In der japanischen Religionsgeschichte gebührt dem Buddhismus ein ganz besonderer Platz. Es lässt sich sogar behaupten, dass sich Religion im Sinne eines das ganze Land erfassenden Systems von festgelegten Glaubensformen erst mit dem Buddhismus in Japan verbreitete. Zu den Neuerungen, die der Buddhismus brachte (und die für uns fast selbstverständlich zum Begriff Religion dazugehören), zählen: die Trennung von weltlicher und geistlicher Autorität (der Herrscher steht nicht zwangsläufig dem religiösen Kult vor); ein überregional organisierter Klerus; eine orthodoxe Theologie; ein einheitliches Ritualwesen; die Errichtung von religiösen Bauwerken, Statuen, und vieles andere mehr. All das gab es entweder gar nicht oder nur in Ansätzen im vor-buddhistischen Japan. Es ist beispielsweise umstritten, inwieweit Schreine, also Bauten zu Ehren der kami, vor dem Buddhismus existierten.

Die geschichtliche Rolle des Buddhismus in Japan

Einer der größten Einschnitte in der Geschichte der japanischen Religion besteht in der Einführung eines Klostersystems durch den Buddhismus. Im Japanischen ist das Wort shukke ein ehemals sehr gebräuchlicher Ausdruck für den Eintritt in den Mönchs- oder Nonnenstand. Er bedeutet wörtlich "Verlassen des Hauses". Damit ist weniger ein Haus im baulichen Sinne gemeint, sondern eine Familie. Wer Mönch wird, verlässt seine Familie und damit alle weltlichen (gesellschaftlichen) Verpflichtungen und begibt sich unter eine neue Ordnung. Nach dieser Ordnung steht nicht mehr das Wohl der leiblichen Familie im Zentrum, sondern das Wohl der Mönchsgemeinde, bzw. die eigene spirituelle Vervollkommnung. Ausdruck dieses Wechsels ist der Zölibat. Er ist wahrscheinlich weniger mit der Idee sexueller Askese verbunden (sie wird zumindest in Japan nie besonders betont) als mit dem Verzicht auf das Familiendenken, das in Japan wie in anderen vormodernen Gesellschaften auch einen extrem wichtigen Stellenwert hatte. Spannungen zwischen sozialen Verpflichtungen gegenüber der Familie (Stichwort "kindliche Pietät") und den Verpflichtungen als Mönch sind daher nicht zufällig ein immer wiederkehrendes Thema der buddhistischen Erzählliteratur Japans. Sich der Familienethik zu entziehen und der Mönchsethik zu unterwerfen, stellte in der Gesellschaft des japanischen Altertums einen erheblichen Einschnitt dar, der keinesfalls immer von der eigenen Familie gutgeheißen wurde.

Natürlich gab es aber in der Blütezeit des Buddhismus auch das in Europa gängige Muster, dass die mächtigen Adelsfamilien ihre jüngeren Söhne, die nicht für die Fortpflanzung der Familie benötigt wurden, ins Kloster schickten, um auch dort ihren Einfluss geltend zu machen. Ganz allgemein lässt sich feststellen, dass sich die Strenge der buddhistischen Mönchsgebote lockerte, je selbstverständlicher der Buddhismus zum Bestandteil der japanischen Kultur wurde. Heute ist etwa der Zölibat nur noch in den wenigsten Richtungen des japanischen Buddhismus obligat (s. dazu auch Kap. Tempel, Mönche).

Während die Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Macht im Shinto bis heute verschwommen ist (schließlich gilt der Tenno als oberster Priester des Shinto), legte der Buddhismus von Anfang an Wert auf eine autonome geistliche Hierarchie, die dem Staat, bzw. dem kaiserlichen Hof nur eine bedingte Einflussnahme gestattete. Die den meisten Weltreligionen gemeinsame Idee einer eigenen Sphäre religiösen Lebens gelangte demnach wahrscheinlich erst durch den Buddhismus nach Japan. Verbunden damit war nicht nur die Idee des Klosterwesens, sondern auch die kulturelle Produktion der Klöster auf dem Gebiet der Architektur, der bildenden Kunst, der Dichtung und der Schriftlichkeit. All diese Errungenschaften wirkten auch in den weltlichen Bereich und machten den Buddhismus, vor allem in seiner Frühzeit, zum Motor des zivilisatorischen Fortschritts in Japan. Verständlicherweise wirkte sich diese kulturelle Kraft auch auf die einheimischen Glaubensformen aus. Es entstanden "shintoistische" Kultstätten, Statuen, rituelle Praktiken und klerikale Organisationsformen, die ohne das Beispiel des Buddhismus entweder ganz andere Züge angenommen hätten oder gar nicht existieren würden.