg

    Lotos Sutra, Kap. 25

    Querbildrolle, nyorai (Papier, Farbe, Gold) von Sugawara Mitsushige, Detail; aus der Serie Myōhō renge-kyō, Kanzeon bosatsu fumon-bon 観世音菩薩普門品 (Das universelle Tor des Bodhisattva Avalokiteshvara), 1257; 24,6 × 934,9 cm
    Bild © Metropolitan Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2015/9/1)

    Eröffnungsszene des 25. Kapitels des Lotos Sutra (Hoke-kyō), in dem es um die Vorzüge von Bodhisattva Kannon geht. Obwohl Kannon selbst auch anwesend ist, spielt sich der obligate Dialog, in den die rede über Kannon eingebettet ist, hier zwischen Buddha Shakymuni und dem „Bodhisattva Unerschöpfliche Absicht“ ab. Die reichhaltig illustrierte Schriftrolle enthält lediglich das Kannon-Kapitel und konzentriert sich vor allem auf die bildliche Darstellung der 33 Erscheinungsformen dieses Bodhisattvas.

  3. Daihannyakyo.jpg

    Daihannya-kyō

    Querrolle, nyorai (Indigo-farbenes Papier, Goldtinte). Heian-Zeit, ca. 1175; Chūson-ji, Hiraizumi, Nordost-Japan; 25,4 x 18,1 cm
    Bild © Metropolitan Museum, 2003, Abb. 28
    Dr. and Mrs. Roger G. Gerry Collection

    Abschrift des Daihannya-kyō aus der Heian-Zeit.

    Das Titelblatt stellt Buddhas erste Predigt im Hirschpark von Sarnarth in Indien dar. Der Buddha und zwei Bodhisattvas sitzen auf Lotos-Blüten, dahinter die fünf Asketen, mit denen Buddha ehemals gemeinsam praktizierte, sowie die friedlichen Hirsche.

    Das sutra wurde auf Bestellung von Fujiwara Hidehira (–1187) angefertigt, um für die Seele seines verstorbenen Vaters Motohira (–1157) zu beten. Dieser Zweig der Fujiwara begründete Ende der Heian-Zeit in Hiraizumi, Nordost-Japan ein florierendes geistig-religiöses Zentrum.

  4. Diamant Sutra.jpg

    Diamant Sutra

    Buchillustration (Papier, Tusche). Tang-Zeit, 686; Dunhuang; British Library; 27,6 x 499,5cm
    Bild © International Dunhuang Project. (Letzter Zugriff: 2015/9/1)

    Das Bild zeigt den Mönch Subhuti und Buddha Shakyamuni im Dialog, wie er im Diamant Sutra wiedergegeben ist. Es handelt sich um die einzige Illustration in der ersten Druckversion dieses Textes aus dem Jahr 868. Dargestellt sind Subhuti und der wesentlich größere Buddha, umringt von seinen Hauptschülern (zu denen auch Subhuti zählt), zwei Bodhisattvas, zwei Wächtern niō, zwei Löwenhunden (komainu), zwei Himmlischen Wesen, sowie einem weltlichen Herrscher mit Gefolge (unten rechts). Der Text gilt als das älteste gedruckte Buch der Welt. Er überdauerte Jahrhunderte in Vergessenheit in einer der Höhlen von Dunhuang, wo er vom Altösterreicher in britischen Diensten Sir Aurel Stein (1862–1943) in den Jahren 1906–1908 entdeckt wurde.

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Letzte Überprüfung der Linkadressen: Sept. 2012

Literatur

William George Aston (Ü.) 1972
Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697. Rutland, Vt: Tuttle 1972. [Erste Auflage: London 1896.]
Burton Watson (Ü.) 1993
The Lotus Sutra. New York: Columbia University Press 1993.
Max Deeg (Ü.) 2009
Das Lotos Sutra. Darmstadt: WBG 2009. [2. korrigierte Auflage.]
Ikonographie